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Was das Bild will

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Screenshot

Anmerkung der Redaktion: Die folgenden Seiten wurden auf dem Laptop von Elena K. gefunden, Studentin am Kunsthistorischen Institut Zürich, die seit dem 14. März als vermisst gilt. Ihr Betreuer hat uns die Datei mit der Bitte zugespielt, sie zu veröffentlichen – vielleicht erkennt jemand etwas wieder, vielleicht meldet sich jemand. Wir haben am Text nichts verändert. Das Bild, das sie ihren Notizen angehängt hatte, ist oben zu sehen. Die Betrachtung dient dem besseren Verständnis. Abgesehen von dieser Datei war nur ein iMessage-Chat mit ihrer Mitbewohnerin Julie geöffnet. Sie bat uns, diesen der Vollständigkeit halber anzuhängen.

Elli schrieb: 3. März, 22:06

„Hey Julie, komme heute spät, bin noch in der Bibliothek und sitze an dieser Präsi für die Erstis über Qualitative Methoden … well, langweilig. Kurze Pause und dann geht es weiter! Übrigens: Habe vorhin ein Poster von Las Meninas gesehen, kennst du das noch aus dem Grundkurs? Hatte in meinem zweiten Semester eine Vorlesung, die hiess „Spiegel der Wirklichkeit“, und da kam das vor. Ich dachte, ich könnte dazu ein Paper schreiben … ich weiss, was du jetzt denkst: „Ausgerechnet der meistbeackerte Brocken der ganzen Disziplin, was genau glaubst du, da noch zu finden, was nicht schon fünfmal gefunden wurde?“ Man forscht seit Jahrzehnten zu diesem einen Bild. Foucault, Searle, Steinberg, Brown, Snyder – ganze Regalmeter, zu diesen 3,18 mal 2,76 Metern Leinwand. Und der allgemeine Grundton, wenn man mit Leuten im Institut darüber spricht, ist eine Art abschätzige Belustigung: Man kennt die Perspektive, man kennt die Ikonographie, man kennt die Debatten, man ist sich uneins in Details, aber im Grossen und Ganzen gilt das Feld als abgesteckt. Aber irgendwie lässt es mich nicht los … können wir ja morgen in der Mensa mal besprechen?“

 

Notizen zu Kapitel 3 – Qualitative Methoden //

  1. März, 21:47

Einführung in die qualitative Sozialforschung (von Philipp Mayring)

Kernfrage des Aufsatzes:

Wie ist die Vorgehensweise für qualitatives Denken?

Welche Schritte müssen beachtet werden?

Schlüsselbegriffe und Konzepte:

Fünf Postulate erschaffen die Struktur für qualitatives Denken

  1. Der Forschungsgegenstand ist immer ein Subjekt, es ist Ausgangspunkt und Ziel der Untersuchungen. Die Perspektive des Subjektes steht im Vordergrund (Subjektorientierung)
  2. Eine Beschreibung des Gegenstandes ist immer der Ausgangspunkt
  3. Interpretation ist notwendig, da der Gegenstand nie völlig offen liegt
  4. Der Gegenstand wird in seinem natürlichen, alltäglichen Umfeld untersucht, um Verzerrungen zu minimieren
  5. Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse ist nicht automatisch der Fall. Einzelfälle müssen begründet werden

^^^^^^^^^^^^^Blablablablabla

Nach Snyders Aufsatz von 1985 ist praktisch nichts mehr Substanzielles zu diesem Bild erschienen.

Ausgangspunkt: was jede Einführung in dieses Bild als Erstes erklärt, der Pointe, die ich selbst im ersten Semester gelernt habe: Wir, die Betrachter, stehen dort, wo König Philipp IV. und seine Frau standen, als Velázquez sie malte. Der Spiegel im Hintergrund zeigt uns. Wir haben ihren Platz eingenommen, deshalb blicken uns alle im Raum an.

Das ist die Version, mit der man anfängt.

Beim Stöbern im Institutsarchiv bin ich noch auf zwei Merkwürdigkeiten gestossen, die ich mir für später notiere. Ein Rundbrief des Instituts von 1998 kündigt eine Dissertation an mit dem Titel „Zur Ikonographie des Bildinnenraums in Las Meninas“ – erschienen ist sie nie, und auf der einzigen noch vorhandenen Kopie des Rundbriefs ist der Name der Verfasserin durch einen Wasserfleck unleserlich geworden. Ein Tagungsprogramm von 2011 führt ausserdem einen Vortrag „Reading the Interior: A New Approach to Las Meninas“ auf – im gedruckten Sammelband danach fehlt der Beitrag, ersatzlos, keine Fussnote, keine Erklärung. Beide Male ging es, soweit ich das rekonstruieren kann, anders als bei Snyder, Foucault oder Searle nicht um Perspektive oder Geometrie, sondern um das, was innerhalb des Raumes selbst vor sich geht. Auffällig, dass ausgerechnet diese beiden nie fertig wurden. Wahrscheinlich Zufall.

 

22:14

Kleine Randnotiz zuerst, weil sie mir nicht aus dem Kopf geht: Der Hund im Vordergrund liegt in jeder Reproduktion, die ich kenne, mit dem Kopf auf den Pfoten, halb schlafend. In der hochauflösenden Prado-Datei, die ich mir heute besorgt habe, hat er den Kopf angehoben. Ich habe die Dateien verglichen. Es ist dasselbe Digitalisat. Wahrscheinlich ein Kompressionsartefakt. Weiter im Text.

 

23:02

Joel Snyders Aufsatz von 1985 rechnet die Perspektive von Las Meninas tatsächlich nach, mit Fluchtlinien, Orthogonalen, einem Bodenplan des Zimmers. Sein Ergebnis: Der korrekte Projektionspunkt – die Stelle, von der aus das Bild perspektivisch konstruiert ist – liegt gar nicht dem Spiegel gegenüber. Er liegt deutlich rechts davon. Würden wir genau an der geometrisch richtigen Stelle stehen, sähen wir uns im Spiegel überhaupt nicht. Reflektiert er also das tatsächlich vor Velázquez stehende Königspaar – oder reflektiert er das bereits gemalte Doppelporträt auf der grossen Leinwand?

Die Geschichte, die jeder über dieses Bild erzählt – wir sind der König, wir sind die Königin, wir sind gemeint –, ist eine Illusion, die das Bild in uns erzeugt, aber nicht eine, die tatsächlich in seiner Geometrie angelegt ist. Snyder schreibt es so: „This illusion is not in the painting; it is in us.“

Ich sitze seit einer Stunde an derselben Stelle und merke, dass mir kalt wird. Mein Mund ist trocken … Die Heizung läuft. Ich hole mir mal etwas zu trinken … ich glaube, ich habe noch ein paar Stunden vor mir, da sollte ich auf meine Hydrierung achten!

 

23:47

Zweiter Gedanke, der aus dem ersten folgt: Wenn König und Königin tatsächlich genau dem Spiegel gegenüberstanden, wie die Tradition behauptet – dann hätte Velázquez, der zwischen ihnen und dem Spiegel malte, ihnen mit seinem eigenen Körper und der riesigen Leinwand die Sicht darauf verstellt. Sie hätten sich selbst kaum sehen können. Der Spiegel, der angeblich für sie gemacht wurde, war für sie so gut wie unsichtbar.

Also: Blickpunkt, Betrachterstandpunkt, Königspaar und Spiegelbild können nicht einfach auf einen einzigen Punkt gelegt werden …

Ich habe heute im Archiv nach einem Konservierungsbericht zum Original gesucht, nur aus Neugier. Gefunden habe ich einen Vermerk aus den achtziger Jahren, der an der Stelle des gemalten Spiegels „anomale Abnutzungsspuren“ registriert – mikroskopisch feine Kratzer, wie durch wiederholtes Berühren, an einem Gemälde, das seit Jahrzehnten hinter Glas hängt. Als „ungeklärt“ vermerkt. Niemand ist der Sache weiter nachgegangen.

Irgendwie gruselig … Ein Spiegel, der für niemanden gemacht wurde, den man trotzdem angefasst hat.

 

  1. März, 00:31

Es kommt noch schlimmer, und diesmal steht es fast wörtlich so im Text, ich habe es dreimal gelesen, um sicherzugehen, dass ich es nicht falsch verstehe. Snyder argumentiert: Selbst der gemalte Velázquez selbst – die Figur mit Pinsel und Palette, die uns im Bild direkt ansieht – könnte, wenn sie sich umdrehen und in den Spiegel schauen würde, nicht sehen, was wir darin sehen. Er würde nur sich selbst erblicken.

Das heisst: Niemand innerhalb der dargestellten Szene kann jemals sehen, was im Spiegel zu sehen ist. Nicht der König. Nicht die Königin. Nicht der Maler. Es existiert für niemanden, der in diesem Raum lebt. Nur für uns. Nur für einen Blick, der von ausserhalb dieser Wirklichkeit kommt.

Ich weiss nicht, wie man einen Satz wie diesen in ein Paper einbaut, ohne dass er nach etwas anderem klingt als Kunstgeschichte. „Und übrigens, die Funktion des Königspaares ist es, dass nur wir sie sehen können“ – wie albern …

 

01:16

Ich habe gerade die Anmerkung wiedergefunden, die mich seit dem Lesen des Aufsatzes am meisten beschäftigt. Snyder zitiert Foucault, der über den Spiegel schreibt: In seiner Tiefe müsste eigentlich auch das Gesicht des zufälligen Passanten erscheinen, und das von Velázquez selbst. Aber weil beide bereits im Bild anwesend sind – der eine rechts, der andere links –, können weder der Maler noch der Betrachter im Spiegel auftauchen. „Just as the king appears in the depths of the looking-glass precisely because he does not belong to the picture.“

Ich lese den Satz jetzt zum vierten Mal. Nur was nicht zur Szene gehört, kann im Spiegel erscheinen. Anwesenheit schliesst die Spiegelung aus. Nur das Abwesende, das Aussenstehende, wird sichtbar gemacht. Es geht also um die Betrachtung des Gemäldes nach Vollendung. Niemand innerhalb der dargestellten Szene – nicht die Zwergin, nicht die Infanta, nicht Velázquez selbst – könnte je erblicken, was im Spiegel zu sehen ist. Der Hund könnte zusätzlich darauf hindeuten bzw. dies symbolisieren. Seine Augen scheinen geschlossen, man kann diese weder von aussen sehen, noch sieht man, wohin sie blicken. Der Spiegel mit dem Königspaar existiert einzig für uns, für einen Blick von ausserhalb der dargestellten Wirklichkeit. Einzig für mich …

Ein Bild im Bild, das für niemanden gemacht ist, der in dieser Welt lebt.

Ich rufe jetzt doch Julie per Video an, vielleicht ist sie noch wach …, nur um jemanden in der Leitung zu haben. Ich kann ihr über Screen-Share das Digitalisat zeigen und sie fragen, was sie im Spiegel sieht.

 

01:58

Julie meint, ich sehe blass aus, fragt, ob ich seit gestern geschlafen habe. Ich schreibe weiter, während sie in der Leitung bleibt.

Es gibt noch einen Punkt, den ich vorher übersehen hatte, weil jeder, der über das Bild schreibt, wie hypnotisiert auf den Spiegel starrt – ich eingeschlossen, die letzten sieben Stunden. Der Spiegel sitzt zwar in der pikturalen Mitte des Bildes, dort, wo unser Blick automatisch hinwandert. Aber der tatsächliche geometrische Mittelpunkt der Leinwand, der Punkt, auf den die Perspektivlinien des Raumes wirklich zulaufen, liegt woanders: oben an der Türzarge, direkt über dem gebeugten Arm des Mannes in der Tür im Hintergrund. Im Schatten, kaum wahrnehmbar, ohne jedes Interesse für das Auge.

Das Bild lenkt uns absichtlich vom eigenen Zentrum weg. Es zeigt uns den Spiegel, damit wir die Tür nicht ansehen.

Der Mann dort heisst José Nieto, Kämmerer der Königin. Seine gesamte offizielle Aufgabe am Hof bestand, laut den Hofordnungen, darin, ihr zu Diensten zu stehen, „um Türen zu öffnen, wann immer er dazu angewiesen wird.“ Nichts weiter. Ein Mann, dessen einzige Funktion das Türöffnen war, für immer eingefroren genau an der Stelle, die dieses Bild – wenn man seine eigene Geometrie ernst nimmt – zu seinem wahren Mittelpunkt macht. Warum diese prominente Position? Kommt er, oder geht er? Wurde er von der Königin angewiesen, die Tür aufzumachen? Für wen, wenn alle in die andere Richtung gucken … fast so, als habe er sie für mich geöffnet, also für den Betrachter … Hinter ihm, durch die offene Tür, fällt Licht herein, das laut Grundriss der Galería del Mediodía dort eigentlich gar nicht herfallen könnte – an dieser Stelle des Alcázar wäre nur ein dunkles Treppenhaus gewesen. Auf jedem Digitalisat, das ich heute Nacht geöffnet habe, ist es ein bisschen heller geworden dahinter. Wahrscheinlich nur die Bildschirmhelligkeit, die sich automatisch anpasst.

Ich habe das Digitalisat heute Nacht mehrmals geöffnet. Ich habe mehr und mehr das Gefühl, die Figuren gucken mich direkt an. Ich glaube auch nicht, dass Velázquez das Königspaar malt … die Palette in seiner Hand zeigt die Farben des Kleides der Infanta, nicht die der Spiegelung hinten. Dies würde aber bedeuten, dass der Künstler und die ganze Gruppe inkl. Hund vor einem gigantischen Spiegel stehen, von dem der Künstler abmalt … Der Türöffner scheint die Tür für denjenigen zu öffnen, der das Bild betrachtet – aber da, wo der Betrachter steht … also ich … Da wäre in der Bildwelt ja nur ein Spiegel … Aber wieso sehen die Figuren dann nicht ihr Spiegelbild, also sich selbst, an, sondern mich, hinter dem Spiegel?

 

02:35

Letzter Fund, und dann mache ich Schluss für heute, das verspreche ich mir selbst. Spiegel wie dieser gehörten im Spanien des 17. Jahrhunderts zu einer eigenen literarischen Gattung, dem „espejo de príncipes“, dem „Fürstenspiegel“. Ein Spiegel, der nicht die äussere Erscheinung zeigt, sondern ein ideales, exemplarisches Bild – eine Reflexion, die, wörtlich, „nur mit dem inneren Auge gesehen werden kann, eine Reflexion, deren Quelle nicht körperlich ist und nicht körperlich sein kann.“

Ein Spiegel ohne körperlichen Ursprung für das, was er zeigt.

 

03:12. Letzter Eintrag.

Julie hat aufgelegt. Sie sagt, ich rede wirr und soll schlafen gehen, ausserdem sei meine Kamera eingefroren, und sie kann mich nicht mehr richtig sehen.

Ich weiss jetzt, was das Bild will, und es ist am Ende der einfachste Gedanke der ganzen Nacht, zusammengesetzt aus lauter kleinen, korrekten, nachprüfbaren Tatsachen: Der Spiegel zeigt nur, was nicht zur Szene gehört. Was anwesend ist, kann darin nicht erscheinen. Dies betrifft das Königspaar, aber auch mich. Somit ist das, was sich dazwischen befindet, ein anderer Ort … sowas wie ein Durchgangszimmer. Ich muss morgen weiter darüber nachdenken, das könnte wirklich ein wichtiges Paper werden!

Es ist kalt im Zimmer geworden, so als gäbe es einen Durchzug – aber das Fenster ist zu, und die Tür zum Flur ist auf der anderen Seite vom Zimmer, nicht hinter mir. Hoffentlich werde ich jetzt nicht auch noch krank, und irgendwie müffelt es hier drinnen nach Hund …

Ich lege mich für eine Sekunde—

[Ende der Datei]

 

Nachtrag der Redaktion: Elenas Betreuer hat uns mitgeteilt, dass die hochauflösende Bilddatei, die sie erwähnt, nach ihrem Verschwinden nicht auf ihrem Laptop gefunden wurde – nur dieser Text. Das Bild oben in diesem Beitrag stammt aus dem offiziellen Digitalisat des Museo del Prado. Falls jemand von euch etwas weiss bitte, schreibt es nicht in die Kommentare. Schreibt uns privat.

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