
Wie aus einen Serienmörder ein Freund wurde
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
„Du bist also Paul? Ich habe dich ja schon ein paar Tage dabei beobachtet, wie du mich finden wolltest. Aber das war ehrlich gesagt ein kläglicher Versuch.“
Sagte er, während ich auf einen Stuhl an einen Tisch gefesselt war.
„Ich brauch mich ja, glaube ich, nicht vorstellen, du kennst mich ja durch die Medienberichte und durch deine Recherche. Auch wenn du bisher noch keine großen Erfolge hattest. Zwar weiß niemand meinen Namen, aber die Presse hat mir den Spitznamen „das Phantom“ gegeben. Auch wenn ich den ziemlich albern finde.“
„Sie sind es tatsächlich. Niemand hat sie in all den Jahren zu Gesicht bekommen.“
Antworte ich mit ängstlicher Stimme. Daraufhin lachte er fröhlich und sagte:
„Ja, in der Tat. Es gibt zwar ein Phantombild, welches mich darstellen soll, aber wie du siehst, ist dieses weit daneben. Diese angebliche Augenzeugin, welche mich gesehen haben will, ist nur eine Lügnerin und Wichtigtuerin. In den 21 Jahren, in denen ich meinem Hobby nachgehe, hat mich niemand gesehen und das Ganze überlebt. Übrigens darfst du mich gerne duzen. Ich bin da ganz offen. Wir wollen ja auch auf einer Augenhöhe reden. Du hast jetzt die Möglichkeit, mir Fragen zu stellen. Sieh das hier als große Chance.“
Ich erschauderte bei dem Wort Hobby, aber ich wusste, dass ich keine Chance hatte, und blieb deswegen so gut es ging freundlich. Obwohl ich ihn am liebsten komplett durchbeleidigen wollen würde und dabei ihn bis aufs Letzte verprügeln. Aber die Chance habe ich nicht. Ich hatte Angst um mein Leben.
„Okay, danke für das du“
sagte ich mit einer Stimme, die dafür sorgte, dass es eher wie eine Frage klang. Dabei sah er mich mit einem Lächeln an, welches sympathisch wirkte, wenn man seine brutale Karriere nicht kannte.
„Also, du bezeichnest deine Taten als Hobby? Findest du das nicht verharmlosend?“
Fragte ich etwas provokant. Sein Lächeln wisch eine Sekunde, aber während der Antwort kam es wieder zurück.
„Weißt du, es ist meine Leidenschaft. Und wenn man seiner Leidenschaft nachgeht, ist dieses für mich ein Hobby. Sonst würde man es ja nicht über so viele Jahre machen. Ach übrigens, ich hab dort auf dem kleinen Beistelltisch ein Diktiergerät laufen. Da musst du dir nicht alles merken.“
Ich schaute in die Ecke und sah es. Wir waren in einem Raum, welcher sich als Wohnzimmer darstellte. Die Einrichtung sah aus, als wäre man in den 1980er Jahren hängen geblieben. Dennoch strahlte das Ganze einen gewissen Charme aus. Mir fiel es schwer, aber ich bedankte mich.
„Danke. Also, ich habe die Ehre, wenn man es so nennen kann, dir ein paar Fragen zu stellen. Wieso hast du mich dafür ausgesucht? „
Er legte seine Hände zu einer Raute, ehe er diese auf den Tisch ablegte.
„Nun von all den Berichten, die über mich geschrieben wurden, waren deine immer noch am menschlichsten. Du hast nicht wie andere böse Emotionen reinlaufen lassen, sondern deine Texte ziemlich neutral gehalten. Das fand ich beeindruckend. Außerdem habe ich mich ein wenig über dich informiert und dein Leben lief ja nicht immer so gut. Vielleicht schaffe ich es so, deine Karriere zu fördern.“
Ich war etwas irritiert.
„Heißt das, ich komme hier lebend weg?“
„Ja, zumindest solange alles so läuft, wie ich es möchte. Du hast das Vergnügen, mit mir zu reden und der Welt deine Erfahrungen und dein Bild von mir mitzuteilen.“
Ich wusste nicht, ob ich darüber dankbar sein sollte. Natürlich war das Ganze sehr interessant, aber mit so einem kranken Menschen zu reden, kann einen auch ziemlich verstören.
„Okay, da fange ich an, dir ein paar Fragen zu stellen.“
Er lächelte, lehnte sich zurück und man konnte seine Vorfreude darauf spüren.
„Wieso hast du das Ganze gemacht?“
„Das ist in der Tat eine sehr gute Frage. Die meisten meiner Kollegen hatten eine schlechte Kindheit oder haben schlechte Erfahrungen gemacht oder sie wurden von anderen Einflüssen getrieben. Das ist bei mir aber nicht der Fall. Meine Kindheit war schön. Ich wuchs bei meinen Eltern und meiner kleinen Schwester in einem Dorf in Thüringen auf. Das war eine wunderbare Zeit. Klar, als Kind hat man sich gegenseitig mal geärgert, aber so etwas wie Mobbing hab ich nie erlebt. Auch nach meiner Kindheit habe ich mein Leben gut gestaltet. Ich habe bis heute etliche Freunde, die absolut nichts von meinem Hobby wissen.
Auch meine Frau und meine Tochter wissen nichts davon. Aber ich schweife ab. Wieso ich das Ganze mache, hat einen anderen Grund. Ich finde das Ganze sehr interessant. Die Menschen in ihrem letzten Moment zu sehen, zu sehen, wie ein Körper aufhört zu arbeiten und die Lebensflamme erlischt. Das ist das, was mich fasziniert. Ich könnte dich jetzt fragen, ob du das schonmal gesehen hast, aber ich denke nicht. Dieser Moment, wo man genau sehen kann, wann das Leben vorbei ist. Das ist doch höchst spannend.“
„Also ist es die Faszination um das Thema Sterben?“
„Das zu sehen und auch zu sehen, wie Menschen in diesem Moment unterschiedlich reagieren. Das war bei fast jedem meiner Schützlinge anders.“
Mich widerte es an, mit ihm so ruhig zu reden. Aber ich merkte, dass, wenn ich ihn beleidigen oder eine für ihn unangebrachte Reaktion zeigen würde, könnte ich diesen Ort nicht lebend verlassen. Also musste ich mich zusammenreißen. Auch wenn es mir schwerfällt.
„Du nennst deine Opfer Schützlinge?“
Fragte ich ihn, da ich das nicht verstehen konnte.
„Ja. Das liegt daran, dass ich persönlich „Opfer“ zu abwertend finde.“
„Okay. Weißt du noch, wer dein allererster Schützling war?“
Fragte ich nach.
„Oh ja. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Das war am 19.7.2003. Es war ein warmer Samstag. Dies war mein 22. Geburtstag und da habe ich mir das beste Geschenk gemacht. Ich bin ein wenig durch die Gegend gefahren und da stand ein Anhalter. Er war 26 Jahre alt und stellte sich mit Tom vor. Ich fragte ihn, wohin er möchte, und tat dann so, als müsste ich auch in die Richtung. Während der Fahrt redeten wir und ich gewann so sein Vertrauen. Ich bot ihm eine Praline an, in die ich vorsichtig K.-o.-Tropfen gespritzt hatte.
Ich fuhr auf der Autobahn einen kleinen Parkplatz an und tat so, als würde ich kurz auf die Toilette gehen. Als ich zurückkam, hatte diese ihre Aufgabe erfüllt. Ich fesselte ihn, legte ihn in meinen Kofferraum und fuhr mit ihm zu meinem Hobbyraum. Dabei war ich sehr aufgeregt. Ich mein, das war mein erster Mord. Da will man wie beim ersten Mal alles richtig machen und jeden Moment genießen.
Er war auf einer Tischplatte gefesselt und ich wollte wissen, wie es ist, wenn jemand erstickt. Ich nahm also eine durchsichtige Tüte und zog sie ihm über den Kopf. Mit einem Gummiband fixierte ich sie und konnte nun die Show beobachten. Ich hätte nicht gedacht, dass ersticken so lange dauert. Aber er hatte es dann geschafft. Seine Leiche entsorgte ich in einem Wald. Ich dachte, er würde da schnell gefunden werden, aber tatsächlich dauerte es 3 Monate.“
Mich überkam ein Schwall von Wut und auch Hass gegenüber ihm. Es fiel mir schwer, dieses zurückzuhalten. Allerdings musste ich weitermachen.
„Wieviele Schützlinge hattest du? Die Polizei geht ja von etwa 46 aus. Sind das alle oder gibt es noch mehr, die nicht bekannt sind?“
„Ja 46 haben sie gefunden. Allerdings sind es 51 gewesen. Die anderen 5 haben sie noch nicht gefunden. Obwohl sie in einem Waldgebiet ganz hier in der Nähe sind. Vielleicht findet die Polizei sie ja durch dieses Interview. Ich würde es zumindestens mir wünschen. „
51 also. Ich hatte ehrlich gesagt sogar mit mehr gerechnet.
„Wieso hast du jeden deiner Schützlinge anders umgebracht? Hat das einen Grund?“
„Ja, den hat es wirklich. Wie ich schon sagte, fasziniert mich das Thema. Ich wollte schauen, welche Möglichkeiten es gibt, Menschen aus dem Leben scheiden zu lassen. Und da gibt es tatsächlich sehr viele. Von erstechen bis zum tödlichen Stromschlag, über eine Überdosis Koks bis hin zum klassischen Erschießen. Es gibt so viele spannende Möglichkeiten. Das wurde mir erst nach und nach klar.“
Ist dieser Mensch nicht einfach nur krank und verachtenswert?
„Und welche Möglichkeit war für dich die spannendste?“
„Das war bei einem 19-Jährigen vor 8 Jahren. Ihm betäubte ich, dass er nicht leiden musste, und schnitt ihn auf. Ein schlagendes Herz zu berühren ist ein sehr epischer Moment, weißt du? “
Mir wurde bei dieser Aussage schlecht und ich musste mich beinahe übergeben. Solche kranken Details konnte ich in keinem Polizeibericht finden. Dieser Bastard war ein lebendes Monster. Mich graute es, weitermachen zu müssen, aber ich wollte da lebend raus.
„Wieso hat dich die Polizei nicht gefunden?“
Er lächelte und trank einen Schluck Whiskey, den er auf dem Tisch stehen hatte.
Nun, die Frage stelle ich mir auch. Ich habe immer versucht, keine Spuren zu hinterlassen. Aber nach all den Jahren dachte ich auch mal, Fehler gemacht zu haben. Aber anscheinend nicht. Ich hätte selbst erwartet, nach dem 4. Oder 5. Gefasst zu werden. Anscheinend bin ich ganz gut darin, mit dem, was ich mache.“
„Machst du dich manchmal deswegen über die Polizei lustig?“
„Auf gar keinen Fall. Sie machen ihren Job und haben es nicht leicht. Letzte Woche wurde ich erst angehalten und ich habe ein schönes Gespräch mit dem Polizisten gehabt. Wir witzelten sogar.“
„Ich glaube, er hätte den Schock seines Lebens, wenn er erfahren würde, wer du bist. Hast du denn irgendjemandem mal eine Andeutung gemacht?“
„Nein, das habe ich tatsächlich nie. Ich meine, der Spruch „Jeder hat doch seine Leichen im Keller“ ist bei mir eine Standardfloskel, die ich immer wieder bringe, aber direkt jemandem etwas darüber erzählen, da bist du der erste. Zumindest der es überleben könnte.“
„Wie meinst du das? Hast du mit Schützlingen darüber geredet?“
„Ja, das habe ich. Aber sie wollten das nie wissen und haben mich nur beleidigt.“
„Wie sehen deine Pläne aus? Machst du weiter damit?“
„Nein, ich finde, man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist. Ich habe viele für mich schöne Momente gehabt und habe nun die Entscheidung getroffen, mit dem Ganzen aufzuhören.“
„Heißt das, du willst dich stellen? Oder willst du fliehen? „
„Weder das eine noch das andere, aber das wirst du später merken, wenn es so weit ist.“
Mir fiel auf, dass dieses Gespräch langsam lockerer wurde. Dies war für mich ein seltsames Gefühl, da ich mir das nicht erklären konnte.
„Hast du ein schlechtes Gewissen gegenüber deinen Schützlingen? Ich meine, viele hatten ja ihr ganzes Leben noch vor sich.“
„Bei manchen ja, aber über die Jahre bin ich da abgestumpft. Da hat die Neugier darüber gesiegt. Aber eins muss ich auch dazu sagen. Ich habe mich nie daran bereichert. All die Wertgegenstände und das Geld habe ich an Obdachlose verteilt und Essen für sie gekauft. Vielleicht war das auch eine kleine Art Wiedergutmachung.“
„Wie hast du deine Schützlinge ausgewählt? Hast du da ein Muster gehabt?“
„Nein, ein richtiges Muster hatte ich nie. Die Möglichkeiten waren spontan oder manchmal nach 1 bis 2 Tagen Beobachtung. Das Alter war mir ziemlich egal, Hauptsache, sie waren über 18 Jahre. Deswegen hab ich niemanden genommen, der sehr jung aussah. Das hat auch bis auf einmal geklappt. Da habe ich eine Anhalterin mitgenommen. Sie hatte schulterlange blonde Haare und strahlend blaue Augen. Auf dem Weg zu meiner Möglichkeit, sie zu betäuben, stellte sich aber im Gespräch heraus, dass sie erst 16 war. Ich entschloss mich, meinen Plan abzubrechen, und habe sie zu ihrem Wunschort gefahren. Sie bedankte sich sogar beim Aussteigen mit einem unschuldigen Küsschen auf meine Wange. Dieser Moment sorgte bei mir für ein Umdenken und ich nahm nur noch Leute, die älter als 25 Jahre aussahen.“
Immerhin schien dieser Kerl ein kleines bisschen Anstand zu besitzen.
„Hast du denn auch mal eins deiner Opfer probiert?“
Keine Ahnung, warum mir diese Frage auf einmal in den Kopf schoss. Aber irgendwie konnte ich mir das bei ihm vorstellen.
„Bitte nenne sie nicht Opfer. Das mag ich gar nicht. Und ja. In der Tat habe ich es einmal versucht. Ich habe mir ein Stückchen mal rausgeschnitten und probiert. Aber ich fand es widerlich und habe es bereut. Würdest du es mal probieren wollen?“
Ich erschrak bei dieser Gegenfrage und überlegte kurz. Klar ist es absolut widerlich und ekelhaft und eigentlich verachtenswert. Aber ein ganz kleiner Funke Neugier war auch vertreten. Er merkte diesen Moment meiner Überlegung und konnte mich anscheinend lesen. Denn auf einmal sagte er Folgendes.
„Genauso ging es mir damals auch. Dieses kurze Grübeln wurde zu Gedanken und diese ließen mich den Ekel kurz überwinden. Aber keine Angst, ich biete dir jetzt kein Steak an.“
Danach lachte er lautstark.
„Möchtest du meinen Hobbyraum mal sehen?“
Fragte er mich mit einer Offenheit, als wären wir schon ewig gut befreundet.
„Ähm ja.“
sagte ich mit einer gewissen Angst, was mich nun erwartet. Er löste meine Fesseln und ließ mich aufstehen. Keine Ahnung warum, aber ich hatte nicht einen Gedanken an eine Flucht. Ich glaube, diese hätte ich auch nicht überlebt. Er führte mich durch den Flur zur Kellertreppe. Ich lief diese runter und hinter einer einfachen Tür erwartete mich das Grauen. Ich sah einen großen Tisch, einiges an chirurgischem Material, verschiedene Handschuhe und Schürzen und einen alten Stuhl, der wahrscheinlich aus einer alten Psychiatrie stammt.
„Fühl dich wohl, du bist der Erste, der das sieht und davon berichten kann. Die anderen hatten da eher wenig Chancen.“
Ich bekam sofort eine extreme Gänsehaut. Er erklärte mir, was für was genutzt wird und wie er es nach und nach zusammengestellt hat.
„Zum Glück hast du das Diktiergerät von oben mitgenommen.“
sagte ich erleichtert, dass ich mir das Ganze nicht merken musste.
„Ja, das wären zu viele Infos auf einmal, dachte ich. Deswegen hab ich es mitgenommen.“
„Und deine Frau hat davon nie etwas gemerkt?“
Fragte ich etwas ungläubig.
„Nun ja, ob sie irgendetwas irgendwann gemerkt hat, kann ich nicht zu 100 Prozent mit Nein beantworten. Sie hat zumindest nie etwas gesagt und ist immer noch bei mir. Von mir weiß sie auf jeden Fall nichts. Hast du eigentlich eine Frau und Kinder?“
„Nein, habe ich leider noch nicht. Aber ich hoffe, dass sich das noch irgendwann ändert.“
Er lächelte mich an und sagte
„Auf jeden Fall, du bist doch ein netter Kerl. Das wird schon werden.“
Es ist schon seltsam, wenn man mit einem Massenmörder redet, als wäre man seit Jahren beste Freunde. Er hatte eine gewisse Aura, die einen mit Positivität regelrecht anstrahlte. Ich muss ehrlich sagen, dass meine abgrundtiefe Verachtung immer mehr schwand. Was mir selbst Angst machte.
„Okay, gehen wir wieder nach oben. Möchtest du etwas trinken?“
Fragte er mich seelenruhig. Ich nickte und er holte aus der Küche eine Flasche Cola und zwei Gläser. Wir redeten noch eine Weile über allgemeine Sachen, er erzählte mir von seiner Tochter und wie stolz er auf sie ist. Er hat für sie extra ein Sparbuch mit knapp 50000 Euro, damit sie einen guten Start ins Erwachsenenleben hat. Er redete auch viel über seine Frau und sagte, dass er es liebt, für sie zu kochen. Wenn man es nicht wüsste, könnte man denken, man redet mit einem völlig normalen Mann. Er fragte mich dann, ob ich noch abschließend eine Frage habe, und ich hatte tatsächlich noch eine.
„Was würdest du anderen Menschen mit auf den Weg geben?“
Diese Frage brachte ihn zum Überlegen.
„Puhhh. Wenn ich kurz darüber nachdenke, ist es eigentlich die Sache, dass jeder sein Leben genießen soll. Man weiß nie, wann es vorbei ist. Geht raus und macht das, worauf ihr Bock habt. Das Leben ist viel zu kurz und ihr habt nur das eine.“
Diese Worte habe ich nicht erwartet. Wir verabschiedeten uns und er brachte mich noch zur Bushaltestelle. Als der Bus kam, holte er auf einmal einen Umschlag aus seiner Jacke und gab ihn mir.
„Nimm diesen Umschlag mit und öffne ihn, sobald du dich bereit fühlst.“
Ich nahm ihn an und stieg in den Bus. Ich setzte mich auf einen Platz am Fenster und schaute ihn durch die Scheibe an. Er winkte kurz, bevor er einen Revolver aus seiner Jacke holte. Diesen legte er an seinen Kopf an und … und … und er drückte einfach ab. Er hat sich einfach vor meinen Augen erschossen. Der Bus stoppte sofort durch meinen panischen Schrei und ich rannte aus dem Bus raus und schaute, ob ich ihm helfen konnte. Aber nein.
Er war sofort tot. Die Polizei kam und befragte mich, worauf ich zusammenbrach und ihnen alles erzählte. Sie glaubten mir erst nicht, aber als ich ihnen das Haus zeigte und den Keller ihnen beschreiben konnte, verhörten sie mich immer wieder. Ich konnte nach einem Tag endlich das Revier verlassen und machte zuhause sofort eine Kopie von dem Diktiergerät. In meinem Kopf herrschte Chaos.
Eigentlich müsste ich froh sein, dass so ein brutaler Mensch tot ist. Aber es fühlte sich an, als hätte ich einen sehr guten Freund verloren. Ich nahm Kontakt zu seiner Frau auf und wir wurden gute Freunde. Auch seine Tochter kam sehr gut mit mir klar und nach ein paar Monaten war ich mit seiner Frau zusammen.
Sie erzählte mir eines Abends bei einer Flasche Wein, dass sie wusste, was ihr Mann tat, aber sie vor Liebe hinter ihm stand. Er war ihr Glück und das wollte sie nicht verlieren. Wir kamen in einen Redefluss und ich erzählte ihr alles von meiner Begegnung mit ihm. Ich erzählte ihr auch von dem Umschlag, den er mir gab. Ehrlich gesagt, hatte ich ihn bis zu diesem Moment vergessen gehabt.
Ich dachte mir, jetzt war der Zeitpunkt gekommen, um diesen zu öffnen. Auch seine Frau war neugierig, was da wohl drin sein würde. Ich öffnete ihn und darin waren zwei weitere Umschläge. Auf einen Stand, zuerst öffnen. Ich machte ihn auf und es war ein Brief enthalten. In diesen stand folgender Text.
„Lieber Paul,
Nun, wie soll ich anfangen? Erstmal tut mir leid, dass du meinen Tod ansehen musstest. Wenn du diesen Brief hier liest, weißt du, dass mein Plan aufging. Ich hatte keine andere Alternative gehabt. Hätte ich mich gestellt, wäre ich für immer in den Knast gewandert. Und wäre ich geflohen, hätte ich meiner Frau und meiner Tochter einen langen Schmerz bereitet und sie im Ungewissen gelassen.
Das wollte ich beides nicht. So war der Schmerz für die beiden zwar auch heftig, aber nicht ganz so langwierig. Ich hoffe, dass du evtl. mit meiner Frau Kontakt aufgenommen hast, und falls nicht, mache es bitte. Ihr beide könntet euch gut verstehen und ich glaube, dass du dich auch gut um meine Tochter kümmern würdest. Falls ihr beide euch verliebt, seid gewiss, dass ich keine Probleme damit hätte.
Ich habe eine ziemlich gute Menschenkenntnis und ich weiß, dass du ein guter Mensch bist. Kümmere dich gut um die beiden. Ach ja, in dem anderen Umschlag ist noch eine Kleinigkeit für dich. Das soll eine Entschädigung für das ganze Leid sein, das ich dir angetan habe. Nutze es gut.
Vielen Dank, dass du mir zugehört hast und mich nicht wie andere vor dir beschimpft hast. Sonst wärst du jetzt auch nicht mehr am Leben. Eigentlich wäre nach meinem 46. Schützling sonst Schluss gewesen. Aber die Menschen beleidigen lieber, anstatt einfach mal normal zu reden. Ich wünsche dir nur das Beste und hoffe, dass du ein Leben führen kannst, welches mich nicht enttäuscht. Lebe wohl, mein Freund.“
Uns kamen die Tränen nach dem Brief und wir umarmten uns ganze zehn Minuten lang und weinten. Ich hasste diesen Menschen am Anfang und er wurde ein Freund für mich. Nach einer Weile beruhigen wir uns und wir entschlossen uns, den zweiten Umschlag zu öffnen.
Dort war ein Bild von ihm drin, wie er lächelte, und zwanzigtausend Euro in bar. Wir entschlossen uns, dieses Geld für die Renovierung des Hauses zu nutzen, in dem er früher mit seiner Frau gelebt hatte. Es würde zwar nicht reichen, aber es wäre ein gutes Startkapital. Ich glaube, das wäre auch in seinem Interesse.
Ach ja, ich schrieb natürlich auch einen Artikel über ihn und das Interview, wie er es wollte. Ich ließ ihn darin allerdings nicht als dieses böse Monster dastehen, wie es die anderen Medien taten.
Ich wollte die menschliche Seite von ihm zeigen. Dies kam aber in der Bevölkerung nicht gut an und ich wurde von der Zeitung gekündigt. Es war das Beste, was mir passieren konnte, denn so fand ich meine wahre Berufung. Ich betreue mittlerweile Kriminelle bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft.
Egal, wo du nun bist, mein Freund, ich hoffe, du konntest deinen Frieden finden.