Namensband
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
Liebe Jule,
ab Montag ist die Werkstatt deine. Die Schlüssel liegen in der Keksdose auf dem Fensterbrett, die Overalls hängen nach Nummern, die Ersatzknöpfe sind nach Farben sortiert, und der Kaffee in der blauen Dose ist meiner, du darfst ihn trotzdem trinken. Das meiste hast du in den sechs Wochen gesehen. Ein paar Dinge schreibe ich dir auf, weil man sie leicht vergisst, und eines, weil es in kein Bestandsbuch passt.
Erst die Schadensbilder. Du hängst das Stück auf seinem Bügel an den Haken unter der Lampe, nie über den Arm, und suchst jede Fehlstelle. Jede, auch das Mottenloch im Futter und den Knopf, der fehlt. Dann nimmst du ein Blatt mit dem Umriss, vorn und hinten, und zeichnest die Stellen rot ein, so wie sie am Körper säßen. Liegt darunter ein Organ, schreibst du es dazu. Grau schraffierst du, was frei bleibt: Hände, Hals, Gesicht, bei kurzen Ärmeln die Arme. Unten ist die Spalte für den Befund. Die lässt du leer. Die füllt jemand anders.
Das Schwerste ist nicht das Suchen. Das Schwerste ist, dass du dir beim Zeichnen jemanden vorstellen musst, der drinsteckt. Anders geht es nicht. Stell dir nur niemanden vor, den du kennst.
Jetzt das andere.
Vor drei Monaten, am Morgen eines Versuchs, hat Frau Jessen beim Öffnen gezählt. Das muss sie nicht, gezählt wird vor dem Schließen. Sie macht es trotzdem, seit Jahren, und sie kniet sich jedes Mal hin, um auch den Schrankboden abzusuchen. Sie kam auf ein Stück mehr, als im Buch steht. Beim Schließen nach dem letzten Versuch, zwei Wochen davor, hatte es gestimmt. Dazwischen waren Raum und Schrank zu, und den neuen Code kannte bis zu diesem Morgen nur die Standortleitung. So steht es in den Regeln.
Sie hat mich gerufen, weil kein Stück im Schrank bleiben darf, für das es kein Schadensbild gibt.
Es hing ganz rechts, bei unserer Zeit, neben der Fleecejacke. Ein grüner Overall. Unser grüner Overall, der aus dem Vorraum, den jeder im Trakt trägt, seit das mit Dr. Hollerbach war. Kleine Größe. Im Kragen ein Namensband: JESSEN.
Die Namensbänder habe ich alle selbst eingenäht, zwölf Stück an einem Nachmittag im Frühjahr. Bei Jessen ging mir das grüne Garn aus, und ich habe mit Grau zu Ende genäht. Vier graue Stiche, und am zweiten ein Knoten, weil mir der Faden gerissen war. Ich wollte es noch richten und habe es vergessen.
Das Band im Schrank hatte vier graue Stiche. Am zweiten einen Knoten.
Frau Jessen stand neben mir, in ihrem eigenen Overall. Ich habe sie gebeten, ihn im Vorraum auszuziehen, und habe ihn Naht für Naht durchgesehen, unter der Lampe, eine halbe Stunde lang. Er war heil. Vier graue Stiche, ein Knoten.
Der im Schrank hat einen Winkelriss am rechten Knie, wie man ihn sich an einem Nagel holt. Alles, was dort drin hängt, hat einen Schaden.
Ich habe das Schadensbild angelegt wie für jedes andere Stück. Roter Kreis am rechten Knie, kein Organ darunter. Grau: Kopf, Hals, Hände, Füße. Wo sonst das Jahrzehnt steht, habe ich „unseres“ geschrieben. Die Spalte für den Befund ist leer.
Die Leitung ermittelt wieder, wie damals bei Dr. Hollerbach. Ich habe ihr nichts geschickt. Was ich weiß, ist kein Hinweis. Der Schrank hatte schon immer Stücke aus jedem Jahrzehnt, und jedes passt genau in seine Zeit. Unsere Zeit ist hier drinnen grün.
Frau Jessen kniet bei jedem Zählen vor diesem Schrank, und an ihrem rechten Knie war der Stoff schon dünn. Irgendwann wäre er dort gerissen. Dann hätte es zwei gleiche Overalls gegeben, beide mit einem Riss am rechten Knie, und ich hätte sie nicht mehr auseinanderhalten können. Sie auch nicht.
Sie hat einen neuen bekommen, mit neuem Band, und der alte ist verbrannt worden. Seitdem gehen alle Overalls jeden Abend über meinen Tisch. Ich sehe jeden durch, und was ein Loch hat, wird noch am selben Abend gestopft. Kein Overall verlässt diese Werkstatt mit einem Loch. Das machst ab Montag du.
Und noch etwas mache ich seitdem. In jeden Overall nähe ich ein kleines Zeichen, das nur ich kenne, eine Farbe an einer Stelle. Wo, schreibe ich dir hier nicht hin. Papier liegt herum, und der Schrank steht zwei Türen weiter. Ich sage es dir am Montag ins Ohr.
Bisher hängt im Schrank nur der eine grüne.
Herzlich
Renate Albrecht
PS: Wenn du je einen grünen Overall findest, der dir passt und den du nicht kennst, zieh ihn nicht an. Auch nicht, wenn dein Name drinsteht.
Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-025 von thattallfellow aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-025) und steht unter CC BY-SA 3.0.