LangeMicroPsychologischer Horror

Das Mädchen im Hintergrund

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Das Wasser in meinen Träumen war nie kalt.

 

Es war ein sanftes, grünes Schweigen. Eine Umarmung ohne Arme, die mich hinabzog, Schicht um Schicht, bis das Licht über mir nur noch ein flackerndes Oval war, so fern wie eine Erinnerung an etwas, das ich nie erlebt hatte. Ich wachte immer auf, bevor meine Lungen gefüllt waren. Aber das Gewicht in der Brust blieb – nicht von Wasser, sondern von etwas anderem. Sehnsucht vielleicht. Oder eine Schuld, die ich nicht benennen konnte.

 

Der Anruf kam an einem grauen, windstillen Dienstag. Die Nachbarin meiner Mutter hatte mich endlich erreicht, nachdem sie es stundenlang versucht hatte. Ihre Stimme war dünn und brüchig, wie Pergamentpapier, das man zu falten versucht. Herzversagen, sagte sie. Einfach zusammengesackt, am Küchentisch. Den Hörer noch in der Hand. Sie hatte versucht, jemanden anzurufen. Mich vielleicht.

 

Ich hatte den Anruf nicht bekommen. Seit drei Jahren, um genau zu sein, hatte ich keinen einzigen Anruf meiner Mutter mehr entgegengenommen. Jetzt war es zu spät. Das war das Erste, was ich fühlte: nicht Trauer, sondern eine bleierne, lähmende Endgültigkeit, wie eine Tür, die ins Schloss fällt und deren Schlüssel man nie besessen hat.

 

 

Drei Tage später stand ich vor ihrem Haus.

 

Es war ein kleines, geducktes Gebäude am Ende einer Straße, die sich durch eine Siedlung wand, in der die Hecken ordentlich gestutzt und die Fensterläden geschlossen waren. Das Haus sah aus wie immer. Unverändert. Als hätte es die Zeit nicht beachtet. Der Efeu an der Nordwand war ein wenig weiter gekrochen, aber sonst nichts. Ich hatte erwartet, dass der Tod eines Menschen ein Gebäude verändert, dass die Fenster blind und die Tür schief hängt. Aber es stand einfach nur da, still und ungerührt, und wartete darauf, dass ich aufschloss.

 

Der Geruch im Flur traf mich wie ein Schlag. Lavendel und Staub, das süßliche Parfum meiner Mutter, das sich mit dem Mief jahrelanger Einsamkeit vermischt hatte. Darunter, kaum wahrnehmbar, etwas Muffiges, das an nasses Laub erinnerte. Ich blieb einen Moment stehen und atmete tief ein, ließ den Geruch in mich hinein, versuchte, eine Trauer zu finden, die sich richtig anfühlte. Aber da war nichts. Nur Leere und dieser hartnäckige Traum von neulich, der wie ein Splitter unter meiner Haut saß.

 

Die Küchenuhr tickte noch. Auf dem Tisch lag eine Zeitung vom vergangenen Donnerstag, aufgeschlagen beim Kreuzworträtsel. Jemand hatte es halb ausgefüllt und dann den Stift fallen lassen. Die Kaffeetasse daneben war leer bis auf einen eingetrockneten braunen Rand, der sich wie ein Jahresring um den Boden zog. Als wäre die Person mitten im Wort aufgestanden und nie zurückgekehrt.

 

Ich ging durch die Räume wie eine Fremde.

 

Dabei war ich hier aufgewachsen. So stand es jedenfalls in meinen Unterlagen. Aber meine Kindheit war ein diffuser, schlecht ausgeleuchteter Film, in dem ich nur noch einzelne Szenen erkennen konnte: den Geruch von nassem Gras nach einem Sommerregen, eine Schaukel aus Holz, die im Wind quietschte, die Stimme meiner Mutter, die meinen Namen rief – aber immer aus der Ferne, als stünde sie in einem anderen Zimmer. Sobald ich versuchte, diese Bilder festzuhalten, lösten sie sich auf, wie Wassertropfen, die man mit den Fingern fangen will.

 

Ich hatte das nie hinterfragt. Manche Menschen haben eben keine lebhafte Erinnerung an ihre ersten Jahre. Das hatte ich mir eingeredet. Was blieb mir auch anderes übrig? Und meine Mutter war nie eine Frau gewesen, die gerne über die Vergangenheit sprach. Wenn ich als Teenager nach meiner Kindheit fragte, lächelte sie nur und sagte: Du warst ein glückliches Kind. Mehr musst du nicht wissen. Irgendwann hatte ich aufgehört zu fragen.

 

 

Das Tagebuch fand ich in einer versteckten Schublade in ihrem Schlafzimmer.

 

Es lag unter einem Stapel vergilbter Unterwäsche, die noch nach ihr roch – dieses schwere, blumige Parfum, das sie so geliebt hatte und das mir jetzt fast den Atem nahm. Ein schmales Buch mit einem abgegriffenen Ledereinband, die Seiten wellig vor Feuchtigkeit, als wäre es einmal nass geworden und dann wieder getrocknet. Ich hielt es einen Moment lang nur in den Händen, strich mit dem Daumen über das abgewetzte Leder, bevor ich es aufschlug.

 

Die erste Seite war leer. Die zweite auch. Erst auf der dritten begann die Handschrift meiner Mutter, diese akkurate, etwas steife Schrift, die ich von Geburtstagskarten kannte. Aber hier war sie anders. Zittriger. Als hätte sie die Feder kaum halten können.

 

Der Eintrag war datiert auf den 17. Juli, vor fast zwanzig Jahren. Ich war damals sechs gewesen.

 

Der Arzt sagt, ich soll aufschreiben, was passiert ist. Er sagt, es hilft. Aber wie soll es helfen, die Worte hinzuschreiben, wenn ich sie nicht einmal denken kann, ohne dass die Welt in Scherben fällt? Zwei Mädchen waren es. Zwei. Und jetzt ist nur noch eine da. Ich weiß nicht, wie ich das ertragen soll. Ich weiß nicht, wie SIE das ertragen soll, wenn sie es jemals erfährt.

 

 

Meine Finger wurden taub. Zwei Mädchen. Ich las den Satz noch einmal, dann noch einmal, aber die Worte veränderten sich nicht. Zwei Mädchen. Ich hatte keine Schwester. Ich war ein Einzelkind gewesen, mein ganzes Leben lang. Keine Fotos von Geschwistern, keine Erwähnungen, keine Andeutungen am Esstisch. Nichts.

 

Ich blätterte weiter. Manche Seiten waren herausgerissen, andere so mit Tinte vollgekritzelt, dass man nichts mehr entziffern konnte. Dazwischen immer wieder Fetzen, die wie Hilfeschreie wirkten:

 

Sie fragt nicht nach ihr. Sollte sie nicht fragen? Sollte sie sich nicht erinnern? Der Arzt sagt, Kinder vergessen manchmal Dinge, die zu schwer sind. Aber wie kann man seine eigene Schwester vergessen?

 

Und einige Seiten später, in einer Schrift, die so klein und zusammengedrängt war, als hätte die Schreiberin Angst, jemand könnte mitlesen:

 

Es war meine Schuld. Ich hätte den Brunnen abdecken müssen. Ich wusste, dass er gefährlich war. Alle wussten es. Aber ich dachte, sie sind alt genug. Ich dachte, sie wissen, dass sie dort nicht spielen dürfen. Zwei Minuten habe ich sie aus den Augen gelassen. Zwei Minuten. Und dann der Schrei. Und dann die Stille, die schlimmer war als der Schrei.

 

 

Der Brunnen. Das Wort hallte in meinem Kopf wider wie ein Stein, der in tiefes Wasser fällt. Ich kannte keinen Brunnen. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals an einem Brunnen gewesen zu sein. Aber kaum hatte ich das Wort gelesen, stieg ein Bild in mir auf: moosbedeckte Ziegel, ein eiserner Deckel, der schief in den Angeln hing, das schwarze Wasser darunter, das von einem Licht erleuchtet zu sein schien, das von nirgendwo kam. Ein Geruch nach nassem Stein und verrottendem Laub. Kälte, die nicht von der Temperatur kam.

 

Ich schüttelte den Kopf. Das bildete ich mir ein. Eine Suggestion, ausgelöst durch das Gelesene. Das Gehirn war gut darin, falsche Erinnerungen zu konstruieren. Das wusste ich aus einem Artikel, den ich irgendwann einmal gelesen hatte.

 

Trotzdem nahm ich das Tagebuch an mich, zusammen mit einer alten Holzkiste, die ich auf dem Dachboden fand und die ich vor Ort nicht öffnen konnte, weil das Schloss verrostet war. Ich lud alles in den Kofferraum meines Wagens und fuhr nach Hause, mit einem flauen Gefühl im Magen, das den restlichen Tag nicht mehr verschwand.

 

 

Zu Hause brach ich das Schloss mit einer Zange auf.

 

Die Kiste enthielt Papiere. Gelbe, brüchige Umschläge, die nach Keller rochen. Ganz unten, in ein altes Tuch gewickelt, eine Geburtsurkunde. Nein – zwei. Zwei Geburtsurkunden, mit einer Büroklammer zusammengeheftet. Die obere war meine: Mara Köhler, geboren am 17. Juli, 6:43 Uhr, Gewicht 3100 Gramm, gesund. Die untere trug denselben Nachnamen, dasselbe Datum, 6:58 Uhr. Der Name war mit schwarzer Tinte unleserlich gemacht worden, aber über dem Geschlecht stand deutlich: weiblich. Und darunter, in roter Stempelschrift: postnatal verstorben.

 

Mir wurde schlecht.

 

 

Ich hatte eine Schwester gehabt. Eine Zwillingsschwester. Sie war fünfzehn Minuten nach mir geboren und irgendwann danach gestorben, und niemand – niemand – hatte mir jemals davon erzählt. Meine Mutter nicht. Mein Vater, der die Familie verlassen hatte, als ich noch ein Baby war, natürlich auch nicht. Keine Verwandten, die ich hätte fragen können. Nur dieses Stück Papier, das eine Wahrheit bezeugte, die mein ganzes bisheriges Leben zu einer Lüge machte.

 

Und dann fand ich den Fotoapparat.

 

Er lag in einer Ecke der Kiste, unter den Papieren: eine alte analoge Kamera mit einem abgewetzten Lederriemen und einem kleinen Hebel zum Weiterspulen des Films. Ich erkannte sie sofort. Meine Mutter hatte sie jahrelang benutzt, bevor sie irgendwann auf Digital umgestiegen war. Ich hob sie hoch, drehte sie in den Händen, spürte das vertraute Gewicht. Aus einem Impuls heraus, den ich nicht erklären konnte, öffnete ich die Rückseite.

 

Ein Film war eingelegt. Ein alter, unentwickelter Film.

 

Ich weiß nicht, warum ich ihn nicht einfach wegwarf. Vielleicht war es die Neugier, die morbide Faszination, die man empfindet, wenn man kurz davorsteht, ein Geheimnis zu lüften, das besser verborgen geblieben wäre. Ich brachte den Film noch am selben Abend zu einem Fotoladen, der auf alte Filme spezialisiert war. Der Mann hinter dem Tresen sah mich seltsam an, als ich ihm sagte, dass ich nicht wisse, was darauf sei. Zwanzig Jahre alter Film, sagte er. Das wird eine Überraschung.

 

Das war es. Aber keine, die ich mir gewünscht hätte.

 

 

Die Abzüge waren drei Tage später fertig. Ich holte sie auf dem Heimweg von der Arbeit ab und warf den Umschlag auf den Beifahrersitz, ohne ihn zu öffnen. Zu Hause machte ich mir eine Tasse Tee, setzte mich an den Küchentisch und breitete die Fotos vor mir aus.

 

Die ersten Bilder waren bedeutungslos. Eine Landschaft. Ein Sonnenuntergang. Unser alter Garten im Sommer, die Rosenbüsche in voller Blüte. Dann ich. Ich auf der Schaukel, die Haare zu zwei ungleichen Zöpfen gebunden, ein Kleid mit roten Knöpfen, das ich nicht wiedererkannte, aber das sofort ein diffuses Gefühl von kratzendem Stoff auf meiner Haut auslöste. Ich lachte. Meine Arme waren ausgestreckt, als wollte ich fliegen.

 

Das nächste Foto zeigte dieselbe Szene, nur aus einem anderen Winkel. Dann noch eins. Meine Mutter hatte offenbar eine ganze Serie geschossen. Ich, wie ich höher und höher schaukelte, die Füße in den Sandalen, die in der Luft baumelten.

 

Und dann das letzte Bild.

 

Ich erstarrte.

 

Es zeigte mich auf der Schaukel, aber die Schaukel war leer. Nein – nicht leer. Meine Gestalt war da, aber sie war seltsam verschwommen, als hätte ich mich im Moment der Aufnahme bewegt. Ich saß nicht mehr auf dem Holzbrett. Ich stand daneben, halb abgewandt von der Kamera, den Kopf in Richtung der Bäume gedreht, die den Garten säumten.

 

Und zwischen den Bäumen stand ein Mädchen.

 

Sie trug dasselbe Kleid wie ich. Dieselben roten Knöpfe, denselben weißen Kragen. Ihre Haare waren zu zwei perfekten Zöpfen gebunden, nicht zerfranst und ungleich wie meine. Ihr Gesicht war teilweise von einem tiefhängenden Ast verdeckt, aber was ich sehen konnte, ließ mein Blut gefrieren. Sie hatte meine Gesichtszüge. Meine Nasenwurzel. Mein Kinn, das sich ein wenig zu spitz nach vorn streckte. Aber ihr Mund war ein schmaler Strich, und ihre Augen – ihre Augen starrten direkt in die Kamera. Direkt in mich hinein.

 

 

Ich legte das Foto weg. Meine Hände zitterten. Das war nicht möglich. Das Mädchen sah aus wie ich. Es trug mein Kleid, meine Schuhe, mein Gesicht. Aber ich war auf der Schaukel gewesen. Ich war das Mädchen auf der Schaukel. Oder nicht?

 

Ich durchsuchte die anderen Fotos. Auf den ersten Bildern war keine Spur von einem zweiten Mädchen zu sehen. Nur der Baum, die Schaukel, ich. Aber auf den späteren Aufnahmen, je näher ich dem letzten Bild kam, desto deutlicher wurde eine Gestalt im Hintergrund, ein heller Fleck, der sich langsam zu einer menschlichen Form verdichtete. Als hätte jemand – oder etwas – sich von Bild zu Bild näher herangewagt.

 

Ich saß lange an diesem Tisch und starrte das letzte Foto an. Der Tee wurde kalt, die Dämmerung kroch durch die Fenster, und in meinem Kopf drehten sich die Worte meiner Mutter aus dem Tagebuch im Kreis. Zwei Mädchen. Zwei. Und jetzt ist nur noch eine da.

 

Sie war tot geboren. So stand es auf der Geburtsurkunde. Sie war tot geboren, und trotzdem stand sie auf diesem Foto, quicklebendig, sechs Jahre alt, und starrte mich an, als hätte sie die ganzen zwanzig Jahre nur darauf gewartet, dass ich sie endlich sehe.

 

 

In dieser Nacht träumte ich wieder vom Wasser.

 

Aber diesmal war es anders. Diesmal war ich nicht allein. Unter der Oberfläche, im grünen Schweigen, hielt jemand meine Hand. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ich wusste, dass sie es war. Meine Schwester. Sie zog mich nicht hinab. Sie hielt mich nur fest, als wollte sie nicht, dass ich wieder an die Oberfläche verschwand, zurück in eine Welt, in der sie nicht existierte. Und während ich neben ihr im Wasser trieb, hörte ich eine Stimme. Sie gehörte nicht zu ihr. Auch war es nicht meine. Oder die unserer Mutter. Sie klang alt und brüchig, ihr rauer, verzerrter Ton hallte aus den Tiefen der Dunkelheit unter uns. Ihre folgenden Worte brannten sich in mein Gedächtnis:

 

Eine von euch gehört mir. Das war schon immer so. Das bleibt auch so.

 

Ich wachte auf, nach Luft ringend. Meine Laken waren klatschnass, aber nicht von Schweiß. Es roch nach modrigem Wasser, nach Teich, nach etwas, das lange unter der Erde gelegen hatte. Ich riss das Bettzeug herunter und stopfte es in die Waschmaschine, ohne es genauer anzusehen. Ich wollte es nicht genauer ansehen.

 

 

Die nächsten Tage vergingen in einem seltsamen, schwebenden Zustand, als wäre die Zeit selbst zu einem zähen, trägen Fluss geworden. Ich ertappte mich dabei, wie ich immer wieder das Foto anstarrte. Ich hatte es auf meinen Nachttisch gestellt, angelehnt an die Lampe, und jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging, blieb mein Blick daran hängen.

 

 

Am dritten Abend bemerkte ich die erste Veränderung.

 

Ich hatte das Bild mit meinem Handy abfotografiert, um es genauer betrachten zu können, ohne das Original ständig in den Händen halten zu müssen. Auf dem Handyfoto vom ersten Tag stand das Mädchen halb hinter dem Baum, teilweise verdeckt, eine Hand hinter dem Stamm verborgen. Aber als ich jetzt das Original danebenhielt, sah ich, dass etwas anders war. Die Hand war zu sehen. Sie hing herab, die Finger leicht gespreizt, und auf dem Handrücken war ein dunkler Fleck – ein Muttermal, das exakt dieselbe Form und Position hatte wie das auf meiner eigenen rechten Hand.

 

Ich legte das Foto mit der Vorderseite nach unten auf die Kommode und atmete tief durch. Panik hatte mich ergriffen, eingenommen und übermannt. Ein flatterndes, schwarzes Ziehen in meiner Brust. Doch ich durfte ihr keinesfalls nachgeben. Wenn ich jetzt durchdrehte, würde ich nie erfahren, was wirklich passiert war. Also zwang ich mich zur Routine. Arbeit. Einkaufen. Schlafen. Nicht nachdenken. Nicht das Foto ansehen. Nicht den Traum vom Wasser zulassen.

 

Es funktionierte nicht.

 

 

Am nächsten Abend war das Mädchen näher.

 

Nicht physisch näher – der Abstand zum Baum war derselbe, die Proportionen stimmten noch. Aber ihr Gesicht war klarer, detaillierter, als hätte jemand mit einem feinen Pinsel Konturen nachgezogen, die vorher unscharf gewesen waren. Ihre Augen, die auf dem ursprünglichen Abzug nur dunkle Punkte gewesen waren, zeigten jetzt eine feine Zeichnung der Iris. Eine graublaue Iris, genau wie meine. Und ihre Lippen, vorher nicht mehr als ein schmaler Strich, schienen sich ganz leicht geöffnet zu haben, als wollte sie etwas sagen. Oder als hätte sie bereits gesprochen? Hatte ich es nur nicht gehört?

 

Ich machte Fotos. Ich verglich und maß die Abstände mit einem Lineal, wie eine Besessene, die Beweise für ihre eigene Geisteskrankheit sammelt. Aber die Beweise waren da. Das Bild veränderte sich. Und mit jeder Veränderung wurde das Mädchen realer – während ich selbst mich seltsam unwirklich fühlte, als wäre ich diejenige, die verblasste.

 

 

Am fünften Tag rief ich meine Jugendfreundin Anna an.

 

Es war fast zehn Uhr abends, aber sie meldete sich nach dem dritten Klingeln. Ihre Stimme klang überrascht, fast erschrocken. Wir hatten seit Jahren nicht mehr gesprochen, und mein plötzlicher Anruf mitten in der Nacht musste sie überrumpelt haben.

 

„Mara? Ist etwas passiert?“

 

Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu klingen. „Meine Mutter ist gestorben. Ich räume gerade ihr Haus aus und bin auf ein paar Sachen gestoßen, die mich beschäftigen. Alte Fotos. Ein Tagebuch. Anna – hatte ich eine Schwester?“

 

Die Stille am anderen Ende der Leitung war so absolut, dass ich dachte, sie hätte aufgelegt. Dann atmete sie aus, langsam und zittrig.

 

„Ich weiß nicht, ob ich die Richtige bin, um darüber zu reden“, sagte sie schließlich. „Deine Mutter hat uns nie erlaubt, darüber zu sprechen. Nach dem Unfall war sie… sie war nicht mehr dieselbe. Sie hat dich von der Schule genommen, für ein ganzes Jahr. Hat dich nirgendwo mehr allein hingehen lassen. Und wenn jemand deine Schwester erwähnte, hat sie reagiert, als hätte man ihr einen Schlag versetzt. Meine Eltern sagten, wir sollen das Thema ruhen lassen. Also taten wir es. Und du selbst hast nie danach gefragt. Nicht ein einziges Mal. Es war, als hättest du sie vergessen. Komplett vergessen. Das war fast das Unheimlichste daran.“

 

„Sie ist ertrunken, oder? Im Brunnen hinter dem Haus?“

 

Wieder diese Stille. Dann, leise: „Woher weißt du das? Du warst doch gar nicht dabei. Du warst im Haus, als es passierte. Deine Mutter hat dich reingeholt, weil du dich erkältet hattest. Deine Schwester ist noch draußen geblieben. Und als deine Mutter wieder herauskam, war sie weg. Sie haben sie im Brunnen gefunden. Es hat Stunden gedauert, bis die Feuerwehr das Gitter aufbekommen hat. Du hast die ganze Zeit am Fenster gestanden und hinausgeschaut, ohne ein Wort zu sagen. So hat es mir meine Mutter erzählt. Du hast nicht geweint. Du hast nur dagestanden und in den Wald gestarrt. Und als sie dich am nächsten Tag fragten, ob du dich an irgendetwas erinnerst, hast du gesagt: Nein. Nichts. Und dabei ist es geblieben, zwanzig Jahre lang. Ich dachte, du weißt es wirklich nicht mehr. Deshalb habe ich nie damit angefangen. Es war einfacher so. Für uns alle.“

 

Der Hörer fühlte sich schwer an in meiner Hand, wie ein Stück Eisen, das man zu lange in der Faust gehalten hat. Ich weiß nicht mehr, wie das Gespräch endete. Es war wie ein Filmriss. Die schrillen Klänge des Tinnitus mischten sich mit dem monotonen Brummen des Trennungstons. Ich weiß nur noch, dass ich danach sehr lange am Küchentisch saß und das Foto anstarrte, während Annas Worte in meinem Kopf widerhallten. Ich fühlte Leere und spürte, wie die Angst emporkroch.

 

Du warst gar nicht dabei. Du warst im Haus.

 

Aber das Tagebuch meiner Mutter sagte, dass zwei Mädchen am Brunnen gewesen waren. Dass sie uns nur zwei Minuten aus den Augen gelassen hatte. Dass dann der Schrei kam. Meine Mutter schrieb nichts davon, dass ich im Haus war. Sie schrieb von zwei Mädchen, die draußen spielten, und dann von einem Schrei und einer Stille, die schlimmer war als der Schrei.

 

Wer log? Meine Mutter? Anna? Meine eigenen Erinnerungen – oder das Fehlen davon?

 

 

In dieser Nacht wagte ich es nicht, zu schlafen. Ich saß im Wohnzimmer, das Licht auf voller Stärke, die Fernsehgeräusche als weißes Rauschen im Hintergrund, und wartete auf die Morgendämmerung. Aber irgendwann, gegen drei, muss ich doch eingenickt sein, denn plötzlich stand ich im Traum wieder am Brunnen.

 

Nur dass es diesmal kein Traum war, der sich wie eine Erinnerung anfühlte. Es war eine Erinnerung, die sich wie ein Traum verkleidet hatte.

 

Ich sah uns. Zwei Mädchen in identischen Kleidern, die Hand in Hand zum Brunnen liefen, während der Regen auf die Blätter trommelte und die Mutter im Haus mit dem Abendessen beschäftigt war. Ich sah, wie die eine von uns auf den moosigen Rand kletterte. Sah, wie ihre Sandale auf dem nassen Stein ausrutschte. Ich sah die andere, die versuchte, sie festzuhalten, die schrie, die weinte, die sich auf den Bauch warf und in die Dunkelheit hinabgriff, wo das Wasser glucksend die Gestalt verschluckte.

 

 

Aber ich konnte nicht sagen, wer von beiden ich war. Die auf dem Rand? Die, die danach am Fenster stand und in den Wald starrte, ohne ein Wort zu sagen? Das Mädchen, das überlebte, aber nicht mehr sprechen wollte, das die Erinnerung an die Schwester ausradierte, weil die Last zu schwer war, um sie zu tragen?

 

Oder die im Wasser?

 

 

Am nächsten Morgen war das Mädchen auf dem Foto direkt hinter mir zu sehen. Sie stand jetzt nicht mehr halb verdeckt – sie war vollständig sichtbar, nur noch einen Schritt von der Schaukel entfernt. Ihre linke Hand, die mit dem Muttermal, war ausgestreckt, als wollte sie gleich meine Schulter berühren. Und ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck, den ich nicht erwartet hatte. Nicht Wut. Nicht Gier. Sondern eine stille, geduldige Traurigkeit. Die Traurigkeit von jemandem, der zwanzig Jahre gewartet hat und bereit ist, noch ein wenig länger zu warten, weil er weiß, dass er bald nicht mehr warten muss.

 

Ich ertappte mich dabei, wie ich mit dem Finger über ihr Gesicht strich. Das Fotopapier war glatt und kühl. Aber an der Stelle, wo ihre Wange war, bildete sich unter meiner Berührung ein winziger Fleck. Feuchtigkeit. Als hätte das Bild angefangen zu schwitzen. Als hätte das Wasser aus dem Brunnen einen Weg gefunden, selbst durch den Abzug zu sickern.

 

Ich wusste, was ich zu tun hatte.

 

Es war kein Entschluss, den ich fällte – es war eine Notwendigkeit, so unausweichlich wie die Flut, die dem Mond folgt. Ich packte eine Tasche mit Wasser, einer Taschenlampe und dem Foto und fuhr los. Die Adresse des Hauses stand auf den Papieren, die ich aus der Kiste genommen hatte. Es dauerte zwei Stunden, bis ich die Ausfahrt fand, und noch einmal dreißig Minuten, bis ich mich durch die überwucherten Feldwege gekämpft hatte, die zum Wald führten.

 

 

Das Haus war unbewohnt. Neue Besitzer hatte es nach dem Auszug meiner Mutter nie gegeben. Es stand einsam zwischen den Bäumen, die Fenster blind vor Staub, der Garten eine Wildnis aus Brennnesseln und hohem Gras. Die Schaukel hing noch. Rostig. Schief. Aber noch da.

 

Ich ging daran vorbei, hinein in den Wald.

 

Der Brunnen war da. Genau dort, wo meine Träume ihn hingelegt hatten. Die moosbedeckten Ziegel, der verrostete Deckel, der schief in den Angeln hing. Das Seil, das einmal einen Eimer gehalten hatte, war längst verrottet und hing nutzlos in die Tiefe. Ich trat an den Rand und sah hinab. Das Wasser unten war schwarz und reglos. Kein Leuchten. Keine Gestalt. Nur die absolute, undurchdringliche Dunkelheit von etwas, das nie die Sonne sieht.

 

Ich setzte mich auf den moosigen Stein. Meine Hände zitterten, aber es war nicht die Kälte. Es war die Nähe zu etwas, das ich mein ganzes Leben lang gespürt, aber nie benennen hatte können. Eine leere Stelle. Eine Abwesenheit, die so schwer wog wie eine Anwesenheit.

 

Ich zog das Foto aus der Tasche.

 

Das Mädchen – meine Schwester – stand jetzt direkt vor der Schaukel. Ihr Gesicht nahm fast das halbe Bild ein. Sie lächelte nicht. Aber sie sah mich an, und in ihren Augen war etwas, das ich erst jetzt verstand. Es war dieselbe Leere, die ich in mir getragen hatte. Dieselbe Einsamkeit. Ausgelöst durch eine fehlende Hälfte. Und nun endlich, hatte ich ihre zweite Hälfte gefunden. Die Hälfte von mir selbst.

 

Und dann, ganz langsam, bewegte sich ihr Mund.

 

Kein Ton. Nur die Bewegung. Die Form eines Wortes, das ich nicht hören, aber verstehen konnte, weil es in meinem eigenen Kopf widerhallte. In meiner eigenen Stimme, als hätte sie es nie gesprochen, sondern immer nur gedacht, und ich hatte es nur nicht hören wollen.

 

Komm.

 

 

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß. Die Sonne wanderte weiter, die Schatten wurden länger, und irgendwann begann es zu dämmern. Ich dachte an meine Mutter, die zwanzig Jahre lang mit einer Lüge gelebt hatte – oder mit einer Wahrheit, die sie nicht aussprechen konnte. Ich dachte an das Mädchen auf dem Foto, das nie ein richtiges Begräbnis bekommen hatte, nie einen Grabstein, nie einen Namen, den man aussprechen durfte. Nur ein durchgestrichener Eintrag auf einer Geburtsurkunde und ein unentwickelter Film, der fast ein Vierteljahrhundert in einer Schublade gelegen hatte.

 

Und ich dachte an den Traum, der kein Traum gewesen war. An das grüne Schweigen, das mich jede Nacht rief. An die Stimme, die sagte: Eine von euch gehört mir.

 

Vielleicht war es wirklich so. Vielleicht gehörte eine von uns dem Brunnen. Aber vielleicht war es nicht die, von der ich dachte.

 

Vielleicht war ich diejenige, die niemals richtig zurückgekommen war.

 

 

Ich stand auf. Meine Knie waren steif von der Kälte, meine Finger taub. Ich hielt das Foto über das schwarze Wasser und zögerte. Wenn ich es losließ, würde ich dann sie loslassen? Oder mich selbst?

 

Ich ließ es fallen.

 

Es segelte nicht, trudelte nicht. Es glitt senkrecht hinab, wie ein Stein, und traf die Wasseroberfläche ohne ein Geräusch. Kein Platschen. Keine Wellen. Nur die Schwärze, die es aufnahm und schloss, als wäre es nie da gewesen.

 

Ich wartete. Aber nichts geschah. Keine Erscheinung, keine Stimme, keine kalte Hand, die aus dem Wasser griff und mich hinabzog. Nur die Stille des Waldes und das ferne Rauschen des Windes in den Baumwipfeln.

 

Ich weiß nicht, ob ich erleichtert oder enttäuscht war.

 

 

Es ist jetzt drei Monate her. Ich habe das Haus meiner Mutter verkauft, die Möbel eingelagert, und die Papiere in einem Ordner abgeheftet. Das Tagebuch liegt in meinem Nachttisch, aber ich habe es seitdem nicht mehr aufgeschlagen. Der Brunnen ist zugewachsen. Niemand wird ihn finden, wenn er nicht genau weiß, wonach er sucht.

 

Aber es gibt eine Sache, die ich noch nicht erzählt habe.

 

Letzte Woche war ich im Drogeriemarkt, um Passbilder für meinen neuen Ausweis machen zu lassen. Nichts Besonderes. Ein Automat, ein Vorhang, ein Blitzlicht. Ich setzte mich auf den Hocker, rückte meine Haare zurecht und wartete auf das Klicken. Der Automat summte, spuckte den Streifen aus. Ich nahm ihn, ohne hinzusehen, und steckte ihn in meine Tasche.

 

 

Zu Hause holte ich ihn heraus.

 

Die ersten drei Bilder waren normal. Ich, mit einem müden Gesichtsausdruck und zu dunklen Ringen unter den Augen. Aber auf dem vierten Bild – dem letzten auf dem Streifen – war etwas hinter mir. Kein Baum diesmal. Kein altes, verwittertes Holz. Nur die graue Wand des Fotoautomaten und ein Stück vom Vorhang. Aber am Rand, halb angeschnitten, stand eine Gestalt.

 

Ein Mädchen in einem weißen Kleid mit roten Knöpfen. Sie trug dieselben ungleichen Zöpfe wie ich. Dasselbe halbe Lächeln, das ich aufsetze, wenn ich nicht sicher bin, ob ich glücklich sein darf. Und ihre Hand – die Linke, mit dem Muttermal – ruhte auf meiner Schulter.

 

Ich drehte das Bild um. Auf der Rückseite war nichts. Aber als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass die oberste Schicht des Fotopapiers an einer Stelle aufgeraut war, als hätte jemand mit dem Fingernagel darüber gekratzt. Oder als hätte Feuchtigkeit sie angeraut.

 

Ich habe den Passbildstreifen neben das alte Foto von der Schaukel gelegt. Seite an Seite. Damals und heute. Sie und ich. Oder ich und sie – ich bin mir immer noch nicht sicher, wer von uns beiden wer ist.

 

Vielleicht ist das auch nicht wichtig.

 

Wichtig ist nur: Sie ist wieder da. Und ich weiß nicht, ob ich froh darüber sein soll oder ob das bedeutet, dass die alte Stimme im Brunnen recht hatte. Dass eine von uns ihm gehört. Und dass der Tausch, von dem meine Mutter nie sprach, immer noch läuft. Immer noch nicht abgeschlossen ist.

 

Heute Nacht werde ich schlafen gehen. Und ich weiß, ich werde wieder das grüne Wasser träumen und die Hand, die meine hält. Aber diesmal werde ich nicht versuchen, mich loszureißen.

 

Diesmal werde ich fragen, wie sie heißt.

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