Abendrunde

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

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Wenn die Hochzeitsglocken vom Rathausturm verklungen sind, wird es in unserer Stadt wieder Frühling. Niemand außer mir scheint das seltsam zu finden. Der Bäcker backt dieselben Brezeln, der junge Schreiber verliebt sich wieder in die Tochter des Apothekers, und der Bürgermeister hält wieder seine Rede an der neuen Brücke, mit demselben Versprecher im zweiten Satz.

Ich zünde die Laternen an. Siebenunddreißig, von der Brücke über den Markt und die Gasse hinauf zur Ratsbücherei. Ich weiß nicht, seit wann ich das tue. Wenn ich darüber nachdenke, finde ich keinen Anfang, nur die Stange in meiner Hand und den Geruch von Öl. Also denke ich nicht darüber nach. Ich pfeife beim Gehen. Das Lied habe ich immer gekonnt.

Manchmal, nicht in jedem Frühling, kommen Fremde. Man erkennt sie sofort. Ihre Kleider sitzen, als hätte man sie ihnen am Morgen aus einer Truhe gereicht, und sie sehen sich um wie Leute, die eine Liste im Kopf haben. Sie fragen nach Bücherstuben, nach Schreibstuben, nach dem Haus des Notars. Einer wollte einmal wissen, welches Kapitel wir hätten. Ich habe ihm gesagt, es sei Dienstag.

Sie suchen alle dasselbe: zwei Drachenköpfe aus grauem Metall, die voneinander wegschauen, ein Buch zwischen sich. Ich habe sie gesehen. Sie stehen nie zweimal am selben Ort. Einmal standen sie beim Notar zwischen Gesetzbüchern, einmal im Pfarrhaus, einmal auf einem Bord in der Ratsbücherei. Die Fremden, die sie finden, nehmen das Buch heraus und gehen durch irgendeine Tür. Ich habe einmal hinterhergeschaut. Dahinter war nur das Hinterzimmer des Notars, und niemand war darin.

In diesem Frühling kam eine Frau. Sie stand an der Brücke, als ich die erste Laterne anzündete, und als sie mich pfeifen hörte, ließ sie ihre Tasche fallen.

Sie nannte mich bei einem Namen, den ich nicht kenne. Sie sagte ihn mehrmals, jedes Mal leiser, als probiere sie aus, ob er an mir hält. Dann fragte sie, ob ich wisse, woher das Lied sei. Ich sagte, ich hätte es immer gekonnt. Sie weinte, nicht laut. Ich gab ihr mein Taschentuch, weil man das so macht, und sie sah es an, als hätte ich ihr etwas Altes zurückgegeben.

Sie kam jeden Abend wieder. Sie erzählte mir von einem Raum ohne Fenster, in dem Lampen brennen, die niemand anzünden muss, und von einem Mann, der dort gearbeitet und beim Warten immer gepfiffen hatte. Dieses Lied, sagte sie, falsch im dritten Takt, genau wie bei mir. Sie habe beantragt, ihn zurückzuholen, und niemand habe den Antrag bearbeitet. Darum sei sie allein gekommen, mit demselben Buch.

Ich hörte ihr gern zu. Sie war die Einzige, die nicht nach dem Kapitel fragte. Sie zählte selbst mit, an den Fingern: die Rede an der Brücke, der Brief des Schreibers, der Brand in der Mühle. Sie kannte unsere Stadt besser als ich.

Am Abend nach dem Mühlenbrand wartete sie in der Gasse unter der Ratsbücherei. Die Drachen stünden oben im Lesesaal, sagte sie, sie habe sie am Morgen gefunden. Das Buch habe sie stehen lassen, weil sie mich mitnehmen wolle. Ich solle nur mit hinaufkommen, durch die Tür, und ihre Hand halten.

Ich hatte die Stange in der Hand und noch elf Laternen vor mir. Ich sagte ihr, dass es dunkel wird, wenn ich sie nicht anzünde. Dass die Leute auf dem Pflaster stolpern. Dass ich nicht weiß, was hinter ihrer Tür ist, aber dass ich weiß, was hier ist.

Sie sagte, morgen sei die Hochzeit. Nach der Hochzeit sei die Geschichte zu Ende. Sie sagte es, als müsse das für mich etwas bedeuten.

Ich zündete meine elf Laternen an, und sie ging neben mir her und redete. Von einer Küche mit einem gelben Tisch. Von einem Hund, der längst nicht mehr lebte. Von einem Labor, in dem zwei Leute sich in den Pausen dieses Lied vorgepfiffen hatten, bis keiner mehr wusste, wer damit angefangen hatte. Ich hörte zu, und an der letzten Laterne wusste ich noch immer nicht, wovon sie sprach. Es tat mir leid. Ich glaube, das hat sie gesehen.

Am Morgen der Hochzeit fing sie mich vor dem Rathaus ab. Sie hatte nicht geschlafen. Ein letztes Mal, sagte sie, und dann gehe sie allein. Ich sagte Nein, so freundlich ich konnte. Sie nickte. Dann lief sie die Gasse hinauf zur Ratsbücherei, und ich sah ihr nach, wie man jemandem nachsieht, der noch die Postkutsche erreichen muss.

Das Brautpaar kam früher aus der Kirche als in allen Frühlingen davor. Ich weiß nicht, woran es lag. Vielleicht war eine Predigt kürzer. Die Glocken fingen an, als sie noch auf der Treppe zum Lesesaal sein musste.

Dann war wieder Frühling.

Seitdem gibt es in der Ratsbücherei eine Bibliothekarin. Vorher gab es dort keine, das weiß ich genau, ich zünde jeden Abend die Laterne unter ihrem Fenster an. Sie ist freundlich, sie grüßt, sie kennt niemanden. Sie staubt die Borde ab, alle, nur ein leeres Bord im Lesesaal nicht, als warte dort etwas.

Wenn ich abends unter ihrem Fenster die Laterne anzünde, pfeift sie mein Lied. Falsch im dritten Takt.

Ich weiß nicht, woher sie es hat. Ich weiß ja auch nicht, woher ich es habe.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-826 von Clopine aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-826) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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