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Inselleben

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Hast du schon einmal einen Gedanken gedacht oder hat dich eine Idee überkommen, die so gewaltig war, dass du sie unbedingt aussprechen, sie mit der Welt teilen musstest, weil du das Gefühl hattest, andernfalls daran zu ersticken? 

Ich für meinen Teil, habe diese Empfindung nie verspürt. Zu meinem Bedauern, musste ich über die vielen Jahre hinweg, die ich nun schon über unsere schöne Erde wandere, jedoch immer wieder feststellen, dass ich mit dieser Einstellung zu einer kleinen Schar Auserwählter zähle, während meine Umwelt sich immerzu darum gerissen hat, den Mund offen stehen zu lassen, um den nicht versiegenden Quell sinnloser Phrasen ja keinen Riegel vorzusetzen.

Es ist eine mühselige Gesellschaft, in der wir leben. Jeder tut zu jeder Zeit, überall auf der Welt, seine Meinung, sein Leid oder irgendwelche x-beliebige andere Grütze kund, die ihm just durch den Geist geschossen ist. Das erste Mittel der Wahl stellt dieser Tage der kleine Computer dar, den so ziemlich jeder mit sich trägt, aber selbst, wenn es diesen nicht gäbe, würde es sie nicht behindern, ihre verbalen Ausscheidungen würden nur weniger Ohren erreichen.

Den Beweis dafür stellt die Vergangenheit dar, in der es derartige Technologien noch nicht allerorts gegeben hat und die Menschen es dennoch nicht unterlassen konnten, sich pausenlos das Maul zu zerreißen.

Ein „Hi, wie geht’s?“ hier, ein „versteh‘ ich voll“ da und zum Abschluss ein gepflegtes: „Ich wünsch‘ dir was.“ Ständig versuchen wir die Stille zwischen uns mit Worten zu füllen, weil wir uns selbst und unsere Gedanken, mit denen wir dann allein wären, nicht ertragen könnten. Nur dass diesen Worten meist jeder Inhalt fehlt. Sie verlieren sich in Bedeutungslosigkeit, besitzen keinen nennenswerten Mehrwert, dienen einzig dazu, dass wir uns besser fühlen und richten schlimmstenfalls ernsthaften Schaden an, den zu bewerten, im ersten Moment schwer fällt, da die Wirkung sich erst deutlich später zeigt.

Als meine Frau, mit der ich knapp fünfundzwanzig Jahre meines Lebens verbracht habe, sich eines Tages aus heiterem Himmel das Leben nahm, begriff ich diese Weisheit noch nicht. Erst Wochen danach, nachdem ich meine Trauer halbwegs bewältigt und mich nicht mehr ungebrochenen Beileidsbekunden ausgesetzt habe – „es tut mir ja so leid für dich“, „sie ist jetzt an einem besseren Ort“, „ich bin immer für dich da, wenn du was brauchst“ –, verstand ich es endlich.

Sie hat nicht Suizid begangen, weil sie sich schlecht gefühlt hat, sie hat sich selbst dem Leben entzogen, weil sie gar nichts mehr gefühlt hat. Fünfundzwanzig Jahre lang, haben wir uns immer wieder versichert, wie sehr wir uns doch lieben, doch haben wir dies auch gezeigt? Haben wir es durch Taten, statt nur durch Worte bewiesen? Nein. Unser Zusammenleben war zu einem einzigen, monotonen Grau verkommen. Wir sagten uns morgens, bevor wir zur Arbeit gingen, „hab‘ einen schönen Tag“ oder „arbeite nicht so viel!“ und abends dann „schlaf gut“ und „träum was Schönes“. Und dazwischen? Nicht viel gehaltvolleres.

Fünfundzwanzig Jahre, verschwendet. Denn ich kann nicht behaupten, in anderen Beziehungen wesentlich sinnigere oder tiefgründigere Gespräche geführt zu haben, die mich und meine Zuhörer weitergebracht hätten, sei es nun in emotionaler oder intellektueller Hinsicht.

Aus diesem Grund habe ich, nachdem mich diese Erkenntnis wie der Schlag getroffen hat, beschlossen meinen Mund geschlossen zu halten und nur dann zu öffnen, wenn er etwas wirklich Wichtiges zu verlautbaren hat. Etwas mit Gewicht.

Vermutlich brauche ich nicht extra zu erwähnen, dass mir dieser Entschluss, an den ich mich eisern hielt und immer noch halte, das Leben nicht gerade vereinfacht hat. Das genaue Gegenteil war der Fall. Ich stieß auf Unverständnis, jede Menge davon. Man redete auf mich ein, ließ die Worte auf mich einprasseln, versuchte sie mir mit Gewalt in den Schädel zu hämmern, damit ich mich den Lämmern wieder anschloss, die unentwegt blökten. „Was ist los mit dir?“ „Du bist in letzter Zeit so komisch.“ Und hinter seinem Rücken. „Vermutlich wegen seiner Frau. Die hat sich umgebracht, musst du wissen…“

Das ging so weit, dass ich es irgendwann nicht mehr ertrug. Von einem Tag auf den anderen, brach ich schweigend meine Zelte ab, löste alles auf, meinen Job, meinen Mietvertrag, einfach alles. Ich nahm nur das Nötigste und begab mich auf eine Reise. Wohin? Das wusste ich nicht. Spielte auch keine Rolle. Hauptsache weg, Hauptsache irgendwo hin, wo der Phrasen genüge getan wurde.

Diesen heilsamen Ort zu finden, stellte sich als schwieriger heraus, als ich anfangs gedacht habe. Einmal darauf aufmerksam geworden, sah ich sie überall, die offenstehenden Löcher in den Gesichtern eines jeden Menschen, aus denen ununterbrochen das immer gleiche Blabla strömte. Ganz gleich welche Sprache, ganz gleich welche Kultur, sie teilten alle dasselbe redselige Schicksal.

Was für ein Segen es für mich dargestellt hat, als ich nach langer Suche endlich fündig geworden bin. Eine hilfsbereite Seele hat mir den Weg gewiesen, mit einer auf das Nötigste runtergedampfte Erklärung. Selbst heute noch kann ich nicht beschreiben, wir dankbar ich dem alten Mann bin, der mich mit einem einzigen Blick in mein Antlitz verstanden hat, aber das muss ich auch gar nicht, denn es wären ja doch nur unnötige Aneinanderreihungen von Buchstaben.

Ähnlich wie diese Zeilen, die ich mit ruhiger Hand verfasse, doch haben diese für mich wenigstens eine Bedeutung und ich kann nur hoffen, dass sie weiter tragen, dass sie jemanden erreichen, dem sie eine Hilfe sein mögen, der genug bei Verstand ist, die Botschaft zu verstehen, die ich zu übermitteln versuche.

Erst einmal aber will ich meine Geschichte zu Ende führen, oder vielmehr zu dem Punkt, an dem ich mich soeben befinde.

Meine Reise hat schließlich geendet, als ich eine kleine, beschauliche Insel erreicht habe. Die Isla de Sosiego – Insel der Stille und des Friedens. Allein der Name klang vielversprechend, auch wenn ich darauf nicht viel geben wollte. Bei meiner Ankunft belief sich die Einwohnerzahl auf gut hundert Personen. Ein weiterer Pluspunkt, obgleich eine kleine Gemeinde freilich genauso viel Müll absondern kann, wie eine Großstadt.

Zur Geschichte der Insel habe ich nur bedingt viele Informationen finden können, die zu allem Überfluss, je nach Quelle, auch noch stark voneinander abwichen. In einigen Aspekten sind die Historiker sich jedoch weitgehend einig.

Erstmalig besiedelt wurde das kleine Stück Land inmitten der blauen See von einem jungen wohlhabenden Lord, der die Abgeschiedenheit nutzen wollte, um seinem ruhigen, distanzierten Lebensstil zu frönen. Interessanterweise war die Insel erst einige Jahrzehnte nach der Einkehr seiner Lordschaft, zu ihrem passenden Namen gelangt. Von besagtem Adligen – ich kann mich bei bestem Willen nicht entsinnen, wie er hieß –, sind zu jenem Zeitpunkt keine Aufzeichnungen über noch lebende Verwandte zu finden, was seiner Entscheidung sich abzusetzen, zugutekam. Dennoch begleitete ihn ein ganzer Stab Gefolge, Bedienstete und Sklaven.

Sie errichteten eine kleine Siedlung, bauten ein Anwesen und schlossen Handelsverträge, um die Versorgung zu sichern, betrieben gleichwohl aber auch im Rahmen der Möglichkeiten, selbst Anbau. So zogen die Jahre ins Land, ohne das wesentlich nennenswertes geschah, bis der junge Lord schließlich plötzlich verstarb.

Und hier gehen die Meinungen über den Verlauf auseinander.

Die einen meinen aus den spärlichen Unterlagen – die wenigsten Bewohner der Insel hatten je schreiben und lesen gelernt und die Aufzeichnungen derer, die es konnten, sind über die Jahrhunderte stark in Mitleidenschaft gezogen worden – herauszulesen, dass er an einer schweren Krankheit verstorben wäre, wobei „schwer“ hier relativ ist, da ihn zur damaligen Zeit vermutlich schon eine einfache Grippe schnell hätte umbringen können. Allerdings muss ich gesehen, hierüber nicht sonderlich viel Ahnung zu haben, weswegen das als Mutmaßung gewertet werden muss.

Mutmaßung ist gleichwohl das Stichwort, für die andere weit vertretene Idee, über das, was sich damals zugetragen hat. Nämlich, dass seine Lordschaft hinterrücks ermordet und dieser Mord vertuscht worden ist.

Denkbar ist es. Abgeschieden vom Rest der Welt, an einem Ort, an dem es sich in Frieden und Ruhe leben lässt, besonders wenn der Herr der Insel nicht länger regiert, sondern sein Gefolge das Heft in die Hand nimmt. Wer weiß, vielleicht war der junge Mann ja gar nicht so verschlossen und in sich gekehrt, sondern hat die Trennung von der allgemeinen Gesellschaft nur gesucht, um etwaigen perversen Fantasien nachzugehen. Genauso denkbar ist es natürlich, dass allein Gier die Menschen angetrieben hat, dass heißt, sofern diese Version der Geschichte überhaupt zutrifft.

Es wird also hierbei davon ausgegangen, dass Gefolge und Dienerschaft, die Insel fortan allein bewohnten, wobei sie das Versterben des Lords vertuschten und seine Abwesenheit, wenn doch einmal jemand vorbeikam – was zumeist ohnehin nur Handelsschiffe gewesen sein dürften – darauf schoben, dass er zurückgezogen lebe und keine Störungen wünsche. Die Handelsverträge blieben einfach bestehen und die Übriggeblieben machten sich ein schönes Leben.

Nun ja, bis zum Aufstand der Sklaven jedenfalls, ein Punkt, in dem man sich wieder einig ist, dass er stattgefunden hat. Beim Eintreffen eines der regelmäßig anlegenden Schiffe soll es geschehen sein, dass der Großteil der Bewohner umgebracht, dass Schiff gekapert und sie davongesegelt sind. Die Überlebenden des Massakers blieben trotz aller Umstände auf der Insel und stellen heute einige der Vorfahren derer dar, die noch immer auf der Isla de Sosiego leben… oder lebten.

So viel zur Geschichte, von der die Hälfte vermutlich ausgemachter Unsinn ist und die andere Seite der Medaille nur ansatzweise übereinstimmt. Genug Überzeugungskraft hat sie jedenfalls, denn was ich damals so hörte, waren die hiesigen Bewohner der Insel, ein wenig abergläubisch. Es kursierten gewisse Gerüchte, von denen ich mich wenig später selbst überzeugen konnte.

Man sagt sich, dass auf dem Anwesen des Lords, welches im Zentrum der Insel, auf einer Anhöhe stehend, immer noch zu sehen ist, spuken soll. Wobei dazugesagt werden sollte, dass von „Anwesen“ hierbei eigentlich nicht mehr die Rede sein kann, da außer dem Fundament und einigen Grundmauern, nicht mehr viel davon übrig ist. Dies ändert jedoch nichts daran, dass die meisten Einwohner einen Bogen um diesen Teil der Insel machen und diejenigen, die sich doch dahin gewagt haben, felsenfest beschwören, Erscheinungen gesehen zu haben. Der Geist seiner Lordschaft selbst, aber auch die ätherischen Überreste, der abgeschlachteten Diener und einige Sklaven.

Ich für meinen Teil glaubte nie an solchen Humbug, weswegen ich mich davon nicht abhalten ließ und mich trotzdem auf den Weg machte. Wie hätte ich auch ahnen können, dass diese Entscheidung mein Leben für immer verändern sollte? Wie hätte ich wissen können, dass ich sie Jahre später, aus den Tiefen meines Herzens, bereuen würde?

Aber eins nach dem anderen.

Bei einer eingeschworenen Gemeinschaft, wie sie auf der Isla de Sosiego existierte, fürchtete ich schon lange vor meiner Ankunft auf allen nur erdenklichen Widerstand zu trotzen. Menschen, die dort schon seit Generationen unter sich lebten, würden doch nie einen Fremden in ihre Reihen lassen, oder? Ich hätte ja nicht ahnen können, wie falsch ich mit dieser Annahme lag.

Man empfing mich nicht gerade mit offenen Armen, aber die Bewohner der Insel zeigten sich mir gegenüber weit aufgeschlossener, als ich gedacht habe. Sie fragten mich ganz offen und direkt, nach dem Grund für meine Reise, was mich zu ihnen getrieben hätte. Es war schon ein wenig unheimlich, einer ganzen Handvoll von ihnen gleich am Pier zu begegnen, ganz so, als ob sie mich erwartet hätten – später erfuhr ich, dass genau dies der Fall gewesen war.

Ich beantwortete ehrlich alle ihre Fragen, die sie knapp und präzise stellten. Es fühlte sich fast wie ein Einstellungstest an, was es um Grunde auch war. Sie schienen jedenfalls zufrieden mit dem, was sie hörten und luden mich direkt zu einem gemeinschaftlichen Essen ein, welches noch am selben Abend im Haupthaus veranstaltet wurde. Zwar überrumpelten sie mich damit ziemlich, dennoch stimmte ich zu und willigte damit, ohne es zu wissen, in mein Schicksal ein.

Das Essen verlief… selbst aus heutiger Sicht, kann ich es nur als seltsam beschreiben, weil es so gänzlich von dem abwich, was ich bis dato kannte. Ich erwartete feierliche Laune, gemeinschaftliches Geschwätz, Gelächter und Gerede bei Speis und Trank, doch Fehlanzeige. Alles ging bedächtig und unter Aufwendung nur der nötigsten Worte vonstatten.

Es gab kein Gedränge, trotz der Tatsache, dass sich in dem verhältnismäßig kleinen Raum, die Einwohnerschaft der ganzen Insel versammelt hatte. Jeder nahm seinen Platz ein, ging in Bahnen, die wie programmiert schienen, da sich nie zwei Leute gegenseitig in die Quere kam, was unnötigen Entschuldigungen entgegenwirkte. Das Essen wurde so verteilt, dass alle bequem herankamen, ohne dass andere bei ihrem eigenen Mahl gestört werden mussten, um etwas weiterzureichen.

Die einzigen Gespräche, die in normaler Lautstärke geführt wurden, so dass alle die Chance bekamen ihnen zu lauschen, lag immer eine gewisse Bedeutung zugrunde. Keine Floskeln oder alltäglichen Phrasen, wie „hab‘ heute wieder ein paar gute Fänge gemacht“ – viele der Inselbewohner verdingten sich als Fischer –, verließen die Münder und wenn, dann fanden die Wortwechsel nacheinander, nie gleichzeitig statt. Man ließ sich ausreden, quatschte dem anderen nicht rein und wenn einmal nicht gesprochen wurde, schien niemanden das Bedürfnis zu überkommen, die Stille unbedingt durchbrechen zu müssen.

Mir war, als wäre ich im Paradies gelandet. Ich konnte mich selbst denken hören, doch war dies in jenem Augenblick gar nicht nötig, da mein Geist erstmalig seit… nun, seit Beginn meines Lebens, würde ich schätzen, voll und ganz zur Ruhe kam. Ich wollte keine spezifischen Gedanken mein Hirn durchstreifen lassen, sondern einfach nur den allumfassenden Frieden genießen. Es wurde mir gewährt. Ich fühlte mich, als wäre ich endlich angekommen. Auch wenn die Bezeichnung sich mir erst später in den Sinn schlich, benannte ich diesen Ort doch schon jetzt als dies: zu Hause.

Nach dem Essen fragte man mich, ob ich vorhätte zu bleiben. Mehr nicht. Nicht wie lange, sondern nur, ob ich bleiben wolle. Ich sagte ja und unterschrieb damit meinen Mietvertrag auf Lebenszeit.

Ich wurde zu einer kleinen Hütte geleitet, die mit allem ausgestattet worden war, was ein Mensch zum Leben benötigt. Als mir gesagt wurde, dass dies fortan mein Heim sein würde, drängten sich mir Fragen auf. Wie viel kostete es? Wer hat diese Hütte gebaut und warum? Gehörte sie vormals jemand anderem, oder war sie extra für Fremde errichtet worden? Und noch viele weitere.

Ich stellte keine einzige davon. Zum einen, weil ich dazu gar nicht die Chance bekam, da mein Begleiter sich gleich nachdem er mir das mitgeteilt hatte, davonmachte – einen Schlüssel drückte er mir nicht in die Hand, da die Häuser nicht abgeschlossen wurden – und zum anderen, weil… nun, weil es nicht nötig war. Mit seiner Aussage hatte er mir alles mitgeteilt, was ich wissen musste. Hier lebte ich nun, Punkt. Was gab es da noch zu erfragen? Wenn weitere Informationen nötig gewesen wären, hätte er sie mir schon mitgeteilt.

Die Wochen danach… Es war eine seltsame, erfahrungsreiche, wunderschöne und zugleich erschreckende Zeit. Eine Zeit, deren einzelne Episoden in Form von getrennten Maßeinheiten – Minuten, Stunden, Tage – ineinander- und vor allem verschwammen. Ich konnte im Nachhinein nicht sagen, was an jenem spezifischen Tag oder zu jener Stunde geschehen war, weil alles eins wurde, sich alles in Ruhe verlor.

Ich arbeitete nicht, anfangs zumindest. Stattdessen verbrachte ich viele Stunden damit, in mich gekehrt, die Insel Stück, um Stück zu erkunden. Es wurde mir gewährt. Niemand hinderte mich daran oder erklärte mir, welche Pflichten ich fortan zu erledigen hätte.

Obgleich ich jeden Meter des kleinen Landes ablief, sah ich davon zu jener Zeit nur wenig, da ich zumeist in meiner Gedankenwelt versank und nur selten auftauchte. Dabei dachte ich keine klaren Gedanken, sondern ließ nur Eindrücke auf mich wirken, die wie eine endlose Bilderabfolge an mir vorbeizogen. Nicht selten war da auch einfach nur Schwärze, Nichts, Stille.

Hin und wieder, wenn ich doch einmal auftauchte, drängte sich etwas meine Kehle empor. Etwas lang Vergessenes. Ein Wort oder auch nur ein Laut. Ich unterband ihn meist, eigentlich immer, solange bis ich eines Tages an dem Haupthaus vorbeikam – ich konnte mich selbst nicht erinnern, wie ich dorthin gelangt war –, plötzlich zusammenbrach und losschrie. Ich schrie und schrie und brüllte und tobte, grub meine Hände in die Erde, während unergründliche Tränen meine Wangen hinabliefen. Es fühlte sich gut an. Erleichternd. Und ich hasste mich dafür. Ich hasste mich dafür, die friedliche Stille mit meinem Getöse zu stören.

Ein alter Mann, den ich mittlerweile als eine Art Dorfältesten identifiziert hatte, kam aus dem Haus, hockte sich im Schneidersitz neben mich und wartete, bis mein Anfall ein Ende fand. Unterbewusst registrierte ich, wie andere Bewohner an mir vorbeiliefen. Ungeachtet meiner Person und meines Gebarens, zogen sie einfach an mir vorbei, als wäre ich gar nicht da, als wäre ich nur Luft, statt ein Störfaktor, der ihre Insel, ihre Heimat, mit seinem Krakele zerstörte.

Ich wollte auch sie anschrien, wollte sie für ihre beständige Ruhe, für ihren ungerührten Gesichtsausdruck verfluchen, tat es aber nicht, da ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt war. Dann weinte ich noch mehr, weil ich mich wie einer von Milliarden Egoisten verhielt, die jeden Winkel dieses Planeten, bis auf diesen kleinen Fleck, der sich Isla de Sosiego nannte, besiedelten.

Nachdem ich mich beruhigt hatte, starrte ich minutenlang in die Leere. Dachte nicht, fühlte nicht. Nur eine winzige Regung zupfte an meiner Seele: Angst. Angst davor, dass ich mein Glück nun verspielt hatte, dass man mich beten würde zu gehen, da ich nicht länger Teil dieser Gemeinschaft sein könne.

Nichts dergleichen geschah. Der Alte erklärte mir, als er merkte, dass ich zur Aufnahme seiner Weisheit fähig war, dass es in Ordnung sei, er einen Ausbruch, wie ich ihn soeben durchlebt habe, schon unzählige Male beobachtet hat. Einem jeden ging es früher oder später so, der nicht daran gewöhnt war. Man könne sich noch so sehr beschwören, die Ruhe zu lieben, jahrelang eingeprügelte Gewohnheiten des Ja und Amens, des Bitte und Danke, des Hi wie geht’s und Man sieht sich, ließen sich nicht einfach so ausradieren und das war ok. Wenn ich mal das Bedürfnis verspürte etwas zu sagen und sei es noch so banal, sollte ich es tun. Niemand verlangte von mir, unentwegt den Mund zu halten. Das Einzige, worum ich gebeten würde, wäre, sich meiner Worte, die er verlaute, bewusst zu sein und sowohl das Gesagte als auch das Geschwiegene, meiner Mitmenschen zu respektieren.

Ich nahm diesen Rat auf, legte in tief in meinem Herzen und meinem Bewusstsein ab und lebte fortan glücklicher und zufriedener als je zuvor. Es blieb weiterhin schwer an manchen Tagen, an denen sich mir eine Plauderei aufdrängte oder die Stille meiner Gedanken, wie ein tosender Sturm über mich hereinbrach, in meinem Kopf wütete und brüllte, dass es mich fast wahnsinnig machte, doch insgesamt, lernte ich eine wunderschöne neue Welt kennen.

Anders, ungewohnt, befremdlich, oft so, dass ich glaubte, nie ganz dazugehören zu können, doch auch herrlich und friedlich. Es herrschten keine Vorurteile, man sagte offen was man dachte oder schwieg darüber für immer. Jemand sagte mir einmal, dass er mich nicht leiden könne, er wisse nicht warum, es wäre einfach so, dass etwas an mir ihn störe. Ich akzeptierte es, fortan begegneten wir uns höflich, aber distanziert und es gab nie böses Blut zwischen uns.

Ich lernte hier keine neue, große Liebe kennen, aber auch das war in Ordnung. Ich hatte fünfundzwanzig Jahre an der Liebe meines Lebens verbracht, oder zumindest haben wir uns immer versichert, dass der jeweils andere dies wäre. Ich sehnte mich nicht danach, derartiges noch einmal anzufangen, selbst wenn es hier anders gewesen wäre. Wahrer. Meine Liebe galt einzig und allein der Insel, dem Frieden, der Stille.

Es hielt jahrelang an, dieses Glück. Außerdem machte es mich blind. Blind gegenüber den Dingen, die um mich herum geschahen. Veränderung hielt Einzug, doch ich, ich schlief, dämmerte vor mich hin, zog die Decke ein wenig höher, die die Realität mir zu entziehen versuchte und erkannte erst viel zu spät, dass wir verdammt waren. Das der Untergang allem Bekannten, immer näher und näher rückte und das mit rasender Geschwindigkeit.

Alles begann mit jenem tragische Unfall, von dem viele bis zuletzt die Meinung vertraten, dass es keiner gewesen sei. Eine Gruppe, bestehend aus dreien der jüngeren Bewohner, überschritten eine ungeschriebene Grenze: Sie näherten sich aus jugendlicher Torheit dem alten Anwesen, in dem angeblich Geister ihre Bahnen zogen.

Ich habe nie den Grund erfahren. Eine Mutprobe vielleicht? Neugierde? Langeweile? Im Grunde ist es egal, der Ausgang dieser kleinen Unternehmung blieb so oder so der gleiche.

Ich bemerkte erst was geschehen war, als das Drama sich bereits in den letzten Auszügen befand. Ein Helikopter näherte sich der Insel, was bei mir, der ich nach einem arbeitsreichen Tag – ich hatte mich schließlich den Fischern angeschlossen, auch wenn ich in meinem Beruf nur mäßiges Geschick bewies – in mein trautes Heim zurückgezogen und schweigend am Fenster sitzend, von wo aus ich die ruhige See beobachtete, die Alarmglocken schrillen lassen.

In all den Jahren, die ich auf der Insel verbracht habe, hatten sich so manche Schiffe eingefunden. Zumeist solche, die Waren lieferten oder ein paar verirrte Touristen mitbrachten, welche meistens nicht lange blieben, da ihnen der Ort unheimlich erschien. Nie jedoch hat sich jemals ein Helikopter mit seinen lärmenden Rotoren hierher verirrt, was nur bedeuten konnte, dass etwas schreckliches passiert sein musste.

Wenige Minuten später sollte ich schon erfahren, was sich zugetragen hat. Die Gruppe der jungen Leute, hatte in den verfallen Ruinen gespielt oder sonst was getrieben und dabei war es geschehen: Eine der Mauern, die noch standen, hatte nachgegeben und zwei von ihnen unter sich begraben. Einer der drei, ein junger Mann, war sofort tot gewesen. Das Mädchen, dass ebenfalls unter den Trümmern geborgen wurde, befand sich bereits mit schweren Verletzungen auf dem Weg ins weit entfernte Festland und eines der vielen Krankhäuser dort. Die Chancen dass sie überlebte, standen vermutlich schlecht.

Der dritte im Bunde, hatte indes keine Wunden davongetragen, da er weit genug weggestanden hat. Sein und womöglich auch das Glück des Mädchens, denn er hatte schnell genug reagiert, war so schnell es seine Beine zuließen gerannt und hatte den nächstbesten Inselbewohner informiert. Ein Trupp war losgeschickt worden, die begrabenen Kinder zu bergen, ein weiterer Hilfe zu organisieren.

In den Stunden und Tagen danach herrschte Stille vor, doch war es nicht länger eine gute Stille. Drückend und schwer lag sie über der Isla de Sosiego, die dieser Zeit nicht mehr für Frieden, sondern für schreckliche Ereignisse stand. Die Eltern des Jungen verloren sich in ihrer Trauer, die Eltern des Mädchens nahmen das nächste Schiff, um bei ihrer Tochter zu sein.

Drei Tage später erreichte die Insel die Nachricht, dass sie es nach einem langen, verzweifelten Kampf nicht geschafft hätte, was den Schatten noch länger werden ließ.

Wochen zogen ins Land, doch Besserung kam keine in Sicht. Die Eltern der im Krankenhaus Verstorbenen, kamen nicht wieder. Ihre Großeltern – nur zwei ältere Damen, ihre Ehepartner hatten schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet – zogen ebenfalls von dannen, um bei ihrer Familie zu sein. Die Eltern des Jungen blieben, erholten sich jedoch nicht von seinem Tod. Monate später, sollte festgestellt werden, dass sie verschwunden waren. Es würde allgemeinhin angenommen werden, sie hätten sich einfach heimlich davongemacht.

Was viele dachten, aber niemand aussprach, war die fixe Idee, dass sie sich nicht einfach nur davongemacht hätten. Nicht im üblichen Sinn zumindest. Vielmehr schien es, wenn bedacht wurde, dass sie sich ein knappes dreiviertel Jahr später noch immer nicht von der Finsternis ihrer Herzen hatten befreien können, wahrscheinlich, dass sie ihrem geliebten Jungen in das Leben danach gefolgt waren.

Da ihre Leichen nie gefunden wurden, sprach jedoch keiner auch nur über die Möglichkeit. Wozu auch? Sie waren nicht mehr da, was gab es da noch zu sagen? Keine Worte, ganz gleich ob sie noch lebten oder nicht, würden sie mal eben zurückbringen und vermutlich wollten sie das auch gar nicht, sonst wären sie schließlich nicht – auf die eine oder andere Art – gegangen.

Aus diesem Grund behielt auch ich stillschweigen darüber, als ich erfuhr, was tatsächlich passiert war.

Es war einer jener Tage gewesen, an denen ich einen ausgiebigen Spaziergang machte. Sie wurden zu dieser Zeit zusehends weniger, da meine alten Knochen sie langsam nicht mehr mitmachten, doch an jenem Morgen, habe ich gespürt, dass mein verbrauchter Körper es mir zugestehen würde- Und da meine Heimat seit jenem Unfall, im festen Griff der Lethargie gehalten wurde, nahm die Gelegenheit gerne an, mich ein wenig von der Gesellschaft der anderen zu entfernen, die zusehends weniger wurden.

Ganz recht, die Insel erlebte einen drastischen Abstieg seiner Einwohnerzahl. Das lag zum einen daran, dass ein nicht zu verachtender Teil der älteren Bevölkerung langsam dahinsiechte – selbst den Dorfältesten hatte es mittlerweile erwischt –, sondern auch daran, dass das Jungvolk sich mehr und mehr zu einem Leben auf dem Festland entschloss.

Seitdem ihr zu Hause ein Stück seines Friedens eingebüßt hatte, welcher partout nicht wieder einkehren wollte, kehrten immer mehr Leute ihr den Rücken zu. Die Jüngeren verstanden schlicht nicht mehr, was ihre Eltern und Großeltern dazu bewogen hatte herzukommen oder zu bleiben, weil sie das Gegenteil nicht kannten, weil es sie nicht nach Ruhe, sondern nach Aufregung und Spannung sehnte, welche sie andernorts, so versprachen sie es sich zumindest, reichlich finden würden.

Auch wenn es mich betrübte, wünschte ich ihnen alles Glück der Welt und hoffte, dass sie fanden, wonach sie suchten oder andernfalls, zu ihren Wurzeln zurückkehrten. Dass sie das nicht würden, weil viel mehr dahintersteckte als nur die Flucht vor der Langeweile, sollte ich erst später begreifen. Später, wenn die Chance das Grauen, welches uns bevorstand, zu verhindern, bereits vertan war.

Jedenfalls befand ich mich auf einem Spaziergang und wie es der Wink des Schicksals so wollte, sollte ich gedankenverloren, wie ich einmal mehr durch die Gegend zog, erst bemerken wohin meine Füße mich trugen, als ich bereits davorstand.

Mit stockendem Herzen betrachteten meine vor Schreck geweiteten Augen die Ruinen. Minutenlang blieb ich so stehen, suchte die Umgebung nach dem drohenden Unheil ab, während ich die ganze Zeit damit rechnete vom Schlag getroffen zu werden und einfach tot umzukippen. Als nichts geschah und mein erschrockener Verstand endlich wieder zu sich kam, konnte ich über mich selbst nur den Kopf schütteln. Was war nur aus meiner Überzeugung geworden, dass es so etwas wie Geister und Erscheinungen nicht gab?

Um mich selbst davon zu überzeugen und meinen neu entfachten Mut zu unterstreichen, unternahm ich die größtmögliche Dummheit. Statt einfach umzukehren und nach Hause zu gehen, lief ich weiter auf das alte Anwesen zu. Und nicht nur das, ich durchschritt sogar eine der eingestürzten Mauern – die Eingangstür stellte sich, dank davor liegenden Trümmern als unpassierbar heraus – und trat hinein, in das Geisterhaus, dessen Inneres sonnendurchflutet vor mir lag, da es schon lange keine Decke mehr gab, die zusammen mit tragenden Wänden, der Witterung standhielt.

Der Anblick enttäuschte mich ein wenig. Bis auf modriges Holz und Trümmerteile, gab es hier wahrlich nicht viel zu entdecken. Einmal geweckt, gab ich meinem Entdeckerdrang dennoch nach und lief, die Erinnerung an das schreckliche Ereignis, dass hier stattgefunden hat zum Trotz, weiter hinein.

Ich brauchte nicht lange, um sie zu finden, die vermoderten Überreste zweier Menschen, die auf einer umgestürzten Mauer Arm in Arm lagen. Sie zu sehen, drehte mir den Magen um, doch ich beherrschte mich, mich nicht direkt neben ihnen zu übergeben. Nach einer Weile beruhigte ich mich und schaffte es, mit einiger Überwindung, mich den beiden noch ein wenig zu nähern.

Im Nachhinein kann ich nicht sagen, wonach ich eigentlich gesucht habe. Eine Todesursache vielleicht? Wollte ich sichergehen, dass sie sich selbst das Leben genommen haben, damit ich später nicht glauben musste, übernatürliche Kräfte hätten ihre Hände im Spiel gehabt? Vielleicht. Jedenfalls stellte es sich als Fehler heraus.

Ich war keine zwei Schritte weiter gekommen, als die Trümmer unter mir auf einmal nachgaben und mein rechtes Bein stark absackte. Schmerzen zogen mir bis in den Schenkel hoch, obgleich ich nur bis zur Wade einsank. Natürlich versuchte ich sofort mich zu befreien, was durch meine Panik nicht gleich gelang. Schlimmer noch, durch meine Gerüttel und Ziehen verkeilten sich die Überreste des Anwesens nur noch mehr und der Schmerz wurde immer größer. Ich fürchtete schon, mir etwas gebrochen zu haben, doch befand ich diese Frage als nebensächlich, denn wenn ich nicht freikam, hätte ich schon bald viel größere Probleme.

Niemand kam jemals hierher, wegen der Gerüchte um Geister und dem verfluchten Land. Seit dem Unfall galt dieses Verhalten noch mehr als früher, was bedeutete, dass mich so bald niemand finden würde. Ein Mobiltelefon besaß ich nicht, konnte also auch keine Hilfe rufen und mir die Seele aus dem Leib schreien, würde dank der dichten Vegetation in der Mitte der Insel nur meine Stimmbänder überreizen, mir aber keine Lebensrettung zusichern.

Mit anderen Worten: Wenn ich nicht aus eigener Kraft aus meinem Gefängnis herauskam, würde ich verhungern oder verdursten, ehe jemand mich entdeckte und wenn es dann soweit war, würde man statt zwei, drei Gerippe vorfinden. Vermutlich würde man mich nicht einmal vermissen, nicht im klassischen Sinn zumindest, immerhin verschwanden nun mal hin und wieder Leute spurlos. Sie verließen die Insel, suchten ihr Glück andernorts.

Ich hatte Jahre meines Lebens hier verbracht, dem Anschein nach zufrieden, im Reinen mit mir selbst und meiner Umwelt, aber wer wusste schon, was in mir vorging. Ich redete ja nicht darüber und wieso auch? Ich war hergekommen, um zu schweigen, nicht um andere mit meinem Leid zu belasten.

Nun, da ich in der Lage bin diese Zeilen hier zu verfassen, habe ich offensichtlich überlebt, weswegen ich die Sache abkürzen möchte, immerhin sollen meine Ausführungen keinen spannenden Roman darstellen.

Ich zwang mich zur Ruhe, denn mit Panik und Todesangst war niemandem und vor allem mir selbst, nicht geholfen. Im Rahmen meiner Bewegungsfreiheit lag es, mich vorsichtig und bedacht zu setzen, was ich trotz der Schmerzen tat, da ich glaubte mich aus dieser Position heraus, eher selbst befreien zu können. Ich sollte goldrichtig liegen. Nun meine Hände in Reichweite habend, gelang es mir einige der Trümmer beiseite zu schieben und mein Bein unter Aufbietung einiger Kraft – und weiteren, höllischen Qualen – herauszuziehen.

Daraufhin kam der wirklich schwierige Teil. Mit mehreren Schrammen und Schnittverletzungen und mindestens einem verstauchten Knöchel, musste ich irgendwie den Weg zurück schaffen. Ich machte mir keine Illusionen, das würde eine schreckliche Tortur werden und natürlich – wie sollte es auch anders sein? – musste ich recht behalten.

Irgendwie schaffte ich es weit genug zu kommen, um doch nach Hilfe zu rufen und tatsächlich erhört zu werden. Man schleifte mich ins Behandlungshaus, in der der hiesige Arzt zumindest rudimentäre Versorgungen vornehmen konnte, behandelte die Wunden, schiente mein Bein und schickte mich wieder nach Hause. Über meinen Fund verlor ich indes kein Wort. Praktischerweise fragte niemand, wie es zu meinen Verletzungen gekommen war.

Mehrere Todes- und Unfälle in Folge. Dem Anwesen haftete definitiv eine Aura des Unglücks an. Glaubte ich deswegen, dass die Verstorbenen darin ihr Unheil trieben und mich in die Falle gelockt hatten? Nein. Es war schlicht und ergreifend Pech gewesen. Ich hätte das Haus nie betreten dürfen, dass sagte einem doch jeder gesunde Menschenverstand. Warum ich jedoch über den Tod der Eltern geschwiegen habe, konnte ich nicht sagen.

Das hieß, eigentlich konnte ich es schon: Es änderte nichts. Sie waren gestorben, auf welche Art auch immer. Mehr gab es darüber nicht zu wissen. Es auszusprechen hätte nichts an dem Umstand geändert, dass sie nicht mehr unter ihnen weilten. Außerdem hätte es den dunklen Schatten, der über ihnen allen lag, womöglich nur noch verstärkt und noch, war ich nicht bereit meine Heimat aufzugeben. Ich wollte darum kämpfen, dass sie erhalten blieb, dass sie sich zumindest ein Stück dessen bewahrte, was mich einst so sehr an ihr fasziniert hat, was mich zufrieden und glücklich gemacht hat.

Meine Bemühungen sollten umsonst sein. Vor wenigen Tagen erst, sind die letzten gegangen.

Nach meinem Unfall sind noch einige Jahre ins Land gezogen. Mittlerweile unternehme ich keine Spaziergänge mehr, generell bin ich nur noch selten unterwegs anzutreffen. Es gibt da draußen nichts mehr für mich, wofür es sich lohnen würde, sich die Mühe zu machen. Außerdem bin ich nunmehr ein alter Mann, kann kaum noch ohne Schmerzen krauchen, vor allem da mein Bein nie ganz verheilt ist und unentwegt pocht.

In diesen Jahren ist unsere kleine Gemeinde mehr und mehr geschrumpft. Ein Todesfall jagte den anderen. Zumeist waren es die Älteren, die dahingerafft wurden, doch mittlerweile griff der Tod auch unter den Jüngeren um sich, was das Feuer der Paranoia schürte, über die niemand sprach.

Sie waren verflucht, ja, so musste es sein. Zu den verstorbenen Altvorderen hatten sich zwei Bewohner der Neuzeit gesellt. Das Anwesen hatte sie sich geholt, ihre Seelen in sein Mauerwerk aufgenommen und das Land damit verseucht. Wie eine Krankheit, hat sich der Tod nach und nach über die Jahre hinweg ausgebreitet, den Frieden gelöscht und die wohlige Stille, durch grausam kalte Ruhe ersetzt. Die Insel glich nicht länger einem besinnlichen Paradies, sondern einem Friedhof.

Das sich jedermann so verhielt, als könnte er der nächste sein, war der Sache nicht dienlich. Wer nicht unter „mysteriösen“ Umständen starb, der verließ die Insel irgendwann. Ich vertrete immer noch die Meinung, dass der Mensch nun mal nicht zum ewigen Leben beschaffen ist und dass gerade die Alten, die starben, keine Abweichung von der Norm darstellten. Was die Jüngeren anbelangt, nun, Todesfälle kann es in jedem Alter geben und die überall vorherrschende drückende, belastende Stimmung, ist einem blühenden Leben freilich nicht förderlich.

Was es auch sei, natürliche Gegebenheiten oder rachsüchtige Geister, die die Isla de Sosiego veröden ließen, es kam, dass auch die letzten Bewohner die Insel verließen – lebend, per Schiff, wie ich anmerken möchte. Und strenggenommen waren es auch nicht die letzten gewesen, ich lebe schließlich auch noch hier, wobei die Betonung auf noch liegt.

Eine Zeit lang habe ich mich um meine Versorgung gesorgt, denn, wer würde sich schon die Mühe machen, für einen einzelnen Menschen soweit rauszufahren, um ihm etwaige Güter mitzubringen? Zwar hat einer der Schiffer, die regelmäßig hier andocken, mir versichert, dies auch weiterhin zu tun, aber es fällt mir schwer ihm Glauben zu schenken, immerhin könnte auch ich eines Tages einfach „verschwunden“ sein.

Mittlerweile brauche ich nicht mehr an meinem Glauben zweifeln, denn ich bin mir absolut sicher, dass er nicht mehr hier ankommen wird. Nie mehr. Aber das gilt nicht nur für ihn. Niemand wird jemals wieder sein Schiff oder Boot in Richtung dieser Insel führen und ich hier einsam und allein sterben.

Es ist erst wenigen Stunden her. Ich habe, wie sooft dieser Tage, am Fenster gesessen, nach draußen geblickt und doch nichts gesehen. Habe meinen Geist auf die Reise geschickt, ohne zu denken. Wie lange ist es jetzt her, dass das letzte Mal ein Wort meine Lippen verlassen hat? Ich weiß es nicht. Lange. Sehr lange. Es macht mich nicht länger glücklich. Dieses Gefühl liegt weit zurück, klingt nur noch wie ein Echo nach, das zu hören mir immer schwerer fällt.

Nicht, dass dieser Zustand noch lange anhalten muss. Bald ist alles vorbei.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja… Ich habe jedenfalls die Welt da draußen beobachtet, wie sie ruhig dahinzieht. Von meiner Insel aus – auch wenn sie als Heimat mittlerweile kläglich versagt hat, betrachte ich sie nunmehr, da ich der letzte Einwohner bin, als die meine – scheint es, dass sie still da liegt. Friedlich.

Ich weiß, dass dem nicht so ist, dass sie aus der Ferne nur den trügerischen Eindruck erweckt. Allerdings mangelt es mir auch an klaren Informationen. Es ist verdammt lange her, dass ich das letzte Mal Weltnachrichten gehört oder gelesen habe. Es hat mich schlichtweg nicht interessiert, was die Menschheit außerhalb meines Refugiums in die Sphären hinausschreit, worum sie kämpft oder mit welchen Argumenten sie ihre Taten rechtfertigt.

Vielleicht hätte ich mehr Interesse zeigen sollen, dann wäre ich auf das, was da kam, vorbereitet gewesen. Andererseits, kann wohl niemand von sich behaupten jemals auf so etwas wirklich gefasst zu sein.

Aber langsam sollte ich zum Punkt kommen, nicht wahr?

Also, mein steter Bick in die ferne Weite wurde jedenfalls plötzlich gestört, als ein greller Blitz am Horizont aufgeleuchtet hat. Er reichte weit und ich hatte das Gefühl, auch wenn es auf die Entfernung natürlich unmöglich ist, ein Beben durch die Erde gehen zu spüren. Unser Planet wurde erschüttert, so viel steht fest, aber nicht auf diese Art, nicht dass es mich erreicht hätte, zumindest.

Dem Blitz folgte ein zweiter, mehrere Kilometer von dem ersten entfernt. Ebenso ein dritter. Ab dem vierten habe ich aufgehört zu zählen, habe den Blick abgewendet, mich schleichend zu meinem Bett begeben, hingelegt und auf das nahende Ende gewartet.

Wie ich bereits sagte, sind mehrere Stunden vergangen und da ich noch lebe, muss ich wohl davon ausgehen, dass man meiner kleinen Insel nicht genug Bedeutung beimisst, um sie auszulöschen. Wie gnädig.

Ich sitze nun wieder an meinem Fenster und empfinde eine seltsame, innere Ruhe, während ich hinaus auf das Festland starre. Oder das, was davon übrig ist. Es ist schon komisch, von hier aus sieht es immer noch aus wie zuvor, doch mein Verstand malt andere Bilder hinein. Bilder von Tod und Vernichtung. Von einem brennenden Land, über dem vor Kurzem noch mehrere, bedrohliche Pilze aus Asche und Verderben hingen.

Wie viele Städte es wohl erwischt hat? Wie viele Länder betroffen sind? Wie viele Menschen haben ihr Leben lassen müssen und wie viele werden noch folgen? Durch weitere Bomben oder durch die Nachwirkungen eben dieser? Eingestürzte Gebäude, Brände, Lebensmittelknappheit, Seuchen und nicht zu vergessen der lauernde, unsichtbare, strahlende Tod.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich schreien. Möchte meinen Gefühlen freien Lauf lassen, wüten und toben und hassen und verfluchen. Und weinen. Ich möchte hemmungslos über so viel Dummheit, über eine solche Idiotie weinen.

Ich tue nichts Dergleichen. Meine Lippen bleiben stumm, meine Augen trocken.

Wem wäre damit geholfen, wenn ich mich jetzt vergesse? Niemanden, am wenigsten mir selbst. Abgesehen davon, vertrete ich die Meinung, dass der Untergang, der die Menschheit vor wenigen Stunden ereilt hat, aus genau solchen Regungen entstanden ist. Ein unbedachtes Wort hier, ein beleidigender Satz da. Nach Möglichkeit über etwaige Online-Mittel – ich kenne mich damit nicht aus – für die ganze Welt öffentlich gemacht. Jemanden damit auf den falschen Fuß getreten, eine überstürzte Reaktion provoziert und bumm.

Die Lichter sind aus, die Menschheit tritt von der Bühne ab. Macht den Weg frei für… nichts. Denn nach uns kommt nicht die Sintflut, sondern eine Erde, die Jahrhunderte brauchen wird, um sich zu regenerieren.

Über Generationen hinweg, Jahr um Jahr, hat der Mensch es nicht lassen können, zu reden und zu reden und noch mehr zu reden. Sinnloses Zeug vor sich hinplappernd, hat er sich selbst in die Auslöschung getrieben. Jetzt redet niemand mehr. Jetzt schweigen alle.

Inklusive meiner selbst. Auch wenn mich niemand hören würde, so fürchte ich doch, dass ein einziger Ton, der meiner Kehle entfleucht, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Sturm auslösen könnte, der unsere ohnehin schon aussichtslose Situation, noch schlimmer machen würde.

Es mag albern klingen, aber man stelle sich Folgendes vor: Jedes dahingesagte Wort, jede sinnbefreite Phrase, jede sich eingebürgerte Floskel ohne jede Bedeutung, ist wie ein Tropfen reinen Gifts, welches in die Erde sickert und sich dort staut, bis der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt und unser schöner Planet einfach auseinanderbricht. Ist nicht genau das, soeben passiert?

Wie viele Kriege wurden schon gefochten, weil jemand den Mund nicht hat halten können?

Wie viele simple Streitereien, die mit einer unbedachten Aussage ihren Anfang nahmen, haben unzählige Leben weltweit zerstört?

Wie viele Klagelaute, über das ach so schreckliche Leben, haben unsere Nerven geraubt?

Wie viele immergleichen, Allzweckformulierungen einen Keil zwischen uns getrieben und jede Nähe unterbunden?

Ich schreibe diese Zeilen hier in der Hoffnung, dass sie jemand eines Tages finden möge, dass es mit der Menschheit doch noch nicht vorbei ist, sie sich in die letzten noch heilen Winkel der Welt flüchten, bestrebt eine neue Zivilisation aufzubauen.

Dies Insel, war einst unter dem Namen Isla de Sosiego bekannt, die Insel der Stille und des Friedens. Ihre Bewohner hatten ein gutes, friedfertiges Leben geführt. Ihr, die ihr hierher geflüchtet seid, könnt dies auch haben. Nehmt euch ein Beispiel, lasst unsere Kultur wieder aufleben. Bedenkt eure Worte weise, respektiert diejenigen eurer Mitmenschen und schweigt, wo der Aussprache keine Notwendigkeit obliegt. Lasst euch die Vergangenheit eine Lehre sein. Lasst zu, dass Ruhe in euer Wesen einkehrt, ein fester Teil euer selbst wird und tragt diese Erfahrung an eure Nachkommen weiter.

Vielleicht ist es noch nicht zu spät, vielleicht sind wir noch zu retten.

Oder vielmehr ihr, die ihr es bis hierher geschafft habt. Denn für mich ist es dafür zu spät. Meine Einkehr hierher, in meinen trügerischen Frieden, hat mich blind gegenüber dem gemacht, was außerhalb meiner kleinen heilen Welt geschah. Hätte ich mich dem nicht verschlossen, womöglich wäre es nicht soweit gekommen. Wäre ich wieder hinausgegangen und hätte die Weisheit der Insel verbreitet, womöglich hätte ich die Katastrophe, die uns ereilt hat, verhindern können.

Vermutlich ist das nur die Spinnerei eines alten Mannes. Vermutlich hätte ich überhaupt nichts bewegt, wäre von den Mühlrädern unserer mittlerweile verbrannten Gesellschaft, untergraben worden, noch ehe ich auch nur einen Fuß auf dieses verdorbene Land gesetzt hätte.

Und dennoch, ich verfluche mich selbst dafür, es nicht versucht zu haben. Am Ende doch nur meinem Egoismus gefrönt zu haben, der schon einmal einen geliebten Menschen von mir gerissen hat.

So lernt auch aus meinen Fehlern. Wiederholt sie nicht.

Das ist alles, was ich zu sagen habe. Ich werde jetzt einen letzten Spaziergang machen. Zwar habe ich kein festes Ziel im Blick, doch ahne ich bereits wohin meine Füße mich tragen werden. Mein Bein pocht heute besonders stark, fast als würde es mich dazu antreiben wollen, zurückzukehren zu dem Ort meiner Bestimmung, der Ort, der mich einst nur widerwillig freigegeben hat.

Wer weiß, vielleicht sind es am Ende doch die Geister der Vergangenheit, die mich zu sich rufen. Ich bin zu müde, um mich noch länger dieser haarsträubenden Theorie zu erwehren. Es spielt auch keine Rolle mehr. Nichts spielt mehr eine Rolle. Nicht für mich.

Es wird Zeit, meinen Frieden zu finden. Endgültig.

Zuvor möchte ich dieses Schreiben jedoch, mit einem letzten makabren Scherz enden lassen, ein letztes Aufbegehren meinerseits, der Mittelfinger, den ich den Schwätzern präsentiere, die uns an diesen Punkt gebracht haben, in dem ich sage: „Macht‘s gut. Macht‘s besser.“

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