LangeMord

„Betreten verboten!“

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

== Inhaltsverzeichnis ==
Teil 1: „Betreten Verboten!“

Teil 2: „Betreten Verboten!“ – DIe nächste Generation

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== Eine gute Idee? ==

„Seid ihr sicher, dass das ’ne gute Idee ist?“

„Ach, sei kein Schisser! Was soll schon passieren?“ Marcus wirkte so sicher und arrogant wie eh und je.

„Na dann mal los“, sagte Mandy darauf und musterte den Zaun vor sich. „Sollte kein Problem sein, hilf mir mal kurz!“ Der angesprochene Marcus kam sofort herbei und gab ihr Hilfestellung. damit sie über den Zaun klettern konnte. Oben angekommen, sprang sie auf der anderen Seite wieder hinab. „Jetzt ihr.“

Vince kletterte kommentarlos und ohne Hilfe über den Zaun. Drüben angekommen musterte er die Umgebung und drehte sich kurz darauf wieder um. Ein knappes Nicken bestätigte Melissa das alles in Ordnung zu sein schien, auch wenn sie immer noch ein ungutes Gefühl bei der Sache hatte.

„Hey, wird’s bald?“, drang Marcus Stimme zu ihr durch.

Sie musterte ihn und erkannte, dass er bereits auf sie wartete, um ihr ebenfalls rüber zu helfen. Melissa spürte regelrecht den brennenden Blick von Mandy auf sich, sie musste nicht einmal zu ihr herübersehen.

„Nein schon gut, ich schaff das auch alleine“, antwortete sie und ging auf den Zaun zu. Bevor sie jedoch rüber kletterte, fiel ihr Blick ein letztes Mal auf das Schild an dem Zaun:

Betreten verboten!, sagte es klar und deutlich.

Worauf habe ich mich da nur eingelassen…, dachte sie nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Dennoch kletterte sie ohne weiteres Zögern mühevoll über den Zaun und sprang auf der anderen Seite wieder hinab. Gleich darauf landete Marcus neben ihr.

„Dann lasst uns mal gehen“, sagte dieser mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht und ging selbstsicher auf das alte, baufällige Gebäude zu. Mandy folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Melissa sah sich nach Vince um, bevor sie den beiden Turteltäubchen folgte. Er stand immer noch an selber Stelle und musterte die alte Schule, die sie erkunden wollten. „Alles ok bei dir?“

„Sicher“, antwortete der wortkarge Vince und ging an ihr vorbei. „Und bei dir?“

„Ja, natürlich“, erwiderte sie, ohne es selbst zu glauben. Vince nickte und auch wenn Melissa sich nicht sicher sein konnte, hatte sie das Gefühl, das er ganz genau wusste, dass nicht alles in Ordnung war.

Anfangs hatte Melissa noch gedacht, dass es eigentlich nach gar keiner so üblen Idee klang. Zu viert eine alte, lange verlassene Schule zu erkunden, versprach interessant zu werden. Es war Marcus Vorschlag gewesen, er hatte sie erst vor drei Tagen geäußert und Heute standen sie schon hier und zogen es tatsächlich durch. Sie konnte den Kerl zwar nicht ausstehen, aber er war nun mal der Freund von Mandy und diese ihre beste Freundin. Zumindest hoffte Melissa, das dem noch so war. Sie kannten sich seit Jahren, aber seit ihre Freundin Marcus kennen gelernt hatte, hatte sie sich verändert.

Na ja, wenigstens einer wird sich nie verändern, dachte sie und blickte Vince dabei hinterher, der einige Schritte vor ihr lief. Auch ihn kannte sie schon seit einigen Jahren, war sich allerdings bis heute nicht sicher, in welcher Beziehung sie zueinanderstanden. Sie unternahmen zwar viel zusammen, aber der junge Mann war wegen seiner stillen und ruhigen Art schwer zu deuten. Warum er sich bereiterklärt hatte heute mit zu kommen, wusste Melissa auch nicht. Soweit sie es beurteilen konnte, konnte er Marcus ebenfalls nicht ausstehen und mit Mandy hatte er eher wenig zu tun.

Er wird seine Gründe haben, wer kann schon sagen, was in seinem Kopf vor sich geht…, dachte sie leicht frustriert.

Heute Morgen war sie noch voller Vorfreude auf den Abend gewesen, doch nun da sie tatsächlich auf die alte Schule zugingen, war sie sich ihrer Sache nicht mehr so sicher. Sie hatte das Gebäude schon oft bei Tag gesehen und sich immer gefragt, wie es im Inneren wohl aussehen mochte. Doch nun hatte sich die Schwärze der Nacht über das Land gelegt und Melissa’s Neugier über das Innenleben der Schule, war deutlich geschrumpft.

Sie hatte keine wirkliche Angst, weder vor der Dunkelheit, noch davor das jemand oder etwas in der Schule auf sie lauern könnte, aber aus irgendeinem Grund hatte sie einfach ein schlechtes Gefühl. Ihr Magen verkrampfte sich, je näher sie der Schule kam – der Hof wirkte bei Nacht wesentlich größer, als Melissa ihn in Erinnerung hatte – sie hatte, das Gefühl die Fenster des Gebäudes würden sie anstarren, sie glaubte, zwischen dem hochgewachsenem und lange nicht mehr gestutztem Unkraut um sich herum Schemen erkennen zu können.

Mach dich nicht selbst verrückt!, ermahnte sie sich und zog ihr Tempo etwas an um mit Vince aufzuholen.

== Das Fenster ==

„Ach verdammt!“, rief Marcus frustriert aus und hämmerte seine Faust gegen die Tür vor sich.

„Was ist denn los?“, fragte Melissa verwirrt, als sie gerade bei Marcus und Mandy ankam, die die Eingangstür wesentlich schneller erreicht hatten als sie und Vince.

„Abgeschlossen“, erwiderte Marcus knapp.

Ist das wirklich so tragisch?, fragte sich Melissa, als sie sich umsah. Ihr Magen war noch immer verkrampft und sie zweifelte immer mehr an dieser „tollen Idee“ die sie da gehabt hatten.

„Hey, sieh mal dort drüben“, sagte Mandy und riss Melissa wieder aus ihren Gedanken. Ihre Freundin zeigte auf ein Fenster weiter links, dass im Gegensatz zu den anderen hier unten, nicht mit Brettern zugenagelt worden war.

Oh verdammt… stumm verfluchte Melissa ihre Freundin für ihren Fund, als sie den begeisterten Blick von Marcus wahrnahm.

„Sehr schön, das ist unsere Eintrittskarte. Los gehen wir!“ Er machte sich ohne Umschweife auf den Weg zu dem Fenster. Da es etwas höher lag, brauchte es einen beherzten Sprung seinerseits, um den Sims zu erreichen. Marcus zog sich nach oben und verschwand in der Finsternis. Danach: Stille. Melissa hatte erwartetet, ihn gleich darauf wieder im Fenster stehen zu sehen, damit er ihnen half, hinein zu gelangen, aber er kam nicht wieder hervor.

Mandy reagierte als Erste. „Marcus? Hey, ist alles ok bei dir?“ Keine Antwort.

Was wenn auf der anderen Seite kein Boden ist? Wenn Marcus einfach gefallen ist? Aber dann hätten wir doch den Aufprall hören müssen, oder? Melissa war sich alles andere als sicher und Panik ergriff ihr Herz. Wenn Marcus tatsächlich direkt in den Keller gefallen war, konnte unmmöglich vorhergesagt werden, in welchem Zustand er sich befand. Hatte er sich nur ein Bein gebrochen, oder direkt das Genick? Sie wusste, dass sie nicht so weit denken sollte, aber sie hatte schon immer die Angewohnheit besessen, alles ins Extreme zu ziehen.

„Marcus, Marcus wenn du uns hörst, dann sag etwas!“, rief nun Melissa, die im Gegensatz zu Mandy aus ihrer Trance erwacht war und die Situation realisierte. „Verdammt, wir müssen einen Krankenwagen rufen! Vince?“ Sie sah erwartungsvoll zu Vince rüber, da ihre Freundin immer noch zu dem Fenster starrte. In ihrem Blick lag nur Unglauben. Ihr Gesicht war aschfahl.

Vince hingegen sah Melissa mit beruhigendem Blick an und schüttelte den Kopf.

„Was soll das bedeuten?!“, fragte Melissa ungläubig. Doch anstatt zu antworten, nickte der junge Mann nur in Richtung des Fensters. Als sie herüber sah, war dort allerdings nichts.

Sie drehte sich wieder zu Vince um, der erwartungsvoll zum Fenster starrte. “Was hat das zu bedeuten? “Verwirrt sah Melissa erneut nach oben und wartete. Sie konnte nicht sagen woher, aber Vince schien mehr zu wissen als sie und sie vertraute seinem Urteil.

Plötzlich erschallte ein lauter Schrei und kurz darauf erschien Marcus bullige Gestalt in dem Fenster. Er hatte die Arme nach oben gestreckt und sich eine alberne Halloweenmaske aufgesetzt. Weder Melissa noch Vince reagierten auf diese kleine Showeinlage, lediglich Mandy schrie sich die Seele aus dem Leib.

Du verdammter Idiot…, dachte Melissa und fragte sich im gleichen Moment, woher Vince es gewusst hatte.

Nachdem Mandy sich beruhigt hatte, war nur noch das schallende Gelächter von Marcus zu hören. Er hatte sich die Maske abgenommen und wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen!“, rief er begeistert und zeigte dabei auf seine Freundin. Diese sah ihn unverständlich an, schüttelte den Kopf, machte kehrt und rannte davon.

Melissa sah zu Marcus hinauf. „Das hast du ja super hinbekommen!“, stieß sie empört aus und rannte hinter ihrer Freundin hinterher.

Weit war Mandy nicht gekommen. Melissa hatte sie schnell eingeholt und fand sie schluchzend, die Hände im Gesicht vergraben und auf einem Stein sitzend wieder. Sie legte ihre Hand auf Mandy’s Schulter und versuchte sie zu beruhigen.

„Dieser verdammte Idiot!“, stieß das vor Wut bebende Nervenbündel hervor. „Ich dachte wirklich, dass ihm etwas passiert wäre!“

„Ich weiß, ich dachte auch, dass er sich verletzt hätte. Vergiss den Typen einfach!“

„Das sagst du so einfach… tut mir leid, dass ich dich und Vince hier rein gezogen habe. Ich weiß ich war in letzter Zeit nicht gerade die beste Freundin…“ Bevor Melissa etwas erwidern konnte, hörte sie schon eine vertraute und mittlerweile verhasste Stimme.

„Hier seid ihr ja!“, schnaufte Marcus, als wäre es nicht seine Schuld, dass Mandy weggerannt war. Diese warf ihm einen vernichtenden Blick zu, woraufhin er kapitulierend die Hände in die Luft riss. „Ok, es war scheiße von mir, tut mir leid, ok?“

„Nein, es ist nicht ok“, erwiderte die andere, „aber scheiß drauf, lass uns das hier endlich zu Ende bringen und dann wieder verschwinden.“ Sie erhob sich und stapfte wütend in Richtung Schule davon.

„Was hat sie denn?“, flüsterte Marcus und lief ihr mit langsamen Schritten hinterher.

Bist du wirklich so dumm oder tust du nur so?, fragte Melissa sich, behielt es aber für sich. Mit dieser Art Kerl konnte man eh nicht vernünftig reden.

== Der Sturz ==

„Habt ihr alle eure Taschenlampe?“, fragte Melissa, während sie ihre eigene anknipste. Zur Antwort folgten drei weitere Lichtstrahlen die, die langen Gänge der Schule erhellten. Auch wenn es ihr absolut gar nicht in den Kram passte, hatten sie sich tatsächlich dazu entschieden trotz des letzten Ereignisses in die Schule zu gehen. Vince hatte unter dem Fenster stehend auf sie alle gewartet, als hätte er gewusst das sie wiederkommen würden und dann waren sie einer nach dem anderen durch das Fenster gestiegen.

Melissa beleuchtete den Boden unter sich, er war mit einer dicken Staubschicht bedeckt, aber noch in recht gutem Zustand. “Eingestürzt ist er erst recht nicht, kein direkter Weg in den Keller…, “dachte sie und musterte Marcus mit einem bösen Blick. Dieser bekam davon jedoch nicht viel mit, da er sich bereits auf den Weg tiefer in das Gebäude machte, ohne darauf zu achten ob ihm jemand folgte oder nicht.

Arschloch…, dachte Melissa verächtlich und folgte ihm wiederstrebend, da Mandy und Vince es ebenfalls taten.

Besagtes Arschloch bog nach links in einen der vielen Klassenräume ab und die anderen taten es ihm gleich. Ihre Taschenlampen erhellten den dunklen Raum zwar, reichten aber bei weitem nicht aus, die Dunkelheit vollkommen zu verdrängen und in diesem Moment fiel Melissa, das erste Mal auf wie still es hier drinnen eigentlich war. Während sie draußen noch die typischen Geräusche der Nacht gehört hatten, herrschte hier drinnen nur drückende und beklemmende Stille. Sie hatte sich sogar unter ihnen ausgebreitet, denn es schien so als wolle niemand hier im Innern der Schule ein Wort verlieren, als wäre das Brechen der Stille ein Verbrechen.

„Irgendwie unheimlich…“, flüsterte Mandy und erst jetzt, da sie gesprochen hatte, fiel Melissa auf, dass sie die ganze Zeit in der Tür zu dem Klassenraum gestanden hatten, ohne sich vom Fleck zu rühren.

„Ich bin ja da um dich zu beschützen“, sagte Marcus großkotzig und machte den ersten Schritt in den Raum hinein.

Ein lautes Krachen ertönte und der Boden unter ihm gab plötzlich nach. Er fiel einfach in ein Loch hinein, bevor er durch den Umstand seines breiten Oberkörpers gestoppt wurde. Das Einzige was noch von ihm zu sehen war, waren seine Arme und sein Kopf.

„Verdammte Scheiße!“, schrie Marcus wutentbrannt und versuchte sich irgendwie nach oben zu ziehen, scheiterte aber dabei, da der Rest des Bodens der nicht eingestürzt war, ihn zu sehr einengte. „Könnte mir bitte mal jemand helfen!“, rief er schließlich, doch weder Melissa noch Mandy zeigten sich bereit sofort einzugreifen.

Sie hatten sich halb zu Tode erschrocken, als der Boden eingestürzt war, aber nacdem sie den ersten Schock überstanden hatten, hatten sie sich grinsend angesehen und heimlich über Marcus amüsiert.

Geschieht dir ganz recht, dachte Melissa bei sich, ehe sie sagte: „Na kommt, wir können ihn ja nicht ewig da hängen lassen.“ Mandy musste sich sehr zusammenreißen bei dem Wortwitz nicht lauthals zu lachen.

Sie machten einen Schritt auf Marcus zu, stoppten aber gleich darauf, als Vince hinter ihnen rief: „Halt!“

Melissa drehte sich um und sah ihn verwundert an. „Was, warum denn?“ Doch ihre Frage beantwortete sich von alleine, als weitere knackende und krachende Geräusche ertönten.

Melissa sprang erschrocken in Vince Richtung. Mandy tat es ihr gleich. Erschrocken drehten sie sich zu Marcus um, der mit einem lauten Schrei gänzlich nach unten fiel, als der Boden restlos nachgab.

„Oh mein Gott!“, schrie Mandy. Dieses Mal war der Schock ernst.

Marcus schrie noch immer, doch nicht mehr aus Angst oder Wut, sondern aus puren Qualen. Die Schreie waren unerträglich und Melissa wollte gar nicht wissen, was geschehen war, was er sich bei dem Sturz gebrochen hatte. Dennoch nahm sie allen Mut zusammen und trat so nah wie sie sich traute an das Loch heran, sie nahm ihre Taschenlampe um hinab in die Finsternis leuchten zu können.

Was zum?! Melissa verstand die Welt nicht mehr, was sie sah, ergab keinen Sinn. Sie sah Marcus, er windete sich unter Schmerzen hin und her, zappelte und schrie sich die Seele aus dem Leib. Er blutete aus etlichen Wunden und es wurden immer mehr. Das war es jedoch nicht, was Melissa so schockierte. Viel mehr erschrak sie über den Umstand, dass der bullige Mann in der Luft zu hängen schien. Der Boden lag noch einige Meter unter ihm, doch er fiel nicht weiter. “Wie ist das möglich? “Und dann erkannte sie es.

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Mandy sich neben sie gestellt hatte und nun ebenfalls herabblickte. Sie schrie laut auf. „Was passiert mit ihm? Warum hängt er in der Luft?!“ Melissa hatte keine Zeit es ihr zu erklären und selbst wenn, so wollte sie ihre Freundin vor der schrecklichen Wahrheit bewahren.

„Sieh dort nicht hin! Ruf lieber einen Krankenwagen!“ Melissa versuchte so ruhig wie möglich zu klingen, doch es gelang ihr kaum. Dennoch tat Mandy, was sie ihr gesagt hatte.

„Bleib bei ihr!“, sagte Melissa zu Vince, der zur Bestätigung nickte. Sie selbst wandte sich wieder dem immer noch schreienden Marcus zu, sie musste ihn irgendwie dazu bringen sich zu beruhigen. Er dürfte sich nicht mehr als nötig bewegen, bis Hilfe da war, sonst würde er diese Nacht nicht überleben…

„Marcus! Marcus, hör mir zu!“, schrie Melissa hinab in dem Verusch sein schmerzerfülltes Gebrüll zu übertönen. Dieser jedoch schien sie nicht zu hören, er windete sich weiter hin und her, während die Wunden sich immer weiter ausbreiteten und mehr Blut floss.

„Marcus, du musst dich beruhigen! Ich weiß dass es weh tut, aber wenn du nicht still bleibst…“ Sie wollte es nicht aussprechen, schon um Mandy nicht noch mehr zu ängstigen. Marcus jedoch reagierte noch immer nicht. Mit jeder Sekunde, die verging, schnitten die hauchfeinen Drähte – aus welchem Material sie auch immer bestanden – sich tiefer in sein Fleisch und verursachten mehr Wunden. Vermutlich würde er nicht einmal dann überleben, wenn er still liegen blieb. Sein Eigengewicht würde dafür sorgen, dass die Drähte sich auch dann in sein Fleisch gruben.

„Hilfe ist unterwegs, halte durch!“, rief Melissa nach unten. War er ruhiger geworden? Oder verließen ihn nur seine Kräfte? Die junge Frau vermochte es nicht zu sagen, sie wollte auch nicht darüber nachdenken. Sie rief einfach weiter nach unten, auch wenn es rein gar nichts brachte, und hoffte darauf, dass dieser Alptraum bald enden würde.

== Flucht ==

Ruhe. Totenstille. Die Schreie waren verstummt.

Melissa konnte es nicht glauben. Sie stand noch immer vor dem Loch und blickte auf den reglosen Körper von Marcus. Es war erst einige Sekunden her, doch es schien ihr so, als wären schon Stunden vergangen.

Marcus Schreie waren mit der Zeit immer leiser geworden, seine Bewegungen immer ruhiger. Irgendwann hatte er einfach gänzlich aufgehört sich zu rühren.

„Warum bewegt er sich nicht mehr?“ Melissa sah zu ihrer Freundin rüber, die nun wieder neben ihr stand und ebenfalls in das Loch hinab blickte. „Mandy…“

„Nein…“ flüsterte sie, „sag, dass das nicht wahr ist.“ Melissa wollte nach ihrer Freundin greifen, wollte sie in den Arm nehmen, trösten und dann von diesem grässlichen Ort verschwinden. Doch diese war schneller, erneut machte sie kehrt und rannte davon.

„Mandy!“, schrie Melissa ihr hinterher. Sie wollte nicht, dass ihre Freundin dasselbe Schicksal ereilte wie Marcus.

Während sie zu ihm herabgeblickt und versucht hatte ihn zu beruhigen, waren ihr tausende Gedanken durch den Kopf geschossen, doch nur einer davon war wirklich von Relevanz. Es handelte sich um eine einzige Frage: Wer war hierfür verantwortlich?

So unglaublich es auch klang, aber Melissa war sich darüber bewusst, dass jemand diesen Raum vorbereitet hatte. Jemand hatte den Boden sabotiert und die Drähte in dem Kellerraum darunter angebracht und das im vollen Bewusstsein darüber, das irgendwann irgendjemand hierher kommen würde um dort hinein zu fallen. Diese Tatsache bedeutete aber auch, dass die Möglichkeit für weitere Fallen in diesem Gebäude bestand…

Melissa sprintete aus dem Klassenraum hinaus und sah Mandy hinterher. Sie rannte gerade in die entgegengesetzte Richtung, wie die durch die sie gekommen waren. Ihrer Freundin hinterherrennend, fiel der jungen Frau auf, dass Vince verschwunden war. Er hatte nicht mehr vor dem Klassenraum gestanden und war auch sonst nirgends zu sehen gewesen.

Hoffentlich ist ihm nichts passiert…, dachte Melissa, während sie vor sich so gut es ging, den Weg erleuchtete, um nicht in irgendwelche Überraschungen zu treten.

Mandy legte ein schnelles Tempo vor und Melissa spürte schon bald den Unterschied zwischen sich und ihrer Freundin, die im Gegensatz zu ihr als sehr sportlich bzeichnet werden musste.

Das panische Mädchen rannte von einem Gang in den nächsten, bog rasant um die Ecken und scheute auch nicht davor die höheren Stockwerke aufzusuchen. Sie stand offensichtlich unter Schock und war sich nicht darüber klar, was sie tat. Sie wollte einfach nur weg, weg von diesem Ort, weg von diesem Alptraum, weg von Marcus… Melissa wollte nichts anderes, aber wie sollte sie ihrer Freundin das bewusst machen, wenn sie sie nicht einholen konnte?

Plötzlich ertönte vor ihr ein lauter Schrei. Sie sah den Schemen von Mandy zu Boden fallen. “Nein!, “dachte sie und nahm ihre letzte Kraft zusammen, um zu ihrer Freundin zu kommen. Als der Lichtstrahl der Lampe auf ihren Körper fiel, zuckte Melissa erschrocken zurück.

Mandy’s linkes Bein steckte in einer Bärenfalle fest, welche sich tief darin hineingegraben hatte. Sie selbst versuchte, sich mit Hilfe ihrer Arme weiter zu ziehen. Überraschenderweise schrie sie nicht, sondern keuchte nur laut und versuchte den Schmerz offensichtlich zu ignorieren.

„Mandy, beweg dich nicht, wir müssen dich irgendwie von diesem Ding befreien.“ Endlich reagierte ihre Freundin wieder auf Melissa, sie drehte sich um und blickte ihr in die Augen. Tränen rannen ihr die Wange herab.

„Wie konnte das nur passieren? Was ist hier los?!“, schrie sie, ergab sich ihrer Trauer und ihrem Schmerz.

Melissa bückte sich zu ihr herab. „Wir schaffen das ok? Wir kommen hier schon wieder raus. Alles wird wieder gut“, verischerte sie, ohne es wirklich selbst zu glauben.

„Nein, nein das wird es nicht!“ Mandy riss erschrocken die Augen auf und hielt den Atem an.

„Was?“, flüsterte die andere, ein eiskalter Schauer jagte ihr den Rücken hoch.

„Hinter dir…“

Nicht lange zögernd, drehte Melissa sich um und wich dabei einen Schritt zurück. Ein Mann stand vor ihr, nur wenige Meter entfernt. Es war jemand, den sie nur zu gut kannte, obgleich sie sein Gesicht in diesem Moment nicht sehen konnte, da ihm die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht hing.

„Warum?“, flüsterte Melissa, doch Vince antwortete nicht. Stattdessen hob er die Feuerwehraxt in seiner rechten Hand und kam einen Schritt auf sie zu.

Melissa musste sich entscheiden. Sie konnte nun versuchen ihre Freundin zu retten, in dem sie sie hinter sich her zog, oder aber sie rannte einfach weg und versuchte ihr eigenes Leben zu retten. Mit dem zusätzlichen Gewicht von Mandy, würden sie nicht weit kommen, das wusste sie. Insbesondere da ihre Freundin nicht einmal laufen konnte.

Es tut mir leid…, dachte Melissa, drehte sich um und rannte davon. Sie versuchte nicht darauf zu achten, aber durch die Stille die hier herrschte, war es unmöglich, das dumpfe, schlagende Geräusch der Axt nicht zu hören, als sie durch den Körper von Mandy fuhr und ihr Leben aushauchte.

== Entscheidung ==

Melissa rannte so schnell es ihre Beine erlaubten. Sie rannte, ohne zu wissen, wohin, aber das war egal. Überleben war in diesem Moment alles, was zählte. Marcus und Mandy waren gestorben und sie hatte nicht vor dieses Schicksal zu teilen. Sie wusste nicht, was in Vince gefahren war und warum er so etwas Schreckliches tun sollte. Hatte sie sich wirklich so sehr in ihm getäuscht? Hatte er seine wahre Natur wirklich so gut verbergen können, dass sie es jahrelang nicht gemerkt hatte? Melissa wusste es nicht, sie wusste überhaupt nichts mehr.

Als sie die Treppen erreichte, stieg die Hoffnung in ihr auf, hier tatsächlich lebend raus zu kommen. Sie musste nur ins Erdgeschoss kommen, das Fenster finden, über den Hof rennen, den Zaun erklimmen und so schnell es ging von hier verschwinden. “Wo ist das verdammte Fenster?! “Sie hatte keine Zeit lange darüber nachzudenken, einfach weiter rennen!

Ihre Taschenlampe leuchtete ihr den Weg und schon bald kam sie an dem Klassenraum vorbei, in dem Marcus durch das Loch gefallen war. “Nur noch ein paar Meter!, “dachte sie voller Hoffnung, doch dann sah sie ihn. Der Schemen von Vince befand sich genau vor dem Fenster, ihr Weg raus aus dieser Hölle.

Melissa wusste, dass sie vermutlich keine Chance hatte, aber andererseits war das Fenster der einzig ihr bekannte Weg hier raus. Zudem fiel ihr noch etwas anderes auf, als sie sich Vince näherte: Er trug keine Axt mehr bei sich.

Er stand nur da, den Kopf nach vorn geneigt und den linken Arm gerade erhoben. Melissa ging mit festem Willen auf ihn zu. Sie würde hier nicht sterben, sie würde sich nicht von ihm aufhalten lassen. Je näher sie ihm kam, desto mehr hatte sie das Gefühl, das etwas nicht stimmte. Sie hatte den Strahl ihrer Taschenlampe direkt auf ihn gerichtet und ging auf ihn zu, doch er bewegte sich keinen Millimeter. Zudem trug er seinen Pullover nicht mehr, was Melissa jedoch am meisten störte, war, dass er die Axt nicht mehr bei sich hatte. Wollte er sie, mit bloßen Händen umbringen? Verschaffte ihm das den größeren Kick?

Nur noch einige Meter trennten sie von Vince. Er rührte sich noch immer nicht, dann erkannte sie es.

Nein… das kann nicht sein… wer ist dann der Kerl der… Melissa beschleunigte ihren Schritt, sie musste einfach Gewissheit haben. Als sie vor Vince stand, erkannte sie es. Er war schon nicht mehr am Leben. Dieselben Drähte die Marcus den Tod gebracht hatten, hielten nun seinen Leichnam in Position, da sie an der Decke über ihm angebracht worden und um seinen Körper – insbesondere seinen linken Arm – geschnürt waren.

Melissa musste ihre Tränen unterdrücken. Sie hatte Mandy und Vince verloren und Letzteren auch noch beschuldigt, der Täter zu sein. Sie wollte nur noch hier raus und wandte sich bereits dem Fenster zu. Doch dann fiel ihr Blick noch einmal auf den Leichnam ihres toten Freundes, sein Arm zeigte in die linke Richtung, weg von dem rettenden Ausgang.

Will mir der Killer damit etwas sagen? Hält er mich tatsächlich für dumm genug, schnurstracks in die nächste Falle zu rennen?

Sie wandte sich wieder zum Fenster zurück und sah hinaus in die dämmrige Nacht, die bereits begann dem Morgen zu weichen. Sie sah die Lichter der Stadt, sie roch die frische Luft, spürte den Wind auf ihrer Haut, hörte die Vögel zwitschernd den Morgen begrüßen und fand das alles zum Kotzen. In ihr war etwas zerbrochen und sie wusste, dass sie nie wieder so sein würde, wie sie früher einmal war. Niemand konnte durch solch eine Hölle ohne Schäden heraus kommen. Als sie die Sirenen hörte – die Hilfe, die viel zu spät kam – traf sie eine Entscheidung.

Melissa trat von dem Fenster zurück und sah auf ihre Taschenlampe hinunter. Mit dem Daumen knipste sie das Licht aus und warf die Lampe einfach fort. Da wo sie hingehen würde, brauchte sie kein Licht. Sie trat wieder tiefer in die Schule hinein, die Dunkelheit empfing sie und sie empfing die Dunkelheit. Sie hatte noch eine Rechnung zu begleichen.

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