Die zwölfte Werkzeugkiste
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
Der Auftrag kam wie jeder andere: ein Zettel in meinem Fach, darauf ein Raum, ein Flur, eine Uhrzeit. Erdungsmessung Faradaykäfig, Kellergeschoss, Flur C, Ende. Turnus: vierteljährlich.
Ich bin seit neun Jahren Elektrikerin an Standort-19. Ich messe Erdungen an Räumen, deren Inhalt mich nichts angeht. Das ist mein Beruf, und ich mache ihn gern, weil Zahlen nicht lügen und weil mich niemand nach meiner Meinung zu den Dingen hinter den Wänden fragt.
Flur C war leer. Das fiel mir erst auf, als ich schon eine Weile gelaufen war: keine Wache, keine Kollegen mit Rollwagen, nicht einmal das übliche Summen aus den Nebenräumen. Quer über den Boden lief eine gelbe Linie, daneben ein verblasstes Schild: Abstand halten, 50 m. Ich ging darüber hinweg, weil mein Zettel es so wollte.
Am Ende des Flurs war eine Tür. Grau, schwer, gut zwei Meter breit. Ich weiß noch, dass ich dachte: Für so eine Tür braucht man Kugellager. Und ich weiß noch, dass ich mich wunderte, woher ich das wusste.
Die Messpunkte liegen außen am Käfig, eine Reihe kleiner Klappen auf Hüfthöhe. Ich schloss das Messgerät an und notierte die Werte, alles im grünen Bereich. Nach dem dritten Messpunkt piepte das Gerät und fragte, ob ich die Werte mit den gespeicherten vergleichen wolle.
Es gab gespeicherte Werte. Elf Messreihen, alle an diesem Käfig, alle im Abstand von drei Monaten, die erste vor fast drei Jahren. Jede trug mein Kürzel. Ich trage dieses Gerät seit drei Jahren mit mir herum, und ich hatte noch nie einen Flur C betreten. So jedenfalls meine Erinnerung.
Ich blätterte die Messreihen durch. Zu jeder gibt es ein kleines Kommentarfeld, in das man über die Tasten mühsam ein paar Buchstaben tippen kann. Die meisten waren leer. In dreien stand etwas.
TÜR NICHT AUFHALTEN.
NICHT NACHSEHEN.
WO IST DIE KISTE.
Ich stand eine Weile da. Dann drehte ich mich zu meiner Werkzeugkiste um, die neben mir auf dem Boden stand, und las das Etikett am Griff. Ausgabe Nr. 12. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, warum meine Kiste die Nummer zwölf trägt.
Ich hätte gehen sollen. Ich weiß, dass ich gehen wollte. Aber der letzte Messpunkt lag innen, im Türrahmen, und an den kommt man nur, wenn die Tür offen ist. Sie war schwer, aber nicht verschlossen. Ich zog sie auf, und sie wollte sofort wieder zufallen, wie ein Hund, der an der Leine zieht. Ich schob meine Werkzeugkiste in den Spalt, damit sie offen blieb.
Ich erinnere mich an das Gewicht der Tür in meinen Händen. Ich erinnere mich an die kühle Luft, die aus dem Raum kam. Und ich erinnere mich daran, dass ich hineinsah.
Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist ein Kaffeebecher.
Ich saß in der Kantine im Erdgeschoss. Der Kaffee vor mir war kalt und hatte eine Haut. Die Uhr über der Essensausgabe zeigte zehn nach eins. Mein Auftrag war für elf Uhr gewesen. Meine Hände rochen nach Metall. Meine Werkzeugkiste war weg.
Ich habe sie gesucht. Ich bin zurück zu meinem Fach gegangen und habe den Zettel nicht gefunden. Ich bin durch das Kellergeschoss gelaufen und habe Flur A gefunden und Flur B und eine Treppe. Was nach Flur B kommt, kann ich nicht sagen. Ich bin, glaube ich, ein paarmal daran vorbeigegangen.
Also habe ich gemacht, was man macht, wenn man Werkzeug verliert: Ich bin zur Materialausgabe gegangen und habe eine Verlustmeldung ausgefüllt. Die Frau am Schalter heißt Brandt, wir kennen uns seit Jahren. Sie nahm das Formular, sah es an, und dann sah sie mich an, auf eine Art, die mir nicht gefiel.
„Moment“, sagte sie und verschwand nach hinten. Als sie zurückkam, trug sie einen Ordner. Sie schlug ihn auf und drehte ihn zu mir.
Elf Verlustmeldungen. Werkzeugkiste, komplett. Alle in meiner Handschrift, alle mit meiner Unterschrift, alle im Abstand von drei Monaten. Unter jeder stand derselbe Grund: Verbleib unbekannt.
„Ich wollte dich schon letztes Mal fragen“, sagte Brandt. „Und das Mal davor auch. Glaube ich.“
Wir sahen uns an. Ich sah, wie sie anfing zu verstehen, und ich sah, wie es ihr wieder entglitt, wie Wasser zwischen den Fingern. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf, als hätte sie eine Fliege verscheucht, und schob mir eine neue Kiste über den Tresen. Ausgabe Nr. 13.
„Pass besser drauf auf“, sagte sie freundlich. Sie wusste schon nicht mehr, warum.
Ich schreibe das jetzt auf, an meinem Tisch in der Werkstatt, weil ich merke, dass es auch mir entgleitet. Die Kiste mit der Dreizehn steht neben mir. In drei Monaten wird ein Zettel in meinem Fach liegen, und ich werde einen Flur entlanggehen, den ich nicht kenne.
Ich weiß nicht, was in diesem Raum ist. Ich weiß nur ein paar Dinge, die es nicht ist. Es ist nicht leer: Dort unten stehen zwölf Werkzeugkisten. Und es ist nicht fertig mit mir.
Ich klebe diesen Zettel jetzt unter den Deckel der neuen Kiste. Wenn du ihn findest: Halt die Tür nicht auf.
Und frag Brandt nicht. Sie weiß es auch nicht mehr.
Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-055 von qntm and CptBellman aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-055) und steht unter CC BY-SA 3.0.