Alle Strophen

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

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Ich prüfe Lieder. So steht es in meinem Vertrag, ausgestellt von einer Firma, die es nicht gibt: „Musikalische Eignungsprüfung, nebenberuflich“. Ich war einunddreißig Jahre Kantor einer deutschen Gemeinde im Hügelland von Texas. Danach wollte mich niemand mehr an der Orgel haben, und dann kam ein freundlicher Herr mit einem Umschlag.

Wer bei mir besteht, darf hinter die Mauer. Ich selbst war nie drin. Ich sitze im Torhaus an einem Klavier, das niemand stimmt außer mir, und die Leute kommen in roten Mänteln und Wollmützen und singen mir vor. Alle Strophen, auch die, die im Gesangbuch klein gedruckt stehen und in keiner Kirche je gesungen werden. Ich habe einen Stapel Liederbücher und einen Bleistift. Für jede Strophe, die sitzt, mache ich ein Kreuz.

Die meisten fallen beim ersten Mal durch. Nicht wegen der Töne. Wegen der Mienen. Ein Mann sang tadellos und sah dabei aus, als zähle er Fliesen. Den habe ich nicht durchgelassen. Man hat mir nie erklärt, wonach sie da drinnen urteilen, aber ich habe mein Leben lang in Gesichter gesungen. Ich weiß, wie es aussieht, wenn jemand nur mitmacht.

Sommer hat beim ersten Mal bestanden, beinahe. Sie war jung, sie lachte viel, sie sang mit dem ganzen Gesicht. In der dritten Strophe eines alten Adventslieds stockte sie, eine halbe Zeile lang, und fand sofort wieder hinein. Ich habe mein Kreuz gemacht. Eine halbe Zeile, dachte ich, bei so viel Freude.

Sie ging elf Wochen Streife. In der zwölften kam sie nicht ans Tor zurück. Am nächsten Tag stand sie auf einer Veranda, in einem Pullover mit Schneeflocken, und winkte zum Ballon hinauf. In meinen Unterlagen stand das nicht. Ich habe es in der Kantine gehört.

Im August hat man mich zum ersten Mal ans Tor geholt. Der Wetterballon hatte am Vortag doppelt so viel Punsch gemeldet und neue Girlanden an jeder Laterne. Für das Verfahren brauchte man jemanden, der eine Menge zum Singen bringt, ohne dass sie merkt, dass sie geführt wird. Das ist das Einzige, was ich wirklich kann.

Man gab mir einen roten Mantel und stellte mich auf eine Holzkiste vor dem offenen Tor, vor mir mein eigenes Notenpult, das ich seit der Gemeinde überallhin mitnehme. Neben mir zwanzig Leute in Strickpullovern, Thermoskannen auf einem Klapptisch. Hinter uns die Straße, staubig, vierzig Grad im Schatten. Vor uns, durch das Tor, Schnee.

Sie kamen nach Einbruch der Dunkelheit, und zuerst sah man nur das Licht. Dreihundert Menschen, jeder mit einer Lichterkette über der Schulter, die hinter ihm über den Schnee schleifte, sodass die Straße aussah wie ein Fluss, der bergauf fließt. Sie sangen schon. Sie sangen gut. Sie sangen besser als jeder Chor, den ich je hatte.

Ich hob die Hände und nahm ihr Tempo auf, und dann nahm ich es ihnen langsam weg. Das ist der ganze Trick: ein wenig ruhiger sein als die Menge. Eine Menge, die einem folgt, merkt das nicht. Nach dem dritten Lied standen sie still im Tor. Nach dem fünften gingen unsere Leute mit den Kannen herum. Die Bewohner tranken, bedankten sich und wünschten frohe Feiertage. Einer nach dem anderen setzte sich in den Schnee, lehnte sich an den Nachbarn und schlief ein, mit einem Lächeln, das ich mir nicht erklären kann.

Die Wachgebliebenen hoben die Schlafenden auf und trugen sie heim. Wir rührten keinen an. So steht es in der Anweisung, und in diesem Moment verstand ich, warum. Es sah nicht aus wie etwas, wobei man stören darf.

Sommer war unter den Letzten. Sie trug einen alten Mann auf dem Rücken, ganz leicht, als wöge er nichts, und sang dabei leise die dritte Strophe des Adventslieds. Jede Zeile. Ohne zu stocken.

Ich habe in diesem Augenblick auf die Uhr gesehen. Das ist eine Gewohnheit, ich messe, wie lange ein Lied trägt. Auf dem Merkblatt steht, dass man das lassen soll. Ich hatte es gelesen.

Sommer blieb stehen. Sie sah mich an, nicht böse, eher so, wie man jemanden ansieht, dem man noch etwas schuldet. Dann brach sie vom Ende ihrer Lichterkette ein Stück mit drei Lämpchen ab und wand es um den Fuß meines Notenpults, zweimal, sorgfältig, wie man eine Schleife bindet. „Für zu Hause“, sagte sie. Dann trug sie den alten Mann zurück durchs Tor, und das Tor ging zu.

Bei der Nachbesprechung habe ich nichts davon erzählt. Die anderen räumten die Kannen weg, und das Stück Kette war so kurz, dass es unter meinem Mantelsaum verschwand. Ich weiß nicht, warum ich geschwiegen habe. Vielleicht, weil sie sich bei mir bedankt hatte, auf ihre Art.

Zu Hause habe ich das Pult ins Musikzimmer gestellt, wo es immer steht. Die drei Lämpchen brennen. Sie hängen an keinem Stecker, und sie brennen.

Seit einer Woche liegt Schnee unter dem Pult, eine Handbreit hoch, nur dort. Er schmilzt nicht, obwohl das Thermometer draußen jeden Mittag über vierzig Grad steigt. Meine Frau hat ihn gesehen und nichts gesagt. Stattdessen hat sie Zimtsterne gebacken, im August, und am Abend die Krippe vom Dachboden geholt.

Gestern beim Essen habe ich auf die Uhr gesehen, aus Gewohnheit. Meine Frau hat die Gabel hingelegt und mich angesehen. Freundlich. Lange. So, wie Sommer mich am Tor angesehen hat.

Ich habe die Uhr in die Schublade gelegt. Seitdem übe ich jeden Abend. Alle Strophen.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-784 von Snowshoe aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-784) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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