
Blutrausch
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Es war die Nacht des 1. Januars und es war mein erster Tag als
Krankenschwester in der Asklepios-Klinik. Ein wunderbarer Zeitpunkt, denn da in
Runan fast über 200.000 Einwohner lebten, wurden schon kurz nach 10 Uhr die
ersten Verletzten in das Gebäude eingeliefert. Verbrennungen zweiten bis
dritten Grades, Schnitt- sowie Splitterverletzungen, durch Knallkörper
abgerissene Finger und alle möglichen anderen Dinge, die an Silvester so
passierten. Pausenlos lief ich durch die mit Menschen gefüllten Gänge, wurde
von einem Patienten zum anderen gehetzt und war bereits gegen 18.30 Uhr
vollkommen außer Atem. Als ich schließlich völlig fertig zum nächsten Krankenzimmer
lief, kamen mir Anna und Ed entgegen, zwei meiner Kollegen, die eine verletzte
Frau auf einer Trage ins nächste Zimmer beförderten.
,,Kathrin! Komm schnell hilf uns mal!“
Sie konnte uns weder ihren Namen noch ihr Alter nennen; die Ärzte konnten nicht
einmal richtig mit ihr kommunizieren. Sie war vollkommen in einer Schockstarre gefangen,
zitterte am ganzen Körper und man spürte förmlich die Präsenz von etwas
Grauenhaftem in ihrer Gegenwart.
Sie sprach nicht direkt zu uns, sondern stotterte nur vor sich hin. Mein Blick
musterte ihren Körper von oben bis unten, doch abgesehen von einem leichten
Schnitt am Handgelenk, wies sie keine erkennbaren Verletzungen auf.
,,Diese Augen!“
Ich versuchte sie zu beruhigen und strich ihr leicht über den Kopf, doch in genau dem Augenblick, in dem ich ihre Haare berührte, wandte sie sich blitzartig zu mir um und ihre vorher ins Leere gerichteten Augen fixierten mich starr, während sie mein Handgelenk packte.
,,Er hat mir direkt in meine Seele geblickt – und dann hat er sie mir entrissen.“
Die Furcht vor dem der sie angegriffen hatte, war ihr deutlich ins Gesicht
geschrieben, aber keiner konnte sich erklären, was der jungen Frau zugestoßen
sein könnte, also brachten wir sie zunächst in Zimmer 224, um ihr Zeit zu geben
sich zu beruhigen. Sie hatte laut der Ärzte wohl tatsächlich einen schweren Schock erlitten, doch die Untersuchung ergab,
dass ihr nichts Ernsthaftes zugestoßen wäre. Ich konnte einfach nicht
verstehen, was so schrecklich gewesen sein könnte, dass sie wegen einer
einfachen Verletzung des Handgelenks so sehr in Rage geriet. Vielleicht war es
die Angst vor Blut oder sie wies innere Verletzungen auf, die ihr starke
Schmerzen zufügten. Ich zog auch die Möglichkeit in Betracht, dass sie
vergewaltigt worden war. Sie wäre ganz sicher nicht die Erste.
Runan war keine schöne Stadt und lediglich meine neue Berufung als
Krankenschwester und das Unvermögen meine Kollegen mit dem Haufen an Arbeit hier alleine zu lassen, ließ mich hier bleiben. Ein etwas
kleinerer Ort wäre mir deutlich lieber gewesen, aber nun saß ich hier und das
Schlimmste an Runan war, dass im Krankenhaus der Duft des Todes durch die Luft
schwebte, mehr noch als in jedem anderen Krankenhaus, in welchem ich mich vorher befand. Und es war dieser Geruch, der mich bis nach Hause verfolgte, wo ich dann endlich in meine
Wohnung gehen und mithilfe vieler Räucherstäbchen, den üblen Gestank verdrängen
konnte.
Nachdem wir die Wunden versorgt hatten (sie wies noch einige Kratz- und
Bisswunden unterhalb ihrer Klamotten auf, weshalb die Ärzte letztendlich davon
ausgingen, dass ein wildes Tier sie angegriffen haben musste), ließen wir sie
alleine und ich wandte mich wieder den anderen Patienten zu, die in solch
großen Scharen zu uns pilgerten, dass es mir beinahe so vorkam, als wäre das
Ende der Welt über uns gekommen. Ich hatte zwar versucht den Ärzten zu erklären, dass sie vermutlich nicht von einem Tier, sondern einem Menschen attackiert worden war, da ich ja schließlich gehört hatte, was sie zu mir sagte, doch durch all den Stress und die Hektik, schenkte mir keiner der Anwesenden Gehör. Zwar fühlte ich mich schlecht, die arme Frau in diesem Moment alleine zu lassen, doch konnten wir eine persönliche Betreuung bei unserem Notstand einfach nicht bewerkstelligen, so menschenunwürdig es auch erschien.
Während ich durch die Gänge lief und darauf achtete, dass alle Patienten
versorgt waren, schweifte mein Blick immer wieder zum Zimmer der jungen Frau
hinüber. Ich hatte einfach ein durch und durch seltsames Gefühl bei dieser
Person.
Es dauerte Stunden, bis ich meine wohlverdiente Pause antrat und nach
Stunden der Hatz endlich einmal Ruhe hatte und verschnaufen konnte. Meine
Schicht ging noch bis 6 Uhr morgens also wusste ich, dass ich noch ein
ordentliches Stück Arbeit vor mir hatte. Demnach nutzte ich jede freie Sekunde
die mir blieb. Ohne, dass ich direkten Einfluss auf meinen Körper zu haben schien, wurden meine Augen mit einem Mal schwerer und ich versank in einen kurzen Dämmerschlaf.
Ich wurde je aus meinem Traum geweckt, als eine große Hand mich packte und
schüttelte.
,,Beeil dich, du musst wieder ran.“
Es war Ed und wieder musste ich mich um all die Menschen kümmern, die
verletzt in die Asklepios-Klinik eingewiesen wurden. Konnten diese Leute nicht
aufpassen? Wurde jede Person an Silvester automatisch zum hirnamputierten
Vollidioten? Kaum war ich wieder richtig wach, musste ich bereits einen
Teenager verarzten, der testen wollte, was passiert, wenn man einen Böller in
der geschlossenen Faust explodieren ließ. Eigentlich sollte einem der gesunde
Menschenverstand bereits von solch einer Dummheit abraten, aber immerhin würde
er diesen Fehler nun vermutlich nicht mehr machen. Selbst wenn ihm irgendwann
nochmal der Sinn danach stehen sollte, spätestens dann hätte er keine Faust
mehr, mit der er einen Knallkörper umklammern könnte.
Es musste gegen 3 Uhr morgens gewesen sein, als ich dazu aufgefordert wurde
nach jener Frau zu sehen, die noch immer in Zimmer 224 lag und angeblich seit
einigen Stunden tief und fest schlief. Vielleicht würde man jetzt, da sie sich
beruhigt hatte, endlich etwas über den Angriff, welcher auf sie verübt wurde,
in Erfahrung bringen. Ich öffnete die Tür und betrat das Zimmer. Das Licht
flackerte wild wie ein epileptisches Glühwürmchen und da ich mich nicht
sonderlich gut mit der Elektrizität hier im Gebäude auskannte, nahm ich an,
dass die Glühbirne überlastet war, da so viele andere und vor allem wichtigere
Geräte des Gebäudes den Strom in Anspruch nahmen. Mein Blick fiel auf das Bett
in welches wir die hysterische Dame verfrachtet hatten. Es war leer. Ich sah im Bad nach, doch auch in diesem war keine Menschenseele zu sehen.
Das durfte doch jetzt nicht wahr sein. Nicht nur, dass gefühlt hunderte von
Patienten auf mich warteten, jetzt musste ich auch noch eine entlaufene
traumatisierte Frau einfangen und bei all den Menschen die hier versammelt waren,
schien dies eine Aufgabe der Unmöglichkeit zu sein. Ich begann überall nach ihr zu suchen, doch konnte ich sie nirgendwo entdecken. In der Masse konnte
ich sie nicht entdecken also beschloss ich mein Glück in einem der weniger
belebten Korridore zu versuchen und wie es aussah war ich auf der richtigen
Spur. Ich vernahm leise Geräusche aus dem Korridor von welchem aus man Zutritt
zu den Arzneien erhielt. Hatte sie etwa Medikamente stehlen wollen? Ich
beschloss der Sache nachzugehen und sah nach ob es tatsächlich die Frau war,
die dort in einem der Zimmer die Schränke durchwühlte.
Man könnte meinen, dass das Ganze ein Schuss ins Blaue war, immerhin hätte
es genauso gut jemand anderes sein können, während meine eigentliche Zielperson
bereits vor einigen Stunden aus der Klinik hätte fliehen können. Ein Versuch
war es jedoch wert, denn die teilweise leeren Döschen, in denen sich eigentlich
Tabletten und Pillen befinden sollten, ließen mich darauf schließen, dass es
sicher keiner der Pfleger oder der Ärzte war, der sich dort im Raum befand.
Als ich langsam durch den Gang auf jenes Zimmer zu schlich vernahm ich
deutlich Geräusche, die sich jedoch weniger wie die Laute eines Menschen,
sondern mehr wie die eines wilden Tieres anhörten. Vorsichtig lugte ich um die
Ecke und sah mich ängstlich im Raum um, darauf gefasst, dass die Frau
jeden Moment im Wahn auf mich zustürmen und mich attackieren würde. Nicht nur war sie
vollkommen durchgedreht, sondern hatte allem Anschein nach auch eine beinahe
tödliche Menge Medikamente zu sich genommen. Langsam setzte ich einen Fuß vor
den anderen und näherte mich einer weiteren Tür. Mit jedem Schritt den ich tat,
und das obwohl es sehr kleine Schritte waren, wurden die Geräusche intensiver.
Ein seltsames Flüstern drang an mein Ohr; dem folgten schmatzende Laute und
ich spürte wie das Herz in meiner Brust zu pulsieren begann. Als ich vorsichtig
die Tür öffnete konnte ich zunächst nichts erkennen. Das Licht im Raum
flackerte, diesmal vermutete ich jedoch keine Überlastung der Glühbirne, denn
es war eindeutig wodurch das Flackern ausgelöst wurde. Die Deckenlampe wurde
fast vollständig herausgerissen und hing nur noch an einigen Kabeln, die sie
daran hinderten zu Boden zu fallen und auf diesem zu zerschellen. Sie baumelte
hin und her, wie ein Mann den man soeben an einem Ast aufgeknüpft hatte.
Ich tat einen weiteren Schritt vorwärts und rutschte plötzlich auf dem
feuchten Boden aus und als die hin und her schaukelnde Lampe ihren flackernden
Schein auf den ansonsten weißen Boden warf, erkannte ich auch auf was ich da
soeben ausgerutscht war. Blut! Erst jetzt nachdem ich wieder meine örtliche Orientierung zurückerlangte, bemerkte ich, dass ich mich in der
Kühlkammer befand, wo all das Spenderblut für die Operationen gelagert wurde.
Nun vernahm ich wieder dieses merkwürdige Flüstern und diese schmatzenden Laute
drangen abermals an meine Ohren. Ich wandte langsam den Kopf und erblickte die
Frau kein fünf Meter von mir entfernt in der Ecke des Raumes hocken.
Der Schrank inmitten des Zimmers schirmte das Licht der Deckenlampe so gut
ab, dass die Ecke, in der sich die Patientin platziert hatte, beinahe
vollständig im Dunkeln lag. Zwei gelbe Augen funkelten mich aus der Finsternis
heraus an und ich fühlte wie sich meine Nackenhaare aufrichteten. Auf allen
Vieren krabbelnd schälten sich ihre Konturen aus der Dunkelheit, wurden in das
flackernde Licht getaucht und ich erkannte voller Entsetzen einen gerade noch
zur Hälfte gefüllten Beutel Blut zwischen ihren Zähnen und all die bereits
geleerten, die um sie herum verstreut lagen! Die Frau fauchte mich an, wie eine
wild gewordene Katze und sie versuchte sogar mich zu kratzen.
Ich schrie auf und als hätte ich einen Hebel betätigt, wurde die anfangs
noch halbwegs ruhig wirkende Patientin von einer Sekunde auf die nächste höchst
aggressiv und sprang mit einem ohrenbetäubenden Schrei auf mich zu. Reflexartig
hielt ich schützend meine Hand vor mein Gesicht als sie auf mich zusprang und
mich dabei gewaltsam zu Boden riss. Ich schlug auf sie ein, doch es nützte
nichts. Stattdessen schien es sie eher dazu zu animieren mich noch heftiger
anzugreifen und als wir uns für einen Bruchteil einer Sekunde gegenseitig ins
Angesicht blickten, erstarrte ich. Diese Augen! Ihre Pupillen waren beinahe
völlig verschwunden und auch von ihren Iriden war nichts mehr zu sehen. Es war
als trüge sie zwei schneeweiße Tennisbälle in ihren Augenhöhlen und zudem
zeichnete sich ein leicht gelblicher Schimmer auf ihrer Netzhaut ab. Das
schlimmste jedoch waren ihre Zähne – mein Gott diese Zähne. Lang und spitz
waren sie, wie von einem wilden Tier, nein… nicht einmal ein wildes Tier
konnte solch grausige Reißzähne haben. Höchstens vielleicht eine Viper.
Ich brauchte einige Sekunden, um den Schock zu
überwinden, doch dann fasste ich mich wieder, holte aus und stach mit meinem
Finger in den milchig weißen Augapfel meiner Angreiferin, woraufhin diese
abermals einen markerschütternden Schrei ausstieß und wild kreischend aus dem
Raum stürmte. Mein Blut gefror, ich lag starr da und erlangte erst nach einigen
Minuten die Kontrolle über meinen Körper wieder.
Die Frau war fort und trotz
mehrfacher Nachfrage bei sämtlichen Leuten, die sich zum Zeitpunkt des
Geschehens im Krankenhaus aufgehalten hatten, konnte mir niemand sagen wohin
sie geflohen war. Herr Nehring bot mir an, den restlichen Tag frei zu nehmen,
um meine Nerven zu beruhigen. Es schien wie ein schlechter Scherz, dass ich nach solch einer Attacke „gnädigerweise“ meine restlichen zweieinhalb Stunden Arbeitszeit daheim verbringen durfte, aber andererseits erschien es mir logisch, dass er mir nicht zu viel Freizeit überlassen wollte, wenn man bedachte was alleine heute wieder alles los gewesen war.
Ich war völlig durch den Wind, war verstört,
verängstigt und während ich die tiefe Bisswunde an meinem rechten Arm
verarztete, die mir diese Verrückte bei ihrem Angriff zugefügt hatte, fiel mein
Blick auf meine immer noch blutigen Hände. In diesem Moment setzte etwas in mir
aus und der Duft des roten Lebenssaftes begann sich zu intensivieren, mein
Augenlicht wurde allmählich schwächer, ich glaubte zu erblinden, und kurz
darauf wanderte meine Zunge, wie von einer übernatürlichen Kraft (oder einem
unkontrollierbaren Drang) getrieben, über meine blutverschmierten
Fingerspitzen.