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Containment Project III – EXIT

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Hier die chronische Auflistung aller Pastas, die zu dieser Reihe gehören.

DN-AGE Erinnerungen (2270)

DN-AGE Erinnerungen I – Beauftragt
DN-AGE Erinnerungen II – Missbraucht
DN-AGE Erinnerungen III – Gebrochen
DN-AGE Erinnerungen IV – Gerettet
DN-AGE Erinnerungen V – Gefunden
DN-AGE Erinnerungen VI – Psychopaten Lachen Nicht

Containment Project 1 (2270)

Containment Project I – Dies sind die Worte von Publius Septimus Tertio
Containment Project II – The Greasemonkey Diaries
Containment Project III – EXIT
Containment Project IV – Gedanken

Containment Project 2 (2290)

CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 1: Nora
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 2: Alexis
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 3: Caelia
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 4: Bromios
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 5: Lavender

 

 

CONTAINMENT PROJECT
AUSWERTUNG

DATENLOG 3

 

 

Name: Qar’Ek
Da’qu

Verwaltungsbereich:
Leiter Historische Auswertungen der Containment Project-Anlagen auf SOL-00I

Datum: 5. Tag
des vierten Monats, Jahr 372 nach Gründung der Republik

Berechtigung: ERTEILT

 

Hier folgen nun die letzten Einträge von P. S. Tertio
und Carlisle McAvin. Interessant ist hier zu bemerken, dass Ersterer seine
Erlebnisse nun auf eigens gefertigten Rollen festhält, anstatt den bisherigen,
die von gelernten Handwerkern gemacht zu sein scheinen. Desweiteren gilt zu
bemerken, dass alle nachfolgenden Rollen, sowie das Tagebuch, aus dem die
nachfolgenden Einträge stammen, in einer Höhle innerhalb von D.S. -8000
gefunden wurden.

 

Eintrag 4

11. Mai 1960

Dies ist erst der
vierte Eintrag und das zweite Buch, das ich schreibe, und schon muss ich mit
einer üblen kleinen Lüge aufräumen. Ich habe
gegen Ende von Eintrag  drei
gesagt, dass es auf dem Hügel nahe unserer Stadt nur eine Kapelle und eine
Festhütte gibt. Das war gelogen. Nun ja, was heißt gelogen – es GAB dort vor
uralten Zeiten einmal einen Steinkreis und ein jungsteinzeitliches Grab.
Allerdings wurden beide zerstört und abgetragen, als dieser Ort christianisiert
wurde; das war etwa um 980 n. Chr. passiert. Alte Aufzeichnungen erwähnen den
Kreis und das Grab durchaus, welche auch der Grund sind, woher unsere Stadt
ihren Namen hat. Muntun Upon Stynn – Mountain of the Stones.

Jetzt werdet ihr
euch wohl fragen: wie kann ein Grab hier existieren und gleichzeitig in
Publius‘ Welt an der gleichen Stelle?! Geduld, wer immer der auch liest,
Geduld.

Wir gingen also
wieder zum Ausgang auf der Straße zurück und dann wieder zurück zu meiner Werkstatt
und dem Laden. Nun wartete allerdings eine schwierige Aufgabe vor mir: meinem
Vater meinen neuen Freund erklären. Ich tat es auf folgende weise: ich erklärte
ihm, dass Publius ein Stummer war und dass er eine Rolle in einem römisch
angehauchten Film hatte und einfach vergessen hatte, sein Kostüm auszuziehen.
Natürlich war das alles mit Publius abgesprochen und erfand die Idee an sich
ziemlich witzig. Auch wenn ich im Nachhinein bezweifle, dass er das Konzept
eines Films überhaupt verstanden hatte.

 

Das Dumme an der
Sache war nur, dass wir diese Charade bis zum bitteren Ende durchziehen  mussten – was pragmatischer Weise hieß, dass
nur ich reden durfte, während er alles, was er mir eigentlich SAGEN sollte, aufschreiben
musste. Daran half auch nichts, dass ich die von ihm verlangte Platte sehr laut
abspielte. Und, ja, ihr könnt euch denken, wie groß seine Augen wurden, als ich
ihm mein Grammophon vorführte. Was „Creole Love Call“ ist, fragt ihr euch? Nun,
ganz einfach: ein Lied von Jazz-Künstler Duke Ellington. Es genügt zu sagen,
dass mein Vater als alter Highlander dieser Art von „Kolonial-“ oder
„Negermusik“ skeptisch gegenüberstand. Ginge es nach ihm, würde er jede freie
Minute mit seinem heißgeliebten Dudelsack verbringen. Ob das für die Kundschaft
amüsant wäre? Ich wage es zu bezweifeln.

Publius schien das
Lied jedoch zu gefallen – was wohl auch an dem Glas Whiskey gelegen haben
konnte. Wir…‚unterhielten‘ uns darüber, wie wir am besten vorgingen. Er wollte
immer noch den zwei gleichlautenden Beschriftungen auf den Grund gehen, doch
ich hielt es für ratsamer, erst einmal zum Hügel zu gehen um zu sehen, ob sich
dort ebenfalls ein Eingang befand. Kurz gesagt, wir einigten uns auf folgenden
Kompromiss: wir würden zu dem Hügel gehen und nachschauen. Fänden wir nichts
Vergleichbares, würden wir sofort seinem Vorschlag folgen. Daraufhin schenkte
ich uns beiden noch einmal ein und wir stießen auf unsere Idee an.

Eintrag 5

11. Mai 1960

Mit meinem Wagen
fuhren wir die Straße zu der Abbiegung zum Hügel entlang und bogen dann auf den
Schotterpfand hinauf zum Hügel ab. Publius schien während der gesamten Fahrt
relativ guten Mutes – wahrscheinlich ging er davon aus, dass wir nichts finden
würden. Wie falsch er lag! Aber…Eins nach dem Anderen.

Wir stiegen aus und
machten uns auf den beschwerlichen Weg zur Kuppe des Hügels. Ich war schon eine
sehr lange Zeit nicht mehr hier gewesen und merkte erst jetzt wieder, was für
eine Tortur es war, meinen Beutel mit Proviant mitzuschleppen. Diesbezüglich
nannte mich Publius auch immer Scherzhaft ‚Servus‘, also Sklave, wann immer ich
zu weit hinter ihm war. „Consiste, servus meus!“ rief er, wohl erneut im
Scherz, doch dann sah ich, wieso. Er stand verwirrt und doch gleichzeitig
erstaunt vor der kleinen Kapelle, welche man unweigerlich passiert, wenn man zu
der Festhütte möchte.

„Ist das ein Bacchus
Schrein?“ fragte er erstaunt.

„Bacchus Schrein?“
fragte ich verwirrt zurück, woraufhin er auf das Kreuz zeigte, welches an der
Dachspitze thronte. „Ich dachte, du kennst unsere Welt in und auswendig!“  rief er etwas spöttisch: „Sicher kennst du
die Geschichte des Gottes, der starb und dann wieder auferstand, um Rache an
seinen Feinden zu nehmen? Der Jüngling, der alles Enthemmte repräsentiert, sich
den Zwängen und den Konventionen der Gesellschaft widersetzt und zu dessen
Ehren die Priester Brot essen und Wein trinken?“

„Ähm…ja…natürlich“,
gab ich zögerlich zurück: „Ich bin nur etwas wirr vom vielen Klettern. Vielleicht
kann uns etwas spirituelle Erbauung gut tun.“ Die Tür zur Kapelle ist immer
offen, weswegen ich meinen Beutel abstellte und mit Publius zum Eingang der
Kapelle lief. Doch als ich die Türe öffnen wollte, hielt Publius mich ab:
„Moment mal, was machst du da?!“ Ich schaute ihn erschrocken und zugleich
verwirrt an. „Wir betreten das Haus eines Gottes – bedecke dein Haupt!“

Daraufhin zog
Publius seine Decke über seinen Kopf und ich lief zu meinem Beutel zurück, um
mir die Kappe, welche ich mitgenommenem hatte, aufzuziehen. Ich  muss zugeben, ich war diesbezüglich etwas
amüsiert. Jeder, der schon einmal in einer Kirche oder Kathedrale war, wird
wissen, dass man dort seine Mütze, oder was auch immer man auf dem Kopf trägt,
abnehmen muss.

Die Kapelle an sich
ist recht schlicht. Zwei Reihen zu jeder Seite, vorne der kleine Altar mit dem
Gekreuzigten. Natürlich war es nicht Bacchus, der gekreuzigt wurde, sondern Jesus.
Doch ich erinnerte mich, wie ich die Legende von Dionysos gelesen hatte und
recht schnell die Parallelen zu den Evangelien erkannte. Ich hatte, was das
anging, sogar unseren örtlichen Pastor befragt, doch er meinte nur, ich würde
Satan in mein Herz lassen, wenn ich diese Gedanken hegte. Natürlich würde ich
das…

Wir traten vor den
Altar und ich sah Publius an und fragte, was denn ein geeignetes Gebet für
diesen Gott sei. „Nun, eigentlich ist es nur den Priestern vorbehalten, zu
Bacchus zu sprechen.“

„Aber“, gab ich mit
einem frechen Grinsen zurück.

„Aber wir halten ja
keine wirkliche Zeremonie ab“, fügte er hinzu, bevor er seine Hände in einer
haltenden Geste ausstreckte und sprach: „Heiliger Bacchus, der du von Stadt zu
Stadt gepilgert bist, um deine Kunde zu verbreiten. Gib uns Kraft für die
bevorstehende Aufgabe, die uns zuteilwird. Und so, wie du deine Feinde mit
Wahnsinn geschlagen hast, strecke all jene nieder, welche sich uns in den Weg
stellen.“ Dann zückt er sein Gladius und schnitt sich in die rechte Hand, um
seinen Pakt mit der Gottheit zu besiegeln und ließ sein Blut auf das weiße
Altartuch tropfen.

Eintrag 6

11. Mai 1960

Der weitere Weg zur
Festhütte gestaltete sich relativ kurz und relative einfach. Die Hütte besteht
aus Holz, mit zwei Fenstern auf jeder Seite. Anders als die Kapelle jedoch, war
die Hüte abgeschlossen. Man muss den Schlüssel dafür direkt beim Bürgermeister
abholen. Glücklicherweise waren die Fenster jüngst erst geputzt worden,
weswegen wir problemlos hineinsehen konnten. In der Hütte befanden sich Bänke
an zwei Ecken. An einer Ecke befand sich ein Tisch und an der anderen eine
Eistruhe, obwohl ich davon ausging, dass das Eisfach leer war. In der Mitte des
Raums befand sich ein großer Tisch, auf dem man bei Festlichkeiten immer die
zahlrechen Kuchen und Teller und das Besteck legte.

„Tja“, gab ich
geschlagen von mir: „Hattest wohl recht. Zeit die beiden gleichen Tunnel zu
durchforsten.“ Ich wollte wieder kehrt machen, doch Publius hielt mich ab:
„Moment mal! Wozu liegt da ein Tuch unter dem Tisch?!“

„Tuch?“ fragte ich
verwirrt und spähte erneut in den Raum.

„Das ist doch alles
aus Holz. Der Tisch, die Stühle…der Boden! Warum sollte es jemand stören, wenn
DER zerkratzt wird?!“ Wir sahen uns eine Sekunde fragend an, ehe er sein
Gladius nahm und eines der Fenster zerschmetterte. „Wir können ja sagen, dass
wir es schon so vorgefunden haben. Ein paar dumme Kinder oder Jugendliche
hatten wohl auf eine kleine Ausbeute gehofft“, gab er als Erklärung ab, die wir
geben konnten. Ich lachte nur ob seiner Spitzfindigkeit, ehe wir die Hütte
betraten.

Drinnen war es
merklich kälter als draußen. Ohne große Anstrengung schafften wir den Tisch und
die Stühle beiseite und zogen das Tuch, was in Wirklichkeit ein dünner Teppich
war, beiseite und starrten dann auf eine hölzerne Klappe ohne Schloss. Wir
grinsten uns beide an, ehe Publius sich nach unten beugte und sie Klappe öffnete
und den Blick auf eine weitere Leiter, die in die Dunkelheit führte, freigab.

 

ROLLE 31

8. Kalende des Januar

762 a. u. c.

Mit Carlisle unter
mir öffnete ich die Klappe über mir. Doch als ich sah, wo wir gelandet waren,
schloss ich sie wieder und sah zu Carlisle: „Wir sind hier falsch! Das ist das
Grab, durch das ich zu dir gekommen bin.“ Er sah daraufhin zu dem Schriftzug neben
der Leiter, dann wieder zu mir: „Das kann nicht sein. Du hast gesagt, du bist
durch die Leiter mit der Beschriftung D.R. -44 HLL gekommen. Hier steht D.S.
-8000 HLL.“ Ich dachte einen Moment nach, ehe ich nachgab, die Klappe öffnete
und wir das Grab betraten.

Jetzt weiß ich gar
nichts mehr. entweder, Merkur spielt uns einen Streich, oder hier geht etwas
wirklich Merkwürdiges vor. Denn, ja, es WAR das exakt gleiche Grab, durch das
ich zu Carlisle gekommen war – bis hin zu dem Topf, der mir heruntergefallen
war. Ihr wisst schon, der, der nicht kaputt gegangen war. Jedoch…stand er
wieder an seinem Platz. Nun, gut möglich, dass jemand nach mir das Grab
betreten und den Topf wieder an seinen Platz gestellt hatte. Doch diese Annahme
wurde schnell zerschmettert, als Carlisle mich aus dem Grab rief.

Es war Herbst. Wir
sahen die braunen und gelben Blätter auf den Bäumen um uns herum und auf dem
Boden unter uns. Hatte Persephone zu viel Wein getrunken? So schien es
zumindest. Er fragte mich nach den Steinen, die hier angeblich stehen sollten.
Ich deutete auf die kleinen, parallelen Steine, die es hier auch gab und
tatsächlich befand sich am Ende dieses Weges der uralte Steinkreis. Wie gebannt
stand Carlisle da und starrte voller Ehrfurcht auf das steinerne Ensemble. Was
mich anging, schaute ich mir die Gravierungen an den Steinen und dem zentralen Altar
an und mir fiel auf, dass sie, wie bei uns in Mons Petrae, nicht verwittert
waren.

„Carlisle, sieh dir
das an!“

„Erstaunlich, nicht
wahr? Scheint mir aus der Jungsteinzeit zu stammen. Vielleicht piktisch oder
etwas Ähnliches“ , meinte er, als er zu mir kam.

„Sieh dir das an:
alles relativ neu…oder zumindest nicht verwittert.“

„Nun ja. Ich denke
mal, das alles ist erst neu errichtet worden“, nahm er an, doch ich schüttelte
demonstrativ den Kopf: „Nein, das meine ich nicht. Ich will sagen, dass die
Gravierungen auf den Steinen bei UNS auf dem Hügel sind auch nicht verwittert.“

„Was meinst du?“

„Will sagen, dass
wenn wir annehmen, dass wir irgendwie durch die Zeit reisen, man annehmen
müsse, dass die Gravierungen in Mons Petrae verwittert wären.“ Seinem Nicken
nach zu urteilen, verstand er, worauf ich hinaus wollte. Er fragte mich, ob ich
eine Ahnung habe, was hier vor sich ginge. Ich verneinte und wollte gerade eine
Antwort geben, als wir in der Ferne das Klingen von Instrumenten hörten.

So schnell wir
konnten, versteckten wir uns hinter einem umgefallenen Baumstamm in der Nähe
und hörten gebannt zu, wie das Klingen näher und näher kam. Dazwischen hörten
wir auch Stimmen, Wehklagen, Weinen. Es war eine Sprache, die mir und Carlisle
vollkommen unbekannt war. Er wies sogar daraufhin, dass es sich nicht einmal
wie Gälisch anhörte, welches scheinbar eine weitere Sprach in seiner Welt war.

Eine Weile später
sahen wir die Menschen, die diese Laute und Töne von sich gaben: Es war eine
Trauergemeinde. Geführt wurden sie von einer, zugegeben, recht hübschen
Priesterin. Ihr Gesicht, sowie ihre Arme und Beine und Brüste waren in der
gleichen, hellblauen Farbe bemalt, wie man sie auch auf den Gravierungen
vorfand. Der Zug selber bestand aus einer sehr merkwürdigen Schar. Einige
trugen…nun ja, richtige Kleidung; Hosen, primitive Tuniken, Mäntel. Ihre Haare
waren fein zurechtgemacht und waren geschmückt mit Perlen und anderen
Ornamenten. Doch unter ihnen gab es noch einige, welche in primitiven Fellen
gekleidet waren. Sie trugen ihr Haar wild und ungezähmt und trugen Schmuck aus
bemalten Knochen und kleinen Steinen.

Wir sahen zu, wie
der Leichnam eines der Mitglieder auf einer Bahre von Zweien zum Altar getragen
und auf diesen gelegt wurde. Dazu gesellten sich ein Mann und eine Frau, beide
relativ jung und beide Teil der Menschen, welche echte Kleidung trugen. Wie die
Priesterin, so hatten sie ihre Haut ebenfalls mit hellblauer Farbe verziert.
Die Frau fing an zu weinen und der Mann nahm sie tröstend in den Arm. Erst
jetzt fiel mir auf, dass der Leichnam relativ klein war. Ein Kind, also, das,
gemessen an der Größe des Körpers, nicht älter als zehn Jahre.

ROLLE 32

8. Kalende des Januar

762 a. u. c.

Entschuldigung, aber
auf der anderen Rolle ging mir der Platz aus. Jedenfalls, der Leichnam war in
ein Leinentuch gewickelt und wir sahen zu, wie die Priesterin einen Topf voll
mit der hellblauen Farbe, nun zu einem Puder verarbeitet, nahm und dieses
großzügig auf die Leinen schmierte. Dabei sprach die Priesterin erneut einige
Worte in dieser merkwürdigen, uns fremden Sprache, einige davon wurden von der
Menge wiederholt. Daraufhin wurde der Leichnam vom Altar gehoben und die
Trauergemeinde, erneut von der Priesterin geführt, machte sich auf den Weg zum
Grab.  Zum Glück hatte ich die Klappe
geschlossen!

Als die Luft rein
war, kamen wir aus unserem Versteck heraus. Carlisle wollte den Weg, über den
die Gemeinschaft gekommen war, entlang gehen. Ich hingegen hielt ihn erst
einmal davon ab und wir gingen hinüber zum Altar, auf dem noch etwas von diesem
hellblauen Puder verstreut war. Ich strich meine rechte Hand darüber, rieb dann
Daumen und Zeigefinger aneinander und roch daran. Es stellte sich heraus, dass
das Puder einen sehr angenehmen, wenn auch sehr schwachen Geruch abgab. Das
Puder selber war recht…dick und klebte noch etwas an meiner Hand, nachdem ich
es mit meiner Decke abwischte.

*          *

Das ergibt alles
keinen Sinn! Das Grab, die Gravierungen und jetzt DAS! Ich denke, ich sollte
vielleicht eher sachlicher an die Sache herangehen. Nachdem wir den Weg, der
weg von dem Steinkreis führte, hinunterliefen, kamen wir an einigen leeren
Feldern vorbei. Nun ja, was heißt leer. Es war immerhin Herbst und daher sahen
wir zahlreiche Bündel mit geschnittenem Getreide, zu Bergen gestapelt oder auf
Karren geladen. Wie vor dem Altar, wurde ich neugierig und ging zu einem Karren
nahe dem Weg und sah mir die Ernte genauer an. Carlisle beschwichtigte mich
jedoch, weiterzugehen und hier nicht herumzulungern. Immerhin würde es nicht
lange dauern, bis die Trauergemeinschaft wiederkäme. Zugegeben, er hatte
durchaus Recht, doch ich war einfach ZU neugierig! Ich sah in den Karren hinein
und mir fiel ein Art Handsense auf, welche neben dem geschnittenen Getreide
lag. Ich hob sie auf und sah, dass sie recht primitiv gearbeitet worden war.
Was mich allerdings am meisten erstaunte, war, dass sie keine Klinge aus
Metall…sondern aus STEIN besaß! Dazu noch eine recht scharfe, da ich mich, wie
ein kompletter Vollidiot, daran schnitt.

Wie in Carlisles
Welt so war diese recht Hügelig, jedoch weitausmehr bewaldet als bei uns in
Mons Petrae. An den Stellen, an dem der Wald gerodet war und sich keine Felder
befanden, sahen wir primitive Hütten aus Stein und Stroh. Diese traten vermehrt
auf, als wir uns dem Dorf näherten, aus dem die Trauergemeinschaft wohl kam. Allerdings
hatten wir Recht in unserer Vermutung, dass nicht das gesamte Dorf zur
Trauerfeier gekommen war.

Um das Dorf gab es
eine Palisade, an der wir ach so vorsichtig entlang schlichen, um keine
Aufmerksamkeit zu erregen. Zum Glück hatte das Dorf keine Wachen oder
Wachposten, doch konnten wir die Stimmen der Bewohner hören. Das Lachen und
Spielen von Kindern, das Geräusch von Ziegen und Hunden, Hühnern und Schweinen.
Das Dreschen von Korn nach der Ernte und der Gesang, den die Bewohner währenddessen
von sich gaben.

Ab und an war die
Wand von kleinen Fenstern durchbrochen, wahrscheinlich Schießscharten oder so
was Ähnliches. Da ich nun mal sehr neugierig bin, hielt ich immer einige
Sekunden inne und sah hindurch, um zu beobachten, was denn so innerhalb der
Palisaden geschah. Durch eine Öffnung konnte ich sogar auf das blicken, was ich
als Dorfzentrum identifizierte; ein großer, runder Platz, umgeben von einigen
großen Hütten und einem riesigen Stein in dessen Zentrum. Er erinnerte mich
sehr stark an den Menhir aus Daryas Dorf, doch war er, wie die Steine auf dem
Hügel, flach und nicht rundlich. Und wie die Steine auf dem Hügel, hatte er
ebenfalls hellblau eingefärbte Gravierungen – allerdings war ich zu weit weg um
sehen zu können, was sie darstellten.

Doch dies waren ganz
offensichtlich NICHT Daryas Leute, oder sonst irgendein Bretonischer Stamm,
auch wenn mich die Kunst dieser Leute etwas an sie erinnerte. Abgesehen von dem
Dorf selber, konnte ich durch die Öffnungen ab und zu einen kurzen Blick auf die
Werkzeuge dieser Leute erhaschen: Messer, Sensen, Beile, Äxte, Speere, Lanzen –
doch waren all ihre Klingen aus STEIN gefertigt! Daryas Leute, wie alle
Bretonischen Stämme, waren gut vertraut mit der Kunst, Eisen und Bronze zu schmieden
und zu Kunstgegenständen und Waffen zu formen. Wer auch immer diese Leute waren
– sie waren etwas gänzlich Anderes!

„Pst!“ rief Carlisle
in einem Flüsterton und deutete auf ein Feld vor uns, das scheinbar noch nicht
geerntet worden war: „Wir sollten uns dort verstecken und zu dem Hügel dort
vorne laufen, bevor man uns noch entdeckt!“

„Und was dann?“
fragte ich, da mir schien, dass sein Plan nicht wirklich ausgereift war.

„Dann gehen wir in den
Wald und hoffen darauf, dass die anderen schon fort sind, wenn wir wieder zum Grab
gehen.“

„Du willst schon
wieder abhauen?!“ rief ich erstaunt: „interessiert es dich nicht, wo wir
gelandet sind?“

„Doch, schon“, gab
er zurück: „Aber trotzdem hab ich keine Lust, irgendwie ergriffen und
abgemurkst zu werden!“

Das schien mir sehr
einleuchtend. Immerhin wussten wir nichts über diese Leute und soweit es diese
anging, waren wir Eindringlinge in ihrem Gebiet. Hier galt die Macht Roms
nichts – und um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht mal sicher, dass das hier
überhaupt ein realer Ort auf irgendeiner Karte ist!

ROLLE 33

8. Kalende des Januar

762 a. u. c.

Und wieder ist eine
Rolle vollgeschrieben. Tut mir leid, aber die Rollen, welche mir Carlisle vor
unserem Abenteuer gegeben hatte, sind relativ klein und ich habe eine doch
recht große Schrift. Aber, wie dem auch sei, ich schreibe weiter.

Wir schlichen uns
also leise und vorsichtig von der Palisade weg in das nahegelegene Feld. Ein
kühler Herbstwind begann zu wehen, weswegen unsere Bewegungen wohl nicht so
sehr auffielen – nicht dass es Wachen gab, die das hätten bemerken können. Doch
auf halbem Wege durch das Feld stoppte Carlisle abgrubt.

„Was ist los? Wieso
halten wir an?“  fragte ich ihn. Er brach
einer der Halme ab und hielt es mir vor die Nase und sprach: „Weiß du was das
ist?“

„Was zum essen?“ gab
ich humoristisch zurück.

„Das ist Emmer!“
rief er und ich  konnte das Erstaunen,
wie auch die Verwirrung in seiner Stimme hören: „Das wird in Europa seit
Jahrtausenden nicht mehr angebaut!“

„Dein Punkt?“

„Also entweder
machen wir jedes Mal, wenn wir eine Leiter hoch- oder runtergehen eine
Zeitreise, oder…“

„Oder was?“

„Oder wir sind
selbst Teil eines Jules Verne Romans.“

Ich wusste zwar
nicht, wer das war, doch bestärkte ich Carlisle, weiterzugehen. Er willigte
nach etwas Überzeugungskraft ein und wir erreichten dann auch nach einiger Zeit
den Wald. Dort versteckten wir uns auch gleich hinter zwei dicken Bäumen und
sahen uns eine Weile die Siedlung vor
uns an. Klar, sicher, es war Herbst und etwas Windig, doch wirkte die Siedlung
auf mich fast schon friedlich. So, wie man sich das Elysium vorstellt –
jedenfalls so, wie ich es mir vorstelle.

Jedoch schoss mir
dann ein Gedanke durch den Kopf, während ich über alles Mögliche sinnierte.
Hier gab es ein Steinkreis, ein Grab, eine Stadt und einen Hügel; so wie in
Mons Petrae und in Carlisles Welt – obgleich Letzeres nur einen Hügel ohne Grab
und Kreis hatte. Was wäre…wenn das kein Zufall war? Wenn diese Welten in einem
Zusammenhang standen und nicht nur eine Aneinanderreihung zufälliger Zustände
war? Immerhin würde das die ganzen unterirdischen Gänge erklären. Und wie in
Mons Petrae, so gab es in Carlisles Welt ebenfalls drei Fixpunkte neben dem
Hügel: der Marktfleck Mennith, die Stadt Hügel selbst und das Anwesen des Lords McDonald.

Hier gab es die
Siedlung und einen Hügel…und die Menschen mit den Fellstücken schienen
scheinbar nicht aus dieser zu kommen. Demnach musste es noch einen kleineren
Flecken neben der Siedlung geben, wohl auf gleicher Linie mit der Siedlung. Und
wenn es diesen Flecken tatsächlich gab…dann musste es in der Richtung, in die
wir durch das Feld gelaufen waren, irgendeinen heiligen bzw. abgesonderten Ort geben.

Ich sah zu Carlisle
und ließ ihn an meinen Gedanken teilhaben und mir schien so, als hatte er sich
diesbezüglich ähnliche Gedanken gemacht. Er nahm meinen Vorschlag daher an und
wir fingen an, in gleicher Richtung durch den Wald zu stapfen. Während der
ganzen Zeit hielt ich mein Gladius eng umklammert fest. Für Carlisle kann ich
nicht sprechen, aber was mich anging, hatte ich eine unheimliche Angst. Scheiß
auf das Mann-sein! Wir waren in einer fremden Region, in der Wildnis, mitten im
kalten Herbst – Jupiter weiß, was hinter den Bäumen hätte hervorspringen und
uns umbringen können! Zum Glück lauerte nichts Dergleichen auf uns, sondern
etwas vollkommen anderes.

Laut Carlisle waren
wir eine halbe Stunde gelaufen, als wir auf mehrere Bäume stießen, von denen
zahlreiche Skelette hingen. Ich glaubte zunächst an eine Art Friedhof, doch
Baumstümpfe mit getrocknetem Blut ließen keinen Zweifel zu, dass wir in eine
Richtstätte gelaufen waren. An einigen der Leichen hing noch etwas Fleisch und
die Tatsache, dass einige die gleichen Perlen wie die Menschen in dem Trauerzug
trugen, bedeutete, dass es Menschen aus dem Dorf sein mussten.

ROLLE 34

8. Kalende des Januar

762 a. u. c.

So. das ist die letzte
Rolle, die ich zur Verfügung habe. Falls wir noch auf etwas Interessantes stoßen,
nachdem diese hier vollgeschrieben ist, dann tut mir das Leid. Ist halt so.

Jedenfalls marschierten
wir noch eine ganze Weile in der Richtstätte umher, wo ich erneut zahlreiche Messer
aus Stein fand. Bis Carlisle auf einen Weg stieß, der tief in den Wald zu
führen schien. Wir sahen uns zunächst fragend an und fragten uns wohl zur
gleichen Zeit selber, ob wir diesen Weg wirklich gehen sollten. Doch da wir eh
schon tief im Wald waren, entschied ich, dass wir es bis zum Ende durchstehen
würden.

Dieses Ende jedoch,
stellte sich als schneller erreicht heraus, als uns lieb war. Laut Carlisle
waren wir nicht einmal zehn Minuten gelaufen, als der Pfad vor dem Eingang zu
einer riesigen Höhle führte. Vor diesem standen eine Reihe kleinerer Steine,
ähnlich denen auf dem Hügel, welche ebenfalls mit hellblauen Mustern verziert
waren. Langsam und vorsichtig liefen wir auf den Dunklen Eingang zu, während
Carlisle in seinem beutel herumkramte und schließlich eine, wie er es nannte
„Taschenlampe“ herausnahm. Ich staunte nicht schlecht, als er etwas daran
herumdrehte und das Ding einen grellen Lichtstrahl von sich gab.

Mit diesem
merkwürdigen Licht vor uns, betraten wir die dunkle Höhle, welche zu unserer
Verwunderung recht begehbar war. Sicher, einige gefährliche Stufen gab es
durchaus, doch im Grunde war der Abstieg in die Tiefe relativ gefahrlos. Jedoch
wussten wir nicht genau, wo es uns hinführen würde. Carlisle ging voraus und
folgte einigen hellblauen Wandmalereien, welche an Größe und Zahl zunahmen, je
tiefer wir uns in die Höhle wagten. Was mich vor allem verwunderte, war der
vollkommene Verlust jeglichen Zeitgefühls in dieser finsteren Welt. Jede Wand
sah gleich aus, viele der Wandmalereien wiederholten sich sogar. Ich fragte
mich insgeheim, ob Carlisle überhaupt wusste, wo es lang ging, oder ob wir uns
ständig im Kreis drehten. was allerdings nicht der Fall war, da wir nie nach
oben, sondern stets nach unten gingen.

Nach einer
unbestimmten und unbekannten Weile gelangten wir schließlich in etwas, das
Carlisle und mir wie eine Art Hauptkammer erschien. Wir legten unsere Sachen ab
und schauten voller Ehrfurcht auf das, was die Bewohner der Siedlung hier
geschaffen hatten. Alle Wände waren bemalt – und diesmal nicht in einem
eintönigem Hellblau. Gelbe Ähren wechselten sich ab mit roten Pferden und grünen
Vögeln. Auch schien es so, als hätten die Erschaffer dieser Bilder
herausgefunden, wie man Blau in verschiedenen Tönen darstellte. Neben dunklem
Blau, welches Wasser darstellte, sahen wir auch…‚mittleres Blau‘, welches als
Teil des Schmucks auf den mit schwarzer Farbe gemalten Menschen verwendet
wurde.

Mich erstaunte vor
allem die Detailgenauigkeit der Tiere, die auf den Wänden abgebildet worden
waren. Wir fanden Darstellungen von Pferden, Hühnern, Schweinen; dazu noch
Abbildungen von Tieren,  welche ich noch
nie gesehen hatte. Löwen und riesige Nashörner und in einer Szene jagten
Menschen etwas, das Aussah, wie ein riesiger Elefant mir Haaren. Jupiter sei
Dank, dass wir keines dieser Tiere im Wald begegnet waren!

ANMERKUNG: Hier endet die letzte Rolle von Publius
Septimus Tertio, welche wir aus den Ruinen des Containment Projects geborgen
haben. Das Nachfolgende sind die letzten Einträge aus dem zweiten Tagebuch von
Carlisle McAvin aus D.E. 1920. Rollen 31 bis 34, sowie das zweite Tagebuch
wurden beide in einer kleinen Nische tief in der von Publius und Carlisle
beschriebenen Höhle gefunden. Wie bei Rolle 28 habe ich mir die Freiheit
genommen, den Anfang des Eintrags zu entfernen, da er exakt Dasselbe beschreibt
wie Rolle 35.

 

 

EINTRAG 7

11. Mai 1960

[…]Diese Höhle ist
einfach unglaublich! Ich hatte im Geschichtsunterricht und in unserer
bescheidenen Bücherei schon einiges über die Höhlenmalereien der Steinzeit
gelesen – aber es selbst mit eigenen Augen zu sehen, das ist ein
unbeschreibliches Gefühl! Allerdings…weiß ich nicht, was ich fühle oder denken
soll, nachdem ich die Malereien gesehen habe, die ich nun im Detail beschreiben
werde.

Sie befanden sich in
einer kleinen Seitenkammer links des Eingangs, durch den wir gekommen waren. Da
ich Publius nicht im Dunklen stehen lassen wollte, bat ich ihn zu mir zu
kommen. Ich glaube, er war eben so verwirrt wie ich es war. Vor uns entfaltete
sich ein riesiges Fresko bestehend aus allerlei seltsamen und unerklärlichen
Szenen. Auf der linken Seite sahen wir einige schwarze Säulen mit weißen
Punkten darauf. Ich hielt sie zunächst für missratene Bäume; der Fehlversuch
eines Priesterlehrlings. Dann fielen mir jedoch die zahlreichen kleinen Vögel
auf, die zwischen den Säulen umherflogen und aus irgendeinem Grund erinnerte
mich das an Mrs. Darson und ihrem Geschwafel von Stahltürmen und fliegenden Autos.

Doch die Zeichnungen
wurden immer obskurer. Dazu zählte ein riesiges X mitten auf der Wand, durch
welches waagrechte Sprossen von oben nach unten verliefen, wie bei einer
Leiter. Eine Reihe von Netzartigen Kuppeln, alle von der gleichen Größe, auf
einer einsamen Insel im Wasser stehend.

Das letzte, das ich
beschreiben werde, enthält einige menschliche Darstellungen und es ist mit
Abstand das obskurste, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Es beginnt
mit einer Darstellung einer Person umringt von zahlreichen anderen. Sie tragen alle
Waffen und scheinen damit einige andere, größere Menschen zu attackieren. Eine
Person fällt dabei besonders auf, da sie einen blauen Streifen um den Hals
hatte – wahrscheinlich eine Kette oder eines dieser Damenkropfbänder für feine
Anlässe. Diese Person sieht man rechts daneben auf einem Stuhl sitzend. Ja,
Stuhl. Im Sinne von einem modernem, nicht steinzeitlichem oder antikem Stuhl. Sie
wirkte angespannt und rechts von ihr standen einige weiße Gestalten, welche
alle etwas Dünnes und Spitzes in den Händen hielten. Ob es Messer für eine
bevorstehende Opferung oder vielleicht sogar Stifte waren, kann ich nicht
sagen. Jedenfalls befand sich in der nächsten ‚Szene‘ nichts. Ich meine
wirklich nichts außer einem schwarzen, wohl mit Holzkohle gemalten Fleck. Erst
daneben befand sich die letzte Tafel, welche die Person mit der blauen Kette
zeigte. Sie war umringt von anderen Menschen und umgeben von Gebäuden, die sehr
stark denen aus der Siedlung ähnelten.

Was hat das alles
nur zu bedeuten? Ganz gleich, was es bedeutet, ich habe das Gefühl, dass es
nichts Gutes ist. Durchdrungen von diesem schlechten Gefühl erklärte ich
Publius, dass wir so schnell wie möglich wieder nach Muntun zurückkehren
sollten, ehe man uns hier in dieser offensichtlich heiligen Höhle fand und weiß
Gott was mit uns anstellte! Zum Glück hatte er denselben Gedanken gefasst wie
ich und wir gingen zurück in die Hautkammer. Allerdings wollten wir nicht
wieder den Weg zurück, durch den wir gekommen waren, Gutmöglich, dass man
draußen schon auf uns wartete. Wir entschieden uns daher, einen Weg direkt
gegenüber von uns zu nehmen, der, so hofften wir, uns zu einem anderen Ausgang
führte.

Ich ging erneut
voran, die Taschenlampe fest in der Hand. Dieser Weg war jedoch etwas
beschwerlicher, als der Weg zum eigentlichen Haupteingang. Mehrere Male mussten
wir uns Ducken oder sogar kriechen, ehe wir uns wieder aufrichten konnten. An
drei Stellen musste Publius mich sogar mittels Räuberleiter hochschieben, damit
wir überhaupt vorankamen. Aber zumindest hatten wir dadurch die Gewissheit,
dass wir nach oben und damit nach draußen gelangten.

Allerdings hatte uns
das Klettern reichlich Kraft gekostet, weswegen wir nun einen Momentlang rast
machen. Es ist jetzt, dass ich all dies aufschreibe und Publius das Gleiche
tut. Ich habe ihn bereits in Muntun gefragt, warum er kein Notizbuch haben
möchte, wie das hier. Er meinte, er wollte die Dinge…konsistent halten, da er
bereits alles Andere auf andere Schriftrollen geschrieben hatte. Wie dem auch
sei. Werden nun das bisschen Essen, welches ich mitgebracht habe, aufessen und
uns dann auf den Weg nach draußen machen. Vater wird sicher schon besorgt sein.
Werde mich melden, sobald wir den Ausgang erreicht haben.

*          *

So, hier sind wir
nun. Wir haben den Ausgang der Höhle erreicht. Woher ich das weiß? Vor uns
steht eine Tür. Ja, ihr habt richtig gelesen – eine TÜR! Eine große, circa 8
Fuß hohe, stählerne Tür steht nun zwischen uns und dem Ausgang. Über dieser
steht EXIT auf einer Tafel, welche scheinbar mit Elektrizität beleuchtet wird.
Zudem ist die Tür mit einem riesigen Schloss versehen. Ich verarsche euch nicht
– diese, vermutlich meterdicke, Stahltür ist durch ein handelsübliches Schloss
für Schlüssel gesichert. Aber, wenn man bedenkt, wo wir hier sind, ergibt das
irgendwo auch Sinn. Ganz gleich, was das hier alles ist – die Menschen hier
leben in der Jungsteinzeit! Woher sollen diese Leute wissen, was ein
Schlüsselloch oder ein Schloss ist?! Diese Menschen wären schon mit dem Konzept
eines Schweizer Taschenmessers überfordert!

Ich kramte in meinem
Beutel umher und fand schließlich den kleinen, aber in der Tat feinen,
Schraubenzieher, den ich vor unserem Aufbruch eingepackt hatte. Ich bin
Mechaniker, in Ordnung? Für mich gibt es nichts, dass sich nicht mit Werkzeugen
lösen lässt. Jedenfalls hatte ich zunächst den Impetus, den Schraubenzieher zu
nutzen, um damit das Schloss zu knacken.
Doch dann blickte ich auf das elektrische Signal oberhalb der Tür und
mir kam in den Sinn, dass diese Tür bestimmt gesichert war und irgendein Alarm
ertönen würde, würde ich versuchen, das Schloss zu knacken.

Daher nahm ich den
Schraubenzieher und schlug leicht auf die Steine der beiden Wände neben uns und
hoffte auf ein hohles Geräusch. Ach ja, das hatte ich noch gar nicht angesprochen
– die Höhle ist ECHT! Kein Pappmaché, keine versteckten Stahlträger oder sonst
irgendeinen derartigen Scheiß. Wenn dies, wie ich ebenfalls vermutete, eine Art
Freilichtmuseum war, hatten die Verantwortlichen auf jeden Fall ganze Arbeit
geleistet! Es dauerte auch gar nicht lange, als mein Schraubenzieher dann auf
etwas Hohles stieß. Ich ergriff den großen, hochkant gesetzten, flachen Stein,
gegen den ich mit aller Vorsicht gehämmert hatte,  und zog ihn zur Seite.

 

Dahinter verbarg
sich nichts außer einer Taschenlampe, einem komischen, schwarzen und flachen
Rechteck mit Knöpfen an den Seiten, sowie ein einziger, kleiner Schlüssel. An
diesem hing ein Zettel, verpackt in einer eigenartigen, durchsichtigen Schicht,
auf dem nur stand: CONTAINMENT PROJECT OUTER GATE. Was zum Teufel war das
Containment Project? Projekt Eindämmung. Aber Eindämmung von was? Ein ungutes
Gefühl beschlich meinen Körper. Was wäre, wenn alle – Publius, ich, seine und
meine Familie, dieser Ort und seine Bewohner – Teil eines riesigen
Bunkersystems waren und hinter dieser Tür eine apokalyptische Welt voller
Krieg, Tod, Krankheiten und Epidemien auf uns wartete?

Doch das konnte auch
nicht stimmen. Denn das Signal oberhalb der Tür wurde mit Strom betrieben – und
der musste von irgendwo her kommen. Ich sah auf den Schraubenzieher, dann in
Publius‘ Gesicht.

„Ich kann versuchen,
das Schloss zu knacken“, sagte ich in einem ersten Ton: „aber ich weiß nicht,
was passieren wird oder was hinter der Tür auf uns lauert.“

„Wir haben nur zwei
Möglichkeiten“, gab er mit stoischer Gelassenheit zurück: „Entweder wir brechen
durch diese Tür und stellen und Jupiter weiß was – oder wir bleiben hier  und warten, bis wir von diesen Leuten
geschnappt werden. Und da keiner von uns ihre Sprache spricht, wird das
bestimmt kein lustiges Unterfangen werden.“

„Das stimmt nicht
ganz“, gab ich erneut ernsthaft zurück: „Es gibt noch eine dritte Möglichkeit.“
Daraufhin holte ich die Pistole meines Vaters aus meinem Beutel hervor, die ich
für den absoluten Notfall mitgenommen hatte. Natürlich wollte Publius sie inspizieren,
doch ich hielt in prompt davon ab und erklärte ihm nur, dass dies eine Waffe
mächtiger als alle Speere, Lanzen und Schwerter in Mons Petrae war.

„Was ist also dein
Plan? Deine…Notlösung?“ fragte er.

„Wir warten bis zum
Anbruch der Nacht. Es gibt mit Sicherheit einen Weg von der Höhle zum Dorf. So,
wie es eine Straße von der Stadt zu Lord McDonalds Anwesen gibt. Sobald wir die
Felder um die Siedlung erreichen, schleichen wir uns zurück zum Grab und verschwinden
von hier!“

„Und wenn man uns
erwischt?“ fragte er aufgeregt. Ich grinste nur, hielt die Pistole zwischen uns
und meinte keck: „Dann werden die Leute hier ihre erste Bekanntschaft mit
Metall machen!“ Er lachte frech und meinte dann, ich sollte es mit dem Knacken
einfach versuchen, woraufhin ich zum Schloss und ans Werk ging. Tatsächlich
brauchte es eine Weile, bis ich ein Klicken hörte und die Tür aufbekam. Ich
zückte sofort meine Pistole und Publius sein Kurzschwert in Erwartung der
Apokalypse dahinter.

Doch es war nichts.
Keine Apokalypse. Keine Zerstörung, keine menschenleere Einöde. Keine Monster,
keine verlassenen Häuser. Vor uns nur eine…Park-ähnliche Anlage mit Wegen und
Laternen, mit Bäumen und proper gepflegtem Rasen. Ganz gleich, wo wir waren –
wir waren draußen. Wo auch immer ‚draußen‘ war. Natürlich wollten wir sofort
das besagte ‚Äußere Tor‘ auskundschaften, doch hatte Publius einen genialen
Einfall. Sollten wir tatsächlich sterben und man unser Geschriebenes finden, so
würde man wissen, was wir getrieben und gesehen hatten.

 

Und so schreibe ich
diese, vielleicht letzten, Zeilen, bevor wir dieses Tagebuch und die Rollen in
dem zuvor entdeckten Loch in der Wand verstecken. Falls diesem Eintrag nichts
mehr folgt, bedanke ich mich dafür, dass ihr zumindest dieses Buch gefunden habt.
Das andere befindet sich in meinem Zimmer oberhalb der Werkstatt und Publius‘
andere Rollen findet ihr in seinem Haus nahe der Metzgerei von  Quintilius Cattus. Laut Publius ist der
Eingang seines Hauses mit einer Statue der Justicia geschmückt.  Viel Spaß beim Lesen.

Freundliche Grüße

Carlisle McAvin

 

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