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Containment Project IV – Gedanken

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Hier die chronische Auflistung aller Pastas, die zu dieser Reihe gehören.

DN-AGE Erinnerungen (2270)

DN-AGE Erinnerungen I – Beauftragt
DN-AGE Erinnerungen II – Missbraucht
DN-AGE Erinnerungen III – Gebrochen
DN-AGE Erinnerungen IV – Gerettet
DN-AGE Erinnerungen V – Gefunden
DN-AGE Erinnerungen VI – Psychopaten Lachen Nicht

Containment Project 1 (2270)

Containment Project I – Dies sind die Worte von Publius Septimus Tertio
Containment Project II – The Greasemonkey Diaries
Containment Project III – EXIT
Containment Project IV – Gedanken

Containment Project 2 (2290)

CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 1: Nora
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 2: Alexis
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 3: Caelia
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 4: Bromios
CONTAINMENT PROJECT 2 Teil 5: Lavender

 

 

CONTAINMENT PROJECT AUSWERTUNG

DATENLOG 4

Name: Qar’Ek Da’qu

Verwaltungsbereich: Leiter Historische
Auswertungen der Containment Project-Anlagen auf SOL-00I

Datum: 15. Tag des vierten Monats, Jahr
372 nach Gründung der Republik

Berechtigung: ERTEILT

Guten Tag. Entschuldigung, dass ich zehn
Tage bis zum Eintrag des letzten Datenlogs gebraucht habe. Wir haben vor nicht
allzu langer Zeit eine wichtige Entdeckung gemacht und daher musste dieses
Projekt leider hinten anstehen.

Beginnen wir einfach damit, dass ich im
Laufe der Erforschung dieses Planeten schon auf einige Experimente gestoßen
bin, die die ehemaligen Bewohner an Ihresgleichen vollzogen haben. Einige waren
recht interessant, andere verwunderlich, andere einfach nur verachtenswert.
Dieses hier… gehört wohlmöglich  in alle
der eben genannten Kategorien.

Ich glaube, ich sollte zum Abschluss
noch etwas über die Fundstücke, die als Vorlage dieser Datenlogs dienen, sagen.
Es sind nun fast zweihundert Jahre vergangen, nachdem die Rollen und die Tagebücher
geschrieben wurde. Als wir die C.P.-Anlagen fanden, untersuchten und
erforschten, befanden sich die Rollen und die Tagebücher in einem recht
desolaten Zustand. Teilweise von Organismen zerfressen, auf manchen Seiten war
die Tinte vollkommen verblasst. Wir bemühten uns, die Informationen so gut es
ging zu erhalten und auf zuschreiben, doch da uns wesentliche Teile fehlten,
war es uns nicht möglich gewesen, die gesamte Geschichte der beiden Personen P.
S. Tertio und Carlisle McAvin zu rekonstruieren – bis wir die zentrale Kuppel
untersuchten.

Es stellte sich heraus, dass es sich
hierbei um das eigentliche Kontrollzentrum handelte. Hier schienen alle Fäden
und Informationen zusammengelaufen zu sein. Ob D. CNTRL nun für DOME CENTRAL
oder DOME CONTROL steht, können wir nicht mehr sagen. Was wir allerdings sagen
können, ist, dass dies hier eine hoch technisierte Anlage war, wohl entweder
von einem reichen, privaten Investor oder der hiesigen Regierung selbst
gefördert worden.

Aber, zurück zum eigentlichen Datenlog –
dem letzen Teil des Puzzles. Neben transkribierten Aufzeichnungen der Rollen
und Tagebücher fanden wir außerdem noch eine letzte, vom Kontext her vollkommen
Unsinnige Tonaufnahme, bedenkt man deren Inhalt und was in dem letzten Eintrag
von Carlisle McAvin steht. Doch als wir die Kuppel und die Funktion, sowie das
Funktionieren des Containment Projects näher untersuchten, verstanden wir, wie
diese Aufnahme in das Gesamtbild passt. Hier also der letzte Eintrag, das
letzte Stück des Puzzles.

________________

GEDANKENAUFNAHME #1684

SUBJEKT: CARLISLE MCAVIN

DATUM: 28. 03. 2270

AUFNAHMELEITER: Clarence O‘ Callaghan

TRANSKRIPT DURCHGEFÜHRT DURCH: Clarence
O‘ Callaghan

– Das nun Folgende basiert auf den aufgezeichneten
Erinnerungen des Subjekts namens Carlisle McAvin aus DOME EDWARDIAN 1920. Es
wurden einige Tagebucheinträge dieses Subjekts in D. E. 1920 und D. S. -8000
gefunden, welche als Vorlage für die folgende Transkription dienen. Es ist zu
bemerken, dass wir beide Tagebücher an ihrem ursprünglichen Ort belassen haben.

–          –          –

Wir traten in den…Park vor uns und
steckten unsere Waffen weg, als klar wurde, dass uns keine Gefahr drohte. „Wo
sind wir?“ fragte Publius verwirrt, doch als wir uns umdrehten, sahen wir, wo
wir waren. Wir waren draußen. Ich meine nicht draußen in einer anderen Welt –
sondern wirklich DRAUSSEN.

Und nun begann ich auch zu begreifen,
was vor sich ging, als wir vor uns den Boden einer gigantischen Kuppel sahen.
Wir schienen Versuchskaninchen zu sein; eingeschlossen in Kuppeln, abgeschottet
von der realen Welt, verbunden durch dieses Tunnelsystem. Leider konnte ich mir
diesbezüglich keine Gedanken machen, da mich irgendetwas biss. Ich spürte einen
kurzen, elektrischen Schlag, ehe ich zu Boden fiel. Kurz bevor sich meine Augen
schlossen, sah ich einige seltsame, roboterähnliche Gestalten auf mich
zukommen.

*          *

Ich wachte langsam wieder auf, nur einen
älteren Herrn und zwei Wissenschaftler zu sehen, wie sie interessiert vor ihren Computern saßen.
Über ihnen befand sich eine große LED-Leuchte mit verschiedenen, mir
unbekannten Bezeichnungen. Jetzt merkte ich erst, dass ich an etwas gefesselt
und mein Kopf an irgendein Gerät angeschlossen war. So auch Publius, welcher
sich (von mir aus gesehen) rechts von
mir befand. Ich versuchte ihn aufzuwecken, erregte dadurch jedoch nur die
Aufmerksamkeit der drei Personen vor uns. Sie stiegen von ihren Stühlen auf und
kamen auf uns zu.

„Ah, unsere Ausreißer sind wach! Sehr
gut!“

„Wer sind Sie?“ sprach ich müde und
benommen: „Wo sind wir hier?!“

„Mein Name ist Doktor O‘ Callaghan und
wir befinden uns in der Kontrollkuppel des Containment Projects.“

„W-welches Jahr haben wir?“ fragte ich.

„Heute ist der 28. März 2270.“

Nun wachte auch Publius auf, doch sofort
als er merkte, was los war, starrte er den Doktor mit großen Augen an.

„D-Drogo?! Was…was machst du hier?!“

„Ja. Ja, ich bin es!“ rief der Doktor
fast schon erfreut ob der Entdeckung seiner Tarnung aus: „Ich bin der Leiter
dieses ganzen Projekts und speziell für Mons Petrae zuständig.“

„Zuständig?“ fragte er verwirrt und noch
etwas benebelt: „Was meinst du mit…zuständig?“

„Das heißt, ich passe auf, dass nichts
Unnatürliches nach Mons Petrae gelangt und dass alles beim Alten bleibt. Zum
Beispiel, wenn ein junger Mann unwissentlich mit einem Kugelschreiber
hantiert.“

„Kugel…was?“

„Das, was du gefunden hast“, gab der
Doktor in einem tadelndem Ton von sich: „Das hat in deiner Kuppel nichts
verloren. In keiner Kuppel, ehrlich gesagt.“

„Und wie nennt sich das alles hier?“
fragte ich mit einem gewissen Trotz.

„Wie bereits erwähnt, ist das hier das
Containment Project“, erklärte O‘ Callaghan stolz: „Vier Kuppeln mit jeweils
vier Zeitaltern: Jungsteinzeit, Antike, Mittelalter und Moderne. Alles ein
Versuch, eine Kultur und ein Zeitalter auf unbestimmte Zeit zu isolieren und
einzudämmen.“

Da hatte ich es. Wie ich vermutet hatte,
waren wir doch alle Versuchskaninchen. Ich fragte den Doktor, wie lange das
schon ginge. Er sagte nichts, sondern deutete nur auf eine große Leuchte hinter
ihm, auf der stand:

CONTAINMENT PROJECT

DAY 06 MONTH 06 YEAR 40

„Vierzig Jahre also“, stellte ich offen
fest: „Dann ist es also nicht 1960, oder?“

„Laut Zeitrechnung im DOME EDWARDIAN
1920 schon.“

„Aber wir sind trotzdem auf dem Stand
von…was? 1920?“

„Wie gesagt: containment – Eindämmung.
Bei euch ist es 1960, obwohl Film etwas gänzlich Neues ist. Bei Publius
existiert die Republik noch, obwohl man das Jahr 9 n. Chr. schreibt. Und in
DOME MEDIEVAL 1340, also nun 1380, gab es nie eine Pest, kein aufkeimender
Humanismus.“

„Aber, das ergibt keinen Sinn“, gab ich
von mir.

„Sie wollen sagen?“

„Meine…unsere Eltern. Unsere Großeltern
– Mrs. Darson! Die sind doch alle jenseits der Vierzig, oder zumindest hart
dran“, versuchte ich zu verstehen.

„Ah, ja, Mrs. Darson! Auch bekannt als
Emily Darson, Tochter von Paul und Harriett Darson, geboren am 26. Januar 2247.
Verurteilt wegen mehrfachem Vandalismus, Brandstiftung, Körperverletzung,
Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte…die Liste setzt sich fort.“

Ich rechnete kurz. Dreiundzwanzig – das
konnte nicht stimmen! Mrs. Darson schien in ihren frühen Achtzigern, wenn
überhaupt späten Siebzigern zu sein!

„Was geht hier vor?“ fragte ich Doktor
O‘ Callaghan, nachdem ich ihm diese Ungereimtheit übermittelte.

„DN-AGE, eine Jugendarbeitslosigkeit von
neunzig Prozent, Straßenbanden voller Kinder – das ist hier los. Vor etwa
siebzig Jahren machten Wissenschaftler an der Universität von Oxford den
ultimativen Durchbruch in der Genetik. Sie schafften es, die Telomerstruktur,
also die Genstruktur, die uns altern lässt, zu manipulieren. Daraufhin gründete
sich DN-AGE, eine Firma, welche sich eine Reihe Sera basierend auf diesen
Erkenntnissen patentierte. Man konnte das physische Alter nun so manipulieren,
wie man wollte.“

Ich schaute den Doktor verwirrt an, ehe
ich fragte: „Sie sagen also, Mrs. Darson ist in Wirklichkeit eine
Dreiundzwanzigjährige, gefangen im Körper einer Frau, die körperlich viermal so
alt ist?“

„So wie jeder in den Kuppeln, der
zwanzig und älter ist. Eure Eltern, eure Großeltern – alle Erwachsenen sind
Jugendliche Straftäter aus einer Welt, die vollkommen auf Roborterkraft gebaut
ist.“

Was ich hörte, war einfach unglaublich!
Wie konnte die Regierung ein solches Projekt überhaupt erlauben?! Woher kamen
die Gelder für diese, wie es schien, sündhaft teure Anlage?! Eine wilde Flut
von Gefühlen ging durch meinen Körper, doch dann erinnerte ich mich an etwas,
das Mrs. Darson zu Publius gesagt hatte und fragte den Doktor: „Mrs. Darson
hatte gemeint, wir seinen genau so wie sie – nur umgekehrt. Alte Männer, die
man jung gemacht hätte. Ist das wahr?“ Daraufhin fingen Doktor O‘ Callaghan und
seine beiden Kollegen laut an zu lachen. Ich dachte mir schon, dass Mrs. Darson
diesbezüglich falsch gelegen hatte, wurde jedoch darin bestätigt, als der
Doktor meinte: „Wie gesagt: die Telomerveränderung betrifft mehr oder weniger
alle über Zwanzig. Ihr seid das, was wir CNs nennen – Containment Natives. Ihr
seid die erste Generation, die wirklich in den Kuppeln geboren und aufgewachsen
ist. Die keine andere Welt kennt und die keine…Anomalien aufweist.“

„Anomalien?“ fragte ich spitzfindig:
„Sie meinen, Rückerinnerungen? Wie die Geschichten von Mrs. Darson?

„Und die Malereien, die ihr gesehen
habt“, fügte der Doktor zu meinem Erstaunen hinzu. Woher wusste er das?! Ich
hatte davon in meinem Tagebuch berichtet, doch konnte er es unmöglich gelesen
haben? Oder doch? Nachdem man uns ausgeknockt hatte? Wie dem auch sei, ich
fragte ihn danach und er verwies auf einen großen Bildschirm hinter uns, den
wir jedoch nicht sehen konnten.

„Das Gerät, in dem ihr euch befindet,
nennt sich Gedankenvertoner – wir nennen es Polly. Ihr wisst schon, wie der
stereotypische Piratenpapagei.“

„Und was ist das? Was kann das Ding?
Alles nachplappern, was wir denken und sagen?“ fragte ich spöttisch, doch O‘
Callaghan nickte zustimmend: „Genau das ist die Idee. Die Gedanken eines jeden
Ausreißers in Wort und Bild zu erfassen – und zu verändern.“

„Verändern? Wie in einem verdammten
Jules Verne Roman?“

„Genau. Leider ist es so, dass die
Telomerstruktur keinen Einfluss auf die menschliche Psyche hat. Das wissen wir
von Menschen, die auf natürlichem Wege um Jahre jünger aussehen, als sie tatsächlich
sind. Äußerlich sehen Sie aus wie dreizehn – gedanklich und laut Geburtsurkunde
sind sie jedoch Mitte Vierzig.“

„Und was hat das mit Gedankenveränderung
zu tun?“

„Nun“, erklärte der Doktor: „meine
Wenigkeit und einige meiner Kollegen fanden einen Weg heraus, wie man die
Gedanken und Erinnerungen eines Menschen wie Daten auf einer Festplatte
abrufen, speichern, verändern und sogar löschen kann. Und genau das taten wir.
Wir nahmen uns tausende von straffällig gewordenen Jugendlichen und
Erwachsenen, ließen sie altern oder verjüngen, pflanzten ihnen
epochenspezifische Erinnerungen und Know-How ein und siedelten sie in den
entsprechenden Kuppeln an.“

„Aber Ihnen ist dabei wohl ein Fehler
unterlaufen“, sprach Publius auf einmal mit einem frechen Grinsen auf dem
Gesicht: „Scheinbar haben Sie entweder ihre Arbeit nicht gründlich gemacht,
oder der Effekt ihres Gedanken-was-auch-immers lässt nach vierzig Jahren allmählich
nach.“

„Ja, leider. Leider ist das
Unterbewusstsein des Menschen selbst in unserer Zeit noch ein großes Rätsel.
Wie gelöschte Dateien, die zwar auf dem Rechner noch vorhanden, jedoch nur von
Spezialisten wieder zu finden sind.“

Dies erklärte alles. Mrs. Darsons wirre
Worte – die komischen Zeichnungen in der Höhle. Es waren Rückerinnerungen. Rückerinnerungen
an Bandenkriege in irgendwelchen Städten voller Wolkenkratzer und fliegender
Autos. Ein bandenkrieg, den die Person mit der blauen Halskette verloren hatte
und daraufhin, wie wir in diesem Augenblick, auf einem Stuhl festgeschnallt worden
war. Ich wusste also, was gleich folgen würde: Schwärze. Rußgefärbte Schwärze.
Ich fragte den Doktor ängstlich, was er nun mit uns machte. Er erklärte uns, er
würde uns gleich ein Narkosemittel verabreichen und dann unsere Erinnerung
wieder neu zusammensetzen. Wir würden uns natürlich noch daran erinnern, wer
wir waren, auch an die Welt und die Leute um uns herum. Die Erinnerungen an die
Gänge, an unser Geschriebenes und an all das hier – das würde jedoch gelöscht
werden.

„Und was ist mit unseren Eltern? Meinem
Vater? Publius Familie?“

„Keine Sorge. Mit ihnen machen wir das
Gleiche. Ihr werdet alle aufwachen und euch an diesen spezifischen Tag nicht
mehr erinnern. Und falls doch, werdet ihr es als einen wirren Traum abtun.“

„Aber warum nicht, nachdem ihr uns ausgeknockt
habt?“ fragte ich: „Warum diese lange Unterredung?“

„Ihr seid meine…unsere Schützlinge. Darf
ich denn nicht wissen, wie ihr so tickt? Auf eure Reaktion etwa nicht gespannt
sein?“

„D-doch. Ich denke schon. Scheint mir
nur etwas…unnötig zu sein.“

Plötzlich öffnete sich gegenüber von uns
eine Tür und eine recht attraktiv wirkende Kollegin des Doktors kam mit einem
Tablett herein. Darauf waren zwei Spritzen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit
– das Narkosemittel. Ich hatte schreckliche Angst bei dem Gedanken mir vorzustellen,
dass ich gleich alles vergessen würde. Immerhin würde ich für den Zeitraum der
Narkose gedanklich so gut wie nicht mehr existieren! Mein Körper, ja – aber
meine Gedanken würden sich außerhalb dessen befinden. Was für eine wirre Vorstellung!

Mein Puls raste als die junge Frau näher
kam und vor uns stoppte. Ich sah zu Publius, doch sein Gesicht war vollkommen
ausdruckslos. Es schien fast so, als würde er gar nicht registrieren, was hier
passierte. „Sag doch etwas!“ rief ich: „Wie kann dir das alles egal sein?!
Alles zu vergessen?“

„Die lange Zeit die folgt, in der ich
nicht existiere, ist für mich von größerer Bedeutung als jene, kurze Gegenwart,
welche nichtsdestotrotz endlos erscheint.“

„Was?“ fragte ich verwirrt.

„Von Cicero“, grinste er und schielte
mit keckem Grinsen in meine Richtung: „Mit stoischem Denken hast du’s nicht
wirklich, oder?“

„Nochmal, was?“

„Mach dir keine Gedanken, mein Freund“,
sprach Publius mit einer Gelassenheit, die mir ehrlich gesagt einen Schauer
über den Rücken laufen ließ: „Diese, unsere, Reise endet hier. Auf uns warten
neue Aufgaben in einer anderen…wenn auch gleichen Welt.“ Daraufhin sah er die
hübsche Assistentin an und gab ihr ein verständliches Nicken, woraufhin sie zu
ihm trat und ihm das Narkosemittel in den Oberarm spritzte. Ich sah mit
eigenartiger Verwunderung zu, wie das Grinsen auf seinem Gesicht sich langsam
zurückzog, als er einschlief.

Die Assistentin fokussierte daraufhin
ihre Aufmerksamkeit auf mich, nahm die Spritze und wollte mich ebenfalls
einschlafen lassen, als ich rief: „Warte! Eine Sache noch!“ Erschrocken wich
die Assistentin zurück. „Was? Was ist jetzt los?“ fragte O‘ Callaghan etwas
genervt. „Wenn ihr schon meine Gedanken und die meines Vaters zurücksetzt –
dann hab ich eine Bitte.“

„Und die wäre?“ fragte der Doktor, immer
noch genervt, dass ich, aus seiner Sicht, seine wertvolle Zeit vergeudete.

„Könnt ihr ihn meine Mutter vergessen
lassen? Ich möchte, dass er endlich wieder Glücklich wird. Ich habe nämlich
beobachtet, wie er des Öfteren sehr eindeutig mit Miss Trudy aus dem Buchladen
gesprochen hatte. Aber ich denke, seine Erinnerung an meine Mutter hindert ihn
daran, den entscheidenden Schritt zu tun.“

Die Assistentin, wie auch die Kollegen
schauten mich erstaunt an, dann in Richtung des Doktors, eine Reaktion von ihm
erwartend. Nach einer Zeit, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, sprach er
zögerlich: „Eigentlich dürfen wir uns nicht in die Angelegenheiten der
Kuppelbewohner einmischen. Jedenfalls nicht, wenn es kein absoluter Notfall
ist.“

„Aber?“ fragte ich mit einem kleinen
Hoffnungsschimmer.

„Aber“, gab der Doktor von sich: „ich
werde mit dem Vorstand reden. Vielleicht können wir in diesem Fall eine
Ausnahme machen.“

Ich lächelte ein wenig als ich das
hörte. Dann tat ich es meinem, nun fest schlafenden Freund gleich, nickte, und
ließ die auf der Höhlenwand dargestellte Schwärze über mich kommen.

–          –          –

– Hier endet die Erinnerung des Subjekts
Carlisle McAvin. Eine wirklich fantastische Erinnerung. Nachdem wir ihm die
erforderliche Dosis verabreicht hatten, formten wir seine Erinnerungen nach
gewohnter Manier um, sodass er sich nicht mehr an all dies erinnerte. Was seine
Bitte anging – nun, wie ich gesagt hatte, dürfen wir uns eigentlich nicht direkt
in das Leben der Bewohner einmischen.

Aber in diesem Fall wurde uns erlaubt,
eine Ausnahme zu machen. Der Grund? Dieses Mal war die „Bettlegung“, wie wir es
nennen, etwas Besonderes. In den meisten Fällen, wenn wir eine derartige Prozedur
durchführen müssen, wehren sich die Subjekte häufig energisch. Sie zeigen keine
Einsicht obgleich der Tatsache, dass wir ihnen in keiner physischen Weise
wehtun oder sonst irgendwie behandeln, das nicht dem Protokoll entspricht. Sie
schreien, spucken, pöbeln uns an. Anfangs machte ich mir diesbezüglich noch
zahlreiche Gedanken. Heutzutage behandle ich sie einfach wie Trollkommentare im
Internet. Lesen, vergessen, weitermachen.

In diesem Fall war es jedoch anders. Auf
eine merkwürdige und verdrehte  Art und Weise
bin ich stolz, dass das Projekt zwei so gewitzte, schlaue und vernünftige junge
Männer hervorgebracht hatte. Ehrlich gesagt hatte ich in der Zeit zwischen der Ergreifung
außerhalb von D. S. -8000 und ihrem Erwachen sogar mit dem Gedanken gespielt,
sie wieder in die Kuppel zu schließen, nur um dank ihrer Erinnerungen zu sehen,
was weiterhin geschehen würde. Doch Protokoll war nun mal Protokoll.

Aber da er sich nicht aufgeführt hatte,
wie ein wahnsinniger Irrer, hatte ich mich nach der Bettlegung mit dem Vorstand
beraten. Ich erklärte ihnen die Situation und führte Aufnahmen der Unterredung
vor, um ihnen zu zeigen, was ich meinte. Zunächst waren sie skeptisch, doch
dann gaben sie ihre Zustimmung. Immerhin würde es nicht das gesamte Experiment
beeinträchtigen, wenn ein alleinerziehender Witwer wieder eine neue Liebe
fände.

Hier endet mein Bericht des Vorfalls,
der sich am 28. März 2270 zugetragen hatte. Für weitere Informationen, wenden
Sie sich bitte an Doktor Leonard Oaken, Doktor Gavin Lester und Doktor
Mary-Anne Blanagh, welche zusammen mit mir das Projekt an diesem Tag geleitet
haben. –

 

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