
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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„Hallooo?“
Meine Stimme klang merkwürdig hohl, als sie durch das verlassene Haus hallte. Hier musste es sein! Das war eindeutig unser Treffpunkt, schließlich gab es weit und breit kein anderes Haus, dass auf Julia‘s Beschreibung gepasst hätte. Sie hatte gesagt: „Die Tür fehlt, du kannst also einfach reingehen. Wenn du drin bist, wirst du direkt merken, warum ich dieses Haus ausgesucht habe. Ich bin dann wahrscheinlich schon mit dem Aufbau beschäftigt.“
Noch bevor ich das klaffende Tür-Loch bemerkt hatte, kam es mir vor, als steuerte ich auf etwas Unheiliges zu. Eine Präsenz, die sich wie ein bitterer Geschmack im Mund über die Luft verteilte. Das Haus stand abseits vom restlichen Ort an einer kaum befahrenen Straße und bot einen traurigen Anblick. Die meisten Fenster waren entweder zertrümmert oder bereits mit Sperrholz abgedeckt. Amateurhaft geschmiertes Graffiti bedeckte ausnahmslos alle Wände und auf dem Schrägdach kämpften die verbliebenen Ziegel gegen das wuchernde Moos. Das Grundstück besaß neben dem Gebäude einen kleinen Vorgarten, der mit dornigem Gestrüpp zugewachsen war und ein zerrütteter hüfthoher Zaun begrenzte es auf allen Seiten mit einer scheinbar vor langer Zeit heraus getretenen Öffnung an der Front. Aus einem besonders dichten Dornenbusch ragten die Überreste einer metallenen Schaukel, deren einst bunte Lackierung zum größten Teil abgeblättert war. Auf der linken Seite des Hauses erstreckte sich eine hügelige Wiese, durch die sich wenige verwilderte Feldwege zogen und auf der anderen Seite reihten sich in Steinwurf-Entfernung die ersten Bäume eines sich tief verlaufenden Waldes an. Bis auf das sommerliche Zirpen der Grillen und den unregelmäßigen Schrei einer Eule war es auffallend ruhig. Julia‘s kleiner roter Opel Corsa hatte merkwürdig fehl am Platz ausgesehen, als ich das Gebäude betrat.
„Julia?“,
rief ich und versuchte, das rasch aufkeimende Unbehagen aus meiner Stimme zu verbannen, was mir nur halb gelang. Einen Moment lang lauschte ich angespannt in die dumpfe Stille des Hauses hinein und zuckte zusammen, als eine Antwort kam:
„Jaaa, ich bin hier oben! Pass auf, die Treppe ist etwas schief!“
Während ich erleichtert aufatmete, schaltete ich meine Handy-Taschenlampe ein und ging tiefer in das Haus, geradewegs auf eine schmale Holztreppe zu, die tatsächlich an einigen Stellen etwas schief hing. Die Stufen knarzten unter meinen Füßen lauter, als ich es erwartet hatte. Ich hatte für einen Moment das unangenehme Gefühl, als würde das ganze Haus innehalten, um diesem lästigen Geräusch tadelnd zu lauschen, das seine dröhnende Stille durchbrach.
Sobald mein Blick über die oberste Stufe hinweg ging, sah ich bereits ein schwaches Glimmern aus einer Tür auf der rechten Seite des angrenzenden Flures scheinen. Im starken Kontrast zur Treppe schluckte der Boden hier das Tappen meiner Schritte. Auf jedem Zentimeter war ein dünner faseriger Teppich ausgelegt, auf dem einige Kratzer zu sehen waren. Als ich die Tür erreichte, bot sich mir in etwa der Anblick, den ich erwartet hatte: Julia hatte bereits mehrere langstielige Kerzen angezündet und im geräumigen Schlafzimmer verteilt. Der Schein kam vom Boden, dem Fensterbrett, einem kleinen, angrenzenden Raum – vermutlich ein Badezimmer – und dem Bett, auf dem ein modriges Brett lag, welches sie vermutlich irgendwo im Haus gefunden hatte. Sie saß in der Hocke und tippte gerade auf ihrem Laptop herum, der neben zwei weiteren Kerzen auch auf dem Brett lag. Ich klopfte zweimal an die bereits offenstehende Tür und sagte:
„Naaa, da ist aber jemand motiviert! Wie lange bist du schon hier?“
Julia tippte noch für ein paar Sekunden weiter, hielt dann inne und drehte sich im Aufstehen mit ihrem typischen Grinsen im Gesicht um.
„Gute Frage! Da war es auf jeden Fall noch hell draußen. Schön, dass du da bist!“
Wir umarmten uns wie immer zur Begrüßung, wobei ich nicht umhin konnte, sie aufgrund ihrer Furchtlosigkeit zu bewundern. Sie war etwa anderthalb Köpfe kleiner als ich und zierlich gebaut mit langem, dünnem, braunem Haar und hielt sich alleine bereits seit mindestens einer Stunde in dieser unheilvollen alten Ruine von einem Haus auf. Ich, als halbwegs trainierter junger Mann, hätte einen Ort wie diesen niemals freiwillig alleine betreten.
Wir lösten die Umarmung und Julia winkte mich zum Bett herüber:
„Komm, das musst du dir ansehen! Ich kann es selbst kaum glauben!“
Sie hockte sich wieder vor den Laptop und öffnete ein Browserfenster. Ich nahm einen kantigen Schemel, der neben dem bis auf eine fleckige Matratze leeren Bett gestanden hatte und setzte mich damit neben sie. Auf dem Laptop erschien nun ein offenbar alter Zeitungsartikel, bei dem Julia zurück zum Titel nach oben scrollte. Während sich das weißliche Licht des Monitors in ihren Brillengläsern widerspiegelte, sagte sie:
„Ganz ehrlich, wenn ich das hier alles schon früher gefunden hätte… Schau doch mal!“
Bei ihren letzten Worten zeigte sie auf ein schwarz-weiß Bild direkt unter dem Titel. Ich nahm den Laptop mit beiden Händen und drehte ihn leicht zu mir, um es besser sehen zu können. Auf dem Bild sah man das Haus, in dem wir uns befanden, allerdings bei Tageslicht und offenbar zu einem Zeitpunkt, als noch jemand hier gelebt hatte. Zuerst fiel mir ein Polizist auf, der gerade von einem Reporter interviewt wurde. Er hatte einen grimmigen Gesichtsausdruck und schien auf etwas am Boden zu zeigen. Mein Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger und als ich es sah, stockte mir der Atem. Fünf aneinander gereihte Körper, mit weißen Tüchern abgedeckt. Zwei davon waren etwa doppelt so lang wie der Rest. Nun fiel mein Blick auf den Titel, der besagte:
MYSTERIÖSER TODESFALL! FÜNFKÖPFIGE FAMILIE TOT AUFGEFUNDEN!
Rasch überflog ich die ersten Zeilen. Sie berichteten, dass alle Mitglieder der Familie Niermann, die in diesem Haus gewohnt hatten, einem plötzlichen und sehr ungewöhnlichem Tod erlegen waren. Laut der medizinischen Analyse waren alle Fünf über Nacht an ähnlichen kardiovaskulären Ereignissen gestorben, wozu der Artikel den zuständigen Gerichtsmediziner zitiert: „Man hat den Eindruck, als seien ihre Herzen einfach nacheinander stehen geblieben. Als möglichen Grund für einen solchen Fall kommen extreme Angst und Panik in Frage. Die Ausdrücke in den Gesichtern der Kinder geben zusätzlichen Anlass zu einer solchen Theorie.“
Meine Augen hatten sich beim Lesen immer weiter geöffnet und mit einem merkwürdig trockenen Mund drehte ich mich zu Julia. Sie strahlte mich begeistert an.
„Ist das nicht irre? Sie haben auch lange danach scheinbar keine Erklärung für den Fall gefunden und OFFENSICHTLICH wollte niemand danach noch das Haus kaufen. Es steht seit über 20 Jahren quasi unverändert hier am Ortsrand und wird von so ziemlich jedem Menschen gemieden! Simon, ich habe nachgesehen, NIEMAND SONST hat bisher hier gefilmt! Wir werden die ersten sein! Was glaubst du, wieviele Klicks wir dafür bekommen?“
Ich sah sie an und versuchte, ihre Begeisterung in meiner Mimik zu spiegeln. Seit sie vor ein paar Monaten damit angefangen hatte, Videos über vermeintlich von Geistern heimgesuchte Orte auf YouTube hochzuladen, hatten wir mehr Zeit miteinander verbracht, als je zuvor. Es war für Außenstehende wahrscheinlich schnell sichtbar, dass zwischen uns eine Freundschaft bestand, die von ihrer Seite aus auf dieser Ebene geführt wurde. Ich konnte eine gewisse Verträumtheit einfach nicht aus meinem Blick verbannen, wenn ich sie ansah. Zunächst hatte sie mich um Hilfe beim Editieren gebeten, doch von da an stieg ich schnell zum Kameramann auf, der sie überallhin begleitete. „Zum Schutz“, hatte sie mit einem Lachen gesagt und weil ich laut ihr ein gutes Gefühl für Aufnahmen hätte.
Nun sah sie mich lächelnd an und hatte die Augenbrauen so weit wie möglich hochgezogen. Im Kerzenschein war sie bildschön.
„Also, erstmal ist das eine ganz üble Geschichte.“, sagte ich und deutete auf den Bildschirm. „Hast du keine Angst davor, was sie umgebracht haben könnte?“ Sie verzog die Mundwinkel in einem hochmütigen Grinsen und winkte ab. „Gut“, sagte ich weiter, „aber was genau willst du hier filmen? Es gibt keinen Mordschauplatz und kein… Blut an der Wand oder sowas. Klar, das Haus selbst ist super gruselig, aber wir wissen doch selbst gar nicht, was hier eigentlich passiert ist.“
„Daran hab‘ ich schon gedacht“, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger. „Wir werden das Ganze als bisher unveröffentlichte Doku aufziehen, bei der wir die Lücken in der Geschichte der Niermanns einfach selbst füllen. Weiß doch niemand außer uns“, fügte sie mit einem Zwinkern hinzu. „Ich dachte an einen rachsüchtigen Geist, der jeden, der in diesem Haus wohnt, einen solchen Schrecken einjagt, dass einem dadurch das Herz stehen bleibt! Was meinst du?“
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. So klischeehaft diese erfundene Hintergrundgeschichte klingen mochte, Julia’s Begeisterung steckte mich immer wieder von Neuem an. Das war, neben meinen versteckten Gefühlen für sie, der zweite Grund, warum es mich an diesem Freitagabend überhaupt erst hierher verschlagen hatte.
„Kann man so machen“, sagte ich mit einem breiten Grinsen. „Wie ich dich kenne, hast du dir schon ein Skript zurecht geschrieben, also werde ich mal eben zum Auto gehen und meine Kamera holen. Gib mir eine Minute.“
Mit diesen Worten stand ich auf, rückte den Schemel wieder näher an das klapprige Bettgestell und lief den Weg zurück durch den Flur und die schiefe Treppe herab. Ohne das Licht meiner Handy-Taschenlampe, wäre ich sicherlich gestolpert und so erreichte ich die die nicht vorhandene Tür in Windeseile. Nun, da ich von dem bevorstehenden Projekt motiviert war, kam mir das Haus weniger unheimlich vor, aber trotzdem fühlte ich einen unbeschreiblichen Druck von mir abfallen, als ich hinaus in die klare Sommernacht trat. Mein Auto stand neben Julia’s. Ich öffnete den Kofferraum und kramte meine Kamera aus ihrer Hülle heraus, nicht ohne zu überprüfen, ob ich sie auch wirklich aufgeladen hatte. Als ich den Kofferraum mit einem lauten Knall schließ, drehte ich mich wieder zum Haus und war gerade dabei, auf den Eingang zuzugehen, als ich innehielt. Etwas stimmte nicht. Ich stand da für einen Moment des angestrengten Nachdenkens… und dann hörte ich es, oder vielmehr: Ich hörte nichts. Das Zirpen der Grillen, die nächtlichen Geräusche der Vögel und Tiere aus dem Wald… Es war, als wäre der unsichtbare Druck aus dem Haus mir gefolgt und hätte sich auf meine Ohren gelegt. Ich schluckte und lauschte in mich hinein, um zu sehen, ob das den Druck nehmen würde, als ein lautes Knacken gefolgt von einem dumpfen Aufschlag im Gras mich zusammenfahren ließ. Ein kleinerer Balken, der von außen über eines der Fenster genagelt worden war, war scheinbar just in diesem Moment abgefallen. Ich spürte die Gänsehaut, die sich auf meinen Armen und Beinen gebildet hatte und schämte mich, so schreckhaft zu sein. Meine Gedanken kehrten zu Julia zurück und ich eilte auf den Eingang zu. Wieder bei ihr angekommen, sah sie lächelnd vom Laptop auf und ich fragte sie:
„Warst du das gerade?“
Sie lächelte immer noch: „Was meinst du?“
„Das kleine Brett, was sich vom Fenster gelöst hat. Hast du das irgendwie bewegt.“
Sie schürzte die Lippen und zuckte mit den Schultern: „Ich sitze hier noch genauso wie eben, als du raus gegangen bist.“
Ich sah sie unverwandt an, dann erwiderte ich das Lächeln und sagte: „Mensch, du weißt doch, was für ein Schisser ich sein kann.“
Wir lachten beide. Das war unsere Dynamik: Sie: Zierlich, aber furchtlos und bestimmt und Ich: Groß, aber schreckhaft und leicht zu überreden. Als Gegensätze passten wir als Team gut zusammen. Warum konnte sie nicht sehen, dass es auch für mehr passen würde?…
„Okay, ich bin noch nicht ganz fertig hier“, sagte sie und deutete auf ihren Laptop, „aber du kannst schon mal im ganzen Haus ein paar Aufnahmen von den Räumen machen. Die blenden wir später im Video immer mal wieder ein.“
„Alles, was du sagst, Boss“, sagte ich und salutierte. Sie grinste und wandte sich wieder ihrem Skript zu.
Ich fing mit dem kleinen Bad an, welches direkt an dieses Zimmer grenzte. Es hatte nur eine Toilette und ein Waschbecken, beide in staubigem und teilweise eingerissenem Zustand. Das Licht der Kerzen reichte nicht aus, um den ganzen Raum zu erhellen, daher schaltete ich meine Kamera auf den Nachtsichtmodus um. Im grünlichen Licht, wirkte der Raum sogar noch heruntergekommener. Ich ging zurück auf den Flur und filmte dabei alle Türen und den Treppenabsatz mit langsamen Schwenkern und längeren Moment-Aufnahmen.
Als ich eines der Zimmer betrat, senkte ich die Kamera für einen Moment und hob meine Handy-Taschenlampe hoch. Ein eisiger Schauer kroch von der Spitze meines Kopfes wie ein Tropfen Wasser meinen Nacken und schließlich meinen Rücken herab. Es war ein Kinderzimmer, das sich offenbar zwei der Kinder geteilt hatten. Die Betten standen an gegenüberliegenden Wänden und bestanden nur noch aus metallenen Gerüsten. Meine Gedanken wanderten zu den verhüllten Leibern auf dem schwarz-weiß Foto. Diese Kinder hatten hier gelebt, hatten hier gespielt, gestritten, Hausaufgaben erledigt und geschlafen. Nun stand ich hier mit meiner Kamera und nahm die trostlose Leere auf, die sie hinterlassen hatten.
Ich schüttelte den Gedanken so gut ich konnte ab, filmte das Zimmer langsam von links nach rechts und verließ den Raum. Ein spontaner Impuls verleitete mich dazu, die Tür hinter mir zu schließen. Das Berühren des Knaufs ließ mich an die Eltern denken, die diese Tür sicherlich auch geschlossen hatten, nachdem sie ihre Kinder zu Bett gebracht hatten. Mein Blick ging ins Leere und ich muss eine Weile so dagestanden haben mit der Hand auf dem Knauf, denn plötzlich hörte ich:
„Simon? Was machst du da?“
Ich hob den Kopf und sah Julia am anderen Ende des Flurs stehen und mir einen verwirrten Blick zuwerfen. Das Kerzenlicht vermischt mit dem Mondlicht, welches aus mehreren Schlitzen zwischen den zugenagelten Fenstern kam, warf eigenartige Schatten auf ihr Gesicht und für einen kurzen Moment erkannte ich sie nicht wieder. Dann holte ich scharf Luft und sagte:
„Sorry, ich war irgendwie in Gedanken. Hey, findest du nicht auch, dass es hier komisch riecht?“
Eigentlich hatte ich gar nichts gerochen, aber ich wollte von meinem peinlichen Verhalten bestmöglich ablenken.
„Ich rieche nur die muffigen Möbel,“ sagte sie, „und ich bin übrigens fertig. Wenn du soweit bist, können wir draußen anfangen!“
„Klar“, sagte ich und ging auf sie zu. Mir fiel auf, dass ich immer noch eine Hand am Türknauf hatte und ließ diesen verwundert los. Mit einem argwöhnischen Seitenblick von Julia gingen wir nach unten und durch den Eingang nach draußen. Das Zirpen der Grillen war wieder deutlich zu hören und ich fragte mich, ob ich mir die merkwürdige Stille vorhin nur eingebildet hatte. Julia stellte sich mit den Händen an den Hüften vor das Haus und studierte das Skript, welches sie sich mittlerweile auf ihr Handy geschickt hatte.
„Okay, fang einfach schon mal an zu filmen, wir machen ein paar Takes und gehen dann drinnen durch die Räume. Später will ich im Schlafzimmer der Eltern das Ouija-Brett benutzen und vielleicht noch etwas Salz streuen oder sowas. Wir schauen mal, wie es sich anfühlt beim Drehen.“
Mit diesen Worten begann Julia ihr typisches Intro aufzuführen, bei dem sie ihre Zuschauer begrüßte und auf ein weiteres gemeinsames Abenteuer einlud. Ich gab mir die beste Mühe, ihre Schokoladenseite einzufangen, obwohl das nicht sonderlich schwer war. Sie sah einfach von jedem Winkel bezaubernd aus.
„ … hört ihr das? Der alte Niermann wartet schon drinnen auf uns. Vielleicht werden wir heute Nacht auch vor Schreck sterben!“
Ich folgte Julia nach drinnen und versteckte meine missbilligende Mimik hinter der Kamera. Ihre aufgedrehte Art, sobald wir anfingen, zu filmen, war etwas, an das ich mich immer noch gewöhnte. Auch dachte ich, dass es etwas respektlos sei, den Vater der Familie als Täter darzustellen, obwohl sie wusste, dass er eines der Opfer war.
Im Haus gingen wir nach links in die Küche, wo Julia weiterhin vom normalen Tagesablauf der Familie erzählte und dabei auf Einrichtungsgegenstände und Möbel zeigte. Sie beleuchtete sich selbst von unten mit ihrem Handy, welches sie immer wieder zwischendurch umdrehte, um auf ihr Skript schauen zu können.
„… und hier hat sich die Familie zum gemeinsamen Abendessen versammelt. Ob die Kinder dabei so laut und nervig waren, dass der Vater Mordgedanken hegte?“ Sie streckte eine Hand dramatisch nach der Kamera aus und wackelte mit den Fingern.
„Stop mal kurz“, sagte ich „Warum ist denn der Vater auf einmal hinter allem?“, fragte ich mit einem Stirnrunzeln.
„Ach Simon, das ist doch vollkommen egal!“, sagte sie etwas erhitzt. „Ich meinte doch vorhin schon, dass ich die Geschichte etwas ausschmücken werde!“
Ihre schnell gereizte Art kannte ich bereits und ich wusste auch, dass sie es nicht mochte, wenn ich sie aus ihrer Rolle heraus brachte.
„Sorry, ich wollte es nur kurz gefragt haben“, sagte ich und hielt die Kamera demonstrativ vor mein Gesicht, um ihr zu zeigen, dass ich weitermachen wollte.
„Wo war ich jetzt?“, sagte sie immer noch gereizt und scrollte auf ihrem Handy herum.
Knall. Eine Tür über uns fiel geräuschvoll ins Schloss. Wir zuckten beide zusammen und Julia entfuhr ein leises Keuchen.
„Hast du ein Fenster offen gelassen?“, fragte ich sofort und sah sie besorgt an.
„Wie denn, die sind doch alle zugenagelt?“, entgegnete sie mit einer etwas höheren Stimme als zuvor.
Während wir sprachen, bemerkte ich, wie kalt es eigentlich in dem Haus war. Wir waren beide in kurzen Hosen und T-Shirts bekleidet und mit einem Mal hatte ich das Bedürfnis, mich wärmer anzuziehen. Eine leichte Gänsehaut breitete sich auf meinen freiliegenden Armen und Beinen aus.
„Soll ich nachschauen, was das war?“, fragte ich, mit der leisen Hoffnung, dass sie mich begleiten würde.
„Ja, aber ich komme mit und film mich bitte dabei. Verdammt, wir hätten das gerade auch filmen sollen!“ Sie ballte die Fäuste und stapfte frustriert in Richtung Treppe los.
„Ist alles auf Band, keine Sorge“, sagte ich und ging ihr eilig nach.
Zu zweit war die Treppe noch lauter und als wir oben ankamen schauten wir uns angespannt um, mussten aber feststellen, dass sich nichts verändert hatte. Die Tür zum Schlafzimmer der Eltern stand weiterhin offen und die, die ich vorher geschlossen hatte, war immer noch zu. Da es im gesamten Flur die einzige Tür war, die geschlossen war, vermutete ich, dass das Geräusch von ihr gekommen war.
Julia war scheinbar auf denselben Gedanken gekommen, denn sie winkte mich zu sich und sagte: „Schaut euch das an, das muss die Tür sein, die wir gerade gehört haben! Was glaubt ihr, passiert, wenn ich sie wieder aufmache?“.
Aber sie war eben noch zu, dachte ich, während ich Julia dabei filmte, wie sie die Tür zum Kinderzimmer öffnete. Nun standen wir zu zweit im traurigen Überbleibsel der Erinnerungen an eine längst vergessene Zeit und Julia fand zurück in ihre Rolle:
„Das hier muss das Kinderzimmer gewesen sein, schaut doch mal hier“, sagte sie und deutete auf einen staubigen Teddybären, der auf einem niedrigen Regal saß.
„Ich wette, die Geister der Kinder sind immer noch hier. Bestimmt ist ihnen langweilig und sie wollen nur jemanden zum spie-“
Ein lautes Krachen ertönte, diesmal viel lauter und es kam von unten.
„WAS WAR DAS?!?“, schrie Julia und für einen Moment wusste ich nicht, ob sie schauspielerte, oder wirklich Angst hatte. Ich selbst war zutiefst verstört und kurz davor, in Panik zu geraten. Julia’s Anwesenheit war das einzige, was mich noch davon abhielt.
Ohne weitere Worte zu verlieren, verließen wir hastig das Zimmer und liefen zum oberen Treppenabsatz. Was wir von dort aus sahen, ließ uns beide aufschreien. Ein großer Schrank, der neben dem Eingang gestanden haben musste, war seitlich umgefallen und blockierte nun die Tür. Ein dünner Strahl Mondlicht kam nur noch durch einen kleinen Spalt darüber aus dem nun versperrten Türrahmen.
„Was zum…“, setzte Julia an. „Wie konnte das denn passieren?“ Sie starrte abwechselnd den umgekippten Schrank und dann mich an.
„Scheiße, ist doch egal“, stammelte ich. Ich war kurz davor, die Fassung zu verlieren. „Aber lass uns schnell hier abhauen!“
Erstaunlicherweise schien Julia damit einverstanden zu sein. „Okay, ich hol‘ nur schnell mein Zeug, schau du, ob du das wegschieben kannst.“
Mit diesen Worten ging sie in das Schlafzimmer der Eltern. Ich sah ihr entgeistert nach und merkte in diesem Moment, wie schnell mein Herz schlug. Es raste. Ich versuchte, normal zu atmen, da ich kurz davor stand, zu hyperventilieren und begann, die Treppe herabzusteigen.
Von hinter mir ertönte Julia’s panische Stimme: „Simon, komm mal schnell, hier ist irgendwas im Zimmer!“
Das schlimmste erwartend drehte ich auf dem Absatz um und eilte zur Tür des Schlafzimmers. Diese schlug vor meiner Nase zu.
„Was soll das? Julia? Spinnst du?“ rief ich mich brüchiger Stimme.
Keine Antwort.
Ich klopfte gegen die Tür, dann… fiel sämtliche Fassung, die ich noch bewahrt hatte, völlig von mir ab und ich begann mit vor Angst wässrigen Augen gegen die Tür zu schlagen.
„Julia, MACH AUF!! HALLO!! WARUM SAGST DU NICHTS?!?!“
Ich hörte, wie sie im Zimmer zusammenbrach. Ihr Körper fiel wie ein nasser Sack zu Boden.
„JULIAAA!!!“
In einem verzweifelten Versuch rammte ich die Tür mit meiner Schulter, erst einmal, dann noch einmal mit etwas mehr Schwung. Sie gab nicht nach.
Ich ging ein paar Schritte zurück, um mit vollem Anlauf dagegen treten zu können, als ich es sah. In meinem rechten Augenwinkel nahm ich eine Gestalt wahr, die auf der Treppe stand. Mein Kopf zuckte nach rechts, um sie frontal sehen zu können. Es war, als hätte jemand einen Eimer Eiswasser über meinem Kopf ausgeleert. Ich keuchte und bekam für einen Moment keine Luft. Meine Gedanken rasten, aber sie hallten in weiter Ferne. Ich war wie gelähmt. Dann… entlud sich das geballte Adrenalin in meinen Adern und holte mich lange genug zurück in die Realität, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Julia. Ich nahm die Tür ins Visier, biss die Zähne zusammen, nahm so viel Schwung auf wie es der Flur erlaubte und trat mit voller Wucht gegen die Stelle direkt neben dem Türknauf. Ein lautes Knacken von Metall und Holz ertönte und die Tür schwang zur Hälfte auf. Ich hastete hinein, schlug die Tür hinter mir zu und presste mich dagegen in der Erwartung, wer auch immer dort gestanden hatte, würde versuchen, einzudringen. Was ich dann sah, verfolgt mich noch heute in meinen Träumen.
Julia lag mitten im Zimmer bäuchlings auf dem Boden und hatte einen Arm zum Bett hin ausgestreckt. Sie stöhnte leicht und schien zumindest bei Bewusstsein zu sein. Der Schein der Kerzen wirkte schwächer als zuvor, sodass ich kaum den ganzen Raum sehen konnte. Schwer und schnell atmend flüsterte ich:
„Julia?“
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, sie wäre im Begriff aufzustehen. Dann erkannte ich zu meinem Entsetzen, dass nicht sie sich bewegte… sie wurde bewegt. Etwas schien an ihrem ausgestreckten Arm zu ziehen und sie langsam aber stetig unter das Bett zu ziehen. Ich schrie auf, ließ mich erst auf die Knie und dann auf den Bauch fallen, um mit meinen Füßen immer noch die Tür zuzuhalten und ergriff Julia’s Beine.
„WACH AUF!“, rief ich, während ich mit Leibeskräften an ihr zog.
Der Bereich unter dem Bett lag in vollkommener Dunkelheit und Julia’s Arm war bereit bis zum Ellenbogen darunter verschwunden. Panisch hielt ich ihr Bein mit einer Hand fest und kramte mein Handy hervor. Ich schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete ihren Strahl unter das Bett. Für einen Wimpernschlag starrte ich in das Gesicht einer Frau, die dort merkwürdig verdreht hockte und mich mit einer Mischung aus Wut und Wahnsinn beäugte. Ihre Haut war verwest und von Blasen und Narben überzogen und ihr ausgestreckter grässlicher Arm hielt sich an Julia’s mit einer krallenartigen Hand fest. Dann… war sie weg, als wäre sie nie dagewesen und augenblicklich ließ der Sog nach, gegen den ich angekämpft hatte.
Ich starrte für einen Moment auf die Stelle, an der ich die Frau gesehen hatte, dann zog ich Julia mit einem beherzten Ruck so weit ich konnte zu mir. Sie kam mir plötzlich fast zu leicht vor. Ich setze mich mit dem Rücken gegen die Tür und drehte Julia auf die Seite. Ihre Lider waren geschlossen, aber ich konnte ihre Augen darunter hin- und her-hüpfen sehen. Ich rüttelte an ihrer Schulter und murrte durch halb zusammengebissene Zähne:
„Du musst jetzt aufwachen, hörst du?!“
Ich war drauf und dran, ihr eine Ohrfeige zu verpassen, als sich ihre Augen öffneten und sie sich nach Luft schnappend aufsetzte, als wäre sie eben noch beinahe ertrunken.
„Was? WAS? Wo bin ich? Was war das?“
Sie sah mich für einen Moment verwirrt an, drehte dann hastig ihren Kopf zu allen Seiten und sah dann auf mein Handy. Ich leuchtete damit wieder unter das Bett und muss einen gequälten Gesichtsausdruck gehabt haben, denn sie fragte:
„Was ist denn mit dir passiert?“
„Jemand hat sich mit dir eingeschlossen und du bist ohnmächtig geworden. Ich musste die Tür eintreten und… dich unter dem Bett hervorziehen. Da war auch noch jemand im Flur auf der Treppe und…“ ich hielt inne. Wen oder was hatte ich dort eigentlich gesehen? Ich konnte mich nur an eine Gestalt erinnern, deren Gesicht ich in der Dunkelheit nicht ausmachen konnte. Ein scheußliches Detail tauchte aus meiner von Panik überzogenen Erinnerung wieder auf: Das Gefühl der Anspannung. Als schaute man einem Athleten zu, der kurz davor war, einen Sprint hinzulegen. Die Gestalt hatte sich nicht bewegt und dennoch war es, als wäre sie auf mich zugerannt gekommen. Mein Blick musste bei diesem Gedanken kurz ins Leere gegangen sein, denn Julia schaute mich noch besorgter an und sagte:
„Simon?… Hey Simon, du machst mir Angst!“
Ich sah in ihre aufgerissenen Augen, atmete tief ein und sagte: „Wir müssen hier sofort raus.“
Sie nickte und stand langsam auf, wobei sie scharf Luft holte. Ich sah, dass sie sich beide Knie aufgeschürft hatte, als sie zusammengesackt war.
„Auh… Scheiße! Ich packe meinen Laptop ein und dann hauen wir ab, ja?“
Sie humpelte zum Bett rüber, packte ihren Laptop und stopfte ihn in ihren Rucksack, der in einer Ecke des Raums gestanden hatte. Während sie ihn sich aufsetzte, stand ich vorsichtig auf, wobei ich meinen Rücken gegen die Tür gepresst hielt und sagte:
„Mach deine Handy-Taschenlampe an. Wir müssen für so viel Licht wie möglich sorgen.“
Warum ich das sagte, wusste ich in dem Moment selbst nicht genau. Mein einziger Anhaltspunkt war, dass das Licht die grässliche Frau unter dem Bett hatte verschwinden lassen. Ich setzte all meine Hoffnung darauf, dass es zur Not auch erneut helfen würde.
„Ok“, sagte Julia nur und holte auch ihr Handy hervor.
Sie kam zu mir und stellte sich mit einem zweifelnden Blick vor mich.
„Und jetzt?“
„Die Fenster können wir vergessen“, sagte ich. „Selbst wenn wir eins aufkriegen, sind wir viel zu hoch und landen in Dornenbüschen, wenn wir runter springen. Uns bleibt nur der Haupteingang. Wir gehen gemeinsam runter und ich versuche, den Schrank wegzuschieben. Dabei nimmst du beide Handys und leuchtest mir und um uns herum, ok?“
„Was ist mit der Person, die du gesehen hast?“, fragte sie. Sie flüsterte nun.
Ich sah ihr direkt in die Augen und log uns mit meinen nächsten Worten beide an:
„Sorry, ich glaube, das hab‘ ich mir nur eingebildet. Bist du soweit?“
„Ok“.
Der Tatendrang hatte ihr scheinbar wieder etwas Mut eingeflößt. Unter äußerster Anspannung ließ ich von der Tür ab und zog sie langsam auf, wobei ich mein Licht durch den Spalt scheinen ließ. Ich lauschte angestrengt, konnte aber außer Julia’s flachem Atem hinter mir nichts hören.
„Komm“, sagte ich und zog die Tür weit genug auf, damit wir hindurch gehen konnten. Ich streckte meinen Kopf um die Ecke und leuchtete auf den Flur. Nichts. Die Gestalt war verschwunden. Die offenen Türen wirkten mit einem Mal bedrohlich, wie große Fallen, die uns einsaugen würden, sobald wir an ihnen vorbeigingen. Ohne mich umzudrehen winkte ich Julia zu, mir zu folgen und betrat den Flur. Jedes Geräusch, das wir auf unserem Weg erzeugten, kam mir zehnfach verstärkt vor und ließ meinen Puls höher schlagen. Die Strecke vom Schlafzimmer zum umgekippten Schrank kam mir vor, als wären wir Taucher, die mit ihrem letzten Atem der Wasseroberfläche entgegen schwammen. Doch hatten wir es noch nicht ganz geschafft.
„Ok, ich beeile mich! Denk dran, zu leuchten!“, flüsterte ich Julia zu und besah mir die Schranktrümmer, nachdem ich ihr mein Handy gegeben hatte. Der Schrank war breit und wuchtig, aus äußerst stabilem Holz und hatte unten kleine Füße. Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie unmöglich es war, dass er von selbst umgekippt war und zog und zerrte an ihm. Ich schaffte es unter größter Anstrengung, ihn einige Zentimeter nach rechts und in den Raum zu bewegen, musste aber eine kurze Verschnaufpause einlegen. Als ich gerade weitermachen wollte, hörte ich Julia keuchen.
„Simon. Simon!“, presste sie mit einer zitternden Stimme hervor.
Ich drehte mich zu ihr um und folgte ihrem Blick. Sie beleuchtete die Treppe, die wir von unserem Standpunkt aus bis knapp zur obersten Stufe sehen konnten. Genau auf dieser Stufe stand jemand, von dem wir nur die nackten Füße und Beine sehen konnten. Die Gestalt hatte dieselbe grauenhafte Haut wie die Frau unter dem Bett, verwest, gräulich und von Blasen zersetzt. Sie stand einfach nur da, aber ich verspürte wieder die Anspannung, als wäre sie im Begriff, auf uns zu zu rennen.
„Halt das Licht drauf!“, flüsterte ich Julia zu und wandte mich wieder dem Schrank zu. Unter einem erheblichen Kraftaufwand schob ich die Trümmer so weit zur Seite, dass ein Spalt entstand, durch den wir uns würden durchzwängen können.
„Schnell, raus hier!“, zischte ich und zog an der wie versteinert dastehenden Julia, um sie in Bewegung zu versetzen. Sie blickte mich an, dann eilte sie an mir vorbei und nach draußen. Dabei nahm sie beide Handys mit sich. Für einen Moment stand ich dort mit dem Mondlicht, das durch den Spalt brach, als einzige Erhellung. Die Treppenstufen machten kein Geräusch, aber ich konnte deutlich fühlen, wie sich die Gestalt auf mich zubewegte. Ich zwängte mich panisch durch den Spalt ohne zurück zu blicken.
Julia war bereits auf halbem Weg zu unseren Autos und ich rannte so schnell, dass wir fast gleichzeitig dort ankamen.
Sie stieg ein und ich setzte mich auf den Beifahrersitz und schlug die Tür hinter mir zu.
Für eine Minute saßen wir einfach so da, atmeten beide schnell und starrten auf das Haus vor uns. Dann hörte ich Julia neben mir leise schluchzen. Erschrocken drehte ich mich zu ihr um und sah, wie mehrere Tränen ihre Wangen herabliefen. Sie drehte ihren Kopf und sah mir mit einem verzweifelten Blick in die Augen.
„Scheiße, was zur Hölle war das?“, stieß sie hervor, dann holte sie zischend Luft und starrte auf meinen Nacken.
„Simon! Dein Hals!“
Ich fasste mir in den Nacken und zuckte schmerzerfüllt zusammen. Als ich meine Finger vor mich hielt, konnte ich frisches Blut an ihnen erkennen. Ich drehte mit meiner anderen Hand den Rückspiegel zu mir und riss erschrocken meine Augen auf. Fünf feine Linien zogen sich von meinem Haaransatz zu meiner Schulter herab, aus denen Blut hervor sickerte. Es sah aus, als hätte mich eine krallen-besetzte Hand aufgekratzt.
Ich nahm aus meinen Augenwinkeln eine Bewegung hinter dem immer noch offenstehenden Türspalt am Eingang des Hauses wahr. Es war noch nicht vorbei. Irgendetwas trachtete uns noch immer nach dem Leben. Ich sah zu Julia.
„Kannst du fahren?“, fragte ich und sah sie besorgt an.
Sie nickte und wischte sich mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht.
„Gut. Lass uns so weit wie möglich von hier verschwinden. Fahr mir hinterher.“
Mit diesen Worten stieg ich aus und ging in zwei Schritten zu meinem Auto rüber. Ich kramte den Schlüssel aus meiner linken Hosentasche hervor, schloss auf und setzte mich hinter das Steuer. Wir starteten beide fast gleichzeitig unsere Motoren und verließen das scheußliche Haus mit seinem dornen-gespickten Garten und den verrammelten Fenstern.
In meinem Rückspiegel wurde es schnell immer kleiner und Julia’s Auto fuhr in geringem Abstand hinter meinem her. Als ich überlegte, wohin wir am besten fahren sollten, schweiften meine Gedanken ab. Ich sah vor mir das Gesicht der Frau unter dem Bett und ihren mörderischen Ausdruck, mit dem sie an Julia’s Arm gezogen hatte. Ich schwor mir, nie wieder in die Nähe von irgendetwas zu kommen, dass als heimgesucht galt.
Seit dieser Nacht schlafe ich schlecht. Neben meinem Bett habe ich nun immer eine starke Taschenlampe stehen, damit ich die Schatten zurückdrängen kann, wenn ich wieder das Gefühl habe, als würden sie sich nach mir ausstrecken.
AlbtraumErzähler