KreaturenLangeMicroPsychologischer Horror

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Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Die Sommer der Kindheit sind seit jeher eine Zeit der Nostalgie. Eine Zeit voller Abenteuer, Spaß und purer Glückseligkeit. Eine Zeit, wo die Momente entstehen, die die Freundschaften der Kindheit so unvergesslich machen. Wo jeder Tag vor Möglichkeiten strotzt und da als Kind so vieles noch neu für einen ist, hat ein Tag, den man in späteren Jahren nur als gut bezeichnen würde, in der Zeit eine viel größere Wirkung. Es sind die Sommer, die das Gefühl in einem prägen, was „Sommer“ überhaupt bedeutet. Und für viele von uns sind nicht alle Sommer gleich. Oft gibt es den einen Sommer, der alle anderen übertrifft. Der eine Sommer, an dem jeder Tag wie ein Märchen ist. Einen solchen Sommer hatte Noah.

Noah war neun Jahre alt. Die Sommerferien waren gerade in ihrer Halbzeit angekommen, doch für Noah kamen sie jetzt schon wie eine Ewigkeit vor. Seine Eltern fuhren zwar nie mit ihm in den Urlaub, aber das störte ihn nicht. In seinem beschaulichen, kleinen Heimatdorf Bachtal hatte er alles, was er sich wünschte. Das Dorf war sehr abgelegen. Der nächste größere Ort lag über zwei Stunden mit dem Auto entfernt. Dies hing nicht nur damit zusammen, dass der nächste Ort so weit weg war, sondern auch damit, dass es weit und breit keine Autobahn gab. Nur einige wenige Landstraßen führten nach Bachtal und von dort wieder hinaus. Für einen unternehmerischen Menschen, der die Welt erkunden und sie mitgestalten will, würde sich ein solcher Ort seltsam isoliert wirken. Eine Zelle, die sich von all den anderen Zellen abgeschottet hatte. Für einen Jungen dagegen, für den bereits ein einfacher Garten zu einem magischen Ort der Fantasie wurde, war dieser Ort die ganze Welt. Denn auch wenn Noah es nicht wusste, hatte diese Abgelegenheit eine Wirkung, die es nur in wenigen Dörfern gab. Es fuhren keine Autos.

Natürlich hatte jede Familie ein Auto, nur wurden diese selten benutzt. In Bachtal gab es alles, was man brauchte und alles war nah genug, um zu Fuß hinzugehen. Noah hatte nie von seinen Eltern gehört, er solle aufpassen, wenn er über die Straße ging. Auch wurde weder ihm noch seinen Freunden jemals verboten auf der Straße zu spielen.   Warum auch? Es fuhren ja keine Autos, die einem gefährlich werden konnten. Nur ganz selten fuhr mal ein fremdes Auto in den Ort und fast immer war es jemand, der die falsche Abzweigung genommen hatte. Diese äußerst seltenen Vorkommnisse stellten jedoch nicht einmal dann eine Gefahr dar, wenn sie tatsächlich eintrafen und gleichzeitig Kinder auf der Straße spielten. Nicht nur weil die Straßen so schmal waren, dass schnelles Fahren dort sowieso eine schlechte Idee gewesen wäre, sondern auch deshalb, weil durch die Abgelegenheit von Bachtal und dem fehlenden Verkehr etwas herrschte, was jemandem, der dort geboren war und sein ganzes Leben dort verbracht hat, wahrscheinlich nie auffallen würde. Ruhe. Völlige und absolute Ruhe. Nicht das Brummen eines Motors, nicht der Verkehr einer nahegelegenen Stadt, selbst Musik wurde nur bei Feiern wirklich laut aufgedreht. Zu hören waren nur die Geräusche der Natur und der Leute, die dort wohnten. In Städten hörte man das Geräusch eines Autos womöglich gar nicht mehr, weil man einfach zu sehr daran gewöhnt war, aber in Bachtal fiel es direkt auf. Daher fuhren Autos nur selten durch den Ort und wenn ein Auto kam, kam es nie unerwartet, da man es schon Minuten vor seinem Eintreffen hören konnte.

Der fehlende Verkehr und die Übersichtlichkeit des Ortes, bot den Kindern von Bachtal eine Freiheit, die es so nicht überall gab. Die Orte, an denen sie spielen konnten, waren nicht an die Häuser und Gärten der Ortschaft begrenzt. Die Kinder schlenderten sorgenfrei durch das ganze Dorf und spielten, wo sie wollten. Auf der Straße, in der Scheune von Nico und seinen Eltern, am örtlichen Bach oder auch am Waldrand. Es gab einen Spielplatz, den die Gemeinde selbst gebaut hatte, ein kleines Kino mit freiem Eintritt und wenn sie eine Erfrischung brauchten, gab es noch eine Eisdiele und einen Kiosk, wo sie mit Eis und Getränken versorgt wurden oder sie gingen direkt einfach im Bach schwimmen. Das war der Ort, an dem Noah aufwuchs, lebte und die Ferien verbrachte.

Die Ferien hatten für Noah schon immer etwas Heiliges, doch diesen Sommer waren sie ganz besonders. Er hatte in den letzten Wochen schon so viele Dinge mit seinen Freunden erlebt, dass er kaum fassen konnte, dass erst die Hälfte vorbei war. In den vergangenen drei Wochen hatten sie sich eine komplette Rittergeschichte ausgedacht und mit selbstgebastelten Schwertern nachgespielt. Sie haben ein Floß für den Bach gebaut und sich vorgestellt, es wäre ein Piratenschiff und dort dann Pirat gespielt. Sie haben sich Seifenkisten gebaut und sind damit einen Hügel hinunter Rennen gefahren. Und sie haben schon einige Nachtwanderungen gemacht und sich gegenseitig mit Geistergeschichten erschreckt. In den Ferien wurde jeden Sonntag ein Dorffest gefeiert, mit Musik, köstlichem Essen und einem großen Feuer. Noah blieb gerne selbst dann dort, wenn schon alle anderen gegangen waren, nur um zu sehen, wie die Glut langsam erlischt. Aber meistens wurde er zu müde, um es ganz bis zum Ende zu sehen und ging nach Hause. Die Uhrzeit spielte dafür keine Rolle, da die Haustür nie abgeschlossen war und sich seine Eltern keine Sorgen machten. Für beides gab es in Bachtal keinen Grund. Und obwohl Noah schon so viel erlebt hat, hatte er noch viel vor in seinen Ferien. Vor kurzem haben er und seine Freunde angefangen ein Baumhaus am Waldrand zu bauen und auch wenn es nur langsam vorranging, taten sie es mit voller Hingabe, da mit jedem Brett, das sie befestigten, neue Ideen bekamen, was man in so einem Baumhaus alles machen könnte. Es waren die schönsten Ferien, die er je hatte und die Ferien, auf die er als Erwachsener wahrscheinlich voller Nostalgie zurückblicken wird. Doch es gab eine weitere Sache, die diese Ferien von allen anderen unterschied. Die anderen Ferien endeten alle mit dem Beginn der Schule. Diese Ferien dagegen, endeten etwas früher.

 

Es fing am Mittwoch der vierten Ferienwoche an. Noah wollte den Tag so beginnen, wie er ihn immer begonnen hatte. Er stand auf, zog sich an und frühstückte mit seinen Eltern. Es gab Schoko-Pfannkuchen mit frischem Kakao. Danach wollte er zu Silas rübergehen. Silas war sein bester Freund, seit Noah denken konnte. Er mochte die anderen Kinder zwar auch, aber er und Silas waren ein eingespieltes Team. Selbst wenn Noah tatsächlich mal genug von dem Trubel und der Aufregung hatte und mal einen Tag allein entspannen wollte, wäre er nie auf die Idee gekommen, Silas nicht einzuladen. Es gab einfach nichts, was er lieber ohne Silas tat, und er wusste, dass es Silas genauso ging. Schließlich weihte er Noah ebenfalls in seine Pläne ein und wenn Noah sich entscheiden musste, ob er den Tag nur mit Silas oder mit allen anderen Kindern verbringen wollte, musste er nicht lange überlegen, da er instinktiv wusste, dass er lieber Zeit mit Silas verbrachte und die Gesellschaft der anderen ohne Silas nur halb so viel Spaß machte.

Umso härter traf es ihn, als er nach dem Frühstück sofort nach draußen, zu Silas Haus lief und klingelte. Silas‘ Mutter öffnete. Sie war eine große, gutmütige Frau. Die vielen Male, wo Noah bei Silas übernachtete, hatte sie ihnen immer eine große Schüssel mit Knabbereien gebracht. „Hallo.“, begrüßte Noah sie freundlich. Er wusste, dass er nicht den Grund seines Besuchs erklären musste. Er kam jeden Tag und immer aus demselben Grund. Umso mehr überraschte es ihn, dass Silas‘ Mutter nicht eine der gewohnten Antworten gab, wie Noah ins Haus einzuladen oder Silas zu rufen. Nein, stattdessen antwortete sie: „Hallo Noah.“, und in ihrer Stimme lag etwas Kummervolles. Keine wirkliche Traurigkeit, sondern eher eine leichte Verstimmung, wie wenn jemandem eine unangenehme Nachricht überbringen muss. „Tut mir leid, Noah.“, sagte sie auf seinen fragenden Blick hin, „Aber wir mussten Silas leider letzte Nacht ins Krankenhaus bringen.“ Krankenhaus. Das war ein Wort, das man selten in Bachtal hörte. In Bachtal gab es kein Krankenhaus. Nur einen Arzt – Doktor Lidgen –, der sich um alle gesundheitlichen Belange kümmerte, das nächste Krankenhaus war jedoch weit weg. Aber in Bachtal wurde nie jemand krank oder zumindest nicht so schwer, dass man ins Krankenhaus musste. Noah wusste natürlich, dass Krankenhäuser existierten, doch hatte er sie immer irgendwie als Teil einer anderen Welt betrachtet. Als ein Konzept, das nur dort draußen existierte, aber ihn selbst nie betraf. Umso mehr kamen Gefühle der Angst und der Verwirrung in ihm hoch, dass in seine kleine Welt plötzlich etwas Neues eindrang und ihn von Silas trennte. „Warum? Was ist denn passiert?“, fragte Noah und seine Stimme quoll über vor Sorge. „Es ist nichts ernstes.“, versicherte Silas‘ Mutter ihm, „Er hatte letzte Nacht plötzlich einen furchtbaren Husten, der einfach nicht mehr aufgehört hat. Wir haben ihm die Medizin gegeben, die Doktor Lidgen in solchen Fällen empfiehlt, aber es wurde nicht besser. Da haben wir ihn zur Sicherheit ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte dort sagen aber, dass alles in Ordnung und Silas bald wieder gesund ist. Sie haben ihn nur zur Sicherheit dortbehalten, damit sie ihm direkt helfen können, wenn irgendwas sein sollte.“ Noah merkte, wie die Anspannung, die sich in den letzten Sekunden aufgebaut hatte, wieder etwas löste. Das Wort „Krankenhaus“ hatte ihn an weit schlimmere Sachen denken lassen als an einen Husten. „Wann kommt er denn zurück?“ Noah hoffte natürlich, dass Silas heute schon nach Hause kommt, aber seine Mutter machte ihm darauf wenig Hoffnung. „Das weiß ich nicht. Sein Husten ist wirklich schlimm. Die Ärzte können ihn problemlos behandeln, aber sowas braucht leider Zeit. Einige Tage wird er sicher noch dort sein. Ich kann aber die Ärzte fragen, wenn ich heute zu ihm fahre und dann sage ich dir morgen genaueres.“ „Kann ich mit?“ Noah wollte unbedingt Silas sehen und jetzt war auch seine Neugierde geweckt, wie so ein Krankenhaus wohl aussah. „Das ist lieb von dir.“, meinte Silas‘ Mutter, „Aber ich denke, was Silas jetzt besonders braucht, ist Ruhe und Erholung, um schnell wieder gesund zu werden. Und je eher er wieder gesund wird, desto schneller habt ihr zwei euch wieder. Ich richte ihm aber alles Gute von dir aus.“ Noah konnte sich nicht vorstellen, dass er Silas von der Ruhe abhalten würde, aber seine Mutter klang sehr bestimmt in ihrer Meinung. Wenn sie Silas besucht, würde er ihr bestimmt sagen, dass er gerne Noah sehen würde und dann könnte Noah morgen mitkommen. Das war die Hoffnung, an die er sich klammerte und der Grund, weshalb er keine Diskussion anfing. Er bedankte sich lediglich und ging allein die Straße entlang.

 

Plötzlich fühlte Noah etwas, das er über die gesamten Ferien noch nicht gefühlt hatte. Leere. All die Pläne und Ideen, die sich in ihm ansammelten, schienen an Bedeutung verloren zu haben, jetzt wo er sie nicht mit Silas teilen konnte. Der Tag kam ihm plötzlich so lang vor. Vor ihm stand sehr viel Zeit und er wusste nicht, wie er sie füllen sollte. Die meisten anderen Kinder würden heute sicher weiter an dem Baumhaus bauen. Noah überlegte, ob er ebenfalls zum Waldrand gehen und mitmachen sollte, entschied sich jedoch dagegen und ging in Richtung Bach. Er hoffte dort Ruhe zu finden, um seine Gedanken zu sortieren und vielleicht auf eine Idee zu kommen, was er am heutigen Tag tun könnte.

Der Bach lag an einer Wiese, die von vielen Insekten bevölkert wurde, gegenüber von einem Wald, durch welchem eine Straße führte. Es gab einige große Steine, auf die man sich prima draufsetzen konnte. Noah tat dies, nahm einen kleinen Stock und stocherte gedankenverloren im Wasser herum. Er sah Haufen von Steinen im Wasser, die ursprünglich klägliche Versuche der Kinder waren, in dem Bach einen Damm zu bauen. Es war eines der wenigen Projekte, die sie tatsächlich irgendwann aufgegeben haben, da sich dieser Bach einfach nicht stoppen ließ. Noah fragte sich, wo dieser Bach wohl hinfloss. Vielleicht ja an dem Krankenhaus vorbei, in welchem Silas gerade lag. Dann dachte Noah an das Floß, das er und die anderen gebaut hatten, aber verwarf den Gedanken direkt wieder. Das war eine dumme Idee. Er hatte keine Ahnung, wohin dieser Bach floss, und außerdem floss er nur in eine Richtung, weshalb Noah damit nicht zurückkonnte. Es war ein kindischer Gedanke. Nein, das Vernünftigste war es abzuwarten. Etwas, das Noah noch nie gerne getan hat, aber an dem jetzt wohl kein Weg vorbeiführte. Er überlegte gerade, ob er eine Karte für Silas schreiben und sie seiner Mutter geben sollte, wenn sie ihn heute besuchen fuhr, als ihn jemand von hinten ansprach: „Oh, hallo Noah.“

Er drehte sich um, aber hatte die Stimme schon beim Klang erkannt. Es war Leonie, das Mädchen, das direkt gegenüber von ihm wohnte. Noah war sehr überrascht sie zu sehen, da er sie bisher noch nie in der Nähe des Bachs gesehen hat. Generell hatte er bisher fast nie mit ihr gespielt, obwohl sie so dicht bei ihm wohnte. Das lag nicht daran, dass er sie nicht mochte oder andere Probleme mit ihr gehabt hätte. Die wenigen Male – insbesondere in der Schule – in denen er mit ihr gesprochen hat, war sie sehr nett gewesen. Sein geringer Kontakt zu ihr, kam eher aus einem Mangel an gemeinsamen Interessen und einem unterschiedlichen Freundeskreis. Leonie spielte lieber drinnen und Noah spielte lieber draußen. Da gab es nur wenige Gemeinsamkeiten und das war auch der Grund, weshalb ihr Anblick ihn so überraschte. Normalerweise verbrachte sie die Tage mit ihren beiden Freundinnen Lisa und Fida bei sich zuhause. Aber jetzt war sie allein und draußen am Bach. Vielleicht interpretierte sie Noahs Verwirrung als Missfallen, denn sie fing direkt an sich zu rechtfertigen: „Tut mir leid, ich wollte dich nicht stören. Nur, gestern war hier noch niemand und ich dachte du wärst bei den anderen, um das Baumhaus zu bauen und da dachte ich, es wäre okay, wenn ich…“ Noah unterbrach sie. Ihre Entschuldigung dafür, dass sie zu einem Ort kam, der für alle da war, ließ ihn irgendwie verlegen werden. „Nein, nein. Alles gut.“, beteuerte er, „Du musst dich nicht entschuldigen. Ich habe nur nicht erwartet, dass du hier sein wirst. Bist du normalerweise nicht bei dir zuhause mit Lisa und Frida?“ Leonie seufzte. „Ja, aber die sind leider weg und ich fand es irgendwie komisch allein zuhause zu sein und da wollte ich mich etwas an den Bach setzten, weil es hier so…“ „Was meinst du mit ‚weg‘?“, unterbrach Noah sie erneut.

Eigentlich wusste er, dass man andere nicht unterbricht, aber ein Kind, das Bachtal verlassen hat, war schon ungewöhnlich genug, aber drei glich der Wahrscheinlichkeit einer Invasion durch Aliens oder einem Regen aus Eiscreme. „Naja.“, fuhr Leonie merklich aus dem Konzept gebracht fort, „Zuerst war Lisa nicht mehr da. Das war vor zwei Tagen. Ihre Mama hat gesagt, dass sie in der Nacht einen schlimmen Hustenanfall bekommen hat und ins Krankenhaus musste. Es geht ihr wohl gut, aber sie wird noch eine Weile dortbleiben. Und gestern war dann Frida weg. Ihr Papa hat mir gesagt, dass sie sich für ein Sommercamp angemeldet hat und sehr früh losfahren musste. Keine Ahnung, warum sie mir nichts davon erzählt hat. Sowas hält man doch eigentlich nicht vor seiner besten Freundin geheim.“ Noah spürte, wie es in seinem Kopf arbeitete, aber er konnte die Gedanken, die daraus entstanden, nicht wirklich greifen. Alles, was sich bildete, war ein einziges großes Fragezeichen. „Ist alles okay?“, fragte Leonie, nachdem Noah eine ganze Weile nur in die Leere gestarrt hatte. „Ja, alles gut.“, murmelte er, „Es ist nur… Diese Geschichte mit Lisa, dem Hustenanfall und dem Krankenhaus, habe ich heute schon mal gehört. Silas ist auch weg. Seine Mama hat mir dasselbe erzählt, wie das, was Lisas Mama dir erzählt hat.“ Sie schwiegen eine Weile. Noah warf einen Blick zu Leonie rüber und sah, dass er nicht der einzige war, dem das merkwürdig vorkam. „Vielleicht haben sie sich angesteckt?“, meinte Leonie, aber klang selbst nicht sonderlich überzeugt davon. Noah winkte den Gedanken direkt ab. „Wann soll das denn passiert sein? Die zwei haben doch nie miteinander gespielt.“ Sie schwiegen wieder eine Weile. „Und Frida hat dir nichts darüber gesagt, dass sie in ein Sommercamp fährt?“, bohrte Noah nach. „Sie hat kein Wort darüber verloren.“, erklärte Leonie, „Zuerst habe ich gedacht, dass sie es vielleicht spontan so entschieden hat, aber ich habe mal gehört, dass man sich für so etwas anmelden muss. Das muss sie also schon eine ganze Weile gewusst haben. Ich verstehe nicht, warum sie nichts erzählt hat.“ Ein unangenehmes Gefühl machte sich in Noah breit. Es war keine Panik. Er wusste nicht einmal, ob es überhaupt wirkliche Angst war. Es war mehr eine Befürchtung. Wie wenn man etwas nicht mehr ganz so Frisches gegessen hat und plötzlich sich bei Dingen, die einem sonst nicht einmal aufgefallen wären, fragt, ob sie Symptome einer Lebensmittelvergiftung sein könnten. Es war eine Ungewissheit, die er nicht einschätzen konnte. „Weißt du sonst noch von jemanden, der plötzlich weg ist?“, fragte Noah, aber Leonie schüttelte den Kopf. Die Erklärungen mit dem Krankenhaus und dem Sommercamp waren nicht unmöglich. Sie verstießen nicht gegen Naturgesetze. Sie waren nur sehr unwahrscheinlich.

„Was denkst du gerade?“, fragte Noah und hoffte, dass Leonies Kopf mehr Antworten hatte als seiner. „Ich weiß nicht.“, meinte sie nach einer Weile, „Du fragst dich, ob es vielleicht einen anderen Grund dafür geben kann?“ Noah nickte. „Vielleicht ist das ja Teil einer großen Überraschung.“, schlug Leonie vor. Noah hob skeptisch eine Augenbraue, doch Leonie fuhr fort: „Erinnerst du dich noch an letzten Sommer?“ Noah wusste, worauf sie anspielte. Letzen Sommer sind viele der Erwachsenen regelmäßig morgens weggefahren und kamen erst spät abends zurück. Den Kindern kam das damals sehr merkwürdig vor und sie erstellten die verrücktesten Theorien, aber am Ende stellte sich heraus, dass sie ein großes Spiel vorbereitet hatten. Sie hatten am nächstgelegenen See ein kleines Dorf aus einfachen Holzhütten aufgebaut, aber dies sehr aufwendig dekoriert, sodass es aussah wie ein Wikingerdorf. Irgendwann sind sie mit den Kindern hingefahren und haben dort mit ihnen eine ganze Woche lang Wikinger gespielt. Es war der Höhepunkt des vergangenen Sommers. Konnte es jetzt etwas ähnliches sein? Noahs Kopf fand die Erklärung plausibel, aber irgendwas in ihm war mit dieser Erklärung nicht einverstanden. Dennoch nickte er. Er konnte nicht in Worte fassen, was ihn an der Erklärung störte, und er wollte Leonie keine unnötige Angst machen. Seine Theorie, während der Ereignisse des vergangenen Sommers, war die, dass womöglich ein Krieg ausgebrochen war die Erwachsenen deshalb ständig wegfuhren. Eine absolut dämliche Theorie, wie er sich im Nachhinein eingestehen musste, aber damals war er fast davon überzeugt und hatte es sogar geschafft, andere Kinder davon zu überzeugen. Das hatte ihnen für einige Tage den Sommer verdorben, da sie nur sorgenvollen Gedanken nachhingen, anstatt das Wetter und die freie Zeit zu genießen. Dafür schämte er sich bis heute. „Wahrscheinlich hast du recht.“, meinte er schließlich, „Ich gehe mal meine Eltern fragen, ob sie etwas wissen. Wenn ich etwas erfahre, sage ich es dir, okay?“ Leonie nickte und Noah machte sich auf den Weg nach Hause.

 

Der Weg nach Hause verlief ohne Ereignisse. Außer ihm war niemand auf der Straße. Die anderen Kinder waren mit Sicherheit dabei das Baumhaus zu bauen und aus den offenen Fenstern der Häuser, hörte man nur vereinzelt ein paar Stimmen.

Zuhause angekommen fand er seine Mama im Wohnzimmer vor. Sie war sehr überrascht ihn zu sehen, da er ansonsten erst gegen Sonnenuntergang nach Hause kam, was im Sommer eine sehr späte Zeit war. Noah begrüßte sie kurz, aber kam sofort zum Punkt. „Du, Mama. Plant ihr irgendwas?“ Seine Mama runzelte verwirrt die Stirn. „Was meinst du damit? Hat jemand bald Geburtstag?“ „Nein, es ist nur…“ Noah zögerte. Er wusste, was er fragen wollte, doch wie er es fragen sollte, wollte ihm nicht so recht einfallen. Er wollte wissen, warum plötzlich Kinder aus dem Dorf verschwanden, aber es nicht wie einen Vorwurf klingen lassen. „Ich meine so etwas wie letzten Sommer.“, sagte er schließlich, „Das mit dem Dorf und den Wikingern.“ „Ach so.“ Seine Mama klang so, als hätte sie ihn endlich verstanden. „Also die Hütten stehen noch. Wir müssten sie halt nochmal dekorieren, wenn ihr da nochmal so wie letztes Jahr spielen wollt, aber ich hatte den Eindruck, dass ihr gerade mehr Spaß mit dem Baumhaus habt.“ „Nein, das meine ich nicht.“ Noah hörte eine unbeabsichtigte leichte Verzweiflung aus schwindender Geduld in seiner Stimme. „Ich meine, ob ihr etwas plant. Also etwas Neues. Nicht unbedingt etwas mit den Hütten, sondern ob es generell Pläne gibt.“ „Auf was hättest du denn Lust?“, fragte seine Mama zurück, „Vielleicht können wir ja etwas auf die Beine stellen.“ Noah sah keinen anderen Weg, als mit offenen Karten zu spielen. Er erzählte seiner Mama, was ihm gerade durch den Kopf ging. Erzählte davon, dass Silas plötzlich wegen eines Hustens nicht mehr da war und dass Leonies Freundinnen ebenfalls verschwunden sind. Er stellte keine eigenen Überlegungen auf und versuchte die Erklärungen auch möglichst nicht zu hinterfragen. Er beschrieb lediglich, wie seltsam es für ihn war, dass eine Sache, die bisher nie in Bachtal passiert ist, nämlich dass es jemand für eine längere Zeit verließ, plötzlich dreimal hintereinander passierte. Seine Mutter hörte ihm aufmerksam zu und als er endete, sagte sie als aller erstes: „Komm mal auf meinen Schoß.“ Noah setzte sich. Seine Mama legte ihre Arme um ihn und drückte ihn sanft an sich. Er merkte sofort, wie das Gefühl der Verunsicherung nachließ. Allein dieser Moment – bei seiner Mama zu sein, in Sicherheit zu sein und geliebt zu werden – vertrieb selbst die düstersten Wolken aus seinem Kopf. Das konnte sie schon immer. „Weißt du…“, begann sie, „Solche Sachen passieren nun mal. Manchmal werden Menschen krank und manchmal verbringen sie die Ferien nicht bei sich zuhause. Das ist an einigen Orten ganz normal.“ „Aber warum hat Frida dann Leonie nichts davon erzählt?“, fragte Noah. Seine Mama zuckte die Achseln. „Vielleicht war sie so aufgeregt, dass sie ganz vergessen hat, ihrer Freundin davon zu erzählen. Oder sie dachte, sie hätte schon davon erzählt. Wenn sie zurückkommt, kannst du sie das ja fragen.“ Seine Mama gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Und wegen des Hustens von Silas und Lisa…“, fuhr sie fort, „Manche Krankheiten kommen selten, aber wenn, dann kommen sie direkt scharenweise. Vielleicht haben die zwei sich gegenseitig angesteckt oder sie haben etwas gegessen, was sie nicht vertragen haben. Sowas ist nicht ungewöhnlich. Jeder Körper kommt unterschiedlich gut mit Krankheiten zurecht und deshalb werden manche schneller krank als andere.“ Noah merkte, wie er sich entspannte und der anfängliche Zweifel in ihm verblasste. Seine Mama hatte recht. Er machte sich Sorgen um Dinge, die eigentlich normal sind. Wer sein ganzes Leben in einer Höhle verbracht hat, wird vielleicht auch Angst haben, wenn er zum ersten Mal die Sonne sieht, aber das bedeutet nicht, dass die Sonne gefährlich ist. Sie ist etwas ganz Normales und nur weil man sie bisher nicht gekannt hat, gibt es keinen Grund Angst vor ihr zu haben.

Plötzlich ging die Haustür auf und Noahs Papa kam herein. Den beiden Tüten in seiner Hand nach zu urteilen, kam er gerade vom Einkaufen. „Ah.“, sagte er, als er seinen Sohn und seine Frau auf dem Sessel im Wohnzimmer sah, „Bist du nicht bei den anderen und baust das Baumhaus?“ „Silas ist krank.“, erklärte Noahs Mama, „Du hast davon gehört, oder?“ „Ja, durchaus.“, sagte sein Papa und stellte die Tüten ab, „Und jetzt weißt du nicht, was du ohne ihn den ganzen Tag machen sollst?“ Noah nickte. Er wusste es wirklich nicht und vielleicht war das das Problem. Zu viel Zeit tat seinem Kopf nicht gut. Der stellte dann nur Unsinn an und machte ihm mit irgendwelchen Gedanken Angst. „Wie wäre es damit.“, schlug sein Papa vor, „Du und ich machen uns heute einen schönen Kinotag. Es laufen gerade einige sehr gute Filme. Und danach setzen wir uns in die Eisdiele und reden über die Filme.“ Noah war von der Idee begeistert. Er liebte das Kino und fand irgendwie nie den richtigen Moment, um hinzugehen. Also wenn nicht jetzt, wann dann?

Und so verbrachte Noah den Tag mit seinem Papa. Sie sahen sich insgesamt drei Filme an. Einen Abenteuerfilm, eine Komödie und einen Detektivfilm. Noah spürte, wie ihn die Leinwand förmlich verschluckte und er in die Welten eintauchen konnte. Wie er mitfieberte und erleichtert lachte, wenn am Ende doch alles gut ausging. Er merkte, wie sehr er das Kino vermisste hatte und beschloss auch sich mit Silas öfters Filme anzusehen, wenn er wieder zurückkam. Nach dem Kino gingen sie, wie versprochen, in die Eisdiele und redeten darüber, was ihre Lieblingsszenen in den Filmen waren. Sein Papa mochte die Komödie am liebsten, aber Noah hatte es der Detektivfilm angetan. Die Art, wie dort Hinweisen nachgegangen und so das große Rätsel noch früh genug erkannt wurde, hatte ihn völlig mitgerissen. Auch noch als er und sein Papa beim Abendessen zuhause waren, redeten sie ununterbrochen über die Charaktere und wie sie selbst die brenzligsten Situationen gemeistert hatten.

 

Als Noah in dieser Nacht im Bett lag, war er noch viel zu aufgedreht von den Filmen, um überhaupt an Schlaf denken zu können. Am liebsten hätte er sie sofort nochmal gesehen, aber dafür war es nun wirklich zu spät. Er versuchte einzuschlafen, doch er schaffte es einfach nicht. Er warf einen Blick auf die Uhr auf seinem Nachttisch. Es war 4:15 Uhr. Noah wurde ungeduldig und versuchte seinem Körper zu befehlen einzuschlafen, doch es einzufordern, schien ihn nur noch wacher zu machen. Schließlich stand er seufzend auf, um das Zimmerfenster zu öffnen. Seine Eltern hatten ihm eigentlich gesagt, dass er nachts sein Fenster geschlossen lassen sollte, um Stechmücken draußen zu lassen, aber er hatte die Hoffnung, dass die frische Sommernachtluft einen Unterschied machen würde. Er öffnete das Fenster und spähte nach draußen. Es war noch leiser als sonst. Nur die Grillen zirpten zu ihm herüber. Die Fenster der anderen Häuser waren alle dunkel. Alle, bis auf eins. Direkt gegenüber in Leonies Haus, brannte ein Licht. Es war nicht einfach zu sehen, da direkt vor seinem Fenster ein Baum stand, über den er gerne häufiger durchs Fenster in sein Zimmer geklettert war, aber dennoch hatte er einen einigermaßen guten Blick auf die Straße. Das Licht müsste aus ihrem Wohnzimmer sein, oder war es die Küche? Noah war sich nicht sicher, wie es bei Leonie zuhause aussah. Er war nie dort gewesen. Von seinem Zimmer aus konnte er auch nicht reinschauen. Es war nur der goldene Lichtschein, der ihm auffiel.

Gerade, als er sich wieder ins Bett legen wollte, in der frommen Hoffnung, dass die kühle Nachtbrise einen positiven Einfluss auf seinen Schlaf haben würde, hörte er etwas. Etwas, das er nur selten hörte und nie zu dieser Uhrzeit. Es war das Geräusch eines Motors. Besser gesagt das leise Brummen eines Autos. Abgesehen von den offensichtlichen Dingen, die daran ungewöhnlich waren, fiel ihm eine Sache besonders auf. Das Geräusch hörte sich viel zu nah an. Normalerweise hörte man kommende Autos einige Minuten, bevor sie da waren. Die Straßen, die nach Bachtal führten, hatten viele Kurven, weshalb selbst nahe Auto immer noch eine ganze Weile brauchten, bis sie im Ort waren. Man hörte sie leise in der Ferne und dann, wie sie näherkamen. Das hier war jedoch anders. Noah hörte, dass das Auto noch nicht im Dorf war, aber dennoch war es sehr nah. Er hatte auch nicht gehört, wie das Auto gestartet ist. Es war eher so, als wäre es plötzlich fahrend aufgetaucht.

Das Gefühl, das sich am Bach bei Leonie in ihm gebildet und bei seiner Mutter verblasst war, kam zurück, aber diesmal stärker. Es war nicht mehr das Gefühl einer nicht einschätzbaren Ahnungslosigkeit, sondern das Gefühl eines drohenden Unheils. Das Gefühl, wenn sich eine große, schwarze Wolke bildet und bereits ihr Anblick erahnen lässt, was für ein Sturm sich in ihr zusammenbraut. Es dauerte nicht lange, bis das Auto in die Straße einbog, in der Noah wohnte. Er duckte sich, als die Lichtkegel der Scheinwerfer zu sehen waren. Egal wer auch immer dort kam – Noah wollte nicht gesehen werden. Er hörte, wie das Auto anhielt und riskierte einen weiteren vorsichtigen Blick. Das Auto stand direkt vor Leonis Haus. Noah hatte es noch nie gesehen. Es war grau und wirkte neu, jedoch nicht modern. Es war groß und hatte einen länglichen, fensterlosen Kofferraum. Noah kam das Auto direkt zwielichtig vor, jedoch nicht so zwielichtig wie das, was aus dem Auto ausstieg.

Die Fahrer- und Beifahrertür schwangen auf und herauskamen zwei massige Gestalten. Auf den ersten Blick hatte Noah sie für Menschen gehalten. Sie waren sehr breit gebaut, standen aufrecht und trugen lange, braun-graue Mäntel, die ihnen aber etwas zu klein schienen, um sich darin angemessen zu verhüllen. Zusätzlich hatten sie noch gleichfarbige Hüte auf, die so eingedrückt aussahen, als hätte sich schon mehrfach jemand auf sie gesetzt. Sie hatten zwei schwere Beine, auf denen sie gingen und zwei Arme, mit denen einer von ihnen eine Art Laken aus dem Wagen holte und der andere ein Klemmbrett. Was sie dagegen nicht hatten, war ein Hals. Noah konnte nicht erkennen, wo ihr Rumpf endete, und ihr Kopf begann. Bei genauerer Betrachtung kamen ihm ihre Köpfe generell immer seltsamer vor. Nicht weil Augen, Nase oder Mund fehlten, sondern wegen ihrer Form. Sie schienen keinen Schädelknochen zu haben. Stattdessen wirkten ihre Köpfe, wie große, aufgeblähte Klumpen aus Fleisch, die unförmig auf ihren Schultern saßen. Noah spürte, wie sein Herz hämmerte. Seine Brust schien sich immer wieder zusammenzuziehen und ihn nach Luft schnappen zu lassen, doch er versuchte es zu unterdrücken. Er spürte das Bedürfnis sich in eine Ecke zu kauern und zu hoffen, dass diese Gestalten wieder verschwinden mögen, doch sein Körper bewegte sich nicht. Wie erstarrt lugte er über den Rand seines Fensters, vom Blätterdach des Baumes vor Blicken geschützt, auf die Straße. Die zwei Gestalten wankten schwerfällig auf Leonies Zuhase zu. Noah konnte hören, wie sie die Luft in schweren, asthmatischen Zügen einsogen. Einer von ihnen klopfte gegen die Haustür. Es dauerte nicht lange, bis sie aufging. Leonies Mutter stand im Türrahmen den zwei merkwürdigen Besuchern gegenüber, die aussahen, als würden sie versuchen Menschen darzustellen, aber dabei kläglich scheitern. Noah hätte geschrien, die Tür zugeschlagen und verriegelt, wenn er an der Stelle von Leonies Mutter gewesen wäre, doch sie tat nichts dergleichen. Sie sprach mit ihnen. Ihre Worte konnte Noah nicht verstehen, doch aus ihrer Stimme hörte er keine Emotion raus. Keine Angst, keine Panik, nicht einmal eine Überraschung. Ihre Stimme klang gefasst und förmlich. Eines der beiden Wesen antwortete. Auch seine Worte konnte Noah nicht verstehen, doch die Stimme war tief, dumpf, aber dabei auch merkwürdig krächzend, als hätte er Probleme beim Sprechen ausreichend Luft zu bekommen. Leonies Mutter trat beiseite und die Eindringlinge betraten das Haus.

Noah sah, wie in den dunklen Fenstern der oberen Etage kurze Lichter aufflackerten, wie wenn sich jemand mit Taschenlampen durchbewegt. Zuerst waren sie im Fenster des Treppenhauses, dann dort, wo der obere Flur sein musste und schließlich in Leonies Zimmer. Noah hatte Leonie dort oft am Fenster gesehen. Er erwartete Schreie zu hören oder irgendein Zeichen, das nahelegte, dass dort etwas Furchtbares geschah, doch es blieb absolut ruhig. Noah überlegte bereits, ob er seine Eltern wecken sollte, da kamen die zwei Kreaturen wieder aus der Haustür und einer von ihnen hatte jetzt etwas unter seinem Arm geklemmt. Es war das Laken, dass sie aus dem Auto geholt hatten, nur sah Noah jetzt, dass es gar kein Laken war. Es war ein Sack. Ein großer, weißer Sack, der jetzt mit etwas gefüllt und seine Öffnung verschlossen war. Noah hatte eine Ahnung, was – oder besser gesagt – wer jetzt dort drin war. Die Kreatur mit dem Sack unterm Arm ging zu dem Kofferraum des Wagens, öffnete diesen, legte ihn hinein und schloss den Kofferraum wieder. Die andere Kreatur sprach mit Leonies Mutter. Noah konnte ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, doch ihre Stimme hatte sich kein Stück verändert. Immer noch formell und ausdruckslos. Das Wesen hielt ihr das Klemmbrett hin, sie schrieb kurz etwas darauf und das Wesen drehte sich um. Noahs Blick lag auf dieser abstoßenden Kreatur, wanderte zu der anderen und sah, dass sie seinen Blick erwiderte. Noah sackte augenblicklich auf dem Boden zusammen und presste sich die Hand gegen den Mund, um jedes Geräusch zu unterdrücken. Hatte es ihn gesehen? Etwas klickte draußen und plötzlich fiel der Lichtkegel einer Taschenlampe durch sein Fenster und tastete suchend die Wände ab. Noah presste seine Hand stärker gegen seinen Mund, doch sein panischer Atem ließ sich nicht unterdrücken. Er wusste nicht, wie laut dieser in Wirklichkeit war, aber für ihn persönlich war sein Atem so laut, dass es auf der ganzen Welt kein einziges Wesen geben konnte, dass seinen Atem gerade nicht hörte und schon gar nicht diese Ausgeburten, die gerade Leonie geholt hatten und jetzt einen Blick auf sein Fenster warfen.

Doch mit einem weiteren Klicken erlosch das Licht wieder. Noah hörte zwei Autotüren, sie sich öffneten und wieder schlossen, einen Motor, der anging und Reifen, die sich in Bewegung setzten. Und genau wie es gekommen war, verschwand es auch. Er wurde nicht in der Ferne immer leiser, sondern war, als es eine der Straßen genommen hatte, plötzlich einfach weg.

 

„Hast du schlecht geschlafen?“, begrüßte ihn seine Mutter, als Noah sich an den Frühstückstisch setzte. „Nein, aber ich bin irgendwie trotzdem müde.“, log er. Müde war er nun wirklich nicht. Er fühlte sich erschöpft und ausgelaugt, aber er hätte in diesem Moment niemals an Schlaf gedacht. Zu sehr raste die Panik durch seinen Kopf. Die ganze Nacht hatte sie ihn wachgehalten. Als vergangene Nacht das Auto verschwand, brach er zuerst in Tränen aus, aber versuchte dennoch leise zu sein. Es spielte keine Rolle, dass diese Kreaturen nicht mehr da waren. Die Angst entdeckt zu werden, war dadurch nicht verschwunden. Sie wurde lediglich abstrakt. Anstatt Angst zu haben, von diesen Wesen von letzter Nacht entdeckt zu werden, hatte er jetzt generell Angst von irgendwem entdeckt zu werden. Er hatte Angst, dass irgendjemand erkennen könnte, was er letzte Nacht gesehen hatte. Und deshalb durfte auch niemand sein Weinen hören. Niemand durfte bemerken, was in ihm vorging. Als das Weinen abgeklungen war, kamen die Gedanken. Die Gedanken, dass sie Leonie geholt hatten. Die Gedanken, dass sie Silas geholt hatten. Die Gedanken, dass sie Lisa und Frida geholt hatten. Die Gedanken, dass sie auch ihn holen werden. Und mit diesen Gedanken kam die Hilflosigkeit. Er überlegte sich zu bewaffnen, doch in Bachtal gab es keine Waffen. Er überlegte zu fliehen, aber wie und wohin? Bachtal war abgelegen. Er konnte kein Auto nehmen und Busse und Züge gab es hier nicht. Würde er zu Fuß die Straßen entlanggehen, würden sie es bemerken und ihn schnell einholen und im Wald würde sich verlaufen und verhungern. Es war schon merkwürdig. Er hatte sich nie eingesperrt gefühlt. Nie war eine Tür verschlossen und doch war er ein Gefangener. Er konnte diesen Wesen nicht entkommen, weil sie ihn längst hatten. Sie brauchten nur zu entscheiden, dass sie ihn jetzt endgültig bei sich haben wollten und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Niemanden, den er hätte um Hilfe bitten können. Gestern noch hätte er darauf vertraut, dass seine Eltern ihn beschützen würden, aber nachdem Leonies Mutter nichts getan hatte, um ihr Kind zu beschützen und die Eltern der anderen verschwundenen Kinder ebenfalls nicht so wirkten, als wären ihnen ihre Kinder gegen ihren Willen aus den Händen gerissen worden, wollte er nicht mehr darauf vertrauen. Noah würgte ein paar Bissen von seinem Frühstück herunter, obwohl sich sein Hals völlig versiegelt anfühlte, murmelte seinen Eltern irgendwas wegen „Beim Baumhaus helfen“ entgegen und verließ das Haus.

Er wollte einfach keine Wände mehr um sich haben. Doch selbst, als er das Haus verließ, fühlte er sich nicht besser. Er sah sich die Straße genau an. Es war ein vertrauter Anblick. Der Ort, an welchem er Fahrradfahren gelernt hat. Wo er viele Wasserschlachten geschlagen hat. Wo er im Winter Schneemänner gebaut hat und im Herbst in Laubhaufen gesprungen ist. Aber jetzt? Jetzt wirkte jedes einzelne Fenster an jedem einzelnen Haus wie das Auge eines verräterischen Spions, der ihn genau erfasste und jede verdächtige Abweichung heimlich an „sie“ meldete. Er hatte das Gefühl, als würde irgendwo im Dunkeln jemand stehen und ihn nicht aus den Augen lassen. Und er hatte das Gefühl, dass es keinen Ort gab, an dem er sicher gewesen wäre.

Auch wenn er davon überzeugt war, die Antwort zu kennen, wollte er dennoch Gewissheit haben. Also ging er zu Leonies Haus rüber, klingelte und als Leonies Mutter öffnete, fragte er sie, ob er mit Leonie sprechen könnte. Er erwartete, dass ihre Mutter ihm sagen würde, dass auch ihre Tochter diesem mysteriösen Husten anheimgefallen wäre, doch diesmal kam eine andere Ausrede. Leonies Mutter behauptete, dass ihre Tochter letzten Abend zu einer Brieffreundin aufgebrochen wäre und dort zwei Wochen bleiben würde. Noah sah diese Frau genau an. Sie sah völlig normal aus. Ihr Lächeln war warm, ihre Ausstrahlung sorglos und ihr Ton unbekümmert. Nichts deutete darauf hin, dass sie letzte Nacht ihre Tochter bereitwillig wegegeben hatte.

Noah nickte nur und ging wieder weg. Seine Füße trugen ihn ziellos umher. Innerlich fühlte er sich wie ein Schwein auf einem Schlachthof. Vielleicht würden sie ihn heute Nacht holen, oder morgen oder vielleicht auch erst in ein paar Wochen, aber sie würden kommen. Da war er sich absolut sicher. Seine Stimmung wechselte im Minutentakt. Mal spürte er eine grimmige Erwartung, wie wenn etwas Unerfreuliches bevorsteht und man sich wünscht, es möge sofort eintreten, damit man es hinter sich hat. Dann brach dieser Damm aus angeblicher Aufgeklärtheit und eine Flut der Verzweiflung überkam ihn. Er dachte daran, wie sehr er diesen Ort bis gestern noch geliebt hatte. Wie sehr er seine Eltern geliebt hatte. Wie sehr er sein Leben geliebt hatte. All das war hinfällig, denn etwas hatte es auf ihn abgesehen und seine Eltern würden ihn bereitwillig hergeben. Aber warum wollten sie ihn und die anderen Kinder überhaupt? Würden sie sie töten oder schlimmeres? Und seit wann wollten sie sie? Seit kurzem oder war das seit ihrer Geburt ihr Schicksal gewesen?

Durch Noahs Kopf rasten immer wieder dieselben Pläne und jedes Mal wurden sie von denselben Argumenten zerstört und ließen ihn hilflos zurück. Doch dann hörte er Stimmen. Es waren die Stimmen der anderen Kinder. Sie machten sich auf dem Weg, um weiter am Baumhaus zu bauen. Natürlich! Er musste sie warnen. Sie mussten wissen, was auf sie zukommt.

Noah lief los. Er überlegte gar nicht, was er sagen sollte oder wie. Nur dass sie am Ende wissen sollten, dass sie alle in Gefahr sind. Seine Angst zog sich wieder zurück. Etwas anderes trat an ihrer Stelle. Etwas Heroisches. Er tat etwas. Er kämpfte gegen die Bedrohung an, wie die Helden in den Filmen und das gab ihm Kraft. Dann sah er sie. Die anderen Kinder aus dem Dorf. Einige zogen Bollerwagen mit Brettern und Werkzeugen hinter sich her. Dabei bemerkten sie ihn gar nicht. Sie waren zu sehr damit beschäftigt ihre Pläne zu besprechen. Was sollte er jetzt tun? Ihnen zurufen, was er wusste? Nein. Sie würden ihm nicht zuhören. Er wusste, wie sie sind, wenn sie ein Projekt angingen. Dann war alles andere unwichtig. Sogar wenn es um ihr Überleben ging. Dann hatte er plötzlich eine Idee.

„Kevin!“, rief er. Mehrere der Kinder drehten sich um. Kevin ebenfalls. Kevin war der vielleicht beliebteste Junge im Dorf. Er musste nur ihn überzeugen. Wenn Kevin die Warnung aussprach, würde die anderen zuhören. „Kann ich kurz mit dir sprechen?“, fragte Noah, „Allein.“ Kevin nickte und sagte zu den anderen so viel wie „Geht schon mal vor. Ich komme gleich nach.“

 

Als Kevin vor ihm stand, merkte Noah, dass er gar nicht wusste, was er sagen sollte. Oder besser gesagt: Was er sagen sollte, wusste er schon, aber nicht wie er es sagen sollte. Das merkte er sofort, als er den ersten Satz aussprechen wollte, aber dann doch abbrach. Wenn man eine Wahrheit erkannt hat, merkt man manchmal gar nicht, wie absurd, wie abwegig sie für andere klingen muss. Wie konnte er Kevin, der ihn erwartungsvoll ansah, davon überzeugen, was er wusste. Schließlich überwand er sich jedoch zu seinen ersten Worten. „Wir sind in Gefahr.“, sagte Noah, „Wir alle. Du, ich und die anderen. Etwas wird uns holen kommen.“ Kevin runzelte die Stirn. Offensichtlich glaubte er, Noah wolle ihn veralbern. „Ich weiß, wie sich das für dich anhören muss, aber es ist wahr. Etwas ist hinter uns her und es hat schon einige von uns geholt. Ich glaube, es hat es auf uns alle abgesehen.“ Kevins Gesichtsausdruck änderte sich nicht. „Hör mal.“, sagte er, „Sind wir nicht langsam zu alt für sowas?“ Er schien schon gehen zu wollen, aber Noah hielt ihm am Arm fest. „Sie haben schon Silas geholt. Lisa und Frida ebenfalls. Letzte Nacht haben sie Leonie geholt. Ich habe es selbst gesehen.“, sprudelte es aus Noah hervor. „Was hast du gesehen?“, fragte Kevin, der nicht mehr versuchte wegzugehen, aber dennoch absolut nicht überzeugt klang. „Letzte Nacht kam ein Auto. Daraus sind zwei merkwürdige Wesen ausgestiegen und sie haben Leonie mitgenommen. Einfach so.“ So langsam änderte sich Kevins Gesichtsausdruck. Er schien das nicht mehr für einen Scherz zu halten. Stattdessen schien er sich langsam Sorgen um Noahs geistigen Zustand zu machen. „Du hast gesehen, wie zwei… Wesen Leonie entführt haben?“ „Ja.“, bestätigte Noah. „Du hast genau gesehen, wie sie Leonie gepackt und in ihr Auto gezerrt haben?“ „Ja. Also… nicht direkt.“ Noah suchte nach Worten, was ihm nicht sonderlich viel Glaubwürdigkeit verlieh. „Diese Wesen sind mit einem leeren Sack in ihr Haus gegangen und als sie rauskamen, war der Sack mit etwas gefüllt. Ich bin fest davon überzeugt, dass es Leonie war.“ „Okay.“ Kevin schien kurz nachzudenken, dann sagte er: „Und warum glaubst du nicht, dass in dem Sack irgendwas anderes drin war, wenn du Leonie nicht gesehen hast?“ Noah merkte, wie er zunehmend ungeduldig wurde. „Weil Leonie gestern noch da war. Dann kommen diese Wesen in der Nacht und jetzt ist sie nicht mehr da.“ „Hast du mal ihre Mutter gefragt?“, wollte Kevin wissen. „Ja.“ Noah den Groll auf Leonies Mutter in sich, die ihre Tochter einfach wegegeben hat. „Sie meinte, dass Leonie bei einer Brieffreundin wäre.“ „Na bitte.“ Kevin klang erleichtert. „Da hast du deine Antwort.“ Er drehte ich um und ging weiter zum Wald. „Warte!“ Noah lief um ihn herum und stellte sich in den Weg. „Jeden Nacht verschwindet ein neues Kind aus dem Dorf, obwohl sowas bisher noch nie passiert ist und jedes Mal haben ihre Eltern eine neue Erklärung dafür. Kinder verschwinden einfach plötzlich und niemand hinterfragt es. Findest du das nicht seltsam.“ „Nicht seltsam genug, um an irgendwelche Monster zu glauben, die uns nachts holen kommen.“ Kevin ging an ihm vorbei, aber Noah folgte ihm. „Ich habe sie aber letzte Nacht selbst gesehen. Sie sahen zwar so ähnlich aus wie Menschen, aber es waren keine. Da bin ich mir sicher.“ „Das kannst du auch nur geträumt haben.“ „Ich habe das nicht nur geträumt!“, brüllte Noah. Kevin blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Alle Kinder, die am Waldrand standen, drehten sich zu ihnen um. Noah atmete tief durch. Er merkte, dass zu brüllen seinen Worten nicht mehr Gewicht gab, sondern sie nur noch verrückter klingen ließ. „Ich weiß, was ich gesehen habe.“, sagte er, „Es wurden schon vier von uns entführt. Irgendwas da draußen ist hinter uns her und unsere Eltern liefern uns dem aus. Wenn wir jetzt nichts tun, sind wir verloren.“ Kevin sah ihn eine ganze Weile an. Es war schwer abzuschätzen, was er gerade dachte. Schließlich sagte er: „Mal angenommen, ich glaube dir. Mal angenommen, wir alle glauben dir. Was sollten wir, deiner Meinung nach, tun?“ Es war eine berechtigte Frage und es war klar, dass sie irgendwann gestellt wurde, aber Noah erwischte sie dennoch kalt. Er wusste es nicht. Er hatte keinen Plan, wie es sich verhindern ließ. „Sollen wir unsere Eltern angreifen, weil du glaubst letzte Nacht etwas gesehen zu haben?“, bohrte Kevin nach, „Oder sollen wir abhauen und als Eingeborenenstamm im Wald leben? Was willst du von mir?“ „Ich weiß es nicht.“, gab Noah zurück und merkte, wie Tränen der Verzweiflung in ihm hochstiegen. Das heldenhafte Gefühl, das sich noch vorhin in ihm aufgebaut hatte, fiel komplett in sich zusammen und an seiner Stelle trat ein Gefühl der Hilflosigkeit. Er war nicht wie die Helden aus den Filmen. Nicht mal ansatzweise. Helden wussten, was in solchen Situationen zu tun ist. Sie trotzten der Gefahr und ließen sie nicht einfach, im Angesicht ihrer eigenen Machtlosigkeit, geschehen. Er war sich nicht einmal mehr sicher, was er sich von diesem Gespräch erhofft hatte. Was würde es ändern, wenn sie wussten, dass sie etwas holen kommen würde? Passieren würde es sowieso. Aber dennoch sollten die anderen wissen, was ihnen bevorstand. Sie hatten ein Recht darauf. „Kannst du den anderen einfach nur sagen, was ich dir gesagt habe?“, fragte Noah, „Egal ob ihr mir glaubt oder nicht. Ich will euch nur warnen. Etwas wird uns holen kommen. Ich möchte einfach nur sagen, dass…“ Noah brach kurz ab. Ja, was wollte er sagen? Was wäre wichtig? Dann aber fand er die richtigen Worte. „Passt auf euch auf und seid vorsichtig. Ich glaube, wir können unseren Eltern nicht mehr vertrauen.“ Wenn es in ihrem Gespräch einen Moment gegeben hat, an welchem Kevin Noah fast geglaubt hätte, dann er es dieser. Noah erkannte das, aber er sagte nichts weiter. Kevin noch mehr zu drängen hätte ihn wahrscheinlich nur noch mehr verscheucht und selbst wenn nicht, was machte es für einen Unterschied? „Das mache ich.“, antwortete Kevin und seine Stimme klang aufrichtig. Noah hatte nichts mehr zu sagen. Er drehte sich um und ging wieder in Richtung Dorf.

 

Als er durch die leeren Straßen schlenderte, kam das Gefühl zurück, beschattet zu werden. Nicht von einer bestimmten Person, sondern eher von einer höheren Macht, die ihn beobachtete und etwas schreckliches für ihn plante. Doch neben diesem, kam noch das Gefühl einer vertanen Chance in ihm hoch. War es wirklich unmöglich die anderen zu überzeugen? Und gab es wirklich nichts, was sie tun konnten, um sich zu wehren? Ihre Eltern angreifen? Es klang zu absurd, um wirklich in Erwägung gezogen zu werden. Aber was wäre, wenn sie sich verbarrikadierten? Vielleicht in ihrer Schule und sich dort bewaffnen? Sie könnten Speere aus Stöcken schnitzen oder sich Schleudern aus alten Fahrradschläuchen basteln. Würde das helfen? Könnten sie diese Kreaturen in die Flucht schlagen? Und auf wessen Seite würde sich ihre Eltern stellen? Aber selbst wenn sie damit eine Chance hätten, die anderen würden nie mitmachen. Dass sie ihn vorhin nicht festgehalten hatten, während jemand seine Eltern geholt hat, war wahrscheinlich schon mehr, als er hätte erwarten können. Ihm so weit zu glauben, dass sie so einer Aktion zustimmten, war völlig abwegig. Dafür fehlten ihm die Beweise.

Noah blieb stehen. Beweise. Natürlich! Er brauchte Beweise! Handfeste Beweise! Der Gedanke kam ihm im ersten Moment wie eine große Erkenntnis vor, aber verlor eine Sekunde später schon seinen Glanz. Was denn für Beweise? Ein Foto von Leonies Entführung, hatte er nicht und andere Aufnahmen gab es gewiss auch nicht. Also was sollte es für Beweise geben? Dann kam ihm aber ein zweiter Gedanke. Er erinnerte sich an den Detektivfilm von gestern. Was wäre dort der Plan gewesen? Noah dachte nach. Leonies Mutter war nicht überrascht, als diese Kreaturen ihre Tochter geholt hatten. Sie musste also gewusst haben, dass sie kommen würden. Also musste es eine Kommunikation gegeben haben. Und vielleicht war ja etwas davon aufgezeichnet. Vielleicht gab es Briefe, die all das beweisen konnten, was Noah gesehen hatte. Und wenn er es beweisen konnte, dann konnte er auch die anderen überzeugen.

 

Noah ging los. Er wusste genau, wo er anfangen würde zu suchen. In dem Haus, in welchem er sich am unsichtbarsten bewegen konnte. In seinem eigenen. Er betrat es nicht durch die Haustür. Wenn es solche Briefe gäbe, würden seine Eltern genau darauf achten, dass er sie nicht zu Gesicht bekam, also war es besser, wenn sie nicht wussten, dass er zuhause war. Er kletterte den Baum in seinem Garten empor, wie er es schon hunderte Male gemacht hatte, und stieg durch das Fenster in sein Zimmer.

Leise schlich er sich durch sein Zimmer und öffnete lautlos seine Tür. Unten hörte er, wie das Radio lief. Seine Eltern waren wohl ebenfalls zuhause. Er ging jedoch nicht nach unten, sondern öffnete die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Ihre Nachttische waren die ersten Orte, an denen er suchte. Er durchwühlte sie gründlich. Er fand Zeitschriften über Naturkunde, die Ersatzbrille seiner Mama, eine halbleere Wasserflasche und auch viel Papierkram, aber nichts, was auf eine Verschwörung hindeutete. Dann durchsuchte er die Schränke und Kommoden, doch darin befand sich nichts als Wäsche. Er sah unter dem Bett nach, um zu schauen, ob dort etwas versteckt war, hob die Matratzen an und warf auch einen Blick unter die Schränke, doch da war nichts. Als nächstes ging er in den Flur zurück und öffnete die Abstellkammer. Das vertraute Gerümpel und die Putzutensilien stapelten sich dort, aber nicht das, wonach er suchte. Langsam gab er es auf. Wenn es Beweise gab, dann mussten sie unten sein.

Langsam schlich er die Treppe runter und gab sich alle Mühe, keinen Ton zu machen. Da hörte er die Stimme seiner Mutter aus dem Wohnzimmer. Anscheinend telefonierte sie mit jemandem. „Nein, natürlich nicht. Wir haben nichts gesagt. (…) Das sind ernste Anschuldigungen. Wir haben nichts dergleichen getan. (…) Sie haben doch selbst gesagt, dass ein gewisses Restrisiko immer besteht.“ Noahs Mutter klang aufgebracht. Wer auch immer mit ihr telefonierte, stritt mit ihr und kam nicht aus dem Dorf. Sie sprach jeden im Dorf immer per Du an und niemals mit Sie. „Ich kann Ihnen versichern, dass nichts außer Kontrolle geraten ist. Wir haben alles exakt so getan, wie abgesprochen. (…) Was meinen Sie damit? (…) Was? Aber…“ Noah merkte, wie sie nach Worten suchte. Sie musste gerade irgendetwas heftiges erfahren haben. So aufgebracht hatte er sie noch nie erlebt. Nach einer Pause, in welcher wohl ihr Gesprächspartner am Telefon sprach, wurde sie ruhiger und ihre Stimme bekam etwas Unterwürfiges. „Ich verstehe. (…) Natürlich. Ja, wird gemacht. (…) Auf Wiederhören.“ Sie legte auf. Noah fühlte, wie sein Herz durch seinen ganzen Körper hämmerte. Waren das gerade die Kreaturen am Telefon gewesen, die neue Anweisungen gegeben hatten? „Und? Was sagen sie?“, hörte Noah seinen Vater fragen. „Sie haben den Plan geändert. Sie wollen jetzt doch alle auf einmal. Noch heute Nacht. Wir sollen sichergehen, dass sie schlafen, wenn sie kommen.“ Das war der Beweis, auf den Noah gewartet hatte! Oder war es ein Beweis? Es hätte ein Beweis sein können, wenn er es aufgenommen hätte, aber das hatte er nicht. Sein Vater seufzte. „Dann muss ich wohl einem zur Apotheke. Bin gleich wieder da.“ Sein Vater tauchte plötzlich am Ende der Treppe auf, setzte sich, zog sich die Schuhe an. Wie durch ein Wunder drehte er sich kein einziges Mal um, während er das tat und verließ das Haus, ohne Noah bemerkt zu haben.

Die Angst, die sich in Noah breit machte, war wie vergangene Nacht. Lähmend. Erstarrend. Es nahm ihm jede Möglichkeit irgendwas zu tun. Jede Bewegung schien ihn nur seinem heutigen Ende näher zu bringen. Dann aber besann er sich, weshalb er überhaupt hier war. Er brauchte Beweise. Mit Beweisen konnte er die anderen überzeugen und sie vielleicht rechtzeitig warnen. Er schlich die Treppe weiter runter und warf einen schnellen Blick durch den offenen Torbogen ins Wohnzimmer. Seine Mutter saß auf der Couch und las ein Buch. Er versuchte sich vorbeizuschleichen, doch als er gerade vorbeigehuscht war, hörte er aus dem Wohnzimmer: „Noah? Bist du das?“ Noah erstarrte erneut. Er kannte das Gefühl aus der Situation, wenn eine Wespe auf einen landet, man völlig erstarrt und versucht nicht mal zu atmen, in der Hoffnung, die Wespe flöge von allein wieder weg. Aber seine Mutter war keine Wespe. „Noah?“, fragte sie erneut. Noah durfte jetzt auf keinen Fall verdächtig wirken. „Ja, ich bin hier.“, sagte er möglichst heiter, auch wenn ihm das nicht so ganz geling und zeigte sich seiner Mutter. „Seit wann bist du denn hier?“, fragte sie. Noah bemühte sich um einen unbekümmerten Ton. So als wäre die Frage und damit auch die Antwort völlig ohne Bedeutung. „Gerade eben erst. Ich habe aus der Ferne gesehen, wie Papa irgendwo hingegangen ist. Ich hatte Durst und wollte nur mal kurz etwas trinken.“ Noah biss sich auf die Zunge, um seinen Redeschwall zu unterdrücken. Unter normalen Umständen hätte er niemals eine so lange Erklärung auf eine so einfache Frage geliefert. Er hoffte, dass seine Mutter das nicht bemerkte, aber sie sah ihn aus ernsten Augen an. „Noah.“, begann sie in einem Ton, der ankündigte, dass das für sie kein Spiel war, „Hast du deinen Freunden erzählt, dass Monster sie in der Nacht entführen würden?“

Noah war nicht der schlechteste Lügner der Welt, aber er war nicht gut darin spontan zu lügen. Wenn er eine Situation aus der Ferne kommen sah, bei der er wusste, dass er lügen musste, schaffte er es meistens ganz gut. Wenn jedoch, wie jetzt, ihn die Situation aus dem Nichts erwischte und er keine Lüge vorbereitet hatte, schaffte er es nicht einmal ein Kleinkind zu überzeugen. Sein erster Reflex war es unbekümmert zu gucken, dann überrascht oder entrüstet, doch was dabei herauskam, war eine Grimasse, die der ganzen Welt seine Anspannung verriet. „Komm her.“, meinte seine Mutter immer noch ernst, aber etwas wärmer und deutet neben sich auf die Couch. Noah fühlte in sich den Drang wegzulaufen, doch der Drang einfach zu gehorchen und damit einen Schritt wieder in der Welt zu setzen, die er kannte, in der er aufgewachsen war und die ihm bis gestern das Gefühl von Sicherheit und Normalität vermittelt hatte, war größer. Als er sich setzte, schwiegen sie eine Weile. Schließlich sagte seine Mutter: „Du warst gestern noch spät auf, oder? Du hast gesehen, was auf der Straße gegenüber passiert ist.“ Noah nickte, aber sagte nichts. Er spürte, wenn er jetzt einen Ton von sich gab, würde er in Tränen ausbrechen und sich nicht mehr beruhigen können. „Tut mir leid, dass du das mit angesehen hast. Das muss sicher schlimm für dich gewesen sein.“ Seine Mutter legte einen Arm um ihm. Er merkte, wie sich seine Anspannung etwas löste, doch war es auch die Anspannung, die ihn am Weinen hinderte. Er merkte, wie die ersten Tränen aus seinen Augen quollen. „Leonie ist letzte Nacht gestorben. Das, was du gesehen hast, waren die Bestatter, die sie abgeholt haben.“ Noah sah seine Mutter an. Er suchte nach irgendeinem Anzeichen einer Lüge in ihrem Blick, doch ihr Blick war ernst, aber offen und warm. „Aber…“ Noahs Stimme bebte. „Aber ich habe sie doch gestern noch gesehen. Ich habe mit ihr gesprochen.“ Seine Mutter fing an ihm sanft den Rücken zu streicheln. „Sie hatte einen Schlaganfall.“, erklärte sie ihm, „Sowas ist in so jungen Jahren ungewöhnlich, aber es kann passieren. Ohne Vorwarnung und dann geschieht es sehr schnell. Ihre Mutter wollte nicht, dass du es auf diese Weise erfährst. Hätte sie gewusst, dass du ihre Abholung mitangesehen hast, hätte sie dir natürlich die Wahrheit gesagt. Das ist gerade alles sehr schwer für sie.“ Sie drückte Noah sanft an sich. „Sahst du deswegen heute Morgen so fertig aus? Hast du die ganze Nacht gedacht, dass Leonie entführt wurde?“ Noah nickte. „Ach Schatz.“ Seine Mutter küsste ihn auf den Kopf. „Ich habe mich schon gewundert, denn vorhin haben mehrere Eltern hier angerufen, die sich beschwert haben, dass du ihren Kindern irgendwelche Schauergeschichten erzählt hättest.“ „Tut mir leid.“, meinte Noah. Er schämte sich und er wusste nicht, was dümmer war. Dass er es bis gerade eben mit voller Überzeugung geglaubt hat oder dass sein Teil von ihm es immer noch irgendwie glaubte. „Die Männer sahen halt so seltsam aus und ich dachte, dass sie…“ Er beendete die Erklärung nicht. Je mehr er versuchte zu erklären, desto dümmer kam er sich vor. „Ich weiß, ich weiß.“, meinte seine Mama tröstlich, „Es war dunkel, du warst müde, hattest Angst und hast etwas beobachtet, das du nicht ganz verstanden hast. Da spielt unser Kopf uns schon mal Streiche.“ Noah kuschelte sich an seine Mama. Nach diesem Tag fühlte es sich gut an, sich wieder sicher und geborgen zu fühlen. „Wo ist Papa eigentlich hingegangen?“, fragte Noah irgendwann. „Zur Apotheke.“, erklärte seine Mama, „Er besorgt dir ein paar Vitamine.“ „Vitamine?“, wiederholte Noah. „Ja.“, bestätigte seine Mama, „Nach der Sache mit Leonie, dachten wir, es könnte nicht schaden, wenn du ab jetzt abends eine Vitaminkapsel nimmst, um gesund zu bleiben.“

Mit einem Mal war jegliche Entspannung aus seinem Körper gewichen. Sein Vater war zur Apotheke gegangen, um ein Schlafmittel zu besorgen. Keine Vitamine. Das hatte er aus ihrem Gespräch belauscht. Vielleicht spürte seine Mutter, dass sich etwas in ihrem geändert hatte, denn sie fügte hinzu: „Ich hoffe mal, er denkt auch an die Sachen fürs Tierheim.“ „Tierheim?“, wiederholte Noah ungläubig. In Bachtal gab es kein Tierheim. „Ja, wir haben eine Patenschaft für ein Tierheim in der nächsten Stadt übernommen. Da hat vorhin auch angerufen und gemeint, dass sie Probleme haben und ein Schlafmittel für die Hunde brauchen. Das soll er auch besorgen. Naja. Einer muss es wohl machen.“ Noah rührte sich nicht. Er hörte von dieser Patenschaft zum ersten Mal. Es war dasselbe Muster wie mit dem Verschwinden der Kinder. Es passierte plötzlich etwas, das vorher noch nie passiert war und sofort gab es die passende Erklärung. Dinge, die sich eigentlich vorher irgendwie hätten bemerkbar machen müssen, kamen wie aus dem nichts und kaum jemand wunderte sich darüber. Sein erster Gedanke war, seine Mutter direkt danach zu fragen, aber er wusste, dass sie die passende Erklärung dafür hätte und er wusste, dass er ihr glauben würde. Nur ob sie die Wahrheit sagen würde, das wusste er nicht. Und damit kam die Angst zurück. Wieder kam ihm sein bisheriges Leben werkwürdig fremd vor. Seine Eltern, das Haus, das ganze Dorf. Es war alles, was er kannte und doch war es irgendwie fremd. Als wäre alles nur Fassade und jetzt sähe er, was dahinter lag. Etwas Dunkles und Bedrohliches.

 

Die Angst trieb ihn nicht wieder nach draußen. Sein Vater kam bald zurück und fand sie beide vor. Noah blieb den ganzen restlichen Tag zuhause und redete mit seinen Eltern. Er fragte darüber, was sie von Leonies Mutter wissen, wo Leonie jetzt war, was mit ihr passieren würde und wann die Beerdigung stattfinden würde. Alles Fragen, die er für vollkommen angemessen in dieser Situation hielt und bei deren Antworten er genau nach Widersprüchen und Anzeichen für Lügen horchte. Verhaspelten sie sich irgendwo? Gab es irgendwelche Aussagen, die nicht gleichzeitig stimmen konnten? Oder gab es irgendwas, worauf sie keine Antwort hatten? Nein. Es war alles sauber und durchdachte. So, als würde es wirklich stimmen. Und vielleicht tat es das ja auch. Wenn Noahs Vorahnung stimmte, würde er die Antwort diese Nacht erfahren.

Sie waren beim Abendessen, als seine Mutter ihm eine Tablette hinlegte. „Dass sind die Vitamine, von denen ich dir erzählt habe. Spül sie am besten mit Wasser runter.“, erklärte sie. Noah starrte die Tablette an. Er wollte sie nicht nehmen, aber er wollte auch keinen Verdacht erregen. „Ich muss mal aufs Klo.“, meinte er schließlich und wollte aufstehen, aber seine Mutter sagte: „Erst die Vitamine. So viel Zeit muss sein.“ Noah nahm die Tablette in die Hand. Sie war zu einer Hälfte rot und zur anderen Hälfte weiß. Er überlegte, wie er es so aussehen lassen konnte, als hätte er sie genommen, ohne sie wirklich zu nehmen. Da kam ihm eine Idee. Er schob sie sich in den Mund und legte sie unter seine Zunge. Dann nahm er ein paar große Schlucke aus seinem Glas und verschwand – vielleicht etwas zu eilig – ins Badezimmer. Dort spuckte er die Tablette ins Klo und wartete einen Augenblick. Aufs Klo zu gehen und zu früh abzuspülen, würde merkwürdig erscheinen. Er überlegte, was er tun sollte. Was wenn sie tatsächlich diese Nacht kommen würden? Was würde er dann tun? Der Gedanke löste keine genialen Pläne in ihm aus, sondern nur den Wunsch zu verschwinden. Sich einfach in Luft aufzulösen, um nicht mehr greifbar zu sein. Aber er löste sich nicht auf und jedes Ticken der Uhr machte ihm klar, dass seine Zeit ablief. Als er das Bad verließ, tat er so, als wäre er unglaublich müde. Das war nicht einmal völlig gelogen, aber dennoch war an Schlaf nicht zu denken. Es war 21:00 Uhr, als er schließlich in seinem Zimmer war, das ihn jetzt wie eine Gefängniszelle vorkam. Nein, noch schlimmer. Wie eine Todeszelle und er wartete auf seine Hinrichtung.

Er versuchte nicht im Zimmer auf und abzugehen, damit seine Eltern dachten, er würde schlafen, aber diese Rastlosigkeit in ihm, machte ihn wahnsinnig. Alles in ihm schrie: „Lauf weg! Versteck dich! Kämpfe!“, aber er saß auf seinem Bett und wartete, dass etwas passierte, wenn es denn passierte. Auf einen Motor, der plötzlich näherkam, aber alles war still.

Um 1:00 Uhr kam ihm die Idee, sich besser vorzubereiten. Er öffnete seinen Kleiderschrank und zog sich möglichst dunkle Klamotten an, um in der Nacht nicht gesehen zu werden. Jetzt fehlten nur noch Schuhe, doch seine normalen Schuhe standen unten bei der Haustür und er wollte nicht die Aufmerksamkeit seiner Eltern auf sich ziehen. Ob sie wach waren, wusste er nicht genau, aber unten konnte er den Fernseher hören. Also packte er seinen Turnbeutel aus dem Sportunterricht aus und zog sich seine Turnschuhe an. Sie waren zwar das Gegenteil von Dunkel, aber das Beste, was er gerade zur Verfügung hatte. Dann setzte er sich wieder auf sein Bett.

Wenn es eine Tätigkeit auf der Welt gibt, bei welchem die Zeit unerträglich langsam vergeht, dann ist es das Starren auf eine Uhr. Noah hatte das Gefühl, dass sie sich überhaupt nicht bewegte. Manchmal nickte er für ein paar Minuten ein und wenn er in heller Panik und mit pochendem Herzen aufschreckte, war der Minutenzeiger um eine Viertelstunde weitergewandert.

 

Als die Uhr 3:00 Uhr anzeigte, hörte er es schließlich. Draußen in der Ferne erklang ein Motor. Aber Moment. Es war nicht ein Moter – es waren mehrere Motoren. Dutzende. Noah zitterte. Er traute sich nicht aus dem Fenster zu sehen. Er fürchtete, dass wenn er jetzt aus dem Fenster sah, die Bilder aus seinem Kopf, Realität werden würden. Vielleicht würden die Motoren ja gar nicht näherkommen. Oder vielleicht würden sie einmal durch das Dorf fahren und dann über eine andere Straße wieder weg. Doch er hörte, wie die Autos in seine Straße einbogen und anhielten. Jetzt wagte er sich doch ans Fenster. Ganz vorsichtig, um nicht gesehen zu werden, spähte er nach draußen. Mehrere Autos standen dort am Straßenrand in regelmäßigen Abständen. Sie sahen alle identisch aus. Genau wie das Auto von letzter Nacht. Aber diesmal gab es noch eine zweite Art von Auto. Davon gab es nur vier, aber Noah konnte sich gut vorstellen, wofür sie da waren. Es waren graue Vans. Autos, die dafür da waren, um etwas zu transportieren. Um Menschen, zu transportieren. Mehrere Gestalten stiegen aus den Autos aus, doch sie waren so identisch, wie die Autos selbst. Massige gestalten, mit zu großen, unförmigen Köpfen in langen, dunklen Mänteln. Es gingen immer zwei zu den Haustüren. Die Szene, die sich vergangene Nacht vor Leonies Haus stattgefunden hat, spielte sich jetzt vor allen anderen Häusern ab. Plötzlich hörte er ein Klopfen. Leise und gedämpft. Jemand hatte unten an seine Haustür geklopfte. Er huschte zu seiner Zimmertür und lauschte am Schlüsselloch. Die Stimme seiner Mutter war zu hören. „Er ist oben und schläft.“ Die Panik, die er seit letzter Nacht regelmäßig gefühlt hatte, erschien ihm plötzlich unglaublich zahm und erträglich, im Vergleich mit der Panik, die jetzt in ihm aufkam. Sein ganzer Körper schnürte sich zusammen. Doch diese Panik lähmte ihn nicht. Weder seinen Körper noch seinen Geist. Er ging innerhalb einer Millisekunde alle Optionen durch, die er hatte und entschied sich für die Beste. Er öffnete sein Fenster und kletterte auf den Ast vor seinem Fenster.

Noah war schon oft über den Baum von unten in sein Zimmer geklettert, aber noch nie von seinem Zimmer nach unten und schon gar nicht mit so schwitzigen, zitternden Händen. Dass das Blätterdach durch seine Bewegungen raschelte, konnte er nicht vermeiden, aber eine leichte Brise lieferte dafür ein gutes Alibi. Er konnte sehen, wie einige der Gestalten auf der Straße standen, doch sie schienen nicht wirklich aufmerksam zu sein. Die Blätter verbargen hin gut vor Blicken von dort, aber in der Baumkrone würde er von seinem Zimmer aus zu sehen sein. Er konnte nicht dortbleiben. Also kletterte er weiter nach unten. So schnell wie möglich gelangte er nach unten und hockte sich hin. Jetzt stand eine Hecke zwischen ihm und der Straße, doch würde man nach ihm suchen, würde man ihn dort mühelos finden. Dann fiel ihm ein besseres Versteck ins Auge. Eines, das ihm beim Verstecken spielen schon mehrmals den Sieg beschert hat. Unter der Veranda an der Vorderseite seines Zuhauses, war ein kleiner Hohlraum. Gerade groß genug, damit er hineinkriechen konnte. Er schlich so schnell er konnte hinüber, warf sich auf den Bauch und kroch hinein.

Gerade noch rechtzeitig, denn in der nächsten Sekunde hörte er aus seinem Zimmerfenster eine tiefe, dumpfe Stimme: „Wo ist er?“ Geräusche drangen von dort. Er hörte, wie Schränke geöffnet und Decken hochgeschlagen wurden. Dann fiel der Lichtkegel einer Taschenlampe aus seinem Fenster auf den Garten, doch in seinem Versteck konnte ihn das Licht nicht erreichen. „Wo ist er?“, fragte die Stimme erneut. In der Art, wie sie es sagte, schwang eine unmissverständliche Drohung mit. „Noah?!“, hörte er die Stimme seiner Mutter rufen, „Noah, wo bist du?“ Angst lag in ihrer Stimme. Angst, wie er sie nicht von ihr kannte. Aber war es Angst um ihn oder um sich selbst? Dann hörte er, wie schwere Schritte die Treppe runtergingen. Die Haustür schwang auf und zwei in Mäntel gehüllte Gestalten kamen herausgestampft, dicht gefolgt von seinen Eltern. Sie sahen sich kurz um. „Haben wir Ihnen nicht gesagt, dass Sie ihm ein Schlafmittel geben sollen?“ Obwohl die Stimme dieser Kreatur dumpf war und klang, als wäre der ganze Mund mit Rotze und einer zu dicken Zunge gefüllte, donnerte sie wie ein Sturm durch die Nacht. „Das haben wir.“, beteuerte Noahs Mutter, „Wir haben es selbst gesehen.“ „In welcher Form?“, fragte das Wesen. „Wie bitte?“ „IN WELCHER FORM?!“, brüllte es nun, „Als Tablette? Als Tropfen? Als Injektion?“ Seine Mutter stotterte. „Als… Ta… Tablette.“ „Er hat es nicht genommen.“, stellte das Wesen fest, wandte sich von Noahs Eltern ab und sah auf die Straße. „Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“, fragte es. „Am Abend um neun.“, antwortete jetzt Noah Vater. Er klang gefasster, aber dennoch war seine Stimme wie belegt, als würde er seine eigentlichen Gefühle unterdrücken. „Er ist hoch auf sein Zimmer gegangen.“ „Und Sie haben danach nicht nochmal nach ihm gesehen?“, fragte das Wesen. Seine Stimme war scharf und tadelnd. Auch wenn die Stimme merkwürdig und nicht menschlich klang, konnte man die unglaubliche Autorität in ihr nicht überhören. Noah Eltern antworteten nicht, aber auch wenn der durch die engen Ritzen der Dielen der Veranda nur ihre ganz groben Umrisse erkennen konnte, spürte er dennoch, welche Angst von ihnen ausging. „Kommen Sie mit.“, sagte jetzt das andere Wesen zu seinem Vater, aber mit identischer Stimme und deutete nach drinnen, „Sie machen jetzt eine Liste mit allen Orten, an denen sich ihr Sohn dort draußen verstecken könnte und Sie lassen keinen Ort aus.“ „Natürlich.“, antwortete sein Vater wie auf Befehl und ging mit dem Monster ins Haus. Das andere Monster, das zurückblieb, zog etwas aus seinem Mantel, das anscheinend eine Art Funkgerät war, denn es sprach hinein: „Code Yellow. Objekt 303 nicht am geplanten Fundort. Möglicher Zeitabstand drei Stunden. Straßen müssen unverzüglich abgesucht werden.“ Während auf der Straße einige der Autos starteten und losfuhren, wandte sich die Kreatur wieder an Noahs Mutter. „Haben Sie ihn gewarnt?“ „Nein.“, antwortete sie sofort. Sie klang mindestens so angsterfüllt, wie Noah sich fühlte. „Verstecken Sie ihn hier irgendwo?“ „Nein!“ Ihre Stimme klang wie eine seltsame Mischung aus entrüstet und flehend. „Wissen Sie nicht mehr, welche Konsequenzen im Falle einer Nicht-Auslieferung Ihnen bevorstehen?“ „Doch! Natürlich weiß ich das.“ Noahs Mutter war außer sich. „Wir haben alles getan, was Sie verlangt haben. Wir haben jede Regel befolgt. Wir können nichts dafür, dass er weggelaufen ist.“ Das Monster schien aber kein Mitgefühl für sie aufzubringen. „Sie haben jede Regel befolgt, bis auf die wichtigste, und zwar mitzudenken. Ihnen und Ihrem Mann war der Verdacht Ihres Sohnes bekannt und Sie haben die Kontrolle nicht erhöht, also was sind Sie? Idioten oder Kriminelle?“ Noahs Mutter antwortete nicht, doch ihr zitternder Atem war Antwort genug. Das Monster fuhr fort: „Ich hoffe für Sie, dass Sie ersteres sind und wir ihn noch finden. Dann wird es vielleicht nur bei einer Abmahnung bleiben.“ In dem Moment ging die Haustür auf und der Partner der Kreatur kam mit Noahs Vater nach draußen. In seiner Hand hielt er einen Zettel und übergab ihn an seinen Komplizen. Dieser sah sich den Zettel kurz an, dann wandte er sich wieder Noahs Eltern zu. „Wir werden die Orte absuchen. Sie suchen jetzt ihr Grundstück ab, und zwar gründlich und wenn ich ‚gründlich‘ sage, dann meine ich auch ‚gründlich‘. Wenn Sie ihn finden sollten, kontaktieren sie uns und sorgen dafür, dass er immer noch da ist, wenn wir kommen.“ „Ja, natürlich.“, antwortete Noahs Vater, verschwand mit seiner Frau im Haus und schloss die Haustür. Das Wesen holte erneut das Funkgerät heraus. „Mögliche Aufenthaltsorte für Objekt 303 gefunden. Genaue Wegbeschreibungen folgen in Kürze. Anwohner sind dazu aufzufordern, eigene Häuser nach möglichem Verbleib von Objekt 303 zu durchsuchen.“ Die zwei Kreaturen gingen zu ihren Wagen. Noah hörte von der ganzen Straße, wie dort Autotüren geöffnet und geschlossen wurden, wie Motoren starteten und Autos davonfuhren.

 

Von seinem eingeschränkten Schlupfwinkel konnte er nicht mit Sicherheit sagen, ob jemand auf der Straße als Wache zurückgelassen wurde. Vom Inneren seines Zuhauses hörte er, wie seine Eltern in sämtliche Räume gingen und nach ihm riefen. Ein Teil von ihm – derselbe Teil, der sich vor einigen Stunden gewünscht hatte, sich in Luft aufzulösen – wollte für immer unter der Veranda liegenbleiben, aber Noah wusste, dass das nicht ging. Wenn seine Eltern nicht mehr im Haus suchten, würden sie im Garten suchen und konnte er darauf vertrauen, dass sie ihn nicht dort fanden? Wahrscheinlich nicht. Und selbst wenn er die ganze Nacht dort unentdeckt liegen bleiben würde, was dann? Er konnte nicht für den Rest seines Lebens unter der Veranda bleiben. Entweder würde man ihn entdecken, oder er würde dort verhungern. Eine andere Option gab es nicht. Aber wo sollte er hin? Er überlegte, welche Orte sein Vater dieser Kreatur genannt haben könnte. Mit Sicherheit den Waldrand, wo er und die anderen die letzten Tage an dem Baumhaus gebaut hatten. Vielleicht noch der Spielplatz, die Scheune oder die Schule. Seine Eltern kannten ihn und sie kannten das Dorf. Sie wussten, wo er sich verstecken würde. Aber wenn er sich nicht verstecken konnte, konnte er dann weglaufen? Die Straßen wurden patrouilliert und am Wald suchten sie mit Sicherheit nach ihm. Ein Auto klauen konnte er auch nicht. Nicht nur, weil er nicht fahren konnte, sondern weil die Schlüssel nicht in Greifweite waren. Dann kam ihm plötzlich eine Idee. Das Floß, das er und einige Freunde gebaut hatten. Es musste noch am Bach sein. Der Bach floss zwar einige Meter an der Straße entlang, aber ging dann unter eine Brücke durch und führte dann… Ja, wohin führte der Bach? Aber Noah verwarf die Frage. Sie spielte keine Rolle. Es war egal wohin der Bach führte. Vielleicht endete er mitten im Wald. Vielleicht ergoss er sich in einen größeren Fluss. Vielleicht mündete er auch nach einer Weile im Ozean. Wichtig war nur, dass der Bach ihn so weit weg wie möglich brachte. Irgendwo hin, wo er untertauchen konnte und nicht entdeckt wurde.

 

Noah kroch aus der Veranda hervor und sah sich kurz um. Es war niemand zu sehen. Die Fenster an allen Häusern waren hell erleuchtet. Manchmal huschten Schatten daran vorbei, aber er konnte nicht sagen, ob jemand auf die Straße sah. Er schlich zur Hecke und warf einen Blick rüber. Die Straße war leer. Kein Auto und keines dieser Monster war zu sehen. Das war seine Chance. Noah ging los. Zuerst gemächlich, um keine Geräusche zu machen, doch dann wurde er immer schneller und schneller, bis er schließlich rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Das Gefühl, dass die Häuser selbst ihn aus ihren Fenstern heraus anstarrten, kam zurück. Aber diesmal waren es keine geheimen Spione, die seine Schritte heimlich verfolgten. Diesmal wirkten sie wie riesige Alarmanlagen, die jede Sekunde einen explosionsartigen Lärm machen könnten, um zu schreien: „HIER IST ER! HIER! ICH SEHE IHN!“ Dieser Gedanke spornte Noah noch weiter an und falls Erschöpfung und Seitenstechen in ihm aufkamen, merkte er sie nicht.

 

Der Bach war schwarz von der Dunkelheit, doch sein Rauschen versprach einen Weg in die Freiheit. Noah wusste, wo das Floß stand, auch wenn es in der Nacht nicht gut zu sehen war. Als er direkt davorstand, erkannte er es jedoch genau. Er nahm es und zog es zum Wasser, während er den Ast, den er und seine Freunde damals als Paddel auserkoren hatten, unter seinen Arm klemmte. An einer Stelle, die ihm in seiner Not ausreichend geeignet erschien, schob er es ins Wasser und setzte sich drauf.

Er und die anderen waren bisher nie weit damit gefahren. Immer nur einige Meter, aber was einen ein paar Meter tragen kann, kann doch einen hoffentlich auch eine ganze Nacht oder am besten ein ganzes Leben lang tragen, oder? Als er jedoch auf dem Floß saß, merkte er, wie furchtbar langsam es war. Er hatte es als ausreichend schnell in Erinnerung, aber diese Geschwindigkeit, war kaum schneller, als wenn er sehr schnell gehen würde. Dennoch wusste er, dass er nicht stattdessen einfach rennen konnte. Die Erschöpfung würde ihn einholen und er würde es nicht weit schaffen. Es war schlauer seine Kräfte zu sparen. Also paddelte er, was ihn nicht wirklich schneller machte, aber ihm zumindest das Gefühl gab, etwas sinnvolles zu tun.

Plötzlich hörte er einen Motor. Er kam von hinten. Noah verstärkte seine Versuche das Tempo seines Floßes durch sein Paddel zu erhöhen, aber die Brücke, die er als den ersten notwendigen Meilenstein auserkoren hatte, um außer Gefahr zu sein, war noch viel zu weit weg. Ein grelles Scheinwerferlicht flutete ihn und präsentierte ihn der ganzen Umgebung. Das Auto hielt neben ihm an. Es war einer der Vans. Die Vordertüren gingen auf und zwei der Gestalten stiegen aus. Eines sprach mit der bekannten, dumpfen Stimme ins Funkgerät: „Objekt 303 gesichtet. Befindet sich im Bauch auf einem Floß. Sicherung wird eingeleitet.“ Das andere Wesen hatte derweilen etwas aus dem Van geholt. Einen langen Stab mit einem Haken dran. Einem Enterhaken. Noah versuchte schneller zu paddeln, doch es reichte nicht. Der Enterhaken kam näher. Er wollte ihn mit seinem Ast abwehren, aber auch das funktionierte nicht. Der Enterhaken verkeilte sich in seinem Floß und zog ihn ans Ufer. Noah sah keinen anderen Weg. Er sprang vom Floß ins Wasser und schwamm an die andere Seite. Die schwache Strömung zeigte jetzt positive Wirkung, da sie Noah nicht mitriss und ertränkte. Er schaffte es an die andere Seite zu schwimmen und lief dort zwischen die Bäume.

Der Strahl einer Taschenlampe war vom anderen Ufer erbarmungslos auf ihn gerichtet. Noah wollte verschwinden, doch der Wald, in dem er sich jetzt befand, war sehr klein. Wenige Meter vor ihm war die Straße, die durch die Brück mit der anderen Seites des Baches verbunden war. „Objekt ist vom Floß gesprungen und hat gegenüberliegendes Ufer erreicht.“, hörte er eines der Kreaturen hinter ihm sagen. Dann erklangen weitere Motoren, die Näher kamen und weitere Scheinwerfer, die in der Nacht auftauchten. Sie waren zwar auf der anderen Seite, aber nahmen die Brücke, um ihm den Weg abzuschneiden. Noah wandte sich nach links und lief los. Vor ihm war der Teil des Waldes, der weg von der Straße führte. Dunkel und unerschlossen. Doch immer noch waren Lichter auf ihn gerichtet und präsentierten ihn der ganzen Welt. Die Autos waren mittlerweile hinter ihm angekommen. Türen gingen auf und weitere Lampen wurden auf ihn gerichtet. „Objekt versucht ins Waldesinnere zu entkommen. Verfolgen wird aufgenommen.“ Noah stürzte sich in die Büsche, um vor den Blicken seiner Verfolger geschützt zu sein. „Objekt ist im Gebüsch. Sichtkontakt unterbrochen.“, hörte er hinter sich. Noah bahnte sich seinen Weg durch das Unterholz. War er schneller als seine Verfolger? Wahrscheinlich. Aber konnten sie ihm den Weg abschneiden? Auch das war nicht auszuschließen. Außerdem merkte er anhand ihrer Schritte, dass die Büsche und Äste, die sich ihnen beiden als Hindernis in den Weg stellten, für sie bei weitem kleinere Probleme darstellten als für ihn. Er musste sie irgendwie abschütteln. Aber wie? Auf einen Baum klettern? Er kannte die Bäume hier nicht. Er wusste nicht, wie gut man auf ihnen klettern konnten und selbst wenn, waren seine Verfolger viel zu nah, um es nicht sofort zu bemerken. Dann aber sah er etwas. Ein Loch im Boden. Vielleicht der Bau von einem Fuchs oder Dachs. Wenn er es schaffte sich darin zu verstecken, würden sie mit etwas Glück an ihm vorbeilaufen und er könnte dann in die andere Richtung entkommen.

Noah warf sich nach vorne und kroch mit dem Kopf voran in das Loch. Er zwängte sich mit aller Kraft hinein und schaffte es ein gutes Stück. Er konnte nicht den Kopf anheben, sich nicht umdrehen, nicht die Arme ausstrecken, aber es reichte aus, um immer weiter zu kriechen. Dann stieß sein Kopf gegen eine Wand aus Erde. Der Bau ging nicht weiter und er spürte, dass er nur bis zu den Knien drin war. Er tastete mit seinen Händen nach irgendeiner weiteren Öffnung, durch welche er weiterkriechen könnte, aber da war nichts. Dann spürte er Erschütterungen in der Erde. Seine Verfolger waren nun ganz nah. Noah lag völlig still. Er bewegte sich nicht, atmete nicht und hätte er irgendeinen Einfluss darauf gehabt, hätte sogar sein Herz für diesen Moment aufgehört zu schlagen. Die Erschütterungen hörten auf. Noah ging im Kopf alle Gebete im Kopf, die er kannte. Er schwor der gläubigste und reinste Mensch der Welt zu werden, wenn seine Verfolger ihn jetzt übersahen. Er flehte Gott an. Sollte er Noah nur ein einziges Mal helfen, dann möge es jetzt sein. Aber Gott hörte ihn nicht. Ein Paar Hände packten ihn an seinen Beinen und zogen ihn grob raus. Noah schrie und suchte verzweifelt nach irgendwas, an dem er sich festhalten könnte. Eine Wurzel oder auch nur ein festverankerter Stein, aber da war nichts. Er wurde nach draußengezogen, schrie auf und schlug um sich. Eine Taschenlampe leuchtete ihm grob ins Gesicht. Obwohl es ihn blendete, konnte er einen Blick auf das Gesicht seines Angreifers erhaschen. Es war einer dieser Monster. Sein Kopf war groß und unförmig angeschwollen, doch diesmal konnte Noah auch das Gesicht erkennen. Es hatte zwei wässrige Augen, die merkwürdig winzig für so einen großen Kopf waren. Auch seine Nase und seine Ohren waren nicht größer als zwei Zentimeter. Seinen Mund erkannte Noah erst, als es ihn öffnete. Der Mund hatte keine Lippen und hätte auch nur eine Falte in dem milchig weißen Gesicht sein können, wenn daraus nicht ein derartiger Gestank aus Rauch und Schnaps hervorgequollen wäre. Hände, die sich wie roher Teig anfühlten, packten Noah grob und zogen ihn auf die Beine. Er schrie auf, flehte um sein Leben und versuchte sich irgendwie loszureißen. „Halt ihn fest. Ich sediere ihn.“, sagte eines der Kreaturen und einen Moment später, stach eine Nadel in Noahs Arm. Fast augenblicklich merkte er, wie er Schwächer wurde und eine Müdigkeit nach ihm griff, die ihn gewaltvoll in den Schlaf reißen wollte. Noah kämpfte dagegen an, doch er war nicht stark genug. „Objekt 303 wurde gesichert. Lieferung ist vollständig. Rückfahrt kann angetreten werden.“, hörte er noch irgendjemanden sagen und ob es seine Augenlider waren, die zufielen oder der Sack, der über in gestülpt wurde, wusste er nicht. Doch plötzlich gab es nur noch Dunkelheit.

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