
Uncanny Valley
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Kennst du das Konzept des „Uncanny Valley“? Nein? Dann lass mich dich erleuchten. Wenn du eine abstrakte Form siehst, zum Beispiel ein Quadrat, fühlst du dann eine Verbindung dazu? Hat diese Form einen Bezug, eine bekannte Ähnlichkeit mit dir? Wenn du nicht gerade ein Anhänger des Kubismus bist, dann vermutlich nicht. Wenn du einen Menschen ansiehst, einen ganz normalen Menschen, dann fühlst du diese Verbindung. Unabhängig davon, ob du diesen Menschen kennst, ob du ihn magst oder hasst. Dein Gehirn sagt dir, dass ihr beide zur selben Spezies gehört, dass ihr einander nah seid und einander sogar vertrauen könnt.
Und zwischen einem anderen Menschen und einer abstrakten Form liegen noch eine Menge anderer Dinge mit unterschiedlichen Graden der Vertrautheit. So ist dir zum Beispiel ein Würfel schon vertrauter als ein Quadrat, da ihr beide immerhin in derselben Raumdimension existiert. Mit einem Würfel kannst du interagieren, mit einem Quadrat nicht. Und je ähnlicher dir etwas wird, desto vertrauter bist du damit. Ein echter Bär zum Beispiel ist dir nicht besonders vertraut, da du mit ihm nicht viel gemein hast. Ein Teddybär wiederum ist ein viel angenehmerer Zeitgenosse für die meisten, da er im Vergleich zu seinem Vorbild sehr vermenschlicht ist.
Doch was ist mit Dingen, die fast wie ein Mensch sind, aber eben nicht ganz. Eine sehr realistische Porzellanpuppe … Ein moderner Android … Ein computergeneriertes Gesicht … Vielleicht eine Leiche … Diese Dinge sind dir so fremd, so unvertraut, dass es förmlich unangenehm ist. Schon fast beängstigend. Sag, was beunruhigt dich mehr? Zu wissen, dass ein Stückchen außerhalb deines Sichtfeldes auf deinem Tisch ein Zauberwürfel steht oder die kleine Puppe, die direkt daneben sitzt? Was ist unangenehmer? Einen Teddybären auf dem Nachttisch stehen zu haben? Oder vielleicht doch eine Marionette, die an ihren Fäden an der Wand hängt und mit ihren leeren Augen ins Nichts starrt? Fühlst du dich in einem Laden voller Schaufensterpuppen nicht unangenehm beobachtet?
Dieses Gefühl der Beklemmung gegenüber Dingen, die einen gewissen Grad an Ähnlichkeit zu dir aufweisen, bezeichnet man als das „Uncanny Valley“ oder einfacher erklärt, das „unangenehme Tal“, falls du es unbedingt übersetzen musst. Eigentlich ist es nur ein Graph, der das Verhältnis zwischen Menschenähnlichkeit und Vertrautheit darstellt, eine Stelle, an der dieser Graph einen negativen Wert annimmt. Doch denkt man ein wenig darüber nach, fühlt es sich auch wie ein richtiges Tal an. Ein Tal, in welchem du gefangen bist, nur nach oben schauen kannst, um ein kleines Stück eines dunklen, wolkenverhangenen Himmels zu sehen, irgendetwas woran du dich festhalten kannst. Manche Menschen bekommen regelrechte Angstzustände im Angesicht dieses Tales.
Viele Dinge können darunter fallen, nicht nur Androiden und Puppen. Auch Clowns zählen zu den Kreaturen, die in diesem Tal lauern. Oder Geister. Für manche sogar das eigene Spiegelbild. Versuche es einmal. Stelle dich vor einen Spiegel, am besten ganz, ganz nah, und dann schau für einige Minuten hinein. Nach einer Weile wirst du ein unangenehmes Gefühl diesem Bild gegenüber entwickeln. Mache beginnen sogar zu halluzinieren. Hast du schon einmal das Gefühl gehabt, dass dein Spiegelbild eine Bewegung nachgeahmt hat, die du selbst nicht gemacht hast? Denke das nächste Mal daran, wenn du vor einem Spiegel stehst. Doch das ist nicht unbedingt das Interessanteste an der ganzen Sache.
Dass in der Welt hinter dem Spiegel der Teil deiner Seele lebt, den du keinem zeigen willst, weißt du sicher schon. Du hast bestimmt schon davon gehört, dass Spiegelscherben Unglück bringen? Nun, das tun sie auch. Wenn du einen Spiegel zerbrichst, kann der gefangene Teil deiner Seele entfliehen und sich manifestieren. Er wird dich Dinge machen lassen, die dir nicht gefallen werden. Doch das ist nicht so wichtig. Denn das ist nicht der Grund dafür, dass du Angst vor deinem Spiegelbild hast. Und selbst wenn, erklärt das nicht, warum du dich vor dieser verdammten Puppe fürchtest, die hinter dir auf einem Regal sitzt. Der Grund ist eine genetische Anlage, eine Art Instinkt, der dich Dinge fürchten lässt, die dir ähnlich sind. Und nun gelangen wir langsam zu des Pudels Kern.
Als Instinkt bezeichnet man die ererbte Fähigkeit, insbesondere bei Tieren, in bestimmten Situationen unbewusst ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, das subjektiv richtig, das heißt im Zweifel lebens- oder arterhaltend ist. Ein solcher Instinkt ist etwas evolutionär gewachsenes. Nun wirst du dich ganz berechtigterweise fragen: „Evolutionär gewachsen? Aber warum sollte es sich evolutionär durchgesetzt haben, Angst vor etwas zu haben, das uns so ähnlich ist?“ Genau das ist die wichtigste Frage, mein Freund. Warum solltest du Angst vor etwas haben, das dir so ähnlich ist?
Könnte es daran liegen, dass Menschen einander oft schlimmere Dinge antun, als es jedes Tier tun könnte? Aber dann müsstest du doch Angst vor Menschen haben. Und die meisten haben das nicht. In der Tat zeigt der erwähnte Graph bei einem Menschen den höchsten Vertrautheitswert an. Du fürchtest dich nicht vor Menschen. Du fürchtest dich vor etwas, das aussieht wie ein Mensch … doch von dem du weißt, dass es keiner ist.
Du wirst dich wundern, doch es gibt einen Grund dafür. Manche nennen es „Wendigo“. Manche kennen es als „Skinwalker“. Es gibt seltsame Theorien über Reptilienmenschen. All das beschreibt diese Angst zumindest ansatzweise, doch die Wahrheit sieht anders aus. Zumindest soweit ich weiß.
Diese Kreaturen sind keine verfluchten ehemaligen Menschen, die dem Kannibalismus anheimgefallen sind, wie in den Legenden um den Wendigo. Es sind auch keine gestaltwandelnden Schwarzmagier wie die Skinwalker. Und Echsenmenschen sind sie auch nicht. Man könnte sogar die alten Legenden des Vampirs, der Banshee, sogar die der Yuki Onna aus Japan und der in Trance geratenen Voodoopriester in Zentralafrika damit in Verbindung setzten. Auch dämonische Besessenheit wie die der armen Anneliese Michel stehen in Verbindung mit diesen Wesenheiten. Aber wie zuvor erwähnt, all diese Ideen treffen leider nicht völlig zu. Die Menschen kommen der Wahrheit wirklich nah, doch es ist beinahe zum Verzweifeln, wie knapp sie oft daran vorbeischlittern. Wäre es nicht so tragisch, könnte man darüber lachen.
Sogar ebendiese Wesen, die vielleicht dem, was die Menschen als Ghule kennen, auch recht nah kommen, empfinden es als vermutlich traurig, wie blind die Menschen sind. Glaube mir, mein Freund, auch ein solches Wesen hat keinen Spaß daran, dir den Kopf von den Schultern zu beißen, dein Blut zu trinken und deine Gedärme herauszureißen, dein Fleisch zu verschlingen und die fein zerstäubten Knochen in einen Fluss zu werfen. Zumindest erzählen sie mir das immer. Auch wir … Äh, ich meine, diese Geschöpfe wollen nichts anderes, als zu überleben. Also werde ich dir jetzt, der Fairness halber, nicht verraten, wie du sie erkennen kannst …
Oder wie man sich gegen sie wehren kann …
Oder dass du dich gar nicht wehren kannst …
Schlaf gut …