Creepypasta

Leerer Raum

„Boss, ich hab’s geschafft. Schauen Sie mal.“

 

Leerer Raum. Keine Fenster, keine Tür, kein Licht, kein Geräusch. Ich sitze in der Mitte des Raumes. Oder nicht in der Mitte, auf jeden Fall nicht an einer Wand. Ich sitze auf dem Boden. Ich schließe die Augen. Ich öffne die Augen wieder. Kein Unterschied. Die völlige Dunkelheit irritiert mich.

Ich sehe die sprichwörtliche Hand vor den Augen nicht. Auf meine Augen kann ich mich also nicht verlassen. Ich horche, ob in der Dunkelheit etwas ist. Ich höre nichts. Das macht mich nachdenklich. Ich sollte etwas hören. Man hört nicht einfach nichts. Ich höre nicht mal meinen eigenen Atem. Nicht das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Einfach nichts. So als hätte man meinen Hörnerv durchtrennt.

Moment mal. Hat man mir Hör- und Sehnerv durchtrennt? Ich weiß es nicht. Es würde effektiv keinen Unterschied machen. Diese Frage macht mich fast verrückt, als ich auf die Idee komme: „Sag einfach was. Wenn du dich nichts sagen hörst, bist du taub. Wenn du dich selbst hören kannst, dann ist es nur verflucht still hier.“ Das ergibt Sinn. Ich öffne den Mund Und frage laut: „Bin ich alleine?“ Ich… ich höre mich. Nicht wirklich. Ich nehme nur einen gedämpften Knochenschall wahr, aber nicht das, was ich eigentlich hören sollte.

Das ergibt keinen Sinn. Die Luft um mich herum muss den Schall übertragen, das erfordern die Gesetze der Physik. „Und was, wenn da keine Luft ist? Deswegen hörst du dich auch nicht atmen.“ Das wäre möglich. Das würde das fehlende Atemgeräusch erklären. Aber warum sehe ich nichts? „Kein Licht, ganz einfach.“ Erst jetzt fällt mir auf, dass ich die Stimme meines Unterbewusstseins hören kann. Sie hat das mit der Luft eben gesagt. Und das gerade mit dem Licht. Aber höre ich die Stimme wirklich?

Oder bilde ich sie mir ein? „Hast du jemals etwas wirklich gehört? Oder war jedes Geräusch nichts als bloße Einbildung? Wie kannst du dir sicher sein, dass du hören kannst?“ Was ist denn das für eine Frage? Als ich darüber nachdenke fällt mir jedoch auf, dass ich keine Antwort darauf finde. „Na siehst du. Gehen wir also mal davon aus, du wärst eigentlich taub, wüsstest es aber gar nicht.

Und stumm wärst du auch. Du kannst dir nicht sicher sein, jemals etwas gehört oder gesagt zu haben. Du wüsstest nicht einmal, dass es Einbildung ist, oder? Woher willst du wissen, dass es nicht so ist?“ Noch so eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. „Das hier scheint dir fremd, weil du es noch nie erlebt hast. Aber was wäre, wenn das hier eigentlich der Normalzustand ist? Du weißt es nur nicht, weil deine Halluzinationen es vor dir verbergen. Du hast nie etwas gehört oder gesagt. Das bildest du dir nur ein.“

Nein, das kann nicht stimmen. Das ergibt einfach keinen Sinn. Aber Moment… Wenn ich darüber nachdenke… Es könnte sein. Nein, das ist nur eine fixe Idee. „Aber was, wenn nicht? Und denk mal an das Sehen. Damit könnte es genauso sein. Woher willst du mit solcher Bestimmtheit wissen, dass du jemals etwas gesehen hast? Auch das könnte alles nur Einbildung gewesen sein, eine Psychose, eine… Sinnestäuschung. Schönes Wort, oder? Aber es ist doch so zutreffend. Was, wenn all deine Sinne bloße Täuschung sind? Was, wenn du gar keine Sinne hast, sondern nur ein Bewusstsein bist, das sich selbst etwas vorgaukelt um die Wahrheit nicht erkennen zu müssen?“ Nein. Nein, das kann nicht sein. Das sind nur verwirrte Gedanken. Das ist nur Spinnerei! „Ist es nicht. Kannst du gerade etwas schmecken? Etwas riechen? Spürst du eine Berührung, spürst du deinen Körper?“ Nein. Nein, das tue ich nicht. Wie kann das sein? Ich müsste meinen Körper spüren, oder?

„Aber vielleicht hast du ja gar keinen Körper, den du spüren könntest. Das alles ist bloße Einbildung, die dich davor schützen will, zu wissen, was du bist. Dass du nichts bist, dass du NICHT bist. Nur ein scheinbares Bewusstsein. Nichts Stoffliches in irgendeiner Form. Du kennst doch die Geschichten von Lovecraft, oder? Wie er Azathoth und dessen Abkömmlinge beschreibt. Du bist nicht einmal das. Nicht einmal eine materielose Präsens, du bist schlicht und einfach inexistent. Woher willst du wissen, dass du wirklich existierst? Und nicht bloß ein Hirngespinst eines exzentrischen Menschen bist? Oder von irgendetwas anderem exzentrischen mit genug Vorstellungskraft?

Oder noch besser: von etwas ganz ohne Vorstellungskraft. Von einer Maschine, von deren Existenz du nur nichts weißt, weil es sie in deiner Welt nicht gibt.“ Warum sollte es diese Maschine in meiner Welt nicht geben? „Na ganz einfach, du Dummerchen: Damit du nicht dazu kommst, darüber nachzudenken, ob du nicht einer solchen Maschine entstammst. Nach dem Motto: Ich kann nicht das Produkt einer klugen Maschine sein, es gibt ja keine klugen Maschinen.“ Aber ja, das klingt… schlüssig.

Woher weiß ich, dass dem nicht so ist? „Vielleicht ist es ja so. Bestimmt ist es so. Du glaubst doch daran, dass eine These als wahr anzusehen ist, solange sie nicht widerlegt ist, oder?“ Ja, das tue ich. Aber… aber diese These kann man nicht widerlegen. „Folglich muss sie richtig sein.“  Oh, mein Gott! Er… er hat Recht. Ich muss… ich muss nicht real sein. Vielleicht bin ich nicht real. Bestimmt bin ich nicht real.

Ich

Bin

Nicht

Real.

Nichts ist real.

 

Leonhards Vorgesetzter las auf seinen Schreibtisch gestützt den Text, den die KI, die Leonhard soeben fertig programmiert hatte, ausgab. Sein Gesicht fiel in sich zusammen. Tonlos sagte er: „Schalten Sie sofort das Programm ab und vernichten sie jede Spur davon.“

An diesem Abend ging Leonhard ins Bett und schloss die Augen. Sein letzter Gedanke war: „Warum sollte ich die Software löschen? Das war die Arbeit von drei Jahren.“

Als er am nächsten Morgen aufwachte, konnte er nichts sehen. Und nichts hören. Und nichts riechen…

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4 Kommentare

  1. Das ist nur mal ein Versuch. Ich hatte nichts zu tun und dachte mir, mal schauen, wie das mit den Wettbewerben funktioniert. Ich hab keine Ahnung, ob es geklappt hat oder nicht XD. Naja, vielleicht ist es ja trotzdem interessant…

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