Owens Becher

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

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Ich verwalte das Lager im zweiten Untergeschoss von Standort-19. Regale bis unter die Decke, Kartons mit Etiketten, eine Theke, dahinter mein Schreibtisch mit dem Bestandsbuch. In der hinteren Ecke steht ein grüner Spind mit zwei Türen. Man könnte ihn für den Spind halten, in den ich morgens meine Jacke hänge. Meine Jacke hängt woanders.

Der Spind gehört nicht zu meinem Bestand. Er ist zu, außen ein Riegel und ein Vorhängeschloss, und der Schlüssel liegt nebenan in der Wachstation. Mehr musste ich über ihn nie wissen. Zu meinem Bestand gehört Regal neun, unterste Reihe: vier Kartons, die ich vor sechs Jahren selbst beschriftet habe. Iris. Owen. Malcolm. Tess. Nachnamen standen nicht auf der Suchliste der Tagesstätte, nur Vornamen und ein paar Worte dazu. Trägt immer eine rote Mütze. Spielt Mundharmonika. Grüßt jeden.

In den Kartons liegt, was man damals um den Spind herum gefunden hat, in der Werkshalle, in der er stand. Schlafsäcke, Decken, eine Thermoskanne, ein Taschenbuch mit Eselsohren, die rote Mütze. Und ein Becher, weiß, mit einer blauen Möwe darauf und dem Namen IRIS in Druckbuchstaben. Die Tagesstätte hatte im Winter davor jedem Gast so einen Becher geschenkt, jeden mit seinem Namen. Das weiß ich, weil ich dort angerufen habe, unter einem Vorwand, den man mir aufgeschrieben hatte. Die Frau am Telefon hat mir die Möwe beschrieben, bevor ich danach fragen konnte.

Iris‘ Becher lag auf ihrem Schlafsack. Die anderen drei hat man nie gefunden.

Ich lüfte die Schlafsäcke einmal im Jahr und lege sie wieder zusammen. Das steht in keiner Vorschrift. In der Akte steht nur, dass die Sachen aufbewahrt werden, falls jemand nach ihnen fragt. Es hat nie jemand gefragt. Ich finde trotzdem, dass sie nicht muffig riechen sollten, wenn es einmal so weit ist.

Letzten Dienstag war Erkundung, die erste in meiner Zeit. Zwei Unterschriften, ein Trupp aus zwei Leuten, Asamoah und Kroll, dazu Lenz aus der Wachstation als Türposten. Ich sollte bleiben, wo ich war, hinter der Theke, und alles, was herauskam, als Erster ins Bestandsbuch eintragen. So hatte ich den Spind zum ersten Mal offen vor mir.

Ich hatte Fächer erwartet, irgendetwas, das man in einen Spind legt. Hinter den Türen fing ein Gang an, rostbraun, genau so hoch und breit wie die Öffnung, und er hörte nicht auf, wo der Spind aufhören müsste. Lenz klemmte zwei Stahlstreben zwischen die Flügel und die Wand. Dann rüttelte er daran, zweimal, wie man an einer Leiter rüttelt, bevor man hinaufsteigt. Kalte Luft kam heraus und roch wie ein Eimer Nägel nach dem Regen.

Die beiden gingen hinein. Ihre Lampen wurden kleiner, dann waren sie um eine Ecke.

Lenz stand neben der offenen Tür, das Funkgerät in der Hand, und sagte mir die Stufen an, weil er merkte, dass ich zuhörte. Stufe eins: Kroll lobte das Wasser, kalt und trinkbar. Stufe zwei: Knacken zwischen den Wörtern. Bei Stufe drei kam das Bild der Kamera nur noch als Einzelbilder auf den kleinen Monitor, den Lenz zu mir hergedreht hatte, rostige Wand, ein Kreidepfeil, eine Lampe an der Wand, die gerade ausging. Den Sätzen fehlten die Anfänge. „…funden“, sagte Asamoah. „…ehmen es mit.“ Lenz fragte nach. Rauschen. Dann, abgehackt und laut, das Codewort für Umkehr. „Vier“, sagte Lenz, zu niemandem.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis die Lampen wieder um die Ecke kamen. Ich habe in der Zeit vierzig Zeilen in mein Bestandsbuch geschrieben, nur damit meine Hand etwas tut. Ich habe sie hinterher alle durchgestrichen. Es war Unsinn.

Kroll legte mir einen versiegelten Beutel auf die Theke. „Für Ihr Buch“, sagte er. „Lag an einer Kreuzung. Stufe drei.“

Es war ein Becher. Weiß war er nur noch an wenigen Stellen. Innen saß eine Kruste aus Rost, Schicht auf Schicht, wie Blätterteig, und außen war die Glasur bis auf den Ton abgeschabt, als hätte ihn jemand sehr lange über Stahl geschoben. Von der Möwe war ein Flügel übrig. Von dem Namen zwei Buchstaben, ein O und ein W.

Ich habe ihn eingetragen. Laufende Nummer, Fundort, Zustand. Dann bin ich zu Regal neun gegangen, habe Owens Karton herausgezogen und mich daneben auf den Boden gesetzt. Ich weiß nicht genau, warum. Ich wollte wohl, dass jemand dabei ist, der zu ihm gehört.

Gestern kam der Bericht aus dem Labor. Die Kruste besteht aus etwa dreihundert Lagen. Sie wächst dort drinnen sehr langsam, nach allem, was man weiß, eine Lage im Jahr, so wie an den älteren Fundstücken auch. Das Labor ordnet den Becher deshalb „zeitlich neben den Zinnlöffel“ ein. Der Löffel stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Die Tagesstätte hat die Becher vor sieben Jahren bestellt. Ich habe die Rechnung gesehen.

Ich habe den Bericht dreimal gelesen. Dann habe ich ihn Lenz gezeigt, weil Lenz in den Gang gesehen hat und weil sonst niemand da war. Er hat lange auf die Zahl geschaut. „Man denkt immer“, sagte er, „die alten Sachen da drin lagen schon da, bevor einer von uns hineinging.“

Mehr hat er nicht gesagt. Mehr musste er auch nicht. Der Löffel, die Knöpfe, die Tonscherben, alles, was frühere Trupps herausgebracht haben und was so alt ist. Vielleicht ist es gar nicht vor uns hineingekommen. Vielleicht kommt man drinnen nur sehr, sehr lange nicht wieder heraus.

Der Becher steht jetzt in Owens Karton, oben auf dem Schlafsack, so wie Iris‘ Becher damals auf ihrem lag. Das Etikett habe ich nicht geändert. In der Akte steht, dass die Sachen aufbewahrt werden, falls jemand nach ihnen fragt.

Wenn jemand nach Owen fragt, kann ich ihm seinen Becher geben. Ich werde nur nicht sagen können, wie lange er ihn hatte.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-432 von evilscary aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-432) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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