Federwerk

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

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Begehung 13, Dienstag

Geholt hat man mich wegen einer Uhr. Im Auftrag steht „Prüfung eines Zeitmessers in eingedämmter Umgebung, niedrige Freigabestufe ausreichend“, aber gemeint ist eine Uhr. Ich bin seit einunddreißig Jahren in der Werkstatt von Standort-19 der, den man holt, wenn an einer Uhr etwas nicht stimmt.

Das Haus steht in einer Reihe von Häusern, die genauso aussehen. Nur sind bei den anderen die Fenster heil. Gegenüber parkt ein weißer Lieferwagen unter einer Laterne. Darin sitzt Frau Okafor mit einer Thermoskanne und drei Bildschirmen und sieht einem Haus zu, in dem sich nie etwas bewegt. Sie hat mir den Peilsender an den Gürtel geklemmt und gesagt: „Durch die Haustür, nicht durchs Fenster. Und fassen Sie nichts an, was Sie nicht anfassen müssen.“

Von außen ist die Tür grau und rissig. Ich habe sie aufgedrückt und bin über die Schwelle getreten, und das Licht war gelb und warm, und es roch nach Bohnerwachs wie früher im Flur meiner Großmutter.

Die Uhr steht im Empfangszimmer, links neben dem Kamin. Mahagoni, verglaste Haube, Messingzifferblatt, Federwerk mit Schlag zur halben Stunde, gut hundert Jahre alt. Sie ging auf die Sekunde genau wie meine Funkuhr.

Ich habe die Haube geöffnet. Das Werk ist sauber, die Zapfen sind frisch geölt, und ich weiß, wie das klingt, aber ich habe daran gerochen: Klauenöl. Das hat schon in meiner Lehrzeit keiner mehr genommen. Rund um die Aufzugslöcher ist das Messing blank gerieben, wie es nur ein Schlüssel schafft, der Tausende Male hineingesteckt wurde. Einen Schlüssel gibt es nicht. Nicht im Gehäuse, nicht auf dem Kaminsims, nicht in der Kommode.

Ich habe nachgemessen, wie weit die Feder schon abgelaufen ist. Nach ihrem Stand wurde sie vor zwei Tagen aufgezogen. Vor zwei Tagen war Sonntag.

Bei uns zu Hause hat mein Vater die Standuhr jeden Sonntag nach dem Frühstück aufgezogen. So macht man das mit einem Achttagewerk. Der achte Tag ist nur die Reserve für den Sonntag, den man einmal vergisst.

Begehung 14, Dienstag

Ich habe die Erlaubnis bekommen, die Haube zu verplomben: Draht durch beide Scharniere, eine Bleiplombe darauf, zugedrückt mit meiner Zange. Die Zange prägt „W3“ ins Blei, für Werkstatt drei. In der Drei ist eine kleine Scharte, seit mir die Zange vor Jahren auf den Steinboden gefallen ist. Meine Plomben erkenne ich unter tausend.

Vorher habe ich das Pendel angehalten. Anstoßen kann man es auch durch die Kastentür, aber die Zeiger stellt man nur unter der Haube. Läuft die Uhr beim nächsten Mal und zeigt die richtige Zeit, hat jemand die Haube geöffnet. So einfach ist das.

Frau Okafor hatte mir aufgetragen, vor dem Gehen noch in die Abstellkammer zu sehen, deren schmale Tür auf der anderen Seite des Kamins liegt. Wintermäntel, ein Korb mit Wäscheklammern, Einmachgläser mit etwas Dunklem darin. An einem Haken ein Teppichklopfer aus Rattan mit einer Kerbe im Griff. „Der ist fast immer da“, sagte sie später im Wagen. „Alles andere wechselt.“

Begehung 15, Freitag

Die Plombe ist unversehrt. Das Pendel schwingt. Die Uhr geht auf die Sekunde genau.

Ich habe lange davorgestanden. Dann habe ich die Plombe aufgezwickt und eingesteckt und die Feder geprüft: aufgezogen vor fünf Tagen. Wieder Sonntag. Ich habe eine neue Plombe gesetzt und das Pendel angehalten, wie beim letzten Mal.

Danach durfte ich mit dem Trupp nach oben. Die Treppe lag heute auf der anderen Seite des Flurs. Oben gab es ein Zimmer mit einem Harmonium, auf dem Notenpult lag nichts. Daneben ein Schlafzimmer, die Tagesdecke so straff gezogen, dass sich keine Falte darin fand. Vor dem Bett stand ein Paar Herrenschuhe, schwarz und frisch gewichst, die Spitzen genau nebeneinander, so wie man sie am Samstagabend für den Kirchgang hinstellt. Der Truppführer sah sie lange an und schrieb nichts auf.

Vom Schlafzimmerfenster aus sah ich die Laterne und darunter den Lieferwagen. Frau Okafor schenkte sich gerade Kaffee ein. Ich habe gewinkt. Sie hat nicht hochgesehen, und als ich wieder draußen war, sagte sie, auf ihrem Bildschirm sei das Fenster die ganze Zeit schwarz und leer gewesen.

Begehung 16, Sonntag

Angesetzt war die Begehung für Dienstag. Wegen einer Personalsache wurde sie kurzfristig vorgezogen, der Anruf kam beim Frühstück. Um halb zehn stand ich im Empfangszimmer.

Die Haube stand offen.

Die Plombe war nicht abgerissen. Jemand hatte sie sauber aufgezwickt, so wie ich es mache, und ordentlich auf den Kaminsims gelegt. Im rechten Aufzugsloch steckte ein Schlüssel. Messing, ein Griff mit zwei Flügeln, abgegriffen. Er stand halb gedreht, als hätte jemand mitten in der Bewegung losgelassen.

Ich habe nichts angefasst. So steht es in den Regeln, und ich hätte es auch ohne Regeln nicht getan. Ich habe nur dagestanden und zugehört. Die Uhr tickte. Auf dem Teppich vor dem Gehäuse waren zwei flache Stellen, dicht nebeneinander, wie von Schuhen, und während ich hinsah, richteten sich die Fasern langsam wieder auf.

Das Haus ändert sich nicht, solange ein Mensch darin ist. Auf diese Regel verlassen sich hier alle. Heute habe ich verstanden, was sie bedeutet. Sie bedeutet nicht, dass das Haus stillhält. Sie bedeutet, dass es wartet, bis wir wieder gehen.

Wir sind nach zwölf Minuten gegangen.

Begehung 17, Montag

Die Haube ist zu. Der Schlüssel ist fort und die alte Plombe vom Sims auch. Das Pendel schwingt, die Uhr geht richtig. Aufgezogen, nach dem Stand der Feder, gestern.

Am Draht durch die Scharniere hängt eine Plombe. Neues Blei, noch hell. Ich habe sie mit der Lupe angesehen, ohne sie zu berühren. „W3“. In der Drei die Scharte, an derselben Stelle, genauso tief.

Meine Zange liegt in meinem Werkzeugkoffer, der Koffer in meinem Spind, und den Spindschlüssel trage ich an einer Schnur um den Hals. Das habe ich in den Bericht geschrieben, und auch, dass ich keine Erklärung habe.

Die Plombe, die ich bei Begehung 15 aufgezwickt habe, liegt in meiner Schreibtischschublade. Ich hatte sie für die gehalten, die ich bei Begehung 14 selbst gesetzt hatte. Heute Abend habe ich sie neben eine Musterplombe gelegt. Ich kann die beiden nicht unterscheiden. Ich weiß nicht mehr, ob sie je meine war.

Was nicht im Bericht steht: Bevor ich ging, habe ich die Abstellkammer geöffnet. Der Teppichklopfer hing an seinem Haken. Daneben, an einem Nagel, der mir bisher nie aufgefallen war, hing ein Messingschlüssel mit zwei Flügeln.

So hängt man einen Schlüssel nicht weg, wenn man ihn selbst noch braucht. So hängt man ihn für den hin, der als Nächster dran ist.

Die nächste Begehung ist am Sonntag.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-083 von Peri McGovern aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-083) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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