LangeRitual

Gejagt

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Habt ihr euch schon einmal gewünscht die Fähigkeit zu
besitzen an mehreren Orten gleichzeitig sein zu können und so das Leben
grundsätzlich zu erleichtern, indem man eines der größten Probleme, den
Zeitdruck, komplett umgehen könnte?
Ja, ich denke, dass vermutlich jeder Mensch einen derartigen Wunsch hatte,
falls geäußert nur im Spaß gemeint, da so etwas ja absolut unmöglich ist, oder?
Leider muss ich da widersprechen, es ist möglich und ja, ich habe es getan und
jetzt wo ich hier in diesem Hotelzimmer sitze, alle Fenster geschlossen und die
Tür blockiert, würde ich mir nichts sehnlicher wünschen, als diese Entscheidung
rückgängig zu machen, aber dafür ist es schon lange zu spät. Ich werde euch
nicht die Details verraten wie ich es geschafft habe, und um ganz sicher zu
gehen werde ich, sobald dieser Brief beendet ist, alles was es Leuten
ermöglichen könnte dieses verfluchte Ritual zu wiederholen verbrennen und die
Asche in alle Winde verstreuen, bevor ich all das beenden werde. Ich habe niemanden,
den ich an dieser Stelle grüßen könnte, denn niemand, den ich kenne, wird das
hier je lesen, sie werden mich, oder eher es, niemals mit diesem Brief in
Verbindung bringen, es ist alles normal in ihrer Welt, denn sie sehen meine
Hölle nicht. Ich bin ein Gejagter, gejagt auf offener Straße, gejagt von etwas,
dem ich nicht entkommen kann und niemand kann mir helfen, ich bin allein.
Oh Mann, ich muss verrückt klingen, wie ein Psychopath, mitten in einem
besonders schlimmen Anfall von Schizophrenie, oder Ähnlichem, aber nein, das
ist echt! Ich lüge nicht und ich will euch alles von Anfang an berichten.
Ich beging den Fehler vor ungefähr einem Monat. Ich war ein ganz normaler
Jugendlicher auf einer ganz normalen High-School mit ganz normalen Hobbys und
Freunden. Ich war kein Superstar und war wegen meiner Vorliebe für alles
Übernatürliche als Nerd bekannt, ohne damit jemals ein wirkliches Problem
gehabt zu haben. Auf jeden Fall begann alles, als ich mitten unter der Woche
einen meiner Lieblingsorte, die hiesige Bibliothek besuchte. Es waren nur noch
wenige Wochen bis Weihnachten und wegen einer Grippewelle fielen so viele
Lehrer aus, dass die Schule für mehrere Tage geschlossen wurde, mir kam das
grade gelegen, so konnte ich mich voll und ganz meinen Nachforschungen widmen,
momentan hatten es mir Rituale angetan. Ich hatte den ganzen Tag in der
Bibliothek verbracht, es war spät geworden, doch ich wollte, angetrieben von
duzenden Kaffes und meiner Neugier, noch nicht gehen. Ich stand bestimmt das
hundertste Mal auf, schlich an den leeren Gängen voller Bücher vorbei und bog
in einen ein. Ich griff mir die an dem Regal befestigte Leiter mit Rollen und
schob sie ein wenig vor mir her. Ich hatte bereits alle Bücher in dieser
Abteilung durchgelesen. „Übernatürliches„, damals war ich mir nie sicher, ob
ich an so etwas wirklich glauben sollte und ich suchte nach einem Beweis, den
ich nun ohne Zweifel gefunden habe. Wie dem auch sei, ich kletterte bedächtig
und Schritt für Schritt die quietschenden Stufen nach oben zu der höchsten und
als einzigen noch nicht erforschten Reihe an Büchern. Ich hielt mich gut fest
und drehte meinen Kopf leicht um die Titel lesen zu können. Wie erwartet kannte
ich alle der Werke und ich war kurz davor wieder nach unten zu klettern, als
mein Blick an einem merkwürdig braunen und verwitterten Einband hängen blieb.
Ich kletterte schnell nach unten, verschob die Leiter und ging zu dem Buch
hinauf. Als ich es herauszog, wirbelte ich Staub auf, begann zu husten und ging
eilig wieder nach unten, bevor ich noch herunterfallen würde. Ich strich mit
meiner Hand über das vermoderte Leder, es fühlte sich rau und sehr kalt an,
fast so, als hätte ich es aus einem Kühlschrank gezogen. Komisch, dabei war die
Bibliothek so gut geheizt… Ich drehte das Buch, merkwürdig, auf dem Einband
stand weder ein Autor, noch der Titel. Ich beschloss es erst an dem Tisch zu
öffnen, das Licht in den Gängen war schwach und Staubpartikel huschten immer
noch an meinen Augen und, vor allem, an meiner Nase vorbei, die wieder zu kitzeln
begann.  Als ich das Buch öffnete, ich
erinnere mich noch genau daran, musste ich erschaudern. Das Buch knackte und
verbog sich nur mühsam, fast so, als wollte es mich aufhalten, doch meine
Neugier gewann. Auf der ersten Seite, wieder kein Autor, nur der Titel,
geschrieben in schwarzen und geschwungenen Buchstaben: „Quia omnia ritualia“,
das stand dort.
Ich war nie wirklich gut in Fremdsprachen gewesen, Geschichte war eher mein
Ding, jedoch schaffte ich es den Titel, mithilfe von einem Latein Duden, zu verstehen.
„Ein Ritual zum überall-sein“, wäre die wörtliche Übersetzung gewesen. In
diesem Moment hatte mich das Buch gepackt, ich nahm es mit nach Hause, vergas,
wie mir aber erst daheim einfiel, sogar den Verleih zu informieren. Komisch,
erst jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass gar kein Alarm
losging, normalerweise waren alle Bücher gesichert. Auf jeden Fall verschlang
ich das Buch. Es berichtete von Wesen jenseits unserer Welt, die jedoch, wenn
man sie freilässt, alles verändern können, Macht geben können und Klarheit über
alles. Dummerweise beschloss ich, als ich ganz am Ende der Erzählungen eine
Anleitung fand, wie man diese Wesen beschwören kann, eben dieses zu tun. Es war
überraschend einfach, ich hatte alles Benötigte da und obwohl es tiefste Nacht
war und meine Mutter bereits schlief, tat ich genau jenes. Ich erinnere mich,
dass ich, als das Ritual zu Ende war, fast zu schreien Anfing, vor Freude, aber
auch vor Angst, als alle 13 Kerzen, welche ich, wie in der Anleitung
beschrieben, aufstellte zum gleichen Zeitpunkt erloschen.
Erst vier Tage danach, ich war schon davon ausgegangen, dass es nicht
funktioniert hatte, begann es, und zwar wie ein Sturm. In Horrorfilmen bahnen
sich solche Dinge immer nach und nach an, doch nicht hier, das war anders als
jeder Horrorfilm, oder Buch, das ich je gelesen habe.
Der Tag begann so normal. Ich war wieder auf dem Weg zur Schule, alle Lehrer
hatten sich wohl über das Wochenende auskuriert, als ich etwas sah, was mir das
Blut in den Adern gefrieren ließ.
An meinem Stammkiosk, wo ich immer meine Zigaretten kaufte, sah ich einen
Jungen, der dort stand, wo ich auch immer stand, die Zigaretten musternd. Der
kleine Stand war fast hundert Meter von mir entfernt, so konnte ich mir nicht
sicher sein, jedoch hätte ich schwören können, dass dieser Junge aussah wie
ich. Ganz klar erkannte ich meinen längeren schwarzen Mantel, den ich jetzt
grade auch trug, die längeren Haare und sogar die silbernen Riemen meiner
Stiefel. Ich stand da, ihn beobachtend, nicht wagend näher zu kommen. Damals
vermutlich überreagiert, hätte ich das Wissen, das ich jetzt habe, wäre ich
gerannt. Der Junge griff in das unterste Regal, das Regal in dem auch ich vor
einem Tag meine Zigaretten geholt hatte und ging zur Kasse. Er bezahlte und als
er sich umdrehte spürte ich, wie meine Knie weich wurden. Selbst wenn es weiter
weg war, ich erkannte doch mich selber! Und das war ich! Eins zu eins, meine
Mimik, mein leicht gelangweilter Blick, mein Ohrring, mein Bart. Ich wirbelte
um und ging eilig davon, unsicher, was ich nun tun sollte. Als ich in der
Schule, zu spät natürlich, ankam zitterte ich immer noch. Das blieb nicht
unbemerkt, meine Freunde fragten mich aus, doch ich wusste wirklich nicht, was
ich ihnen hätte antworten sollen, wo ich doch selber nicht wusste was zur Hölle
los war. Den ganzen Tag starrte ich aus dem Fenster, dachte nach, ging
sämtlichen Text aus dem Buch, oder eher das an was ich mich noch erinnern
konnte, durch. Mein Kopf schmerzte, erinnern war unmöglich, also versuchte ich es
einfach dabei zu belassen. Okay, ein Typ in meinem Alter mit ähnlichem
Kleidungstil und gleichem Zigarettengeschmack, alles in Ordnung, alles gut. Oh,
wie ich mich irrte, doch das bemerkte ich erst, in dem Moment wo ich daheim
ankam. Als ich die Tür öffnete und genervt, und immer noch schwer von dem
Vorrangegangenen verwirrt, in den Hausgang nach meiner Mutter schrie, und keine
Antwort bekam, begann wieder dieses verfluchte Zittern. Das war nun wirklich
merkwürdig, meine Mutter war immer daheim um diese Zeit und sie hatte bis jetzt
immer geantwortet. Ich ließ meine Tasche fallen, meine Schuhe ließ ich einfach
an, egal was meine Mutter sagen würde, und ich schlich die Knarrenden Dielen
entlang. Die halbdurchsichtige Glastür zur Küche war einen Spalt geöffnet, ich
hörte die Stimme meiner Mutter, sie redete mit irgendwem. Der Gesprächspartner,
ein Mann offensichtlich, mit sehr tiefer Stimme, antwortete kurz, bündig und
genervt, ich kannte die Stimme nicht. Ich war grade dabei langsam die Tür zu
öffnen, als meine Mutter etwas sagte und ich sofort innehielt. „Sebi-boy!“,
hatte sie das grade gesagt? Ich schauderte. „Sebi-boy, esse immerhin die
Karotten auf!“, da schon wieder. Die Stimme antwortete: „Verflucht Mum, ich
hasse es, wenn du mich so nennst!“
Das-Das konnte nicht sein, dieser Spitzname, so nannte meine Mutter nur mich!
Und nur ich antwortete so genervt darauf, da ich diese Abkürzung von meinem
Namen hasste.
Nun riss ich die Tür auf, und viel fast in Ohnmacht. Ich stand dort in der Tür,
mit blassem Gesicht, an den Rahmen gelegt um nicht umzufallen, doch dennoch,
dennoch saß ich auch da an diesem Tisch, vor mir ein Teller, auf dem nur noch
das Gemüse lag und mit einem bösartigen Lächeln im Gesicht, das genau auf mich
gerichtet war. „Huch, was ist mit der Tür los?“, erschrak meine Mutter. „Ich
mach sie wieder zu, das war bestimmt der Wind…“, er, oder ich, stand auf und
ging auf mich zu, sein Lächeln wurde weiter, immer weiter je näher er kam, ich
sah Zähne, die nicht Menschlich waren, Augen in denen etwas zu brennen schien,
ein immer heller werdendes Glühen von Kohlen. Ich schrie auf und er, ich
verflucht, blieb stehen und sah mich einfach nur an. Ich hörte wie der
Wasserhahn geöffnet wurde, meine Mutter, sie musste doch meinen Schrei gehört
haben, oder? Er ließ sein Genick knacken und schloss einfach langsam und
kommentarlos die Tür, da geschah es, meine Psyche war nicht bereit das, was ich
da grade gesehen hatte, zu verarbeiten. In meinen Augen sammelten sich Tränen
und all meine Gedanken verließen mich, als es geschah. Ich fiel einfach nach
hinten um und stieß mir meinen Kopf an der Wand. Alles verschwamm für einen
Moment und es wurde dunkel um mich, doch nur für kurz. Ich schoss nach oben,
atmete schwer, hoffend in meinem warmen Bett zu liegen, doch nein, das hier war
der kalte Boden des Flurs, und ich träumte nicht, das war echt.
Ich stütze mich an der Wand, als ich langsam aufstand und versuchte all dies zu
begreifen. Ich ging langsam in die Küche, da war niemand, alle Lichter waren
aus und das nasse Geschirr tropfte leise auf den metallenen Grund des
Waschbeckens. Ich schaltete das Licht ein, öffnete den Kühlschrank und griff
nach einer Flasche Cola, welche ich in einem Zug leertrank. Mein Kopf hämmerte
noch immer, ich war noch nie ohnmächtig gewesen, ein ekelhaftes Gefühl. Da
hörte ich wie einen Stock über mir der Föhn anging. Es war also nicht vorbei,
nur ich benutzte in diesem Haushalt einen Föhn, meine Mutter ließ ihre Haare so
trocknen. Langsam ging ich die Treppe nach oben, griff die Klinke der Tür zu
meinem Zimmer und hielt inne. Ich wusste nicht was ich tun sollte, die Panik
betäubte mich und ich zitterte stetig. Denken viel mir schwer, meine Augen
brannten und was ich nun in meinem Zimmer tun sollte, wenn es denn hereinkam,
wie es bestimmt passieren würde. Auf keinen Fall würde ich ins Bad gehen, in
meinen Tod laufen, wie es sich anfühlte. Ich würde nun dennoch noch nicht
aufgeben, diesem verdammten Ding nachgeben. Ich schluckte schwer und öffnete
die Tür. Verdutzt sah ich auf die Schultasche, die dort vor mir lag. Hatte ich
meine Tasche nicht unten liegen lassen? Und hatte ich sie nicht eben noch dort
liegen sehen? Mein Mantel hing ebenso an seinem Platz, genauso wie mein Schmuck
und alles andere auch. Ich setzte mich auf meinen Stuhl, unwissend was ich nun
tun sollte. Ich wusste nicht warum, aber meine Mutter hörte und sah mich nicht,
so würde es mir wohl mit allen Menschen gehen. Versunken in Überlegungen wie
ich nun all das beenden könnte viel mir nichts ein, ich sah auf das Buch mit
dem all dies begonnen hatte, es lag still auf meinem Tisch. Nein, dort war
nichts von einer Umkehrung gestanden. Panisch lief ich auf und ab. Was sollte
ich tun, wenn sich die Tür, zu der ich immer wieder sah, öffnete? Mich auf es
stürzen? Nein, nein es würde mich töten, bestimmt würde es das. Aus dem Fenster
klettern, wenn es gefährlich wird? Schon eher, drei Meter schienen mir
harmloser als dieser Dämon. Ich lief auf und ab, dachte nach, doch schaffte es
nicht einen Gedanken zu Ende zu bringen. Da war die Zeit des Denkens auf einmal
vorbei, vorbei mit dem klicken einer Klinke.
Da ging klackend die Tür auf und ich musste schwer einatmen. Wieder stand ich
mir selbst gegenüber, mit nichts bekleidet als einer Boxershort, so wie es
immer bei mir nach dem Duschen war, ich sprang auf, doch er, ich, reagierte
nicht darauf. Er starrte mich nur stetig an, während er ohne Probleme zu meinem
Schrank ging und diesen, ohne seinen Blick von mir zu nehmen, öffnete. Sein
Grinsen war wieder da, auch wenn es nicht so weit wie vorhin in der Küche war,
so war es dennoch unmenschlich. Er schien nicht amüsiert, es sah mehr so aus,
als würde er krampfhaft seine Backenmuskeln anspannen, schmerzhaft sah es aus,
unnatürlich weit. Schnell zog er die Shorts aus und meinen Schlafanzug an. Ich
konnte es nicht fassen, das Muttermal auf seiner Hüfte, sogar das war genau wie
meines, niemand außer ich und meine Mutter wussten davon, nie hatte ich wem
davon erzählt und nie hatte es jemand gesehen. Dieses Ding, dieser Kerl, er war
ich. „Gute Nacht Mum!“, schrie es aus der Tür heraus, bevor es diese schloss,
das Licht auf meiner Kommode anmachte und das Deckenlicht mit einem Klacken
ausging. Ich schauderte, diese Stimme war tief, zu tief, fast so, als wäre sie
durch einen Verzerrer gejagt worden, warum bemerkte das niemand? Er legte sich
in mein Bett, nahm eines meiner Bücher und begann, so wie ich es immer tat, zu
lesen. Ich ging langsam aus der Ecke heraus, schlich zu meinem Nachttisch und
griff das Messer, welches immer darauf lag, eigentlich dafür gedacht Pakete und
ähnliches zu öffnen, jedoch ebenso gut als Waffe verwendbar. „Was zur Hölle
bist du?“, ich versuchte wütend und bedrohlich zu klingen, doch meine Stimme
zerbrach in ein erbärmliches Wimmern, fast einem Quieken gleich. Kein Aufblicken
und keine Antwort. „Raus aus meinem Bett!“, nichts, ich nahm all meinen Mut
zusammen und kam näher an es heran, es sah nicht auf, nur das Grinsen
verbreiterte sich wieder, das glühen in den Augen begann, dennoch waren sie wie
an das Buch gebunden. Las es wirklich? „Hey!“, meine Stimme klang rau und
abgenutzt, mein Hals brannte. Ich warf das Messer auf es und traf es damit
direkt am Kopf, mit einem metallenen Klirren prallte es ab und landete neben
ihm im Kissen, er sah auf, nicht auf mich, sondern auf das Messer. „Komisch…“,
murmelte es müde, als es das Messer griff, es einklappte und auf den
Schreibtisch legte. Ich war den Tränen nah, hatte ich doch genau gesehen, wie
die Klinge seinen Kopf traf. Es hätte bluten müssen, sterben müssen, mich
endlich in Ruhe lassen verdammt! Konnte es mich echt nicht sehen? Dieser
Gedanke schoss in mir hoch, nein, starrte es mich so bedrohlich an. Es würde
mich verletzen und schlimmeres, doch das Schlimmste: Ich war machtlos.
Ich setze mich in die Ecke des Zimmers, kauerte mich zusammen und beobachtete
ihn. „Als würde ich mich beobachten…“, dachte ich erschrocken. Alles gleich,
jede Handbewegung, wie es die Seiten blättert, wie es sich durch die Haare
fährt. Er klappte das Buch zusammen, streckte sich und schaltete das Licht aus.
Plötzlich umgab mich totale Dunkelheit, Angst überkam mich, was wenn es mich im
Dunkeln attackieren würde? Nein, ich hörte, wie es sich im Bett hin und her
drehte und auf einmal begann zu sprechen, so, als würde es mit seiner Freundin,
ober so ähnlich sprechen. Verflucht, ich wurde rot, das hatte ich auch öfters
getan. Was um alles in der Welt war hier nur los?
Diese Nacht war lang, stetig rang die Angst gegen den Schmerz und die Hoffnung
diesen in dem in den Träumen entfliehen zu können. Es schien mich nicht zu
beachten, mich nicht zu attackieren, doch sein langsames und tiefes Atmen
machten mich krank, erschreckten mich jedes Mal und ließen mich zu einer
elenden Kugel in der Ecke zusammenrollen. Ich wippte vor und zurück, lenkte
mich damit von dem Atmen ab, war mehrere Male den Tränen nah, doch ich schaffte
es irgendwie einzuschlafen. Als ich erwachte war das Zimmer leer, der Mantel
und die Tasche verschwunden, zusammen mit mir, ich meine ihm.
Ich stand müde auf und schlich die Treppe herunter, ich hörte meine Mutter
telefonieren.
„Ja, und er hat mich einfach nur verdutzt angeschaut, du hättest sein Gesicht
sehen sollen!“, Lachen folgend. Ich betrat die Küche und sah sie an, doch sie
sah an mir vorbei, dann durch mich hindurch, und dann aus dem Fenster. Eine
Träne floss meine Backe herunter: „Mum… Er ist nicht ich…!“, murmelte ich, doch
natürlich ohne Reaktion. Niedergeschlagen verließ ich die Wohnung, lies meine
unberührte Tasche liegen und schlenderte die Straßen entlang. Ich sah auf mein
Handy, es war fast 11, die Pause würde bald beginnen, ich beschloss zur Schule
zu gehen. Einfach nur in der Hoffnung dort könnte mich wer sehen. Die Straßen
waren wie verlassen, kein Wunder mitten in der Woche und in so einem kleinen
Dorf, dennoch wurde mir übel, als ich um eine Ecke bog.
„Oh Gott nein…“, entfloh es mir, als ich dort an der Kreuzung einen Mann auf
dem Bordstein stehend sah. Einen Mann im schwarzen Mantel und mit langen
Haaren, der verdutzt und dennoch weit grinsend Richtung Kiosk sah. Das war er!
Ich wechselte sofort die Straßenseite und rannte eilig zur schule, als ich
ankam schwitzte ich und mir wurde durch den Schweiß noch kälter als zuvor. Ich
zitterte, als ich die Schule betrat und mich auf eine der beheizten Bänke
fallen ließ. Ich schloss meine schmerzenden Augen, der Schlaf heute war nicht
erholsam gewesen, ganz und gar nicht erholsam.
Als die Schulglocken läuteten und die Leute aus den Zimmern stürmten stand ich
auf, nur um ernüchternd zu bemerken, dass mich scheinbar niemand bemerkte. Ich
ging nach draußen und atmete erleichtert auf, als ich dort meine Freunde stehen
sah, wie sie mir winkten. Ich winkte glücklich zurück, ging langsam auf sie zu,
bevor ich innehielt. Warum winkte er immer noch? Selbst als ich hier stand
winkte er. Ich sah mich um und hielt inne, den Tränen fast so nah wie in der
Nacht davor, als an mir dieser Kerl vorbeilief, ich an mir selber vorbeilief
und mir beim Vorbeigehen eines dieser widerlichen Lächeln zuwarf, seine Augen
glühend. Ich stand einfach nur da, wusste nicht was ich tun sollte, beobachtete
mich, wie ich da mit meinem Freunden stand und redete. Er gestikulierte sogar
wie ich, einfach ein Albtraum war das. Ich ging langsam auf ihn zu, sah mich
immer wieder um, doch niemand sah mich an. Ein Ball traf mich an meinem Bein,
ich hörte die Stimme eines Jungen. „Hast du das gesehen, der Ball hat einfach
gestoppt!“, er hob den Ball auf. „Nichts da, ein scheiß Pass war das, mehr
nicht! Jetzt weiter!“, ein Anderer lachte und der Junge lief an mir vorbei.
Niemand konnte mich sehen, doch ich konnte Dinge bewegen. Es spielte keine
Rolle, das einzige was ich hätte tun wollen wäre es gewesen dieses Ding zu
töten, doch das würde mir nicht gelingen, das wusste ich. Eigentlich hätte ich
es lustig gefunden, gut um Leute reinzulegen, doch mir war grade gar nicht nach
Scherzen zu mute, er danach mich zu übergeben.
Ich ging weiter auf mich und meine Freunde zu, blieb hinter ihm stehen, nur um
dann eine Runde um den Kreis zu laufen. Keiner von ihnen beachtete mich, doch
mein Blick folgte mir stetig, wenn ich ihm näher kam wurde das Lächeln weiter
und die Augen heller, wenn ich mich entfernte entspannte er sich. Eine Idee
hatte ich noch, ich griff mein Handy und gab die Nummer meines besten Freundes
ein, der dort nur einen halben Meter von mir entfernt stand. Es klingelte
tatsächlich in seiner Tasche und er zog das Handy heraus. „Hey Sebastian, du
rufst mich grade an!“, lachte er. Das Ding antwortete sofort, er kopierte meine
Art zu sprechen so perfekt, nur diese dunkle Stimme: „Oh Mann, dieses dreckige
Handy, da muss was kaputt sein…“, er zuckte mir den Schultern. „Egal, ich geh
mal ran. Sehen wir, das mir dein Handy zu sagen hat!“, er hob ab und es klickte
in der Leitung. „Hey, kannst du mich hören? Hey!“, mein Freund zuckte mir den Schultern
und legte auf: „Schade du aus der Vergangenheit hat wohl nichts zu sagen…“,
alle Lachten, ich musste würgen und steckte das Handy wieder weg. Sie redeten
weiter, als wäre nichts gewesen. Verdammt, es war ja für sie nichts gewesen,
ein technischer Fehler, mehr nicht. Es reichte mir, ich beschloss noch etwas
auszuprobieren. Schnell ging ich um alle herum, stellte mich hinter diese
verfluchte Fälschung von mir selbst und packte ihn an seiner Schulter. Sofort
schrie ich auf, ein grauenhaftes Brennen schoss durch meinen Arm, gefolgt von
einer Welle der Kälte, fast so als wäre mein Arm für einen Moment glühendes
Eisen, welches in Eiswasser abgekühlt wird. Ich fiel nach hinten um, hielt
meinen schmerzenden Arm und wand mich auf dem Boden, schreiend, flehend um
Hilfe. Tatsächlich reagierte mein Klon, er drehte sich um und starrte mich
direkt an, auch meine Freunde bemerkten dies. „Hey, Seb, was ist los?“ Sein
Lächeln war weiter als je zuvor und seine Augen brannten in einer Mischung aus
Schwarz und Rot. „Nichts, etwas kleines und Unwichtiges war es. Eine Mücke
denke ich…“, als er sich umdrehte und er zusammen mit den Anderen zurück
Richtung Klassenzimmer ging drehte er sich, ich könnte schwören, für einen
Moment um, sah mich direkt an und schüttelte seinen Kopf, bevor er zu den
Anderen aufschloss und um eine Ecke verschwand.
Ich lebte so noch einige Tage, langsam begann ich zu verstehen. Niemand, der
mich schon einmal gesehen hat konnte mich sehen, oder hören. Er nahm meinen
Platz in allem ein, die Anderen bemerkten seine Augen, das Grinsen und die
Stimme scheinbar nicht, nur ich. Ich weiß bis jetzt nicht genau, ob es von ihm
mehrere gibt, oder nur einen, habe ich immer nur einen alleine gesehen. Als ich
bemerkte, dass es in meinem Dorf zu gefährlich wurde und ich jeden Ort besucht
hatte, seit er aufgetaucht war, und er mich als Konsequenz überall dort finden
würde, beschloss ich zu fliehen. Ich packte alles Wichtige zusammen und stieg
in irgendeine Bahn, Hauptsache weg. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie erleichternd
es war, als mich in der Bahn jemand anstieß und er sich entschuldigte,
gleichzeitig machte es mir wieder bewusst, dass er mich beim nächsten
wiedersehen schon nicht mehr bemerken würde. Ich dachte einige Male darüber
nach Hilfe zu suchen, doch was sollte das bringen? Niemand würde mir glauben
und sobald ich nur einmal den Raum verließ war ich für diese Person
verschwunden, ersetzt durch dieses Ding. Ich konnte es nicht abschütteln, nur
austricksen. Als gute Methode stellte sich heraus in ein Hotel einzuchecken und
jeden Tag den Raum zu wechseln. So könnte ich immerhin sicher schlafen und
müsste nur in den Gängen aufpassen nicht mit ihm zusammen zu stoßen, dann das,
da war ich mir sicher, wäre mein Tod. Immer wenn ich ihm näher kam loderte
dieser Schmerz in meinem Arm wieder auf, stärker als er je zuvor gewesen war.Das
Praktische war, dass ich nur einmal bezahlen musste, da mich auch der
Rezeptionist nach einmaligem Einchecken nicht mehr sehen können würde und ich
mir die Schlüssel einfach nehmen könnte. Ich war unsichtbar für fast jeden,
suchte Kontakt mit den neuen Gästen um nicht komplett zu vereinsamen und aß in
meinem Zimmer um nicht in die Gefahr zu kommen in einem engen Gang oder einer
Schlange vor dem Buffet mit diesem Ding zusammenzustoßen. So geht es nun die
letzten zwei Wochen, nie hätte ich damals vor einem Monat gedacht, dass es so
weit kommen würde, doch mittlerweile habe ich aufgegeben. Ja, ich bin einfach
ausgelaugt und weiß nicht weiter. Ich kann ihm nicht entkommen egal was ich tue.
Das hier ist das letzte sichere Hotelzimmer. Wie gesagt werde ich diesen Brief
zurücklassen, in der Hoffnung, dass ihn jemand findet und liest. Fotografiere
ihn! Denn nur Leute, die mich nicht kennen sehen Dinge die ich bewege und
Manipuliere. Es wird versuchen das hier zu zerstören, lass das nicht zu, wer
auch immer das liest. Ich werde alles hinter dem Hotel bei den Mülleimern verbrennen.
Dieses Buch verbrennen, und dann… werde ich mich umbringen. Ich habe mir dafür
Schlaftabletten besorgt, Ich hoffe es tut nicht weh und ich hoffe es erwischt
mich nicht. Ich weiß zwar nicht was dann passieren würde, aber wenn ich an
meinen Arm denke, ich fühle diese Kälte immer noch. Das wäre schlimmer als der
Tod.  Vielleicht stirbt es, wenn man das
Buch verbrennt, vielleicht wenn ich sterbe. Ersteres denke ich nicht und
Zweiteres werde ich nicht miterleben.
Am Ende: Bitte, verbreite das hier, lass die Leute wissen, dass diese Rituale
keine Spiele sind und bitte… Ich kenn dich nicht aber, bitte, vergiss mich
nicht…

Bewertung: 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"