KreaturenMittel

Siren Head Origins Teil 4

Das Verhör

„Warum gerade in meiner Schicht?“, dachte Detektiv Leary, als er um 4 Uhr früh zum Verhör von Gerry Stanhope gerufen wurde. Detektiv Leary war schon 15 Jahre bei der Polizei seines Counties aber so ein Fall war ihm noch nie untergekommen. Sie hatten diesen Stanhope Burschen in der Wohnung von Franky Oggy aufgefunden. Augenscheinlich war er in diese eingedrungen und hatte mehrfach auf den schlafenden Mister Oggy eingestochen. Als man ihn blutüberströmt neben dem bewusstlosen Mister Oggy aufgefunden hatte, hatte er nur immer wieder wiederholt, dass es jetzt Stan freilassen solle. Mehr war bisher nicht aus ihm rauszukriegen gewesen.

Er hatte sich jedoch widerstandslos abführen lassen und jetzt stand das Verhör des offensichtlich verwirrten jungen Mannes an, der sich aus irgendeinem Grund vom Sunnyboy der Upper Class in Jack the Ripper verwandelt hatte. Natürlich hatte ihm sein Daddy, ein hiesiger Sportartikelgigant einen teuren Anwalt besorgt, als er von der Verhaftung seines Sohnes gehört hatte. „Na das kann ja heiter werden.“, denkt Leary als den Verhörraum betritt.

Dort sitzt ein Mann in einem Designeranzug mit gegelten schwarzen Haaren, der Inbegriff eines Harvard- Absolventen und neben ihm ein jämmerliches Etwas in einem Polizeiwerbeoverall, der ihm viel zu groß ist. Apathisch starrt er auf den meerschaumgrünen Linoleumboden des Vorhörraums und murmelt etwas vor sich hin, das wie, bring ihn mir zurück, klingt.

„Guten Tag, ich bin Markus Dillahand und ich vertrete Mister Stanhope.“, beginnt Harvardboy seine Anwaltroutine abzuspulen. „Detektiv Kenneth Leary“ unterbricht Leary ihn wohl etwas zu früh, denn er erntet einen pikierten Blick von Dillahand. „Möchten Sie etwas zu den Vorwürfen sagen, Mister Stanhope? Sie wissen, dass alles, was Sie sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden kann.“ Stanhope murmelt immer noch vor sich hin und scheint Leary nicht wahrzunehmen. „Ok, Mister Stanhope ich werde das Verhör mit der Kamera aufzeichnen“ Dillahand nickt dienstbeflissen. „Ja, das Band wird beweisen, dass mein Mandant nicht zurechnungsfähig ist,…“ „Nun mal langsam mit den jungen Pferden.“, unterbricht Leary Dillahand, der sich beleidigt in den Stuhl zurückfallen lässt.

„Also Mister Stanhope“ fährt Leary ungerührt fort „sie werden beschuldigt, den 21-jährigen Franky Oggy mit dem Messer attackiert zu haben, er ist auf der Intensivstation und es wäre ein Wunder, wenn er überlebt.“ Das scheint Stanhope aus seiner Lethargie zu reisen, denn er fährt hoch und sagt „Er muss tot sein, um zu büßen.“ „Wofür zu büßen?“, fragt Leary. „ Sie sagen nichts,“ fährt Dillahand daziwischen. „Damit es mir Stan zurückbringt“, murmelt Stanhope. „Wer ist Stan?“, bohrt Leary weiter nach. „Stan the little man“, antwortet Stanhope mit einem verträumten Gesichtsausdruck. „Der coolste kleine Bruder den es gibt.“. Leary stutzt: „In ihrer Akte steht, dass sie ein Einzelkind sind.“ Stanhope lächelt „Ja das möchte es allen Glauben machen, aber ich weiß genau, dass ich einen Bruder habe“. Leary blickt zu Dillahand hinüber, dessen Gesichtsausdruck zu sagen scheint, sehen sie habe ich es ihnen doch gesagt, Unzurechnungsfähigkeit auf dem Silbertablett.

Leary hakt weiter nach.  Also hat das alles mit diesen Stan zu tun. „ Ja, wir alle müssen büßen, damit es ihn freigibt.“ „Büßen wofür?“ „Mein Mandant  ist nicht verpflichtet, etwas zu sagen, womit er sich selbst belastet.“, mischt sich Dillahand erneut ein. Leary wirft ihm einen vernichtenden  Blick zu. „Wir haben sie überfahren“ sagt Stanhope mehr zu sich selbst als zu Leary. „Mein Mandant“ setzt Dillahand erneut an. „ Klappe“ fährt Leary ihn an. „Hannah Cole wir haben sie umgebracht“, sagt Stanhope und starrt dabei auf seine abgekauten Fingernägel hinunter.

In Learys Kopf arbeitet es, der Name ruft Erinnerungen in ihm wach. War da nicht was, mit einem Mädchen, das man tot auf einer Seitenstraße gefunden hat. „Was war mit dieser Hannah Cole, Mister Stanhope?“ „Wir waren drei kleine Schweinchen, die nicht aufgepasst haben“ „Wie bitte?“ fragt Leary. „Kann ich Sie mal kurz draußen sprechen?“ sagt Dillahand, der sich von seinem Platz erhoben hat. „Wenn Sie eine Absprache wollen, müssen Sie warten bis die Staatsanwältin eintrifft. „Das weiß ich doch“, entgegnet Dillahand schnippisch. „Ich habe Jura mit Auszeichnung abgeschlossen und..“ Bevor Leary Dillahand erneut Contra geben kann, fängt Stanhope plötzlich an hysterisch zu schreien. „Gib mir Stan zurück, ich bereue was ich getan habe. Ich habe es Franky gezeigt, er wird sicher sterben, dann hast du deine Rache. Bitte bitte er ist doch nur ein kleiner Junge !!“ „Mister Stanhope was haben Sie denn?“, Leary geht auf Gerry Stanhope zu, um ihn zu beruhigen. Der lässt sich auf die Knie fallen und weint bitterlich. Dillahand sieht seinen Mandanten geschockt an. „Er braucht einen Arzt“, stottert er. In dem Moment geht das Licht aus. „Scheiße, auch das noch“ denkt Leary. Für einen kurzen Moment nimmt er einen beißenden Geruch  ein Gemisch aus Benzin und menschlichen Überresten wahr. „Was ist hier los?“ denkt Leary und will gerade nach Dillahand rufen. Als er Stanhopes markerschütternde Schreie hört. Er will das Licht instinktiv wieder an machen, aber es scheint nicht zu funktionieren. „Bitte beruhigen Sie sich“, ruft Leary in die Dunkelheit dem herzzerreißend brüllenden Stanhope entgegen. „Was geschieht hier?“, jammert Dillahand eingeschüchtert. „Oh nein,“ brüllt Stanhope, „du hast es versprochen!!“ Dann ertönt ein Krachen, so als würde etwas auf die Tischplatte aufschlagen. Dann geht das Licht wieder an. Leary braucht einen Moment um sich zu orientieren, ein Aufschrei von Dillahand bringt ihn ins Hier und Jetzt zurück. Dieser starrt geschockt seinen Mandanten an, der mit seinem Kopf offenbar mehrfach auf die Tischplatte geknallt ist. Unter seinem Kopf breitet sich eine Blutlache aus. „Das ist ein Alptraum“ denkt Detektiv Leary. Er reißt die Tür des Verhörraums auf und brüllt „Wir brauchen einen Arzt“.

 

Gerry würde alles tun um Stan, der aus seinem Leben ausgelöscht wurde, zurückzubekommen. Nachdem er die Nachricht gefunden hatte, glaubte er zu wissen, was zu tun ist. Für Hannah Coles Tod sollten sie alle bestraft werden. Dessen war er sich jetzt völlig sicher. Sein Freund Peter hatte Selbstmord begangen. Diesen Selbstmord sah Gerry jetzt auch mit anderen Augen. Denn er hatte die Kreatur gesehen, die Stan entführt hatte. Er hatte Stan, seinen besten Freund und kleinen Bruder verloren. Das war seine Strafe. Der einzige aus jener Nacht, der noch nicht bestraft worden war, war Franky Oggy. Er war in jener Nacht, als sie Hannah überfahren hatten, so betrunken und high gewesen, dass er nichts mitbekommen hatte. Er glaubte tatsächlich, da war sich Gerry sicher, die Lüge mit dem Reh, die sie ihm erzählt hatten. Er und Peter hatten ihn nicht eingeweiht in die Geschehnisse. Sie hatten ihn zu Hause abgesetzt. Er wohnte allein, deshalb hatte keiner unangenehme Fragen nach dem völlig demolierten Auto stellen können, das sie mit Hilfe eines zwielichtigen Bekannten Peters verschwinden hatten lassen. Oggy hatten sie nachher erzählt, es wäre ihnen ein Reh vors Auto gelaufen, den Wagen hätten sie deshalb verschwinden lassen, um einer unangenehmen Konfrontation mit Gerrys Vater aus dem Weg zu gehen.

Er hatte ihnen geglaubt weil er ihnen glauben wollte. Oggy verschloss sogar nach Peters Selbstmord, die Augen vor der Wahrheit. Er stand Gerry ohnehin immer näher als Peter und war ihm gegenüber stets loyal und loyale Menschen stellen keine Fragen. Gerry wusste aber, dass auch er bestraft werden musste, denn sie alle die in jener Nacht im Wagen gesessen hatten, waren verdammt. Und Teil seiner Verdammnis war es für Oggys Bestrafung zu sorgen und seine Gedanken kreisten ohnehin nur noch um Stan.

Es war ein leichtes gewesen, in Oggys Apartment hineinzukommen. Er hatte ein Küchenmesser von sich zu Hause mitgebracht. Wie mechanisch hatte er auf seinen Freund eingestochen, der auf dem Sofa geschlafen hatte. Jeder Stich, so hoffte er, würde ein Opfer für Stans Rückkehr sein. Immer wieder hatte er Stans  Namen gerufen, während er zugestochen hatte, er war wie in Trance.

Jetzt fand er sich in einem grauen Raum mit meerschaumgrünem Linoleumboden wieder. Neben ihm saß der Anwalt seines Vaters Markus so und so und redete auf ihn ein. Er verstand nicht was er sagte, er dachte nur an Stan und hielt an jeder Erinnerung an ihn fest, wie ein Ertrinkender an einem Stück Sperrholz. Dann sagte der dickliche Detektiv  etwas zu ihm, was ihm in die Realität zurückbrachte. „Er liegt auf der Intensivstation“ „Moment“, dachte Gerry entsetzt. „Wenn er noch lebt, ist meine Schuld noch nicht beglichen.“ Jetzt fing er an alles zu erzählen von Stan und Hannah. Er wollte alles gestehen, um vielleicht doch noch eine Chance zu bekommen Stan zu retten. Doch was aus seinem Mund kam war unverständlicher als er gedacht hatte und sein dämlicher Anwalt fiel ihm dauernd ins Wort.

Auf einmal wurde es dunkel und ein Gestank aus Metall und totem Fleisch erfüllte den Raum, den Gerry nur zu gut kannte. Plötzlich konnte Gerry wieder sehen und das was er sah, war wie ein Blick in die Hölle.

Die riesige magere Gestalt hatte einen rostfarbenen knochigen Körper, seine Köpfe waren deformiert und erinnerten an Sirenen oder Lautsprecher, die groteske Mäuler mit verrotteten Zähnen hatten. Doch es war nicht die albtraumhafte Erscheinung, die Gerry den Verstand raubte, das Monster hatte scheinbar eine Marionette bei sich. Auf den zweiten Blick erkannte er, dass es keine Marionette war, es war Stan. Er trug den Pyjama aus jener Nacht, in der er verschwunden war. Sein Gesicht war leichenblass, die nackten Füße schwarz verfärbt. Sein Mund war so aufgeschnitten worden, dass er sich in ein abscheuliches Grinsen verwandelt hatte, das an den Joker aus Batman erinnerte. Seine einst blauen Augen waren mit einem trüben milchigen Schleier überzogen.

Gerry konnte nicht mehr. Er wollte nichts mehr sehen und nichts mehr fühlen. Die Sinneseindrücke sollten aus seinem Kopf verschwinden, egal was es kostete. Wie in einem Anfall warf er seinen Kopf auf und nieder. Er prallte gegen etwas Hartes und spürte seine Knochen brechen. Doch es war ihm egal. Er sehnte sich danach, diesem grauenhaften Anblick zu entfliehen. Immer wieder schlug er seinen Kopf auf, bis die erlösende Dunkelheit ihn umfing.

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