DämonenMittellang

Alles hat seinen Preis, Teil 2

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Er folgte Jessy nun schon seit 20 Minuten. Sie müssten ungefähr die halbe Strecke geschafft haben. Die Schmerzen in seinem Tattoo verwandelten sich in ein Brennen und langsam kam in ihm das Verlangen auf, es einfach aus seiner Haut zu kratzen. Plötzlich blieb Jessy stehen und starrte in eine dunkle Seitengasse, welche eigentlich nicht zu ihrem Heimweg gehört. Eric blieb immer noch ca. 200 Meter hinter ihr. Das ungute Gefühl in seiner Magengegend bekam langsam Gesellschaft eines in letzter Zeit seltenem Gefühls: Angst.

Jessy ging in die dunkle Gasse und verschwand somit aus Erics Sichtfeld. Er beeilte sich ihr zu folgen und schlich sich langsam an die Hausecke an. Ihre Schritte waren noch deutlich zu hören, plötzlich aber kam nur Stille aus der Gasse. Die Schmerzen seines Tattoos ließen ihm Schweiß über die Stirn laufen. Insgeheim ärgerte er sich aber, dass ihm diese Schmerzen so zu schaffen machten, ohne eigentlich genau zu wissen, welches Leid seine “Auserwählten” ertragen mussten. Er sah vorsichtig um die Ecke, es fiel ihm ein kleiner Stein vom Herzen, als er sah, dass Jessy wohlbehalten in der Mitte eines Hinterhofes stand und sich umsah. Sie musste wohl etwas gehört haben. Wahrscheinlich nur eine streunende Katze.

Erics Pulsschlag normalisierte sich wieder. Nur die Schmerzen ließen ihn grübeln, zurecht, wie sich rausstellen sollte. Ein weiterer Blick in den Hof und sein Blut schien in den Adern zu gefrieren. Jessy noch stand wie wenige Sekunden zuvor in der Mitte des Hofes. Doch unweit von ihr stand in einem schattigen Hauseingang jene Gestalt, welche Eric von seinen Bühnenshows kannte. Noch nie hatte er dieses Wesen außerhalb des Zeitstillstandes gesehen. Aber seine Anwesenheit konnte nichts Gutes bedeuten. Schlagartig schwollen die Schmerzen in seinem Tattoo derart an, dass er der Bewusstlosigkeit nah war. Er konnte kaum klar sehen und sich nur noch auf Knien abstützen, machtlos, irgendwas gegen das nun Folgende zu unternehmen.

Jessy schien das Wesen nicht bemerkt zu haben, vielleicht konnte sie ihn aber auch gar nicht sehen. Er trat aus dem Schatten hervor, dennoch änderte sich ihr Verhalten nicht. Endlich sah Eric das Wesen außerhalb des Schattens. Es war ungefähr 2,20 Meter groß, gebaut wie ein muskulöser Mann. Seine Haut hatte einen dunkelgrauen, matten Farbton. Bekleidet war er nur mit Shorts aus einem abgenutzten, brauen Material und rituell wirkenden Armschmuck. Seine Augen lagen in schwarzen Höhlen, leuchteten aber wie rote Rubine, wenn er einen direkt ansah. Sein außergewöhnlichstes Merkmal war aber sein Kopfschmuck. Eine Krone aus Knochen, verwunden geflochten ähnlich dem rituellen Schmuck einiger Buschvölker. Eric wollte sich gar nicht ausmalen, ob er die Knochen dafür beigetragen hatte.

Das Wesen schnippte einmal mit dem Finger und aus mehreren Richtungen kamen 4 kleinere Wesen, sich auf allen vieren fortbewegend, auf Jessy zu. Diese konnte Sie unmissverständlich wahrnehmen, wie man an ihren Schreien merkte. Die Wesen bewegten sich wie Menschen auf allen Vieren vorwärts, hatten aber ansonsten nicht viel mit diesen gemeinsam. Die Hautfarbe teilten sie sich mit ihrem Herrscher. Ansonsten hatten sie dünne, drahtige Körper. Alle vier “Beine” waren mit langen Krallen ausgestattet. Der Kopf war angelehnt an den einer Ratte, nur mit langer Schnauze, welche jederzeit scharfe Zähne zur Schau stellte. Die Augen leuchteten in einem beängstigenden Grün.

Die vier Wesen umkreisten Jessy und schnitten ihr jeden Ausweg ab. Ihre Panik war förmlich spürbar. Trotz der Tatsache, dass Eric sich vor Schmerzen kaum rühren konnte, spürte er den Stich in seinem Herzen aufgrund der Hilflosigkeit in dieser Situation. Eines der Wesen sprang Jessy an und warf sie zu Boden. Ihr Schrei war schrill und laut, verstummte aber sofort, als ihr Kopf hart auf den Boden aufschlug. Die vier Wesen packten ihre Gliedmaßen und zogen den bewegungslosen Körper zu ihrem Meister, welcher ein Zeichen gab, diesen in den dunklen Hauseingang zu ziehen, in welchem er zum ersten Mal in Erscheinung trat. Die Dunkelheit schien die Wesen samt ihrer Beute zu verschlingen.

Der “König” wandte im Gehen einen letzten Blick in Erics Richtung. Ihm war bisher nicht klar gewesen, dass er entdeckt worden war. Ihre Blicke trafen sich und die leuchtend roten Augen stachen ihm direkt in den Verstand. Mit seiner bedrohlichen Stimme, welche Eric teils in seinen Träumen heimsuchte, sprach er folgende Worte: “Alles hat seinen Preis. Niemand betrügt den Khai!”. Dann verschwand er in dem dunklen Hauseingang wie im Nichts. Keine Anzeichen deuteten mehr darauf hin, was sich hier soeben abspielt hatte.

Augenblicklich waren die Schmerzen in Erics Arm fort. Eine Linderung war dies aber nur kurz. Kaum hatte sich sein Verstand aufgeklart, prasselten Gefühlsregungen auf ihn ein, welche in seinem Gedächtnis schon lange verdrängt worden waren. Schuld, Wut und Verzweiflung waren hier vorrangig. Er brach am Boden zusammen, Tränen in den Augen und aufsteigende Übelkeit im Magen. Die Situation setzte ihm so zu, gleichzeitig die Gewissheit, dass dies nach jeder Show passierte, während er sich hinter der Bühne feiern ließ. Wieviele Menschen hatte Eric schon geopfert, ohne sich nur mal ernsthaft Gedanken zu machen. Er brach schlussendlich in sich zusammen. Dem Gefühlsansturm konnte er nichts entgegensetzen.

Mit dem ersten Lärm des Morgens kam seine Wahrnehmung langsam zurück. Mit ihr auch das Gefühl, sich einfach elend zu fühlen. Er musste handeln, besser heute als morgen. Sein erster Gedanke, während er sich aufrappelte, war, mehr über Jessy herauszufinden. Dazu trat er in Kontakt mit David, seinem Manager und Tour-Promoter. Er brauchte mehr Daten über Jessy, und  David war für das Gewinnspiel verantwortlich, also sollte er diese haben.

David wartete zwei Stunden später in einem kleinen Café in der Innenstadt. Die beiden hatten seit Beginn der Touren vor etwas über anderthalb Jahren viel zusammen erlebt. Aber niemand würde sie als Freunde bezeichnen. Klar gingen sie nach erfolgreicher Show oft zusammen in irgendwelche Klubs. Aber ansonsten sahen sie sich privat kaum. Beide wussten, dass sie voneinander abhängig waren. Eric brauchte jemanden, der sich um das Marketing und die Tour kümmerte. David wusste ebenso, der beste Jockey bringt nichts, wenn das Pferd tot ist. Dementsprechend war ihr Verhältnis fast ausschließlich geschäftlich. Das war Eric auch ganz wohl so. David wusste auch nichts davon, wie Eric seine Tricks zustande brachte, ihm wäre es schwerer gefallen, seinen “einzigen Freund” zu belügen, anstatt nur seinen Manager.

Er stolperte mehr in das Café, als dass er ging. Die letzte Nacht hatte Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Er bestellte sich einen Kaffee, bevor er sich zu David setzte. Mit einer Handbewegung machte er diesem klar, keine Witze über zu harten Alkoholkonsum oder Frauengeschichten der letzten Nacht zu machen. Davids Grinsen sprach dabei seine eigene Geschichte. Eric kam umgehend zur Sache, stammelte eine kurze Story wie eine verliebter Teenager und bat David, in seinen Emails nachzusehen, welche Daten von der Gewinnspiel-Teilnehmerin denn vorhanden waren, da er diese gerne wiedersehen würde. Die Aussage war nicht mal vollends gelogen. “Eric, jeder im Internet unterzeichnet mindestens drei Datenschutzverordnungen pro Tag, dass sein Daten nicht zweckentfremdet werden”, fing David mit Augenzwinkern einen Monolog an. “Aber für Houdini 2 würde sicher jede Frau eine Ausnahme machen”, beendete er diesen auch. Er fing aber an zu grübeln und führte fort: “Ich weiß, ich soll nichts über deine letzte Nacht sagen, aber sie hat deinem Gedächtnis nicht gut getan. Du erinnerst dich sicher, dass wir die Idee mit dem Gewinnspiel gleich wieder verworfen haben, da wir die Plätze gewinnbringend verkaufen wollten, oder? Außerdem waren uns die rechtlichen Grundlagen zu abschreckend.”

Zum Glück hatte Eric noch nichts von seinem Kaffee probiert, sonst hätte er diesen wieder von sich gegeben. Die Aussage von David stimmte vorne und hinten nicht. Er erinnerte sich noch daran, wie beide mit dem Rechtsanwalt am Tisch saßen und die Details der Auslosung geklärt hatten. Ebenso wusste er davon zumindest die Adresse, zu welcher Jessy wollte. Die letzte Nacht war hart, aber in diesem Punkt war er sich 1000 prozentig sicher. Ohne große Umschweife stand er auf, nahm seinen Kaffee mit sich und verließ schlagartig das Café. Auch die Einwände der Kellnerin, dass er keinen To-Go-Becher hatte, nahm er nicht mal annähernd zur Kenntnis. Zum Glück konnte er sich Daten gut merken und machte sich auf zu der Straße, in welcher laut seinem Gedächtnis seine “Auserwählte” wohnen sollte. Er nahm die U-Bahn und lief den Rest wie ferngesteuert. Glücklicherweise hatte sich sein Verstand vorübergehend abgemeldet und er musste sich nicht der Frage stellen, wie abscheulich sein Handeln eigentlich war.

Er kam auch schnell an der gesuchten Adresse an, einem normal aussehendem Wohnblock in einem gehobenem Arbeiterviertel. Die Anspannung wuchs wieder in ihm. Er hatte keine Ahnung wie, hoffte aber immer noch auf einen guten Ausgang der Geschichte. Die zerschlug sich aber schon zum Teil bei der Betrachtung der Klingeln und Briefkästen. Kein Name entsprach dem der Gewinnerin Jessy. Glücklicherweise ging gerade die Eingangstür auf und eine ältere Dame kam ihm freudestrahlend entgegen. Sofort merkte sie ihm sein Unbehagen an und fragte, wie sie helfen könne. Er kam auch hier schnell und ohne Umschweife auf den Punkt, ob sie eine junge Dame mit blonden, schulterlangen Haaren, zauberhaftem Lächeln und hellgrünen Augen kenne, welche Jessy hieße und hier wohne. Bei seiner eigenen Aufzählung versank er fast in Gedanken daran, sie wiederzusehen. Und sogleich kamen die Sorgen zurück, dass er doch an allem Schuld war. Halb in Trance bekam er die Antwort der Dame mit: “Ich wohne seit 15 Jahren hier. Der Weg zum Supermarkt ist nur sehr kurz, die Mieten gering und die Verkehrsanbindung ist so gut, dass ich meine Enkel jederzeit sehen kann.” Eric war sich gar nicht sicher, ob er das alles gefragt hatte. Aber typisch, wie ältere Menschen sind, bekam er trotz seines Lebens “Illusionist” doch noch mit. Nun setzte die Frau zu dem wichtigen Teil ihrer Aussage an: “Aber in den vergangenen 5 Jahren ist hier niemand ein- oder ausgezogen, welcher nicht annähernd in meinem Alter war. Ich kenne alle meine Nachbarn, aber niemand entspricht deiner Beschreibung. Und niemand hat ein Kind oder Enkelkind, welches der Beschreibung der Dame entspricht. Aber ich hoffe sehr, du findest sie. Das Feuer in deinen Augen spricht Bände.” Eric bedankte sich freundlich, auch wenn sein Verstand versuchte, alles zu verarbeiten, was eben passiert war. Es war, als hätte es die Person nie gegeben. Leider konnte er das bei seinen anderen “Auserwählten” nicht nachvollziehen, da ihm die Persönlichkeiten, welche hinter seinen spektakulären Shows standen, nur einen Dreck wert waren. Er hätte sich bei der Feststellung am liebsten selbst geschlagen. Aber das hätte niemandem geholfen.

Eric erinnerte sich an die letzte Nacht zurück. “Niemand betrügt den Khai”, hatte ES gesagt. Er nutzte sein Smartphone, um etwas über das Wesen herauszufinden. Aber alles, was er bekam, war eine Übersetzung, dass “Khai” Thailändisch für “Verkäufer” war. Aber das half ihm nicht. Ein kleiner Stich in seinem Arm, das Tattoo machte wieder irgendwas. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er musste das Wesen, den Khai, finden und es zur Rede stellen. Und wie er das Wesen erreichte, wusste er nur zu gut. Seine Abgebrühtheit, welche ihm alles in den letzten zwei Jahren hatte erreichen lassen, aber auch an den Rand des Abgrundes geführt hatte, meldete sich wieder zurück. Er zog sein Smartphone aus der Tasche und wählte eine Nummer. Bevor der andere sich melden, konnte sprach er: “David, heute Abend eine Privatvorstellung. Besorg eine kleine Halle und maximal 15 Zuschauer. Wie du das anstellst, ist deine Sache. Schick mir die Adresse, wir sehen uns dann dort!” Eric hatte einen festen Plan. Doch zu was dieser führen würde, war ihm in dem Moment selbst nicht ganz klar. Denn niemand betrügt den Verkäufer….

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