Offener Auftrag
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
Um 3:12 Uhr leuchtet auf meinem linken Bildschirm eine Zeile rot auf, und der tiefe Gong geht, der für Notrufe aus einer Kabine. In vierzehn Jahren Nachtdienst in der Leitstelle habe ich gelernt, beim ersten Ton schon die Hand an der Maus zu haben. Wer in einem stecken gebliebenen Aufzug steht, zählt jede Sekunde, bis jemand antwortet.
Anlage 3-117. Ich klicke, und die Stammdaten klappen auf: Hotel, Wartungsaufzug, Haltestellen EG, U1, U2. Darunter, in Großbuchstaben, die jemand vor Jahren eingetragen hat: STILLGELEGT – GEBÄUDE GESPERRT (SCHIMMEL). NOTRUFLEITUNG ABGEMELDET. Dazu eine Telefonnummer mit dem Vermerk: „Meldungen zu dieser Anlage ausschließlich an Gutachterbüro.“
Eine abgemeldete Leitung ruft nicht an. Die Zeile leuchtet trotzdem.
Bei uns gilt: Jeder Notruf wird angenommen. Ich setze das Headset auf und sage den Satz, den ich jede Nacht zwanzigmal sage. „Notrufzentrale, Sie sind verbunden. Ist jemand in der Kabine?“
Zuerst höre ich nur den Lüfter, das gleichmäßige Rauschen, das es in jeder Kabine gibt. Dann räuspert sich jemand, ganz nah am Mikrofon.
„Seidel hier, Monteur zweiundzwanzig. Prüfruf aus der Kabine. Wir stehen in Haltestelle U3.“
Prüfrufe kenne ich. Nach jeder Wartung drückt der Monteur einmal den Notrufknopf, damit wir sehen, dass die Leitung steht. Man bestätigt, schreibt die Uhrzeit ins Feld und wünscht einen guten Feierabend. Ich sehe auf die Stammdaten. U1, U2. Keine U3.
„Können Sie die Haltestelle wiederholen?“
„U3“, sagt er, geduldig, wie man es einem Lehrling sagt. „Die unterste.“
Ich tippe die Monteurnummer in die Personalmaske. Zweiundzwanzig: Gerd Seidel, Status ausgeschieden. Das Datum liegt sieben Jahre zurück. Ich kenne den Namen nicht. Das ist nicht ungewöhnlich, wir haben hundertvierzig Monteure im Bezirk, und ich sehe sie nie, ich höre sie nur.
Im Hintergrund sagt eine zweite Stimme etwas, das ich nicht verstehe. Es klingt nach „Karte“.
„Ist noch jemand bei Ihnen?“, frage ich.
„Tamer“, sagt Seidel. „Wir sind zu zweit rausgefahren. Sagen Sie, ist unser Auftrag noch offen?“
Ich öffne die Auftragsliste der Anlage. Ganz oben, über Jahren von Leerzeilen, steht ein einziger Eintrag: Routinewartung, zwei Monteure, Status „Monteure vor Ort“. Er ist nie geschlossen worden. Im Feld „Disponiert von“ steht ein Kürzel aus drei Buchstaben.
Es ist meins.
Ich habe diesen Auftrag nicht disponiert. Ich wüsste es. Ich erinnere mich an die Nacht, in der die Leitstelle in den Neubau umgezogen ist, und an die Nacht mit dem Stromausfall im ganzen Bezirk, und ich kenne Hunderte Anlagen mit ihren Eigenheiten. An ein Hotel mit einem Wartungsaufzug erinnere ich mich nicht.
„Ja“, sage ich. „Der Auftrag ist offen.“
„Gut.“ Er atmet aus, und es klingt erleichtert. „Dann soll uns bitte jemand abholen. Mit Karte. Ohne Karte kommt keiner runter.“
Dann ist nur noch der Lüfter da, und dann nicht einmal mehr der. Die rote Zeile wird grau. Verbindung beendet.
Für eingeschlossene Personen sieht unser Ablauf vor: Bereitschaftsmonteur alarmieren, Eintreffen in dreißig Minuten. Bereitschaft hat heute Petersen, der in zwanzig Minuten überall ist und noch nie über einen Einsatz um drei Uhr geschimpft hat. Ich habe den Hörer schon in der Hand. Dann wähle ich doch die Nummer des Gutachterbüros.
Es klingelt nicht einmal ganz durch. Ein Mann meldet sich mit „Ja“, hellwach, als hätte er neben dem Apparat gesessen. Ich sage, wer ich bin und dass von Anlage 3-117 ein Notruf kam.
„Was für einer?“
„Ein Prüfruf. Ein Monteur, aus Haltestelle U3.“
Ich höre, wie er mitschreibt. Er fragt, wie die Stimme klang, ob sie etwas verlangt hat, ob die Verbindung von selbst abbrach. Bei „Karte“ hört er auf zu schreiben.
„Haben Sie jemanden geschickt?“
„Nein. Ich wollte erst …“
„Gut“, sagt er. „Das war richtig. Beim letzten Mal haben Sie jemanden geschickt.“
Ich sage nichts. Er wartet einen Moment, dann sagt er, morgen früh komme jemand vorbei und bringe Kaffee mit, und ich solle die Anlage bis dahin in Ruhe lassen. Er fragt nicht, wie ich meinen Kaffee trinke. Ich habe das Gefühl, dass er es weiß.
Bis zum Schichtende kommen noch elf Notrufe. Ein Mann in einem Parkhaus, der seinen Hund dabeihat. Eine Kabine in einem Altenheim, in der niemand steht, nur ein Rollator, der gegen den Knopf gerollt ist. Ich sage jedes Mal meinen Satz und schicke jedes Mal jemanden. Zwischendurch öffne ich den Auftrag von Anlage 3-117 und sehe mein Kürzel an.
Um halb sechs steht im Feld „Rückmeldung Monteur“, das sieben Jahre lang leer war, ein neuer Eintrag. Er kommt vom Diensttablet Nummer zweiundzwanzig, Uhrzeit 3:12.
„Kabine U3. Wir warten.“
Das Tablet ist seit sieben Jahren abgemeldet, wie die Leitung.
In meiner ersten Woche hier musste ich eine einzige Regel auswendig lernen, bevor ich irgendetwas anderes durfte: Die Leitstelle schließt keinen Auftrag, solange Monteure vor Ort sind. Ein geschlossener Auftrag heißt, dass niemand mehr nach ihnen fragt.
Meine Schicht endet um sechs. Ich bin geblieben. Der Mann mit dem Kaffee kommt um acht. Bis dahin könnte ich den Auftrag schließen, mit einem Klick, und vielleicht würde die Zeile nie wieder rot.
Ich habe ihn offen gelassen.
Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-636 von Aelanna aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-636) und steht unter CC BY-SA 3.0.