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Glutrausch

In den oberungarischen Karpaten, frühes 20. Jahrhundert

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Unsicher lächelnd und mit bebender Stimme flüsterte Ludvik seiner Geliebten, die im Schneidersitz neben ihm saß, ein Kompliment zu. Sie schenkte ihm ihrerseits ein dankbares Lächeln zurück und nahm entschlossen seine Hand. Als er merkte, dass die ihre kalt wie Stein war, umschlang er sie zitternd und versuchte sie zu wärmen, indem er sie näher an seine Brust zog. Innerlich jauchzend über die ersehnte Nähe blickte er auf, bis er ihren heißen Atem auf seinen Lippen spürte. Der Schein des Feuers ließ ihre Augen unwirklich erscheinen, wie Bernsteine, wenn man sie gegen die Sonne hält. Der Mond wachte still über die beiden und fiel unendlich schön auf den einsamen, von dunklen Wäldern umgebenen See.

Emma genoss die Aufmerksamkeit des schüchternen Jungen. Sie erinnerte sich daran, wie er des Öfteren still und leise unter immer demselben Baum saß, versunken in die Lektüre eines spannenden Romans. Eines Tages fasste Emma sich ein Herz, nahm ebenfalls ein Buch in die Hand und setzte sich zu Ludvik. Schüchtern schaute er von seinem Roman auf, nur um seinen Blick gleich darauf beschämt wieder in die Zeilen zu versenken, als hätte er sie durch seine Aufmerksamkeit gestört. So saßen sie stumm nebeneinander und lasen, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Nach mehrmaliger Wiederholung dieses Rituals stellte sich zwischen den beiden eine gewisse Vertrautheit ein, ein Gefühl, den anderen seit Ewigkeiten zu kennen. Und so begannen sie miteinander zu sprechen.

Die Nacht zog den Tag bereits in ihre feste Umarmung. Oft hatte Emma Angst in der Dunkelheit, doch fühlte sie sich geborgen in den starken Armen ihres Verehrers, der sie mit Gedichten und schönen Worten bei Laune zu halten bemühte. Immer wieder verhedderten sich ihre Blicke. Stille. Ehe sie sichs versahen, färbte der Mond den Horizont blau, die Dämmerung die Wälder schwarz.

Plötzlich zerbrach die Stille ein schriller Schrei. Emmas Herz stockte, pochte dann wild, sodass Ludvik es hören konnte. Durch ihren Schrecken seltsam bestärkt, bewahrte er völlige Ruhe und äußerte entspannt die Vermutung, dass es sich beim Verursacher dieser Geräusche wohl um einen Vogel handle, wodurch er Emma ein Stück ihrer Angst nehmen konnte.

Als er ein brennendes Stück Holz aus dem Feuer nahm und sich langsam in jene Richtung begab, aus der er die Laute zu vernehmen glaubte, kehrte das Grauen auch in seine Knochen ein. „Lass mich doch nicht alleine hier sitzen“, flehte Emma, doch der Junge hörte sie schon nicht mehr. Erkennend, dass all ihr Flehen vergebens war, sah sie ihm lange nach, bis der Wald ihn verschluckt hatte.

Mehrmals drehte Ludvik sich um, um sich an dem Anblick von Emmas Silhouette neben dem Feuer zu beruhigen. Er hatte sich dazu entschlossen, ihr den Helden zu spielen, eine Rückkehr ohne Erfolg war nunmehr ohne Blamage nicht möglich. Nachdem er in einem Halbkreis das anliegende Gebiet um die Feuerstelle abgegangen war und keinerlei Gefahr verorten hatte können, begab sich der junge Mann schnurstracks, doch im Bestreben sich keine Hast anmerken zu lassen, zurück ans Ufer. Triumphierend schaute er durch die Flammen, wo er die Gestalt seiner Geliebten zu erblicken erwartete. Wo bist du denn, mein Herz?

Unter der Annahme, seine Auserwählte erlaube sich einen Scherz, und dass sie nach einigen Augenblicken aus der Dunkelheit auftauchen würde, um ihn zu entsetzen und dadurch seinen Heroismus jäh zunichtezumachen, behielt er seine Fassung, jederzeit dazu bereit, sich im richtigen Moment umzudrehen und sie in die Arme zu fangen. Komm heraus, mein Liebes, wo immer du auch bist!

Ja, so war das damals, vor zwanzig Jahren. Niemals hatte er erfahren, was in jener Nacht wirklich geschehen war. Erklärungsnot bei den Eltern des Mädchens, eine großangelegte Suchaktion, ohne Erfolg. Dem Entsetzen wich die Trauer, der Trauer die Verzweiflung, die Verzweiflung der Hilflosigkeit, die Hilflosigkeit der Resignation. Emmas Eltern hatten den Verlust ihrer Tochter nie überwunden, und obwohl sie es niemals gesagt hatten, wusste Ludvik, dass sie ihn dafür verantwortlich machten. Sie alterten schnell, als würden sie dem Tod entgegenrennen, um den nunmehr für sie so elenden Leben zu entfliehen. Außer ihnen, die selten noch vor die Tür gingen, konnte sich kaum noch jemand an das entzückende, liebevolle Mädchen erinnern.

Nach vielen Jahren in der Fremde zog es Ludvik zurück an den Ort des Geschehens. Er wusste selbst nicht, warum. Mit einem mulmigen Gefühl setzte er sich an dieselbe Stelle, wo sie damals in vollkommener Zweisamkeit miteinander verschmolzen waren, und dachte daran, wie anders sein Leben verlaufen wäre, wäre er doch einfach bei ihr geblieben. Der See lag still vor ihm, als hätte er seit zwanzig Jahren auf nichts gewartet als auf ihn. Er blickte auf das Wasser. Kein Wind regte sich, und die Oberfläche war vollkommen glatt, wie schwarzes Glas. In ihr sah er den Himmel, die Bäume, das Sternenlicht — und ein Gesicht. Nicht seines. Nicht Emmas. Eines, das er nicht kannte und das ihn doch anblickte, als kennte es ihn seit jeher.

Er blinzelte. Das Gesicht war fort. Nur sein eigenes Spiegelbild blieb, aber es sah jünger aus, als das, an das er sich erinnerte, und für einen flüchtigen Augenblick wusste er nicht, ob er der war, der ins Wasser blickte, oder der, der aus ihm heraufblickte. Er schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete, war es Nacht. Das Feuer brannte. Und Emma saß neben ihm, im Schneidersitz, mit kalten Händen und bernsteinfarbenen Augen. Sie lächelte.

Er wollte ihre Hand berühren, doch griff er ins Leere. Da hörte er den Schrei. Diesmal rannte er nicht davon. Diesmal blieb er sitzen und starrte in die Flammen, bis sie erloschen waren, starrte in die Glut, und als die Morgendämmerung kam, saß er immer noch dort.

Ein Fischer, der ihn fand, sagte später, der Mann sei gesessen wie einer, der auf jemanden wartet.

Man brachte ihn in die Stadt. Ein Bursche mit rotem Mondgesicht erkannte in dem Mann mit den leeren Augen etwas, das er selbst einmal in den Augen eines anderen gesehen hatte — dort oben, im Tal, als der Nebel sich hob. Er kannte diesen Blick auch von woanders. Er sah ihn jeden Morgen im Spiegel.

Er brachte dem Mann einen Tee und lächelte höflich, wie man es in Sinwitz tat, wenn man etwas wusste, das man nicht sagen durfte.

*  *  *

Wenn euch diese kleine Geschichte gefallen hat — wenn sie euch etwas beunruhigt, verwirrt oder vielleicht nur neugierig auf die dunklen Wälder und stillen Gewässer dieser Region gemacht hat —, dann seid eingeladen, weiter in diese Welt einzutauchen. Die Schatten von Sinwitz sind lang, und manche Geheimnisse ruhen nicht, selbst nach zwanzig Jahren.

 

Caltwasser — eine historische Gruselnovelle. Karpaten, 1912. Verfügbar als Kindle und Taschenbuch.

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(Diese Kurzgeschichte ist nicht Teil der Novelle, spielt aber in demselben Universum.)

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