Blindprüfung

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Fall zu Akte SCP-096 – Der Scheue (Shy Guy) EuclidAkte lesen →

Jeden Donnerstag um sechs Uhr früh betrete ich einen Raum, in dem ich nichts sehen darf.

Die Zelle von SCP-096 ist ein Würfel aus Stahl, fünf Meter in jede Richtung, verschweißt und luftdicht. Die Vorschrift verlangt, dass die Wände jede Woche auf Risse geprüft werden. Kameras sind drinnen verboten, Spiegel auch, und eine Taschenlampe nützt niemandem, der nicht hinsehen darf. Also prüft man mit den Händen. Seit drei Jahren bin ich derjenige, der das macht.

Die Ausrüstung ist einfach. Ein Schutzanzug, Handschuhe mit dünnen Fingerkuppen, ein Ohrhörer – und die Haube. Schwarzes, mehrlagiges Gewebe, das über Kopf und Schultern reicht und unter dem Kinn mit Klettband schließt. Vor jedem Einsatz hält der Sicherheitsdienst eine starke Lampe in die Haube. Dringt irgendwo Licht durch, wird sie verbrannt.

„Haube ist dicht“, sagte Weller an diesem Donnerstag in der Schleuse und klopfte mir auf die Schulter. Dann ging er hinüber in den Kontrollraum. Von dort liest er mir die Sensoren vor. Unter dem Boden der Zelle liegen Druckplatten, an den Wänden laufen Laserstrahlen. Auf seinem Bildschirm ist SCP-096 ein grauer Fleck auf einem Raster. Mehr bekommt hier niemand zu sehen.

Die Schleuse öffnete sich, und ich trat in die Dunkelheit, die ich mitgebracht hatte.

Das Erste, was man drinnen wahrnimmt, ist das Geräusch. Nackte Füße auf Stahl, ein leises, gleichmäßiges Tappen. Hin und her, immer an der Ostwand entlang. Manchmal ein Atemzug, der zu lang ist für einen Menschen.

„Ostwand, Mitte“, sagte Weller im Ohrhörer. „Läuft wie immer. Du hast die Westwand.“

Ich ging in die Knie und suchte mit den Fingern die Bodenkante. Dann arbeitete ich mich nach oben, Naht für Naht, Handbreit für Handbreit. Man lernt, mit den Händen zu sehen: kaltes Metall, die raue Raupe einer Schweißnaht, wieder Metall. Ein Riss fühlt sich an wie ein Haar, das unter dem Handschuh klemmt. Ich zählte halblaut mit, das hilft.

Bei Segment elf spürte ich es. Keinen Riss, den man sieht, aber einen, den man fühlt: einen feinen Luftzug an der Kante, kaum mehr als ein Hauch über dem Handgelenk.

„Westwand, Segment elf, unten“, sagte ich. „Haarriss. Ich markiere.“

„Notiert.“ Eine Pause. „Bleib ruhig.“

Das sagt Weller sonst nie.

„Es ist stehen geblieben“, sagte er.

Das Tappen hatte aufgehört. Ich hatte es nicht bemerkt, weil ich auf meine Finger gehorcht hatte. Jetzt war da nur noch mein eigener Atem, laut unter der Haube, und das Rauschen im Ohr.

„Es dreht sich“, sagte Weller. Und nach einer Weile, in der ich nicht wusste, wohin mit meinen Händen: „Es kommt rüber zu dir. Langsam. Keine Erregung, kein Alarm. Es ist nur … neugierig, glaube ich. Bleib einfach, wo du bist.“

Ich blieb, wo ich war. Ich kniete vor der Wand, eine Hand auf dem Stahl, die andere auf der Markierung, und hörte die Schritte näher kommen. Ruhig. Ohne Eile. Dann hörte ich gar nichts mehr, und das war schlimmer.

„Direkt hinter dir“, sagte Weller leise. „Ein halber Meter.“

Ich roch es. Nicht unangenehm, eher wie kalter Stein. Ich hörte es atmen, hoch über mir, viel zu hoch, und ich dachte an die Arme, die ihm bis unter die Knie reichen, und daran, wie wenig mich dieser halbe Meter von ihnen trennte.

Dann berührte etwas die Haube.

Nicht fest. Ein Tasten, so vorsichtig, wie ich eben noch die Wand abgetastet hatte. Etwas Langes, Dünnes strich über den Stoff an meinem Hinterkopf, wanderte zur Seite, zur Schläfe, dorthin, wo das Gewebe über den Augen liegt. Ich schloss die Augen unter der Haube, obwohl es ohnehin dunkel war. Ich kniff sie zusammen, bis ich Farben sah.

„Nicht bewegen“, sagte Weller. Seine Stimme klang, als würde er sich am Tisch festhalten.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Weller sagte später: hundertvierzig Sekunden. Irgendwann zog sich die Berührung zurück. Die Schritte entfernten sich, und nach einer Weile begann das Tappen wieder, hin und her an der Ostwand, als wäre nichts gewesen.

„Ostwand“, sagte Weller. „Komm raus. Lass den Rest. Komm raus.“

Ich ließ den Rest. Ich fand die Schleuse, weil mein Körper den Weg seit drei Jahren kennt, und erst als die Tür hinter mir zu war und in der Kammer das Licht anging, nahm ich die Haube ab.

Der Riss in Segment elf wurde am selben Nachmittag verschweißt. Im Bericht steht, dass die Prüfung vorzeitig abgebrochen wurde, und unter „Besonderheiten“: Annäherung ohne Erregung, Dauer 140 Sekunden, Sichtkontakt keiner.

Was nicht im Bericht steht, ist das, was der Sicherheitsdienst nach dem Einsatz an meiner Haube fand. Sie halten die Lampe hinein wie vor jedem Einsatz, nur eben danach. Über dem linken Auge war eine Naht aufgegangen. Ein Spalt, kaum breiter als ein Fingernagel. Genau dort, wo das Tasten aufgehört hatte.

Die Haube wurde verbrannt. Ich habe eine neue bekommen und mache die Prüfung weiter, jeden Donnerstag um sechs. Ich höre auf das Tappen. Ich zähle die Segmente. Und ich halte die Augen geschlossen, die ganze Zeit, auch in der Dunkelheit, die ich mitbringe.

An jenem Donnerstag habe ich sie nicht geöffnet. Das weiß ich ganz sicher. Ich weiß es, weil ich noch hier bin.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-096 von Dr Dan aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-096) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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