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ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Wie frisch polierte Spiegel glänzen die Backsteine im Lichte der Straßenlaternen, wenn sie vom Regen nass sind, dachte er sich, während er sich vergewisserte, ob er heute seine festen Schuhe trug, wie es viele Männer tun, wenn sie im Laufe des Tages vergessen, welche Kleidungstücke sie tragen. Er sah nach seinen Füßen und freute sich, wohl meinend, sich in weiser Voraussicht so gekleidet zu haben.
Das Wasser erkämpfte sich seinen Weg zwischen den Backsteinen, bis es endlich in einer der vielen Pfützen, die schon zu kleinen Seen geworden waren, mündete. Indem er sich diesem Schauspiel widmete, vergaß er, was er eigentlich tun wollte und war glücklich darüber. In jener Stadt, die ihm die Welt bedeutete. Wie er sie liebte! Trotz des Regens, oder gerade wegen des Regens.
Die Stadt hatte etwas Tragisch-Schönes und etwas Wehmütig-Verführerisches an sich. Als Melancholiker war man hier sicher gut aufgehoben. Die einbrechende Dunkelheit entsättigte nach und nach die Farben, bis sie nur noch in seiner Erinnerung existierten. Schwarz-weiß steht ihr ohnehin am besten, murmelte er.
Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er erst jetzt bemerkte, dass er alleine auf der Straße war. Allein mit den Backsteinen, den Laternen und dem Regen. Gemeinsam verschmolzen sie zu einem expressionistischen Bild, wie es van Gogh nicht schöner hätte in Szene setzen können. Dieser Anblick versetzte ihm einen so starken, aber angenehmen Stich, der ihm ein paar Tränen aus den Augen drückte, die der Regen sogleich verschluckte. Das Bild, dass sich ihm offenbarte, fesselte ihn an Ort und Stelle, mitten an die Straße. In diesem Moment war er ganz allein auf dieser Welt, und es war gut so.
Langsam schob sich etwas in das perfekte Gemälde. Er konnte einen Regenschirm ausmachen und hielt die Luft an. Der Regenschirm kam näher und ein weißes Gesicht wurde darunter offenbar. Unaufhaltsam näherte sich ihm dieses Gesicht. Als er es genauer erkennen konnte, überkam ihn ein schrecklicher Schauer. Am liebsten wäre er weggelaufen, aber seine Beine waren wie festgefroren. Noch ein paar Meter, dann hat es mich! In diesem Moment war er sich sicher, dass er niemals etwas Hässlicheres gesehen hatte.
Er war sich im Klaren, dass er keine andere Wahl hatte, als über sich ergehen zu lassen, was auch immer jetzt kommen möge. Seine Angst hatte ihn in eine Starre versetzt, durch die man sie ihm nicht ansehen konnte. Das war vielleicht von Vorteil. Als das Gesicht vorbeihuschte, streichelte ihn ein eiskalter Hauch, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es sah ihn an. Sah ihm direkt in die Augen. Die abgrundtiefsten Schrecken sahen direkt in ihn hinein. Er konnte nicht wegsehen, nicht widerstehen. Nachdem das Leben in seine Glieder zurückgekehrt war, wagte er es kaum, sich zu bewegen. Erleichtert stellte er fest, dass er wieder alleine war. Erleichterung war freilich nicht das rechte Wort. Es war eher ein Nachlassen der Starre, wie ein Eis, das langsam Risse bekommt, ohne zu brechen.
Er bog um die Ecke, stützte sich keuchend an einer Mauer ab, die unter seinen Fingern feucht und kalt war, als hätte die Stadt Fieber. Er schloss die Augen und versuchte, das Gesicht zu rekonstruieren, um sich selbst zu beweisen, dass es nicht nur eine Einbildung gewesen war. Doch je angestrengter er sich erinnerte, desto weniger konnte er es tatsächlich greifen. Nur das Eine blieb: die Augen. Nicht ihre Farbe. Nicht ihre Form. Sondern das, was sie ihm gesagt hatten, ohne ein Wort. Und sie hatten ihm etwas gesagt. Und er hatte es verstanden, auf eine Weise, die jenseits von Sprache lag, und er hatte es geglaubt.
Er lief durch die nassen Gassen, an der Oper vorbei, an den Kaffeehäusern, die schon geschlossen hatten. Lemberg schlief bereits, oder tat zumindest so. Die Pfützen auf dem Backsteinpflaster reflektierten die Gaslaternen, und jedes Mal, wenn er hinabblickte, tat er es schnell wieder, denn er hatte den unbegründeten, aber hartnäckigen Verdacht, dass die Spiegelungen nicht stimmten. Nicht, dass er etwas gesehen hätte – im Gegenteil. Die Bilder waren zu scharf, zu klar. Als ob das Wasser nicht die Stadt spiegelte, sondern sich an etwas anderes erinnerte.
In seiner Wohnung angelangt stolperte er die Treppe hinauf, sank auf sein Bett, ohne sich die nassen Sachen auszuziehen. Sein Blick fiel auf das Manuskript, das auf dem Schreibtisch lag, halbfertig, seit Wochen halbfertig. Drei Kurzgeschichten hatte er veröffentlicht. Sein Verleger hatte ihm eine große Zukunft vorausgesagt. Und was hatte er daraus gemacht? Seit Wochen trank er, prahlte und prasste bei den Damen und Dirnen, als wäre er ein Mann von zwanzig, der glaubt, die Welt sei ein Souper, das nur darauf wartet, verspeist zu werden.
Da lag er nun, durchnässt und zitternd, und dachte an das Gesicht im Regen. Schließlich schlief er ein, ohne es zu wollen, und träumte von einer Stadt im Regen, in der alle Gesichter leer waren, und von einem Mann, der durch die Gassen lief und händeringend die Seinen suchte, doch jeder, den er ansprach, wandte sich ab, und langsam merkte der Mann, dass er nicht die Seinen suchte, sondern sich selbst, und dass er er selbst schon lange nicht mehr war.
Am Morgen erwachte er mit einem Entschluss, der so klar war wie das Licht, das durch die Vorhänge brach und den neuen Tag einläutete. Der Entschluss war nicht neu – der Same dazu war Monate zuvor in ihm gesät worden, nachdem der Vater gestorben war und die Gelder schmolzen und der Verleger ihm gesagt hatte, er solle sich eine ruhige Stätte suchen, um das zu werden, was er zu sein vorgab. Aber erst in dieser Nacht war der Same aufgegangen. Denn erst in dieser Nacht hatte er verstanden, dass Lemberg ihn nicht losließ, weil er es nicht losließ. Die Stadt war wie eine Geliebte, der man nicht entkommt, nicht weil sie einen festhält, sondern weil man nicht gehen will. Und er wollte nicht gehen. Er hatte nie gehen wollen.
Bis jetzt.
Er erhob sich, legte die nassen Kleider ab und setzte sich an den Schreibtisch. Unter das unfertige Manuskript schrieb er, mit entschlossener Hand:
Es war im Frühjahr 1912, da ich mich ausgelaugt vom tollen Treiben der Großstadt nach einem Rückzugsort sehnte.
Dann stand er auf, holte seine Koffer aus dem Schrank und begann zu packen.
* * *

Wenn euch diese kleine Geschichte gefallen hat — wenn sie euch etwas bewegt, verwirrt oder vielleicht nur neugierig gemacht hat —, dann begleitet Leopold Stanislaus doch ein Stück weiter auf seinem Weg. Er weiß noch nicht, was ihn erwartet. Er weiß nur, dass er gehen muss. Was er findet, ist etwas, das er sich nie hätte vorstellen können, und das ihn doch, so fürchte ich, nie wieder loslassen wird.
Caltwasser — eine historische Gruselnovelle. Karpaten, 1912. Verfügbar als Kindle und Taschenbuch.
(Diese Kurzgeschichte ist nicht Teil der Novelle. Sie ist viele Jahre vorher entstanden, und zwar 2012 in L’viv/Lemberg.)