
Wolfsjagd – Die (unvollendete) Geschichte eines Mörders (2)
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
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– Kapitel 1: Wolfsjagd (1) – Creepypasta-Wiki
– Kapitel 2 –
Ich versuchte mich zu beruhigen und eine logische Erklärung für die Einstichstelle zu finden, aber so sehr ich mich auch bemühte gelang es mir nicht es anders zu begründen als damit, dass diese Begegnung tatsächlich passiert ist – hier in meiner Wohnung – in unserer Realität, auch wenn ich noch immer gewisse Zweifel daran hatte konnte es keine andere Erklärung geben, zumindest vorerst nicht.
Noch immer laut keuchend und unter dem Versuch ruhig zu bleiben verlor ich keine Zeit und wollte den Superintendent benachrichtigen, als ich kurz über mein Vorhaben nachdachte.
Was sollte ich ihm sagen?
Die Wahrheit?
Würde er mir die Geschichte überhaupt glauben?
Dass mich nicht nur Claires Mörder in meinem Haus besucht und mich überfallen hatte, sondern zugleich auch jene Erscheinung aus meinem Traum gewesen war?
Nein – vermutlich würde niemand einem so etwas glauben, sondern eher denken, dass die Person mehr als nur psychologische Hilfe benötigte.
Ein Anflug von Kopfschmerzen erfasste mich, während ich noch immer versuchte mir selbst zu erklären ob das alles wirklich passiert war oder mir meine Ängste und mein Verstand in Folge dieses Traumes einen Streich spielten.
Aber warum sollten sie das tun?
Ich stellte mich gerade hin, atmete tief durch und verdrängte die Gedanken, denn solange ich keine einzige meiner Fragen rational beantworten konnte gab es andere Dinge die meiner Aufmerksamkeit bedurften.
Ich ging nach unten, wo ich mir ein Glas Wasser eingoss und es mit ein wenig Zucker mischte, den ich in diesem Moment nicht nur dringend brauchte, um den leichten Schmerz zu lindern sondern mir auch neue Energie geben würde um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Mit wenigen Zügen trank ich das Glas bis auf den letzten Tropfen aus, atmete tief durch und schaute zum Wohnzimmer, welches dunkel und ruhig da lag, spärlich beschienen vom Licht des Flurs.
Ein Gedanke drängte sich mir auf, aber sagte ich mir erneut dass es keinen Beweis für seine Anwesenheit gab, selbst die Einstichstelle konnte ich mir einbilden, auch wenn die Platzwunde an meiner Schläfe diese Vermutung ohne jedweden Widerspruch widerlegte, denn war sie mehr als präsent und auch der drückende Schmerz, der von ihr ausging, überstieg die Vorstellung der Einbildung bei weitem. Aber vielleicht gab es für sie auch eine andere Möglichkeit, die Folge eines Sturzes aufgrund der Erschöpfung womöglich, auch wenn das nicht die Frage beantworten konnte, wer sie anschließend versorgt und mich danach ins Bett gebracht hatte und somit auch diese Vermutung haltlos wurde. Zögernd betrat ich das Wohnzimmer und schaltete die indirekte Beleuchtung des Raumes ein, wodurch er sich mit warmen Licht flutete und ihn in ein sanftes blasses Gelb tauchte.
Das einstige Feuer im Kamin war längst erloschen, lediglich ein kleines Häufchen Asche, das nicht durch das Gatter in den Auffangbehälter gerieselt war, lag noch dort und zeugte von den einstigen Scheiteln Holz, die vom Tanz der Flammen verzehrt worden waren.
Auf dem Tisch vor der Couch fand ich meine Waffe.
Das Magazin sowie die einzelne Patrone in der Kammer waren entfernt worden, die Waffe selbst war gesichert und ich wusste, dass es nicht ich gewesen bin, die sie offen und beinahe demonstrativ dort hingelegt hatte. Vorsichtig und mit einem unruhigen Keuchen ging ich langsam auf den Tisch zu, wobei ich mich immerzu umschaute um nicht noch einmal den Fehler zu machen von der Gestalt des Täters überrascht zu werden.
Nichts geschah.
Ich nahm mir die einzelne Patrone, schob sie zurück ins Magazin, griff nach der Waffe, schob das Magazin hinein und zog den Schlitten nach hinten. Mehrere verschiedene Klänge von Metall ertönten während dieser Vorgänge – vom Schieben des Magazin in die Waffe, das Klicken bei dessen einrasten, das Ziehen des Schlittens um die erste Patrone in die Abschusskammer zu schieben und gleichzeitig den Schlagbolzen zu spannen, das Klicken vom Einrasten des Schlagbolzens bis zur Sicherung, die ich entfernte und die Waffe somit scharf machte.
Anschließend setzte ich mich auf die Couch, die Hand fest um den Griff der Waffe gelegt.
Dann wartete ich.
Ich wartete darauf, dass es Zeit wurde mich für den anstehenden Tag fertig zu machen und die Ermittlungen weiter zu führen, auch wenn es vielen der Kollegen nicht passte, dass ich an demselben Fall mitarbeitete wie sie auch. Obwohl ich nicht mehr schlafen konnte und es angesichts dessen, was mich erwarten könnte, auch nicht wollte, schloss ich dennoch für ein paar Minuten die Augen und vergaß dabei ein wenig die Zeit, bis mein Handy klingelte und ich die Augen wieder öffnete.
Ich atmete kurz durch, schaltete den Wecker aus und machte mich für die Arbeit fertig, wobei ich immerzu die entsicherte Waffe in meiner Nähe hatte.
Als ich eine halbe Stunde später die Wache betrat versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen und genoss das dortige Getümmel sogar ein wenig, da es mir dabei half die Gedanken beiseite zu schieben und mich auf andere Dinge zu konzentrieren, ob sie mich interessierten oder eher nicht. Aber war es diese gedankliche Ablenkung, die ich in diesem Moment brauchte um meine ganze Aufmerksamkeit wieder auf das Wesentliche zu richten. Zu Anfang hatte es mich ein wenig gewundert warum mich niemand wegen der Kopfverletzung angesprochen hatte um wieder irgendeinen Spruch abzulassen, aber würden sie es wie sonst auch ohnehin hinter meinem Rücken machen, sodass ich es nicht mitbekommen würde – was für Feiglinge.
Nach der Einweisung und der anschließenden Übergabe, wobei es in meinem Fall niemanden gab, dessen Dienst ich nun übernehmen konnte, geschweige denn jemanden der meinen Dienst nach Feierabend übernehmen wollte, meldete ich mich ab und machte mich auf den Weg zum Campus der Universität, wo ich mit Claires Kommilitonen sprechen wollte. Genau wie gestern wartete die Direktorin direkt am Eingang zum Campus auf mich und führte mich anschließend zu ihrem Büro, welches sich im Verwaltungsgebäude nahe des im Zentrum liegenden Campusplatzes befand und weitaus größer war als das unseres Superintendent. Im Foyer, wo sich das Sekretariat und die Ansprechstelle für die Studenten befanden, warteten die Vier bereits schweigenden, noch immer sichtlich angeschlagen und kaum bei Kräften für die kommende Einzelbefragung – Ich konnte es ihnen auch nicht verdenken.
In den nächsten zweieinhalb Stunden versuchte ich so viel wie möglich über Claire herauszufinden.
Was sie für ein Mensch gewesen ist, ob es einen Grund gegeben hätte ihr etwas anzutun, ob sie irgendwelche Feinde besaß oder sich welche gemacht hatte, wo sich die Befragten zum Zeitpunkt ihres Todes aufhielten, wie sie sich mit ihr verstanden – all die üblichen Routinefragen, die einem manchmal wie eine Checkliste vorkommen, die es einfach abzuarbeiten gilt und womit sich mancher Kollege zufrieden gab ohne tiefer nachzufragen – eine Ansicht, die ich noch nie wirklich geteilt habe.
Immer wieder gegen die Tränen ankämpfend erzählten mir die Vier von ihr, das sie die Art von Mensch gewesen ist, die man ihr auch direkt angesehen hatte – Zurückhaltend, schüchtern, aber auch freundlich, offen und in mancher Hinsicht naiv und dennoch besaß sie dabei zahlreiche Facetten, bei denen sich die Vier einig waren, trotz der langen Zeit, in der sie ihre Kommilitonin gekannt hatten, nicht alle zu kennen.
Auch wenn es ihnen schwer fiel auf diese Frage zu antworten, aber taten sie es dennoch ohne zu zögern, als es darum ging wer ihr etwas zuleide tun wollte oder ob sie sich irgendwelche Feinde gemacht hatte, wobei jeder von ihnen eine ganz eigene Meinung darüber besaß.
„Viele haben Claire gemocht, selbst wenn sie nicht so viel mit ihr zu tun hatten.“, meinte Amanda, eine Freundin, die Claire durch das Studium kennengelernt hatte, ein wenig schluchzend.
„Ich wüsste jetzt keinen.“, erklärte Sillas, ein Student, den sie im Vergleich zu den anderen gerade einmal eineinhalb Jahre kannte, ruhig und sachlich. Ich sprach ihn darauf an, dass irgendjemand auf sie eifersüchtig gewesen sein konnte angesichts ihrer recht attraktiven Erscheinung. „Ja, das stimmt. Auf viele der Jungs und auch einige der Mädchen hatte sie Eindruck gemacht, obwohl sie das nie beabsichtigt hatte. Auch wenn sie den Jungs immer verdeutlichte kein Interesse an ihnen zu haben, schien sie das allerdings nur noch mehr anzuspornen. Einmal ist es sogar so weit gekommen, dass sich Claire gewehrt und dem Typen, der sie bedrängt hatte, eine verpasste und das vor seinen Freunden.“, erzählte er mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen und einem Tonfall, als ob er sie dafür bewundert hatte. „So etwas kannte man von ihr eigentlich gar nicht.“
„Einige der anderen Studentinnen, aber auch einige der Typen hielten nicht viel von ihr, ohne sie wirklich zu kennen.“, erklärte Naomi, eine Freundin, die Claire bereits seit der Schule kannte und versuchte gefasst und sachlich zu bleiben, wobei ich ihr ansah, dass ihr das schwer fiel und ihr der Tod ihrer einstigen Freundin näher ging als den anderen, als ob sie weitaus mehr als nur eine gute Freundin verloren hätte. Ich ging näher auf ihre Erklärung ein und fragte warum sie sie abgelehnt hatten, worauf sie nur mit den Schultern zuckte. „Das Einzige, was ich mir vorstellen könnte sind ihre Leistungen und ihr Engagement, mit denen sie sich schon damals in der Schule bei einigen unbeliebt gemacht hatte. Aber vielleicht lag es auch an ihrer Art, ihrem Charakter, den man einfach nur gern haben konnte.“
„Während sich andere nach den Vorlesungen trafen, Party machten und das Leben genossen, war Claire eine von den Studenten, die entweder arbeiten gingen oder sich direkt an ihre Arbeiten setzten bis sie perfekt waren und … das waren sie.“, erzählte Anna, jene, die sich gestern noch vehement geweigert hatte zu glauben, dass Claire ermordet worden ist, bevor ich ihnen das Bild gezeigt hatte, sich aber genau wie Sillas besser hielt als die anderen beiden Mädchen und aus deren Stimme ich einen leichten Akzent hören konnte. „Sie nahm sich nur wenig Zeit für sich, aber wenn sie es tat, dann nutzte sie sie auch.“
Ich erkundigte mich, was sie neben der Arbeit in ihrer Freizeit getrieben hatte, aber genau wie auf die vorige Frage konnten sie mir dazu nicht viel sagen. Fast alle erklärten sie mir, dass ihnen Claire, jetzt wo sie genauer darüber nachdachten, noch immer so unbekannt und fremd war, während sie selbst fast alles über die wenigen Freunde wusste, die sie besessen hatte. Nur Naomi sah ich an, dass sie mehr zu wissen schien, nicht zuletzt da sie Claire im Vergleich zu den anderen dreien am längsten kannte. Ich betrachtete die Studentin, die sich unwohl zu fühlen schien, während sie zugleich versuchte meinen Blick zu meiden.
„Naomi, ich will dich nicht dazu zwingen müssen, schließlich hast du das Recht zu schweigen, aber ich weiß, dass du genau wie die anderen möchtest, dass der Täter gefasst wird und jede Information, die du mir geben kannst, kann mir dabei helfen.“, redete ich ihr ruhig zu. Ich beobachtete sie einen Moment, als sich Tränen in ihren Augen sammelten und sie zu schluchzen begann.
„Es … es ist meine Schuld.“, sagte sie zitternd, während sie einige Strähnen ihrer dunklen Haare hinter das Ohr strich.
„Wie kommst du darauf?“ Sie wandte ihren Blick wieder zu mir und versuchte ihre Emotionen zurückzuhalten, während sie mir erzählte, wie Claire sie vor einem Jahr geküsst und ihr gestanden hatte, dass sie schon seit der Schule Gefühle für sie hegte, sich aber bis zu diesem Zeitpunkt nie wirklich getraut hatte ihr das zu sagen. Naomi war von dem Geständnis ihrer Freundin jedoch überrascht und ein wenig verwirrt gewesen und wusste nicht wie sie sich in diesem Moment verhalten, was sie darauf erwidern sollte, weshalb sie einfach gegangen ist und Claire alleine ließ. Seitdem war ihre freundschaftliche Beziehung zueinander ein wenig distanzierter geworden, ohne dass es den anderen wirklich aufgefallen war. Schließlich erzählte sie, wie sie am Tag von Claires Ermordung mit ihr darüber reden wollte, als sie sie mit einer anderen Studentin gesehen hatte.
„Zuerst wirkte es nur so, als ob sie Claire bedrängt hätte, aber dann … sah ich, wie sie die Hand in Claires Nacken legte, sich ihr näherte, sie küsste und wie Claire die Geste nach einigem Zögern erwiderte.“
„Hast du erkannt, wer diese Studentin war?“
„Es war Kya. Kya Katsuragi oder Simmons, je nachdem, welchen Namen sie von ihren Eltern angenommen hat. Sie studiert mit einem Vollzeitstipendium Grafikdesign drüben an der Akademie, das eigentlich Claire zustand.“ Sie klang abweisend und wütend, als ob sie mir damit zu verstehen geben wollte, was sie von Kya hielt.
„Die Begegnung zwischen Claire und Kya muss dich eifersüchtig gemacht haben.“
„J-Ja.“, erwiderte sie ein wenig nervös.
„Hast du sie darauf angesprochen?“
„Nach der Vorlesung.“
„Und wie ist die Unterhaltung verlaufen?“
„Ich konfrontierte sie damit, fragte sie, wie sie etwas mit dieser Schlampe anfangen konnte als ob niemals etwas gewesen wäre, obwohl sie von ihr bereits in der Schule wie ein Stück Dreck behandelt worden ist.“
„Vielleicht hat Claire Kya verziehen. Immerhin ist es schon einige Zeit her.“ Ich ertappte mich dabei wie ich diese Vermutung so kalt und sachlich aussprach, als ob mich ihre Emotionen nicht beeinflussen würden.
„Claire mag in mancher Hinsicht naiv gewesen sein, das war ihre Art, aber so etwas … würde sie nicht vergessen. Ich war die Einzige, die ihr zur Seite stand, wann immer sie jemanden brauchte und dann, als ich diese Distanz und dieses kalte Verhältnis zwischen uns nicht mehr ertragen konnte, der Sache eine Chance geben wollte, sehe ich sie nicht nur mit einer anderen, sondern ausgerechnet mit ihr.“ Ich sah ihr an, dass sowohl Trauer, Selbsthass und Wut in ihr tobten, unsicher darüber, welches dieser Gefühle die Oberhand gewinnen würde.
„Das muss dich wütend gemacht haben.“, meinte ich nach kurzer Überlegung.
„Aber hätte ich sie doch deshalb nicht getötet. Ich hätte ihr nie etwas zu leide tun können.“, verteidigte sie sich verzweifelt, als ob sie befürchtete, dass ich sie für schuldig hielt und des Mordes an ihrer besten und langjährigen Freundin verdächtigen würde und gleichzeitig zeigte, dass sowohl ihre Trauer über den Verlust einer guten Freundin, als auch der Selbsthass darüber, wie wütend und verletzend sie Claire gegenüber getreten war, gesiegt hatten.
„Aber hast du das nicht durch deine Zurückweisung von vor einem Jahr?“
„Was?“, fragte sie mit zitternder Stimme.
„Sie hat dir ihre Liebe gestanden, aber hast du sie zurückgewiesen. Sie fühlte sich alleine, verlassen von dem Menschen, den sie gerne hatte und in dem sie mehr als nur eine gute Freundin sah. Vielleicht lag es einfach nur an der Überraschung, die dich überrollt hatte, aber scheinst du gleichzeitig auch eine Entscheidung getroffen zu haben.“ Sie schüttelte den Kopf, verneinte vehement meine Äußerung, um mich darauf hinzuweisen, dass es die falsche Schlussfolgerung war. Ich wusste, wie verwirrt, bestürzt und verzweifelt sie in dieser Situation gewesen sein musste, aber auch wenn ich hätte aufhören wollen, konnte ich es nicht. Nicht solange meine Fragen unbeantwortet blieben, denn hatte ich eine Aufgabe, die ich zu erfüllen hatte. „Ich kann verstehen, dass du dich bei dem Anblick verletzt gefühlt haben musst, aber ging es Claire damals sicher nicht anders.“
„Fast dieselben Worte hatte sie auch in ihrem Brief verwendet.“, schluchzte sie.
„Welchen Brief?“ Ich beobachtete sie dabei, wie sie in ihre Tasche griff und einen Brief hervorholte, den sie mir offen auf den Tisch legte.
„Bei unserem Streit wollte sie es mir erklären, wollte, dass ich es verstehe, aber ließ ich ihr keine Möglichkeit irgendetwas zu sagen. Ich ließ sie verletzt … und alleine zurück, genau wie letztes Jahr.“ Erneut kämpfte sie gegen einen emotionalen Zusammenbruch, der sich ankündigte. „Meine letzten Worte an sie waren nur, dass unsere Freundschaft vorbei ist, dass ich so wirklich so dumm und naiv gewesen war zu glauben das ihr unsere Freundschaft etwas bedeuten würde und sich dann einfach mit diesem Miststück einlässt.“ Sie schluchzte und wischte sich eine Träne von der Wange. „Ich drehte mich um und sagte ihr, dass ich sie nicht mehr kennen würde und sie mich einfach nur noch in Ruhe lassen soll.“
Ich beendete das Gespräch angesichts der Emotionen, die in ihr tobten und völlig überwältigten. Ich brachte sie nach draußen zu den anderen, wo Anna die Freundin in die Arme nahm, um ihr emotionalen Beistand zu leisten. Mit einem Gefühl von Mitleid betrachtete ich die Vier einen Moment lang, ehe ich sie darum bat sich für weitere Fragen bereit zu halten, sollten sich diese im weiteren Verlauf der Ermittlungen ergeben. Dann ließ ich sie gehen.
Bevor ich den Campus wieder verließ bat ich die Direktorin darum, Claires Zimmer, das sie auf dem Campus bewohnte, zu sehen. Wie sie mir jedoch erklärte, könne ich dies heute nicht mehr, da ein neuer Zweitschlüssel angefertigt werden musste, nachdem Claire den Zweitschlüssel nach dem Verschwinden des Erstschlüssels erhalten hatte, der sich vermutlich nun in unserer Asservatenkammer befand. Ich fragte sie, warum man nach dem Verlust nicht einfach das Schloss ausgetauscht hatte, schon allein der Sicherheit wegen. Dieses Vorhaben, welches für sämtliche Schlösser des Wohnheimes galt, da es schon zu mehreren solcher Fälle gekommen war, sollte während der kommenden Semesterferien umgesetzt werden. Zudem wurde das Wohnheim, sowie das Campusgelände stehts von einer eigenen Campuspolizei kontrolliert und, sofern keine entsprechenden Anträge gestellt wurden, um 23 Uhr verschlossen. Da es zu lange dauern würde zuerst den Schlüssel aus der Asservatenkammer abzuholen um dann wieder zurück zur Universität zu fahren, verabredeten wir uns zu morgen, bevor ich mich auf den Weg zur Gerichtsmedizin machte.
Es war bereits das zweite Mal, dass ich sie so sah, entkleidet, mit nichts anderem bedeckt als mit einem dünnen Laken auf einer stählenden Bahre liegend. Das Traurige an diesem Anblick war allerdings, dass es bisher keinen aus ihrer Familie gab, der es für angebracht hielt sich bei Doktor Layhne zu melden oder persönlich zu erscheinen, als ob es ihnen völlig egal wäre. Gestern betrachtete ich sie noch mit einem neutralen Blick, aber hatte ich das Gefühl, je mehr ich über sie heraus fand, desto mehr sah ich sie mit anderen Augen, auch wenn ich mir noch nicht sicher war mit welchen. Ich seufzte, während ich ihr Gesicht betrachtete. Es war blass, die Lippen hatten eine bläuliche Färbung angenommen und dennoch überwog die Schönheit ihres Antlitzes diesen betrüblichen Anblick.
Ich hörte, wie sich eine der Schwingtüren auftat und Doktor Layhne eintrat, die ein wenig überrascht von meiner Anwesenheit war, als sie mich an der Wand mit den Kühlfächern neben Claires Körper stehen sah und sie anschaute, ohne den Blick abzuwenden.
„Wie schaut es aus?“, sprach sie mich ruhig an. „Kannst du dir schon ein Urteil bilden?“
„Noch nicht, aber zeichnet sich eine Tendenz ab.“ Ich atmete kurz durch. „Ich habe heute mit ihren Freunden gesprochen.“ Sie lehnte sich mir gegenüber gegen die Wand.
„Hast du dich verletzt?“, sprach sie mich auf die versorgte Platzwunde an. Ich schaute kurz zu ihr, wobei ich mir überlegen musste was ihr sagen sollte.
„Du meinst wegen der Platzwunde? Ist nur ein kleiner Unfall gewesen.“
„Ein Unfall?“ Ich seufzte.
„Ich hatte eine etwas unliebsame Begegnung mit einem Schlagball.“
„Der muss dich ziemlich unerwartet getroffen haben.“, meinte sie und machte mich darauf aufmerksam, dass ich ein relativ schnelles Reaktionsvermögen besitze, was mich dazu veranlasste die Lüge weiter zu spinnen um ihr Misstrauen meiner Schilderung gegenüber zu untergraben.
„Ich denke wenn man sich in einem Gespräch mit der Dekanin der Universität befindet und das Geschoss durch das einfallende Licht der Sonne geschützt wurde ist so etwas wohl kaum vorherzusehen.“ Sie hielt einen Moment inne und dachte kurz darüber nach, ob sie etwas darauf erwidern konnte, als sie schließlich seufzte und es aufgab, da sie sich scheinbar mit meiner Erklärung zufrieden gegeben hatte, wobei es mir zugegebenermaßen nicht nur ein wenig schwer fiel sie so zu erzählen, als ob es wirklich so passiert wäre, da jemand der sich eine Lüge ausdachte zumeist abgehakt und ein wenig verwirrt und verunsichert versuchte sich so schnell wie möglich etwas einfallen zu lassen, sondern fühlte ich mich dahingehend geradezu schlecht sie so anlügen zu müssen, aber was blieb mir anderes übrig?
„Und, hat sich etwas ergeben?“, holte sie mich aus meinen Gedanken.
„Nicht viel.“, antwortete ich mit einem enttäuschten Unterton und wandte meinem Blick wieder dem blassen Gesichts Claires zu. „Den Aussagen ihrer Freunde zufolge war Claire eine zurückhaltende, aber auch offene und fleißige Person, die fast jede freie Minute für das Studium oder die Arbeit opferte.“
„Und wenn sie sich mal eine Auszeit genommen hat?“
„Anders als die anderen Studenten hielt sie ihr Privatleben geheim. Nicht einmal ihre Freunde wussten wirklich, was sie in ihrer freien Zeit unternahm, wenn sie nicht gerade mit ihr unterwegs waren.“ Ich schmunzelte. „Bis heute war es ihnen nicht einmal aufgefallen, dass sie Claire kaum wirklich gekannt haben.“
„Wenn du mich fragst wirkt das schon ein wenig seltsam, oder?“, meinte sie nachdenkend. „Ich meine, meine Kommilitonen wussten fast alles über mich und ich über sie.“
„Aber wussten deine Kommilitonen auch nur das, was du sie wissen lassen wolltest.“, erwiderte ich schlicht. „Du warst somit auch keine normale Studentin.“
„Auch wieder wahr, aber … war sie das ebenso wenig.“ Ein Moment des Schweigens verging. „Ob es vielleicht einen geheimen Freund gab?“
„Kein Freund. Eine Freundin.“ Ich wusste, dass sie mich anschaute, weshalb ich ihr den eingetüteten Brief überreichte, welchen ich nachher noch in die Asservatenkammer geben musste. Sie nahm ihn an sich, setzte die Brille auf und las sich die Zeilen durch, die ich selbst bestimmt schon zwei oder drei Mal durchgelesen hatte.
„Naomi,
mir ist bewusst, dass unsere jahrelange Freundschaft zu Ende gegangen ist, obwohl ich gehofft hatte, dass es nicht so weit kommen würde als du mich mit deiner Beobachtung konfrontiertest und mir sagtest, du würdest mich nicht mehr kennen und ich dich in Ruhe lassen soll. Ich mache dir keinen Vorwurf, wie du reagiertest, darum schreibe ich dir diese Zeilen, in der Hoffnung, dass ich es dir auf diesem Wege erklären kann und wir uns vielleicht ein letztes Mal zusammen setzen und reden könnten, um zumindest friedlich und reinen Gewissens getrennte Wege zu gehen.
Nachdem, was letztes Jahr passiert ist, hatte ich immerzu gehofft du würdest auf mich zukommen, damit wir uns aussprechen könnten, aber nachdem eine Woche nach der anderen verging, dachte ich, du hättest eine Entscheidung getroffen, ohne sie mir zu sagen. In dieser Zeit des Wartens traf ich erneut auf Kya, obwohl sie mich zuerst nicht wieder erkannte, aber genau wie du mit mir reden wollte – über das, wie sie mich damals behandelt und was sie mir dabei alles angetan hatte. Ich hörte ihr zu, hörte mir an, was sie zu sagen hatte und war mir zunächst unsicher, ob sie es wirklich so meinte, aber stimmte ich trotzt einigen Zögerns schließlich einem zweiten Treffen zu und danach noch einmal und da verstand ich, dass sie es auch wirklich so meinte und sich verändert hatte, auch wenn ich in dieser Hinsicht vielleicht einfach zu naiv bin.
Und dann war es wie bei uns damals.
Sie begleitete mich von der Arbeit zurück zum Campus, als sie mich in eine kleine, schön beleuchtete Seitengasse zog, mich an die Wand drückte und mich küsste, noch bevor ich verstand was gerade passierte. Genau wie du war ich überrascht und wusste nicht, wie ich reagieren sollte, aber ließ ich es einfach zu, wehrte mich nicht dagegen, denn wollte ich ihr nicht dasselbe antun, was du mir angetan hast.
Ich weiß, diese Worte an dich sind mehr als verletzend, aber war es auch für mich verletzend, wie du dich nach meinem Geständnis immer mehr von mir distanziertest und das, obwohl wir uns schon so lange kennen und ich dich trotz der Beziehung zu Kya einfach nicht vergessen kann, denn bist du es, die immer für mich da war, wann immer ich dich brauchte. Kya sah mir in den letzten Wochen vermehrt an, wie sehr ich diese Nähe zu dir vermisse, weshalb sie die Beziehung nach dem heutigen Tage beenden will. Sie war nicht böse, auch nicht enttäuscht, denn versteht sie nach den wenigen Wochen, in denen wir zusammen waren, warum du mir so viel bedeutest.
Ich wollte, dass du das weißt und hoffe, dass wir uns eines Tages wieder als Freunde begegnen werden, auch wenn es nie mehr so sein wird wie es einmal gewesen ist und selbst wenn diese Begegnung nicht eintreten wird, werde ich dich, als auch unsere Freundschaft, niemals vergessen und hoffe, dass du es auch nicht tun wirst.
Alles Liebe, Claire.“
Ein wenig betrübt senkte sie den Brief und schien selbst mit den Tränen zu kämpfen in Anbetracht dieser Worte, in denen sich so viele Emotionen fanden, dass sie einem direkt nahe gingen und sich selbst an ihre damalige Beziehung und deren Ende erinnern musste.
„Ich schätze zu einer solchen Begegnung wird es nicht mehr kommen.“, meinte ich. Doktor Layhne seufzte betrübt und wischte sich eine Träne von der Wange.
„Es sind diese Momente unserer Arbeit, in denen ich an dem, was wir tun, zweifle und mich frage warum es diese Momente sind, die wir nicht verhindern können, bevor sie passieren.“, meinte sie mit einer ruhigen, nachdenkenden Stimme, die man von ihr nur selten hörte und eine völlig andere Seite von ihr zeigte.
„Ja, geht mir genauso.“, stimmte ich ihr zu. „Aber bestärkt es mich darin den Schuldigen dafür zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, um ihr zumindest die Gerechtigkeit zukommen zu lassen, die sie verdient.“
Wie aus dem nichts erfasste mich ein plötzlicher Schwindel, weshalb ich mich an den Kühlfächern abstützen musste und mir den Kopf hielt.
„Alles okay bei dir?“ Ich atmete kurz durch und dachte es wäre nur ein kurzer Moment der Schwäche gewesen, als ich plötzlich einen stechenden Schmerz verspürte, der sich von der Einstichstelle an meinem Hals aus nach oben in meinen Kopf fraß, als ob sich etwas langsam durch meine Adern schieben würde, das größer war als sie selbst. Ich hielt mir den Kopf und biss die Zähne zusammen, sodass mein Kiefer anfing zu schmerzen. Ich spannte die Muskeln in Armen und Händen an und krallte mich förmlich an einer der Kühlfachtüren fest um mich auf den Beinen zu halten. „Cass, was ist mit dir?“ Ich nahm ihre besorgte, beinahe verängstigte Stimme kaum wirklich wahr, denn erneut durchfuhr mich eine Welle des Schmerzes, stärker als zuvor und breitete sich nun auch auf andere Blutgefäße aus. Es fühlte sich so an, als ob jede einzelne meiner Arterien und Kapillare in meinem Kopf stärker zu pulsieren begannen und dabei die Rezeptoren tausender Nerven alarmierten, als ob der Druck in den Gefäßen stetig anstieg und die ersten von ihnen zu platzen drohten. Der Schwindel nahm mir die Orientierung, ich fühlte mich kraftlos, sodass ich mich nicht mehr halten konnte und stürzte zu Boden. Sofort eilte Doktor Layhne zu mir und sah nach mir, während ich weiterhin die Hände an Hals und Kopf hielt und versuchte den Schmerz zu unterdrücken, der sich durch meinen Körper bahnte.
Eine dritte Welle.
Der immense, kaum noch zu ertragende Schmerz war so groß, dass ich schrie und mich wand, sodass sich jeder einzelne meiner Muskeln anspannte und drohte zu bluten. Mein Atmen war in ein lautes Keuchen übergegangen, während mein Herz so unkontrolliert raste wie die Kolben in einem Motorblock versuchten dem Takt der Maschine weiterhin folgen zu können, es aber nicht schafften und kurz davor waren ihn zum explodieren zu bringen.
„Cass!“, rief sie, nachdem es ihr gelungen war mich fest zu halten ohne Gefahr zu laufen, dass ich sie verletzen würde. Langsam nahm der Schmerz ab, dennoch verharrte ich noch einen Moment in meiner Position und ließ mich schließlich auf den Boden sinken, bevor ich schwer keuchend nach Luft rang, die Hände weiterhin gegen Hals und Kopf gepresst. „Cass. Was hast du?“ Ich versuchte zu antworten, aber war ich noch immer ein wenig benommen. „Komm, ich helfe dir auf.“ Sie griff sich meinen Arm, legte ihn sich um den Nacken und hievte mich hoch, um mich zum Stahltisch zu bringen. Als wir den halben Weg geschafft hatten durchfuhr mich eine vierte, noch stärkere Welle.
Ich löste mich von ihr, wankte zum Tisch und presste meine Hand gegen meine Schläfe, während ich mein gesamtes Gewicht auf meine andere Hand legte, mit der ich mich am Tisch abstützte.
Der Schmerz und die Erschöpfung hatten ihre maximale Belastungsgrenze überschritten, sodass weder ich, noch mein Körper irgendetwas unternehmen konnten. Ohne es wirklich wahr zu nehmen ging ich bewusstlos zu Boden und konnte noch dumpf, aber kaum wirklich wahrnehmbar, Doktor Layhnes Hilferufe hören, während sie sich neben mir nieder ließ und nach mir sah.
Ein kurzer Moment der Dunkelheit umfing mich, als ich plötzlich die Augen aufriss.
Mein Blick war ein wenig getrübt, ich wankte über die Straße, die ich aufgrund der leichten Benommenheit und der schnellen Bewegungen meines Kopfes nur flüchtig wahrnehmen konnte. Ich blinzelte einige Male um die Benommenheit abzuschütteln und wieder ein klares Bild sehen zu können, als ich plötzlich die Augen kurz zusammen kniff, den Kopf dabei ein wenig schüttelte und die Augen wieder öffnete, bevor ich keuchend durchatmete.
Aber … war das nicht ich, die es tat, sondern eine andere Person.
Es war, als ob ich lediglich eine Art Zuschauerin wäre, die sehen sollte, was sie sah, ohne wirklich zu verstehen was das zu bedeuten hatte oder zu wissen wer diese Person war, durch deren Augen ich in diesem Moment sah.
Plötzlich riss sie den Blick nach vorne und wie sich zeigte keinen Moment zu früh oder zu spät.
Ich beobachtete, wie die Person mit einer solchen Geschwindigkeit den Arm einer anderen Person packte, die in der Hand eine Klinge hielt und von sich fern hielt, die Spitze nur wenige Zentimeter vom Körper entfernt auf sie und mich gerichtet.
Ein weiteres Blinzeln.
Sie stieß den Angreifer mit ganzer Kraft von sich, nutzte die Chance und versuchte ihm die Klinge zu entwenden. Dieser fing sich beinahe unnatürlich schnell und zog den Arm zurück, wobei der Stahl ihre Hand verletzte und den Arm nach vorne schnellen ließ. Sie aber bewegte sich ebenso schnell wie er und versuchte der Klinge durch eine Drehung des Oberkörpers zu entkommen, die nur wenige Millimeter an ihr vorbei schnitt. Sie machte einen Ausfallschritt, wodurch sie hinter ihn trat, den Arm um ihn legte und mit aller Kraft zudrückte.
Dieser verlor keine Zeit, spannte die Muskeln im Hals an, drehte den Knauf des Messer um hundertachtzig Grad und trieb ihr die Klinge in die Taille. Sie stieß einen Schmerzensschrei aus, ließ von ihm ab und hielt sich die blutende Wunde, die ihre Kleidung mit Blut tränkte, während er sich zu ihr umdrehte und dabei Schwung holte um aus der daraus resultierenden Kraft zuzustoßen. Instinktiv hob sie den Arm, die Klinge fuhr durch ihren linken Unterarm, aber dieses Mal schrie sie nicht, biss nur die Zähne zusammen, blinzelte die Tränen aus ihren Augen und mir wurde mit einem Mal bewusst, was diese Bilder zu bedeuten hatten, wem sie gehörten.
Sie waren nicht etwa die chemisch projizierten Bilder eines Traumes, sondern reale Erinnerungen.
Claires Erinnerungen.
Es waren die letzten Bilder, die letzten verzweifelten Momente, die sie vor ihrem Tod gesehen hatte, aber … warum konnte ich diese Bilder sehen? Wie war es möglich, dass ich die Bilder, diese bildlichen Erinnerungen der Angst und Verzweiflung ihres letzten Kampfes mit ansehen konnte?
Bildete ich sie mir womöglich nur ein?
Stellte ich mir diese Bilder lediglich nur vor, als ich mich bei ihrem Anblick am Tatort und in der Gerichtsmedizin fragte, was in den letzten Minuten ihres Leben passiert war?
Nein, drang sich mir die Antwort auf und gab ihr recht. Diese Bilder, diese Erinnerungen waren einfach zu real, zu detailliert und klar als dass sie unmöglich das Resultat meiner Einbildung sein konnten.
Ich beobachtete Claire, wie sie sich mit allen ihr zur Seite stehenden Kräften gegen ihren Gegner wehrte.
Immer stärker drückte er das Messer in ihrem Arm in Richtung ihrer Brust, wobei sich die Klinge mit einem schneidenden Geräusch tiefer durch ihre Haut und Muskeln schnitt, während Rinnsale von Blut an ihrer Haut und dem kalten Stahl der mit Rot getränkten Klinge entlang rannen oder zu Boden topften. Es beeindruckte mich, wie sie trotz der Schmerzen und des austretenden Blutes alles daran setzte ihn auf Distanz zu halten, indem sie ihr Handgelenk fest umklammert hielt und ihren Arm als eine Art Schild benutzte.
Während sie ihre ganze Kraft dafür aufwandte die Klinge von sich fern zu halten nutzte er die Möglichkeit, machte genau wie sie zuvor einen Ausfallschritt, wobei er hinter sie trat und dabei die Klinge mit einem schneidenden Geräusch, gefolgt von einigen Spritzern Blut, aus ihrem Arm zog und erneut versuchte zuzustechen. Sie aber packte sein Handgelenk und drehte die Klinge mit zusammengebissenen Zähnen von sich weg, die sich dieses Mal nur wenige Millimeter von ihrer Brust entfernt befand, sammelte all ihre Kraft, schlug mit dem angewinkelten Ellenbogen gegen sein Gesicht, drehte sich zu ihm um, sein Handgelenk noch immer fest gepackt und schlug ein weiteres Mal mit der geballten Faust ihres linken Armes zu, als ob sie die Schmerzen der schweren Stichwunde in ihrem Arm gar nicht beachten würde. Benommen und der Orientierung beraubt gelang es ihr ihm die Klinge zu entwenden und die Oberhand zu gewinnen.
Daraufhin wich sie einem wilden Schwinger aus, legte das Messer in ihre linke Hand und nahm eine Ausgangsstellung ein, die Spitze der Klinge von sich auf ihn gerichtet.
Sie hätte davon laufen, sich in Sicherheit bringen können, aber schien sie gewusst zu haben, dass sie nicht weit kommen würde, sei es durch die Verletzungen oder seine schattenhafte Schnelligkeit, mit der er sie nach nur wenigen Minuten eingeholt hätte.
Sie wartete einen Moment ab um sich zu vergewissern dass keine überraschende Gefahr bestand und schlug mit der rechten Faust zu, als er diese noch im Flug packte und ihren Arm zur Seite drehte, diesen dabei aber nicht brach. Zugleich fuhr die Klinge mit einem scheidenden Geräusch durch Stoff und Haut, als ob sie es genau so geplant hätte um ihn von ihrem eigentlichen Vorhaben abzulenken und das war ihr gelungen.
Mit einem aggressiven, undefinierbarem tiefen Schrei wie eines großen Tieres oder vielmehr einer unbeschreiblichen Kreatur heulte die Gestalt auf, als ob es kein Mensch wäre, den sie vor sich hatte, sondern lediglich dessen Abbild, gehüllt in zerschlissenen, schweren Kleidern und dem einzigen Verlangen sie zu töten.
Mit geballter Kraft drückte er sie von sich, um eine gewisse Distanz zu gewinnen.
Claire wartete einen Moment ab, keuchte, festigte ihren Stand, preschte auf ihn zu und schlug erneut zu, als er den Arm unter seinem Körper vorpreschen ließ, sie am Hals packte und mit einem wütenden Schnauben zudrückte, wobei ich hören konnte, wie sie verzweifelt nach Luft rang. Demonstrativ ballte er vor ihren Augen die Faust und ließ sie gegen ihre Rippen krachen. Es knirschte und ich konnte sehen, wie sie einige Tropfen Blut spuckte, als er ihr durch die Wucht des Schlages die Luft aus den Lungen presste und innere Blutungen in ihr hervor rief. Dennoch verlor sie keine Zeit, während er erneut ausholte und schnitt mit der Klinge in seine Hand, worauf er sie zähneknirschend los ließ. Sie ging in die Knie, hustete und rang nach Luft, als sowohl ich als auch sie selbst etwas metallisches hören konnten. Sie blickte zu der Gestalt und sah eine zweite Klinge in seiner Hand aufblitzen, erhob sich und stellte sich zum Kampf. Ich beobachtete sie, wie sie trotz all der Verletzungen, des Blutverlustes und der stetig wachsenden Erschöpfung, die sich in ihr ausbreitete, alles daran setzte weiter zu kämpfen und nicht aufzugeben bis sie den Kampf für sich entschieden hätte.
Eine Choreografie aus Hieben und Stichen, Schwingern und Tritten, Fäusten und Klingen, die aufeinander prallten, entstand, einem demonstrativen Kampftanz gleichend und eine völlig andere Seite von der sonst eher zurückhaltenden Studentin zeigte. Doch dann bemerkte ich, wie Claire einen Fehler beging, den der Unbekannte sofort ausnutzte, die Faust gegen ihr Zwerchfell schmetterte, wobei sie sich krümmte und das Messer fallen ließ, als er seinen Arm um ihren wickelte und anzog, wodurch er nur einmal fest zudrücken müsste um ihn ihr an mindestens drei Stellen zu brechen und sie somit zwang ihn anzusehen, während er die Klinge auf ihre völlig ungeschützte Brust niederfahren ließ. In einer letzten Tat hob sie die rechte Hand, durch die sich der Stahl schnitt wie zuvor durch ihren Arm um die Klinge von sich fern zu halten.
Ich hörte wie sie schwer atmend keuchte, die Zähne zusammen biss und schluchzte angesichts dessen, was sie erwarten würde.
„W-Warum … t-tust du das?“, fragte sie ihn und nahm alle Kraft zusammen, die sie noch aufbringen konnte, doch mit jeder Sekunde weiter abnahm und langsam versagte. Ein unheimliches, triumphierendes Lachen drang unter seiner gespenstisch wirkenden Maske hervor, während sich ihr die Spitze stetig näherte. „Sie … w-wird dich f-finden.“
„Warten wir es ab.“, sagte er ruhig und völlig gelassen, ohne jedwede Spur von Erschöpfung oder Schmerz.
„Aber … noch gebe ich n-nicht auf!“ Mit einer Präzision, die ihm zu gleichen schien, trat sie ihm gegen das Knie, wodurch er das Gleichgewicht verlor und in die Knie sank. Claire nutzte die Chance, zog die Hand von der Klinge und ließ die linke Faust gegen die Stelle seiner Maske krachen, wo sie seinen Kiefer vermutete, wodurch er zu Boden ging. Ohne zu zögern suchte sie nach der Klinge, die sie hatte fallen lassen, hob sie auf und drehte sich zu ihm um, um seinen nächsten Angriff abzuwehren … als sie plötzlich inne hielt.
Ein erstickender Atemzug entfuhr ihr, die Klinge in ihrer Hand wurde so schwer, dass sie sie nicht mehr halten konnte und fiel mit einem metallischen Klirren zu Boden.
Zitternd neigte sie den Blick und entdeckte die zweite Klinge, die ihren Brustkorb fast bis zum Heft durchstoßen hatte, ohne es wirklich gespürt zu haben. Blut rann über ihre Lippen und tropfte auf ihre Kleidung, sowie auf die Schneide und das Heft der Klinge.
Auf schwachen Beinen haltend hob sie langsam den Blick und schaute in das Gesicht des Mannes, oder zumindest in das Gesicht der Maske, mit der er sie anschaute.
„W-Warum?“, weinte sie mit zitternder Stimme verängstigt, mehr einem Hauch gleichend, der ihrem Hals entwichen war. Ohne auf ihre Frage zu antworten zog er die Klinge heraus und ließ sie zu Boden sinken, wo sie verlangend nach Luft rang, während sie Tränen der Angst vergoss und weiterhin Massen von Blut aus ihren Wunden und über die Lippen rann. Ich beobachtete sie, wie es ihr mit jedem einzelnen Atemzug zunehmend schwerer fiel die Augen offen zu halten und bei Bewusstsein zu bleiben.
Ein letztes Mal trat die Gestalt in ihr Sichtfeld und betrachtete sie, als wollte er, dass sein Gesicht, seine Gestalt das letzte Bild sein sollte, das sie sehen musste, als sie schließlich die Lider schloss und die Gestalt damit verschwand.
Abermals umfing mich Dunkelheit.
Dann ein leises, regelmäßiges Piepen, das immer lauter wurde.
Langsam und vorsichtig öffnete ich die Augen, eine Mischung aus dem künstlichen weißen Licht der Deckenbeleuchtung und des Tageslichts schienen mir entgegen und blendeten mich einen kurzen Moment. Als ich die noch leichte Benommenheit mit einigen Blinzeln abgeschüttelt hatte nahm ich einen tiefen Atemzug und fasste mir mit der Hand gegen die noch schwach pochende Stirn, während ich mich vorsichtig aufsetzte. Ich sah mich um und bemerkte, dass ich mich in einem Krankenzimmer befand, in das man mich wohl nach meiner Bewusstlosigkeit gelegt hatte. Am linken Zeigerfinger spürte ich das Drücken des EKG-Sensors, das weiterhin meine ruhigen Vitalwerte aufzeichnete und dabei piepte.
Ich schaute an mir herab.
Meiner Kleidung hatte man mich glücklicherweise nicht vollends beraubt, lediglich mein Oberkörper war bis auf den Sport-BH entkleidet und die Schuhe hatte man mir ausgezogen. Auf einem Stuhl neben dem Bett fand ich die mir abgenommenen Kleidungsstücke fein säuberlich zusammengefaltet und hingelegt, zusammen mit Jacke, Mütze und Schuhen.
Ich setzte mich auf die Kante des Bettes, als sich im selben Moment die Tür öffnete. Instinktiv schaute ich zu der Person und bemerkte Doktor Layhne, die sichtlich erfreut war mich wieder bei Bewusstsein zu sehen.
„Cass.“ Die Erleichterung und Freude waren ihr deutlich anzumerken. „Verdammt hast du mir Angst gemacht.“ Liebevoll nahm sie mich in den Arm und für einen kurzen Moment genoss ich diesen Moment der Zärtlichkeit, als sie mich anschaute und ich versuchte den letzten Rest meiner Benommenheit abzuschütteln.
„Was … was ist passiert?“, fragte ich mit trockenem Hals. Sie legte die Hände auf meine Schultern und beugte sich in mein Sichtfeld.
„Erinnerst du dich denn nicht?“ Ich dachte einen Moment lang nach.
„Ich war bei dir und … wollte Claire wieder bedecken, als ich … nur noch diesen Schmerz verspürte.“, erzählte ich und tastete nach der Ader an meiner Schläfe, die sich noch vor kurzem angefühlt hatte als ob jemand einen Schlauch oder etwas ähnliches durch sie hindurchgeschoben hätte. „Dann … nichts mehr.“
„Du hast das Bewusstsein verloren.“ Ich atmete kurz durch, als ich in ihre bernsteinfarbenen Augen sah, in der sich noch immer Sorgen und ein wenig Angst um mich zeigten.
„Wie … ich meine, warum ist das passiert?“
„Wir haben eine Blutprobe entnommen, die derzeitig auf alle möglichen Substanzen untersucht wird, nur um eine mögliche Unregelmäßigkeit festzustellen. Aber schließen wir auch andere Dinge nicht aus.“, erklärte sie mir sachlich, wie es sich für eine Ärztin gehörte, obwohl sie dabei nicht umher kam, dass sich weiterhin ein gewisser Unterton der Besorgnis in ihrer Stimme abzeichnete.
„Verstehe.“ Ich dachte einen Moment nach. „Wie lange war ich weg?“
„Drei Stunden. Nachdem du in der Gerichtsmedizin zusammen gebrochen bist und ich dich hier her gebracht hatte, rief ich den Superintendent an.“ Sie sah mir an, dass mich etwas beschäftigte. „Ist alles okay bei dir?“ Wieder schaute ich in ihre klaren, funkelnden Augen.
„Ich … ich bin mir nicht sicher, Eve.“, gestand ich. Es war schon einige Zeit her, dass ich sie bei ihrem Spitznamen nannte, aber hatte ich in diesem Moment einfach das Bedürfnis mich mit ihr auf freundschaftlicher Ebene zu begegnen.
„Was meinst du?“, fragte sie und setzte sich neben mich. Ich zögerte einen Moment, dachte darüber nach ob ich es ihr sagen sollte oder nicht.
„Ich … ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es an diesem Fall, dass ich mir das alles nur einbilde, oder aber … ich …“ Es fiel mir schwer es zu beschreiben, wenn man es überhaupt beschreiben konnte. Eine große Verunsicherung stieg angesichts der bisherigen Ereignisse in mir auf. Zuerst dieser Traum, dann Claires Ermordung und die Begegnung mit ihrem Mörder und jetzt auch noch ihre letzten Erinnerungen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gingen und mir das Gefühl vermittelten als ob es meine eigenen wären.
Verlor ich langsam den Verstand oder steckte vielleicht doch mehr dahinter, als dass es sich ein rational denkender Mensch erkläre könnte?
„Cass.“, sagte sie ruhig und legte den Arm um mich. „Du hast einiges durchgemacht als du in ihrem Alter warst. Ich kann mir vorstellen, dass dir dieser Fall deshalb vieles abverlangt, an das du selbst nicht denken möchtest, aber dein Unterbewusstsein dir eventuell damit helfen will die Erfahrungen besser verarbeiten zu können.“
Es war lieb von ihr das sie mir das sagte, obwohl sie Ärztin und keine Psychologin ist.
Und vielleicht hatte sie auch recht damit, auch wenn ich mehr daran dachte, dass es mit den derzeitigen Umständen gar nichts zu tun hatte.
Ich schenkte ihr ein Lächeln, etwas, dass ich schon lange nicht mehr getan hatte.
„Danke, Eve.“
„Du weißt, dass ich immer für dich da bin.“
„Was denkst du wie lange ich noch hier bleiben muss?“ Sie erwiderte das Lächeln und ohne dass sie es aussprach wusste ich was sie sich dachte.
„Ich werde den Arzt informieren, aber ich denke, jetzt wo du wieder bei Bewusstsein bist wird er nur noch einige Routineuntersuchungen durchführen und dich dann entlassen.“ Sie erhob sich und nahm ihre gewohnte Haltung ein. „Aber dass du heute nochmal zum Dienst gehst ist ausgeschlossen. Der Superintendent hat dich für den Rest des Tages frei gestellt.“
„Aber … mein Bericht.“, widersprach ich ihr. Eigentlich wollte ich vielmehr den Fall erwähnen und nicht den Bericht, aber war er das erste, was mir über die Lippen kam.
„Cass. Glaubst du nach dem, was in der Gerichtsmedizin vorgefallen ist, interessiert sich der Superintendent für irgendeinen Bericht, den du auch in den nächsten Tagen schreiben kannst? Und wenn deine Kollegen lieber deine Berichte lesen als mit dir direkt zu reden, dann ist das deren Problem, nicht deines.“ Erneut musste ich ihr recht geben, zumal der Superintendent genauso reagiert hätte wie sie. „Ich weiß, dass dir dieser Fall nahe geht und das du denjenigen finden willst, der dafür verantwortlich ist, aber es nützt niemandem etwas, wenn du dich überarbeitest und ein weiteren Mal aus unerklärlichen Gründen zusammen brichst.“ Sie schaute mich einen Moment an und wusste, dass ich mich schuldig fühlte angesichts meines Widerspruchs, wobei sie ein wenig lächeln musste, da sie wusste, dass ich ihr nur selten oder nie widersprechen würde und mich ohne Widerspruch in die Schranken weisen kann – Etwas, das nur sehr wenige Personen schaffen. „Ich informiere den Arzt.“ Ich nickte und ließ sie gehen.
Wenige Minuten später war sie in Begleitung eines Kollegen zurück, ich ließ mich untersuchen und antwortete wahrheitsgemäß auf seine Fragen, die er mir stellte, als er die Untersuchung schließlich beendete und mir meine Entlassungspapiere gab. Nachdem er gegangen war stand ich auf und zog mich an, während Doktor Layhne wartete und mich dabei beobachtete als befürchte sie jederzeit einen erneuten Zusammenbruch meinerseits.
„Ich bringe dich am besten nach Hause. Gönn dir eine warme Dusche und ruh dich ein wenig aus.“ Ich seufzte, während ich mir das Hemd überstreifte und mich zu ihr drehte.
„Eve.“
„Ja?“ Ich wusste nicht wirklich, wie ich es erklären sollte.
„Ich … ich habe Angst zu schlafen.“, sagte ich ihr, wobei eine große Unsicherheit und eine gewisse Art von Angst in meiner Stimme mitschwang. Ein liebevolles Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen.
„Ich weiß, dass du mir das im Vertrauen erzählt hast und wovon der Superintendent nichts weiß, daher vertrau mir, wenn ich dir sage, dass du keine Angst zu haben brauchst. Du bist viel stärker als deine Kollegen glauben mögen und du weißt das auch.“ So sehr ich mir wünschte, dass sie auch dieses Mal recht hatte, dass ich die Kontrolle über meine Träume hatte, so erschien es mir, dass es in diesem Fall anders herum war und ich nichts dagegen tun konnte.
Ich zog mich fertig an und ließ mich von ihr nach Hause bringen, ehe sie sich zur Wache aufmachte um dem Superintendent Bericht zu erstatten.
Ich betrat indes meine Wohnung, schloss die Tür und lehnte mich gegen sie.
Einen Moment lang schloss ich die Augen, atmete tief durch und versuchte diese Verunsicherung los zu werden, die an mir zerrte, bevor ich nach oben ins Badezimmer trat, mich meiner Kleidung entledigte und die Dusche betrat, in der Hoffnung sie würde mir dabei helfen mich wieder sammeln zu können.
Ich drehte das Wasser auf und ließ einen Regen aus Milliarden von Wassertropfen von der Decke auf mich nieder prasseln.
Ich dachte an nichts, ließ sämtliche meiner Gedanken fallen um sie später in Ruhe und bei klarem Verstand wieder neu ordnen zu können. Und dennoch stellten sich mir immerzu neue Fragen, nach deren Antworten ich im Moment vergeblich suchte, weshalb ich den Kopf schüttelte und einfach den Regen genoss, der auf mich niederfuhr.
Nach zwanzig Minuten verließ ich die Dusche, zog mir etwas einfaches und bequemes an und wollte mir einen Tee machen, als ich auf dem Küchentisch ein kleines Präsent des Superintendent vorfand. Fein säuberlich zubereitet und angerichtet hatte er mir mein Lieblingssandwich gemacht – Dinkelvollkornbrot mit Butter, Salat, Tomate und Gurke. Eine Hälfte war mit Lachs, frischem Dill und selbstgemachter Senfsoße, die andere war mit Roastbeef und Remoulade. Als Nachtisch gab es einen mit Zitrone gefüllten und kleinen Schokoladenstückchen gemachten Muffin aus meinem Lieblingscafé.
Ich lächelte bei dem Anblick, denn zeigte es mir wieder, dass der Superintendent mehr für mich war als nur mein Vorgesetzter, der mich damals unter seine Fittiche genommen hatte.
Während der Tee vor sich hin zog, machte ich ein wenig Musik an, zu der ich mich ins Wohnzimmer setzte, in Ruhe aß und anschließend den warmen Tee genoss. Dennoch ließen mich meine Gedanken einfach nicht los, weshalb ich mir meinen Notizblock nahm und alles aufschrieb, was ich bisher über Claire und den Tathergang wusste. Noch war es nicht viel, was mir weiterhelfen konnte, aber wuchs in mir der Gedanke, dass es nur eine Möglichkeit gab fernab weiterer Befragungen und Spurensicherungen Antworten zu erhalten, auch wenn meine Überlegung viele als Spinnerei abtun würden.
Trotz meiner dreistündigen Bewusstlosigkeit fühlte ich mich erschöpft und kraftlos, weshalb ich in Ruhe den Tee austrank, abwusch und mich bettfertig machte, bevor ich neben meinem Bett stand und einen Moment zögerte. Ich hatte noch immer Angst davor, was mich erwarten würde, aber wusste ich, dass mir nichts anderes übrig blieb, wenn ich all die Fragen beantworten wollte. Um dennoch das Gefühl zu haben nicht völlig schutzlos zu sein nahm ich meine Ersatzwaffe aus der Kommode, überprüfte sie nach ihrer Einsatzbereitschaft und legte sie unter mein Kopfkissen, wo ich sie schnell zur Hand hatte, sollte mich diese Gestalt noch einmal überraschen, sei es in meinem Schlafzimmer oder anderswo in der Wohnung.
Mit einem nachdenklichen Seufzen legte ich mich schließlich ins Bett, atmete ruhig, schaute an die Decke, schloss langsam die Augen und wartete.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte als ich schließlich eine Art Rückblick von den bisherigen Träumen, der ersten Begegnung mit Claire über die Befragungen ihrer Freunde und meinem Zusammenbruch bis zu diesem Moment hatte, wobei ich mich immerzu an vereinzelte Sätze, die gesagt wurden, erinnern musste, die um mich herum wirbelten wie bei einer Filmmontage, in welcher die Figur die gesamte Handlung noch einmal vor Augen hatte und sich dabei an die wichtigsten Ereignisse oder Äußerungen erinnerte, bevor sie endlich verstand, was die ganze Handlung zuvor zu bedeuten hat und sie als nächstes zu tun hätte.
Und in diesem Moment fühlte ich mich genauso, auch wenn die Handlung bei mir selbst gerade erst wohl begonnen hatte und versuchte sie deshalb zu verdrängen, aber wurde es immer stärker und dann …
War alles verstummt.
„Wachen Sie auf, Vivien.“, hörte ich eine ruhige Stimme in meiner Nähe, die aber dennoch einen gewissen Abstand warte. Ich kam der Aufforderung nach, aber war es eine andere Decke, an die ich schaute. „Wie ich sehe haben Sie es geschafft.“ Ich setzte mich auf und schaute direkt die kaum wahrnehmbare Gestalt am Fußende meines Bettes an, die dort stand und mich beobachtet hatte.
„Wo … wo bin ich?“, fragte ich ihn ein wenig verschlafen und orientierungslos.
„Wo sollen Sie schon sein, wenn nicht in Ihrer Wohnung?“ Ich schaute mich kurz um.
„Nein, das ist nicht mein Zimmer.“ Er blieb gelassen, lachte amüsiert, während er sich zum Schreibtisch an der Fensterreihe aufmachte und sich auf den Stuhl setzte.
„Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie noch immer ein wenig verwirrt sind, aber sind das hier Ihre persönlichen Räumlichkeiten. Nur nicht die Ihrer Welt.“ Ich erinnerte mich an seine Worte, die er während der Injektion an mich gerichtet hatte.
„Das meinten Sie mit Ihrer Welt.“ Er schien unter seiner Maske zu lächeln.
„Ich wusste, dass Sie einen wachen Verstand haben, aber lassen Sie mich Ihnen dennoch einiges zu unserer beiden Welten erklären.“, begann er, stand auf und ging ruhig im Zimmer auf und ab. „Für Sie mag diese Welt nur in Ihren Träumen existieren, ein chemisch produziertes Szenario einer Vorstellung ihres Unterbewusstseins während Ihrer Tiefschlafphase. Aber in Wirklichkeit ist meine Welt so real wie es die Ihre ist. Nennen Sie es, wie Sie es wollen, eine andere Realität, Dimension, ein Paralleluniversum oder welche physikalische oder astronomische Bezeichnung es auch dafür geben mag, obwohl es für Sie weiterhin ein Traum ist, in welchem Sie lediglich ein Besucher sind und verschwindet, sobald Sie die Augen öffnen.“
„So leicht wird es aber nicht sein.“, erwiderte ich. Wieder schien er zu lächeln, lachte sogar ein wenig erfreut, als ob er es schätzte mit jemanden zu sprechen, der sich auf dem gleichen intelligenten Niveau befand wie er, auch wenn ich das Gefühl hatte als ob er mir in dieser Hinsicht überlegener wäre.
„Und hier beginnen die Unterschiede, die die Physik und andere wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten unserer beiden Welten ein wenig aus den Angeln heben. Ich will Sie aber nicht mit allen Einzelheiten belasten, darum lassen Sie mich Ihnen die wichtigsten Dinge erklären, die Sie wissen sollten, während Sie sich in meiner Welt aufhalten. Zunächst können Sie, wie Sie bereits bemerkt haben, diese Welt nach der Injektion nur durch den Zustand der Tiefschlafphase oder aber auch der Bewusstlosigkeit betreten und auch wieder verlassen, den entsprechenden Bedingungen vorausgesetzt. Das Verlassen erfolgt dabei genauso wie in Ihrer Welt. Des Weiteren sind Sie hier ebenso eine reale Person wie in Ihrer – Mit einer Geschichte, einem Beruf, einem Leben, wenn auch mit kleineren Abweichungen, die Sie aber noch feststellen werden.“
„Ich … ich erinnere mich an nichts.“, meinte ich als ich versuchte mich an etwas aus meinem Leben in seiner Welt zu erinnern, aber fiel es mir bereits schwer mich an das eine oder andere aus meiner Realität zu erinnern.
„Dass Ihr Erinnerungsvermögen derzeitig ein wenig getrübt ist, ist nur eine der Nebenwirkungen der Injektion, aber selbst wenn die Nebenwirkungen überwunden sind, werden Sie selbst kaum Erinnerungen in dieser Welt besitzen, wenn Sie sie betreten.“
„Wenn ich in dieser Welt eine genauso reale Person wie in meiner eigenen bin, wie Sie sagten, warum weiß ich dann nicht, wer ich bin?“
„Eine wohl überlegte Frage, Sergeant.“, sagte er, setzte sich wieder auf den Stuhl, beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Knien ab. „Natürlich werden Sie meine Antwort erst später wirklich verstehen können, aber ich bin mir sicher, dass dies keine große Aufgabe für Sie sein wird.“ Er atmete kurz durch. „Nun, auch wenn Sie sowohl in Ihrer, als auch meiner Welt existieren und dabei dieselbe Person sind, besitzt jede von Ihnen ihre eigenen Erinnerungen und Erfahrungen und sind somit nicht im Einklang miteinander. Sobald Sie diese Welt betreten, werden sämtliche dieser Dinge Ihres zweiten Ichs verdrängt, denn wissen Sie nichts von diesen Dingen. Je mehr Sie jedoch über Ihr zweites Ich heraus finden, desto mehr werden Sie auch im Einklang mit ihr sein und zu dieser Person werden, auch wenn Sie diese Person selbst sind.“
Obwohl seine Antwort auf meine Frage eine wissenschaftliche Unmöglichkeit darstellt, hatte ich das Gefühl, als ob seine Worte der Realität entsprachen. Dennoch kam ich nicht drum herum selbst ein wenig zu zweifeln, während sich ein Gefühl der Verwirrung in mir ausbreitete.
„Und … wer bin ich?“ Er erhob sich wieder.
„Das, Sergeant, müssen Sie selbst herausfinden, aber um Ihre nächste Frage bereits vorweg zu nehmen, warum ich Sie hierher gebracht habe: Wie Ich es Ihnen bereits während unserer Begegnung in Ihrer Wohnung schon einmal erklärte sind Sie und Ihre Kollegen auf der Suche nach mir, aber nur Sie haben das Potenzial mich auch zu finden.“
„Warum? Warum ich?“, fragte ich ihn sachlich.
„Alles zu seiner Zeit, Sergeant. Im Laufe Ihrer Ermittlungen werden Sie es sicherlich verstehen, dessen bin ich mir sicher.“ Ein Gedanke drängte sich mir auf, auch wenn ich die Antwort bereits wusste.
„Wenn ich in Ihrer Welt also eine reale Person bin, dann …“
„Bin ich das ebenso in der Ihren, auch wenn für mich einige andere Regeln gelten, was beispielsweise das Betreten und Verlassen unserer beider Welten betrifft.“, beendete er meinen Satz, als mir ein weiterer Gedanke kam.
„Wir suchen also ein Phantom.“ Ein amüsiertes Lachen drang aus seiner Maske.
„Passend, nicht wahr? Die Suche nach einem Täter, der in Ihrer Welt von einem Moment zum anderen existiert und dann wieder verschwindet, ohne dabei irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Ich kann mir gut vorstellen, dass man Ihnen kaum glauben wird, wenn Sie jemandem davon erzählen, aber keine Sorge, was das angeht, schließlich bin ich noch nicht fertig. Es wird also noch einiges an Arbeit auf Sie und Ihre Kollegen zukommen.“
„Ich sollte Ihnen gleich hier und jetzt eine Kugel verpassen.“ Er stellte sich vor mir am Bettende hin, breitete die Arme aus und lachte amüsiert.
„Das kann ich mir lebhaft vorstellen, meine Liebe.“ Er war so schnell bei mir, das ich ihn kaum wahrnehmen konnte, als würde er sich wie ein Schatten bewegen und packte mich am Hals, wobei er nur so viel Druck aufwandte um mir keine allzu schweren Verletzungen zuzufügen, mir das Atmen jedoch deutlich erschwerte. Mit einem Mal hatte sich seine Haltung verändert, sie war nun ernst, herausfordernd aggressiv und überlegend. „Aber sollten Sie mich keinesfalls unterschätzen, Vivien. Genau wie Sie habe ich eine Mission und bis jetzt habe ich weitaus mehr erreicht als Sie sich vorstellen können und selbst das Kommende werden Sie nicht verhindern können.“ Ich spürte, wie es mir mit jedem weiteren Atemzug schwerer fiel zu atmen, als ob er neben meinem Bett stehen und die Hand um meinen Hals gelegt hätte, während ich weiterhin schlief um mir den Eindruck zu vermitteln dass dies wirklich eine andere, eine reale Welt war. Er ließ mich los, ich rang nach Luft und hielt mir den Hals, wobei ich einen beängstigenden realen Schmerz verspürte, während er zur Tür ging.
„Eines noch. Ich vergaß zu erwähnen, dass jede Verletzung, die Sie sich hier zufügen oder Ihnen zugefügt wird, Sie auch in Ihrer Welt verletzen wird.“ Mir war bewusst, dass er davor war zu gehen.
„W-Warten Sie.“, sagte ich, während ich versuchte wieder normal zu atmen. Er blieb stehen und drehte sich noch einmal zu mir um. „W-Woher kennen Sie meinen … meinen zweiten Namen?“
„Ich weiß eine Menge über Sie, Sergeant. Über Sie, Claire und all die anderen, die mit diesem Fall zu tun haben. Dasselbe werden Sie aber auch im Laufe Ihrer Ermittlungen erfahren. Die Frage ist aber natürlich wie viele Sie von ihnen retten können, bevor ich mein Vorhaben beendet habe und das nächste beginne.“ Er deutete eine Verabschiedung an, indem er mit zwei ausgestreckten Fingern seiner rechten Hand an die Stirn seiner Maske tippte. „Wir sehen uns in balde wieder. Bis dahin, träumen Sie schön, meine Liebe.“
Innerhalb eines Wimpernschlages war er verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst und wäre niemals hier gewesen.
Ich spürte, wie ich zitterte, ich rang nach Luft und versuchte ruhig zu bleiben, während ich gleichzeitig versuchte seine Erklärungen zu verstehen. Ich stand auf, wobei mir auffiel, dass ich einen mittellangen Schlafanzug trug, der mehr für einen Mann als für eine Frau wie mich zugeschnitten war. Das kühle Holz unter meinen Füßen knarrte ein wenig, ich schaute auf den kleinen Tisch und bemerkte, dass sich neben einem mechanischen Wecker aus Messing und Stahl eine altmodische Petroleumlampe befand.
Ich schaute zu den lebensgroßen Fenstern, ging darauf zu, öffnete die beiden Türen und trat an das Geländer, das vor ihnen angebracht war.
Kühle, frisch feuchte Luft strömte mir entgegen, während sich vor mir eine unbekannte Stadt aus Stein, Holz und vereinzelt Stahl oder anderen Metallen erstreckte.
Ich schaute in Richtung Zentrum, wo sich die Stadt zu einem Kegelstumpf erhob, auf dem sich prunkvolle Gebäude fanden, als ob es sich um eine andere Gesellschaftsschicht handelte, die dort hinter dicken Mauern lebte und sich von den anderen Schichten unterhalb ihres kleinen Reiches isolierte.
Keuchend und verwirrt legte ich die Hand gegen die Stirn und versuchte durchzuatmen, während sich vor meinen Augen alles drehte und sich wieder ein gewisser Schmerz in meinem Kopf ausbreitete, als ich noch immer versuchte heraus zu finden, beziehungsweise zu entscheiden, ob es sich wirklich um eine real existierende Welt handelte oder nicht, auch wenn vieles sowohl dafür als auch dagegen sprach.
Welche wissenschaftliche Erklärung konnte es für dieses Phänomen geben?
Oder … gab es überhaupt eine?
Nur weil er sagte, dass es sich um eine reale Welt handelte, hieß das noch lange nicht, dass seine Worte der Wahrheit entsprachen, aber so wie er mich gepackt und zugedrückt hatte, sodass ich kaum noch Luft bekam … es schien, nein, es war keine Einbildung gewesen, sondern Realität, denn auch wenn Träume die Wissenschaftler noch immer vor Rätsel stellten, konnte so etwas kein Traum sein.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto schlimmer wurden die Schmerzen, als auch der Schwindel in meinem Kopf. Ich drehte mich um und wankte zum Bett, als ich schließlich das Bewusstsein verlor und zu Boden stürzte.
Im selben Moment, wo ich die Augen meines zweiten Ichs schloss, öffnete ich die meinigen und setzte mich sogleich auf, um mich zu vergewissern, dass ich mich in meinem Schlafzimmer befand – in meiner Welt, in meiner Zeit. Genau wie in der anderen Welt erfassten mich leichte Kopfschmerzen, weshalb ich mir den Kopf hielt, keuchend durchatmete und mir nur ein Gedanke kam, der sich mir einbrannte: Dass dieser Fall trotz seiner bisherigen Ungewöhnlichkeit noch weitaus mehr zu sein schien als nur das.
Und wenn es stimmte, was er sagte und mir war bewusst, dass er so etwas nur sagte wenn er es auch so meinte, dann war Claire nur der Anfang einer möglichen Serie, die noch weitere Tote bedeuten konnte, wenn ich ihn nicht aufhalten würde.
Entschlossen atmete ich kurz durch, nahm die Ersatzwaffe unter meinem Kopfkissen hervor, zog mich an und machte mich zum Präsidium auf, bevor er sein nächstes Opfer finden würde und weiß der Teufel wer es sein konnte.
Kapitel 3: Wolfsjagd (3) – Creepypasta-Wiki