Haubenwechsel

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Fall zu Akte SCP-151 – The Painting (Das Gemälde) EuclidAkte lesen →

Nachts um halb drei kommt die Schwester wieder und klemmt mir das Messgerät an den Finger. Achtundneunzig Prozent Sauerstoff im Blut, so viel wie bei jedem Gesunden. Sie schreibt die Zahl auf ihre Liste, nickt und geht. Ich liege seit gestern Vormittag hier. Ich habe das Bild nicht gesehen. Das sage ich jedem, der hereinkommt, und alle nicken, wie die Schwester.

Ich packe seit dreißig Jahren Gemälde ein und aus, erst für Museen, seit zwei Jahren für das Kunstdepot von Standort-19. Ich weiß, wie man ein Bild trägt, ohne es anzusehen. Man sieht auf die Ecken, auf den Rahmen, auf den Weg. Das Bild selbst geht einen nichts an.

SCP-151 kannte ich nur von hinten: Leinen, Holz, sechs Namen in sechs Handschriften, darüber die Haube aus schwarzem Segeltuch. Die alte Haube war an der Unterkante durchgescheuert. Frau Brenneisen hatte eine neue genäht, doppelt, auf den Millimeter, und gestern sollte sie drauf.

Den Schlüssel holte ich um acht bei der Standortleitung, gegen Unterschrift. Ich hob das Bild aus dem Stahlschrank und trug es ins Labor, wie es vorgeschrieben ist: verhüllt, die Rückseite zu mir. Dort stellte ich es auf die Staffelei, die Bildseite zur Kamera, hängte den Haken des Seilzugs in die Öse an der Haube und ging hinaus. Brenneisen verriegelte die Tür, und der Seilzug zog die alte Haube ab. Auf dem Monitor erschien das Wasser, das ich von ihren Fotografien kannte. Graugrün, voller heller Schwebeteilchen, oben die matte Oberfläche, von rechts der dunkle Kiel.

Abziehen kann man eine Haube mit einem Seil. Aufziehen nicht.

Brenneisen setzte mir zwei Schlafbrillen übereinander auf und klebte die Ränder mit Krepp an meine Schläfen. „So haben sie es bei der Bergung gemacht“, sagte sie. „Augen zu und eine Stimme im Ohr.“ Dann ging die Tür auf und hinter mir wieder zu, und ich hörte den Riegel.

Sie führte mich über Funk. Drei Schritte. Halb rechts. Noch einer. Hände hoch. Ich bekam den Rahmen zu fassen, oben an der Leiste, abgegriffenes Holz. Die neue Haube hielt ich vor der Brust gerafft wie einen Kissenbezug. Ich streifte die Öffnung über die Oberkante, die hintere Bahn über die Rückseite, die vordere über das Bild. Die vordere führt man mit den Fingerspitzen, damit der Saum nicht an der Rahmenkante hängen bleibt. So habe ich es bei Hunderten von Bildern gemacht.

Bei diesem rutschte ich ab. Zwei Finger, vielleicht drei, gleich unter der Leiste, auf die Leinwand.

Sie war kühler als das Holz. Und sie gab nach, nicht viel, um eine Fingerkuppe.

„Stopp“, sagte Brenneisen. Dann sagte sie eine Weile nichts. Ich stand da, die Hand auf dem Bild, und hörte sie atmen.

„Hand weg vom Bild“, sagte sie schließlich. „Ganz langsam. Dann weiter.“

Ich zog die Haube bis zur Unterkante hinunter und band die Schnüre, doppelt, ohne hinzusehen. Das kann ich. Neun Minuten war ich drin.

Draußen nahm sie mir die Brillen ab und sagte nichts. Sie hatte die Aufnahme schon zurückgespult. Auf dem Monitor sah man von mir nur die Arme, die über die Oberkante griffen, und die weißen Baumwollhandschuhe. Die rechte Hand lag vorn auf dem Bild, gleich unter der Leiste, dort, wo die Oberfläche ist. Um die Fingerspitzen liefen Ringe über das gemalte Wasser, drei, vier, weit und langsam, wie auf einem Teich, in den etwas fällt. Nur eben von unten gesehen. Dann zog sich die Hand zurück, und das Wasser lag still, als wäre es gemalt.

Die Handschuhe waren trocken. Brenneisen ließ sie mich trotzdem über einem Beutel ausziehen und verschloss ihn. Dann schickte sie mich hierher. Wer die Bildseite gesehen hat, muss auf die Krankenstation. Wer sie angefasst hat, steht in keiner Vorschrift. Niemand wisse, was Anfassen bedeutet, sagte sie. Bis zum nächsten Mittag.

Jetzt ist es kurz nach sechs. Achtundneunzig. Brenneisens Vorgänger hat am Morgen nach seinem Blick gemerkt, dass ihm die Luft knapp wird. Mir wird nichts knapp. Ich atme wie immer, und die Schwester schreibt es auf.

Ich denke an die Ringe. Das Bild zeigt, was einer sieht, der dort im Wasser treibt und nach oben schaut. Von da unten war es eine Hand. Eine Hand, die nach wer weiß wie langer Zeit von oben hereingreift.

Und die sich dann, ganz langsam, wieder zurückzieht.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-151 von Agent Thornsmith aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-151) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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