CreepypastaEigenartigesKreaturenMittelMord

Vermisst

Während meine zittrigen Finger dies hier tippen, kann ich diese grauenhafte Kakophonie aus schrecklich verzerrtem Jaulen und dem Kratzen von Fingernägeln an meiner Tür vernehmen. Ich danke Gott, dass ich in meiner Panik daran gedacht habe, sie zu verschließen. Vielleicht bin ich als Einzige in dieser unvorstellbaren Situation. Vielleicht glaubt mir auch niemand, was ich hier veröffentliche, aber falls doch… falls unter euch jemand ist, dem meine Erzählung bekannt vorkommt, lauft! Nehmt eure Familie, nehmt eure Kinder an die Hand und rennt, verdammt!

Der Alptraum begann vor ungefähr einem Monat. Dieser eine, verdammte Tag, der unser aller Leben zerstört hat, war der 15. April.

Wir leben… oder lebten in der Kleinstadt Harpers Ferry in West Virginia. Wenn ich Kleinstadt schreibe, dann meine ich auch Kleinstadt, denn Harpers Ferry hat eine Einwohnerzahl von gerade einmal 286 Einwohnern. Wenn euch die Gegend interessiert, dann googelt danach. Ich halte mich mit solchen Belanglosigkeiten nicht auf. Die mir verbliebene Zeit rennt. Wie gesagt, wir sind klein und so gut wie jeder kennt hier jeden. Dachte ich zumindest, denn ich glaube, unser Nachbar, Gerald, ist kein gewöhnlicher Mann. Dazu später mehr.

Ich lebte hier gemeinsam mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester. Ich schreibe absichtlich ‘lebte’, denn das Kratzen wird mit jeder Zeile wilder und das Jaulen immer animalischer. Ehrlich, ich glaube, ich werde hier nicht unversehrt entkommen können.

An diesem Tag spielte meine kleine Schwester Abigail im Garten. Sie war zu dem Zeitpunkt drei Jahre alt. Ich half meiner Mutter beim Abwasch und sah hin und wieder aus dem Fenster, um einen prüfenden Blick auf die kleine Abi zu werfen. Abi spielte und quietschte völlig vergnügt, während sie in ihrer Sandkiste saß. Alles war in Ordnung. Da war alles noch, wie es sein sollte. Meine Mutter erhielt dann einen Anruf. Am Klang ihrer Stimme erkannte ich, dass dieses Gespräch eskalieren würde, und wusste, dass mein Vater der Anrufer war. Sie bat mich – den Lautsprecher des Telefons mit ihrer Hand abdeckend – darum, Abi im Auge zu behalten. Ich nickte zustimmend, doch da lief sie bereits aus der Küche.

Ich erledigte den Abwasch und beobachtete die Kleine noch für eine Weile. Mutter telefonierte nach wie vor. Ihre gedämpfte, aber doch aufgebrachte Stimme ertönte aus der oberen Etage. Ich rief nach ihr, da ich dringend austreten musste, aber Abi nicht unbeaufsichtigt lassen wollte. Auch hatte ich überlegt, sie ins Haus zu holen, doch auch da wäre sie für den Moment, in dem ich auf der Toilette wäre, unbeaufsichtigt. Meine Mutter reagierte nicht. Auch nicht nach mehrfachem Rufen. Gedanklich ging ich kurz durch, wie lange ich wohl insgesamt von der Küche bis zur Toilette und zurück bräuchte, wie lange meine Schwester ohne Aufsicht wäre. Je mehr ich Pro und Contra abwog, desto weniger konnte ich noch an mich halten. Also rannte ich, so schnell ich konnte, zur Toilette. Eine Entscheidung, die ich wirklich zutiefst bereue. Ich wünschte, ich wäre geblieben.

Ich wünschte, ich hätte Abi ins Haus geholt. Gott, ich hätte sie einfach mit ins Badezimmer nehmen sollen. Es waren vielleicht fünf oder sechs Minuten. Als ich zurück zur Küche rannte, wurde ich von meiner Mutter empfangen.

„Wo ist Abi?“, waren die Worte, die mich zum Fenster schauen ließen. Und als ich sie nicht sah, lief ich in den Garten. Dann rannte ich um das Haus, gefolgt von meiner Mutter. Und zu guter Letzt flippte ich aus. Ich rief nach ihr, meine Mutter ignorierend. Doch sie erkannte an meinem Verhalten, dass etwas nicht stimmte. Nachdem ich ihr knapp die Situation erklärte, war keine Zeit, mich zu schelten. Wir fanden sie nicht. Meine Mutter rannte zurück ins Haus, um die Polizei zu informieren. Ich suchte weiterhin die Umgebung nach ihr ab. Meinen Weg kreuzte unser Nachbar Gerald. Ich vergaß, wie seltsam und unheimlich der alte Gerald war, und fragte ihn, ob er Abi gesehen hätte oder etwas beobachten konnte, etwas Ungewöhnliches.

„Ungewöhnlich? Wie ungewöhnlich?“, entgegnete er mir stirnrunzelnd und misstrauisch. Ich wollte mich nicht lange damit aufhalten und erklärte lediglich, dass sie innerhalb kurzer Zeit aus dem Garten verschwunden sei. Alles, was er tat, war, mir geistesabwesend in die Augen zu starren. Kopfschüttelnd rannte ich weiter und rief immer wieder nach ihr. Freunde, Bekannte und Nachbarn halfen bei der Suche. Es war erfolglos. Wir fanden sie einfach nicht. Sie war spurlos verschwunden. Die Zeit während der anhaltenden Vermisstensuche war unsagbar schwer. Wir wollten nicht – ich wollte nicht, konnte jedoch nicht anders, als mir das Schlimmste auszumalen, statt zu hoffen. Ich gab mir die Schuld. Und ich sah den Vorwurf in den Augen meiner Mutter, auch wenn sie nie etwas dergleichen andeutete.

Dieses verdammte Kratzen an meiner Tür. Es macht mich wahnsinnig. Es klingt, als wolle es sich einfach durch die Tür ‘graben’. Ich weiß nicht, was ich anderes tun soll oder kann, als euch zu informieren.

Nach zwei schier unendlich langen Tagen erhielten wir einen Anruf von der Polizei. Mein Herz rutschte in die Hose. Ich befürchtete, sie würden uns nun die traurige Mitteilung machen müssen, dass unsere kleine Abigail tot aufgefunden wurde, doch es kam anders.

Sie sagten, sie hätten unsere Kleine gefunden. Und zwar in Gettysburg in Pennsylvania. Unversehrt. Alleine. Mir persönlich kam das alles seltsam vor. Alleine hätte sie eine solche Strecke nie zurücklegen können. Aber vorweg: Sie hatte wirklich keinerlei Verletzungen. Es war, als hätte sie jemand dorthin gebracht, abgesetzt und wäre dann einfach gegangen. Keiner hatte eine wirkliche Erklärung, wie sie dorthin kam. Sie erzählte auch nichts. Wir fuhren zum Police Departement und tatsächlich. Es war Abi. Überglücklich nahmen wir sie in den Arm. Wir jubelten, wir weinten. Aber nicht lange.

Schnell stellten wir einige Veränderungen an ihr fest. Meine Abi war immer ein strahlender Sonnenschein. Sie lachte viel, sie redete viel und sie war nie schüchtern oder zurückhaltend. Doch nun war sie das komplette Gegenteil. Sie war verdammt schüchtern, still und vermied langen Blickkontakt. Aber es war Abi. Ich meine damit, dass sie ihr wirklich bis aufs Haar glich. Abgesehen von diesen Persönlichkeitsänderungen war es eins zu eins sie. Und damit könnt ihr euch denken, worauf das hier hinausläuft.

Auch wenn Abis Veränderungen meiner Mutter ebenfalls nicht entgangen waren, so glaubten wir nicht daran, dass es eine andere Abi sein könnte. Meine Zweifel kamen erst in den folgenden Nächten. Und der größte wurde von Gerald gesät. Das Zimmer meiner kleinen Schwester liegt direkt neben meinem. Tagsüber verhielt sie sich unauffällig. So normal, wie es eben möglich war. Doch in der Nacht hörte ich diese… Diese unmenschlichen Laute aus ihrem Zimmer. Und mit jeder weiteren Nacht verstärkten sie sich, bis sie mir schließlich durch Mark und Bein gingen. Es ist kaum zu beschreiben. Angefangen hatte es mit einer Art Stöhnen. Jedoch einfach zu tief für eine Dreijährige. Viel zu tief. Aus dem Stöhnen wurde eine Form des Grölens und irgendwann kam der Gesang. Ein flüsternder, tiefer und verstörender Gesang. Der Gesang wechselte gelegentlich zu einem Summen.

In irgendeiner Nacht begann sie, an die Wand zu meinem Zimmer zu klopfen. Ich hörte die zarten Fingerknöchel, wie sie auf meiner Kopfhöhe gegen die Wand trommelten. Rhythmisch, als würde sie mir eine Nachricht übermitteln wollen, die ich einfach nicht verstand. Ihr gesamtes Verhalten ließ mich erschaudern. Es gab hin und wieder Nächte, da blieb es still. Und dann wiederum konnte ich deutlich hören, wie sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, um in den Flur zu treten. Da lief sie dann langsam auf und ab. Aus dem leisen, beinahe schon verstohlenen Schleichen wurden dann aggressive, schnelle Schritte, die dann auch noch genau vor meiner Zimmertür stoppten. Auch wenn es da wieder still wurde, wusste ich, dass sie sich exakt vor meiner Tür befand.

Zutiefst verängstigt starrte ich auf den Türknauf, in der Erwartung, er würde sich jeden Moment zu drehen beginnen. Dann würde dieses unheimliche Ding, das aussah wie meine Schwester, mein Zimmer betreten und dann… Hier begannen die verschiedensten Fantasien. Alles Mögliche, das ich mir ausmalen konnte, was hätte passieren können. Aber es passierte nicht. Und ab da verschloss ich auch jede Nacht die Tür zu meinem Schlafzimmer. Falls meine Mutter irgendetwas davon mitbekommen hat, hat sie nie ein Wort darüber verloren. Aber ich ebenfalls nicht. Ich habe ihr auch nie von den Geräuschen erzählt, habe mich nie darüber bei ihr beschwert. Vielleicht tat sie es mir gleich. Vielleicht aus Sorge oder aus Ignoranz.

Soeben haben die Laute vor meiner Tür aufgehört. Dafür spricht es jetzt zu mir. Mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme versucht es mich dazu zu überreden, die Tür zu öffnen. Das werde ich auf keinen Fall!

Ich habe es angeschrien und es schrie zurück. Ich gebe zu, sein Schrei war um einiges einschüchternder als meiner. Meine Hände begannen so stark zu zittern, dass ich kurz pausieren musste, bevor ich wieder beginnen konnte zu schreiben. Ich hoffe, ich kann das alles rechtzeitig niederschreiben. Ich hoffe, diese Zeilen erreichen euch.

Wisst ihr, was lustig ist? Also eigentlich ist es nicht lustig, schon gar nicht in meiner Situation. Meine Familie hatte nie sonderlich viel Geld, im Gegenteil. Mutter hatte hohe Schulden. So habe ich für uns, aber besonders für Abi auf so einiges verzichtet. Vor etwa drei Monaten kam meine Mutter mit dem Vorschlag, mir ein Handy zu kaufen. Wir hatten ein solches Gespräch schon öfter und meine Antwort war jedes Mal dieselbe: Ich benötige keines. Kauf von deinem Ersparten lieber etwas Tolles für Abi.

Hätte ich das gewusst, hätte ich mir ein verdammtes Handy schenken lassen, denn das einzige Telefon im Haus befindet sich außerhalb meiner Reichweite. Ich kann also nicht einmal Hilfe rufen.

Vor einer Weile dann waren wir draußen im Garten und da sah ich, wie sich Gerald dem Gartenzaun näherte. Er lehnte sich darüber und winkte mich heran. Ich warf einen verunsicherten Blick in Richtung meiner Mutter, bevor ich mich in Bewegung setzte. Als wir uns gegenüberstanden, schweifte sein Blick immer wieder zu Abi – nein. Dem Doppelgänger. Er räusperte sich mehrmals und fragte schließlich:

„Seid ihr euch sicher, dass das eure Abigail ist? Bist du dir sicher, dass das deine Schwester ist?“

Ich war völlig perplex. Starrte ihn nur aus weit geöffneten Augen an. Er wiederholte die Frage einige Male und jedes Mal konnte ich keine Antwort darauf geben. Dann sah er erneut zum Doppelgänger hinüber und schüttelte den Kopf. Als er sich mir wieder abwandte, hörte ich ihn etwas murmeln. Etwas, das nach: „Ich hätte sie nicht aus den Augen verlieren dürfen. Ich hätte die Spur nicht verlieren dürfen“, klang. Er ging und ab da wusste ich, dass sich meine Befürchtungen bewahrheitet hatten.

Ich weiß nicht viel über Gerald. Ich weiß nur, dass er einige Häuser weiter als Eremit lebt. Völlig alleine. Er will mit niemandem groß etwas zu tun haben und hat meines Wissens nach auch keine Familie. Das ist leider auch schon alles.

Als ich zu Mutter und diesem Ding zurücklief, sah ich dieses breite, zufriedene Grinsen auf den Lippen dieser ‘Abi’. Ein selbstsicheres, ein siegessicheres Grinsen. Ich wiederholte, was Gerald sagte, und Mutter äußerte den Verdacht, dass er etwas mit dem Verschwinden von Abi zu tun haben könnte.

An diesem Abend überlegte ich krampfhaft, wie ich mit meiner Mutter über das Thema reden könnte. Wie ich ihr meine Befürchtungen, Vermutungen und Sorgen am besten schildern könnte und am einfachsten. Im Kopf ging ich sämtliche mögliche Gesprächsverläufe durch. Ich musste es ihr endlich sagen. Vielleicht wollte sie die Wahrheit nicht sehen, aber es war an der Zeit, die Augen zu öffnen. Auch in dieser Nacht machte sich das Ding in Abigails Zimmer bemerkbar. Wieder klopfte es gegen die Wand und kicherte. Es kicherte so verstörend, dass ich mir die Ohren zuhalten musste, bis ich irgendwann eingeschlafen bin.

Es war später Nachmittag. Ich saß auf der obersten Stufe der Treppe, die hinunter in den Essbereich führte, und dachte darüber nach, wann ich am besten mit ihr reden sollte. Mutter befand sich zusammen mit dem Doppelgänger in der Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Ich konnte die Gespräche, die sie mit dem Ding führte, hören, ich verstand jedes Wort. Da bemerkte ich auch, dass sich der Klang ihrer Stimme änderte. Meine Mutter klang nun eher ängstlich und vorsichtig. Ich weiß noch, wie ich innerlich aufschrie. Das war perfekt! Jetzt musste ich mir keine Gedanken mehr machen, wie ich sie am ehesten davon überzeugen konnte, dass dieses Etwas dort nicht unsere Abi war.

Und dann klingelte das Telefon.

Mutters Schritte kamen näher. Sie nahm das Telefon in die Hand und betätigte den Lautsprecher. Ich habe keine Ahnung warum, ich glaube, sie tat es, damit sie nebenher noch weiter das Essen zubereiten konnte. Jedenfalls konnte ich alles mithören. Eine raue, besorgt klingende Stimme ertönte. Es war ein Polizeibeamter. Seinen Namen habe ich mir nicht gemerkt, der Grund seines Anrufs war zu niederschmetternd.

Er sagte so etwas wie: „Miss Winters? Ich weiß, das mag jetzt seltsam sein, aber ich rufe bezüglich des Vermisstenfalles ihrer Tochter an. Wir erhielten einen Anruf. Der Anrufer wollte anonym bleiben. Er behauptete, eine Leiche gefunden zu haben, und zwar vergraben in der Nähe der Pleasentville Road, die zum Fort Duncan führt. Er gab uns die exakten Koordinaten durch. Als wir eintrafen, war der Anrufer nicht aufzufinden. Miss Winters? Nach ersten Erkenntnissen sind wir uns sicher, dass es sich bei der Leiche um Abigail handelt. Ich weiß, dies ist eigentlich unmöglich, aber…“

Ich weiß, dass der Beamte noch weiter sprach, aber niemand sagte etwas. Bis auf die Stimme, die aus dem Lautsprecher dröhnte, war es totenstill geworden. Und plötzlich endete das Telefonat. Ich weiß nicht, wer einfach auflegte. Ob meine Mutter das Gespräch beendete oder ob es der Doppelgänger war. Alles, was ich weiß, ist, dass ich einen furchtbaren Laut vernahm und dann ein gequältes, schmerzerfülltes Gurgeln. Ich hörte, wie eine Flüssigkeit auf den gefliesten Boden tropfte, und dann nur noch einen dumpfen Aufprall. Als nächstes schlenderte dieses Ding aus dem Essbereich in den Flur und starrte mich vom Fuße der Treppe an. Anhand des Blutes bin ich mir sicher, dass es meine Mutter getötet hat.

Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, doch irgendwann erwachte ich aus meiner Schockstarre und rannte in mein Zimmer. In welchem ich mich nun seit mehreren Stunden aufhalte und dies hier schreibe. Der Fakt, dass dieses Ding nicht Abi ist, lässt mich nicht an der Aussage des Beamten zweifeln. Es ist so bitter, dass Abi nicht einmal so weit von uns entfernt gefunden wurde. Ich weiß nicht, wie lange sie schon tot ist, aber dieser Anrufer… irgendwie muss ich an Gerald denken. Wenn er es war, dann hatte er sie gefunden und ausgegraben. Oder kann es anders gewesen sein? Ich bin so verwirrt. Womöglich haben sie Abi schon vor Tagen gefunden… Und dann die Fragen, die er mir stellte. Ob das wirklich Abi sei. Weshalb sollte er mich das fragen?

Gerade stelle ich mir auch viele Fragen. Zum Beispiel, ob ich hier lebend rauskomme. Ob Gerald, wenn er wüsste, was hier passiert, mir helfen würde, und weshalb dieses Ding vor meiner Tür mich plötzlich mit der Stimme meiner Mutter zum Abendessen ruft.

Tags

Ähnliche Artikel

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Check Also
Close
Back to top button
Close
Close