EigenartigesLangLegendenMordSchockierendes Ende

Wolfsjagd (3) – Under rewrite

Die Jagd nach einem Mörder zwischen den Welten

Hier geht’s zu den vorigen Kapiteln:
– Kapitel 1: Wolfsjagd (1) – Creepypasta-Wiki
– Kapitel 2: Wolfsjagd (2) – Creepypasta-Wiki

– Kapitel 3 –

Ein wenig irritiert und überrascht, mich schon nach einem Tag wieder zu sehen, betrachteten mich viele der Kollegen mit verschiedenen Blicken als ich die Wache betrat und mich zu meinem Schreibtisch aufmachte, auf dem sich Doktor Layhnes Untersuchungsbericht befand.

Mit einem frisch aufgebrühten Kaffee setzte ich mich und nahm mir die Akte zur Hand, als jemand neben mir stehen blieb. Auch ohne, dass ich den Blick hob um nachzusehen, um wen es sich dabei handelte, wusste ich wer die Person war. Es war Chief Superintendent Edkins, ein eher unauffälliger hagerer Mann Mitte dreißig, der sich gerne groß und wichtig gab, obwohl viele von uns trotz seines Dienstranges nicht viel auf ihn gaben.

“Was tun Sie hier, Winter?”, fragte er mich mit einer seiner mittelhohen strengen Stimme, um Autorität und Abneigung auszudrücken. Unbeeindruckt ließ ich meinen Blick weiterhin in die Akte gerichtet, während ich ihm antwortete.

“Meine Arbeit … Sir.” Es fiel mir schwer, ihn mit Sir anzusprechen, als ob es ihm nicht zustehen würde und obwohl wir uns beide aus vielerlei Gründen nicht besonders gut verstanden, wusste ich, wie er innerlich grinste und es genoss, wenn ich ihn damit anredete, als brauche er das Gefühl wichtig und in der Hierarchie weit oben zu sein.

“Der Superintendent wollte Sie nach Ihrem Schwächeanfall die nächsten Tage hier nicht sehen, oder wollen Sie sich seinem Befehl abermals missachten, so wie damals?” Ich spürte, wie es um uns herum stiller wurde, als ob die anderen Kollegen wissen wollten, wie die Konfrontation dieses Mal zwischen uns ausgehen würde. Ich aber schaute weiterhin auf den Bericht Doktor Layhne’s, als er mit der flachen Hand auf den Schreibtisch schlug um darauf hinzuweisen, dass ich mit einem Vorgesetzten sprach. “Verdammt nochmal, Winter, legen Sie gefälligst die Scheiß Akte weg, wenn Ihr Vorgesetzter mit Ihnen spricht!”, fauchte er mich an, als ob er in seinem Stolz verletzt worden wäre oder vor versammelter Mannschaft zeigen musste, dass er hier das Sagen hatte, wenn der Superintendent nicht da war.

Ich schloss die Akte, legte sie auf den Schreibtisch und stand auf, sodass wir uns einander ansahen. Am liebsten hätte ich ihm meine Faust in seine Visage gedroschen und ihm gesagt, was ich von ihm als Vorgesetzten hielt, beherrschte mich allerdings, zumindest für diesen Moment, denn hatte ich nicht das allzu große Verlangen mich erneut einem Disziplinarverfahren stellen zu müssen.

“Ich sollte Sie für Ihren Ungehorsam suspendieren lassen, Winter.”, meinte er mit ernster Stimme, aber brachte mich das nur zum Schmunzeln.

“Tun Sie sich keinen Zwang an.” Meine recht ruhige Antwort überraschte ihn offensichtlich. “Sprechen Sie mit dem Superintendent oder direkt mit dem Commissioner und lassen mich suspendieren. Ihnen wird sicherlich ein Grund einfallen, es stehen ja genügend zur Auswahl.” Ich trat einen Schritt näher an ihn heran, was ihn immer nervös machte, wenn sich ihm eine starke Frau auf eine solch enge Distanz näherte. “Aber solange dem nicht so ist, habe ich den Mord an einer Studentin aufzuklären, Sir.” Ich nahm meine Jacke und ging an ihm vorbei.

“Wo wollen Sie hin?”

“Zum Campus der Universität.”, antwortete ich schlicht, ohne mich umzudrehen. “Den Bericht erhalten Sie in Kürze.”

“Verdammt nochmal, Winter!”, rief er mir hinterher, in der Hoffnung dass ich stehen bleiben würde, aber noch während er fluchte verließ ich schon die Wache und ließ ihn einfach stehen.

Auf dem Weg zum Campus musste ich mich beherrschen, meine aufkeimende Wut und den Wunsch, ihm bei unserer nächsten Begegnung die Fresse zu polieren, im Zaum zu halten. Denn auch wenn viele meiner Kollegen und ich, ob wir uns nun gut oder gar nicht miteinander verstanden, hielten wir nicht viel von ihm und seinen Führungsqualitäten, die mehr darauf bedacht waren ihn gut dastehen zu lassen, als ob er die ganze Arbeit ohne die Kollegen geschafft hätte, von seiner widersprüchlichen Frauenfeindlichkeit, die er den Kolleginnen entgegen brachte, wenn sie sich ihm nicht unterordneten, ganz zu schweigen.

Er war der Typ Polizist, bei dem seine Karriere und sein Ruf an erster Stelle stand, ohne sich dafür besonders groß anstrengen zu müssen. Wie ich solche Typen verachte, egal ob es sich dabei um Männer oder Frauen handelt.

Wenige Minuten später erreichte ich den Campus der Universität. Anders als die letzten Male wartete die Direktorin dieses Mal nicht am Eingang um mich direkt in Empfang zu nehmen, ich erwartete es aber auch nicht wie manch anderer meiner Kollegen, schließlich hatte sie sich noch um andere Dinge zu kümmern. Ohne große Umwege machte ich mich direkt zum Wohnheim der Studentinnen auf, wo mich ein Angehöriger der Campuspolizei erwartete.

“Sie müssen Sergeant Winter sein.”, begrüßte er mich und reichte mir die Hand. “Die Direktorin hatte uns benachrichtigt. Mein Name ist Rieux.” Ich ergriff seine Hand und schüttelte sie.

“Freut mich.”

“Man sagte uns, sie wollen das Zimmer der ermordeten Studentin untersuchen.”

“Ich wurde bereits darüber aufgeklärt, dass sie den einzigen Schlüssel besaß, den wir bei ihr sichergestellt haben.”, erklärte ich ihm, bevor er mich darauf ansprechen konnte, dass es keinen Drittschlüssel gab. Gemeinsam mit dem Beamten betrat ich das Foyer des Gebäudes, welches mehr einer Lounge glich und wo sich einige wenige Studentinnen aufhielten, sei es alleine, paarweise oder in kleinen Gruppen und miteinander redeten, aßen, lachten, lernten, lasen, schrieben, tippten oder etwas an ihren technischen Geräten unternahmen.

In der Mitte des Foyers nahe der außergewöhnlichen Treppenform, wo sich die beiden untersten Treppen keilförmig aufeinander zubewegten und auf halbem Wege eine Verbindungsplattform hielten, während sich von dort aus zwei weitere Treppen kelchförmig voneinander wegbewegten und nach oben führten, entdeckte ich eine Staffelei, auf der sich eine fast ein Quadratmeter große Leinwand befand, vor der eine Person stand. Den Blick gesenkt kniete sie sich nieder und legte einen Strauß Blumen zu Füßen der Staffelei nieder, ehe sie noch einen Moment vor dem Bild inne hielt, während ich mich umschaute und bemerkte, dass die übrigen keine besonders große Anteilnahme am Tod einer ihrer Kommilitonin hatten.

“Den Studenten scheint der Tod einer von ihnen nicht besonders nahe zu gehen.”, entfuhr es mir ein wenig kalt.

“Claire war für viele eine Außenstehende, die nicht wirklich irgendwo hinein passte, aber schien sie das auch nie wirklich zu wollen.”, klärte mich der Wachmann auf, wobei ich ein wenig überrascht war, dass er etwas über sie wusste.

“Sie kannten sie?”

“Ja.”, meinte er lächelnd. “Aufgrund ihrer Arbeit war sie immerzu die Letzte, die das Gebäude betrat, weshalb sie mich um einen Zweitschlüssel gebeten hatte, falls sie einmal länger arbeiten musste.”

“Haben Sie ihr einen gegeben?”

“Die Vorschriften erlaubten das nicht.”, widersprach er. “Aber wenn sie mir immer früh genug Bescheid gegeben hat, blieben ich oder einer der anderen Kollegen ein wenig länger und wartete, bis sie zurück war. Als Dank brachte sie mir immer etwas von ihrer Arbeit mit oder auch ein neues Buch, wenn ich etwas zu lesen brauchte.”, erinnerte er sich erfreut. “Obwohl ich sie kaum kannte war sie dennoch ein wirklich außergewöhnliches Mädchen, was die Sache nur noch schlimmer macht.” Ich konnte sein Bedauern und Mitgefühl nachvollziehen, während ich die Studentin beobachtete, die sich von dem Bild abwandte und kurz stehen blieb, als sie mich und den Wachmann bemerkte. Ich wartete einen Moment, in dem sie auf mich zukam und vor mir stehen blieb.

“Entschuldigen Sie.”, sprach mich die betrübte Studentin ein wenig abwesend an. “Sie sind wegen Claire hier, oder?”

“Kanntest du sie?”

“Seit unserer Schulzeit.”

“Dann bist du vermutlich Kya.” Sie nickte ein wenig betrübt. “Naomi erzählte mir von dir und Claire erwähnte dich in ihrem Brief an Naomi.” Ich schaute mich kurz um. “Setzen wir uns doch.”

“Ich möchte Sie nicht aufhalten.”, erwiderte sie schnell. “Sie wollen sich sicherlich Claires Zimmer ansehen.” Ich wandte mich an den Wachmann.

“Ist das Zimmer verschlossen?”, fragte ich ihn.

“Ja, ich habe es heute morgen vor ihrer Ankunft noch einmal überprüft.” Ich wandte mich wieder an die Studentin.

“Ich denke, dann können wir uns ebenso gut zusammen setzen.”

“Wenn Sie erlauben würde ich meine Runde weiter machen.”, wandte sich der Wachmann an mich. Ich nickte und entließ ihn.

“Setzen wir uns.” In einer kleinen Ecke, abseits von dem allgemeinen Getümmel setzten wir uns gegenüber. Ich sah ihr an, dass sie sehr mitgenommen aussah und ihr der Tod Claires sehr nahe ging, obwohl sie sich zuerst nicht allzu gut verstanden hatten.

“Naomi hat Ihnen sicherlich schon von mir erzählt.”, begann sie.

“Das hat sie. Sie erzählte, wie du Claire geküsst hattest, nachdem sie zuerst dachte, du würdest sie bedrängen.” Sie lächelte ein wenig verlegen. “Ein wenig ungewöhnlich angesichts ihrer Aussage, wie du Claire während der Schulzeit behandelt hattest.” Das Lächeln verschwand.

“Ja, das stimmt.”, erwiderte sie schuldbewusst.

“In einem Brief Claires an Naomi, in welchem sie ihr alles erklärte, erwähnte Claire eure erste Begegnung seit der Schule.”

“Ich lernte sie in einem Club oder … Lokal kennen, in dem sie arbeitete und von dem ich durch meine Kommilitonen gehört hatte. Ich war ein wenig in Gedanken versunken und lief in sie hinein, entschuldigte mich sofort und half ihr beim aufräumen. Obwohl sie sich kaum verändert hatte erkannte ich sie nicht sofort, erst als ich ihren Namen gehört hatte. Ich war selbst ein wenig überrascht, aber auch erfreut, sie wieder zu sehen, denn wollte ich die ganze Zeit über schon mit ihr reden, nachdem wir uns nach unserem Abschluss aus den Augen verloren hatten.”

“Und warum wolltest du mit ihr reden?”

“Ich wusste natürlich, dass sie nicht gut auf mich zu sprechen war und ich konnte es ihr auch nicht verdenken, aber stimmte sie meiner Bitte nach einem Treffen zu und setzte sich am nächsten Tag in ihrer Pause zu mir.”

“Worum ging es in eurem Gespräch?” Sie seufzte vorwurfsvoll.

“Ich wollte mich entschuldigen für das, was ich ihr in der Schule angetan habe.”

“Ein bisschen spät, findest du nicht?”

“Dasselbe meinte sie auch.”, meinte sie mit einem Schmunzeln. “Warum ich sie so behandelt hatte weiß ich nicht mehr, vielleicht weil es die anderen auch getan haben und ich einfach dazugehören wollte, ohne sie wirklich zu kennen. In den letzten Wochen unserer Schulzeit hatte ich sie oft beobachtet um mir wohl irgendetwas neues auszudenken, aber jedes neue Detail, dass ich dabei über sie erfuhr, machte mir klar, was für ein besonderer Mensch sie gewesen ist und begriff, wie sinnlos all das gewesen ist.”

“Wie hat Claire darauf reagiert?”

“Sie saß einfach da, hörte mir aufmerksam zu und ließ mich ausreden, obwohl ich mir vorstellen konnte, wie sie über mich dachte. Und als ich fertig war sagte sie mir, dass sie sich nicht wirklich sicher sein soll, ob ich all das wirklich ernst meinte oder sie wieder nur verarschen wollte. Ich konnte es ihr nicht verübeln, aber stimmte sie dennoch einem weiteren Treffen zu.”

“Und so habt ihr euch dann besser kennengelernt.” Sie nickte. “Wie lang ging eure Beziehung?”

“Morgen wären es sieben Wochen gewesen. Aber wollte sie die Beziehung wegen Naomi beenden.”

“Und das hat dich nicht wütend gemacht?”

“Nein.”, gab sie ehrlich zu. “Naomi ist schließlich diejenige gewesen, die sich mit ihr angefreundet hatte und ihr eine gute Freundin gewesen ist, der sie vertrauen konnte. Nachdem Naomi Claire mit ihrer Beobachtung konfrontiert hatte, war sie völlig am Boden zerstört. Ich hatte sie noch nie so gesehen, selbst in der Schule nicht.” Sie wischte sich eine Träne weg.

“Hast du deshalb die Beziehung beendet?”

“Naomi mag nicht viel von mir halten, das verstehe ich, aber dass sie Claire, ihrer besten Freundin, nach all den Jahren so etwas antut … das hatte sie nicht verdient. Deshalb wollte ich mit Naomi reden, ihr erklären, wie es Claire ging und die Beziehung mit ihr noch am selben Abend beenden, in der Hoffnung, die beiden würden sich dadurch wieder näher kommen. Claire fühlte sich dennoch schuldig.”

“Wieso schuldig?”

“Sie hatte das Gefühl, als ob sie mich dazu gezwungen hätte die Beziehung zu ihr zu beenden. Obwohl ich ihr sagte, dass sie das nicht müsse und es meine Entscheidung gewesen ist, aber wollte sie dennoch, dass sich unsere Wege mit einer schönen Erinnerung trennen sollten.”

“Und wie sah diese Erinnerung aus?”

“Ich weiß es nicht.”, schluchzte sie ein wenig. “Sie wollte mich damit überraschen, wenn sie von der Arbeit gekommen wäre, aber kam sie nie bei mir an.”

“Ist dir nicht der Gedanke gekommen, dass sie vielleicht länger arbeiten musste oder es sich vielleicht doch anders überlegt hatte?”

“Nein.”, widersprach sie. “Egal was es gewesen wäre, sie hätte mir immer Bescheid gegeben. So war sie halt.”

“Verstehe. Du sagtest, sie arbeitete in einem Club, beziehungsweise einem Lokal.”

“Ja. Sie war dort Hauptsächlich als Kellnerin oder Barfrau tätig um sich das Studium zu finanzieren.” Sie holte eine kleine Visitenkarte aus ihrer Tasche und reichte sie mir. Sie war schwarz, auf der Vorderseite zeigte sich ein kleiner mechanischer Vogel in metallic-blauer Optik, der neben dem Namen des Clubs saß. Auf der Rückseite fand sich die Adresse. Ich steckte die Karte ein, während ich mich wieder an Kya wandte. “Ich hätte sie abholen sollen.”, meinte sie betrübt, nachdem sie sich wieder ein wenig gefangen hatte.

“Was hat dich daran gehindert?”

“Ich musste noch eine Arbeit für meinen Dozenten erledigen, deshalb hatten wir uns darauf geeinigt, dass sie nach der Arbeit zu mir kommen soll. Sie können ihn gerne fragen, er wird es Ihnen bestätigen.” Ich sah ihr an, dass sie sich genau wie Naomi Vorwürfe machte, als ob es ihre Schuld gewesen wäre, dass Claire Opfer eines solchen Verbrechens geworden ist.

“Kya, ich kann mir vorstellen, dass du dir Vorwürfe machst, aber so etwas konntest du nicht wissen.” Sie schluchzte, während sie lächeln musste.

“Wissen Sie, Sie ähneln ihr in mancher Hinsicht.”, meinte sie freundlich. “Sie hätten Sie sicherlich gemocht.” Ich kam nicht darum herum selbst ein wenig zu lächeln, als ich mich erhob und damit das Gespräch für beendet erklärte, da ich vorerst alles hatte, was ich wissen wollte.

“Würdest du mich begleiten?”, fragte ich sie. Mit kleinen Tränen in den Augen sah sich mich ein wenig verwirrt an, als sie schließlich nickte, ihre Tasche nahm und sich zurückhaltend erhob. Gemeinsam machten wir uns nach oben in den ersten Stock auf, wo uns die anderen Bewohnerinnen beobachteten oder mit gemischten Blicken betrachteten, während sie miteinander tuschelten.

Wir bogen in den Flur, in dem Claires Zimmer lag, als ich jemanden an ihrer Tür sah und offenbar versuchte diese zu öffnen. Ob es ein Mann oder eine Frau gewesen ist war aufgrund des weiten Hoodies nicht zu erkennen, dessen Kapuze die Gestalt über den Kopf gezogen hatte, wodurch ich das Gesicht nicht erkennen konnte.

“Hey du!”, rief ich ihr zu. Erschrocken hielt die Person einen Moment inne, als sie von der Tür abließ und mit einer enormen Geschwindigkeit den Flur hinab lief. Ich verlor keine Zeit und heftete mich an ihre Fersen, jagte die Person durch die Gänge und zwischen den Bewohnerinnen hindurch, die die Person aus dem Weg stieß oder erschrocken zur Seite wichen. “Polizei! Aus dem Weg!”

Auch wenn ich schon seit der Schule eine gute Läuferin war, war ich zugegebenermaßen dennoch überrascht, wie unnatürlich schnell sich diese Person bewegte. Sie näherte sich der Treppe, griff nach dem Pfosten und vollzog eine solch schnelle Bogenbewegung, dass das Handgelenk hätte knirschen und knacken müssen, bevor die Person die Stufen hinab stürmte, die letzten sogar übersprang. Ich folgte ihr, sprang über das Geländer und rollte mich ab, wobei ich in einer fließenden Bewegung auf die Beine kam und ihr weiter hinterher eilte, während sie sich bereits beim Eingang befand. Um sich Zeit zu verschaffen packte sie eine völlig überraschte Studentin und stieß sie in meine Richtung. Dabei verlor sie den Halt, stolperte über ihre Füße und drohte zu Boden zu stürzen, wenn ich sie nicht im letzten Moment aufgefangen hätte.

Ich hievte sie nach oben und nahm die Verfolgung wieder auf, aber als ich die Eingangstür erreicht hatte, war von der unbekannten Person nichts mehr zu sehen. Keuchend versuchte ich meinen Ärger runter zu schlucken, während ich mich zu der Studentin umdrehte, die noch immer ein wenig überrumpelt von den gerade geschehenen Ereignissen war und von einer Schar von Freunden umringt wurde. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung wäre, bevor ich zurück zu Kya ging, die neben der Zimmertür an der Wand lehnte, sich abdrückte und sich zu mir drehte als sie mich sah.

“Haben Sie ihn erwischt?”, fragte sie.

“Nein.”, erwiderte ich kopfschüttelnd und mit ein wenig Ärger in der Stimme.

“Was wollte die Person in Claires Zimmer?”

“Ich weiß es nicht.” Ich holte Claires Schlüssel aus meiner Tasche, den ich mir nach dem Verlassen der Wache aus der Asservatenkammer hatte geben lassen und steckte ihn ins Schloss. “Aber muss es einen Grund dafür geben.”

“Aber welchen? Ich wüsste keinen Grund, warum jemand in Claires Zimmer einbrechen sollte.” Ich drehte den Schlüssel zwei Mal im Schloss um.

“Vielleicht hatte sie irgendetwas zu verbergen, auf das es die Person abgesehen hat.” Da konnte etwas dran, auch wenn ich mir nicht genau vorstellen konnte, was das sein konnte. Die Tür öffnete sich lautlos, aber gerade als wir eintreten wollten hielten wir inne. “Oh mein Gott.”, entfuhr es Kya atemlos. Ich fasste mich und betrat das Zimmer.

“Geh bitte nach draußen.”, bat ich sie, dem sie sofort Folge leistete und auf den Flur zurück trat. Ich nahm mir mein Funkgerät und forderte die Spurensicherung an, bevor ich mich wieder dem Zimmer zuwandte.

Was mir neben dem Chaos, welches im Zimmer herrschte, als erstes ins Auge stach war der Schriftzug an der Wand uns gegenüber.

Sie werden sie nicht retten können

Anhand des unvergleichlichen Geruchs wusste ich, dass diese Worte mit Blut geschrieben worden sind, ähnlich wie es der Teufelsautor damals getan hatte, aber würde es in diesem Fall nur von einer Person stammen und ich ahnte schon von welcher.

Neben dieser Botschaft, die der Täter hinterlassen hatte, schien er zudem nach etwas gesucht zu haben, so wie jeder einzelne Winkel des Zimmers durchsucht worden war. Überall lagen Blätter, Bücher, Schreibutensilien, zerbrochene Gegenstände wie eine Tasse oder einer Vase, sogar ein Tintenfass war unter den Trümmern, dessen Tinte beim Zerspringen überall hin verteilt worden ist. Ich atmete kurz durch und trat zu Kya nach draußen, die sich ein wenig sammeln musste, während ich ihr die Angst deutlich ansehen konnte.

“Alles okay?” Sie nickte nach einem weiteren tiefen Durchatmen.

“Was … was hat das zu bedeuten?”

“Ich hatte gehofft, dass du mir das sagst.”, erwiderte ich.

“Sie meinen, ob es wirklich sein kann, dass Claire irgendetwas belastendes besaß, das der Täter wiederhaben wollte und sie deshalb getötet hat?” Sie erinnerte sich an die unbekannte Gestalt. “Ob das vielleicht der Unbekannte von vorhin war?”

“Nein.”, erwiderte ich. “Der Täter war bereits vor ihm hier gewesen. Wäre er der Täter, hätte er nicht versucht sich Zugang zu verschaffen.”

“Aber wonach soll er gesucht haben?”

Ich hörte ein Klopfen, das aus Claires Zimmer drang und sich danach anhörte, als ob jemand gegen das Fenster hämmerte. Ein wenig verwundert ging ich zurück ins Zimmer, als ich auf dem Fenstersims vor ihrem Schreibtisch einen Raben ausmachen konnte, der dort saß und mit seinem Schnabel gegen die Scheibe stieß, so als ob er herein wollte.

“Das ist Salem.”, hörte ich Kya sagen, die hinter mir ins Zimmer getreten war.

“Salem?”

“Ein Kolkrabe, den sie seit der Schule kennt. Ich habe sie öfters dabei beobachtet, wie sie ihn immerzu vor und nach der Schule fütterte. Seitdem weicht er ihr nicht von der Seite und ist zu einer Art … Begleiter geworden.”

“Rabenvögel haben eine äußerst hohe Intelligenz”, dachte ich als Erwiderung ihrer Äußerung des Begleiters laut, “und haben ein gutes Erinnerungsvermögen.” Ich machte mich zum Fenster auf, ohne dabei irgendwelche Spuren zu zerstören oder den Tatort zu kompromittieren, öffnete das Fenster und ließ den fast vollständig ausgewachsenen Vogel eintreten, während er mich betrachtete, als ob er mich wieder erkennen würde oder es zumindest versuchte.

Vorsichtig streckte ich meine Hand nach ihm aus, die er aufmerksam beobachtete, aber nicht zurück wich, als ob er keine Angst hätte. Nachdem er einen kurzen Moment mich und anschließend meine Hand betrachtet hatte, setzte er sich auf mein Handgelenk. Ich spürte deutlich sein Gewicht auf meinem Arm und war erstaunt, wie groß als auch schwer Vögel sein konnten. Mit der anderen Hand fuhr ich ihm vorsichtig über das Gefieder, was ihm zu gefallen schien.

“Er scheint sie zu kennen.”, merkte Kya an, während sie uns beide beobachtet hatte. Ich drehte mich zu ihr.

“Du meinst, er verhält sich nicht zu jedem so?”

“Nein.”, entgegnete sie. “Salem weiß über jeden Bescheid, den Claire kannte und verhält sich dementsprechend. Aber … warum er sich bei Ihnen so verhält ist eigenartig.”

“Vielleicht, weil er mich als Autoritätsperson wahr nimmt?”

“Schon möglich, aber muss er sie dennoch kennen, denn so ruhig kenne ich ihn eigentlich nur, wenn er bei Claire gewesen ist.” Sie dachte einen Moment nach, aber kam ich ihr zuvor, bevor sie die Frage stellen konnte.

“Dann ist sein Verhalten wirklich eigenartig, denn weder bin ich ihm, noch ihr begegnet.”

Wenn du mir doch nur etwas sagen oder erzählen könntest, kam mir der Gedanke, als sich Salem von meinem Arm abdrückte, kurz durchs Zimmer flog und schließlich auf dem Boden landete, wo wir ihn dabei beobachteten, wie er sich umschaute und nachzudenken schien, wo er jetzt hingehen sollte. Nach einem kurzen Moment schien er eine Entscheidung getroffen zu haben, flatterte zum Bett, wo er auf dem Regal am Fußende, welches zugleich als Sitzgelegenheit diente, landete und mit dem Schnabel auf die Holzplatte pickte, wobei es einen tiefen, dumpfen Ton gab. Wir schauten uns einander an, als uns beiden der Gedanke kam, dass er uns etwas zeigen wollte.

Ich trat zu ihm, kniete mich nieder, sah ihn einen Moment lang an, bevor er ein Nicken andeutete und ich mich dem Regal zuwandte. Ein Großteil der Bücher war aus dem Regal gerissen worden, Scherben und kleine Farbflecke waren am Holz herunter gelaufen, aber wusste ich noch immer nicht, was mir der Vogel zeigen wollte. Erneut hörte ich, wie er zwei Mal gegen die Holzplatte pickte, als ich meinen Blick unter die Platte senkte, auf die er pickte und überrascht feststellte, dass es eine kleine, kaum sichtbare Klappe gab.

“Ein geheimes Versteckt.”, sprach ich es laut aus.

“Ein Versteck?” Ich betrachtete die Platte genauer und sah, dass sie von zwei Schrauben festgehalten worden war. Ich zog mein Taschenmesser, holte die Klinge heraus und begann vorsichtig damit die Schrauben zu lösen, während ich sie mit der anderen Hand fest hielt. Als die letzte Schraube gelöst war, fiel die Platte kurz in meine Hand und ich hatte einen Moment Schwierigkeiten sie auf meiner Hand auszubalancieren. Ich atmete kurz durch, als ich mich erhob und dabei die Akte betrachtete, die auf der Platte lag. “Was ist das?”

“Eine Akte.” Behutsam nahm ich die Akte an mich, während ich die Platte auf die Ecke des Regals legte und zögerte einen Moment, als ich den Namen auf dem Beschriftungsfeld fand:

Sgt. C. V. Winter – Sergeant Cassandra Vivien Winter

Ein Akte … über mich?
Aber … warum?
Was hatte das zu bedeuten?
Bevor ich mir eine weitere Frage bildeten konnte hörte ich Schritte das Zimmer betreten und schaute zu den Personen. Es waren vier Männer und Frauen in Schutzanzügen, die mit ihrer Ausrüstung vor mir standen, während zwei Beamte draußen dafür sorgten, dass sich niemand dem Zimmer näherte.

“Sergeant Winter.”, begrüßte mich der Vorderste von ihnen.

“Ich habe mich bereits umgesehen und dabei versucht nichts zu kompromittieren.” Er betrachtete Salem, der noch immer auf der Ecke des Regals stand.

“Sie vielleicht nicht, aber der Vogel eventuell.”

“Nein.”, erwiderte ich. “Er ist erst vor wenigen Minuten ins Zimmer gekommen und hat sich seitdem nicht von der Stelle bewegt. So wie es aussieht, scheint er dem Opfer gehört zu haben.”

“Verstehe, aber können wir ihn nicht hier lassen, während wir unserer Arbeit nachgehen.” Ich drehte mich zu dem Vogel, hielt ihm die Hand hin und ließ ihn aufsteigen, bis er es sich auf meiner Schulter gemütlich gemacht hatte. “Stehen Sie uns dennoch bei eventuellen Rückfragen zur Verfügung.”

“Natürlich.”, bestätigte ich ihm sofort. “Wie lange werdet ihr brauchen?” Er dachte kurz nach.

“Etwa zwei, drei Stunden. Ich gebe Ihnen Bescheid.”

“Danke.” Ich reichte ihm den Schlüssel. “Hier ist der Schlüssel.”

“Sergeant.” Er trat beiseite, sodass ich zusammen mit Kya das Zimmer verlassen konnte.

“Ob dieser Unbekannte danach gesucht hatte?”, fragte sie mich, als wir draußen waren.

“Ich weiß es nicht, möglich wäre es aber.” Sie dachte einen Moment nach, da sie offenbar nicht wusste, was jetzt als nächstes passieren sollte.

“Kann … kann ich Ihnen irgendwie helfen?”

“Ich weiß, dass dir das schwer fallen wird, aber es wäre am besten, wenn du nach Hause gehst und dich ausruhst.” Ich griff in meine Tasche und überreichte ihr eine meiner Karten. “Sollte dir noch irgendetwas einfallen, was uns vielleicht helfen könnte, kannst du mich unter dieser Nummer erreichen.” Sie nahm sie an sich und betrachtete sie einen Moment, ehe sie wieder zu mir sah.

“Danke, Sergeant.”

“Ich verspreche dir, dass wir den Täter finden werden.” Sie nickte, wischte sich eine Träne von ihrer Wange und ging, auch wenn es mir schwer fiel sie alleine nach Hause gehen zu lassen, da ich mich wieder an die Worte der Gestalt erinnerte, dass Claire lediglich der Anfang gewesen ist.

Als sie aus meinem Blickfeld verschwunden war, wandte ich mich der Akte zu.
Noch einmal betrachtete ich den Namen auf dem Beschriftungsfeld, als ich sie schließlich öffnete.
Hinter dem Aktendeckel hatte sie zwei Zeitungsartikel mit Büroklammern befestigt, während sich auf der anderen Seite eine farbige Zeichnung von meinem Gesicht und Oberkörper befand, wenn auch mit einigen Änderungen oder Anpassungen, die sich hauptsächlich auf die Uniform konzentrierten, die ich trug, aber ansonsten ein genaues Abbild meiner selbst in allen noch so kleinen Details zeigte – Die eurasische Abstammung mit einer überdurchschnittlichen Größe für eine Frau, der sportlich, schlanke Körper von 26 Jahren, welcher durch die Uniform deutlich zur Geltung kam, die schulterlangen, die dunkelbraunen, schulterlangen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gemacht worden, während einige Strähnen wie ein kleiner Vorhang die rechte Seite des Gesichtes bedeckten, wodurch die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die grauen Augen in dem ruhigen und doch ernsten und entschlossenen Gesichtsausdruckes gelenkt wurde. Selbst an die weiße Strähne an der linken Stirnseite und der Narbe über der Augenbraue hatte sie gedacht, die ich seit dem Vorfall damals trage und mich immerzu daran erinnerten, was ich damals durchgemacht hatte, wann immer ich in den Spiegel schaute.

Was hat das zu bedeuten, fragte ich mich und spürte, wie sich eine gewisse Unbehaglichkeit und Nervosität in mir ausbreitete, nicht zuletzt, da sich dies vermutlich auf die weiteren Ermittlungen auswirken könnte.

Ich überflog die Titelüberschriften der Zeitungsauschnitte – “Polizistin tötet Kollegen“, “Polizistin widersetzt sich Befehl – rettet Feuerwehrmann und Kind” – lauteten sie, wobei ich sofort wusste, worum es in beiden Fällen ging, da sie mir noch so gut in Erinnerung geblieben sind, als wären sie gerade erst gestern passiert und da sie neben weiteren auch zu meinem … Ruf in der Abteilung und den Kollegen geführt haben. Warum aber besaß sie diese Ausschnitte oder hatte eine Zeichnung von mir angefertigt, wenn wir uns noch nie über den Weg gelaufen waren? Zumindest eines wusste ich definitiv und das war, dass es keinerlei Zufall sein konnte.

Ich blätterte die Zeichnung um und fand eine Art Personalakte oder Charakterbogen, den sie selbst erstellt und ausgefüllt hatte. Ich blätterte weiter und bemerkte, dass es weitere solcher Papiere gab, seien es Berichte über Verletzungen, Einsatzbefehle, Beförderungsurkunden oder andere Dinge, die mich beruflich aber auch privat betrafen. Für einen kurzen Moment dachte ich an Stalking, aber wer würde sich schon für eine Polizistin wie mich interessieren, die nur noch deshalb in der Abteilung diente, weil sich der Superintendent dafür eingesetzt hatte und selbst der Commissioner zugeben musste, dass die Ergebnisse meiner Entscheidungen und Handlungen positiv für die Abteilung ausfielen? Ich verwarf den Gedanken und blätterte weiter, als ich weitere Charakterbögen und Zeichnungen fand, die aber von anderen Personen stammten.

Was mich dabei nur noch mehr verunsicherte, sogar ein wenig beängstigte war, wer diese Personen waren – neben mir waren da der Superintendent, der Chief Superintendent, Doktor Layhne, als auch mein Vater und vier weitere, deren Bögen jedoch noch nicht ausgefüllt waren.

Ich spürte wie ich begann zu keuchen und wie erneut dieser Schmerz von meiner Halsvene zu meinem Kopf heranwuchs, wobei er noch nicht so stark wie beim ersten Mal gewesen ist.

“Sergeant.”, hörte ich die Stimme eines Kollegen, worauf ich die Akte schloss und mich an ihn wandte. Es war Chief Inspector Hayle.

“Chief Inspector.” Er schaute kurz auf die Akte, die ich in der Hand hielt.

“Haben Sie etwas gefunden?” Ich senkte die Akte.

“Noch nicht, Sir, aber es scheint als ob der Täter etwas gesucht haben muss. Was das sein könnte weiß ich allerdings nicht, aber vielleicht kann mir ihre langjährige Kommilitonin weiterhelfen.”

“Verstehe. Am besten erkundigen Sie sich auch direkt, ob und was die Botschaft des Täters in ihrem Zimmer zu bedeuten hat.”

“Natürlich, Sir.” Ich sah ihm an, dass er an mir vorbei zu Salem schaute, der noch immer ruhig und friedlich auf meiner Schulter saß und den ich beinahe völlig vergessen hätte, wären da nicht sein Gewicht, das auf meiner Schulter lastete und sein Gefieder, mit welchem der meine Haut ein wenig kitzelte. “Ein Kolkrabe, Sir. Er gehörte dem Opfer. Ich werde versuchen jemanden zu finden, der sich um ihn kümmert.”

“Tun Sie das. Sie können gehen.”

“Sir.” Ich drehte mich um und machte mich nach draußen auf, wo ein Officer stand und mich kurz anhielt, damit ich mich aus der Liste der Beamten, die das Gebäude betreten haben, entsprechend der Zeit austrug. Ich unterschrieb und machte mich gerade auf den Weg, als ich Naomi dabei beobachtete, wie sie sich dem Wohnheim näherte.

“Naomi.” Ich schien sie aus den Gedanken gerissen zu haben, als sie etwas überrascht den Blick hob und mich vor sich sah. Als nächstes fiel ihr Blick auf Salem. Sie lächelte. “Kann ich dich kurz sprechen?”

“N-Natürlich.” Zusammen machten wir uns zu einer Bank auf, welche unterhalb eines alten Baumes mitten auf dem Campushof stand und wie eine Insel in einem Meer aus Grün wirkte, das durch geometrische Linien von grauen Wegen durchzogen war. “Sind Sie auf der Suche nach Claires Mörder schon weiter gekommen?”

“Noch nicht.” Ein Moment des Schweigens verging, in denen ich ihr ansah, dass sie mir etwas sagen wollte, weshalb ich abwartete.

“Haben Sie in ihrem Zimmer etwas gefunden, dass Ihnen vielleicht weiterhelfen kann?”, meinte sie schließlich. Ich war mir ein wenig unsicher, ob ich ihr davon erzählen sollte, aber war es mir lieber, dass sie es jetzt von mir erfuhr und sich darauf vorbereiten konnte als es erst zu erfahren wenn sie das Zimmer sehen würde.

“Der Beweislage nach zu urteilen wurde es bereits von jemanden durchsucht.”, erklärte ich, unterließ es jedoch ihr von der blutigen Botschaft an der Wand zu erzählen, die sicherlich nur für mich als für jemand anderen gedacht war. Überrascht und verständnislos schaute sie mich an.

“Was?! A-Aber wie? I-Ich meine, wie soll er sich Zugang verschafft haben? Claire schloss ihr Zimmer immer ab, wenn sie es verließ.”

“Es deutet nichts auf ein gewaltsames Eindringen hin, was bedeuten muss, dass er einen Schlüssel hatte.”

“Sie meinen, er hat sie getötet, den Schlüssel genommen und dann ihr Zimmer durchsucht?”

“In Anbetracht dessen, dass wir den Schlüssel bei ihr fanden, ist es daher noch nicht sicher, wie er sich Zugang zu ihrem Zimmer verschaffen konnte. Fällt dir irgendein Grund ein, weshalb jemand so etwas tun würde?”

“Nein.”, verneinte sie, während sie gleichzeitig über die Frage nachdachte.

“Salem führte mich zu einem kleinen Geheimversteck im Regal an ihrem Bett, wo ich diese Akte fand.”, erklärte ich ihr und zeigte ihr die Akte. “Weißt du irgendetwas darüber?” Ich sah ihr an, dass sie völlig ruhig und gefasst blieb, was bedeuten musste, dass sie etwas darüber wusste. Sie betrachtete die Akte einen Moment lang, las den Namen im Beschriftungsfeld und kreuzte schließlich meinen Blick. “Erzähl es mir. Was hat es mit dieser Akte auf sich und gibt es noch weitere Verstecke, von denen ich wissen sollte?”

“Es geht um Sie.”, erklärte sie mir ruhig.

“Um mich?”

“Claire war schon damals als Schülerin von urbanen Legenden, der Mythologie anderer Länder und Kulturen und Creepypastas fasziniert, in denen sich diese Themen widerspiegelten.”

“Creepypasta?”, fragte ich sie verwirrt, da mir der Begriff überhaupt nichts sagte.

“Ein Kofferwort für Horrorgeschichten, geschrieben von Hobby- oder richtigen Autoren und zumeist im Internet auf entsprechenden Plattformen veröffentlicht werden, von denen sich manche zu urbane Legenden entwickeln. Nach einigen Mühen und Überwindungen hatte sie ebenfalls damit begonnen welche zu veröffentlichen, wenn auch nur kleine. Obwohl sie zumeist kurz oder nicht so schaurig für manche Leser waren, waren sie dennoch gut und bekamen zumeist auch positives Feedback, aber nachdem einige Mitschüler herausgefunden hatten, dass sie hinter dem Autor steckte zogen sie sie damit auf, formulierten sie um und ließen sie glauben, dass sie keine Fiktion, sondern Realität waren.”

“Sie hatte Angst vor Horrorgeschichten, obwohl sie zugleich fasziniert von ihnen war und selbst welche verfasste?” Es war schon seltsam, denn erschien es mir wie ein Widerspruch in sich zu sein.

“Horror ist nicht gleich Horror.”, erklärte sie mir. “Es gibt viele Unterkategorien.” Auch wenn ich nicht viel von der Materie verstand klang es durchaus logisch, denn auch wenn vieles zum selben Genre gehören konnte, hieß das noch lange nicht, dass das eine wie das andere ist.

“Verstehe.”

“Bereits im ersten Semester erzählte sie mir, dass sie wieder damit anfangen wolle, jetzt wo wir hier an der Uni waren, wo niemand darüber Bescheid wusste und sie eine neue Plattform für sich entdeckt hatte.” Ich hörte ihr aufmerksam zu, denn hatte ich das Gefühl, als ob sie mir meine Frage, was ich nun damit zu tun hätte, beantworten würde, weshalb ich schwieg und einfach zuhörte. “Ich weiß nicht, worum es dabei geht, einerseits, weil ich mich genau wie die anderen überraschen lassen, zum anderen, weil sie mich auch überraschen wollte und daher kaum etwas von dem Projekt erzählte. Aber steht in dessen Mittelpunkt eine Polizistin.” Sie sah mich an. “Sie.”

“Warum? Warum ich?”

“Ich weiß es nicht.”, gestand sie mir. “Aber wird es einen Grund gegeben haben, warum sie über Sie nachgeforscht hat und Sie als Hauptfigur nutzte. Deshalb auch die Akte.”

“Du meinst, die Bögen und Berichte handeln über die fiktiven Charaktere, die aber auf realen Personen beruhen.”, fasste ich es so verständlich wie möglich zusammen um selbst den Überblick zu behalten. Sie nickte, während ich einen kurzen Moment nachdachte. “Gibt es noch weitere Verstecke, von denen ich wissen sollte?” Sie zögerte einen Moment, als ob sie sich nicht sicher war, ob sie mir das anvertrauen könnte, obwohl sie genauso gut wie ich wusste, dass ich es wissen musste um den Täter finden zu können.

“Zwei. Es gibt noch zwei weitere.”, sagte sie, als mein Funkgerät klickte, was bedeutete, dass mich jemand versuchte zu erreichen. Ich drückte auf die Sprechtaste.

“Sergeant Winter.”

Sergeant.”, es war die Stimme jenes Mannes von der Spurensicherung, dem ich den Tatort überlassen hatte. “Wir sind jetzt so weit durch und geben das Zimmer frei.” Es wunderte mich, dass sie so schnell fertig gewesen sind, denn sind es gerade einmal zehn oder fünfzehn Minuten gewesen, die vergangen sind seit sie mit ihren Untersuchungen begonnen hatten.

“Ich bin auf dem Weg.”

Verstanden.” Ich steckte das Funkgerät wieder ein und wandte mich erneut an die Studentin. “Kannst du mir zeigen, wo sich diese Verstecke befinden?” Ich hätte sie auffordern können, wo sich die Verstecke befanden, aber angesichts dessen, dass ich ihr ansehen konnte, dass sie mir ebenso wie Kya helfen wollte Claires Mörder zu finden und das alles zu verstehen, hielt ich es für besser, wenn sie es mir zeigte, selbst wenn das bedeutete, dass sie nicht nur das Chaos, sondern auch die blutige Botschaft sehen musste. “Wir können das Zimmer jetzt betreten.” Ich erhob mich, während Naomi es mir nach einem kurzen Moment des Zögerns gleich tat und sich noch einmal an mich wandte.

“Sergeant.”, begann sie ein wenig zurückhaltend, als ob sie sich unsicher wäre oder die Frage aus Angst nicht stellen wollte. Ich drehte mich zu ihr. “Ob … ob Claire vielleicht deshalb getötet wurde? Weil sie etwas belastendes besaß?”

“Du meinst, weil das die Verstecke erklären würde?”

“Nein … zumindest wäre mir das völlig neu. Auch wenn sie immerzu das Zimmer verschloss, wenn sie es verließ, hatte sie dennoch die Befürchtung, dass sich jemand Zugang verschaffen und ihr ihre Arbeiten stehlen könnte. Deshalb die Verstecke.”, klärte sie mich auf.

“Was für Arbeiten?”

“Hauptsächlich ihre Abschlussarbeit, an der sie seit letztem Semester gearbeitet hatte.” Auch wenn ich selbst nicht studiert hatte, erschien es mir seltsam, dass Claire bereits im dritten Semester damit begonnen hatte ihre Abschlussarbeit zu schreiben, wo die durchschnittliche Studienzeit sieben Semester betrug.

“Sie schrieb schon jetzt an ihrer Abschlussarbeit?” Sie nickte. “Warum?”

“Nach ihrer ersten großen Arbeit, deren Thema wir uns selbstständig erarbeiten durften, hatte unser Dozent mit ihr darüber geredet, über ihre Arbeit, ihr Talent, wobei sie ihm von ihrem Thema erzählte, das sie sich schon damals in der Schule erarbeitet hatte, wobei er meinte, dass er das Thema gerne als ihre Abschlussarbeit bewerten wolle, wenn sie es denn als Thema wählen würde.”

“Um welches Thema ging es in ihrer Arbeit?”

“Es gab zwei, für welches von beiden sie sich allerdings entschieden hat, weiß ich nicht.” Ich musste mir eingestehen, dass ich mich damit zufrieden geben musste, denn auch wenn ich Naomi noch nicht allzu lange kannte, beziehungsweise keine große Menschenkenntnis wie Doktor Layhne besaß, merkte ich ihr an, dass sie mir nichts vorenthielt. Ich atmete kurz durch.

“Also gut. Wir sollten die anderen nicht warten lassen.” Sie schulterte ihre Tasche, als wir uns auf den Weg machten.

“Welches Thema sie auch immer genommen hat, es scheint als ob sie alles daran setzen wollte es vor anderen zu schützen. Ob das an dem Vorfall damals in der Schule lag?”

“Ich glaube eher, dass das an der Eifersucht einiger Kommilitonen lag, die ihr den Erfolg nicht gönnen wollten.”, meinte sie ein wenig betrübt. Wir betraten das Wohnheim und blieben kurz vor dem Bildnis Claires stehen, das Kya von ihr gemacht hatte und ich selbst zum ersten Mal richtig betrachten konnte.

Das digital erstellte Bild war ein hochwertiger Leinendruck im Vierfarbendruck und zeigte Claire, die vor dem Betrachter zu stehen schien und sich zu ihm gedreht hatte, ihre linke Hand hatte einige Strähnen hinter das Ohr gekämmt, die in einem leichten Wind wehten. Ihr Blick war ein wenig nach oben gerichtet und betrachtete einen Raben, der vor ihr flatterte, während sie selbst kaum erkennbare Flügel besaß, die den Hintergrund bildeten und sich darin verloren um ihren Körper mehr zu Geltung zu bringen. Sie trug fast dasselbe Outfit, in welchem wir sie gefunden hatten, wenn sie auf dem Bild auch keine Jacke, dafür aber eine rahmenlose Brille trug, die ihre meeresblauen Augen betonten, die beinahe wie Sapphire funkelten.

Es war wirklich beeindruckend, wie Kya trotz des Graphic-Novels-Stils, in welchem sie die Studentin und Freundin gezeichnet hatte, jede Einzelheit von ihr abbildete, die sie auch in der Realität besaß und charakterisierte.

Ich hörte Naomi schluchzen und sah zu ihr.
“Eine schöne Arbeit, findest du nicht?” Sie nickte.

“Ja, das ist es.”, meinte sie gerührt. “Claire hätte sich sicherlich darüber gefreut.”

“Vielleicht solltest du mit Kya reden, immerhin verbindet euch der Verlust einer guten Freundin.” Sie wischte sich die Tränen von der Wange.

“Ja.”, meinte sie und fasste sich wieder. “Vielleicht sollte ich das tun.” Ich legte meine Hand auf ihre Schulter, was ihr zu helfen schien, bevor wir uns nach oben aufmachten, wo die Kollegen bereits die Sachen zusammen gepackt hatten und im Begriff waren zu gehen.

“Sergeant.”, wandte sich der Leiter der Gruppe an mich.

“Sagten Sie nicht, dass sie zwei, drei Stunden für die Spurensicherung benötigen?”

“Der Täter schien an alles gedacht zu haben.”, berichtete er.

“Was meinen Sie?”

“Das Zimmer ist sauber, Sergeant. Als ob es nie von jemanden betreten oder irgendetwas darin von einer Person angefasst worden wäre.”

“Sie meinen der Täter hat das Zimmer gereinigt? Aber wie, bei dem Chaos?”

“Ich weiß es nicht.”, gestand er. “Wir haben alles eingestaubt und abgesucht – nichts. Keine Finger-, Hand- oder Schuhabdrücke, Fasern, Haare oder andere Spuren. Das Einzige, was wir nehmen konnten ist eine Probe des Blutes an der Wand.” Er atmete tief durch. “Ich weiß zwar nicht, wie er das geschafft hat, aber so wie es wirkt suchen wir entweder nach einem sehr intelligenten Täter oder einem Geist.” Ich sprach es nicht laut aus, aber “Geist” beschrieb den Gesuchten schon beinahe mit zielgenauer Präzision. Ein wenig ernüchternd seufzte ich.

“Trotzdem Danke.”

“Keine Ursache, Sergeant. Das Labor wird sich melden, sobald die Untersuchungsergebnisse vorliegen.”, sagte er zum Abschluss und gab mir den Schlüssel zurück.

“Danke.”, erwiderte ich und ließ die Gruppe der Spurenleute vorbeitreten, als ich Chief Inspector Hayle bemerkte, der sich wohl auch auf den Rückweg machen wollte.

“Ich fahre zurück zum Präsidium und erstatte dem Superintendent Bericht.”, erklärte er mir.

“Verstanden.” Damit ging auch er, sodass es aussah, als ob sie niemals hier gewesen wären. Ich nahm einen tiefen Atemzug, als ich mich der Tür zu Claires Zimmer zuwandte und aufschloss, bevor ich Naomi eintreten ließ, die das Chaos kaum fassen konnte, welches in dem Zimmer herrschte.

“Sie werden sie nicht retten können.”, las sie den mit Blut geschriebenen Vers an der Wand laut, bevor sie sich an mich wandte, wobei es mich ein wenig überraschte, dass sie so ruhig und gefasst blieb. “Was soll das bedeuten?”

“Wir wissen es nicht.”, gestand ich und blieb neben ihr stehen, während sich Salem abdrückte und zum Regal flog, wo er sich nieder ließ. “Zumindest noch nicht, aber ich denke, dass uns der Täter damit etwas sagen will.” Sie ließ den Blick durch das Zimmer streifen und seufzte. “Schlimm, nicht wahr?”

“Nicht wirklich.”, meinte sie ein wenig nachdenkend. “Eigentlich ist es in gewisser Weise schon ein etwas vertrauter Anblick.” Ihre Aussage wunderte mich ein wenig, denn das Bild, welches ich von Claire vor Augen hatte, zeichnete sie eigentlich mehr danach aus Ordnung zu halten. Sie sah mir meine leichte Überraschung offenbar an. “Normalerweise war Claire eigentlich sehr ordentlich, alles war an seinem Platz, aber … wenn sie sich in ihre Arbeiten vertiefte sah es dem Zimmer wie jetzt sehr ähnlich. Überall lagen Papiere mit Dutzenden von Notizzetteln herum, egal ob auf dem Schreibtisch, dem Boden, an den Wänden, den Regalen oder auf ihrem Bett. Und … trotzdem hatte alles eine gewisse Ordnung.”

“Das Genie überblickt das Chaos.”, sprach ich es laut aus, obwohl ich es mir eigentlich nur gedanklich in den Sinn kam. Sie lächelte darüber.

“Das habe ich mir auch gesagt. Claire lächelte immer darüber.”

“Kannst du mir sagen, wo sich die beiden anderen Verstecke befinden?” Sie schaute, dass sie keine Spuren vernichtete, während sie durch das Zimmer ging, obwohl die Spurensicherung bereits alles untersucht hatte und machte sich zum Schreibtisch auf, über deren Platte sie den Blick streifen ließ und sich wohl in Erinnerung rief, wie Claire fast jeden Tag an ihm gesessen und gearbeitet hatte. Neben dem Tisch befand sich ein Schrank mit gleich großen Schubladen, welcher aber zum Regal gehörte und darin integriert war.

Sie überlegte einen Moment, welche Schublade es wohl sein konnte, als sie die dritte von oben öffnete.

“Ein doppelter Boden?”, fragte ich sie, was mich angesichts des ersten Versteckes nicht wirklich überrascht hätte.

“Zumindest nicht in der Schublade.”, erwiderte sie, ließ ihre Hand in das Fach gleiten und tastete nach dem Boden der darüber liegenden Lade. Ich beobachtete sie dabei, wie sie einen kleinen Streifen des Bodens herauszog und sich daraufhin eine Klappe öffnete, in der sich zwei kleine Notizbücher befanden, die sie heraus nahm und das Versteck wieder verschloss.

Ich war mir nicht sicher, warum ich mir in diesem Moment diese Frage stellte, aber versuchte ich eine passende Antwort darauf zu finden, ob Claire paranoid oder einfach nur sehr vorsichtig gewesen war, wenn sie alles daran setzte Geheimnisse an solchen Orten zu verstecken, wo man sie nicht nur nie vermuten würde, sondern die Verstecke selbst auch kaum finden konnte.

Naomi kam zu mir. “Sie hatte immer etwas für Trickschachteln übrig.”, kommentierte sie, als ob sie gewusst hätte, welche Frage ich mir gerade erdachte und reichte mir die beiden Bücher. “Ich weiß nicht, ob Ihnen das weiterhelfen wird, aber so, wie ich Claire kannte, versteckte sie nichts, wenn es nicht wirklich wichtig war und sei es nur für sie.” Dankend nahm ich die Bücher entgegen. “Wo sich das dritte Versteck befindet weiß ich allerdings nicht, nur, dass es hier irgendwo sein muss.” Obwohl ich ein wenig enttäuscht war, war ich zumindest erleichtert darüber, dass sie mir ein weiteres Versteck zeigen konnte und vielleicht würde ich das dritte auch irgendwann finden. Ich nahm einen der drei leeren Kartons, die die Spurensicherung da gelassen hatten, falls ich oder ein anderer Kollege noch etwas finden würden, und legte die Akte, sowie die beiden Bücher hinein.

“Und was jetzt?”, fragte mich Naomi ein wenig planlos.

“Ich werde mir diese Beweise ansehen, in der Hoffnung etwas zu finden, während noch immer die Spuren vom Tatort untersucht und ausgewertet werden. Ich fürchte, dass weder deine Freunde, noch du jetzt irgendetwas tun können, außer auf Ergebnisse zu warten.”

“Ich verstehe.” Aus den Augenwinkeln fiel mir Salem auf.

“Kannst du dich um Salem kümmern?” Ich schaute kurz zu ihm, wie er zu der kleinen Schale auf dem Regal zuging und in Gedanken versunken halbherzig eine Nuss aß, so als ob er von Claires Ermordung wüsste, ehe sie wieder zu mir sah.

“Ich könnte ihn füttern, jetzt, wo …” Sie unterbrach sich kurz. “Aber … aufnehmen kann ich ihn nicht. Einerseits gestattet das die Hausordnung nicht, zum anderen ist Salem ein in der Freiheit lebendes Tier, welches lediglich eine enge Beziehung zu Claire hatte.”

“Der Verlust Claires scheint ihm deshalb genauso nahe zu gehen wie dir.” Sie nickte, streckte den Arm aus und rief ihn, worauf er auf ihren Arm flog und dort landete. “Wenn Sie noch etwas brauchen oder Fragen haben, sagen Sie mir Bescheid.” Es war lieb von ihr, dass sie mir wie auch Kya ihre Hilfe anbot, es überraschte mich aber auch nicht besonders, denn anhand der doch kurzen Zeit, in der ich sie nun schon kannte, wusste ich, dass sie genauso wie ich alles daran setzen wollte den Täter zu finden und ihn zur Rechenschaft zu ziehen.

“Natürlich.” Sie verabschiedete sich und verließ sie das Zimmer.

“Es scheint, als ob Sie einen Schritt weiter wären.”, hörte ich plötzlich seine ruhige Stimme hinter mir. Ob es vielleicht daran lag, dass ich es bereits gewöhnt war oder mich mittlerweile kaum noch etwas überraschen konnte, versuchte ich erst gar nicht, die Waffe zu ziehen und sie auf ihn zu richten, sondern schaute zuerst über die Schulter, bevor ich mich zu ihm drehte. Er stand dort neben dem Schreibtisch, entspannt und ruhig, als ob er bereits geahnt hätte, dass ich keinen Versuch unternehmen würde.

“Und wie kommen Sie darauf? Außer einer Blutprobe Ihrer Botschaft haben wir nichts gefunden.” Er schien zu lächeln, auch wenn ich es nicht sehen konnte.

“Spuren mögen Sie zwar keine gefunden haben, weder von mir, noch von Claire. Und dennoch haben Sie etwas gefunden, wobei ich zugeben muss, dass Sie dieses Mal schneller waren als ich.”

“Wenn Sie die Beweise wollen, dann nur über meine Leiche.”, entgegnete ich herausfordernd und begab mich in Position. Er lachte kurz auf, dann beruhigte er sich wieder.

“Ich könnte es, aber wo bliebe da der Reiz? Nein, wenn wir diese Geschichte weiter erzählen wollen muss ich Ihnen gegenüber fair sein und da Sie jene Dinge vor mir gefunden haben, nach denen ich stundenlang gesucht habe, geht diese Runde an Sie.”

“Halten Sie das für ein beschissenes Spiel?”

“Ist es das nicht immer, wenn es um ein Verbrechen wie dieses geht?”, stellte er als Gegenfrage. “Ein Spiel gegen die Zeit, gegen die Beweise, gegen … den Täter?”

“Was können diese Schriftstücke für Sie schon für eine Bedeutung haben?”

“Eine gute Frage, aber muss ich Ihnen diese Antwort schuldig bleiben, denn bis auf eines, das noch keiner von uns gefunden hat, ist mir der genaue Inhalt eines jeden Schriftstückes nicht genau bekannt, lediglich, was es für mich, als auch für Sie bedeutet.”

“Und wen werde ich Ihrer Meinung nach nicht retten können?”, machte ich ihn auf die mit Blut geschriebenen Worte aufmerksam.

“Was glauben Sie denn, wer es sein könnte?” Nach meinen bisherigen Kenntnissen konnten es nur zwei sein – Naomi, Claires langjährige Freundin, und Lin, Claire ehemalige Mitschülerin. “Ich kann mir vorstellen, an wen Sie jetzt denken, aber lassen Sie mich hinzufügen, dass es keine der offensichtlichen Personen sein wird.”

“Ich werde nicht zulassen, dass Sie noch jemanden töten werden.” Er gab sich gelassen.

“Gut, denn dass sollten Sie, wenn Sie nicht wollen, dass Sie es sein werden, die man anschließend verdächtigt.” Instinktiv griff ich nach meiner Waffe, zog sie aus dem Holster, aber in dem einen Bruchteil einer Sekunde, in dem ich blinzelte, war er verschwunden, als wäre er niemals hier gewesen. Die Waffe noch immer mit beiden Händen auf halbem Weg festhaltend schaute ich mich um, um mich zu vergewissern, dass er nicht plötzlich hinter mir stand.

Nichts.

Ich hielt noch einen Moment inne, als ich die Waffe schließlich senkte und zurück ins Holster steckte, bevor ich mich dem Karton zuwandte, diesen schloss und über seine letzten Worte nachdachte, die mir nicht nur wie eine Warnung vorkamen, sondern eher einen Ausblick auf das Kommende geben würden, wenn es mir nicht gelang ihm einen Schritt voraus zu sein.

So, als ob er bereits das nächste Kapitel unserer Geschichte zu kennen schien.
Und es war meine Aufgabe, dieses Kapitel umzuschreiben.

Kapitel 4: Wolfjagd (4) – Creepypasta-Wiki

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