Geister

Sprich nie mit deinen Toten

Ich bin mir sicher, die meisten von euch haben schon mal einen geliebten Menschen verloren.

Die wenigen unter euch, die das noch nicht erleben durften, tja, ihr habt Glück gehabt, bis jetzt. Ihr könnt es noch vermeiden, einen Fehler zu begehen, den die meisten von uns begangen haben. Zugegeben, die Konsequenzen dieses Fehlers, werden oft als der “Lauf des Lebens”, oder Geisteskrankheit abgetan. Jeder Mensch geht mit Trauer anders um. Die meisten von euch werden, für ein paar Tage, vielleicht auch Wochen, in ein tiefes Loch fallen. Voller Kummer und Verzweiflung über den Verlust tröstet man sich, in dem man mit der verstorbenen Person redet.

Man besucht ihr Grab und spricht mit ihr, laut oder in Gedanken. In schwierigen Situationen bittet man sie um Rat und lässt den Verstorbenen, seine Meinungen und seine Entscheidungen, durch einen “weiterleben”. Wir alle tun das, weil wir entweder in dem Glauben sind, dass sie immer noch irgendwie da sind, oder weil wir denken, zu wissen, dass die Toten uns nicht mehr hören können. Doch das können sie, immer.

Das Problem dabei ist, manchmal verändert sich eine Menschenseele nach ihrem Tod. Sie könnte sich zum Beispiel entscheiden, euer stiller Begleiter zu werden und direkten Einfluss auf euer Leben zu nehmen. Ich möchte euch mit meiner/dieser Geschichte ausdrücklich warnen. Spricht niemals mit Toten, nicht laut, nicht in Gedanken und auch nicht am Grab. Das Risiko, dass der Verstorbene indirekt in euer Leben zurückkehrt, ist meiner Erfahrung nach einfach zu hoch. Ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht übel, aber ich möchte hier nicht groß auf meine Person eingehen, deswegen halten wir es kurz.

Mein Name ist Erik, bin in meinen Zwanzigern und habe vor vier Jahren meine Mutter verloren, einen Vater gab es nie. Ich mochte meiner Mutter zu Lebzeiten sehr. Wir waren Mutter und Sohn, aber irgendwie auch beste Freunde. Als sie starb, brach für mich eine Welt zusammen. Dein Leben ändert sich schlagartig und du kannst nichts dagegen tun, außer weiterleben. Und das tat ich. Etwa zwei Jahre nach ihrem Tod lernte ich meine Frau kennen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nie wirklich mit meiner Mutter gesprochen. Klar, ich war am Grab, habe sie im Gespräch oft zitiert und musste grinsen, wenn ich mich in ihr erkannte.

Aber wirklich gesprochen zu ihr habe ich nie. Warum ich das nie getan habe, ich weiß es nicht. Warum dann doch, das allerdings werde ich bis zu meinem Tod nie vergessen. Der Samstagmorgen, als der Nachbarsjunge sich endlich auf sein Motorrad setzen durfte. Es war sein achtzehnter Geburtstag. So etwa gegen elf Uhr saß ich in meinem uralten Zweier-Golf auf dem Weg in den Feierabend, in Gedanken in meinem Bett. In der viel zu scharfen Kurve vor Ortseingang kam er mir auf meiner Spur, mit Hundertzwanzig Km/h entgegen. Er war sofort tot, zerteilt, durch seine Schutzkleidung zusammen gehalten.

An diesem Samstagmorgen sprach ich mit dem Grab meiner Mutter. Ich bat sie um Hilfe, ich wusste nicht, woher ich die Kraft nehmen sollte, das zu verarbeiten und auch den Eltern beizustehen. Warum ich nicht mit meiner Frau redete, weiß ich auch nicht, ich bereue es bis heute.

Als ich fertig war, mit meinem vermeintlichen Monolog, hörte ich ein undefinierbares Flüstern. Ich tat es damals als Versagen meiner Nerven ab. Dennoch ging es mir danach besser, viel besser. In den nächsten Tagen redete ich immer öfter mit ihr. Oft für mich in meinen Gedanken. Manchmal gab sie mir Antworten, die ich bis vor kurzem immer als Einbildung abtat. Ab da schien mich das Pech irgendwie zu verfolgen, mehr als ohnehin schon. Vielleicht fiel es mir deswegen nicht gleich auf. Wie viel schlimmer kann es noch werden? Nun, es sind die kleinen Dinge.

Jedes Mal, wenn ich zu ihr in meinem Monolog sprach, passierte etwas Negatives in meinem Leben. Mein Hund starb an einer Magendrehung, ständig gingen Sachen kaputt, die teilweise Werks neu waren. Meine Frau erkrankte an Leukämie und wurde depressiv. Generell veränderte sich die Atmosphäre, zu etwas Bösem. Meine Frau wurde schließlich so depressiv, dass sie sich in stationäre Behandlung begeben musste. Immer noch nichts ahnend, welchen Schaden ich und allen Lebenden um mich herum zufügte, fragte ich sie.

“Mama, wie komme ich – nein – wir aus dieser Zeit nur wieder raus? Was muss ich tun, damit diese Scheiße endlich aufhört?”

“Tja Erik, Augen zu und durch, dass das Leben lebenswert wird, kann keiner sagen, aber enden wird es, das ist todsicher.
Einfach standhaft bleiben.”

Wären das wirklich die Worte, die meine Mutter zu mir gesagt hätte, in so einer Situation? Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte sie, glaube ich, nichts dazu gesagt, wäre selber ratlos gewesen.
Am selben Abend gab es einen Kabelbrand in den Wänden unseres kleinen Häuschens, zum Glück schlief ich noch nicht fest genug. Unbewohnbar für mindestens zwei Jahre. Mit einer Mischung aus Wut, Frust und Trauer, aber auch Unsicherheit ging ich an das Grab meiner Mutter. Die Idee, dass es irgendwas mit meinen Selbstgesprächen zu tun hat, ließ mich nicht mehr los. Vor dem Grabstein stehend, fing ich an, zu brüllen. Ich brüllte, dass ich ganz genau weiß, dass sie mich hört und irgendwas mit den Ereignissen der letzten vier Jahre zu tun hat.

“Ich bin zwar Tod, mein Schatz, aber ich bin immer noch deine Mutter, ich würde immer auf dich aufpassen.”

Ihre Stimme war so klar, als stünde sie neben mir. Vorher war ihre Stimme immer in meinem Kopf, ähnlich ihrer, aber nie wie ihre eigene. Ich bekam Angst. Davor das die Stimme echt ist, oder ich nun endgültig den Verstand verloren habe.

“Wo bist du?”, fragte ich.

“Bist du an all dem schuld, was uns in letzter Zeit passiert?”

Ich glaube, kein Mensch hätte mich verstanden, so dünn und zittrig war meine Stimme in dem Moment.

“Ach Schatz, zwei Jahre hast du die Atemluft nicht an mich verschwendet, und jetzt redest du wie ein Wasserfall. Ja, für diese Lebenslektionen bin ich verantwortlich. Es muss sein, schließlich hast du mich ja auch, um Hilfe gebeten.”

Die Antwort ließ mich in Schock fallen. Ich brauchte ein bisschen, um mich wieder zu fangen und einen Antwortsatz zu formulieren.

“Meine Mutter würde so etwas nie tun, was auch immer du bist….”

Dieser böse Geist, oder was auch immer aus ihr geworden ist, unterbrach mich. Diese Stimme war definitiv nicht in meinem Kopf.

“Du, hast mit mir gesprochen. Weißt du, nachdem ich gestorben bin, ist mir Einiges klar geworden. Das Leben, ist die Hölle auf Erden und man erträgt es nur wegen der kurzen, vermeintlich schönen Momente. Aber seine ganze Last, all das Elend, das einem widerfährt, trägt man bis zum Ende mit sich. Mit dem Tod ist alles endlich und damit auch das Leid, welches dir im Leben widerfahren ist. Ich tue das alles nur, weil ich dich so liebe.”

Ich wollte rennen, aber ich konnte nicht. Ich blieb einfach regungslos vor ihrem Grab stehen.

“Also willst du, dass wir sterben, ich und meine Frau?”

“Nein noch nicht, ihr sollt erst leiden, damit ihr den Tod zu schätzen wisst. Was wäre ich für eine Mutter, wenn ich deinem Ruf nicht gefolgt wäre? Erst, wenn alles zerstört ist, kann etwas Neues entstehen. Und so lange bleibe ich bei dir. Und werde dir immer zu Seite stehen, wenn du es brauchst. Und dann eines Tages hole ich euch zu mir. Sprich mit mir, wann immer du es brauchst. So wie es der nette Junge an seinem Geburtstag gebraucht hat und du auch. Damit du in deinem Lernprozess weiter vorankommst, mein Engel”

Meine Beine fanden wieder zu sich und rannten von alleine. Obwohl niemand zu sehen war, hörte ich glasklar, wie sie mir hinterher rief.

“Ich bin ein jetzt Teil von dir, Erik. Ich werde dich auf deinem Weg zu mir begleiten und du wirst froh sein, wenn du mit deiner Frau endlich angekommen bist, mein Schatz.  

Ich erzählte es meiner Frau, kontaktierte ein Medium und trainierte mir an, keinen Gedanken an meine Mutter zu verschwenden. Alles, was mit ihr in Verbindung stand, verschwand aus meinem sozialen Umfeld, oder auf dem Speicher. So wie es aussieht, funktioniert das mit der Kommunikation nur durch den Lebenden, ich hörte ihre echte Stimme nie wieder und auch das Pech legte sich langsam. Aber das ist keine Garantie und ich bin auch kein Experte für Übernatürliches.

Meine Frau erholte sich von ihren Depressionen und konnte endlich nach Hause in unsere neue, temporäre Wohnung. Allerdings, hören wir beide ab und an immer ein leises Flüstern. Die Stimme einer Frau, die nach unseren Namen ruft, sie sagt das sie mich und sie liebt. Damit werden wir wohl leben müssen, alles ist besser, als wieder mit ihr zu sprechen. Ich habe keine Ahnung, was mit der Seele eines Menschen passiert, nachdem er stirbt. Ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass sie sich verändern kann, in deiner Trauer deinem Ruf folgt und dafür sorgt, dass dein Leben sich ändert, oder endet. Wenn ihr euer Leben mögt und die verschiedene Person, SPRECHT NICHT MIT IHR! Tut ihr es doch und bekommt Antwort, oder Reaktionen, tja, dann habt ihr jetzt jemanden, der sozusagen die Fürsorge für euch übernimmt…

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