KreaturenLangeTod

Melas

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Prolog

„Vater unser
im Himmel, geheiligt werde dein Name!“

Jacob beobachtete
völlig erstarrt das Schauspiel. Das ganze Dorf hatte sich versammelt, um der
Hinrichtung beizuwohnen. Sie teilten Jacobs Verwunderung.

„Dein Reich
komme; Dein Wille geschehe; Wie im Himmel so auf Erden“

Die Flammen
fanden langsam ihren Weg zu ihr. Trotz der einsetzenden Schmerzen unterbrach
sie nicht.

„Unser tägliches Brot gib uns heute. Und
vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Wie kann das sein, fragte sich Jacob. Dies sollte unmöglich sein.

„Und führe
uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“

Pfarrer
Schaefer offenbarte seinen Schock nicht wie die anderen, doch auch er war tief
beunruhigt. Er hatte mit üblichen Bittgesuchen der Schuldigen gerechnet doch
nicht damit.

„Denn dein
ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!“

Keine Hexe
sollte in der Lage sein, diese heiligen Worte auszusprechen. Das kann nur eins bedeuten, dachte
Jacob. Sie ist unschuldig.

„Amen!“

Kapitel 1

Jacob
erwachte endlich aus seinem unruhigen Schlaf. Er hatte wieder einmal seine Schlafkleider
durchgeschwitzt und so klebten sie an seinem Körper. Doch diesem Fakt schenkte
er keine Aufmerksamkeit. Sein Zimmer war in vollkommener Dunkelheit, die
Fenster mit pechschwarzen Vorhängen zugezogen, um die Sonnenstrahlen vom
Eindringen zu hindern.

Die ersten
paar Sekunden nach dem Erwachen waren die kostbarsten Momente des Tages. In
diesem kurzen Augenblick plagten ihn nicht die Erinnerungen an seine Missetaten
und er verspürte eine angenehme Ruhe.

Als diese aber
vorbeizog, wurde Jacob von der Realität überströmt. Missmutig lag er noch ein
paar Sekunden im Bett bevor er sich aufrichtete, um den neuen Tag anzugehen.
Jedoch bot dabei das Entledigen seiner nassen Klamotten einen zusätzlichen
Ansporn.

Verdammt, dachte Jacob, ich muss die Bettwäsche wieder wechseln.

Jeden Morgen
erhoffte er sich, dass sein Bett kein weiteres Opfer seiner Albträume sein
würde und jeden Morgen wurde er enttäuscht.

Ohne einen
wirklichen Antrieb trotte er zu seinem Kleiderschrank und öffnete ihn. So viele Möglichkeiten, ließ sich Jacob
durch den Kopf gehen, “und sie sind doch
alle falsch, egal wie ich mich entscheide.“

Nach einigen
Sekunden übermannte das Desinteresse die Oberhand in Jacob und er schnappte
sich die erst besten Kleidern. “Wird schon
nicht schlecht aussehen“. Kaum hatte er sie aber herausgezogen, erblickte er
einen unerwünschten Anblick.

„Noch
eine?“, fragte er sich selbst. „Wie viele habe ich den noch?“

Jacob nahm
die Bibel vom Boden auf. Sie war etwas unter den Schrank gerutscht und so
seinem Blick bis jetzt entwichen. Genervt stapfte er zu dem Nachtschrank bei
seinem Bett. Dieser war mit allerhand Bibeln, Kreuzen und anderen Werken über
den christlichen Glauben gefüllt, die einst sein Haus säumten.

Lustlos ließ
er das einst geliebte Buch zu seinen Artgenossen ins Schubfach fallen, als er einen
ehemaligen Kumpan bemerkte. Jacobs Blick verharrte auf dem Buch für einige
Sekunden, bevor er es entnahm.

Der Hexenhammer.

Wie er
dieses Werk früher bewundert und studiert hatte. Es war von den Jahren in
seinem Besitz und der übermäßigen Nutzungen gezeichnet. Die alte Faszination
hielt aber nur kurz und so ließ er das Buch zu den anderen in das Schubfach
fallen.

Kaum hatte
er sich angekleidet schon machte er sich zur Haustür auf. Bevor er sie aber
öffnete, entwich ihm ein letzter Seufzer. Wie gerne würde er sich den ganzen
Tag in sein vier Wänden zurückziehen, doch diesem Wunsch konnte er nicht
nachgehen. Auf ihn warteten Aufgaben, die er nicht vor sich ihn schieben
durfte.

„Oh, mein
alter Feind“, krächzte Jacob, als er die Tür öffnete. „Ich sehe, dass du
bereits wach bist“

Jacob hielt
sich die Hand schützend vor die Augen, als die Sonnenstrahlen über ihn
herzogen. Er hatte nie wirklich verstanden, was die Leute so sehr an der Sonne
liebten.

Nachdem er
einen kurzen Fluch zu ihr sprach, begann Jacob seinen trostlosen Marsch. Das
ganze Dorf war bereits seit Stunden auf den Beinen und in die übliche
Tüchtigkeit verfallen. Einige kümmerten sich um die Felder und das Vieh,
während andere sich an einigen Gebäuden arbeiteten, um kleinere Merkel und
Schäden auszubessern.

Aber jeder, der
Jacob erblickte schenkte ihm einen respektvollen Gruß und wünschte ihm einen
schönen Tag. Keiner schien seine Laune zu bemerken, und wenn sie es doch taten
so ignorierten sie diese.

Unglaublich, dachte Jacob, es scheint als haben sie es bereits vergessen. Oder ignorieren es.

Von neuer
Abscheu gepackt, ließ er seinen Blick über die einzelnen Dorfbewohner ziehen.

“Thomas, völliger Tölpel. Oliver,
widerliches Ekelpaket. Sophie, will nicht wissen, wie viele Wechselbälger ihr
entfleucht sind.“

Gerade als Jacob
den nächsten besten verunglimpfen wollte, kam ihm eine ältere Dame, Emma,
entgegen.

„Ach Jacob“,
begrüßte sie ihn, „haben wir heute nicht einen wundervollen Tag?“

“Was will diese Vettel von mir? Ich
sollte …“

Jacob bis
sich auf die Zunge. Er hatte sich festvorgenommen dieses Verhalten zu
unterlassen. Er wusste ja, zu welchen Fehlentscheidungen es führen konnte.

„Ja“, log er
und setzte sein nettestes Lächeln auf, „ein wirklicher schöner Tag. Wie geht es
eigentlich deiner Tochter? Die Geburt soll schlimm gewesen sein?“

„Ja, aber es
geht wieder gut. Sie hat sich durchgekämpft und einen gesunden Jungen zur Welt
gebracht“

„Das freut
mich. Hat sie schon einen Namen?“

„Nein, sie
überlegen noch. Aber es ist wirklich ein schöner Junge“

“Mhm, hier gibt es wohl nichts mehr zu
holen.“

„Schön“,
sagte Jacob und dreht sich langsam zu gehen um. „Ich muss weiterziehen. Ich
wünsche dir noch einen gesegneten Tag“

„Den wünsche
ich ebenso“

Auch wenn
Jacob immer wieder den Drang unterdrücken musste, seine Nachbaren schlechtzumachen,
wollte er immer auf den neusten Stand bleiben, was die derzeitige Situation des
Dorfes angeht. Selbst das unbedeutendste Detail könnte sich als nützlich
erweisen.

Wofür er das
aber wissen wollte, darauf wusste er selbst keine Antwort. Neugier kaum wohl
mit seinem Beruf.

Jacob
schenkte aber keine weiterführenden Gedanken rund um den neuen Bewohner des
Dorfes, da er an seinem Ziel angekommen war, die Kirche des Ortes. Doch bevor
er diese betreten konnte, musste er ein Zwischenstopp einlegen.

Er lief bis
zu den Rand des Friedhofes, wo sich neun Gräber isoliert von den anderen
befanden. “Wie viele von ihnen waren wohl
unschuldig?“, fragte sich Jacob, als er seinen Blick über die Ruhestätte der
Frauen schweifen ließ.

Es war nur
Pfarrer Schaefer zu verdanken, dass sie überhaupt ein Grab bekommen haben, was
für viele Dorfbewohner ein Unding war, wenn man ihre angeblichen Sünden
bedachte. Doch Schaefer blieb standhaft. “Ist
wohl seine Art, Gnade zu zeigen.“

Jacob trat
vor das frische Grab. Mary Parker. Sie war eine nette Frau. Wirkte nie
auffallend in irgendeiner negativen Art. Sie wollte nur ihr Leben in Frieden
verbringen.

Doch sie gestand, eine Hexe zu sein, dachte sich Jacob. “Sie alle taten es. Wahrscheinlich aber nur,
um den Schmerzen zu entgehen.“

Mit Abscheu
betrachtete er seine Hände, was sie getan hatten, um ein Geständnis zu
bewirken. Früher hatten die Erinnerungen an die Schmerzensschreie der Frauen ihm
nicht den Schlaf geraubt. Doch nun taten sie es.

„Buße“,
flüsterte Jacob zu sich selbst, „dass ist das einzige, wofür ich noch leben
kann“

Aber es gibt
noch andere, die für ihre Sünde, Buße leisten müssen.

Ohne weiter
zu Zögern betrat Jacob die Kirche, in der Pfarrer Schaefer bereits auf ihn
wartete. Dieser las in einer Bibel, um die Zeit tot zu schlagen und legte sie
sofort weg, als sein erwarteter Gast endlich eintraf.

„Jacob“,
begrüßte Schaefer, „es freut mich, dass du eingetroffen bist“

„Du wolltest
mit mir reden, Vater“

„Ja, setzt
dich bitte“

Schaefer
signalisierte Jacob, Platz auf einer der Sitzbänke zu nehmen. Der Pfarrer war
bereits in seinen Lebensabend angekommen und sein Haar hatte fast jegliche
Farbe verloren. Falten zierten sein stolzes Gesicht und sein beleibter Bauch
sprach für seinen gesunden Appetit. Keinerlei Anzeichen für irgendwelche Reue.

„Mein Sohn“,
begann Schaefer mit fast väterlicher Stimme, „ich musste leider mit ansehen,
wie dich einige Dämonen zu plagen scheinen und ich fürchte, dass sie dich von
Gottes Weg abbringen könnten“
„Wenn ihr mit Dämonen, meine neugewonnen Zweifel meint, so habt ihr Recht“

„Ach Jacob,
die Frau war schuldig. Ja, es ist ungewöhnlich, dass sie das Vaterunser
vortragen konnte, dass beweist jedoch nicht ihre Unschuld. Sie hat dir selbst
gestand, mit dem Teufel im Bunde zu sein“

„Unter
Androhung von tagelanger Folter“

„Jacob…“

„Vater“,
unterbrach Jacob harsch, „ich finde ich muss Buße tun“

Schaefers
Befürchtungen bewahrheiteten sich und er ließ sie mit einem enttäuschten
Kopfschütteln heraus.

„Du musst
keine Buße tun“, sagte Schaefer mit beschwichtigender Stimme, „du hast Gottes
Arbeit getan“

„Vater, um
ehrlich mit ihnen zu sein, ich hadere im Moment mit Gott“

„Ich kann
deine Bestürzung verstehen, mein Sohn. Wir alle zweifeln Gottes Plan an, wenn er
uns auf die Probe stellt, so sei aber gewiss, dass er Treue und Hingabe
belohnen wird“

Schaefer
strahlte eine Zuversicht aus, die Jacobs Zweifel ins Wanken brachten. Er glaubt an seine Worte.

„Ich weiß
nicht, Vater. Nichts ergibt mehr einen Sinn für mich. Ich möchte an den Plan
des Herren glauben, mit ganzen Herzen, aber ich fühle mich trotz alledem wie
zerrissen“

Jacob legte
eine kurze Pause ein. Eigentlich war er nur gekommen, um zu erfahren, ob
Schaefer von ähnlichen Schuldgefühlen geplagt wird wie er, doch nun verspürte
er den Drang, seine Sorgen offen zu legen.

„Was, wenn
sie unschuldig waren?“ fragten Jacob mit zitternder Stimme. „Was, wenn sie
keine Hexen waren? Wenn wir einen Fehler gemacht haben?“

„Jacob…“

„Ich habe
sie gefoltert. Ihnen unerträgliche Schmerzen zugefügt, weil ich glaubte Gottes
Werk auszuführen. Ich habe möglicherweise Unschuldige Menschen getötet. Gute
Christen, die niemals nur daran dachten, sich dem Bösen hinzugeben. Wie soll
ich das ignorieren. Diese Zweifel einfach als Täuschung des Teufels abtun. Ich
glaube nicht daran. Ich kann nicht“

Es wurde
still. Schaefer wusste nicht, was er antworten sollte. Sein gealtertes Gesicht
wurde von tiefer Sorge durchzogen. Erst jetzt bemerkte Jacob, dass er Tränen in
den Augen hatte.

„Vater“,
begann Jacob mit schwacher Stimme, „habt ihr es nie in Betracht gezogen, dass
wir uns geirrt haben?“

Jacob
studierte nun ganz genau das Gesicht des Pfarrers. Er hoffte dort dieselbe Schuld
und Reue zu sehen, die er tragen musste. Dasselbe Wissen, wohlmöglicherweise
neun unschuldigen Seelen auf barbarische Weise das Leben genommen zu haben.

„Nein“,
antwortete Schaefer knapp.

Enttäuscht
richtete sich Jacob auf und rieb sich die Tränen schnell aus dem Gesicht. Er
konnte es nicht fassen, sich ihm so geöffnet zu haben. Scham und Wut kamen in
ihm zusammen und fingen an, sich zu vermischen.     

Jacob
würdigte Schaefer keines zweiten Blickes und machte sich schnellst möglich aus
der Kirche.

„Gott sei
mit dir, mein Sohn“, sagte Schaefer, „Gott sei mit dir“

Die letzten
Worte des Pfarrers erfüllten Jacob nur noch mit mehr Wut. Sie müssten Buße tun, dachte Jacob, “er und die gesamte Kirche. Sie haben diese vermaledeite Jagd erst zugelassen.
Wenn sie nicht gewesen wären …“

Bevor Jacob
seinen Gedanken vollenden konnte, bemerkte er irgendetwas an ihm vorbei
huschen. Es erschien ihm nur kurz in seinem Augenwinkel, aber er sich sicher,
etwas gesehen zu haben. Eilig drehte er sich um, fand aber nichts vor.

„Paul!“,
schrie eine Frau plötzlich.

„Was zum …“,
murmelte Jacob zu sich selbst und rannte zum Ursprung des Schreies.

Eine kleine
Menschenmenge hatte sich am Eingang eines Hauses versammelt. Jedem dort war die
Farbe aus dem Gesicht gewichen und einige wenige rannten los, um scheinbar
Hilfe zu holen.

Jacob
drückte sich durch an den Leuten vorbei, die, ohne zu zögern, zur Seite wichen,
als sie ihn bemerkten. Ein Junge, Jack, lag am Boden. Vor ihm kniete seine
Mutter, die mit Tränen in den Augen den Kopf des Jungen ihm Schoß hatte und
verzweifelt versuchte ihn aufzuwecken.

Jedoch
atmete er nicht mehr.

Nachdem sich
der Schock bei Jacob gelegt hatte, bemerkte er die kränkliche Bleiche, die die
Haut des Jungen hatte. Seine Augen waren weit aufgerissen, als ob er den Teufel
selbst gesehen hatte.

„Was ist passiert?“,
fragte Jacob die Mutter.

„Mein armer
Junge“, schotterte sie vor sich hin. „Er … er war die letzten Tage krank und
wollte frische Luft schnappen. Ich … ich kam mit hinaus. Ich ließ ihn nur kurz
aus den Augen … und plötzlich brach er … zusammen. Mein armer Junge, warum? Der
Arzt hatte uns doch versichert, … dass die Krankheit nicht so schlimm sei“

Die Mutter
brachen wieder in Tränen aus und Jacob machte Platz, da der Arzt endlich
eingetroffen war.

Was zum Teufel?

Kapitel 2

Endlich, dachte Jacob, als er der Sonne beim
Untergehen zusah, “bis zum nächsten Tag,
mein alter Feind.“

Leider
konnte Jacob keine weitere Zeit damit verschwenden, der Sonne beim Untergehen
zu zusehen. Pfarrer Schaefer und Arzt des Ortes, Johnson, hatten noch Arbeit
vor sich. Sie alle gingen auf das Haus der Familie Miller zu.

„Das dürfte
der letzte sein“, sagte Schaefer, als sie bei Haustür ankamen und er klopfte
daran.

Schnell
machten sich Schritte im Haus bemerkbar, die unverzüglich zur Tür kamen und
aufmachten.

„Ah, da … da
seid ihr ja“, sagte Herr Miller.

An seiner
Seite war seine Frau. Beide waren sichtbar beunruhigt und wurden von
schrecklichen Ängsten geplagt. Frau Miller brachte kein Wort hervor und rieb
sich nervös die Hände.

„Wir sind so
schnell gekommen, wie wir konnten“, versicherte ihnen Schaefer.

Die reine
Anwesenheit des Pfarrers beruhigte die beiden sichtlich und etwas Zuversicht
kehrte zu ihnen zurück. Dafür war er hier.

„Wie geht es
dem Jungen?“, fragte Johnson und betrat eilig das Haus.

„Etwas
schlechter“, brachte Herr Miller hervor. „Folgen … folgen sie mir, bitte“

Herr Miller
führte sie durch das Haus, zum Zimmer des Jungen. Die Einrichtung war von
bescheidener Qualität und wies keinerlei Luxus auf, aber Anzeichen von Armut
suchte man hier vergebens. Trotz alledem herrschte eine sehr angespannte
Stimmung, die allein auf die Eltern zurück zu führen war.

„Hier ist
er“, sagte Herr Miller und deutete auf die zum Zimmer des Jungen.

Er selbst
zeigte keinerlei Anzeichen, die Herren dort hinein zu begleiten. Viel mehr zog
er sich mit seiner Frau in Esszimmer zurück, um dort auf Antwort zu warten. Schaefer
sprach ein kurzes Gebet und betrat als erster den Raum, gefolgt von Johnson und
Jacob.

Ihnen kam
sofort der Gestank von Schweiß entgegen, der die Luft völlig verpestete. Es
brauchte nicht viel Fantasie, dass der Ursprung des Geruches der Junge war, der
mit Fieber im Bett lag und sich die Decke bis an den Hals hochgezogen hatte und
schwer atmete.

„Hallo“,
begrüßte Schaefer den Knaben, „wie geht es dir, mein Sohn“

„Nicht so
gut“, antwortete der Junge mit heiser Stimme.

Johnson
begann sofort mit seiner Untersuchung während Jacob mit etwas Abstand dem
Verfahren beiwohnte. Mittlerweile waren sieben Kinder im gesamten Dorf
erkrankt. Jede der betroffenen Familien wurden damit beauftragt, ihr Haus nicht
mehr zu verlassen und auf die Kinder aufzupassen.

Anfangs
glaubten sie Opfer einer neuen Krankheit geworden zu sein – Jacob und Johnson
gingen immer noch davon aus – jedoch fürchteten viele schnell, dass
unnatürliche Mächte der wahre Grund für die Erkrankungen sind. 

Sichtungen
von einer merkwürdigen Kreatur beflügelten die Gerüchte nur noch, weswegen
Schaefer eingewilligt hatte, der Sache auf dem Grunde zu gehen. Dafür war Jacob
hier, obwohl er es anzweifelte, dass der Teufel oder einer seiner Diener hinter
all dem steckt.

„Fürchte
nicht“, sprach Schaefer in einer beruhigenden Stimme, „Gott wacht über dich. Er
wird nicht zulassen, dass dir irgendein Leid geschieht“

Jacob musste
ein Stirnrunzeln unterdrücken, als dem Pfarrer reden hörte. Selbst für ihn
sollte dies lächerlich klingen, aber es erzielte seine Wirkung. Die Miene des
Jungen hellte sich unter dem Schweiß etwas auf.

„Gut“, sagte
Johnson und trat einen Schritt zurück, „Ich bin fertig. Du kannst übernehmen“

Mit einem
kurzen Nicken antwortete Jacob und schritt zu dem Jungen. Dessen Gesicht hatte
jegliche Farbe verloren und wirkte leichenblass. Sein ganzer Körper schien zu brodeln
und doch zitterte er leicht, als ob Kälte sein Leib angriff. Ihn hatte es von
allen am schwersten getroffen.

„Ich werde
dir jetzt ein paar Fragen stellen“ Jacob ging etwas auf Knie, um dieselbe
Augenhöhe wie der Junge zu haben. „Antworte mir bitte wahrheitsgemäß. Hast du
verstanden?“

Der Junge
nickte nur knapp.

„Bevor du
krank geworden bist, hast du da etwas Eigenartiges bemerkt? Etwas, oder
jemanden, der nicht hierhergehört“

Erkenntnis
zeigte sich in den Augen des Jungen. „Ja, das habe ich“

Schaefer wie
Johnson horchten auf und kamen einen Schritt näher, um genau mithören zu
können. Er war der erste der Erkrankten, der diese Frage mit ja beantwortet
hat.

„Was hast du
gesehen. Beschreibe es mir“

„Einen Mann
… glaube ich“

„Was für
einen Mann?“

„Ein ganz
großen Mann. Größer als jeder im Dorf. Er hatte einen langen grauen Mantel und
ein Hut“

„Hast du
sein Gesicht gesehen?“

„Nein, er
hatte eine Maske mit einem ganz langen Schnabel dran“

Jeder drei
Männer runzelte die Stirn. “Hat mir der
Junge gerade einen Pestdoktor beschrieben“.

„Eine
Schnabelmaske?“, fragte Jacob. „Bist du dir sicher“

„Ja“, sagte
der Junge, „ganz, ganz sicher“

„Und was hat
er gemacht?“

„Nichts, er
stand beim Wald und hat mich angeschaut. Ich wollte ihn fragen, was er da
macht, aber dann ist er plötzlich verschwunden“

Die Falte
auf Jacobs Stirn vertiefte sich nur und er richtete sich wieder auf. Er
betrachtete die anderen beiden Männer, die genauso ratlos wirkten wie er. Was
sollte ein riesiger Pestdoktor in dem Dorf wollen.

„Er besucht
mich ab und zu“, sagte der Junge.

„Was?“
fragte Jacob schockiert. „Wann?“

„Na jetzt
gerade“ Der Junge zeigte an ihnen vorbei an den Eingang der Tür.

Jacob rannte
ein kalter Schauer über den Rücken und er drehte sich hektisch um. Tatsächlich.
An der Tür stand ein Riese, gekleidet in die Gewänder eines Pestdoktors. Er
musste über zwei Meter groß sein. Die Decke war zu klein für ihn, weswegen er
sich leicht hinabbeugen musste.

Von seinem
Leibe konnte Jacob aber nichts ausmachen, da dieser von einem dicken grauen Mantel
bedeckt wurde Auf seinem Kopf trug er einen schwarzen Hut. Erstarrt versuchte
Jacob der Kreatur in die Augen zu blicken, aber durch die beiden Gläser, die an
der Maske angebracht waren, kam ihm nur tiefste Schwärze entgegen. Dank der
Totenstille, die durch die Erscheinung des Wesens verursacht wurde, bemerkte
Jacob, dass keinerlei Geräusche von dem Pestdoktor kamen. Nicht einmal ein
Atmen.

Die Kreatur
blickte noch einmal kurz in dem Raum und drehte sich dann um und ging auf die
Treppen zu, die in das zweite Stockwerk des Hauses führten. Nun konnte Jacob
die Eltern entdecken, die wie gelähmt dem Wesen nachschauten.

Erst nach
einer Sekunde ließ der Schock unter den drei Männer nach und sie stürzten der
Kreatur hinterher. Jacob erwies sich als der schnellste und holte das Wesen auf
Treppe ein. Doch bevor er zu nahekommen konnte, löste sich der Pestdoktor in
schwarzen Rauch auf und war verschwunden.

Jedoch
erschien er am oberen Ende der Treppe wieder, als der schwarze Rauch sich dort
verdichtete und aus ihm die Kreatur trat.

Großer Gott, dachte Jacob, ich werde geisteskrank.

Um seinen
eigenen Zustand weiter zu hinterfragen fehlte ihm aber die Zeit und er stürmte
weiter die Treppe hinauf. Oben angekommen konnte er noch sehen, wie der
Pestdoktor ein Zimmer betrat. Dort befand sich ein weiteres Bett, in dem sich
ein alter Mann befand, vermutlich der Großvater des Hauses.

Panisch
kamen nun Schaefer und Johnson bei Jacob an, beide bewaffnet mit Messern, die
sie aus der Küche entwendet hatten. Langsam legte der Pestdoktor seine Hand auf
die Stirn des perplexen alten Mannes und nickte leicht mit seinem Kopf. Die
Hand war mit kohlschwarzen Federn bedeckt und hatte kleine Krallen an den
Fingerspitzen, die ungeeignet für den Kampf wirkten.

Jacob
entriss Johnson sein Messer und rannte auf die Kreatur zu. Während in seine
Beine zu dem Wesen trugen, schlug die Angst gegen seine Willenskraft, um diesen
selbstmörderischen Treiben ein jähes Ende zu verschaffen. Weiß Gott, worüber
das Wesen noch imstande war.

Auch wenn
sein Gesicht sich nun vor schieren Terror zusammenzog, rannte Jacob
entschlossen weiter. Sein Tun wurde aber nicht von Heldenmut getragen, sondern
von der Aussicht auf Buße. Sollte er dieses Wesen zu Strecke bringen, mussten
seinen Sünden vergeben werden. Diese Kreatur musste ein Diener Satans sein. Sie
musste es sein.

Die Kreatur
bemerkte Jacob und zeigte keinerlei Anzeichen, sich gegen den Angriff zu wehren.
Bevor er aber zu nahekommen konnte, löste sich das Wesen wieder in schwarzen
Rauch auf und war verschwunden.

„Verdammt!“,
brüllte Jacob.

Er suchte in
aller schnelle den Raum ab und machte sich auf, dasselbe mit dem restlichen
Stockwerk zu tun. Währenddessen kamen Schaefer und Johnson in das Schlafzimmer
an und schauten sich den alten Mann an.

„Jacob“,
sagte Schaefer, „komm wieder her“

Fluchend
brach Jacob seine Suche ab und ging mit schnellem Schritt wieder in das
Schlafzimmer. Was wollten sie den von ihm? Diese Höllenschöpfung war nicht mehr
dort. Er musste sie so schnell wie möglich finden. Ein derartiges Wesen durfte
nicht frei herumlaufen. Es musste sterben.

„Was?“
fragte Jacob gereizt.

Wortlos
zeigte Schaefer ihm den Leichnam des alten Mannes. Johnson war dabei, ihn
weiter gehend zu untersuchen, was aber Jacobs Meinung nach unnötig gewesen ist.
Kränkliche Bleiche und weit aufgerissen Augen.

Der Teufel selbst.

Kapitel 3

Nur noch wenige Stunden, dachte sich Jacob, und dann muss ich dir wieder gegenübertreten.

Er
beobachtete den untergehenden Mond aus seinem Fenster. Ihm war er schon immer
zugeneigt. Er hatte eine beruhigende Wirkung auf Jacob. Seufzend schritt er
zurück und setze sich wieder an seinen Arbeitstisch. Es verblieb nicht mehr
viel Zeit.

Nur eine
einzelne Kerze spendete ihm Licht während er seine Muskete untersuchte, doch es
genügte Jacob. Jedoch bereitete es ihm Sorgen, sie zu benutzen. Seine
Fähigkeiten als Schütze waren nie bemerkenswert, egal wie oft er sie zu
verbessern versuchte.

Muss genügen, dachte Jacob und untersuchte die
Waffe ein letztes Mal.

Schaefer
hatte seine Kugeln gesegnet und in Weihwasser getunkt, damit sie diese
Höllenschöpfung auch töten könnten. Ob dies aber etwas bringen würde? In diesem
Fall war sich Jacob unsicher.

Als er mit
dem Zustand seiner Waffe zufrieden war, spannte sich Jacob diese um den Rücken
und ging aus dem Haus. Von der Tapferkeit, die er bei der ersten Begegnung mit
der Kreatur hatte, fehlte jegliche Spur. Einzig die Anspannung und Angst, die
langsam an ihm nagten, blieben an seiner Seite.

Mit
gesenktem Kopf schritt er zu dem vereinbarten Versammlungsort und durchquerte
dabei das Dorf. In keinem der Häuser brannte ein Licht. Mittlerweile war die
Hälfte aller Kinder, Kranken und Alten an der Seuche gestorben.

Viele
wünschten aus dem Dorf zu fliehen, bevor sie selbst zum Opfer der Krankheit
wurden. Jedoch wurde jeder Wunsch auf Abreise schärfsten verneint und die Missachtung
würde schwerwiegende Folgen haben. Die Verbreitung der Seuche dürfe nicht
geschehen.

Vielleicht verdienen wir das? Jacob zweifelte daran, dass das Wesen
wirklich aus der Hölle entsprungen sei. “Vielleicht
ist das die Strafe Gottes. Für unsere Sünden.“

Trotz des
mangelnden Lichtes konnte Jacob sehen, dass die anderen bereits eingetroffen
waren. An die zwanzig Männer, alle mit Musketen bewaffnet und auf den Angriff
wartend. Unter ihnen befand sich sogar Schaefer, der sein Gewehr unsicher hielt
und nervös hin und her blickte. Er war sich selbst bewusst, dass er nicht viel
zu dem Kampf besteuern würden könnte, aber er musste die Kreatur sterben sehen,
wenn er noch eine ruhige Nacht in seinem Leben haben wollte.

„Da bist du
ja“, flüsterte Schaefer. „Das wurde auch ja Zeit. Wir warteten bereits zu
lange“

Jacob konnte
die Anspannung der Männer nur erahnen. Ohne weiter Zeit zu verschwenden,
machten sie los. Die Kreatur wurde jeden Tag bei einem alten Hexenzirkel
gesichtet. Dieser befand sich auf einem größeren Hügel in den Tiefen des
Waldes, umringt von toten Bäumen. Was das Wesen dort aber genau tat, vermochte
niemanden zu sagen, da es niemand wagte, sich zu nähern.

Von der
Echtheit dieses Hexenzirkels war Jacob nie wirklich überzeugt, sogar zu seinen
Zeiten als Hexenjäger. Jedoch musste dort etwas sein, dass das Interesse der
Kreatur geweckt hatte. “Hoffentlich
Antworten.“

Je näher sie
kamen, desto stiller wurde es. Weder Tier noch der Wind traute sich hier her. Als ob alles tot wäre. Das einzige, was
Jacob hören konnte, war sein Herzschlag, der immer schneller schlug und es ihm
schwer machte, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Bevor sie
bei dem Zirkel ankamen, bemerkten sie grünen Rauch aufsteigen, dessen Ursprung
jedem sofort klar wurde. Mit neu gewonnener Angst setzen sie ihren Weg fort., jeder
Schritt wohl überlegt.

Endlich
konnte sie durch die Äste der toten Bäume die Kreatur sehen. Sie stand vor
einem köchelnden Topf, der den grünen Rauch abgab. Sonderbare Laute krächzte
das Wesen, wobei sich sein Schnabel bewegte, als ob er doch nicht ein
Bestandteil der Maske gewesen wäre.

In den
Zirkeln wurde ein Geflecht aus Linien gezeichnet, die sich an unzähligen
Punkten trafen und voneinander abzuprallen schienen. Ihre Verläufe zu verfolgen
wäre so fruchtlos gewesen, wie die Sterne zu zählen. Das Muster, dass sie
bildeten, versetzte Jacob in Staunen, nahm ihn für einen kurzen Moment
gefangen, bevor er sich wieder auf die vorliegende Tat konzentrieren konnte.
Was es darstellen sollte, war unmöglich zu sagen.

Um den
Zirkel standen neun Steine, die von ihrer Form Grabsteinen glichen.

Neun Grabsteine, dachte Jacob schockiert, “das kann nur eines bedeuten. Er muss hier
sein, um Gerechtigkeit zu üben.“

Während
Jacob mit seiner Offenbarung rang, setzten die restlichen Männer ihren Weg
schleichend fort, die Gewehre bereits angelegt, ungeduldig wartend, um in eine
gute Schussposition zu kommen.

Plötzlich
hob die Kreatur seine Hände und starrte direkt über den köchelnden Topf ins
Nichts. Zu spät bemerkten die Männer, dass ein dünner Nebel aus dem Topf
herauskroch und sich langsam ausbreitete. Erst als dieser sie erreichte,
bemerkten sie ihn.

Ein Atemzug
genügte und der Nebel drang in ihre Körper ein. Jacob und den anderen wurde
sofort schwummrig und schwach auf den Beinen. Binnen Sekunden fühlten sie sich,
als ob sie einem Mal zu tief in die Flasche geschaut haben. Die Welt fing an
sich zu drehen und um jeden neuen Gedanken, den sie formen wollten, musste
erbittert gekämpft werden.

Neben dem
berauschten Zustand bemerkte Jacob auftauchende Farben, die um sie herumtanzten
und sich in jede Richtung aufmachten, ohne ein scheinbares Ziel dahinter.
Begleitet wurden sie von winzigen Erscheinungen, die einem Schmetterling
ähnelten. Sie strahlten golden und gaben Wärme ab, wie eine kleine Sonne.

Auf den
Boden tummelten sich unzählige Geschöpfe, die wie die Kreuzung hunderter
Tierarten wirkten, jeder einzigartig in seiner Erscheinung. Einige von kindlichem
und eher freundlichem Aussehen und Verhalten, während andere wie blutrünstige
Monstren aussahen.

In Größe
variierten sie alle, von der eines kleinen Hundes bis zu sechs Metern. Keiner
dieser Geschöpfe schenkte den Männer Aufmerksamkeit. Sie schienen sie nicht
einmal zu bemerken.

Wie die
Farben, zeigte sich kein Ziel in ihrem Tun. Viele stand nur herum und spielten
oder untersuchten ihre Umgebung, andere gingen in die Tiefen des Waldes, um
weiß Gott was zu tun. Nur bei dem Zirkel war klar deutlich, dass sie einen
Abstand zu ihm und dem Pestdoktor hielten und einige schauten mit Spannung wie
tiefem Respekt seinem Treiben zu.

Jacob
versuchte verzweifelt das Gesehene zu verarbeiten, als das Geflecht aus Linien
plötzlich zu leuchten begann und mit Leben gefüllt aus dem Boden herauskroch.
Schnell formten sich die Linien zu einer Art Kugel über den Topf zusammen, die
einzelnen Bestandteile unermüdlich in Bewegung.

Es strahlte
in allen erdenklichen Farben, vielen, die Jacob zum ersten Mal sah. Der
Schnabel des Pestdoktoren öffnete sich und aus ihm kam schrille Laute hervor,
die einer verstehbaren Sprache nur schwerlich ähnelte. Das Geflecht aus Farben
und Linien verstand aber und antwortete in einer Abfolge von tiefem Brummen,
der den Boden leicht zum Beben brachte und durch Jacobs Beine raste, was ihm
fast den Halt kostete.

Den Männern
ging es nicht anders. Überfordert sanken sie auf die Knie und wedelten wild mit
ihren Waffen herum, wenn eines der Geschöpfe ihnen zu nahe kam. Schaefer sprach
zitternd ein Gebet zu Gott und presste seine Stirn gegen ein Kreuz, welches er
derart stark umklammerte, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

Das Brummen
setzte endlich aus und der Pestdoktor gab wieder einen Krächz-Laut von sich. Es
war unmöglich jegliche Emotionen in den leeren schwarzen Augen der Kreatur zu
erkennen.

Jacob
kämpfte sich mit zusammengebissenen Zähnen wieder auf die Beine und setzte zum
Zielen an. Ich muss es stoppen.

Mit einem
lauten Knall schoss die Kugel aus der Muskete und traf den Pestdoktor, der kreischend
zurückwich und dabei den Topf umstieß. Die Geschöpfe ergriffen sofort die
Flucht und schrien angsterfüllt. Das Gebilde aus Linien brach zusammen und
versickerte mit dem grünen Gemisch, welches im Topf brodelte, im Boden.

Der Nebel
verschwand ebenso schnell und mit ihm die Fähigkeit, die Farben und Geschöpfe
zu sehen. Erleichtert blickten sich die Männer um, mussten aber noch mit dem
Gesehenen kämpfen. Schaefer hob nur langsam seinen Kopf, als glaubte er, dass
dies alles nur ein Trick war, um ihn in Sicherheit zu wiegen.

Der
Pestdoktor starrte auf den Topf und richtete dann seinen Blick auf Jacob. Zum
ersten Mal konnte er in den Augen etwas sehen, Hass. Erneut öffnete sich der
Schnabel und stieß ein Zorn erfülltes Fauchen aus. In ihm taten sich Reihen an
verkümmerten und verformten Zähnen auf, die alle zu einem bestimmen Grad
verfaulet waren, einige pechschwarz.  

Jegliche
Freude darüber, dass die sonderbaren Geschöpfe verschwunden waren, wich von den
Männern. Auch Jacob wurde jedes Siegesgefühl fremd, als er sich die Zähne und
insbesondere die Augen anschaute.

Anstatt aber
zum Angriff überzugehen, verschwand der Pestdoktor in schwarzen Rauch und floh
vor der Konfrontation. Es herrschte einige Sekunden absolute Stille. Niemand
brachte ein Wort bevor.

Jacob sank
kraftlos auf die Knie.

„Was war
das?“, fragte er ungläubig.

Nach einer
kurzen Verschnaufpause, die jeder damit verbrachte an Ort und Stelle stehen zu
bleiben und nach der Kreatur Ausschau zu halten, begannen sie damit sich dem
Zirkel zu nähern, sehr auf ihre Vorsicht bedacht, um im Notfall unverzüglich
die Flucht zu ergreifen.

Als sie sich
aber sicherer fühlten, wagten sie es sich, den Zirkel zu betreten und genauer
zu untersuchen. Schaefer ging zu dem Topf und stupste ihn mit seiner Muskete an
und überzeugte sich davon, dass dieser nicht auf irgendeine Weise verhext
wurde. Viele hielten nach den Geschöpfen aus, noch nicht gänzlich überzeugt,
dass sie wirklich einfach in Luft aufgelöst haben.

Jacob
schenkte den Zirkel keine große Aufmerksamkeit und betrachtete lieber die neun
Steine. Er erwartete, dass dort die Namen der Frauen stand, die durch seine
Hand die Hölle erleben mussten. Zu seiner Verwunderung stand dort nichts. Ihr
Äußeres glich einem Grabstein auch nur auf entfernte Weise.

Habe ich mich geirrt? Fragte sich Jacob selbst. “Hat diese Kreatur vielleicht doch nichts mit
ihnen zu tun? Ich war mir sicher.“

Nach der
Suche auf Antworten erhob sich Jacob und betrat den Zirkel. Die gezeichneten
Linien im Boden waren verschwunden. Nichts, was sich hier noch befand,
berichtete von den Geschehnissen, die sich hier von wenigen Minuten noch
stattfanden. Bis auf eine Ausnahme.

Jacob trat
an die Stelle, von der der Pestdoktor geflohen war und entdeckte etwas
interessantes am Boden. Er berührte mit seinem Zeigefinger die Flüssigkeit und
hielt sie sich vor das Gesicht.

Blut.

Kapitel 4

Ist die Kreatur wirklich eine Strafe?

Jacob
grübelte kurz nach, verwarf aber die Frage. Er saß auf einen kleinen Stuhl
inmitten eines leergeräumten Raumes und betrachtete seine Muskete. Es machte
keinen Sinn, sie noch einmal zu untersuchen, er hatte es bereits einige Male
getan.

Das
Mondlicht strahlte durch das Fenster und beleuchtete zu Teilen den Raum. Für
Jacob genügte dies und er machte keine Kerze an. Dies könnte sich als töricht erweisen, dachte er. “Ich sollte mich besser nicht auf das
Mondlicht alleine verlassen. Mhm, egal, werde nicht lange hierbleiben.“

Als er es
leid war, sein Gewehr zu betrachten, schaute er sich im Raum um. Auch wenn
keinerlei Möbel diesen schmückte, sprach die gelungene und meisterhafte Verarbeitung
und Konstruktion für das Geld und die Mühen, die ihn in und den Rest des Hauses
geflossen war.

Jacob saß im
obersten der drei Stockwerke, die dieses Gebäude sein Eigen nennen durfte. Die
Besitzer rebellierten anfangs dagegen, dass ihr Haus ihnen entnommen wurde,
jedoch zeigten sie Verständnis, als Schaefer mit ihnen sprach.

Leider
verhalf das Betrachten des Raumes nur dazu, Minuten totzuschlagen. Seufzend
fragte sich Jacob, ob er doch noch einmal seine Muskete betrachten sollte, ihm
kam aber eine bessere Idee.

Er rollte
den Ärmel seines Gewandes hoch und betrachtete seine Wunden. Sie waren noch
frisch und würden Narben hinterlassen, aber stellten kein Hindernis für Jacob
dar. Außerdem schätze er sich glücklich für sie, wenn er nur an die noch
lebenden Männer dachte und deren derzeitiger Zustand.

Trotz alldem
untersuchte er sie noch einmal. Seit Johnson gestorben war, mussten sich die
verblieben etwas Medizin selbst beibringen, wobei die Bücher in dem Haus des
Verstorbenen halfen.

Werden mich schon nicht behindern, dachte Jacob und rollte seinen Ärmel
wieder hoch. Hat trotzdem geschmerzt.
Ihm kam ein Schauder über den Rücken, als er an die Klauen der Kreatur dachte,
die inzwischen an die fünf Zentimeter herangewachsen waren.

Es hat aber auch etwas Gutes. Jacob hob langsam seinen Kopf, als
er ein vertrautes Fauchen vom Eingang der Tür hörte. Härtet dich ab.

Kreischend
stürzte sich der Pestdoktor auf ihn, seine Klauen bereits ausgefahren und sein
Schnabel geöffnet, um von den abscheulichen Zähnen Gebrauch zu machen. Nur
knapp entkam Jacob dem Angriff, sein Stuhl hatte leider nicht so viel Glück und
zerbarst unter der schieren Kraft der Kreatur.

Keine zwei Meter
trennten die beiden und die Kreatur setzte an, die Distanz zu überbrücken.
Bevor ihm dies aber gelingen konnte, legte Jacob an und schoss. Trotz der
zahlreichen Auseinandersetzungen war er immer noch ein mittelmäßiger Schütze,
doch der geringe Abstand machte es fast unmöglich, nicht zu treffen.

Die Kugel
schlug in die Brust des Pestdoktors ein. Dieser jaulte auf, ließ sich von dem
Schmerz aber nicht beirren. Er sprang zu Jacob und schlug wild mit seinen
Klauen um sich, die Mordlust und der Hass in seinen schwarzen Augen.

Jacob
versuchte die Angriffe mit seiner Muskete abzuwehren und schnell aus dem Raum
zu verschwinden, jedoch zerbrach sein Gewehr beim ersten Schlag. Die Wucht, die
hinter der Pranke steckte, schiegte Jacob fast zu Boden. Der Pestdoktor nutze
seine Chance und öffnete sein Schnabel soweit er nur konnte und ließ ihn mit
aller Macht zu schnappen.

Dem Biss
konnte Jacob nicht mehr entgehen, weswegen er die zwei zerbrochenen Teile
seiner Muskete benutzen, um den Angriff aufzuhalten. Die Zähne krachten in das
Holz des Gewehres, Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Es erforderte alle
Kraft, die Jacob aufbringen konnte, um den Schnabel daran zu hindern, zu
zuschnappen und sein Kopf zu zerquetschen.

Der Gestank
von Verwesung stieg ihm in die Nase und er musste ein Würgen unterdrücken.
Fluchend sprang Jacob zurück und entging nur knapp den Klauen der Kreatur. Von
dem Rest der Muskete blieb nicht mehr zurück, als der Schnabel zu knallte und
sie zermalmte.

In
Windeseile rannte Jacob aus dem Zimmer heraus, dicht gefolgt von der Kreatur.
Jacob schnappte sich die erst beste Muskete, die er sah. Sie hatten unzählige
Gewehre im ganzen Haus verteilt, damit ihm nie die Waffen ausgingen.

Gerade als
er die Stufen hinunterrennen wollte, verschwand der Pestdoktor in seinem
schwarzen Rauch und erschien mitten auf der Treppe, Arme freudig zur Begrüßung
ausgebreitet.

Zu früh, dachte Jacob panisch, ich muss noch tiefer.

Verzweifelt
sprang Jacob über die Reling der Treppe und kam hart auf dem Boden, wobei er
den Halt verlor und sich auf alle vier abstützen musste. Zischend tauchte die
Kreatur prompt neben ihm auf und holte zum Angriff aus. Jacob rollte zur Seite
und die Klauen schlugen neben ihm in ein und gruben sich tief in den Boden.

Taumelnd kam
Jacob auf die Beine und brachte etwas Distanz zwischen ihm und den Pestdoktor
bevor er sich umdrehte. Zu seinem Glück hatte die Kreatur zu viel Kraft hinter
den Schlag gesetzt, weswegen er einen Moment brauchte, um seine Pranke aus dem
Boden zu zerren.

Schnell
legte Jacob an und feuerte auf den Kopf des Wesens. Anstatt aber den Schädel zu
durchschlagen, schrammte die Kugel nur an dem Schnabel vorbei und hinterließ eine
große Kerbe.

Tölpel!, klagte sich Jacob selbst an. Er
versuchte keinen zweiten Angriffen und nahm die Treppe, die ins Erdgeschoss
führte. Brüllend riss der Pestdoktor seine Klaue aus dem Boden heraus und
richtete sofort seinen Blick auf Jacob, der noch mitten auf seinen Weg nach
unten war.

Wie ein
tollwütiger Hund kreischte die Kreatur auf und schlug gegen die Reling der
Treppe. Diese wurde aus ihrem eigentlichen Platz herausgerissen und die meisten
Teile flogen auf Jacob zu und trafen ihn. Trotz des geringen Gewichtes der
Relingteile, reichte die Wucht hinter ihnen, um Jacob gegen die Wand zu
befördern. Keuchend sank er auf die Stufen zusammen, begann aber, weiter nach
unten zu kriechen.

Als er kurz
vor dem Ende ankam und sich halbwegs wieder auf die Beine gekämpft hatte
tauchte plötzlich über ihm der schwarze Rauch auf. Oh nein.

Mit letzter
Kraft sprang Jacob zur Seite und der Pestdoktor krachte auf das Ende der
Treppe. Kaum dem Überraschungsangriff entgangen, schon schleuderte Jacob seine
leere Muskete dem Pestdoktor entgegen, die dieser mit einem einzigen Schlag
abwehrte und dabei auseinanderriss.

Jetzt!

Jacob packte
sich eine Muskete, die in seiner Nähe an der Wand hing und schoss aus dem
Fenster. Siegessicher stürmte der Pestdoktor vor und rammte seine Klauen in die
linke Schulter von Jacob und bohrte sich durch diese in die Wand hinter ihm.

Vor
Schmerzen brüllend packte Jacob sein Messer, welches an seinem Gürtel hing und
rammte es mehrfach in die Hand der Kreatur. Auch wenn dies ihm sichtbar Leiden
zufügte, schenkte das Wesen diesem keine Aufmerksamkeit. Er war damit
beschäftigt Jacobs Qualen zu beobachten.

Gerade als
er Jacob neue Schmerzen zufügen wollte, knallte die erste Kanonenkugel in das
Haus ein, nur wenige Meter von ihnen entfernt. Der Aufschlag riss das Wesen von
seinen Beinen und ließ ihn kurz durch die Luft segeln. Das Messer wurde dabei
mit fortgerissen und landete in einer weit entfernten Ecke des Hauses.

Die Klaue,
die sich in Jacobs Schulter bohrte, brach dabei ab. Als nächstes flogen
Feuerpfeile durch die Fenster des Hauses in alle Stockwerke. Dank des Strohes,
dass sie dort verteilt hatte, fand die Flammen den perfekten Nährboden und
verbreitete sich rasend schnell.

Eine zweite
Kanonenkugel krachte nun in die andere Seite des Hauses, wo der Pestdoktor sich
gerade wiederaufrichtete. Erneut sendete der Aufprall diesen von einem Ende zum
anderen.

Für einen
kurzen Moment schien es, als ob der Schrecken endlich ein Ende gefunden hatte,
doch dann zuckte der Leib des Wesens auf und er begann sich wieder auf zu
kämpfen.

„Du
entkommst nicht!“, brüllte Jacob.

Immer neue
und intensivere Schmerzen durchzuckten ihn, als er sich von der abgebrochenen
Klaue losriss. Kraftlos sank er zu Boden, sein linker Arm völlig unbrauchbar,
keine zwei Meter von dem Wesen entfernt.

Das Feuer
wütete über ihnen und die ersten Balken der oberen Stockwerke krachten hinunter.
Im Erdgeschoss hatten die Flammen auch Fuß gefasst, brauchten aber länger, um
sich zu verbreiten.

Benommen
suchte Jacob das verwüstete Erdgeschoss nach einer neuen Muskete ab. Durch die
Löcher, die die Kanonen in das Haus hinein gebrochen hatte, konnte er entfernt
die Rufe der Männer hören. Sie machten sich wohl auf zweiten Schuss bereit und
erkundigten sich nach ihm.

Sein Blick
fand endlich ein Gewehr und er widmete sich den Rufen nicht mehr. Er hatte eine
Aufgabe vor sich, die er nicht vor sich hinschieben durfte. Nur mit seinem
rechten Arm kroch Jacob zu der Muskete, die an der Wand direkt ihm gegenüber hing.

Der
Pestdoktor umklammerte den rechten Fuß von Jacob und hielt ihn mit aller Kraft
fest. Die Augengläser waren gesprungen und seine Kleider waren nur noch Fetzen.
Unter ihnen zeigte sich schwarzes Gefieder, durchtränkt mit rotem Blut. So nahe.

Langsam
öffnete die Kreatur seinen Schnabel und versuchte Jacob zu sich zu ziehen. Erst
jetzt bemerkte er, dass ein Arm des Wesens verkrümmt und an mehreren Stellen
gebrochen war. So nahe.

Jacob trat
mit seinem freien Fuß gegen die Pranke des Feindes, der Griff lockerte sich
aber nicht. Seinem Tode immer näherkommend, bemerkte er, dass die Decke dem
Einsturz nahe war. Es war riskant, aber ihm bleib nichts anders übrig.

„Feuert!“,
brüllte Jacob mit heiser Stimme.

Die Antwort
kam prompt. Eine Kanonenkugel preschte in das Haus hinein. Die Decke gab nach
und krachte auf den Pestdoktor hinunter. Mit ihm bot sich ein Einblick in die
Flammenhölle, die über ihnen tobte.

Schockiert
stellte Jacob fest, dass sich der Griff zwar gelockert hatte, die Trümmer aber
sein Fuß eingeklemmt hatten. Mit letzter Kraft trat er gegen diese und
versuchte sich zu befreien. Anfangs erschien es fruchtlos, aber mit einem Mal
ließ der Widerstand nach und er konnte sich heraushieven. Die Freude verflog
aber schnell, als er den Grund für sein Entkommen bemerkte.

Der
Pestdoktor hatte sich in schwarzen Rauch verwandelt, um den Trümmern zu
entkommen. Seine Kräfte neigten sich vermutlich dem Ende, da er sich keine zwei
Meter entfernt wieder zurückverwandelte und keuchend am Boden lang kroch.

„Du
entkommst nicht“, zischte Jacob und kämpfte sich auf die Beine.

Er konnte
seinen befreiten Fuß nicht stark belasten, aber er schien nicht gebrochen zu
sein. Der Rauch hatte mittlerweile, das ganze Erdgeschoss eingenommen. Immer
mehr Bruchteile der Decke begannen dank der Flammen herunterzufallen. Es war
ein Wunder, dass das Haus noch stand.

Hustend
hielt sich Jacob die Hand vor den Mund, um nicht zu viel Rauch einzuatmen.
Seine Augen tränten und es fiel ihm schwer, den richtigen Weg zu finden.
Letztendlich kam er aber bei der Muskete an.

Zitternd
packte er sie und wollte dem Biest endlich den verdienten Tod bescheren. Erst
jetzt bemerkte er wieder, dass er seinen linken Arm kaum bewegen konnte. Verdammt. Der Pestdoktor kroch weiter
auf das Loch zu, dass bei den zweiten Schuss verursacht wurde. “Warum schießen sie nicht noch einmal? Wir
müssten noch einen Schuss haben.“

Fluchend
ging Jacob in die Hocke, um irgendwie in eine Schussposition zu kommen, in der
nur ein Arm von Nöten ist, konnte diese aber nicht halten und sackte zusammen.
Er musste umdenken und kniete sich hin, als ob er darauf wartete zum Ritter
geschlagen zu werden, ein Bein nach hinten gerichtete und das andere nach
vorne.

Selbst diese
Pose zu halten, erforderte alle Kraft, die er noch übrig hatte. Er drückte den
Kolben des Gewehres gegen seinen Bauch und legte den Lauf auf das nach vorne
gerichtetem Bein.

Der Rauch
machte es ihm fast unmöglich etwas zu sehen, zu atmen und zu denken. Durch all
die brennenden Trümmer und den Flammen konnte Jacob aber den Pestdoktor sehen.
Dieser war fast bei seinem Ziel angekommen und begann sich etwas aufzurichten.

JETZT!

Jacob drehte
den Lauf in die ungefähre Richtung des Pestdoktors und drückte ab. Der Rückstoß
schlug ihm in den Magen. Erschöpft sank er zu Boden, doch ein schwaches Lächeln
zauberte sich auf seine Lippen, als er die Schmerzensschreie der Kreatur hörte.

„Jacob?!“,
rief eine Stimme hinter ihm.

Es war Schaefer,
er stand an dem ersten Loch, mit einem nassen Lappen vor dem Mund. Nach kurzer
Suche fand er Jacob am Boden liegen und half ihm auf die Beine. Auf ihren Weg
hinaus, den er unentwegt von dem Pfarrer gestützt werden musste, erkannte er
den Pestdoktor in den Flammen, die Pranken um sein Gesicht geklammert. Die
Bestie machte seinen Qualen Luft mit erstickten Schreien, die ihn Klängen des
einstürzenden Hauses untergingen.

Muss den Kopf getroffen haben.

Schaefer
brachte sich und Jacob in Sicherheit. Vorsichtig ließ er den Verletzten zu
Boden sinken und widmete sich eilig seinen Wunden.

„Ich habe es
dir gesagt, mein Sohn“, sagte Schaefer mit einem erleichterten Lächeln. „Gott ist
mit dir“

Die letzte
Kanonenkugel schlug mit einem lauten Knall in das Gebäude ein und gab ihm den
Rest. Jacob beobachtete kraftlos, wie es zusammenfiel und die Flammen es
verschlungen. Zufrieden schloss er seine Augen und verlor das Bewusstsein.

Stunden
später kam er wieder zu sich. Er befand sich in dem ehemaligen Haus von
Johnson, seine Wunden verarztet. Stöhnend stemmte er sich auf die Beine, seine
Schmerzen ignorierend. Er musste wissen, was mit der Kreatur passiert war.

Als Jacob
die Tür aufmachte und nach draußen ging, begrüßte ihn leider sein alter Feind
als erstes, der seinen Zenit fast erreicht hatte. In dem sonst tot wirkenden
Dorf herrschte wieder Betrieb, die Leute trauten sich nach draußen, obwohl sie
von der Krankheit gezeichnet waren.

Kaum hatte
Jacob ein Fuß nach draußen gesetzt, schon eilte eine ältere Frau herbei, um ihn
zu stützen. Sie wirkte erleichtert über seinen Zustand. Die restlichen
Anwesenden teilten dieses Gefühl und begannen ihn für seinen Kampf zu danken.

„Jacob“,
rief Schaefer und kam zu ihm gerannt. „Du solltest nicht hier sein. Gott mag
dich leiten, aber solche Dummheit wird er nicht dulden“

Mit ihm kam
die Männer. Jeder von ihnen hatte mindestens ein Körperteil an die Kreatur
verloren und konnte sich effektiv nicht mehr an den Kämpfen beteiligen. Die
Kanonen zu bedienen und die Pfeile zu verschießen, war die letzte, was in ihrer
Macht lag, um sich am Kampf zu beteiligen.

„Ist er
tot?“, fragte Jacob schwach. „Ich muss es wissen“

Ein stolzes
Lächeln erschien auf Schaefers Gesicht. „Ja, mein Sohn. Du hast gesiegt“

„Ich will es
sehen“

Verständnis
verbreitete sich bei den Leuten und sie halfen Jacob zu den verbrannten Resten
des Hauses. Das Feuer war seit Stunden erloschen und nur noch einzelne
Rauchfahnen stiegen empor.

Vor den
Trümmern lagen Knochen, die zu einem Riesen gehören mussten. Keine von ihnen
zeigten aber irgendwelche Spuren, dass sie sich in einem Feuer befanden. Unter
ihnen befand sich der Schädel, der mit einem langen Schnabel ausgestattet war.

Erleichtert
sank Jacob vor ihnen zusammen und hob den Schädel auf. Über den rechten Augen
war ein Einschussloch.

Schaefer
legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Es ist vorbei. Du hast es geschafft“

Jacob konnte
nicht anders als zu Lächeln. Die anderen blieben eine Weile bei ihm, zogen aber
dann weiter, um sich ihrer Arbeit zu widmen. Das Dorf hatte sich lange genug in
dem Griff der Kreatur befunden und musste wieder zu neuen Leben erweckt werden.

Auch
Schaefer verließ ihn. Als der Pfarrer wegging, dachte Jacob an ihr Gespräch
zurück. Gott hat mich geprüft. “Er hat dieses Wesen geschickt, damit ich
mich von meinen Sünden reinwaschen konnte.“

Jetzt ergab
alles einen Sinn. Warum er nicht krank wurde und warum er als einziger ohne
größere Verletzungen aus den Kämpfen entkam. Alles damit er es bezwingen konnte
und mit ihm seine Vergangenheit.

Jacob lag
den Schädel zurück zu den übrigen Knochen.

„Ich habe
gesiegt“

Kapitel 5

„Jacob, …
bist du es?“

„Ja, Vater“

„Ich … ich
danke dir, dass du mir beistehst“

„Natürlich,
Vater“

„Hast du
dich um die Gräber gekümmert?“

„Ja, Vater“

„Auch …“

„Auch um die
der neun Frauen“

„Gut. Du …
du hattest recht“

„Was meinst
du?“

„Die Frauen.
Ich weiß nicht, ob sie schuldig waren. Ich weiß es nicht.

Ich … ich
tat nur, wie es die Gemeinde wollte. Niemand hinterfragte mich. Jeder klagte
Hexen an, Gott, sie tun es noch immer. Ich wollte doch nur das richtige tun,
die Probleme der Menschen lösen.

Gott, es
erschien so einfach. Totes Vieh, eine schlechte Ernte, ein krankes Kind, für
alles musste jemand verantwortlich sein. Ich wünschte, die Welt wäre so
einfach. Ich wünschte, ich könnte allen so einfach helfen“

„…“

„Jacob, war
ich gerecht?“

„Wie
meinen?“

„War ich
gerecht? War es gerecht all diese Frauen sterben zu lassen? Es beruhigte die
Gemeinde. Es half ihnen, mit ihrer Lage zu ringen. War es also gerecht oder
nicht?“

„…“

„Und wo war
Gott? Wo war er? Hätte er nicht einschreiten sollen, mir eine Botschaft zu
kommen lassen sollen, dass diese Frauen unschuldig waren? Wollte er ihren Tod?
Beweist das nicht, dass ich gerecht bin?

„Ich weiß es
nicht, Vater“

„Was sind
Gottes Ziele? Warum geschieht dies alles? Damit wir uns eines Tages in dem Lohn
unseres Haderns suhlen können? War die Kreatur nicht die Prüfung? Oder war sie
eine Strafe? Ich verstehe Gott nicht mehr. Ha, vielleicht gibt es ihn gar
nicht.

Jacob, warum
mussten die Hexen sterben? Warum mussten so viele Unschuldige sterben? Warum …
warum muss ich sterben?“

„Ich weiß es
nicht, Vater“

„Ich glaube
nicht mehr an den Himmel, Jacob. Ich glaube nicht, dass uns etwas nach dem Tod
erwartet, etwas, dass uns für unser Leben richten und entweder bestrafen oder
belohnen wird. Wir verschwinden einfach und ich … ich will nicht verschwinden.

Gott, ich
will nicht sterben. Ich habe … ich habe schreckliche Angst vor den Tod. Für nur
einen weiteren Tag würde ich alles machen. Wieso muss ich sterben und du nicht?
Jacob, warum musst du nicht sterben? Wir haben es getötet, dieses Ding. Warum
hört es nicht auf?

„Ich … ich
weiß nicht, Vater“

„Wenn dies wirklich
die Strafe Gottes ist, dann sollte ich mich wohl glücklich schätzen, dass meine
nur der Tod ist. Jacob, ich wage nicht zu fragen, was deine Strafe sein wird.
Du hast keine schweren Verletzungen davongetragen und bist nicht krank
geworden.

Gott muss
dich wirklich hassen, dass er dich nicht so einfach sterben lässt. Möge er mit
dir Gnade haben. Möge er dir einen schmerzlosen Abschied schenken …, wenn er
existiert“

Schaefer
schloss langsam seine Augen. Sein Brustkorb hob und senkte sich immer schwächer.
Als es komplett aufhörte, drückte Jacob sein Ohr gegen die Brust des Pfarrers.
Er war verstorben.

„Was ist
meine Strafe?“

Wortlos
starrte er auf den Leichnam.

„Warum lebe
ich noch?“

Trostlos
raffte sich Jacob von seinem Stuhl auf und hob den toten Pfarrer hoch.

„Wann werde
ich sterben?“

Jacob trat
nach draußen. Die Sonne war hinter grauen Wolken versteckt und es nieselte
leicht.

„Was hätte
ich noch tun sollen?“

Er ging zum
Friedhof. Dieser war überfüllt mit frischen Gräbern.

„Warum bin
ich der einzige, der zurückbleibt?“

Jacob hatte
eine Stelle für den Pfarrer freigehalten. Er schnappte sich eine Schaufel und
fing an zu buddeln.

„Ist dies
meine Strafe?“

Kapitel 6

„Verschwinde!“
saget Jacob.

Die Mittagsstunde
war schon lange vorbeigezogen und Jacob hatte sich noch immer in seinem Zimmer
verkrochen. Verrammelte Fenster verhinderten, dass Sonnenstrahlen hereinkommen
konnten, um ihn zu stören.

„Ist ja
gut“, antworte Jacob und raffte sich aus dem Bett auf.

Mit Hand vor
den Augen machte er die Tür auf.

„So,
zufrieden?“

Vor der
Türschwelle saß eine kleine Puppe. Der Torso aus Stroh, die Arme und Beine
kleine Äste, die aber von Fetzen, die Kleider darstellen sollten, bedeckt wurden.
Der Kopf war ein Stein, auf ihn zwei Augen und ein Lächeln gemalt, festgebunden
an den Körper.

Merkert gerne, dachte sich Jacob, “sucht immer die Fehler in anderen. Will
wahrscheinlich eigene Schwächen damit kleinreden. Hat …“

Jacob biss
sich auf die Zunge. Er wollte es doch unterlassen.

„Es … es tut
mir leid“, sagte Jacob. „Ich habe nicht gut geschlafen. Komm mit rein“

Er hob die
Puppe auf und setzte sie auf seinen Nachtisch ab. Sein Haus war in einem
schrecklichen Zustand. Eine Reinigung hatte zuletzt vor Monaten stattgefunden.
Staub zierte jeden Winkel, Kleider und Essensreste einfach auf den Boden
geschmissen. Das Holz, aus dem der Boden und die Wände bestanden, zeiget erste
Spuren, dass es langsam morsch wurde.

„Was?“,
fragte Jacob die Puppe. „Warum schaust du mich so an?“

Stille.

„Mein
Aussehen?“

Jacob
schaute an sich herunter. Er hatte seine Kleider seit Monaten nicht gewechselt
und sie waren übersät von Flecken und Löchern. Sein Haar reichte ihm nun bis zu
den Schultern und in seinen ungepflegten Bart bemerkte er kleine Essensreste.

„Ich finden
mein Aussehen ist meiner Situation angemessen“

Stille.

„Einen
Beruf? Ich bemühe mich eine Anstelle zu finden, es ist jedoch ist so leicht,
wie du denkst“

Stille.

„Heiraten?“
Jacob lachte laut auf. „Oh, mein lieber Freund, dein Sinn für Humor ist
unübertrefflich. Ich bin doch kein Monster und binde mich an eine arme Frau,
die mich für den Rest ihres Lebens ertragen muss. Auch ich habe noch ein wenig
Mitgefühl in mir“

Stille.

„Ja, du hast
recht. Wenn ich mich nicht aufmache, müssen wir hungern“

Jacob nahm
sich seinen Bogen und einige Pfeile, die bei seinem Bett lagen.

„Wünsche mir
Glück“, sagte Jacob und trat heraus.

Das Dorf war
völlig verfallen. Bei vielen war das Dach eingestürzt, andere sahen nur verlassen
aus. Sie trieben Jacob aber alle ein Schauer über den Rücken. Er versuchte sie
schnellstmöglich hinter sich zu bringen.

Leider
musste er einen Umweg machen, der ihn tiefer in die Reste des Dorfes trieb.
Nach dem gewohnten Trott kam er endlich bei der Kirche und dem Friedhof an. Von
allen Gebäuden hat sie sich am besten gehalten.

Schweigend
trat Jacob in den Friedhof. Dieser war vollkommen mit Gräbern gefüllt. Er hat
sein Bestes getan, zu den früheren Gräbern wirkten seine aber wie eine billige
Fälschung. Zuerst trat an die Gräber seiner Familie.

“Gott, sie sind schon alle so lange
tot.“

Jacob fühlte
über diesem Umstand schiere Freude. Nicht, weil er sie gehasst hatte. Er war
froh, dass sie den Fall des Dorfes nicht mehr miterleben mussten.

„Es tut mir
leid“, brachte Jacob heraus, „dass ihr mich als ein Familienglied haben
musstet“

Er trat an
das nächste Grab heran.

„Es tut mir
leid, dass du mich als Nachbar haben musstet und mir vertraut hast“

Jacob trat
vor jedes Grab und entschuldigte sich, für sein Verhalten, sein Versagen, seine
Existenz. Schlussendlich trat vor das Grab von Schaefer.

„Es tut mir
leid, dass du wegen mir sterben musstest“

Die Schuld hielt
ihn noch einige Minuten hier, als er plötzlich etwas aus dem Augenwinkel sah. Er ist da!

Panisch
dreht er sich um, den Bogen gespannt, bereit zu sterben. Ihm gegenüber war aber
nur ein schwarzer Kleiderfetzen, der dank des Windes durch die Luft flog und
schnell in die Ferne weggetragen wurde

Leicht
enttäuscht senkte er seinen Bogen. Er atmete tief ein und aus, um seine Atmung
zu beruhigen und die Kontrolle wieder zu erlangen. Sein alter Feind thronte
währenddessen über ihm.

Die
unbekümmerte Art, wie er auf alles herab schien, sich von den Ereignissen, die
er erstrahlte, nicht beirren ließ, widerte Jacob an. Die Sonne schaute nur zu,
wie die Menschen starben, wie sie litten. Widerlich.

Jetzt!

Der Pfeil
sauste durch die Luft und traf den Hirsch in den Hals. Dieser schrak kurz auf
und versuchte zu flüchten, brach aber schnell zusammen.

Jacob nahm
sein Messer, trat an ihn heran und machte seinem Leiden ein Ende. Er befand
sich am Waldrand, ganz in der Nähe des Hexenzirkels, wo er die Kreatur zum
ersten Mal gestellt hatte. Um ihn herum zwitscherten die Vögel, die Hasen und
Eichhörnchen rannten weg, aufgeschreckt von ihm.

Nichts, bis
auf die Blutspuren auf den Boden, deutete darauf hin, dass der Hirsch hier
starb. Und auch das Blut würde vergehen. “Es
ist, als ob es ihn nie gegeben hätte.“

Jacob zog
den Pfeil heraus und inspizierte ihn. Dieser hatte keine Schäden davongetragen
und konnte wieder benutzt werden. Nach einer kurzen Säuberung steckte er ihn
weg und saß sich den Kadaver an.

„Es tut mir
leid, dass du für mich sterben musstest“

“Er könnte noch leben, wenn ich nicht
wäre. Sie alle könnten noch leben.“

Der Hunger
unterband aber weitere Selbstanschuldigungen und zwang Jacob, weiterzumachen.
Er hievte den Hirsch auf und begann seinen Heimweg. Das Tier war zwar ein
jüngeres Exemplar gewesen, wurde aber schnell schwer für die Arme.

Nach
mehreren Pausen kam Jacob endlich zuhause an. Keuchend setzte er den Kadaver
vor dem Haus ab und stemmte sich gegen die Tür.

„Ich bin
wieder da“, sagte Jacob.

Ihn kam nur
Dunkelheit und Stille entgegen. Die Sonne war gerade erst untergangen, was
Jacob ein Lächeln auf die Lippen bescherte. Für einen kurzen Augenblick fühlte
er sich gut. Diesen musste er auskosten und mit seinem einzigen lebenden Freund
teilen.

„Was hast du
gemacht, als …“

Jacob blieben
die Worte im Mund stecken. Etwas war anderes. Es fiel ihm zuerst nicht wegen der
mangelnden Beleuchtung auf, aber als sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt
hatten, konnte er die Silhouette seiner Puppe erkennen. Ihr Kopf fehlte.

Schockiert suchte
er Boden bei dem Nachtisch ab und fand den bemalten Stein. Er muss abgefallen
sein. Nein …

NEIN! ER WAR ES!

Panisch
versuchte er den Kopf wieder an den Körper zu binden. Trotz aller Mühen gelang
es ihm nicht. Sein Herz begann schneller und schneller zu schlagen und er ließ
den Puppenkörper zu Boden fallen.

“ER LEBT NOCH! ER LEBT NOCH UND IST
HIER UM MICH ZU HOLEN! ICH …“

Jacob fing
an zu hektischer zu atmen und eine Flut von Angst bahnte sich an. Jegliche
Kraft wich aus seinen Beinen und er ging in die Knie.

„Nicht schon
wieder“, wimmerte er.

Ihm wurde
langsam schwummrig und er spürte wie ihm jegliche Kontrolle über sich selbst
entglitt, als die Angst sich in aller ihrer Stärke zeigte.

„Geh weg,
Geh weg, Geh weg …“

Er stotterte
diese Worte immer wieder. Seine Atmung wurde immer rasender und er fürchtete
ohnmächtig zu werden. Ängstlich kauerte er sich am Boden zusammen.

„Geh weh,
Geh weg, Geh weg …“

Jacob spürte
wie ihm die Tränen die Wangen herunterliefen. Scharm machte sich sofort breit
und er fing an, sich auf den rechten Zeigefinger zu beißen und gegen die linke
Schläfe zu schlagen. Alles, um die Angst wieder zu unterdrücken.

Es half aber
nicht.

„ICH HALT
DAS NICHT MEHR AUS!“

Jämmerlich
rannte er auf allen Vieren auf die Kiste zu, die unter seinem Bett lag. Ohne
jegliche Vorsicht riss er sie hervor. In ihr befand sich eine geladene Muskete.
Er wollte das Gewehr eigentlich für den Pestdoktor aufheben, jetzt aber …

Zitternd
umklammerte er den Abzug, stemmte den Kolben auf den Boden und presste den
Mündungslauf gegen seinen Unterkiefer.

„Ich halte
das nicht mehr aus“, weinte Jacob.

Nach einigem
Zögern drückte er ab. Die Kugel verfehlte ihn nur knapp und zog eine tiefe
Wunde, die von seinem Kinn bis zu seiner Stirn reichte, bevor er in die Decke
einschlug. Er hatte nicht getroffen, weil er zu stark gezittert hatte.

„NEIN!!!
NEIN!“

Jacob
kämpfte sich wieder auf die Beine, den Puppenkopf noch immer fest in seiner
linken Hand verschlossen, und stürmte nach draußen.

„Wo bist
du?!“, rief Jacob in die Dunkelheit. „Ich weiß, dass du da bist. Ich bin deine
kranken Spiele leid. ZEIGE DICH! HOLE MICH! HOLE MICH ENDLICH UND MACH DEM
ALLEN EIN ENDE!!!“

Jacob
wartete. Wartete auf eine Antwort, während das Blut seine linke Gesichtshälfte
herunterlief. Ein Zeichen, dass die Kreatur sich offenbaren und ihn für seine
Sünden töten würde. Aber es kam nichts.

Nichts.

Hysterisch
fing Jacob an zu lachen. So stark, dass ihm der Magen verkrampfte und weitere
Tränen in die Augen stießen. Das Lachen ging aber schnell über in ein Weinen.
So stark, dass er wieder zu Boden sank und sich auf alle Viere abstützen
musste.

„Ich halte
das nicht mehr“

Jacob spürte
neue Kräfte in sich aufkommen und rannte los in die Finsternis. Ohne ein Ziel.
Ohne zu sehen, was ihn in der Dunkelheit erwartet. Er musste von hier weg.

Von sich
weg.

Kapitel 7

Das erste,
was Jacob bemerkte, war das Trampeln von Pferden. Als nächstes, dass es von
vorne kam und er lag. “Muss in einem Wagen
sein. “

Seine Augen
weigerte er sich aber zu öffnen. “Die
schöne Dunkelheit.“ Die Strahlen seines alten Feindes kannten jedoch keine
Gnade und donnerten unermüdlich gegen sein Gesicht.

Langsam
öffnete er seine Augen und bemerkte sofort, dass seine linke Gesichtshälfte in
einem Verband steckte. Seine Sicht kehrte nur bruchstückweise zurück, als ob
mehrere Schichten von Stoff vor ihm hangen und diese nun einzeln weggenommen
wurden.

Wie wahrscheinlich ist, dachte sich Jacob, “dass mich jemand findet und verarztet. Ich
bin weiß Gott wie lange gerannt. Der Blutverlust, … ich sollte tot sein, aber
dies wird mir wohl nicht vergönnt.“

Warum lebe ich noch?

Nach einigen
Minuten erkannte er endlich zwei Figuren vor ihm, ein älterer Mann und eine
junge Frau.

“Vermutlich Vater und Tochter. Vater
sieht dümmlich und tollpatschig aus und Tochter wirkt naiv und
überführsorglich, so wie den alten Mann ansieht und behandelt. Wagen ist voller
Möbel und einiger Baumaterialen. Wollen sich wohl hier ansiedeln. Haben wohl
naive Vorstellungen, dass …“

Jacob biss
sich auf die Zunge und gab ein Stöhnen von sich. Wann werde ich mir das abgewöhnen.

Die junge
Frau bemerkte nun, dass er bei Bewusstsein war und kam sofort zu ihm.

„Oh mein
Gott“, sagte sie besorgt, „geht es Ihnen gut? Wir haben Sie am Waldrand
gefunden. Sie waren dem Tode nahe. Was ist Ihnen nur widerfahren?“

„Wo … wo bin
ich?“, antworte Jacob, die Fragen der jungen Frau ignorierend.

„Mitten in
einer Karawane, Junge“, sagte der alte Mann, ohne zu ihm zu schauen. „Sind
unterwegs, ein neues Dorf zu gründen. Kannst froh sein, dass wir dich gefunden
haben. Warst kurz davor, dem lieben Gott beste Grüße zu bestellen“

„Mhm“,
grummelte Jacob.

“Ich lebe noch. Dann will er mich wohl
noch nicht holen. Nein, er will mich warten lassen. Das ist meine Strafe. Oder
der Anfang. Gott, ich hoffe es endet bald. Vielleicht sollte ich mir ein neues
Gewehr kaufen und es erneut versuchen?“

„Ehm“,
begann die junge Frau, „Also mein Name ist Margaretha und das ist mein Vater,
Thomas. Wie ist Ihr Name, wenn ich fragen darf und was haben Sie am Waldrand
gemacht?“

„Ist egal“,
antwortete Jacob und schloss seine Augen.

Es herrschte
eine peinliche Pause, bis Margaretha etwas einfiel und sie in ihrer Tasche
griff.

„Hier“,
sagte sie und hielt ihm den Puppenkopf entgegen. „Den haben wir bei Ihnen gefunden
und ich dachte mir, dass ich ihn besser mitnehme“

„Danke“,
sagte Jacob und nahm ihn verdutzt entgegen. “Sie
hat ein schönes Lächeln“, bemerkte Jacob zum ersten Mal.

Er lege sich
wieder hin und betrachtete den Puppenkopf. “Ich
lebe also noch.“

„Wir sind da,
Kinder“, sagte Thomas und hielt die Kutsche an.

Freudig
sprang Margaretha aus dem Wagen und half ihrem Vater von dem Fahrersitz
herunter. Stöhnend richtete sich Jacob auf und erhielt prompt Unterstützung von
der jungen Frau, die genauso behutsam umging, wie mit ihrem Vater.

Kraftlos
setzte Jacob einen Schritt nach den anderen und konnte sich langsam selbst
wieder auf den Beinen halten und betrachtete das tüchtige Treiben. Hunderte
Männer und Frauen arbeiteten an verschiedensten Baustellen und errichteten
Häuser. In der Mitte des baldigen Dorfes stand eine Kirche, sie war am
weitesten fortgeschritten.

So naiv, dachte sich Jacob, als er die
Zuversicht und Leidenschaft ansah, mit der die Leute an die Arbeit gingen.

“Ich sollte so schnell wie möglich
wieder verschwinden. Das Ding wird kommen und Gerechtigkeit fordern. Vermutlich
wird er alle hier auf grausame Weise töten, wenn ich hierbleiben werde. Nur um
mich zu bestrafen. Das wird er. Oder?“

Zum ersten
Mal hinterfragte Jacob, ob das Wesen wirklich noch am Leben war und ihn jagte. “Warum sind dann alle gestorben, wenn nicht
wegen mir? Warum?“

Jacob
schaute sich wieder die Leute an, wie sie alles in die Errichtung eines neuen
Lebens steckten. Die Sonne strahlte währenddessen auf sie herab. “Bin ich es überhaupt wert, gejagt zu werden von solch einer Kreatur? Gibt es
nicht schlimmere Menschen als mich?“

Gott, bin ich müde.

„Entschuldigung?“, fragte Margaretha.

Jacob dreht sich zu ihr um. „Jacob“,
stellte er sich endlich vor.

„Jacob, wenn Sie nicht wissen wohin,
könne sie erst Mal bei uns bleiben“

Gott, so schrecklich naiv.

„Ja, dass würde ich gerne“, antwortete
Jacob, lächelnd.

Kapitel 8

Sie lernen schnell, dachte sich Jacob, als er den Jungen beim
Schreiben zusah.

Anfangs hatten sie zwar Probleme, doch
diese konnten sie schnell überwinden. Die untergehende Sonne schien durch das
Fenster und gab ihnen genügend Licht. Neun Jungen, alle ihrem zehnten
Geburtstag noch vor sich, saßen um einen großen Tisch herum und schrieben die
Zeilen ab, die Jacob ihnen gegeben hatte.

Er umrundete die Knaben und hielt nach
Fehlern Ausschau. Er fand keine.

„Das reicht“, sagte Jacob, als sie
fertig waren, „der Unterricht ist für heute vorbei. Ihr könnt gehen“

Freudig sprangen die Jungen auf, mit
ihren Schulutensilien in den Händen, und rannten nach draußen. Jacob blieb noch
ein bisschen und räumte etwas auf und suchte nach dreckigen Stellen.

Zufrieden über den gepflegten Zustand
verließ Jacob die Schule und machte sich auf seinen Heimweg. Seine Schule war
jedoch kleiner als sein früheres Haus, welches zu den kleinsten Gebäuden in
seinem ehemaligen Dorf gehört hatte. Für diesen Ort reichte es aber vollkommen.

Die Leute grüßten Jacob auf seinen Weg
und unterhielten sich kurz mit ihm. Er hatte es sich endlich abgewöhnt, sie auf
Grund ihres Aussehens zu verurteilen, was einiges an Arbeit erfordert hatte.
Anfangs waren sie ihm gegenüber misstrauisch, wobei die Narbe, die sein
Selbstmordversuch hinterlassen hatte, nicht half. Aber dank der Jahre, die er
hier verbracht hatte, konnte er sich ihr Vertrauen verdienen.

Der Nachhauseweg kostete ihn keine
fünf Minuten.

„Ich bin wieder da“, sagte Jacob und
trat in sein Haus.

„Hallo Liebling“, begrüßte Margaretha
ihn.

Sie stand in der Küche und bereitete
das Abendessen vor. Ihr gewölbter Bauch sprach für die baldige Geburt ihres
zweiten Kindes. Thomas saß am Tisch und las Jacobs fünfjähriger Tochter, Alice,
ein Märchen vor. Fasziniert lauschte sie den Geschichten.

Jacob saß sich zu ihnen und begann
selbst in einem seiner Bücher zu lesen. Jedoch ließ er sein Auge ab und zu, zu
Alice wandern. Dank ihr konnte er die Welt in einem neuen Licht sehen, dem er
entwachsen war.

„Ach Jacob“, sagte Thomas, als er mit
der Geschichte fertig war und Alice sich nun zu ihrem Vater gesellte, „Jack
braucht deine Hilfe bei etwas.“

„Wobei genau?“, fragte Jacob.

„Hat er nicht gesagt, nur, dass du mal
vorbeikommen sollst“

„Na gut“, sagte Jacob und richtete
sich wieder auf, „ich kümmere mich besser gleich darum“

Er gab Margaretha einen Abschiedskuss
und machte sich sofort auf den Weg. Jack wohnte abseits des Dorfes und Jacob
wollte wieder zuhause sein, bevor die Sonne unterging. Mit zügigem Schritt kam
er relativ schnell bei seinem Ziel an.

„Jacob“, rief Jack, als er ihn
erkannte, „ich bin froh, dass du kommen konntest“

„Schön dich zu sehen“, begrüßte Jacob
ihn und sie schütteln kurz Hände. „Was ist das Problem, dass du hast?“

„Es hat mit den Tieren zu tun. Komm“

Jacob folgte Jack zu dem Stall, wo
sich die Schafe aufhielten. Anstatt aber hinein zu gehen, gingen sie an dem
Gebäude entlang, bis zum hinteren Teil. Dort lag ein totes Tier. Es sah bleich
aus. Sehr bleich. Nein.

„Das arme Dinge ist einfach gestorben.
Ich dachte mir, dass du vielleicht weißt, was passiert ist“

Erstarrt blickte Jacob auf den Kadaver
herunter. Bitte nicht.

„Verbrenne es“, brachte Jacob hervor.

„Verbrennen? Also weißt du, was es
ist?“

„Verbrenne es!“ Jacob drehte sich um
und rannte panisch los. “Nein! Er muss Tod
sein.“

„Jacob?“, rief Jack ihm hinterher.
„Was ist los?“

Die wenigen Leuten, die sich außerhalb
befanden und durchs Dorf gingen, blickten Jacob verwundert an, als er an ihnen
vorbei stürmte. ER MUSS TOD SEIN!

Jacob riss die Tür seines Hauses auf.
Margaretha, die gerade dabei war den Tisch zu decken, schrak über sein
plötzliches erscheinen auf.

„Was ist …“

Sie konnte ihre Frage nicht vollenden,
da Jacob sie sofort umarmte.

„Wo ist dein Vater?“, fragte Jacob,
die Angst ins Gesicht geschrieben.

„Er wollte schnell was holen“, brachte
sie verunsichert hervor.

Verdammt.

„Und wo ist Alice?“

„Draußen. Sie … sie hat mir mit den
Laken geholfen“

Jacob ließ seine Frau los und stürmte
durch die Hintertür nach draußen in den Garten. Dieser befand sich hinter dem
Haus, auf ihm mehrere Wäscheleinen, die gerade lange weiße Laken zum Trocknen
trugen.

„Alice!“, rief Jacob und begann mit
seiner Suche.

Ein starker Wind rauschte plötzlich
vorbei und ließ die Laken im Wind tanzen, die Wäscheleinen verhinderten aber
ein Entkommen. Zwischen ihnen glaubte Jacob etwas zu sehen. Eine Figur die sich
spielend leicht zwischen Laken bewegte und zu schnell für ein genaueres
Betrachten war. Er ist hier!

Hektisch blickte er sich in alle
Richtungen um. Er ist hier!

Verzweifelt versuchte Jacob die
Kreatur zu erkennen, aber er konnte es nicht, egal wie sehr er sich anstrengte.
Er ist schneller geworden! Er
rechnete mit einem plötzlichen Angriff, sein Herz wild in seiner Brust schlagend.
Es kam aber nichts.

Worauf wartet er noch?! Die aufkeimende Panik machte es ihm schwer,
einen klaren Gedanken zu formen.

“Er ist hier! Er will mich holen! Er will mich
bestrafen! Er …“

Durch das Fenster am Dachboden von seinem
Haus konnte Jacob plötzlich eine Bewegung ausmachen. Er ist nicht hinter mir her!

Fluchend rannte er wieder ins Haus.
Margaretha schaute ihm verängstigt nach und versuchte gar nicht erst zu fragen,
was los sei. Sie wusste, dass sie keine Antwort bekommen würde. Die Angst wich
und Jacob spürte wie ein unvorstellbarer Zorn ihn überkam.

„Dieses Mal nicht!“, zischte er und
eilte die Treppen hoch, die Stufen unter seinem schweren Schritt aufstöhnend.

Alle Sinne aufs Äußerste geschärft kam
Jacob im Dachboden an und machte sich sofort zu dem Fenster auf, wo er die
Bewegung gesehen hatte.

„Zeig dich!“, brachte Jacob hervor.
„Du entkommst mir nicht!“ Ich werde …“

„Vater“, hörte er plötzlich hinter
sich in einer angsterfüllten Stimme. „Es … es tut mir leid. Ich habe mich rein
geschlichen und wollte mich hier verstecken und dich erschrecken …“

Jacob drehte sich um und sah seine
Tochter vor sich, aus altem Gerümpel hervorkriechend. Als sie herauskommen war,
verpasste er ihr eine Ohrfeige, die sie mit Tränen wimmernd zu Boden schickte.

„Was hast du dir dabei gedacht?!“,
brüllte Jacob sie an. „Du könntest Tod sein! Herr Gott, bist du so dumm Kind?!
Mach dich runter! Geh zu deiner Mutter!“

„Jacob?“, fragte Margaretha, die
gerade beim Dachboden ankam. „Was hast du“

„Geht runter“, befahl Jacob. Er hatte
sich langsam wieder beruhigt. „Ich komme gleich nach“

Alice kroch weinend auf ihre Mutter
zu, sich die rote Wange haltend. Beide blickten Jacob mit Terror in den Augen
an.

„Hört ihr nicht?!“, schnauzte Jacob.
„Runter sage ich!“

Wie aufgeschreckte Tiere rannten sie nach
unten.

Er ist also nicht tot, dachte Jacob, “er will mich bestrafen. Dies war nur eine Warnung. Er will mich wissen
lassen, dass er gekommen ist. Doch dieses Mal wird es anders. “

Ich werde es beenden.

Kapitel 9

Er ist Tod, und das wegen mir.

Jacob stand
vor dem frischen Grab von Thomas. Dieser war an einem vermeidlichen Herzleiden
gestorben, doch er wusste es besser. Er wusste, was in getötet hatte, auch wenn
Thomas keine Anzeichen der Seuche gezeigt hatte.

Er hat mich gehasst, dachte Jacob und starrte wortlos
auf Grab. “Er hat es nie gesagt, aber er hat
sich gewünscht, dass ich einfach verschwinden würde. Ich kann es ihm nicht
übelnehmen. Er wusste nicht, was da draußen lauert“.

Die Sonne
näherte sich dem Ende ihres Zirkels. Jacob verwünschte seinen alten Feind und
machte sich auf den Heimweg. “Er schaut
nur zu, wie dieses Ding da draußen ist und uns alle töten will. Widerlich“.

Wachsam
beobachtete er seine Umgebung während er ging und hielt nach der kleinsten Spur
Ausschau. Er hatte trotz größter Anstrengung weder den Pestdoktor noch ein Zeichen
seiner Anwesenheit gefunden.

“Wo bist du? Du bist da draußen, ich
muss dich nur finden, und zwar schnell.“

Eine Sache
ließ Jacob aber keine Ruhe. Warum war die Seuche noch nicht aufgetreten? Nur
das eine Schaf war bis jetzt an der Krankheit gestorben. Jack, der Tölpel,
glaubte an ein Herzleiden. Wie naiv.

Jeder
Gedanke an die Kreatur ließ sein Herz schneller schlagen und er beschleunigte
seinen Schritt. Er war keine fünf Minuten von zuhause weg, aber mehr bedurfte
dieses Scheusal nicht, um seine Familie zu töten, auch wenn sein eigentliches
Vorgehen, den Gebrauch der Seuche vorhersah.

“Warum hat er sie noch nicht
freigesetzt? Will er mich mit warten strafen? Warten, bis ich alt und dem Tode
nahe bin und dann erst zu schlagen, damit das letzte, was ich sehe, der
Untergang von allem ist, was ich liebe? Scheusal.“

Jacob kam
bei seinem Haus an und trat ein.

„Bin wieder
da“, sagte er und hängte sein Gewand ab.

Seine
Tochter Alice saß am Esstisch mit ihrem Bruder, Edgar. Der Knabe war gerade
einmal zwei Jahre alt aber erstaunlich groß und aufgeweckt. Sie sahen sich ein
Märchenbuch mit Bildern an, was Edgar auf dieselbe Weise in den Bann zog, wie
einst seine Schwester.

Als Jacob
das Haus betrat, wich Alice sofort jede Freude aus dem Gesicht und eine kalte
Miene nahm ihren Platz ein. Edgar schenkte seinem Vater keine große
Aufmerksamkeit.

Verdammte Gören, dachte Jacob, “spielen wieder beleidigt. Langsam sollten sie doch verstehen, dass ich
sie nur beschützen will. Sie sollten mir dankbar sein und etwas Respekt zeigen.“

„Ist etwas
vorgefallen, als ich weg war?“ fragte Jacob.

„Nein“,
antwortete Alice knapp. Sie schenkte ihm keinen einzigen Blick und starrte
lieber weiter auf das Bilderbuch herab.

Verdammtes Gör.

„Wo ist
deine Mutter?“

„Draußen.
Wollte frische Luft schnappen“ Ihre Augen immer noch auf dem verdammten Buch.
Ihr Bruder quengelte und verlangte, dass Alice mit der Geschichte fortfahre.
Sie tat es.

Sie will mich ignorieren.

„Zeig mir
gefälligst Respekt“, schnauzte Jacob sie an, „du weißt doch nicht …“

„…was ich
alles für euch tue“, unterbrach Alice, „was ich erlebt habe. Ich weiß, Vater,
ich weiß“

Verdutzt
blickte Jacob seine Tochter an. Nun begann sie ihn völlig zu ignorieren und
blätterte um, um mit der Geschichte fortzufahren. Verdammtes Gör.

Erbost ging Jacob
auf sie zu, bereit ihnen dieses vermaledeite Buch wegzureißen. Alice zuckte
kurz zusammen und Edgar begann zu wimmern, als er ihnen zu nahe kam.

„Es tut mir
leid, Vater“, brachte Alice hervor, „ich werde mich benehmen. Es … es ist nur,
weil Großvater tot ist. Es ist schwer. Das ist alles“

Beide
sprangen von ihrem Sitz auf und gingen in ihr Zimmer, einen weiten Bogen um
ihren Vater machend. “Das kann doch alles
nicht wahr sein. Ich versuche zu helfen und so wird es mir verdankt.“

Nach einer
Antwort auf das rebellische Verhalten seiner Kinder verlangend, ging Jacob
durch die Hintertür nach draußen, um diese bei seiner Frau zu erlangen. “Sie muss wissen, was in die Belger gefahren
ist. “

„Greta“,
begann Jacob, als er nach draußen kam, „was in aller …“

Margaretha
saß auf einer Bank und beobachte den Sonnenuntergang mit einem leeren Blick.
Die frühere Heiterkeit, die sie jeden Tag ihr Eigen nennen konnte, war ihr
entwichen, ohne ein Fitzelchen zu hinterlassen. Als Jacob ihre trauende Miene
ansah, erkannte er, dass dies nicht nur in dem Tod ihres Vaters entsprungen
war.

Jegliche Wut
seinen Kindern gegenüber verschwand augenblicklich und er spürte Scharm
aufkeimen, die seinen Magen verdrehte. Wortlos setzte er sich zu seiner Frau.
Diese sagte nichts zu seiner Ankunft und ließ ihren Kopf gegen seine Schulter
fallen.

Langsam fing
ihre leere Fassade an zu bröckeln und die ersten Tränen liefen ihr Gesicht
herunter. Sie konnte sich nicht mehr halten und klammerte sich Schluchzend an
Jacob, alle Trauer und Schmerzen, die sie die Jahre angesammelt hatte, brachen
aus ihr heraus.

Jacob sagte
nichts und legte einen Arm um. “Naiv, ich
bin so naiv.“

Die letzten
zwei Jahre spielten sich vor seinem geistigen Auge ab, während Margaretha sich
die Augen ausweinte. Wie er seine Familie wie Tiere behandelte, sie anschrie
und bedrohte, sollten sie seinen Worten nicht Folge leisten. “Gott ich verdiene nichts hiervon, weder die Kinder
noch sie.“

Nach einer
Weile versiegten die Tränen und Margaretha hatte sich beruhigt. Sie schauten
zusammen wie Sonne kurz davorstand, unterzugehen.

„Danke“,
sagte Margaretha mit schwacher Stimme.

„Für?“

„Dass du
hier bist“

Sie richtete
sich langsam auf und wischte sich die verbliebenen Tränen aus dem Gesicht. Ihre
Haltung ihm gegenüber war noch etwas zurückhaltend, nicht mehr so zärtlich wie
früher.

„Willst du
mit reinkommen?“

„Gleich, ich
kommen gleich“

Margaretha
nickte und ging hinein. Allein betrachtete Jacob die untergehende Sonne.

„Warum lebe
ich noch?“

Jeder in
seinem Dorf war gestorben, durch die Hand der Kreatur, nur er nicht. Der, der
es am meisten verdient hatte. Warum durfte er die Chance auf ein glückliches
Leben haben? Warum hat all der Schrecken dazu geführt, dass er glücklich werden
kann, wenn nicht, um ihn später zu bestrafen? Jacob nahm den Puppenkopf aus
seiner Tasche und starrte ihn an. “Wo ist
da die Gerechtigkeit?“

Die Sonne
schickte ihre letzten Strahlen. Sie schaute beim allen zu, unternahm nichts. Warum werde ich belohnt?

In der sich
ausbreitenden Dunkelheit glaubte Jacob eine Gestalt zu sein. Ist er es? Er rieb sich die Augen und
schon war die Figur wieder verschwunden. “Jetzt
wäre der perfekte Moment, dachte sich Jacob. Ich erkenne meine Fehler und will mich bessern. Was wäre ein besser Moment,
um mich zu holen, als jetzt?“

„Zeig dich“,
flüsterte Jacob. „Hol mich. Hol mich endlich und mach dem Allen ein Ende“

Die Sonne
ging unter und Finsternis überkam das Land.

Nichts.

Jacob schaute
sich den Puppenkopf ein letztes Mal an warf und ihn soweit er konnte in die
Finsternis. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stand er auf und ging wieder in
sein Haus hinein.

Ende 

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