EigenartigesKreaturenLangMittelÜbersetzungen

Wenn Engel verdienen zu sterben

Sage einfach Ja

Mein Vater war ein strenger und gebrochener Mann, nicht mehr als eine leere Hülle seines früheren Selbst, nachdem er einmal zu viel in einem Krieg gedient hatte, von dem niemand verstand, weshalb er geführt wurde. Es half auch nicht, dass meine Mutter, die bereits geistig am Ende war, mit einem unerwünschten Kind schwanger wurde. 

Anstatt sich an der Freude über das neue Leben zu ergötzen, grub sich mein Vater noch tiefer in das bittere Loch des Hasses, das er so viele Jahre lang gegraben hatte. Nicht nur, dass ich unfreiwillig in seine Existenz eingedrungen war, ich kam auch mit einem ziemlich offensichtlichen Geburtsfehler zur Welt: Mein Gesicht hatte sich im Mutterleib nie vollständig entwickelt, vermutlich aufgrund der Drogen, die meine Mutter konsumierte, um mit dem Stress des Missbrauchs fertig zu werden; wie dem auch sei, dadurch blieb mir nur ein funktionierendes Auge und ein halb gelähmtes Gesicht. 

Das ist keine Entschuldigung für das, was er getan hat, sondern nur eine Erklärung. Er sagte mir immer, dass der Tag meiner Geburt der schlimmste Tag seines Lebens war, dass ich nichts weiter als eine Last sei, ein Unfall, der nicht für diese Welt bestimmt war. Unnötig zu erwähnen, dass ich mich selbst hasste. 

Ich fühlte mich hässlich, und mein Vater tat alles in seiner Macht Stehende, um mir klarzumachen, was für ein Freak ich war. Er hat nie Hand an mich gelegt, auch nicht an meine Mutter, das muss ich ihm lassen, aber Missbrauch hat viele Gesichter, und obwohl er nicht den Mut hatte, mich selbst zu töten, wusste ich, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als dass ich einfach verschwinden würde, und schon als kleines Kind wünschte ich mir, ich wäre nie auf die Welt gekommen.

 Das sollte sich in der Nacht ändern, in der ich meinem ganz besonderen Engel begegnete.

 In einer außergewöhnlich langen Nacht wurde ich von einem weiteren Streit zwischen meinem betrunkenen Vater und meiner zugedröhnten Mutter wach gehalten. Wir hatten uns außerordentlich verschuldet, weil meine beiden gestörten Eltern nicht in der Lage waren, einen Job zu finden. Ich lag versteckt unter meiner Decke und umklammerte meinen einzigen Freund, mein Stofftier; ein Schwan, der schon zu viele Risse erlitten hatte, kaputt und hässlich wie ich selbst, aber gerade deshalb liebte ich ihn so sehr. 

In der Ecke meines Zimmers bewegte sich etwas und veränderte die gesamte Raumatmosphäre; die Luft wurde schwer und die Geräusche des hitzigen Streits wurden plötzlich von dumpfen Schreien in der Ferne übertönt.

Ich lugte unter der Decke hervor und dachte, mein Vater wäre gekommen, um mich anzuschreien, doch die Beine, die mich empfingen, gehörten zu niemandem und zu nichts, was ich je zuvor gesehen hatte. Sie waren zerschlagen und aufgesprungen, dunkle Flüssigkeit sickerte aus den Rissen in der Haut. Als ich meinen Blick nach oben richtete, um den Rest des nackten Körpers zu betrachten, wurde mir klar, dass diese Kreatur schwer verwundet war, verkohlte Haut bedeckte sein gesamtes Antlitz. 

Es schien ein Mann zu sein, zumindest hatte es die Form eines solchen. Es war etwa drei Meter groß und verfügte über große finstere Rückenflügel, denen neben dem Fleisch auch die Federn zur Hälfte entfernt worden waren, so dass nur noch Knochen und Sehnen frei lagen. Wenn man Monster anhand ihres Aussehens beschreiben könnte, dann würde dieses Ding perfekt passen. 

Ich hätte schreien, zur Tür rennen oder aus dem Fenster springen sollen, irgendetwas, um diesem schrecklichen Anblick zu entkommen, aber irgendetwas an der kaputten Kreatur beruhigte mein kindliches Ich, besänftigte die Angst, die sich in meinem Körper ansammelte. 

“Wer bist du?”, fragte ich, wobei meine Stimme dünner klang als je zuvor. Die Kreatur blickte mich irritiert an. 

“Du hast keine Angst vor mir?”, fragte er.

“Nein, weshalb? Bist du böse?” 

Er lächelte und entblößte eine ganze Reihe fauliger Zähne. 

“Nein, ich bin nicht böse, aber meine Gestalt ruft bei euch normalerweise ein Gefühl der Angst hervor.”

“Ist es, weil du hässlich bist, so wie ich?”

Einen Augenblick lang betrachtete er mich nur, musterte mein missgestaltetes Auge und mein gelähmtes Gesicht, bevor er auflachte.

“Du magst anders aussehen als deine Mitmenschen, aber dein Herz ist so rein wie an dem Tag, an dem du geboren wurdest. Ich erkenne den Kern des Guten in dir.”

Die Kreatur sprach in Worten, die mein frühes Selbst nicht gänzlich verstehen konnte, aber mit dem wenigen Wissen, das ich besaß, konnte ich begreifen, was er war. Ich habe meine Großeltern nie richtig gekannt, tatsächlich war mein Großvater der einzige, der noch lebte, als ich auf diese Welt kam, und ich habe ihn nur ein einziges Mal getroffen. 

Krank und von Tumoren geplagt, erzählte er mir eine Geschichte über die reinsten Wesen, die es gibt, die sich um verlorene Seelen wie ihn selbst in den letzten Momenten ihres Lebens kümmern, und aus einem Grund, den ich nicht begreifen kann, verband ich seine tröstenden Worte mit dem Ding, das vor mir in meinem Zimmer stand.

“Bist du ein Engel?”, fragte ich daraufhin.

Er dachte einen Moment lang nach, bevor er mir antwortete. 

“Ich bin eine … Art von Engel.”

“Und wie heißt du?” 

“Mein Name? Unsere Art hat keine Verwendung für Namen.”

“Jeder hat einen Namen, aber wenn du keinen hast, werde ich einen für dich aussuchen.”

Lange überlegte ich, bis ich mich für den geeignetsten Namen entschied, der mir für den Engel einfiel. 

“Ich werde dich Garry nennen!” erklärte ich aufgeregt. 

“Dann wird dies auch mein irdischer Name sein.”

Ich betrachtete noch einmal seinen zerschundenen Körper und fragte mich, ob er so lädiert geboren worden war wie ich oder ob ihn jemand verwundet hatte. 

“Wie kommt es, dass du so aussiehst?” 

“Eine physische Form anzunehmen, hat seinen Preis, und das fordert einen hohen Tribut von mir. Ich habe keine Erlaubnis erhalten, hierherzukommen.”

Inzwischen hatten meine Eltern aufgehört, sich zu streiten. Ich war wohl lauter, als ich dachte, denn kurz darauf hörte ich, wie jemand durch den Flur in Richtung meines Zimmers schritt. Nach der Schlafenszeit laut zu sein, war ein striktes Verbot, eine Regel, die nur für mich selbst galt. Mein Vater knallte die Tür auf und stürmte in mein Zimmer. Er hielt sich am Hals einer halb leeren Flasche fest und lallte dabei. 

“Ich habe die Schnauze voll von diesem…” 

Er hielt inne und keuchte kurz, bevor er plötzlich stockte. Etwas Unsichtbares hinderte ihn daran, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen, und ich sah, wie der Engel meinen Vater mit einem breiten Grinsen im Gesicht anstarrte. 

“Was bist du, verdammt?”, schaffte es mein Vater, zwischen zwei Luftschnappern hervorzustoßen. 

“Ich bin hier, um dieses Kind zu beschützen. Ihr habt genügend Schaden angerichtet, und nun werdet ihr mein Urteil empfangen.”

Mein Vater begann zu zucken, seine Gelenke verbogen sich in unnatürliche Richtungen und knackten unter der unsichtbaren Gewalt. Er gurgelte und hustete Blut, während sich sein Körper zu einem undefinierbaren Durcheinander aus Fleisch und Eingeweiden verformte. Bevor ich überhaupt begreifen konnte, was geschah, blähte er sich auf, und nur wenige Augenblicke bevor er explodierte, bedeckte er die Wand hinter sich mit dem, was von seiner Existenz übrig war. 

Ich stieß einen leisen Schrei aus. Mehr ließ mein verängstigter kleiner Körper nicht zu. 

Die Kreatur wurde durch mein Klagen unterbrochen. 

“Er wollte dir etwas antun, und mit der Zeit hätte er deinen Tod verursacht. Nicht heute und auch nicht morgen, doch ich musste ihn aufhalten, bevor er irreparablen Schmerz anrichtet.”

Mit einer Handbewegung wurden die Überreste meines Vaters zu Staub und verschwanden, sodass keine Spuren mehr von einem Mord zu erkennen waren. 

“Ich muss gehen. Zu gegebener Zeit werde ich wiederkehren, aber ich fürchte, das ist erst der Anfang der Dinge, die noch kommen werden. Es tut mir so leid.”

An viel mehr erinnerte ich mich in dieser Nacht nicht, abgesehen davon, dass meine Mutter hysterisch herumschrie, als sie merkte, dass ihr Mann verschwunden war, und dass die Polizei Fragen stellte, als er als vermisst gemeldet wurde. Natürlich wurde er nie gefunden, und mit der Annahme, dass er einfach abgehauen war, wurden die Ermittlungen rasch eingestellt. 

Es war eine bittersüße Wende zu einem besseren Leben. In den Jahren nach dem Tod meines Vaters ging es schnell bergauf. Meine Mutter tat ihr Bestes, um von den Drogen loszukommen, sie bekam sogar einen Job, und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass mich jemand liebte. 

Das Trauma, das ich erlebt hatte, lastete nicht mehr auf uns. Es war, als würde etwas mein Gedächtnis schützen und mich daran hindern, diesen schrecklichen Moment wieder zu erleben. Meine Mutter und ich zogen in eine andere Stadt und versuchten, einen Neuanfang zu wagen. Es war schwierig, genug Geld für ein solches Unterfangen aufzutreiben, aber es gelang uns irgendwie, zumindest schien es für eine kurze Zeit so. Leider sollte es nicht von Dauer sein. 

Trotz aller Bemühungen ist es nicht leicht, als alleinerziehende Mutter die Sucht zu bekämpfen und gleichzeitig hoffnungslos verschuldet zu sein. Es bedurfte nur eines Ausrutschers, der an meinem ersten Tag an einer neuen Schule stattfand. Ich merkte schon, dass etwas nicht stimmte, als sie mich von der Schule abholte, und im Nachhinein hätte ich genug wissen müssen, um einen Lehrer zu alarmieren, aber da ich unter Vertrauensproblemen litt und nicht in der Lage war, auch nur einen Moment vorauszudenken, ließ ich sie hinter das Steuer eines Autos. 

Keine fünf Minuten nachdem wir losgefahren waren, übersah sie ein Stoppschild und wir wurden von einem Bus seitlich angefahren. Es stimmt, was man sagt: Die Zeit verlangsamt sich wirklich, wenn das Adrenalin durch deinen Körper schießt. Der Anblick des splitternden Glases im Auto und des nach innen gebogenen Metalls hat sich mir viele Jahre lang eingeprägt, aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte mich nur an einen Moment des puren Schreckens erinnern, bevor ich ohnmächtig wurde. 

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich am Straßenrand liegend wieder, einigermaßen unversehrt von der Tortur. Ich konnte sehen, wie unser Auto weiter unten auf der Straße in Stücke gerissen wurde, aber irgendetwas hatte mich noch vor dem Aufprall aus dem Vehikel herausgezogen. 

“Es tut mir leid”, flüsterte eine vertraute Stimme. 

Als ich mich umwandte, stand mein Engel über mir, noch verwahrloster als bei unserer ersten Begegnung. Sein Fleisch hatte sich von seiner Brust gelöst und gab den Blick auf Rippen und Organe frei, die bei jedem Atemzug noch immer schwer pulsierten. 

“Wo ist meine Mami?”, fragte ich den Engel. 

“Ich konnte nur einen von euch retten.”

Seine Worte trugen die Last der Schuld und des Kummers. Er beugte sich auf meine Höhe hinunter und streckte seine verfaulte Hand aus. 

“Ich glaube, das gehört dir.”

Es war das Schwanenplüschtier. Er bürstete einige Glasscherben ab und reichte es mir. 

“Sie ist tot, nicht wahr?”, fragte ich erneut, mit einer Ruhe in der Stimme, als würde die Realisation des Todes meiner Mutter mich nicht erreichen wollen. 

Er nickte stumm. 

“Warum hast du sie nicht retten können?” 

“Ich hätte es nicht tun dürfen.”

“Warum nicht?” 

“Eines Tages werden dir alle Antworten vorliegen, aber bis dahin musst du Geduld haben. Es ist noch nicht an der Zeit für dich.”

“Ich … verstehe das nicht.” 

Bevor ich noch mehr Fragen stellen konnte, verschwand der Engel und ließ mich mit niemandem außer der verstümmelten Leiche meiner Mutter zurück, die immer noch im Auto feststeckte. 

Die Jahre vergingen, und ich verbrachte den größten Teil meiner Kindheit damit, von einer Pflegefamilie zur nächsten zu ziehen. Trauma und Missbrauch fordern ihren Tribut von einem jungen Kind, und so wie es aussah, konnte ich einfach nicht in eine neue Familie passen, und ich habe keine gefunden, die bereit war, sich um jemanden zu kümmern, der so gebrochen war. 

Gelegentlich erinnerte ich mich an die Worte des Engels von unserem ersten Treffen, dass die schlimmen Dinge erst am Anfang stünden, aber dass meine Kindheit zwar einsam, aber relativ sicher gewesen sei. 

Ich würde meinen Engel erst wiedersehen, wenn ich auf der Highschool wäre. Wenn du jemals gedacht hast, dass Mobbing an einem bestimmten Punkt in der Schulzeit aufhört, dass die Menschen mit zunehmendem Alter irgendwie reifer werden, hast du dich gewaltig geirrt. 

Wegen meines entstellten Aussehens konnte ich weder den bösen Blicken noch den Tyrannenbanden entkommen. Eine besonders üble Gruppe wurde von einem Mädchen namens Jennifer angeführt, die Stühle vor die Badezimmertüren stellte, wenn ich hineinging, um “anderen den Anblick meines ekelhaften Gesichts zu ersparen”

Eines Tages, kurz nach dem Sportunterricht, war ich nicht schnell genug, um zu duschen und die Umkleidekabine zu verlassen, so dass ich mich in der Falle von Jennifers bösartiger Bande wiederfand. Sie hatten meine Kleidung gestohlen und meinten, wenn ich den Rest des Tages nackt verbringen würde, würde das vielleicht von meinem entstellten Kopf ablenken. 

Sie lachten zusammen, während sie mich herumschubsten. Kalt, nass und nackt konnte ich nichts anderes tun, als meine Tränen zurückzuhalten. 

Wie aus dem Nichts erschien mein Engel. Er stellte sich direkt hinter die Mädchengruppe und schaute mich an. Seine Flügel waren inzwischen größtenteils abgefallen, so dass nur noch ein paar Knochensplitter aus seinem Rücken ragten, und sein Gesicht war zu einem unerkennbaren Durcheinander aus zerfetztem Fleisch geworden. 

Er nickte nur, bevor er sich wie immer in Luft auflöste. Kaum war der Engel weg, begann Jennifer laut zu schreien. Sie hatte in den Spiegel geschaut und den Engel gesehen, aber das war nicht der Grund, warum sie so aufgebracht war.

“Was hast du mit mir gemacht, du durchgeknallte Schlampe?”, schrie sie mich an. 

Ich verstand nicht, warum sie sich so aufregte. Wenn nicht der Anblick des Engels, was konnte dann so beunruhigend sein, aber ich wollte nicht länger bleiben und nachdem ich mich in Rekordzeit angezogen hatte, spurtete ich aus dem Duschraum. 

Nach diesem Tag schikanierte mich niemand mehr, aber die Gerüchte waren bis in jeden Winkel der Schule gedrungen und die Leute hielten mich wirklich für eine Art Hexe. Jennifer kehrte nie wieder zurück und keiner wollte mir berichten, was mit ihr passiert war. Was auch immer es war, sie hatte es nicht verdient, trotz der Dinge, die sie mir angetan hatte, niemand verdiente den Zorn eines Engels.

Ich verbrachte die nächsten Wochen damit, den Engel zu suchen, wachte nachts auf und schrie um seine Aufmerksamkeit, aber er reagierte nicht. 

Durch eine bizarre und grausame Wendung des Schicksals wurde das Mobbing zur einzigen Aufmerksamkeit, die mir je zuteil wurde, und ohne diese fühlte ich mich noch isolierter als sonst. Der Schlaf blieb mir verwehrt, und mit jeder Nacht, die ich weinend verbrachte, rückte ich näher und näher daran, schließlich diesen Schritt zu wagen und mein erbärmliches Dasein zu beenden. 

Ich schätze, dass der Engel das nicht kommen sah, denn aus irgendeinem Grund erschien er mir noch einmal, nur war ich dieses Mal selbst die Gefahr. 

“Bist du endlich bekommen, um mich wiederzusehen? Warum machst du dir überhaupt die Mühe, gibt es denn niemanden, den du beschützen kannst, der dir wirklich etwas bedeutet?”

“Du hast ein gutes Herz, deshalb habe ich dich ausgewählt.” meinte er besonnen. 

“Wofür hast du mich ausgewählt?”, antwortete ich, mehr verärgert als betrübt. 

Er antwortete nicht auf meine Frage. 

“Ich war auch einmal ein Mensch. Vor langer Zeit wurde ich auserwählt, um Menschen zu beschützen, und selbst jetzt weiß ich nicht, warum sie mich auserkoren haben.” 

“Du wurdest also ausgewählt, um Menschen wie mich zu beschützen?” 

“Nein, meine Aufgabe war es, wichtige Menschen zu beschützen, die einen Einfluss auf die Geschichte haben würden, und ich habe diese Befehle jahrtausendelang befolgt, ohne sie in Frage zu stellen, in dem Glauben, die Geschichte zu formen und in die gewünschte Richtung zu lenken, aber die Menschen, die Einfluss auf die Welt haben, sind im Kern nicht immer gut, eine Tatsache, die ich viel zu lange nicht erkannt habe.”

Ich war irritiert, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht das Gefühl, dass ich einen wichtigen Einfluss auf die Geschichte haben würde, also stellte ich die einzige Frage, die ich stellen konnte. 

“Du glaubst also, dass ich einen bedeutenden Beitrag für die Welt leisten werde?”

 Er schüttelte den Kopf.

“Ich kann weder Ansehen noch äußere Schönheit oder Betragen definieren. Ich habe meinen Posten aufgegeben, weil ich nicht mehr daran geglaubt habe; deshalb verfalle ich jedes Mal, wenn ich dich besuche. Ich bin nicht dazu berufen, dich zu beschützen.”

“Warum tust du es dann?” 

“Weil du ein guter Mensch bist.”

“Gut genug, um andere Menschen leiden zu lassen?”, fragte ich und wurde von Minute zu Minute wütender. 

Er sah mich ratlos an, als hätte er in der Vergangenheit niemals zugelassen, dass andere Menschen verletzt werden oder sogar sterben. 

“Ich verstehe das nicht.”

“Was hast du mit Jennifer gemacht?”, verlangte ich zu wissen. Sie war in den letzten Jahren ein schrecklicher Albtraum gewesen, aber rechtfertigte ihre Folter das, was der Engel getan hatte? 

“Ich habe sie nur dazu gebracht, zu sehen, was sie wirklich ist”, sagte er. 

“Und was ist das?” 

“Jemand, der Dunkelheit in seinem Herzen trägt.”

Ich schüttelte den Kopf mit einer Melange aus Wehmut und Zorn. 

“Was wird mit ihr geschehen?”

“Das spielt keine Rolle.”

“Doch, das tut es, verdammt.” 

“Die Wahrheit über sich selbst wird sie niederdrücken und sie wird sich schließlich selbst aufgeben, weil das einzige, was sie im Spiegel sieht, ihre eigene Seele ist. Ihr Leben wird durch ihre eigene Hand enden.”

Wir starrten uns schweigend an. Obwohl wir keine Worte sprachen, kommunizierten wir miteinander. Der Engel zeigte mir Visionen von der Zukunft, von dem Schmerz, den ich wegen des Bösen in den Herzen der Menschen erleiden würde, und er zeigte mir, dass all das in Ordnung gebracht werden könnte, wenn ich ihm nur erlaubte, mir zu helfen. 

“Ich werde das nicht zulassen. Hör sofort damit auf!” 

“Ich muss dich beschützen.” 

“Nicht auf diese Weise.” 

“Sie ist dir wichtig, trotz allem, was sie getan hat?” 

Ich dachte eine Weile über diese Aussage nach. Natürlich bedeutete sie mir nichts, aber jemandem zu erlauben, sich selbst zu töten, damit ich mir das Unbehagen ersparen konnte, war ein verstörender Gedanke. 

“Was auch immer du getan hast, mach es rückgängig, so will ich nicht mit meinen Problemen umgehen.” 

“Ihre Taten sollten also nicht bestraft werden?” 

“Sie ist ein Kind, wie ich, sie kann sich noch ändern.” 

Er validierte meine Forderung und ich erkannte, dass er gerade gehen wollte.

“Warte!” 

Ich kramte in meiner Schublade, um nach meinen alten Sachen zu suchen. Nach einer Minute zog ich den Schwanenplüsch aus meinen Kindertagen heraus, dessen Farbe inzwischen verblasst war und dessen Gliedmaßen teilweise zerfetzt wurden. 

“Das ist für dich, um dich daran zu erinnern, dass nur weil etwas kaputt ist, es nicht heißt, dass es nicht schön ist, und es bedeutet auch nicht, dass es nicht repariert werden kann.”

Damit verschwand er wieder. In den nächsten zehn Jahren tauchte er ein paar Mal auf, kam aber nie nahe genug heran, um ein paar Worte zu wechseln. Selbst aus der Ferne konnte ich sehen, dass er mit jedem Mal, wenn er auftauchte, mehr und mehr verfiel. Obwohl mein Leben nie in Gefahr war, wusste ich, dass er etwas getan haben musste, um mein Leben zu schützen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich das wissen wollte. 

Nur Andeutungen von gefährlichen Dingen lassen mich wissen, dass es in dieser Welt hinter jeder Ecke Schrecken gibt, und wenn wir nur die Hälfte davon wüssten, wären wir wahrscheinlich zu verängstigt, um unsere Häuser zu verlassen. 

Ich begann mich zu fragen, ob wohl alle Menschen einen eigenen Engel wie meinen hatten, einen, der seinen Posten verließ, um unbedeutende, aber anständige Menschen zu beschützen. 

Erst im Sommer 2018 waren wir uns nahe genug, um ein paar Worte miteinander 

zu wechseln, und wie ich jetzt weiß, war es das letzte Mal. Ein einfacher Abend, nach jahrelanger Aufarbeitung meiner Vergangenheit hatte ich eine Ausbildung, einen Job und sogar ein paar neue Freunde gefunden. Das Leben war erträglich geworden. 

Wir beschlossen, in die Clubs zu gehen. Meine Freunde bestanden darauf, dass ich etwas Neues ausprobiere, aber ich bin früh gegangen, denn Clubs waren wirklich nicht mein Ding, aber es ist nicht immer sicher, nachts allein nach Hause zu gehen. Und es ist nicht sicher, wenn die Leute denken, dass du ein leichtes Ziel bist. 

Als ich die leere Straße überquerte, näherte sich mir ein schwer gekleideter Fremder. Er trug einen Kapuzenpulli, gerade so viel, dass man ihn nicht erkennen konnte, und ich fühlte mich deshalb sofort unbehaglich. Er rempelte mich an und verlangte, dass ich ihm meine Brieftasche gebe. Als er das tat, spürte ich, wie etwas Hartes gegen meine Seite drückte, ein Messer oder eine Pistole. 

Ich war noch nie gut darin, diese Dinge zu identifizieren, aber ich fürchtete um mein Leben. Unmittelbar nachdem ich Panik verspürt hatte, sah ich meinen Engel direkt vor uns erscheinen. Ein Bein fehlte ihm und sein halbes Gesicht war schon halb abgefallen. 

Der Straßenräuber schrie entsetzt auf und erstarrte. Ich erinnerte mich wieder an meinen gelähmten Vater, der von dem Engel zerrissen wurde, aber diesmal passierte nichts, der Straßenräuber blieb einfach eine Minute lang stehen. 

“Ich werde ihn nicht töten, aber er wird große Schmerzen haben, wenn er wieder aufwacht”, meinte der Engel. 

Der Straßenräuber fiel schlaff zu Boden, ein paar Tropfen Blut sickerten aus seiner Nase und seinen Ohren. Sobald die Bedrohung beseitigt war, brach auch der Engel ebenfalls zusammen, er war am Ende. 

Ich eilte herbei und nahm das, was von ihm übrig war, in meine Arme. Eigentlich wollte ich etwas sagen, ein paar tröstende Worte finden, aber es kam nichts dabei heraus. 

“Erinnerst du dich an den Namen, den du mir gegeben hast?”, fragte der Engel schwächlich. 

Ich dachte zurück an unser erstes Treffen, es war nur ein dummer Gedanke eines fünfjährigen Mädchens, aber ich erinnerte mich. 

“Ja, ich habe dich Garry genannt.” 

Er lächelte mich an. 

“Das ist ein guter Name.”

“Danke”, sagte ich leise, während sich Tränen in meinen Augen bildeten. Sein Fleisch zerriss unter meinen Fingern und löste sich auf, als ich seine Hand festhielt, wobei Fleischstücke und Knochensplitter zurückblieben. 

“Bitte sage mir, wie ich dich retten kann.” 

“Ich habe Tausende von Jahren gelebt, und nur, um dir zu helfen, hat sich das alles schon gelohnt. Ich habe meine Entscheidung getroffen, die Frage ist nur, ob du sie akzeptieren wirst.”

“Was akzeptieren?” 

“Ich habe dich aus einem bestimmten Grund ausgewählt, die Welt braucht jemanden, der sie beschützt, normale Menschen, die einfach nur versuchen, ihr Leben zu bewältigen.” 

Ich wusste, worauf er hinauswollte: Er wollte, dass ich wie er ein Engel werde, um anderen in Not zu helfen. 

“Wie soll ich so etwas überhaupt schaffen?” 

“Du musst einfach nur Ja sagen.”

Sein Gesicht begann zu zerfallen, sein Kiefer sackte ab und er konnte nicht mehr sprechen. Er streckte nur noch seine Hand aus, in der er den Schwan hielt, den ich ihm Jahre zuvor geschenkt hatte. 

Das sollte seine letzte Tat sein, bevor er verschied. 

Als ich den toten Körper meines Engels hielt, begann ich zu weinen. Er hatte mich mein ganzes Leben lang beschützt, und zum ersten Mal war ich wirklich allein und fragte mich, was eigentlich mit Engeln passiert, wenn sie sterben. 

Es ist jetzt einen Monat her, seitdem ich Garry das letzte Mal gesehen habe, und seither habe ich versucht, eine Entscheidung zu treffen. Wenn ich mich entscheide, mein Leben hinter mir zu lassen, werde ich wohl nicht so zerfallen wie er, denn ich habe ja keine höhere Macht verraten. Das Leben war hart und hat viel zu wünschen übrig gelassen, und wenn ich jetzt gehe, werde ich nie ein glückliches Leben führen, aber ich kann den Rest der Ewigkeit damit verbringen, die weniger glücklichen Menschen auf dieser Welt zu behüten. 

Ich schätze, niemand hier wird mich jemals wiedersehen, nicht nachdem ich gegangen bin. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie das alles funktionieren wird, aber ich nehme an, dass ich die ganze Ewigkeit Zeit haben werde, es herauszufinden. 

Aber eines ist sicher: Wenn mich jemand braucht, dann werde ich da sein.

 

 

Original: RichardSaxon

Bewertung: 4.5 / 5. Anzahl Bewertungen: 2

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"