EigenartigesLang (20+ Minuten)LegendenMord

Wolfsjagd (2)

Die Jagd nach einem Mörder zwischen den Welten

– Kapitel 2 –

Ich versuchte mich zu beruhigen und eine logische Erklärung für die Einstichstelle zu finden, aber so sehr ich mich auch bemühte, gelang es mir nicht es anders zu begründen als damit, dass diese Begegnung tatsächlich passiert ist, hier in meiner Wohnung, in unserer Realität, auch wenn ich noch immer gewisse Zweifel daran hatte.
Eine andere Erklärung konnte es nicht geben, zumindest vorerst nicht.

Noch immer keuchend und verwirrt verlor ich keine Zeit und wollte den Superintendent benachrichtigen, als ich inne hielt und über mein Vorhaben nachdachte.
Was sollte ich ihm sagen?
Die Wahrheit?
Würde er mir die Geschichte überhaupt glauben?
Dass mich nicht nur der scheinbare Mörder der Studentin in meinem Haus besucht und mich überfallen hatte, sondern auch jene Erscheinung aus meinem Traum gewesen war?

Nein, vermutlich würde niemand einem so etwas glauben, sondern eher denken, dass die Person mehr als nur psychologische Hilfe benötigte.

Ein Anflug von Kopfschmerzen erfassten mich, während ich noch immer versuchte mir selbst zu erklären, ob das alles wirklich passiert war oder mir meine Ängste und mein Verstand in Folge dieses Traumes einen Streich spielten.

Aber … warum sollten sie das tun?
Ich stellte mich gerade hin, atmete tief durch und verdrängte die Gedanken, denn solange ich keine einzige meiner Fragen beantworten konnte hatte ich andere Dinge, die meiner Aufmerksamkeit bedurften.

Ich ging nach unten, wo ich mir ein Glas Wasser eingoss und es mit ein wenig Zucker mischte, den ich in diesem Moment brauchte, und mir neue Energie geben würde um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Mit wenigen Zügen trank ich das Glas aus, atmete tief durch und schaute zum Wohnzimmer, welches dunkel und ruhig da lag, spärlich beschienen vom Licht des Flurs.

Ein Gedanke drängte sich mir auf, aber sagte ich mir erneut, dass es keinen Beweis für seine Anwesenheit gab, selbst die Einstichstelle konnte ich mir einbilden. Zögernd betrat ich das Wohnzimmer und schaltete die indirekte Beleuchtung des Raumes ein, wodurch er sich mit warmen Licht flutete und ihn in ein sanft blasses gelb tauchte.

Das Feuer im Kamin war längst erloschen, lediglich ein kleines Häufchen Asche, das nicht durch das Gatter in den Auffangbehälter gerieselt war, lag noch dort und zeugte von den einstigen Scheiteln Holz, die vom Tanz der Flammen verzehrt worden waren.
Auf dem Tisch vor der Couch fand ich meine Waffe.
Das Magazin sowie die einzelne Patrone in der Kammer waren entfernt worden, die Waffe selbst war gesichert und ich wusste, dass es nicht ich gewesen bin, die sie dort offen und beinahe präsentativ hingelegt hatte. Vorsichtig und mit einem schweren Keuchen ging ich langsam auf den Tisch zu, wobei ich mich immerzu umschaute um nicht noch einmal den Fehler zu machen von der Gestalt des Täters überrascht zu werden.

Nichts geschah.
Ich nahm mir die einzelne Patrone, schob sie zurück ins Magazin, griff nach der Waffe, schob das Magazin hinein und zog den Schlitten nach hinten. Mehrere verschiedene Klänge von Metall ertönten während dieser Vorgänge – das Schieben des Schlittens, das Klicken des Einrastens und der Patrone, die vom Schlitten aus dem Magazin in die Schusskammer geschoben wurde, sowie der Sicherung, die ich entsicherte.
Anschließend setzte ich mich auf die Couch, die Hand fest um den Griff der Waffe gelegt.
Dann wartete ich.
Ich wartete darauf, dass es Zeit wurde mich für den anstehenden Tag fertig zu machen und die Ermittlungen weiter zu führen. Obwohl ich nicht mehr schlafen konnte und es angesichts dessen, was mich erwarten könnte, auch nicht wollte, schloss ich dennoch für ein paar Minuten die Augen, die ich wieder öffnete als mein Handy klingelte.

Ich atmete kurz durch, schaltete den Wecker aus und machte mich für die Arbeit fertig, wobei ich immerzu die entsicherte Waffe in meiner Nähe hatte.

•••

Als ich die Wache betrat versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen und genoss das dortige Getümmel sogar ein wenig, da es mir dabei half die Gedanken beiseite zu schieben und mich auf andere Dinge zu konzentrieren, ob sie mich interessierten oder nicht. Es war diese gedankliche Ablenkung, die ich in diesem Moment brauchte um meine ganze Aufmerksamkeit wieder auf das Wesentliche zu richten.

Nachdem ich die Übergabe abgeschlossen hatte meldete ich mich ab und machte mich auf den Weg zum Campus der Universität, wo ich mit Claires Kommilitonen sprechen wollte. Genau wie gestern wartete die Direktorin direkt am Eingang zum Campus auf mich und führte mich anschließend zu ihrem Büro, welches sich im Verwaltungsgebäude nahe des im Zentrum liegenden Campusplatzes befand und weitaus größer war als das unseres Superintendent. Im Foyer, wo sich das Sekretariat und die Ansprechstelle befanden, warteten bereits die schweigenden Studenten, noch immer sichtlich angeschlagen und kaum bei Kräften für die kommende Einzelbefragung – Ich konnte es ihnen nicht verdenken.

In den nächsten zweieinhalb Stunden versuchte ich so viel über Claire herauszufinden, wie ich konnte.
Immer wieder gegen die Tränen ankämpfend erzählten mir die Vier von ihr, das sie die Art von Mensch gewesen ist, die man ihr auch direkt angesehen hatte – Zurückhaltend, schüchtern, aber auch freundlich und offen, naiv und besaß dabei dennoch zahlreiche Facetten, bei denen sich die Vier einig waren, trotz der langen Zeit, in der sie ihre Kommilitonin nun schon kannten, sie nicht alle zu kennen.

Auch wenn es ihnen schwer fiel auf diese Frage zu antworten, aber taten sie es ohne zu zögern, als es darum ging, wer ihr etwas zuleide tun wollte oder ob sie sich irgendwelche Feinde gemacht hatte, wobei jeder von den vieren seine eigene Meinung dazu hatte.

“Viele haben Claire gemocht, auch wenn sie nicht so viel mit ihr zu tun hatten.”, meinte Amanda, eine Freundin, die Claire durch das Studium kennengelernt hatte, ein wenig schluchzend.

“Ich wüsste jetzt keinen.”, erklärte Salim sachlich. Ich sprach ihn darauf an, dass irgendjemand auf sie eifersüchtig gewesen sein konnte angesichts ihrer Erscheinung. “Ja, das stimmt. Auf viele der Jungs hatte sie Eindruck gemacht, obwohl sie das nie beabsichtigt hatte. Auch wenn sie ihnen immer verdeutlichte, kein Interesse an ihnen zu haben, schien sie das allerdings nur noch mehr anzuspornen. Einmal ist es sogar so weit gekommen, dass sich Claire gewehrt und dem Typen, der sie bedrängt hatte, eine klebte und das vor seinen Freunden.”

“Einige der anderen Studentinnen, aber auch einige der Typen hielten nicht viel von ihr, ohne sie wirklich zu kennen.”, erklärte Naomi, eine Freundin, die Claire bereits seit der Schule kannte. Ich ging näher auf ihre Erklärung ein und fragte warum sie sie abgelehnt hatten, wobei sie nur mit den Schultern zuckte. “Das Einzige, was ich mir vorstellen könnte sind ihre Leistungen und ihr Arrangements, mit denen sie sich schon damals in der Schule bei einigen unbeliebt gemacht hatte. Aber vielleicht lag es auch einfach an ihrem Charakter, den man nur gern haben konnte.”

“Während sich andere nach den Vorlesungen trafen, Party machten und das Leben genossen, war Claire eine von den Studenten, die entweder arbeiten ging oder sich direkt an ihre Arbeiten setzte bis sie perfekt waren und … das waren sie.”, erzählte Anna, aus deren Stimme ich einen leichten Akzent hören konnte. “Sie nahm sich nur wenig Zeit für sich, aber wenn sie es tat, dann nutzte sie sie auch.”

Ich erkundigte mich, was sie neben der Arbeit in ihrer Freizeit trieb, aber genau wie auf die vorige Frage konnten sie mir dazu nicht viel sagen. Fast alle erklärten sie mir, dass ihnen Claire noch immer so unbekannt und fremd war, während sie selbst fast alles über ihre Freunde wusste. Nur Naomi sah ich an, dass sie mehr zu wissen schien, nicht zuletzt, da sie Claire im Vergleich zu den anderen dreien am längsten kannte. Ich betrachtete die Studentin, die sich unwohl zu fühlen schien, während sie zugleich versuchte meinen Blick zu meiden.

“Naomi, ich will dich nicht dazu zwingen müssen, schließlich hast du das Recht zu schweigen, aber ich weiß, dass du genau wie anderen möchtest, dass der Täter gefasst wird und jede Information, die du mir geben kannst, kann mir dabei helfen.”, redete ich ihr ruhig zu. Ich beobachtete sie einen Moment, als sich Tränen in ihren Augen sammelten und sie zu schluchzen begann.

“Es … es ist meine Schuld.”, sagte sie zitternd.

“Wie kommst du darauf?” Sie drehte sich zu mir und versuchte ihre Emotionen zurückzuhalten, während sie mir erzählte, wie Claire sie vor einem Jahr geküsst und ihr gestanden hatte, dass sie schon seit der Schule Gefühle für sie hegte, sich aber bis zu diesem Zeitpunkt nie wirklich getraut hatte ihr das zu sagen. Naomi war von dem Geständnis ihrer Freundin jedoch überrascht und ein wenig verwirrt gewesen und wusste nicht wie sie sich in diesem Moment verhalten sollte, was sie darauf erwidern sollte, weshalb sie einfach gegangen ist und Claire alleine ließ. Seitdem war ihre freundschaftliche Beziehung zueinander ein wenig distanzierter geworden, ohne dass es den anderen wirklich aufgefallen war. Schließlich erzählte sie, wie sie am Tag von Claires Ermordung mit ihr darüber reden wollte, als sie sie mit einer anderen Studentin gesehen hatte.

“Zuerst wirkte es nur so, als ob sie Claire bedrängt hätte, aber dann … sah ich, wie sie die Hand in Claires Nacken legte, sich an sie schmiegte, sie küsste und wie Claire die Geste nach einigem Zögern erwiderte.”

“Hast du erkannt, welche Studentin es war?”

“Es war Lin. Lin Uyumi oder Simmons. Sie studiert mit einem Vollzeitstipendium Grafikdesign drüben an der Akademie, das eigentlich Claire zustand.” Sie klang erregt und wütend.

“Die Begegnung zwischen Claire und Lin muss dich eifersüchtig gemacht haben, oder?”

“J-Ja.”

“Hast du sie darauf angesprochen?”

“Nach der Vorlesung.”

“Und wie ist die Unterhaltung verlaufen?”

“Ich konfrontierte sie damit, fragte sie, wie sie etwas mit dieser Schlampe anfangen konnte, wo sie von ihr bereits in der Schule schlecht behandelt worden ist und wir uns doch schon länger kannten. Und dann, als ich diese Distanz und dieses kalte Verhältnis zwischen uns nicht mehr ertragen konnte, der Sache eine Chance geben wollte, sehe ich sie nicht nur mit einer anderen, sondern ausgerechnet mit ihr.”

“Das muss dich wütend gemacht haben.”

“Aber hätte ich sie doch deshalb nicht getötet. Ich hätte ihr nie etwas zu leide tun können.”, verteidigte sie sich verzweifelt als ob sie befürchtete, dass ich sie für schuldig hielt.

“Aber hast du das nicht durch deine Zurückweisung von vor einem Jahr?” Ich war selbst überrascht, wie kalt und emotionslos ich ihr diese Frage stellte. “Sie hat dir ihre Liebe gestanden, aber hast du sie zurückgewiesen. Sie fühlte sich alleine, verlassen von dem Menschen, den sie gerne hatte. Vielleicht lag es einfach nur an der Überraschung, die dich überrollt hat, aber scheinst du bereits eine Entscheidung getroffen zu haben.” Sie schüttelte den Kopf, verneinte vehement meine Äußerung, als ob es die falsche Schlussfolgerung wäre. Ich wusste, wie verwirrt, bestürzt und verzweifelt sie in dieser Situation gewesen sein musste, aber auch wenn ich hätte aufhören wollen, konnte ich es nicht. Nicht solange meine Fragen nicht beantwortet wären, denn hatte ich eine Aufgabe, die ich zu erfüllen hatte. “Ich kann verstehen, dass du dich bei dem Anblick verletzt gefühlt haben musst, aber ging es Claire damals sicher nicht anders.”

“Dieselben Worte hatte sie auch in ihrem Brief genutzt.”, schluchzte sie.

“Welchen Brief?” Ich beobachtete sie dabei, wie sie in ihre Tasche griff und einen Brief hervorholte, den sie mir offen auf den Tisch legte.

“Bei unserem Streit wollte sie es mir erklären, wollte, dass ich es verstehe, aber ließ ich ihr keine Möglichkeit. Ich ließ sie verletzt … und alleine zurück.” Erneut kämpfte sie gegen einen emotionalen Zusammenbruch. “Meine letzten Worte an sie waren nur, dass unsere Freundschaft vorbei ist, dass ich so dumm war zu glauben sie wäre anders als die anderen und dass sie mich einfach nur noch in Ruhe lassen soll.”

Ich beendete das Gespräch angesichts der Emotionen, der Trauer und des Selbsthasses, die in ihr tobten und völlig überwältigten. Ich brachte sie nach draußen zu den anderen. Amanda nahm die Freundin in die Arme und stützte sie, um ihr emotionalen Beistand zu leisten. Mit einem Gefühl von Mitleid betrachtete ich die Vier einen Moment lang, ehe ich sie darum bat sich für weitere Fragen bereit zu halten, sollten sich diese im weiteren Verlauf der Ermittlungen ergeben. Dann ließ ich sie gehen.

Bevor ich den Campus wieder verließ bat ich die Direktorin darum, Claires Zimmer, das sie auf dem Campus bewohnte, zu sehen. Wie sie mir jedoch erklärte, könne ich dies heute nicht mehr, da ein neuer Zweitschlüssel angefertigt werden musste, nachdem Claire den Zweitschlüssel nach dem Verschwinden des Erstschlüssels erhalten hatte. Ich fragte sie, warum man nicht einfach das Schloss ausgetauscht hatte. Dieses Vorhaben, welches für sämtliche Schlösser des Wohnheimes galt, sollte während der kommenden Semesterferien umgesetzt werden. Zudem wurde das Wohnheim stehts von einem Sicherheitsbeamten bewacht und sofern keine entsprechenden Anträge gestellt wurden, um 23 Uhr verschlossen. Somit verabredeten wir uns zu morgen, bevor ich mich auf den Weg zur Gerichtsmedizin machte.

Es war bereits das zweite Mal, dass ich sie so sah, entkleidet, mit nichts anderem bedeckt als mit einem dünnen Laken auf einer stählenden Bahre liegend. Sie war blass, die Lippen hatten eine bläuliche Färbung angenommen und dennoch überwog die Schönheit ihres Antlitzes diesen betrüblichen Anblick. Gestern betrachtete ich sie noch mit einem neutralen Blick, aber hatte ich das Gefühl, je mehr ich über sie heraus fand, desto mehr sah ich sie mit anderen Augen, auch wenn ich mir noch nicht sicher war mit welchen.

Ich hörte, wie sich eine der Schwingtüren auftat und Doktor Layhne eintrat, die ein wenig überrascht von meiner Anwesenheit war, als sie mich an der Wand mit den Kühlfächern neben Claires Körper stehen sah und sie betrachtete, ohne den Blick abzuwenden.

“Und?”, sprach sie mich ruhig an. “Kannst du dir schon ein Urteil bilden?”

“Noch nicht.” Ich atmete kurz durch. “Ich habe heute mit ihren Freunden gesprochen.”

“Und, hat sich etwas ergeben?”

“Nicht viel.”, antwortete ich mit einem enttäuschten Unterton. “Ihren Aussagen zufolge war Claire eine zurückhaltende, aber auch offene und fleißige Person, die fast jede freie Minute für das Studium oder die Arbeit opferte.”

“Und wenn sie sich mal eine Auszeit genommen hat?”

“Anders als andere hielt sie ihr Privatleben geheim. Nicht einmal ihre Freunde wussten, was sie in ihrer freien Zeit unternahm, wenn sie nicht gerade mit ihr unterwegs waren.”

“Wenn du mich fragst wirkt das schon ein wenig seltsam, oder?”, meinte sie nachdenkend. “Ich meine, meine Kommilitonen wussten fast alles über mich und ich über sie.”

“Du warst ja auch keine normale Studentin.”, antwortete ich schlicht.

“Auch wieder wahr, aber … war sie das ebenso wenig.” Ein Moment des Schweigens verging. “Ob es vielleicht einen geheimen Freund gab?”

“Kein Freund. Eine Freundin.” Ich wusste, dass sie mich anschaute, weshalb ich ihr den eingetüteten Brief überreichte. Sie nahm ihn an sich, setzte die Brille auf und las sich die Zeilen durch.

Meine liebe Naomi, mir ist bewusst, dass unsere jahrelange Freundschaft zu Ende gegangen ist, obwohl ich gehofft hatte, dass es nicht so weit kommen würde als du mich mit deiner Beobachtung konfrontiertest. Ich mache dir keinen Vorwurf, wie du reagiertest, darum schreibe ich dir diese Zeilen, in der Hoffnung, dass ich es dir auf diesem Wege erklären kann und wir uns vielleicht ein letztes Mal zusammen setzen und reden könnten, um zumindest friedlich und reinen Gewissens getrennte Wege zu gehen.
Nachdem, was letztes Jahr passiert ist, hatte ich immerzu gehofft, du würdest auf mich zukommen, damit wir uns aussprechen könnten, aber nachdem eine Woche nach der anderen verging, dachte ich, du hättest eine Entscheidung getroffen, ohne sie mir zu sagen. In dieser Zeit des Wartens traf ich erneut auf Lin, obwohl sie mich zuerst nicht wieder erkannte, aber genau wie du mit mir reden wollte, über das, wie sie mich damals behandelt und was sie mir alles angetan hatte. Ich hörte ihr zu, hörte mir an, was sie zu sagen hatte und war mir zunächst unsicher, ob sie es wirklich so meinte, aber stimmte ich trotzt einigen Zögern schließlich einem zweiten Treffen zu und danach noch einmal und da verstand ich, dass sie es auch wirklich so meinte.
Und dann war es wie bei uns damals.
Sie begleitete mich von der Arbeit zurück zum Campus, als sie mich in eine kleine, schön beleuchtete Seitengasse zog, mich an die Wand drückte und mich küsste, noch bevor ich verstand, was gerade passierte. Genau wie du war ich überrascht und wusste nicht, wie ich reagieren sollte, aber ließ ich es einfach zu, wehrte mich nicht dagegen, denn fand ich nach deiner letztjährigen Entscheidung Trost bei ihr.
Ich weiß, diese Worte sind verletzend für dich, aber war es auch für mich verletzend, wie du dich nach meinem Geständnis immer mehr von mir distanziertest und das, obwohl wir uns schon so lange kennen und ich dich trotz der Beziehung zu Lin einfach nicht vergessen kann. Lin sah mir das in den letzten Wochen auch vermehrt an, weshalb sie die Beziehung nach dem heutigen Tage beenden will. Sie war nicht böse, auch nicht enttäuscht, denn versteht sie, warum du mir so viel bedeutest.
Ich wollte, dass du das weißt und hoffe, dass wir uns eines Tages wieder als Freunde begegnen werden, auch wenn es nie mehr so sein wird wie es einmal gewesen ist.
Alles Liebe, Claire.” Ein wenig betrübt senkte sie den Brief und schien selbst mit den Tränen zu kämpfen in Anbetracht dieser Worte, in denen sich so viele Emotionen fanden, dass sie einem direkt nahe gingen.

“Ich schätze zu einer solchen Begegnung wird es nicht mehr kommen.”, meinte ich. Doktor Layhne seufzte betrübt und wischte sich eine Träne von der Wange.

“Es sind diese Momente unserer Arbeit, in denen ich an dem, was wir tun, zweifle und mich frage, warum es diese Momente sind, die wir nicht vorbeugen können, bevor sie passieren.”, meinte sie betrübt.

“Ja, mir geht es genauso.”, stimmte ich ihr zu. “Aber bestärkt es mich darin, den Schuldigen dafür zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen um ihr zumindest die Gerechtigkeit zukommen zu lassen, die sie verdient.”

Wie aus dem nichts erfasste mich ein plötzlicher Schwindel, weshalb ich mich an den Kühlfächern abstützen musste und mir den Kopf hielt.

“Alles okay bei dir?” Ich atmete kurz durch und dachte es wäre nur ein kurzer Moment gewesen, als ich plötzlich einen stechenden Schmerz verspürte, der sich von der Einstichstelle am Hals nach oben in meinen Kopf ausbreitete, als ob sich etwas durch meine Adern schieben würde, das größer war als sie. Ich hielt mir den Kopf, biss die Zähne zusammen sodass mein Kiefer anfing zu schmerzen, ich spannte die Muskeln in Armen und Händen an und krallte mich formlich an einer der Kühlfachtüren fest. “Cass, was ist mit dir?” Erneut durchfuhr mich eine Welle des Schmerzes, stärker als zuvor. Ich spürte jede einzelne meiner Arterien und Kapillare in meinem Kopf pulsieren, der Schwindel nahm mir die Orientierung, ich fühlte mich kraftlos und stürzte zu Boden. Sofort eilte Doktor Layhne zu mir und sah nach mir, während ich weiterhin die Hände an Hals und Kopf hielt und versuchte den Schmerz zu unterdrücken.

Eine dritte Welle.
Der Schmerz war so groß, dass ich schrie und mich wand, sodass sich jeder einzelne meiner Muskeln anspannte und drohte zu bluten, mein Atmen war in ein lautes Keuchen übergegangen, mein Herz raste.

“Cass!” Langsam nahm der Schmerz ab, ich verharrte in meiner Position und ließ mich auf den Boden sinken, bevor ich keuchend nach Luft rang, die Hände weiterhin gegen Hals und Kopf gepresst. “Cass. Was hast du?” Ich versuchte zu antworten, aber war ich noch immer ein wenig benommen. “Komm, ich helfe dir auf.” Sie griff sich meinen Arm, legte ihn sich um den Nacken und hievte mich hoch, um mich zum Stahltisch zu bringen. Als wir den halben Weg geschafft hatten durchfuhr mich eine vierte, noch stärkere Welle.

Ich löste mich von ihr, wankte zum Tisch und presste meine Hand gegen meine Schläfe, während ich mein gesamtes Gewicht auf meine andere Hand legte, mit der ich mich am Tisch abstützte.

Der Schmerz und die Erschöpfung waren mittlerweile so groß geworden, dass ich bewusstlos zu Boden ging und nur noch dumpf und kaum wirklich wahrnehmbar Doktor Layhnes Hilferufe hören konnte.

Ein kurzer Moment der Dunkelheit umfing mich, als ich plötzlich die Augen aufriss.
Mein Blick wirkte benommen, ich wankte über die Straße, die ich aufgrund der leichten Benommenheit und der schnellen Bewegungen meines Kopfes nur flüchtig wahrnehmen konnte. Ich blinzelte einige Male um die Benommenheit abzuschütteln, als ich plötzlich ich die Augen kurz zusammen kniff, den Kopf ein wenig schüttelte und die Augen wieder öffnete. Aber war das nicht ich, die das tat und mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass es nicht ich war, die das sah, sondern eine andere Person und ich lediglich eine Art Zuschauerin wäre, die sehen sollte, was sie sah.

Plötzlich riss die Person den Blick nach vorne und das keinen Moment zu früh oder zu spät.
Ich sah, wie die Person mit einer solchen Geschwindigkeit den Arm einer anderen Person packte und von sich fern hielt, in der Hand eine Klinge haltend, die Spitze nur wenige Zentimeter vom Körper entfernt auf sie und mich gerichtet.
Ein weiteres Blinzeln.
Sie stieß den Angreifer von sich, nutzte die Chance und versuchte ihm die Klinge zu entwenden. Er fing sich beinahe unnatürlich schnell und zog den Arm zurück, wobei der Stahl ihre Hand verletzte und den Arm nach vorne stieß. Sie aber bewegte sich ebenso schnell wie er und versuchte der Klinge durch eine Drehung des Oberkörpers zu entkommen, die nur wenige Millimeter an ihr vorbei schnitt. Sie machte einen Ausfallschritt, wodurch sie hinter ihn trat, den Arm um ihn legte und zudrückte.
Dieser verlor keine Zeit, spannte die Muskeln im Hals an, drehte den Knauf des Messer um hundertachtzig Grad und trieb ihr die Klinge in die Taille. Ich stieß einen Schmerzensschrei aus, ließ von ihm ab und hielt sich die blutende Wunde, die ihre Kleidung mit Blut tränkte, während er sich zu ihr umdrehte und dabei Schwung holte um aus der daraus resultierenden Kraft zuzustoßen. Instinktiv hob sie den Arm, die Klinge fuhr durch ihren linken Unterarm, aber dieses Mal schrie sie nicht, biss nur die Zähne zusammen, blinzelte die Tränen aus ihren Augen und mir wurde bewusst, was diese Bilder zu bedeuten hatten.

Sie waren nicht etwa die chemisch projizierten Bilder eines Traumes, sondern reale Erinnerungen.
Es waren die letzten Bilder, die letzten verzweifelten Momente, die Claire vor ihrem Tod gesehen hatte.
Aber … warum konnte ich diese Bilder sehen?
Wie war es möglich, dass ich die Bilder, diese bildlichen Erinnerungen der Angst und Verzweiflung ihres letzten Kampfes mit ansehen konnte?
Bildete ich sie mir womöglich nur ein?
Stellte ich mir diese Bilder lediglich nur vor, als ich mich bei ihrem Anblick am Tatort und in der Gerichtsmedizin fragte, was in den letzten Minuten ihres Leben passiert war?
Nein, drang sich mir die Antwort auf und gab ihr recht. Diese Bilder, diese Erinnerungen waren einfach zu real, zu detailliert und klar, dass sie unmöglich das Resultat meiner Einbildung sein konnten.

Ich schaute weiter zu und beobachtete Claire, wie sie sich nach allen ihr zur Seite stehenden Kräften gegen ihren Gegner wehrte.
Immer stärker drückte er das Messer in ihrem Arm in Richtung ihrer Brust, wobei sich die Klinge mit einem schneidenden Geräusch immer tiefer durch ihre Haut und Muskeln schnitt, während sie ihr Handgelenk fest hielt und ihren Arm als eine Schild nutzte. Es beeindruckte mich, wie sie trotz der Schmerzen und des austretenden Blutes alles daran setzte ihn auf Distanz zu halten und zeigte mir, welchen Willen, welche innere Stärke diese junge und unscheinbare Frau besessen hatte. Während sie ihre ganze Kraft dafür aufwandte nutzte er die Möglichkeit, machte genau wie sie zuvor einen Ausfallschritt, wobei er hinter sie trat und dabei die Klinge mit einem schneidenden Geräusch, gefolgt von einigen Spritzern Blut, aus ihrem Arm zog und erneut versuchte zuzustechen. Sie aber packte sein Handgelenk und drehte die Klinge mit zusammengebissenen Zähnen von sich weg, die sich dieses Mal nur wenige Millimeter von ihrer Brust entfernt befand, sammelte all ihre Kraft, schlug mit dem angewinkelten Ellenbogen gegen sein Gesicht, drehte sich zu ihm um, noch immer sein Handgelenk gepackt, und schlug mit der geballten Faust ihres linken Armes ein weiteres Mal zu, als ob sie die Schmerzen der schweren Stichwunde in ihrem Arm gar nicht beachten würde. Benommen und der Orientierung beraubt gelang es ihr ihm die Klinge zu entwenden und die Oberhand zu gewinnen.
Daraufhin wich sie einem wilden Schwinger aus, legte das Messer in ihre linke Hand und nahm eine Ausgangsstellung ein, die Spitze der Klinge von sich auf ihn gerichtet.
Sie wartete einen Moment ab, um sich zu vergewissern, dass keine überraschende Gefahr bestand und schlug mit der rechten Faust zu, als er diese noch im Flug packte und ihren Arm zur Seite drehte, diesen aber nicht brach. Zugleich fuhr die Klinge mit einem scheidenden Geräusch durch Stoff und Haut.
Die Gestalt heulte wie ein aggressives Tier auf, als ob es kein Mensch wäre, gegen den sie sich wehrte.
Mit geballter Kraft drückte er sie von sich, um eine gewisse Distanz zu gewinnen.
Claire wartete einen Moment ab, keuchte, festigte ihren Stand, preschte auf ihn zu und schlug erneut zu, als er den Arm unter seinem Körper vorpreschen ließ, sie am Hals packte und mit einem wütenden Schnauben zudrückte. Demonstrativ ballte er die Faust vor ihren Augen und ließ sie gegen ihre Rippen krachen. Es knirschte und ich konnte sehen, wie sie einige Tropfen Blut spuckte. Dennoch verlor sie keine Zeit, während er erneut ausholte und schnitt mit der Klinge in seine Hand, worauf er sie zähneknirschend los ließ. Sie ging in die Knie, hustete und rang nach Luft, als sie etwas hörte, dass sich anhörte wie eine zweite Klinge, die aus der Scheide gezogen wurde. Sie blickte zu der Gestalt und sah ein zweites Messer aufblitzen, erhob sich und stellte sich zum Kampf. Ich beobachtete sie, wie sie trotz all der Verletzungen und der Erschöpfung, die sich langsam in ihr ausbreitete, alles daran setzte weiter zu kämpfen und nicht aufzugeben bis sie den Kampf für sich entschieden hätte.

Eine Choreografie aus Hieben und Stichen, Schwingern und Tritten, Fäusten und Klingen, die aufeinander prallten, entstand, einem demonstrativen Kampftanz gleichend. Doch dann bemerkte ich, wie Claire einen Fehler beging, den der Unbekannte sofort ausnutzte, die Faust gegen ihr Zwerchfell schmetterte, wobei sie sich krümmte und das Messer fallen ließ, als er seinen Arm um ihren wickelte und anzog, wodurch er nur einmal fest zudrücken müsste um ihn ihr zu brechen und sie somit zwang ihn anzusehen, während er die Klinge auf sie wiederfahren ließ. In einer letzten Tat hob sie die rechte Hand, durch die sich der Stahl schnitt wie zuvor durch ihren Arm um die Klinge von sich fern zu halten.
Ich hörte wie sie schwer atmend keuchte, die Zähne zusammenbiss und schluchzte angesichts dessen, was sie erwarten würde.

“W-Warum … t-tust du das?”, fragte sie ihn und nahm alle Kraft zusammen, die sie noch aufbringen konnte. Als er nicht antwortete fügte sie hinzu: “Sie … wird dich f-finden.” Er lachte, als sie ihm gegen das Knie trat, wodurch er das Gleichgewicht verlor und in die Kniee sank. Claire nutzte die Chance, zog die Hand von der Klinge und ließ die linke Faust gegen ihn krachen, wodurch er zu Boden ging. Ohne zu zögern suchte sie nach der Klinge, die sie hatte fallen lassen, hob sie auf und drehte sich zu ihm um, als sie plötzlich inne hielt.

Ein erstickender Atemzug entfuhr ihr, die Klinge in ihrer Hand fiel mit einem metallischen Klirren zu Boden.
Zitternd neigte sie den Blick und entdeckte die zweite Klinge, die ihren Brustkorb fast bis zum Heft durchstoßen hatte. Blut rann über ihre Lippen und tropfte auf ihre Kleidung, sowie die Schneide und das Heft der Klinge.
Langsam hob sie den Blick und schaute in das Gesicht des Mannes, als ich die Umrisse der Wolfsmaske erkennen konnte, die sein Gesicht bedeckten.
“W-Warum?”, weinte sie verängstigt. Erneut antwortete er nicht, zog die Klinge heraus und ließ sie zu Boden sinken, wo sie verlangend, verzweifelt und verängstigst nach Luft rang, während weiterhin Massen von Blut aus ihren Wunden und über die Lippen rann. Ich beobachtete sie, wie es ihr mit jedem einzelnen Atemzug zunehmend schwerer fiel die Augen offen zu halten.
Ein letztes Mal trat die Gestalt in ihr Sichtfeld und betrachtete sie, als wollte er, dass seine Gestalt das letzte Bild sein sollte, das sie sah, als sie schließlich die Lider schloss.
Abermals umfing mich Dunkelheit.

Dann ein leises, regelmäßiges Piepen, das immer lauter wurde.
Langsam und vorsichtig öffnete ich die Augen, eine Mischung aus dem künstlichen weißen Licht der Deckenbeleuchtung und des Tageslichtes schienen mir entgegen. Als ich die noch leichte Benommenheit mit einigen Blinzeln abgeschüttelt hatte, nahm ich einen tiefen Atemzug und fasste mir mit der Hand gegen die noch leicht pochende Stirn, während ich mich vorsichtig aufsetzte. Ich sah mich um und bemerkte, dass ich mich in einem Krankenzimmer befand, in das man mich wohl nach meiner Bewusstlosigkeit gelegt hatte. Am linken Zeigerfinger spürte ich das Drücken des EKG-Sensors, das weiterhin meinen ruhigen Puls aufzeichnete und dabei piepte.

Ich schaute an mir herab.
Meiner Kleidung hatte man mich zum Glück nicht vollends beraubt, lediglich mein Oberkörper war bis auf den Sport-BH entkleidet worden und die Schuhe hatte man mir ausgezogen. Auf einem Stuhl neben dem Bett fand ich meine Sachen fein säuberlich zusammengefaltet, zusammen mit Jacke, Mütze und Schuhen.

Ich setzte mich auf die Kante des Bettes, als sich im selben Moment die Tür öffnete. Instinktiv schaute ich zu der Person und bemerkte Doktor Layhne, die sichtlich erfreut war, dass ich wieder bei Bewusstsein war.

“Cass.”, sagte sie erleichtert und kam zu mir. “Verdammt hast du mir Angst gemacht.” Sie drückte mich sanft und ich genoss diesen kurzen Moment der Zärtlichkeit, als sie mich anschaute und ich versuchte den letzten Rest meiner Benommenheit abzuschütteln.

“Was … was ist passiert?”, fragte ich mit etwas trockenem Hals. Sie legte die Hände auf meine Schultern und beugte sich in mein Sichtfeld.

“Erinnerst du dich nicht?” Ich dachte einen Moment lang nach.

“Ich war bei dir und … wollte Claire wieder bedecken, als ich … nur noch diesen Schmerz verspürte.”, erzählte ich und tastete nach der Ader an meiner Schläfe, die sich noch vor kurzem angefühlt hatte als ob jemand einen Schlauch oder etwas anderes durch sie hindurchgeschoben hätte. “Dann … nichts mehr.”

“Du hast das Bewusstsein verloren.” Ich atmete kurz durch, als ich in ihre Augen sah, in der sich noch immer große Sorgen und ein wenig Angst zeigten.

“Wie … ich meine, warum ist das passiert?”

“Wir haben eine Blutprobe entnommen, die derzeitig auf alle möglichen Substanzen untersucht wird, nur um eine mögliche Unregelmäßigkeit festzustellen, aber schließen wir auch andere Dinge nicht aus.”

“Verstehe.” Ich dachte kurz nach. “Wie lange war ich weg?”

“Drei Stunden. Nachdem du in der Gerichtsmedizin zusammen gebrochen bist und ich dich hier her gebracht hatte, rief ich den Superintendent an.” Sie sah mir an, dass mich etwas beschäftigte. “Ist alles okay bei dir?” Wieder schaute ich in ihre klaren, smaragdgrünen Augen.

“Ich … ich bin mir nicht sicher, Eve.”, gestand ich. Es war schon einige Zeit her, dass ich sie bei ihrem Spitznamen nannte, aber hatte ich in diesem Moment das Bedürfnis mich mit ihr auf freundschaftlicher Ebene zu begegnen.

“Was meinst du?”, fragte sie und setzte sich neben mich. Ich zögerte einen Moment, dachte darüber nach ob ich es ihr sagen sollte oder nicht.

“Ich … ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es an diesem Fall, dass ich mir das alles nur einbilde, oder aber … ich …” Ich wusste nicht, wie es ihr beschreiben sollte, wenn ich überhaupt wusste, was ich sagen sollte. Eine große Verunsicherung stieg angesichts der bisherigen Ereignisse in mir auf.
Zuerst dieser Traum, dann Claires Ermordung und der Begegnung mit dem vermeintlichen Mörder und jetzt auch noch diese Bilder.
Verlor ich langsam den Verstand oder steckte vielleicht doch mehr dahinter, als dass es sich ein rational denkender Mensch erkläre könnte?

“Cass.”, sagte sie ruhig, legte den Arm um mich und gab mir somit ein Gefühl der Sicherheit und des Beistandes. “Du hast einiges durchgemacht als du in ihrem Alter warst. Ich kann mir vorstellen, dass dir dieser Fall deshalb vieles abverlangt, an das du selbst nicht denken möchtest, aber dein Unterbewusstsein dir eventuell damit helfen will die Erfahrungen besser verarbeiten zu können.”

Es war lieb von ihr, dass sie mir das sagte, obwohl sie Ärztin und keine Psychologin war.
Und vielleicht hatte sie auch recht damit, auch wenn ich mehr daran dachte, dass es mit den derzeitigen Umständen gar nichts zu tun hatte.

Ich schenkte ihr ein Lächeln.
“Danke, Eve.”

“Du weißt, dass ich immer für dich da bin.”

“Was denkst du wie lange ich noch hier bleiben muss?” Sie erwiderte das Lächeln und ohne dass sie es aussprach wusste ich was sie sich dachte.

“Ich werde den Arzt informieren, aber ich denke, jetzt wo du wieder bei Bewusstsein bist, wird er nur noch einige Routineuntersuchungen durchführen und dich dann entlassen.” Sie erhob sich. “Aber dass du heute nochmal zum Dienst gehst ist ausgeschlossen. Der Superintendent hat dich für den Rest des Tages frei gestellt.”

“Aber … mein Bericht.”, widersprach ich ihr.

“Cass. Glaubst du, nachdem, was in der Gerichtsmedizin vorgefallen ist, interessiert sich der Superintendent für irgendeinen Bericht, den du auch in den nächsten Tagen schreiben kannst?” Erneut musste ich ihr recht geben. “Siehst du. Ich weiß, dass dir dieser Fall nahe geht, aber es nützt niemandem etwas, wenn du dich überarbeitest und ein weiteren Mal aus unerklärlichen Gründen zusammen brichst.” Sie schaute mich einen Moment an und wusste, dass ich mich schuldig fühlte angesichts meines Widerspruchs, wobei sie ein wenig lächeln musste. “Ich informiere den Arzt.” Ich nickte und ließ sie gehen.

Wenige Minuten später war sie in Begleitung eines Kollegen zurück, ich ließ mich untersuchen und antwortete auf seine Fragen, die er mir stellte, als er die Untersuchung schließlich beendete und mir meine Entlassungspapiere gab. Nachdem er gegangen war stand ich auf und zog ich mich an, während Doktor Layhne mich dabei beobachtete und wartete.

“Ich bringe dich am besten nach Hause. Gönn dir eine warme Dusche und ruh dich ein wenig aus.” Ich seufzte, während ich mir das Hemd überstreifte und mich zu ihr drehte.

“Eve.”

“Ja?” Ich wusste nicht wirklich, wie ich es erklären sollte.

“Ich … ich habe Angst zu schlafen.” Sie lächelte liebevoll.

“Ich weiß, dass du mir das im Vertrauen erzählt hast und wovon der Superintendent nichts weiß, daher vertrau mir, wenn ich dir sage, dass du keine Angst zu haben brauchst. Du bist viel stärker als deine Kollegen glauben mögen.” So sehr ich mir wünschte, dass sie recht hatte, dass ich die Kontrolle über meine Träume hatte, so erschien es mir, dass es in diesem Fall anders herum war und ich nichts dagegen tun konnte.

Ich zog mich fertig an und ließ mich von ihr nach Hause bringen, ehe sie sich wieder auf die Wache begab um dem Superintendent Bescheid zu geben.

Ich betrat meine Wohnung, schloss die Tür und lehnte mich gegen sie.
Einen Moment lang schloss ich die Augen, atmete tief durch und versuchte diese Verunsicherung los zu werden, die an mir zerrte, bevor ich nach oben ins Badezimmer trat, mich meiner Kleidung entledigte und die Dusche betrat.

Ich drehte das Wasser auf und ließ einen Regen aus Milliarden von Wassertropfen auf mich nieder prasseln.
Ich dachte an nichts, ließ sämtliche meiner Gedanken fallen um sie später in Ruhe und bei klarem Verstand wieder neu ordnen zu können. Und dennoch stellten sich mir immerzu neue Fragen, nach deren Antworten ich im Moment vergeblich suchte, weshalb ich den Kopf schüttelte und einfach den Regen genoss, der auf mir niederfuhr.

Nach zwanzig Minuten verließ ich die Dusche, zog mir etwas einfaches und bequemes an und wollte mir einen Tee machen, als ich auf dem Küchentisch ein kleines Präsent des Superintendent vorfand. Fein säuberlich zubereitet und angerichtet hatte er mir mein Lieblingssandwich gemacht – Dinkelvollkornbrot mit Butter, Salat, Tomate und Gurke. Eine Hälfte war mit Lachs, frischem Dill und selbstgemachter Senfsoße, die andere war mit Roastbeef und Remoulade. Als kleinen Nachtisch gab es einen mit Zitrone gefüllten und kleinen Schokoladenstückchen gemachten Muffin aus meinem Lieblingscafé.

Ich lächelte bei dem Anblick, denn zeigte es mir wieder, dass der Superintendent mehr für mich war als nur mein Vorgesetzter, der mich damals unter seine Fittiche genommen hatte.

Während der Tee vor sich hin zog, machte ich ein wenig Musik an, zu der ich mich ins Wohnzimmer setzte und in Ruhe aß, dennoch ließen mich meine Gedanken einfach nicht los, weshalb ich mir meinen Notizblock nahm und alles aufschrieb, was ich bisher über Claire und den Tathergang wusste. Noch war es nicht viel, was mir weiterhelfen konnte, aber wuchs in mir der Gedanke, dass es nur eine Möglichkeit gab fernab weiterer Befragungen und Spurensicherungen Antworten zu erhalten, auch wenn meine Überlegung viele als Spinnerei abtun würden.

Trotz meiner dreistündigen Bewusstlosigkeit fühlte ich mich erschöpft und kraftlos, weshalb ich in Ruhe zu Ende aß und den Tee genoss, abwusch und mich bettfertig machte, bevor ich neben meinem Bett stand und einen Moment zögerte. Ich hatte noch immer Angst davor, was mich erwarten würde, aber wusste ich, dass mir nichts anderes übrig bleiben würde. Dennoch nahm ich meine Ersatzwaffe aus der Kommode, überprüfte sie nach ihrer Einsatzbereitschaft und legte sie unter mein Kopfkissen, wo ich sie schnell zur Hand hatte, sollte mich diese Gestalt noch einmal überraschen.

Mit einem nachdenklichen Seufzen legte ich mich schließlich ins Bett, atmete ruhig, schaute an die Decke, schloss langsam die Augen und wartete.

•••

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, als ich schließlich eine Art Rückblick von den bisherigen Träumen, der ersten Begegnung mit Claire über die Befragungen und meinem Zusammenbruch bis zu diesem Moment hatte, wobei ich immerzu vereinzelte Sätze, die gesagt wurden, hören konnte, die um mich herum wirbelten.
Ich versuchte sie zu verdrängen, aber wurde es immer stärker und dann …
War alles verstummt.

“Wachen Sie auf, Vivien.”, hörte ich eine ruhige Stimme. Ich kam der Aufforderung nach, aber war es eine andere Decke, an die schaute. “Wie ich sehe haben Sie es geschafft.” Ich setzte mich auf und schaute mich um, als ich die kaum wahrnehmbare Gestalt am Fußende meines Bettes stehen sah.

“Wo … wo bin ich?”, fragte ich ihn ein wenig verschlafen und orientierungslos.

“Wo sollen Sie schon sein, wenn nicht in ihrer Wohnung?” Ich schaute mich kurz um.

“Nein, das ist nicht mein Zimmer.” Er blieb gelassen, lachte amüsiert, während er sich zum Schreibtisch an der Fensterreihe aufmachte und sich auf den Stuhl setzte.

“Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie noch immer ein wenig verwirrt sind, aber sind das hier Ihre persönlichen Räumlichkeiten. Nur nicht die Ihrer Welt.” Ich erinnerte mich an seine Worte, die er während der Injektion an mich richtete.

“Das meinten Sie mit Ihrer Welt.” Er schien unter seiner Maske zu lächeln.

“Ich wusste, dass Sie einen wachen Verstand haben, aber lassen Sie mich Ihnen dennoch einiges zu unserer beiden Welten erzählen.”, erklärte er, stand auf und ging ruhig im Zimmer auf und ab. “Für Sie mag diese Welt nur in Ihren Träumen existieren, ein chemisch produziertes Szenario einer Vorstellung ihres Unterbewusstseins während Ihrer Tiefschlafphase. Aber in Wirklichkeit ist meine Welt so real wie es die Ihre ist. Nennen Sie es, wie Sie es wollen, eine andere Realität, Dimension, ein Paralleluniversum oder welche physikalische oder astronomische Bezeichnung es auch dafür gibt, obwohl es für Sie weiterhin eine Traum ist, in welchem Sie lediglich ein Besucher sind und verschwindet, sobald Sie die Augen öffnen.”

“So wird es aber nicht sein.”, erwiderte ich. Wieder schien er zu lächeln, lachte sogar ein wenig erfreut, als ob er es schätzte mit jemanden zu sprechen, der sich auf dem gleichen intelligenten Niveau befand wie er.

“Und hier beginnen die Unterschiede, die die Physik unserer beiden Welten ein wenig aus den Angeln hebt. Ich will Sie aber nicht mit allen Einzelheiten belasten, darum lassen Sie mich Ihnen die wichtigsten Dinge erklären, die Sie wissen sollten, während Sie sich in meiner Welt aufhalten. Zunächst können Sie, wie Sie bereits bemerkt haben, diese Welt nach der Injektion nur durch den Zustand der Tiefschlafphase oder aber auch der Bewusstlosigkeit betreten und auch wieder verlassen, den entsprechenden Bedingungen vorausgesetzt. Das Verlassen erfolgt dabei genauso wie in Ihrer Welt. Des Weiteren sind Sie hier ebenso eine reale Person wie in Ihrer. Mit einer Geschichte, einem Beruf, einem Leben.”

“Und … wer bin ich?”

“Das, Sergeant, müssen Sie selbst herausfinden, aber um Ihre nächste Frage bereits vorweg zu nehmen, warum ich Sie hierher gebracht habe: Wie Ich es Ihnen bereits während unserer Begegnung in ihrer Wohnung schon einmal erklärte sind Sie und Ihre Kollegen auf der Suche nach mir, aber nur Sie haben das Potenzial mich auch zu finden.”

“Warum? Warum ich?”, fragte ich ihn sachlich.

“Alles zu seiner Zeit, Sergeant. Im Laufe Ihrer Ermittlungen werden Sie es sicherlich verstehen, dessen bin ich mir sicher.”

“Wenn ich eine reale Person in Ihrer Welt bin, dann …”

“Bin ich das ebenso in der Ihren, auch wenn für mich einige andere Regeln gelten, was das Betreten und Verlassen unserer beider Welten betrifft.”, beendete er meinen Satz, als mir ein Gedanke kam.

“Wir suchen also ein Phantom.” Ein amüsiertes Lachen drang aus seiner Maske.

“Passend, nicht wahr? Die Suche nach einem Täter, der in Ihrer Welt von einem Moment zum anderen existiert und dann wieder verschwindet. Ich kann mir gut vorstellen, dass man Ihnen kaum glauben wird, wenn Sie jemanden davon erzählen, aber keine Sorge, was das angeht, schließlich bin ich noch nicht fertig. Es wird also noch einiges an Arbeit auf Sie und Ihre Kollegen zukommen.”

“Ich sollte Ihnen gleich hier und jetzt eine Kugel verpassen.” Er stellte sich hin, breitete die Arme aus und lachte amüsiert.

“Das kann ich mir gut vorstellen, meine Liebe.” Er war so schnell bei mir, als würde er sich wie ein Schatten bewegen und packte mich am Hals. Mit einem Mal hatte sich seine Haltung verändert, sie war nun ernst, aggressiv und überlegend. “Aber sollten Sie mich keinesfalls unterschätzen, Vivien. Genau wie Sie habe ich eine Mission und bis jetzt habe ich weitaus mehr erreicht als Sie sich vorstellen können.” Ich spürte, wie ich nur schwer Luft bekam, als ob er neben meinem Bett stehen und die Hand um meinen Hals gelegt hätte, während ich weiterhin schlief und ihm somit schutzlos ausgeliefert wäre. Er ließ mich los, ich rang nach Luft und hielt mir den Hals, wobei ich einen beängstigenden realen Schmerz verspürte, während er zur Tür ging.

“Eines noch. Ich vergaß zu erwähnen, dass jede Verletzung, die Sie sich hier zufügen oder Ihnen zugefügt wird, Sie auch in Ihrer Welt verletzen wird.” Mir war bewusst, dass er davor war zu gehen.

“W-Warten Sie.” Er blieb stehen und drehte sich noch einmal zu mir um. “W-Woher kennen Sie meinen … meinen zweiten Namen?”

“Ich weiß eine Menge über Sie, Sergeant. Über Sie, Claire und all die anderen, die mit diesem Fall zu tun haben. Die Frage ist aber natürlich, wie viele Sie von Ihnen retten können, bevor ich mein Vorhaben beendet habe und das nächste beginne. Wir sehen uns in Balde wieder. Bis dahin, meine Liebe, träumen Sie schön.”

Dann war er mit einem Mal verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Ich spürte, wie ich zitterte, ich rang nach Luft und versuchte ruhig zu bleiben, während ich gleichzeitig versuchte seine Erklärungen zu verstehen. Ich stand auf, wobei mir auffiel, dass ich einen mittellangen Schlafanzug trug, der mehr für einen Mann als für eine Frau wie mich zugeschnitten war. Das kühle Holz unter meinen Füßen knarrte ein wenig, ich schaute auf den kleinen Tisch und bemerkte, dass sich neben einem mechanischen Wecker eine altmodische Petroleumlampe befand.

Ich schaute zum Fenster, ging darauf zu, öffnete die beiden Türen und trat an das Geländer.
Kühle, frisch feuchte Luft strömte mir entgegen, während sich vor mir eine unbekannte Stadt aus Stein, Holz und vielfach Stahl oder anderen Metallen erstreckte.

Ich schaute in Richtung Zentrum, wo sich die Stadt zu einem Kegelstumpf erhob, auf dem sich prunkvolle Gebäude fanden, als ob es sich um eine andere Gesellschaftsschicht handelte, die dort hinter dicken Mauern lebte und sich von den anderen Schichten unterhalb ihres kleinen Reiches isolierte.

Keuchend und verwirrt legte ich die Hand gegen die Stirn und versuchte durchzuatmen, während sich vor meinen Augen alles drehte und sich wieder ein gewisser Schmerz in meinem Kopf ausbreitete. Ich drehte mich um und wankte zum Bett, als ich mit einem Mal das Bewusstsein verlor und zu Boden stürzte.

Im selben Moment, wo ich die Augen meines zweiten Ichs schloss, öffnete ich meine und setzte mich sogleich auf, um mich zu vergewissern, dass ich mich in meinem Schlafzimmer befand, in meiner Welt, in meiner Zeit. Genau wie in der anderen Welt erfassten mich leichte Kopfschmerzen, weshalb ich mir den Kopf hielt, keuchend durchatmete und mir nur ein Gedanke kam, der sich mir einbrannte: Dass dieser Fall trotz seiner bisherigen Ungewöhnlichkeit noch weitaus mehr zu sein schien als nur das.

Und wenn es stimmte, was er sagte, und ich wusste, dass er so etwas nur sagte, wenn er es auch so meinte, dann war Claire nur der Anfang einer möglichen Serie, die noch weitere Tote bedeuten konnte, wenn ich ihn nicht aufhalten würde.

Entschlossen atmete ich durch, nahm die Ersatzwaffe unter meinem Kopfkissen hervor, zog mich an und machte mich zum Präsidium auf, bevor er sein nächstes Opfer finden würde und weiß der Teufel wer es sein konnte.

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