EigenartigesMordPsychologischer Horror

Die Verzweiflung – Part 2

Manche Fälle lassen einen nicht mehr los. Selbst dann nicht, wenn die Arbeit längst vorbei ist. Ein erfahrener Psychiater begegnet einem Patienten, dessen Verhalten ihn zunehmend beunruhigt. Eine unerklärliche Kälte, Augen hinter einem Vorhang und eine Warnung, die er nicht vergessen kann. Als er ins Leichenhaus gerufen wird, beginnt etwas, das sich mit seinem Wissen nicht erklären lässt. Und je mehr er versucht, Antworten zu finden, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Einbildung. Vielleicht hätte er die Warnung ernst nehmen sollen. Denn manche Dinge sollte man besser dort lassen, wo man sie gefunden hat.

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Ich bin Psychiater. Ich weiß, wie wichtig die ärztliche Schweigepflicht ist. Deshalb werde ich weder Namen noch genaue Daten oder Uhrzeiten nennen.

Eigentlich dürfte ich diese Aufzeichnungen niemandem zeigen. Trotzdem muss ich alles niederschreiben. Ich muss irgendwie verstehen, was gerade mit mir passiert.

Ich führe meine eigene Praxis und beschäftige mittlerweile drei Angestellte. Ich bin derjenige, der direkt mit den Patienten spricht. Es war schon immer mein Traum, anderen Menschen zuzuhören und ihnen zu helfen.

Natürlich belastet es mich, wenn ich ihre Geschichten und Erfahrungen höre. Manchmal möchte ich diese Menschen einfach aus ihren Situationen herausholen. Doch es kommen zu viele, und ich kann nicht jeden retten.

Besonders leid tun mir Frauen, die zu Hause von ihren eigenen Partnern geschlagen werden. Ich möchte das nicht weiter vertiefen. Es macht mich traurig. Aber genau deshalb habe ich diesen Beruf gewählt.

Viele behaupten, Psychiater würden ihre Patienten nicht ernst nehmen und immer dieselben Fragen stellen. Das stimmt teilweise. Wir tun das allerdings auch, um euch Idioten zu schützen.

Entschuldigung. Das ist mir einfach herausgerutscht.

Es gibt da einen bestimmten Patienten, über den ich schreiben muss.

Jedes Mal, wenn dieser Mann mein Zimmer betritt, wird es kalt. Ich kann nicht erklären, warum. Es fühlt sich an, als würde eine Welle auf mich zukommen. Als würde etwas ständig in den Raum hinein- und wieder hinausströmen.

Nennt mich verrückt. Das ist mir gerade egal.

Dieser Patient hat eine Ausstrahlung, die mich beklemmt. Ich habe zwanzig Jahre Berufserfahrung. Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen und gehört.

Aber dieser Mann ist anders.

Am nächsten Tag erschien er erneut in meiner Praxis. Diesmal war er ungewöhnlich still. Die Kälte, die ihn sonst umgab, war verschwunden. Einfach so.

Er saß regungslos auf seinem Stuhl und nickte immer wieder, während ich mit ihm sprach. Auf meine Fragen antwortete er kaum.

Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Später erfuhr ich mehr über die Umstände, unter denen die Polizei ihn gefunden hatte.

Er war völlig verstört gewesen und hatte sich mehrfach mit einer Schere ins Bein gestochen. Beinahe hätte er dabei eine Arterie getroffen.

Alles, was er immer wieder wimmerte, waren dieselben Worte:

„Geht nicht zum Wald.“

Damals war uns noch nicht klar, dass es sich um einen Mordfall handelte.

Der Mann sprach häufig von einer Puppe, die ihm sehr viel bedeutete. Gleichzeitig schien er immer wieder daran zu zweifeln, ob es sich bei ihr tatsächlich um eine junge Frau Mitte zwanzig handelte.

Für ihn war sie eine Puppe.

Nicht einfach eine Puppe, die man in einen Schrank stellt und irgendwann vergisst. Nein, er sprach von ihr, als wäre sie das Wichtigste in seinem Leben.

Ich weiß nicht, was mich mehr beunruhigte: seine Worte oder die Art, wie er sie aussprach.

Vielleicht hätte ich damals genauer hinhören sollen.

Bei unserem nächsten Gespräch wurde die Kälte wieder stärker. Kaum hatte er den Raum betreten, spürte ich sie auf meiner Haut. Gleichzeitig lag plötzlich ein süßlicher Geruch nach Frauenparfüm in der Luft.

Vielleicht hatte sich der Patient damit eingesprüht.

Ich versuchte, mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Doch dann bemerkte ich etwas hinter dem Vorhang im Besprechungsraum.

Augen.

Sie starrten mich an.

Ich konnte nicht erkennen, wem sie gehörten. Ich sah nur diesen Blick, der auf mir ruhte, ohne sich abzuwenden.

Ich blinzelte.

Die Augen waren noch immer da.

Manchmal bewegte sich der Vorhang ganz leicht. Doch das Seltsame daran war, dass es immer nur geschah, wenn mein Patient anwesend war.

Ich sprach ihn nicht darauf an. Was hätte ich auch sagen sollen?

Entschuldigen Sie, aber sehen Sie ebenfalls die Augen, die mich hinter dem Vorhang beobachten?

Nein. Das wäre lächerlich gewesen.

Ich habe zwanzig Jahre Berufserfahrung. Ich weiß, wie schnell sich Menschen Dinge einbilden können.

Also redete ich mir ein, dass es nur Einbildung war.

Doch als der Patient die Praxis verließ, verschwand auch die Kälte. Und der Vorhang bewegte sich nicht mehr.

Am Nachmittag erhielt ich einen Anruf. Man bat mich, mich mit einem Mordfall zu befassen und ins Leichenhaus zu kommen.

Ich sagte zu.

Dort erfuhr ich, was mit der jungen Frau geschehen war.

Der Patient hatte ihr Blut abgenommen und Frostschutzmittel in ihren Körper gepumpt. Angeblich wollte er damit einen bestimmten Prozess aufhalten. Anschließend hatte er sie in seiner Kühltruhe aufbewahrt.

Zwanzig Tage lang.

Als ich die Tote sah, musste ich kurz wegsehen. Sie hatte über achtzig Messerstiche erlitten. Einer davon war unmittelbar tödlich gewesen, möglicherweise der letzte. Der tödliche Stich soll seitlich am Hals angesetzt worden sein. Sie starb vermutlich innerhalb weniger Minuten.

Die Arme.

Sie hatte noch so viel vor sich.

Und dann war ihr auf diese brutale Weise das Leben genommen worden.

Ich versuchte, mich auf die Fakten zu konzentrieren. Das war schließlich meine Aufgabe. Doch je länger ich sie betrachtete, desto schwerer fiel es mir, meine Gedanken zu ordnen.

Sie sieht …

Sie sieht …

Nein.

Diese Gedanken werde ich nicht zulassen.

Ich darf nicht vergessen, dass hier ein Mensch vor mir liegt. Ein Mensch, dem auf grausame Weise das Leben genommen wurde.

Und trotzdem ging mir ihr Gesicht nicht mehr aus dem Kopf.

Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, sie würde mich anlächeln.

Ich weiß, wie absurd das klingt. Eine Tote kann mich nicht anlächeln.

Oder?

Als ich nach Hause kam, versuchte ich, mich abzulenken. Meine Frau hatte bemerkt, wie sehr mich der Fall belastete, und kümmerte sich besonders um mich. Normalerweise tat sie das nur, wenn ich besonders schwere Fälle hatte.

So wie diesen.

Doch das Gesicht der jungen Frau ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Es war, als hätte sie mich verliebt angelächelt.

Nein. Ich durfte nicht daran denken. Ich habe eine Frau.

Meine Frau schlief bereits, als ich mich vorsichtig aus dem Bett schlich. Ich brauchte eine Zigarette. Vielleicht würde es mir helfen, den Kopf freizubekommen.

Doch kaum war ich allein, hörte ich es wieder.

Schreie.

Ein leises Weinen, das irgendwo in meinem Kopf begann und nicht mehr aufhören wollte.

Es passierte immer dann, wenn ich an den Wald dachte.

Ich erinnerte mich an die Worte meines Patienten.

„Geht nicht zum Wald.“

Warum hatte er das gesagt? Was war dort geschehen?

Ich sollte die Polizei informieren und mit ihr dorthin fahren. Das wäre vernünftig gewesen.

Doch ich konnte nicht länger warten.

Ich musste zum Wald.

Während ich darüber nachdachte, hörte ich plötzlich einen Gesang.

Er klang wunderschön.

Ich wusste nicht, woher er kam. Er war leise, beinahe beruhigend. Und trotzdem lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich zog mich an, nahm meine Autoschlüssel und machte mich auf den Weg.

Unterwegs hielt ich kurz an, um mir einen Energy-Drink zu holen. Ich musste wach bleiben. Mein Handy zeigte keinen Empfang an.

Ich hätte jemandem Bescheid sagen sollen, bevor ich losgefahren war.

Aber dafür war es jetzt zu spät.

Da war er.

Der Wald.

Ich stieg aus und ging zu dem Ort, an dem die Tote begraben worden war. Die Umgebung war still. Kein Vogel, kein Rascheln der Blätter.

Nur meine eigenen Schritte.

Ich erreichte die Stelle und blieb stehen.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Etwas weiter hinten sah es so aus, als wäre dort ebenfalls etwas vergraben worden.

Ich wusste nicht, warum ich nachsehen musste. Vielleicht wollte ich einfach eine Erklärung finden. Irgendetwas, das mir bewies, dass ich mir das alles nur einbildete.

Ich begann zu graben.

Nach einer Weile stieß ich auf etwas.

Eine Puppe.

Nur eine Puppe.

Ich legte sie frei und betrachtete sie genauer.

Sie roch seltsam. Nicht nach Verwesung, sondern nach etwas, das ich nicht zuordnen konnte.

Dann erkannte ich ihr Gesicht.

Sie sah dem Opfer erschreckend ähnlich.

Ich drehte sie vorsichtig um.

Dieselben Stichverletzungen.

Mir wurde kalt.

Wie konnte das sein?

Ich fasste die Puppe nicht weiter an. Stattdessen holte ich mein Handy hervor und versuchte erneut, die Polizei zu erreichen.

Diesmal hatte ich Empfang.

Ich meldete den Fund und wartete, bis die Beamten eintrafen. Sie nahmen die Puppe mit. Ich beantwortete ihre Fragen, so gut ich konnte.

Viel konnte ich ihnen nicht sagen.

Ich wusste ja selbst nicht, was ich dort gefunden hatte.

Als die Polizei schließlich wieder abfuhr, machte auch ich mich auf den Heimweg.

Ich hasse diese Kinderspiele.

Ich war kaum zu Hause angekommen, als mich ein Anruf aus dem Leichenhaus erreichte.

Die Leiche war verschwunden.

Ich fragte nach, ob man sich sicher sei. Man bestätigte es mir.

Ich machte mich sofort wieder auf den Weg.

Als ich ankam, traf ich die Polizisten, die bereits vor Ort waren. Ich folgte ihnen ins Gebäude.

Doch irgendetwas war seltsam.

Es war leer.

Wo waren die Mitarbeiter? Wo waren die Menschen, die mich zuvor noch empfangen hatten?

Ich hatte gerade erst eine Zigarette geraucht. Vielleicht war ich einfach erschöpft. Vielleicht spielte mir mein Verstand einen Streich.

Trotzdem ging ich weiter.

In Richtung Leichenraum.

Keine Menschenseele war da.

Aber die Leiche war hier gewesen. Daran erinnerte ich mich genau.

Was war hier passiert?

Ich trat näher an die Stelle heran, an der sie gelegen hatte.

Und da war sie.

Sie lag vor mir, als wäre nie etwas geschehen.

Ich atmete langsam aus. Vielleicht war alles nur ein Missverständnis gewesen.

Sie sah friedlicher aus als zuvor.

Ich trat näher und strich ihr über das Haar. Meine Finger berührten sanft ihr Gesicht.

Das arme Ding.

Sie hatte noch so viel Zeit gehabt.

Plötzlich empfand ich Ekel vor mir selbst.

Was tat ich hier?

Ich durfte sie nicht anziehend finden. Sie war tot. Sie war ermordet worden. Und ich stand hier und betrachtete sie, als wäre sie noch am Leben.

Ich musste hinaus.

Der Flur war leer. Ich blieb kurz stehen und versuchte, mich zu sammeln.

Dann hörte ich hinter mir ein Kichern.

Ich drehte mich um.

Nichts.

Doch dann sah ich die Augen wieder.

Sie waren da, irgendwo im Raum. Ihr Blick wanderte zum Leichnam und blieb auf ihr liegen, als würden die Augen zu ihr gehören.

Ich sah, wie sie atmete.

Ich muss zu ihr.

Ich trat wieder an den Leichnam heran. Sie bewegte sich nicht. Nur ihr wunderschönes Haar schien sich in einem leichten Luftzug zu bewegen.

Ich strich ihr durch die Haare.

„Du Arme. Du hattest noch so viel Zeit gehabt, um zu leben.“

Ich küsste sie.

In diesem Moment hörte ich einen lauten Schrei direkt vor mir.

Ich schreckte zurück.

Da war niemand.

Nur ich und die Puppe.

Nur ich und die Puppe.

Ich durfte nicht darüber nachdenken. Ich hatte viel zu viel angerichtet.

Ich musste eine rauchen.

Mit zitternden Fingern zündete ich mir eine Zigarette an.

Dann hörte ich neben mir wieder dieses Kichern.

Ich drehte mich um.

Der Leichnam stand vor mir.

Sie umarmte mich.

Ich konnte mich nicht bewegen. Ich spürte ihre Arme um meinen Körper, als wäre sie tatsächlich da.

Doch im nächsten Augenblick war sie verschwunden.

Einfach verschwunden.

Ich stolperte zurück und verließ den Raum.

Als ich wieder ins Leichenhaus kam, waren die Polizisten zurück. Das Licht brannte überall, Stimmen hallten durch die Gänge.

Alles war wieder normal.

Zumindest sah es so aus.

Ich weiß nicht, was hier passiert ist. Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Und ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch meinem eigenen Verstand vertrauen kann.

Ich habe zwanzig Jahre lang Menschen geholfen, zwischen ihren Ängsten und der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Doch jetzt kann ich es selbst nicht mehr.

Mein Verstand spielt verrückt.

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