Messpunkt neun
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
3. Februar, Spätschicht
Runde wie immer. M1 bis M8, die Punkte an der gelben Linie: im erwarteten Bereich. M9: null. M9 liegt hinter der Kammer, einen halben Meter außerhalb der Linie, und zeigt null, seit es die Kammer gibt. Die Kammer steht innen an der Linie, so dicht daran, wie es ging; die Linie läuft unter ihrer Rückwand entlang.
Das Schichtbuch ist für Werte da. Ich schreibe trotzdem ein paar Sätze dazu. Mein Vorgänger hat das auch gemacht, und beschwert hat sich keiner.
In der Kammer wohnt Ruth Albers, seit vierzehn Monaten. Sie muss drinnen wohnen. Ohne Fremdstrahlung ginge der Pilz in ihr binnen eines Tages ein, und er ist das Einzige, was sie nach jener halben Stunde im Stollen noch am Leben hält.
Um 15 Uhr Messung in der Kammer, zehn Minuten im Anzug. Ruth hat gezeichnet, wie jeden Tag: die flache Weite, die kurzen, weichen Striche, darunter die Brocken. Die Blätter halten nicht lange. Binnen rund achtzehn Stunden werden sie durchsichtig und sind dann fort, darum fotografieren wir sie vorher durch die Scheibe. Ruth macht das nichts aus. „Dann ist da schon mal was von mir“, sagt sie.
Bei Minute neun hat sie gefragt, ob ich mit ihr nach vorn gehe, zum Kasten. Das fragt sie bei jeder Visite. Ich habe Nein gesagt, wie jedes Mal, und sie hat gelächelt, wie jedes Mal.
11. Februar, 2:10 Uhr
M9: drei. Zweitgerät geholt: drei. Um 2:45 wieder null. Als Fehlmessung vermerkt, Gerät eins zur Prüfung.
14. Februar, Nachtschicht
M9 von 1:20 bis 4:30 Uhr über null, höchstens fünf. Gerät zwei, frisch geprüft. Tagsüber null.
Auf dem Nachtbild der Kamera schläft Ruth. Ihr Bett steht an der Rückwand, genau dort, wo auf meiner Seite M9 liegt. Es stand immer dort. Ich habe das Bild vergrößert. Um ihre Schultern liegt ein Schimmer, so schwach, dass ich zuerst dachte, der Bildschirm sei schmutzig. Er ist bläulich.
Das Bettzeug wird zweimal am Tag getauscht und verbrannt, das Gestell wird gesprüht. Was da strahlt, ist nicht das Bett.
15. Februar, Visite
Ich habe Ruth gebeten, das Bett für eine Nacht an die vordere Wand zu stellen, zum Kasten hin. Sie hat nicht gefragt, warum. Sie hat sich gefreut, als hätte ich ihr ein Zimmer mit Aussicht angeboten.
16. Februar
3:00 Uhr, M9: null.
Bei der Visite wollte Ruth das Bett zurückhaben. An der Rückwand schlafe sie besser, hat sie gesagt. Da höre sie mich, wenn ich nachts meine Runde mache.
17. Februar, 3:00 Uhr
M9: sieben. Am Fuß der Wand, auf meiner Seite, ein heller Flaum, kaum zu sehen. Gesprüht.
Meldung an die Leitung. Ich habe hineingeschrieben, was wir alle wissen und was keiner auf einen Menschen bezogen hat: Wird der Belag dicht genug, entsteht die Fremdstrahlung um ihn herum von selbst, und das Mineral braucht er dann nicht mehr. Es steht in unseren eigenen Maßnahmen.
18. Februar
Antwort der Leitung: M9 ab sofort stündlich. Die Linie hinter der Kammer wird um einen Meter nach außen gelegt. Ich habe sie heute Nacht selbst gezogen, auf den Knien, mit Kreppband und gelber Farbe. Der Kreis hat jetzt eine Beule, und M9 liegt darin. Seit heute liegen auch hinter der Kammer Platten, die zweimal am Tag getauscht werden. Durch die Wand habe ich Ruth summen hören.
4. März
M9 jetzt auch am Tag über null: zwölf am Mittag, neunzehn in der Nacht. Wer an M9 misst, misst im Anzug und schnell. Die Beule ist um einen weiteren Meter gewachsen. Die alte Farbe habe ich stehen lassen. Jetzt liegen drei gelbe Bögen hintereinander auf dem Boden, wie Jahresringe.
18. März
M9: dreiunddreißig.
Die Leitung will wissen, wie groß ein Fundstück sein müsste, das hinter der Kammer solche Werte liefert. Ich habe es ausgerechnet. Ein kleiner Brocken ohne Kasten, dort, wo ihr Bett steht, käme an M9 auf etwa vierzig. So habe ich es hineingeschrieben.
Die erste Regel für diese Zone habe ich nicht dazugeschrieben. Die kennt die Leitung selbst. Verwahrt wird genau ein Stück. Jedes weitere wäre ein weiterer Herd.
26. März, Visite
Zehn Minuten im Anzug, wie immer. Ruth hat gezeichnet: die Weite, die Striche, die Brocken. Sie war freundlich und geduldig wie immer und hat mir das neue Blatt hingehalten, damit ich es mir ansehe, solange man es noch sieht.
Bei Minute neun hat sie nicht gefragt, ob ich mit ihr nach vorn gehe. Zum ersten Mal, seit sie hier ist. Sie hat auf den Hocker gezeigt, der neben ihrem Bett an der Rückwand steht.
„Setz dich doch ein bisschen“, hat sie gesagt. „Nach vorn müssen wir ja nicht mehr.“
Ich bin bei neun Minuten und vierzig Sekunden hinaus.
M9, 16:00 Uhr: einundvierzig.
Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-059 von HK-016, rewritten by eric_h aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-059) und steht unter CC BY-SA 3.0.