Neunzig Stunden

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Fall zu Akte SCP-1471 – Die App MalO EuclidAkte lesen →

Mein Bruder Mika hat die App an einem Dienstagabend installiert. Ich weiß das so genau, weil ich später jede Stunde zurückgerechnet habe, auf einem Zettel, den ich immer noch habe.

Wir waren im Sommer umgezogen, wegen Mamas neuer Stelle, aus der Stadt in einen Ort, in dem der Bus zweimal in der Stunde fährt und abends gar nicht. Mika ist sechzehn. In der neuen Klasse kannte er noch kaum jemanden, also verbrachte er die Nachmittage meistens in seinem Zimmer, mit dem Handy. Ich arbeite nachts an der Tankstelle an der Umgehungsstraße. Dass er mehr am Handy hing als früher, ist mir aufgefallen. Ich fand es nicht weiter schlimm. Damals.

Am Mittwoch hielt er mir beim Frühstück sein Handy hin. „Guck mal. Irgendwer schickt mir Fotos.“

Es war die Bushaltestelle vor unserem Haus, grau, im Morgenlicht. Am Ende des Wartehäuschens stand jemand. Groß, viel zu groß für das Häuschen, die Schultern krumm unter dem Dach. Schwarzes Haar hing ihm bis über die Brust. Wo ein Gesicht hätte sein müssen, war ein langer, heller Schädel, wie von einem Hund.

„Bestimmt ein Filter“, sagte Mika. „Oder so ein Kunstprojekt.“ Er klang fast froh. Jemand hatte an ihn gedacht.

Ich habe die App gesucht. Es gab kein Symbol und keinen Ordner, nur ganz unten in der Liste der Downloads einen Eintrag: MalO ver1.0.0. Kein Hersteller, keine Bewertungen. Der Knopf zum Deinstallieren war grau.

Bis Donnerstag kamen ungefähr alle vier Stunden neue Bilder. Erst die Orte, an denen Mika oft ist: die Schule von der Seite, der Getränkemarkt, die Bank am Baggersee. Dann Orte, an denen er nur einmal gewesen war. Der Zahnarzt. Der Parkplatz vor dem Baumarkt, wo wir am Montag zusammen Wandfarbe gekauft hatten. Auf jedem Bild stand die Gestalt irgendwo. Mal weit hinten zwischen zwei Autos. Mal so nah an der Kamera, dass man nur Haar sah und einen Streifen Knochen.

Ich habe angefangen zu zählen. Ich weiß nicht genau, warum. Ich glaube, weil Zählen das Einzige war, was ich tun konnte.

Am Freitagabend, Stunde dreiundsiebzig, kam das erste Bild von Mika selbst. Er saß an seinem Schreibtisch, von hinten fotografiert, im Licht der Lampe. Die Gestalt stand hinter ihm, gebückt unter der Dachschräge, den Schädel ein wenig zur Seite geneigt, als würde sie ihm über die Schulter lesen.

Mika saß in diesem Moment genau so da. An genau diesem Schreibtisch. Ich stand in seiner Tür und sah ihn an und sah das Bild an, und in seinem Zimmer waren nur Poster und ein Wäschehaufen auf dem Stuhl.

„Mach das Ding aus“, sagte ich.

Er schaltete es aus. Drei Stunden später, kurz bevor ich zur Nachtschicht musste, leuchtete das Display wieder, ohne dass jemand es angefasst hatte, und ein neues Bild war da. Diesmal von der Seite. Diesmal näher.

Ich habe ihm das Handy weggenommen. Er hat geschrien, dass ich kein Recht dazu habe, und ich habe es trotzdem behalten. Ich habe ihm meinen Zettel gezeigt, die Spalten mit den Uhrzeiten, und ich glaube, das hat ihm mehr Angst gemacht als die Bilder. Dann bin ich zur Schicht gefahren und habe das Handy in die Schublade unter der Kasse gelegt.

Es war eine ruhige Nacht. Ein Lkw-Fahrer, zwei Jugendliche, die Chips kauften, danach niemand mehr. Kurz nach drei vibrierte die Schublade. Ich habe hineingesehen. Natürlich habe ich hineingesehen.

Das Bild zeigte unser Haus von der Straße aus. Im ersten Stock brannte Licht, in Mikas Zimmer. Durch die Scheibe sah man ihn am Schreibtisch sitzen, über ein Buch gebeugt. Draußen, auf dem Rasen vor dem Haus, stand die Gestalt und sah zu ihm hinauf.

Ich habe ihn angerufen, auf dem Festnetz, weil er ja kein Handy mehr hatte. Er ging sofort ran. Er war wach. Er sagte, er sitze noch am Schreibtisch, weil er nicht schlafen könne. Ich sagte: Zieh die Vorhänge zu. Sieh nicht hinaus. Sieh in nichts hinein, in dem du dich spiegelst. Er fragte, warum, und ich wusste keine Antwort, die ich am Telefon sagen wollte.

Gegen halb fünf wurde das Handy in der Schublade heiß. Nicht warm, heiß, so dass ich es mit einem Lappen herausnehmen musste. Das Display flackerte, zeigte eine Reihe von Zeichen, die ich nicht lesen konnte, und wurde schwarz. Es ging nie wieder an.

Um sechs, als es draußen grau wurde, hielt ein Kombi an Zapfsäule vier. Zwei Leute stiegen aus, eine Frau und ein Mann, beide in grauen Jacken mit dem Aufdruck eines Netzbetreibers, den ich nicht kannte. Sie tankten nicht. Sie kamen herein, und die Frau nannte meinen Namen, bevor ich etwas sagen konnte.

Sie wollte das Handy. Ich gab es ihr, in den Lappen gewickelt. Dann fragte sie: „Wie viele Stunden?“

Ich holte den Zettel aus meiner Jacke. Sie las ihn sehr genau, Zeile für Zeile, und ihr Kollege schrieb etwas auf.

„Sechsundsiebzig“, sagte sie schließlich. „Dann hat Ihr Bruder Glück gehabt.“

„Und wenn es mehr gewesen wären?“

Sie gab mir keine Antwort darauf. Sie fragte stattdessen, wie viele Bilder ich selbst gesehen hätte. Ich sagte, vielleicht fünfzehn. Sie nickte, als wäre das eine Zahl, die man aushalten kann. Dann schob sie mir eine Karte über den Tresen, auf der nur eine Telefonnummer stand.

„Falls Sie einmal etwas sehen, wo nichts sein sollte“, sagte sie. „Am Rand. In einer Scheibe. Dann rufen Sie an. Egal, wie spät es ist.“

Das ist jetzt vier Monate her. Mika geht es gut. Er hat in der neuen Klasse einen Freund gefunden, der auch Fahrrad fährt, und manchmal bringt er ihn mit. Er redet nicht mehr über die Bilder, und ich frage nicht.

Ich arbeite immer noch nachts an der Tankstelle. Die großen Glastüren spiegeln, wenn es draußen dunkel ist und drinnen hell, und ich habe mir angewöhnt, nicht hinzusehen. Das geht besser, als man denkt.

Gestern kam auf meinem Handy eine Nachricht von einer Nummer, die ich nicht kenne. Ein Bild. Ich habe es nicht geöffnet.

Ich habe in den Einstellungen nachgesehen, in der Liste der Downloads. Ich bin fast bis ganz nach unten gescrollt. Dann habe ich das Handy umgedreht und mit dem Display nach unten auf den Tresen gelegt, und da liegt es jetzt.

Die Karte mit der Telefonnummer liegt daneben.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-1471 von LurkD aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-1471) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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