
Das Ding am Straßenrand
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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– Eine Begebenheit aus der Tiefe
Für den folgenden Bericht sind die Namen aller Beteiligten geändert worden. Lange haben sie die Geschehnisse in Südamerika zu verbergen versucht, doch werden die Ereignisse nun vollumfänglich an die Öffentlichkeit gelangen.
11.453 Kilometer liegen zwischen Karlsruhe und Córdoba. Dorthin zog es mich für ein alternatives Auslandspraktikum, da der von mir vorgezogene Ort Slowenien im Bereich der Quellhydronomie und des Schutzes empfindlicher Trinkwasserressourcen bereits ausgelastet war. Die Universität vermittelte mich daher für 18 Wochen an eine kleine argentinische Brunnenbohrfirma. Für die Zeit danach plante ich eine 10-wöchige Reise nach Mendoza, weiter zu den Iguazú-Fällen und schließlich bis ins Feuerland am Rande der Kartographie.
Daraus wurde jedoch nichts. Den südamerikanischen Kontinent schnellstmöglich zu verlassen, ist auch jetzt noch oberste Priorität.
Um ganz von vorn zu beginnen: Die Maschine startete vom Flughafen aus und sollte den Atlantik spätestens bis zum Vorabend überflogen haben, so glaubten wir zunächst. Wären wir nicht in dieses plötzlich aufkommende Unwetter geraten, das die Blitze wie Nervenbahnen auf die dunklen, aufgeblähten Wolken in über 11.000 Metern Flughöhe warf. Die Anspannung stieg mit jeder weiteren Minute, und umso größer fiel die Erleichterung aus, als die Räder sicher auf der Landebahn aufgesetzt hatten und das Martyrium mit einem Applaus seitens der Passagiere endete.
Damals nannte ich es noch einen holprigen Start. Nichts gegenüber dem Fund wenige Tage danach.
Zusammen mit anderen Teilnehmern des Forschungsprogramms und den Mitarbeitern der Firma durchquerten wir mit den Transportfahrzeugen heruntergekommenes, verwildertes Land weit außerhalb des Studentenwohnheims. Vereinzelte Hütten am Straßenrand hatten teilweise eingesunkene Dächer und waren von Kletterpflanzen überwuchert. Unser Ziel war noch ein Stück entfernt; so zog also die Umgebung nur langsam an uns vorbei. Dabei konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass dieses Gelände jeden Moment eine Seltsamkeit hochwürgen und ausspeien könnte. Es war die Weise, wie sich das Terrain in den Fahrzeugfenstern spiegelte, als würde es mir zuflüstern.
Zunächst erkannte ich nur eine helle, längliche und undefinierbare Oberfläche, die zwischen den verwilderten Trockengewächsen im Nachmittagslicht reflektierte, halb in der Vegetation versunken, und die meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war schneeweiß, leblos, lag am Rand der Landstraße in einer Schotterböschung. In einer Mischung aus schlechtem Handbuch-Spanisch und Englisch bat ich die Fahrer darum, kurz anzuhalten.
Wir alle dachten, auf einen Affenkadaver oder ein totes, ausgetrocknetes Krokodil gestoßen zu sein. Aus der Ferne wirkte es reptilisch mit einem Gerippe, das durch die Haut drang. Erst als wir aus den Fahrzeugen stiegen, näher herantraten, erkannten wir die humanoiden Gliedmaßen. Einige von uns wandten sich angewidert ab, andere übergaben sich an Ort und Stelle, und auch mir entglitten die Gesichtszüge, als ich in die starren Augen sah.
Die Leiche schien nur teilweise menschlich. Zwar hatte sie Augen, doch lag darin eine seelenlose Ruhe. Ich war mir alles andere als sicher, überhaupt ein Gesicht gesehen zu haben. Denn abgesehen von der humanoiden Form wirkte der Rest des Körpers seltsam und deformiert. Ganz zu schweigen von diesem unsäglichen Geruch nach verwesendem Fisch, den selbst die Fliegen mieden. Aufgrund des Anblicks ließen sich einige von uns zurück in die Stadt bringen.
Weitere Hintergründe oder Details erschlossen sich mir da noch nicht, da die argentinischen Behörden recht zügig anrückten und den regungslosen Körper mit einem Leinentuch bedeckten. Deutlich gaben sie uns zu verstehen, Abstand zu halten und sich von dem Toten zu entfernen. Im Hinblick auf unsere psychische Gesundheit wohl ein vernünftiger Ratschlag. Sie luden den Körper in einen Van, und über uns wurde der Himmel trüb.
Kurz bevor das Leinentuch den Fund verschleierte, meinte ich, spitze Zahnreihen erkannt zu haben. Womöglich nur Einbildung.
Jedenfalls beschlossen wir daraufhin, den damaligen Tag ruhen zu lassen und erst am nächsten Tag mit den Bohrungen zu beginnen.
Die Arbeiten sollten ohnehin über mehrere Wochen dauern. Davon war jedenfalls auszugehen.
Auf meiner Haut spürte ich den Nieselregen.
Nach diesem Vorfall lief zunächst alles planmäßig und wie erwartet; sie erklärten uns Arbeitssicherheit, die Bohranlage, den Aufbau eines Bohrers, die geologischen Zusammenhänge und führten uns damit nach und nach an die Grundlagen heran. Ziel des Brunnenbohrens war die Gewinnung von Grundwasser. Nachdem wir alles verinnerlicht hatten, liefen die Maschinen und die Bohrarbeiten begannen. Mit diesen Dingen beschäftigten wir uns die nächsten drei Tage.
Am vierten Tag wurde uns überraschenderweise die Nachricht übermittelt, dass die Bohrarbeiten vorerst eingestellt wurden. Niemand erklärte uns den genaueren Grund. Es herrschte eine merkwürdige Stille unter den Arbeitern wie auch den Vorgesetzten. Fragte man sie nach dem Grund, wichen sie aus, wechselten das Thema oder fanden zweifelhafte Ausreden, weshalb die Bohrungen derzeit nicht möglich seien.
Für zwei Wochen herrschte Stillstand. Dabei war fest davon auszugehen, dass das Projekt gescheitert war und wir bald wieder den Rückflug antreten würden. Was jedoch stattdessen geschah, überraschte mich.
Drei kräftige Schläge klopften an die Zimmertür der Unterkunft.
»Guten Tag«, sagte er und zog eine Erkennungsmarke aus seiner Jackentasche. »Henrico Santiago, AFI. Würden Sie mich bitte begleiten?«
Der Mann war bullig, und mir blieb fast das Herz stehen. Was konnte der argentinische Geheimdienst von mir wollen? War ich in etwas Illegales verwickelt?
»Was habe ich verbrochen?«, fragte ich verwirrt.
»Keine Sorge. Es geht nur um ein paar Fragen«, antwortete er und setzte die Sonnenbrille ab, um Vertrauen zu schaffen, was ihm allerdings nicht wirklich gelang. Trotz des mulmigen Gefühls begleitete ich ihn.
Er brachte mich zu einem Gebäude, das mir unbekannt war und wir betraten eine Lounge mit einem Schreibtisch, auf dem Dokumente lagen, die ich für Totenscheine hielt. Dann folgten wir einem langen Korridor zu einem Untersuchungsraum, in dessen Mitte eine Liege stand. Ein paar Minuten später tauchten mehrere Leute auf. Eine davon erkannte ich sofort, und ich konnte nicht glauben, wen ich da vor mir hatte.
»Hallo«, sagte er. »Mein Name ist Prof. Heidenbach.«
»Ich kann kaum glauben, dass Sie es sind, Professor«, stammelte ich. »Ich habe all Ihre Bücher gelesen. Vor allem Ihre Arbeiten zur Schwefelsäureverwitterung und geologischen Intelligenz sind mir im Studium eine große Hilfe.«
»Freut mich, das zu hören!« Ein kurzes Lächeln. »Aber wir sollten zum Wesentlichen kommen.« Er stellte mir die Frau an seiner Seite vor: »Das ist Maria Sanchez, die ortsansässige Mikrobiologin.«
»Sind Sie derjenige, der diesen Körper gefunden hat? Wir hätten einige Fragen an Sie, die Sie uns hoffentlich beantworten können.« Sie schob ihre Brille zurecht und räusperte sich. Sie war Anfang 30, trug einen offenen Laborkittel, darunter eine Bluse mit Anzugrock, hatte mittellange, dunkle Haare und trug ein Klemmbrett bei sich. Sie war äußerst attraktiv; im Gegensatz zu dem, was unter dem Leichentuch lag.
Heidenbach gab dem Gerichtsmediziner ein Zeichen, und das Tuch wurde zurückgezogen. Ich sah das gleiche gruselige Wesen wie vor wenigen Tagen. Doch der direkte Anblick auf der Liege ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Es war nicht nur marmorweiß; jetzt erst erkannte ich die langen, lederartigen Gliedmaßen und das aufgedunsene, fischartige Gesicht. Die Augen waren riesig und schwarz, die Finger verlängert, und Hautlappen zogen sich zwischen ihnen wie bei einem Amphibienwesen.
»Ja, ich habe ihn gefunden«, antwortete ich zögernd. »Bin ich in Schwierigkeiten?«
»Nein«, beruhigte mich Heidenbach, und er lachte sein typisches Lachen, wie in den unzähligen Fernsehinterviews.
Die anschließende Befragung konzentrierte sich auf Dinge wie die Bodenbeschaffenheit am Fundort, das frühere Aussehen der Leiche und ob es Hinweise auf Insekten oder ungewöhnliche Wunden gab. Am Ende bedankten sie sich für meine Kooperationsbereitschaft.
Dann folgte eine Frage, die mich überraschte: »Hätten Sie Interesse, uns bei der Erkundung eines kürzlich entdeckten Höhlensystems zu unterstützen? Ich sehe Potenzial in Ihnen.«
Mit einem der führenden Höhlenforscher zu arbeiten, war eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. Ohne zu zögern, stimmte ich zu.
»Wunderbar«, sagte Heidenbach. »Wir brechen morgen früh auf. Wir werden für Sie alle Vorkehrungen treffen und lassen Sie dann mit einem unserer Fahrzeuge abholen. Sie brauchen sich um nichts zu kümmern.«
Am Folgetag erklärten sie mir sämtliche Einzelheiten des Projekts: dass es ursprünglich um ein neuartiges Projekt zur Reinigung von Quellwasser in Karstgebieten mithilfe moderner Technologie ging und dass dabei ein neues Höhlensystem sowie eigenartige Naturphänomene in der naheliegenden Umgebung entdeckt worden sind. Das algorithmische Überwachungssystem und eine spezielle Vorrichtung zur Entfernung von Schwebstoffen schlugen dabei vor wenigen Wochen Alarm. Es wurden unbekannte Mikroorganismen entdeckt, die aus dem unterirdischen Wasser an die Oberfläche gelangten. Momentan werden Proben im Labor untersucht. Sanchez sprach sogar von »morphologischen« Phänomenen und von unmittelbarem Einfluss auf die Vegetation.
Da bis dahin noch nicht genau geklärt werden konnte, was es mit den Mikroorganismen auf sich hatte, wurde das Gebiet von der argentinischen Regierung ringsherum abgesperrt und unterlag größter Geheimhaltung. Die Flussläufe durften keinesfalls mit anderen Terrains in Berührung kommen. Ich fragte Heidenbach, warum ausgerechnet ich teilnehmen durfte. Ich sei ihm schlicht sympathisch, erklärte er mir später, und dass es durch Heidenbachs hohen Stand in der Forschung kein Problem sei, jemanden Außenstehenden wie einen jungen Studenten zu rekrutieren. Außerdem erinnerte ich ihn an seinen verstorbenen Sohn, wie er mir im Nachhinein gestand. Alles, was sie von mir verlangten, war, eine nationale Geheimhaltungspflicht abzugeben.
Dem Forschungsteam stand nun bevor, Mikroorganismen direkt aus der Quelle zu entnehmen, um sie auf Temperatur, pH-Wert, Leitfähigkeit, Sauerstoffgehalt und so weiter zu untersuchen. In diesem Fall waren Proben aus der neu entdeckten Unterwasserhöhle gemeint. Selbstverständlich mussten auch Sicherheit und Logistik geplant werden. Genauso die Maßnahmen, damit die Proben nicht durch Ausrüstung, Kleidung oder Oberflächen verunreinigt werden würden. Um noch einmal auf den Sohn des Professors, Joshua Heidenbach, einzugehen: Er befand sich wohl in meinem Alter. Wäre dieser nicht durch eine schwerwiegende Krankheit dahingerafft worden, wäre er wohl in die Fußstapfen des Vaters getreten, was die Speläologie betrifft.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, in welchen Albtraum sich das bevorstehende Höhlenabenteuer verwandeln würde.
Mein Gott, das Tonband … was darauf gesprochen worden war …
Ich möchte gar nicht zurückdenken.
Es war am späten Abend. Professor Heidenbach und ich saßen am Lagerfeuer und lauschten dem Knistern des Holzes, dessen Funken irgendwo im Nachthimmel verschwanden. Die Sterne funkelten über uns. Den Tag hatte ich größtenteils mit theoretischen Gesprächen, dem Aufbau meines Lagers und Vorbereitungen für den bevorstehenden Tauchgang verbracht. Die Aufregung für den morgigen Tag war groß, doch nun war ich ganz Ohr für interessante Geschichten, die er mir am Feuer erzählte.
»Kannst du dir das vorstellen?«, sagte Heidenbach. »Tonnenweise Fische sind an die Oberfläche gespült worden, bis hin zu den naheliegenden Ufern. Sie waren nicht nur leblos, sondern auch komplett gar, wie im Restaurant. Freilich eine Verschwendung. Doch wenn unterirdische Methanvorkommen plötzlich Feuer fangen, kommt es zu solchen Naturereignissen.«
Weiter erzählte er: »Es gibt auch Geisterseen, die sich in Luft auflösen und erneut auftauchen, wenn das Schmelzwasser abfließt. Unter anderem den Lost Lake in Oregon, der jedes Jahr im Sommer verschwindet. Oder den Fluss Styx in Griechenland, der in eine Höhle mündet und dann unterirdisch verschwindet. Irgendwie beklemmend, nicht wahr?«
»Doch das Unheimlichste, wenn du mich fragst«, so meinte er, »sind die vielen, abertausenden und völlig unerforschten Höhlen und unterirdischen Flusssysteme, die durch ewige Lösungsprozesse im Kalkstein entstanden sind. Hier warnen die indigenen Stämme der Mapuche vor jenen unterirdischen Orten. Regelrechte Geistergeschichten erzählen sie sich darüber.«
Wir schwiegen eine Weile, als plötzlich Dr. Sanchez aus ihrem Zelt kroch, sich ein kühles Bier aus dem Kühlschrank griff und mich fragte: »Is‘ was?«, da mein Blick wohl ein wenig zu lange auf ihr lag. Sie trug nur ein bauchfreies T-Shirt und ein sehr knappes Höschen, was mich als jungen Mann ziemlich verlegen machte, als sie an mir vorbeiging und zurück in ihr Zelt schlüpfte.
Heidenbach meinte keck: »Sie ist bereits verheiratet.«
Am nächsten Morgen ging es los. Professor Heidenbach war beim Anlegen der Tauchausrüstung ruhig und konzentriert. In mir stieg die Nervosität. Obwohl ich als Teenager bereits einige Tauchgänge zusammen mit meinem Vater unternommen hatte, würde dies zu einer völlig neuen Erfahrung werden. Dr. Sanchez blieb als Leiterin des restlichen Teams am Ufer zurück, wo auch das Basislager stand.
Die Parameter der mikroorganismischen Aktivität um uns herum würden auf offenen Desktops überwacht werden, während hauchdünne Sensoren an unseren Neoprenanzügen die Daten synchronisierten.
Nachdem wir alles überprüft hatten, tauchte Heidenbach als Erster ins ruhige Gewässer ein, und ich folgte ihm dicht. Das Gewicht der Sauerstoffflaschen verschwand, sobald ich die Wasseroberfläche durchbrach, und wir glitten schwerelos in die Tiefe hinab. Am Grund des Sees wartete ein schmaler Felsdurchgang auf uns. Der Boden war bedeckt mit Seegras, Muscheln und Steinen.
Heidenbach schwamm voran, prüfte den Tunnel und gab mir ein Handzeichen, dass wir passieren konnten. Der Durchgang war eng und beklemmend – nichts für Klaustrophobiker.
Hinter dem schmalen Schacht erwartete uns eine atemberaubende Welt. Von der Decke hingen Stalaktiten, Stalagmiten ragten empor und das klare Wasser funkelte im Licht unserer Tauchlampen. Es war eine Welt, die durch Jahrmillionen der Erosion und Regenablagerung entstanden ist. Das Gefühl war unbeschreiblich.
Nach einer Weile wurde das Wasser immer flacher und wir erreichten eine Grotte, in der wir an Land kletterten.
»Gut, dass du nicht zu einem dieser verwöhnten Dauerstudenten verkommen bist«, sagte Heidenbach. »Sonst würde dir so ein Anblick entgehen!«
»Es ist einfach überwältigend«, antwortete ich.
»Entstanden durch das versickernde Regenwasser, das den Fels über Jahrtausende formt«, fügte Heidenbach an.
»Okay, wir sollten uns ranhalten. Zunächst lass uns die Cave-Link-Funkgeräte aktivieren, um den Kontakt mit der Oberfläche sicherzustellen …«, sagte Heidenbach. Anschließend wies er mich an, ein provisorisches Basislager einzurichten. Zuerst stellten wir den LiDAR-Scanner auf, um die Größenordnung einzuschätzen. Danach folgte das Mehrgasmessgerät, das die Zusammensetzung der Luft kontinuierlich überwachen sollte. Schließlich nahm Heidenbach das Funkgerät zur Hand. »Könnt ihr mich hören?« Kurz darauf knackte es aus dem Lautsprecher. »Funktioniert. Wir hören euch«, meldete sich Maria, wenn auch mit leichter Verzögerung. »Wunderbar. Wir senden gleich die ersten Messdaten nach oben.«
Heidenbach blickte vom Display des LiDAR-Scanners auf. »Wenn dies doch nur mein Sohn Joshua sehen könnte.« Seine Stimme stockte, während er sich eine Träne wegwischte. »Er wäre vollkommen begeistert gewesen.« Während der Lichtschein meiner Stirnlampe über die feuchten Felswände wanderte, hörte ich ein Steinchen von der Decke rieseln und in einer Pfütze landen. Die Höhle schien jeden Laut zu verschlucken. Im selben Moment kratzte Marias Stimme aus dem Funkgerät: »Jungs, ihr könnt ein paar erste Feuchtigkeitsproben einsammeln.« »Wird erledigt«, sagte ich, zog sterile Tupfer und beschriftbare Probenröhrchen aus meinem Ausrüstungsetui und begann, Wasserfilme und Kondensat von den Höhlenwänden zu sichern.
»Dann lass uns mal losgehen«, sagte Heidenbach und rollte die rote Leine aus. Dabei bemerkte ich ein unscheinbares Zittern seiner Hände, das jedoch so schnell wieder verschwand, dass es auch nur Einbildung gewesen sein konnte.
»Jetzt sofort? Überstürzen wir es nicht ein wenig?«, hakte ich nach, während er bereits dabei war, die Orientierungsleine an unseren Haltegurten zu befestigen.
»Natürlich jetzt, erst nächste Woche bestimmt nicht«, antwortete er. Dann hob er das Funkgerät ans Ohr und fügte mit erhobener Stimme hinzu: »Wir rücken jetzt in die Höhle vor. Orientierungsleine gesichert.«
»A…ll…s klar. Viel Gl …ck, ihr beiden. Meldet euch, wenn’s was Ungewöhnliches gibt.« Marias Stimme drang einen Ticken undeutlicher aus dem Lautsprecher. »Sollten wir nicht zunächst eine reibungslose Funkverbindung sicherstellen? Sie scheint nicht zu 100 % zu funktionieren.«
»Das wird sich später noch stabilisieren«, meinte der Professor. »Komm jetzt.«
So schalteten wir unsere Stirnlampen ein, zerrten ein letztes Mal an den Leinen, ob diese auch wirklich saßen, und zogen los ins Dunkel. Die einzigen Geräusche waren das Tropfen von Wasser und unsere Schritte. Das Gestein fühlte sich teils rau, teils glitschig an – es roch nach Moder, Schalentieren und Seegras –, und je weiter wir vorankamen, desto verwinkelter und düsterer wurden die Höhlengänge – wiederholt stießen wir auf kleine Flüsse oder Rinnsale, die sich ihren Weg durch den Kalkstein suchten –, sie waren das Relikt jahrtausendealter Geomorphologie.
Wir waren vermutlich die ersten Menschen, die diesen Ort betraten. Umso mehr mussten wir die Leine im Blick behalten, damit sie sich nicht in irgendeiner Felsspalte verfing oder sich gar unbemerkt hinter unserem Rücken löste, was den Rückweg zu einem waghalsigen Unterfangen machen würde; die Höhlenerkundung war Wagnis genug.
»Ich glaube, wir hätten ein paar mehr Phiolen mitnehmen sollen«, sprach Heidenbach ins Funkgerät, nachdem er einige Fläschchen wiederholt in Rinnsale gehalten und Proben entnommen hatte.
»F …r d … ers … Un … su … ung … es … aus … en. Die … Kartier … hat … Vor … ang …«, antwortete Maria, kaum noch verständlich.
»Sicher, dass sich die Verbindung noch stabilisieren wird?«
»Ja. Es würde mich wundern, wenn nicht.«
»Was meinen Sie? Wie weit werden wir heute kommen?«, fragte ich den Höhlenforscher, denn die Höhle schien endlos.
»Mal sehen –«
Heidenbach hielt inne, als er beinahe auf ein Objekt getreten wäre.
Es lag direkt vor uns auf dem Boden und glänzte metallisch.
»Wie kommt das hierher? Ich dachte, die Höhle wurde erst kürzlich entdeckt«, fragte ich.
»Das dachte ich auch«, sagte Heidenbach und hob es auf.
»Wir haben hier etwas gefunden …«, meldete er per Funk an die Basis.
»……………………………..«
Jetzt war die Verbindung ganz weg.
Wir sahen uns das Teil genauer an. Es war ein Diktiergerät.
Heidenbach drückte auf »Play«:
»Es ist mir selbst ein Rätsel, was mich noch vorantreibt. Warum musste das ausgerechnet mir passieren? Ich weiß nicht einmal mehr, wie es dazu gekommen ist, dass ich hier endete – für so lange Zeit. Ich habe vollkommen vergessen, wie sich Gras unter den Füßen anfühlt, wie Sonnenstrahlen auf der Haut kribbeln, wie der Gesang der Vögel klingt oder wie der Duft eines Sommergewitters riecht. Für die meisten Menschen sind diese Dinge selbstverständlich. Für mich sind sie nur noch blasse Erinnerungen. Würde man mich fragen, ob ich ihnen nachtrauere, würde ich antworten, dass ich mich nunmehr mit den Umständen zu arrangieren habe. Vage erinnere ich mich an den Tag, an dem ich mit einem jungen Studenten auf Höhlenexkursion ging, um Wasserproben zu entnehmen. Wir wollten unbekannte Mikroorganismen erforschen. Schon am Morgen hatte ich ein ungutes Gefühl.
Es bewahrheitete sich, als eine unserer Sauerstoffflaschen defekt war. Ich schickte den Studenten zurück zum Lager, um neue Flaschen zu holen, doch stattdessen kam Maria zurück. Aus welchem Grund auch immer – vielleicht war der Student überfordert –, doch das war nicht das schlimmste Ereignis des Tages. Gerade als ich die neue Sauerstoffflasche angelegt hatte, erschütterte ein Erdbeben die Gänge. Ein Teil der Höhle stürzte ein und blockierte den Ausgang. Panisch versuchten wir, uns durch den Kalkstein zu graben – vergebens. Wir waren gefangen. Minuten wurden zu Stunden, Stunden zu Tagen, Tage zu Wochen und schließlich zu Monaten. Unser Zeitgefühl verschwand. Unsere Stirnlampen erloschen, und die Finsternis verschlang uns.
Allmählich entwickelten wir Fähigkeiten, die uns das Überleben sicherten; erzwungen durch den puren Willen, weiterzuleben. Ich hätte nie gedacht, dass ich lernen würde, Fische oder Krebse in den unterirdischen Flüssen mit bloßen Händen zu fangen. Nur durch Gehör und ein wachsendes Gespür für die Umgebung. Insekten und Schalentiere, die zwischen den Stalagmiten krochen, wurden zu unserer zweiten Nahrungsquelle. Mit der Zeit schärfte ich meine Sinne und Instinkte bis zur Perfektion. Verletzungen durch das Gestein wurden seltener, da ich immer besser mit meiner Umgebung verschmolz. Ganz im Gegensatz zu Maria, die zunehmend verstummte. Zu Beginn klagte sie noch über ihren Ehemann und ihre Familie und darüber, dass uns niemand retten würde. Doch das Jammern verstummte irgendwann. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns mit unserem Schicksal abzufinden.
Es erwachte in mir ein unerklärlicher Fortpflanzungstrieb. Der Gedanke, dass wir als Spezies in dieser Höhle weiterexistieren würden, setzte sich in meinem Kopf fest. Schließlich war alles vorhanden, was wir zum Überleben brauchten: Wasser, Nahrung und Schutz. Die Befruchtung war notwendig, um neues Leben zu schaffen. Es war unvermeidlich. Dass Maria mit mir allein hier unten war, nannte ich Glück im Unglück. Zumindest für mich.
Ich will nicht behaupten, dass ich mich einfach an ihr vergangen habe. Sie hat sich anfangs gewehrt, mich geschlagen und mir die Nase gebrochen. Doch schließlich fügte sie sich. Wir trafen eine Art Abmachung: Ich würde sie mit Nahrung versorgen; im Gegenzug forderte ich meinen »Tribut«. Bald hallte neben dem Wasser ein zweiter Rhythmus durch die Höhle. Eines Tages wurde Maria schwanger, und ich verwandelte mich in ein Monster.
Das meine ich nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch körperlich. Ich stellte Veränderungen an mir fest: Meine Augen vergrößerten sich, meine Ohren schrumpften, und scharfe Zähne wuchsen mir – ideal, um Fische zu reißen. Schwimmhäute entwickelten sich an meinen Fingern, die es mir ermöglichten, mich geschmeidig durch die Flüsse zu bewegen. Mein Gehör wurde so scharf, dass ich den Herzschlag von Maria aus zwanzig Metern Entfernung hören konnte. Aber ich schweife ab. Es ging darum, die Brut, die in ihrem Bauch heranwuchs, am Leben zu halten. Irgendwann kam der Tag der Geburt. Sie brachte drei Kinder zur Welt, doch sie selbst überlebte nicht.
Von da an lag es an mir, die Kinder allein großzuziehen. Es sind inzwischen vermutlich Monate vergangen. Ich habe mich dazu entschieden, sie auf dieselbe Weise überleben zu lehren, wie ich es gelernt hatte. Durch den »Wurf ins kalte Wasser«. Sie mussten ihre Überlebensfähigkeiten selbst entwickeln. Heute schwimmen und tauchen sie bereits geschickt in den unterirdischen Seen. Anfangs waren sie unbeholfen, doch inzwischen haben sie das Jagen von Insekten gelernt. Die größeren Beutetiere werden bald folgen.
Es … ist … abermals … Zeit verga-… … sie sind … fast so groß … wie ich … «
Das Diktiergerät verstummte.
Die aufgezeichnete Stimme war letztlich immer verzerrter geworden, bis die letzten Sätze kaum noch zu verstehen waren. Am Ende waren es nur noch undefinierbare Klickgeräusche. Ob es am Diktiergerät lag, wussten wir nicht. Professor Heidenbach war jedenfalls leichenblass geworden und wich benommen einen Schritt zurück. Die Stimme auf dem Tonband war zu Beginn eindeutig die von Heidenbach. Aber das war nicht möglich. Noch bizarrer: Das Diktiergerät, das gefunden worden war, war dasselbe Modell, das der Höhlenforscher am Gürtel trug.
Wie war das möglich, wenn der Professor doch erst jetzt mit mir zusammen, einem Studenten, erstmalig diese Höhle betreten hatte?
»Was in aller Welt hat das zu bedeuten?«, fragte ich. »Warum haben sie dieses Aufnahmegerät hinterlassen und dann noch mit dieser verstörenden Aufzeichnung?«
»Es ist unmöglich meine Stimme«, flüsterte er. »Ich könnte Maria so etwas Schreckliches niemals antun. Niemals.« Er ließ sich auf einen Felsen sinken und starrte ins Nichts, als würde er die Wahrheit darin suchen.
Ich wollte ihm glauben, doch seine Hände, die wiederholt nervös über das Diktiergerät fuhren, als ob er es im nächsten Moment auseinandernehmen wollte, um eine Erklärung zu finden, zitterten. »Aber Sie klingen genau wie der Mann auf der Aufnahme. Wie ist das möglich?«
Professor Heidenbach lachte trocken. Ein bitteres Geräusch. »Ich weiß es nicht.« Seine Stimme überschlug sich, als er den Kopf schüttelte und sich selbst ohrfeigte, um sich wieder zu besinnen. »Vielleicht … vielleicht ist es nur eine Täuschung, ein Trick der Höhle, des Echos. Diese Orte … manchmal verwirren sie den Verstand.«
Die Überlegung blieb hängen und trieb wie Treibgut durch meinen Kopf. In tiefen Höhlensystemen hatten Forscher oftmals beobachtet, dass brennende Fackeln den Sauerstoffgehalt gefährlich absinken lassen konnten. Wurde das Gehirn über längere Zeit nicht ausreichend versorgt, reagierte es mit seltsamen Effekten. Euphorie, Halluzinationen, das Gefühl zu schweben oder den eigenen Körper zu verlassen, gehörten zu den dokumentierten Symptomen. Manche Wissenschaftler vermuteten sogar, dass Steinzeitmenschen solche Zustände bewusst für Rituale und Höhlenmalereien genutzt hatten. Der Gedanke passte erschreckend gut zu dem, was wir erlebt hatten. Doch wir verwendeten keine Fackeln, und die Anzeigen unserer Messgeräte waren bislang unauffällig. Ein Sauerstoffmangel konnte hier nicht die Ursache sein.
In einigen Höhlen der Welt lauerte jedoch eine andere Gefahr. Berühmt war die Grotto del Cane in Italien, in der sich unsichtbares Kohlendioxid am Boden sammelt. Wer in einen solchen Gassee geriet, bemerkte oft nichts, bis die ersten Symptome einsetzten. Verwirrung, Panik, Wahrnehmungsstörungen und das beklemmende Gefühl, den Verstand zu verlieren, waren typische Vorboten. Das Heimtückische daran war, dass Kohlendioxid geruchlos blieb und sich lautlos ausbreitete. Mehr als ein Höhlenforscher war dadurch bereits in Lebensgefahr geraten. Doch unser Mehrgasmessgerät hatte nicht ein einziges Mal angeschlagen. Wenn auch diese Erklärung ausschied, blieb nur noch eine dritte Möglichkeit übrig. Und die gefiel mir noch weniger.
Unter Höhlenforschern kursierte seit Jahrzehnten die sogenannte Höhlenkrankheit. In Regionen mit großen Fledermauskolonien konnte getrockneter Kot Pilzsporen freisetzen, insbesondere von Histoplasma capsulatum. Wurden diese eingeatmet, drohten schwere Infektionen, die in seltenen Fällen sogar das Nervensystem beeinträchtigen konnten. Hohes Fieber, Delirien, Verwirrtheit und Halluzinationen gehörten zu den beschriebenen Symptomen. Allein der Gedanke daran ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Doch in diesem Höhlensystem waren weder Fledermäuse noch entsprechende Ablagerungen bekannt. Auch diese Möglichkeit musste ich widerwillig verwerfen.
Zum ersten Mal stellte sich also eine der Theorien des Professors als Irrweg heraus. Normalerweise lagen seine Vermutungen beunruhigend oft richtig. Dass ausgerechnet er nun nach Erklärungen griff, die sich Stück für Stück auflösten, passte nicht zu dem Mann, den ich kannte. Und genau das bereitete mir mehr Sorgen als jede der Gefahren, die wir eben ausgeschlossen hatten.
Ich zupfte an der Sicherungsleine, nur um mich zu vergewissern, dass sie noch fest saß. Das vertraute Gefühl des befestigten Seils vermittelte mir für einen Augenblick Halt. Heidenbach hingegen schien ihn verloren zu haben. Er saß reglos auf dem Felsen, die Schultern nach vorn gesunken, den Blick ins Nirgendwo gerichtet. Das Diktiergerät lag noch immer in seiner Hand. Sein Daumen strich unablässig über das Gehäuse, als könnte er die Antwort durch bloße Berührung daraus herauspressen. Schließlich blinzelte er mehrmals, als würde er aus einem schlechten Traum erwachen, und richtete sich langsam auf.
Ich spürte, wie sich mein eigener Magen zusammenzog. War es wirklich nur die Höhle? Heidenbach, der immer so selbstsicher war, begann zu schwanken; seine Stimme verlor an Autorität, an Kontrolle. Der Mann, den ich einst bewunderte, schien auf einmal fragil.
Sein Blick flog zur Schwärze des Höhlengangs vor uns, als ob dort etwas lauerte, das nur er sehen konnte. Es war, als hätte die Angst Wurzeln in seinem Verstand geschlagen. Doch dann packte er meinen Arm, nur um den Griff plötzlich wieder zu lösen. »Wir müssen weiter. Vielleicht gibt es eine Antwort …«
Obwohl ich tief verunsichert war, folgte ich ihm. Schließlich war Heidenbach mein Vorbild, und wir konnten nicht ewig hier verharren. Doch je tiefer wir in das Höhleninnere vordrangen, umso stärker wurde mein Unbehagen. Die Gänge wurden immer verschlungener, und das leise Plätschern von Wasser verstärkte das Gefühl einer fremden Anwesenheit. Mehrmals glaubte ich, im Augenwinkel Gesichter oder Klauenhände in den Schatten zu sehen, doch beim genauen Hinsehen waren es nur Formen im Kalkstein. Das Gefühl, dass Augen auf mir ruhten, ließ sich dennoch nicht verdrängen. Immer wieder sah ich mich um und musterte die Wände, die von uralten Gestaltsformen umschlungen waren, hingegen schritt Heidenbach unbeirrt weiter voran, als hätte er dieses unheimliche Labyrinth schon tausendmal betreten.
»Sollten wir nicht allmählich umkehren?«, fragte ich schließlich, meine Stimme leiser als beabsichtigt. Heidenbach meinte knapp, beinahe ruppig: »Nein.« Er fügte noch an: »Wir können jetzt nicht zurückgehen. Wir müssen erst das ganze Ausmaß begreifen. Vertrau mir, es ist ein Privileg.« Ein Gefühl der Beklommenheit blieb bestehen. Ich bemerkte, dass der Boden unter unseren Füßen immer rutschiger wurde, und ich musste mich mehrmals an den Felswänden abstützen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Meine Finger strichen dabei über die rauen Oberflächen, und ich schwor, dass sich eine Stelle plötzlich wärmer anfühlte, als hätte etwas Lebendiges sie berührt. Nur kurz darauf fiel ich dem Gefühl anheim, dass sich die Luft um uns herum veränderte.
Nach wenigen Minuten des weiteren Voranschreitens wurde aus dem Gefühl Gewissheit, nachdem ich auf das Thermometer blickte und den leichten Temperaturabfall bemerkte. Das Plätschern des Wassers, das zuvor im Hintergrund gewesen war, klang jetzt lauter, fast drängender. Mir kam es vor, dass die Abschnitte immer enger wie auch beklemmender wurden. Die Felswände schoben sich zusammen, als wollte uns ein riesiges Maul verschlingen. »Prof. Heidenbach …«, begann ich, aber er reagierte nicht. Seine Schritte wurden wie mechanisch; unnachgiebig. Als würde er uns tiefer hineinführen zu einem Ziel, das nur er kannte. Seine Augen blieben starr nach vorn gerichtet, und ich konnte nicht mehr sagen, was dahinter vor sich ging. Mein Herz pochte schneller. Ich sah mich noch einmal um, doch hinter uns war nur undurchdringliche Schwärze.
Auf einmal war da dieses Geräusch. Ein leises, sich wiederholendes Klicken. Es klang so ähnlich wie auf dem Tonband. Als ob eine Präsenz in den wahnsinnigen Untiefen lauerte. Schlafend. Wartend. »Wir sollten nun wirklich umkehren«, schlug ich schließlich vor. »Hier stimmt was nicht. Dieses Geräusch.« Der Professor blieb stehen und drehte sich langsam zu mir um. »Du hast es also auch gehört«, murmelte er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er wisse nicht, was es sei. So wie ich.
Das Geräusch, diesmal deutlicher, kam inzwischen von mehreren Seiten gleichzeitig. Ich leuchtete hektisch mit meiner Stirnlampe umher, doch es war nichts zu sehen. Dann wurde es ruhiger, und eine unheilvolle Stille setzte ein, die uns auf Schritt und Tritt begleitete. So schnell, wie das Geräusch gekommen war, hatte es sich in die dunkle Tiefe zurückgezogen.
Irgendwann erreichten wir einen steinernen, hohlen Großraum. Vor uns kreuzten sich mehrere Wege, und vorerst entschieden wir, eine Pause einzulegen. Heidenbach war immer noch mitgenommen von dem, was wir auf dem Rekorder gehört hatten. Mehrmals fragte ich, während wir so dasaßen, ob es eine gute Idee sei, immer noch weiterzugehen, doch er war weiterhin felsenfest von unserem Erfolg überzeugt. Wir diskutierten, welchen Weg wir nehmen sollten. Schließlich entschieden wir uns für den Pfad, aus dem das deutlichste Geräusch von Bächen drang. Während des Weitererkundens bemerkte ich eine Anordnung in den Steinstrukturen. Nicht wie errichtet; sondern als wäre dieser Ort über lange Zeit bewohnt worden.
Bis auf unsere schlurfenden Schritte herrschte eine unheimliche Geräuschlosigkeit, ähnlich der, die uns damals beim Fund des toten Körpers am Straßenrand umgab. So wanderten wir weiter, und immer wieder schlug ich vor: »Wir sollten wirklich umkehren, Professor.« Weiter abseits wurde es so stockfinster, dass selbst das Licht unserer Stirnlampen kaum dagegen ankam, als würde die Düsternis es zurückdrängen. Dann ein plötzliches Platschen im Wasser. Ich sah mich mit der Stirnlampe um, konnte aber nichts erkennen. »Haben Sie das gehört?«
Ich wiederholte die Frage, doch der Professor reagierte nicht. Er war verschwunden. Dabei stockte mir der Atem, als ich sah, dass die Orientierungsleine durchtrennt auf dem Boden schleifte.
Ein markerschütternder Schrei zerriss die Stille. Es war Heidenbach.
»Professor!«
Ich fuhr herum und leuchtete mit meiner Stirnlampe in die Gänge. Der Lichtkegel glitt über feuchte Felswände und schwarze Spalten. Für einen Moment hörte ich nichts als das Echo meines eigenen Atems. Dann erklang erneut ein Geräusch. Kein Schrei diesmal, sondern ein ersticktes Keuchen. Es kam aus einem schmalen Seitengang, der zwischen zwei Kalksäulen verlief und uns zuvor nicht aufgefallen war.
»Heidenbach!«
Ich stolperte dem Laut entgegen. Der Gang mündete bereits nach wenigen Metern in eine kleine Kammer.
Keine zwanzig Meter entfernt fand ich ihn.
»Wie konnten wir nur so blind sein? Es lag doch die ganze Zeit vor unseren Augen.«
»Wovon zum Teufel sprechen Sie?«, fragte ich und machte einen Schritt nach vorn.
»Bleib, wo du bist, komm nicht näher! Hörst du sie nicht? Natürlich hörst du sie nicht. Wie auch, wenn sie dich nicht ausgewählt haben. Mir haben sie es jedenfalls zugeflüstert. Und sie haben es mir auch schon früher zugeflüstert. Und sie werden es mir sogar noch zuflüstern. Denn sie kommunizieren in der Vergangenheit wie auch in der Zukunft.«
Die Worte des Professors hallten aus völliger Lichtlosigkeit zu mir herüber. Er schien sich im allerhintersten Bereich der Kammer aufzuhalten.
»Die Evolution ist so viel mehr als die Entwicklungsstufen des Vormenschen vor vier Millionen Jahren. Sie ist so viel mehr als Homo erectus und mehr als Australopithecus … Wir haben sie noch nicht einmal ansatzweise in ihrem vollen Ausmaß begriffen. Genauso wenig, wie wir den Ozean oder gar das Weltall begreifen. Es ist nicht bloß die Anpassungsfähigkeit biologischer Systeme. Zeit und Raum selbst sind Morphometrie. Kannst du dir das vorstellen?«
Ich verstand überhaupt nichts mehr, und allmählich bekam ich es mit der Angst zu tun.
»Professor, wir müssen hier raus.«
»Ja … ja. Du musst auf jeden Fall hier raus. Und was mich betrifft …«
Er kam ein kleines Stück nach vorn, sodass ich ihn sehen konnte. Die Arme hatte er von sich gestreckt, als wolle er wie ein Gestrandeter ein Hilfesignal aussenden.
»… mich haben sie ausgewählt.«
Ich sah das Feuerzeug in seiner Hand und erkannte, dass er sich mit einer öligen Substanz übergossen hatte.
Verstört fragte ich: »Was in aller Welt tun Sie da?«
»Verschwinde! Sofort!«, schrie er und schnippte das Feuerzeug an.
Für den Bruchteil einer Sekunde durchzuckte ein schwacher Lichtschein die Dunkelheit. Gerade lange genug, um etwas an der Wand zu erkennen. Zunächst hielt ich es für einen seltsam geformten Stalagmiten, doch dann sah ich die Bewegung. Eine Gestalt klammerte sich dort an den Felsen, ihre Gliedmaßen angewinkelt wie die Beine einer Spinne. Die Haut war bleich und feucht, die Augen groß und leer. Dann verschluckten die Felsschatten sie wieder.
Im nächsten Augenblick entzündeten sich die Dämpfe auf seiner Kleidung.
Er stieß einen Schmerzensschrei aus, fiel auf die Knie und brannte wie eine menschliche Fackel.
Die Flammen erhellten die Höhle, und ich erstarrte angesichts dessen, was das Licht nun offenbarte. Die Kreatur an der Wand war nicht allein.
Noch bevor ich begreifen konnte, was ich da sah, lösten sich weitere von ihnen aus den Schatten. Ihre langen, dünnen Finger klickten auf dem Felsen, während sie über den Boden, die Wände und die Decke huschten. Ihre Bewegungen wirkten hektisch und abgehackt, zugleich jedoch von einer unheimlichen Zielstrebigkeit geleitet. Die Mäuler öffneten sich und enthüllten Reihen scharfer, nadelartiger Zähne.
Unzählige Kreaturen krochen aus jeder Spalte der Kammer. Sie lösten sich von den Wänden, quollen aus den Untiefen des Bodens hervor und hingen an der Decke wie groteske Insekten. Langsam scharten sie sich um den brennenden Leichnam des Professors. Das unablässige Klicken, das sie dabei von sich gaben, und die beinahe andächtige Art ihrer Bewegungen erinnerten an ein makabres Bestattungsritual.
Voller Entsetzen wich ich zurück, und kaum, dass ich das ganze Ausmaß des Schreckens begriffen hatte, bröckelten die ersten Steine von der Decke. Eine Erschütterung durchlief die Höhlengänge. Sämtliche Messgeräte spielten verrückt, ebenso meine Armbanduhr. Ihre Zeiger rotierten mit irrsinniger Geschwindigkeit. Alles drohte einzustürzen.
Adrenalin durchströmte meinen Körper, und ich setzte mich in Bewegung. Ich rannte, so schnell ich konnte. Ich musste zurück zur Tauchstelle; dem einzigen Ausgang.
Rannte weiter und weiter. Immer wieder blickte ich auf die Uhr an meinem Handgelenk. Die Zeiger drehten durch.
Dann verschwand die Höhle.
Ich saß erneut im Flugzeug. Das Unwetter peitschte gegen die Maschine, die Triebwerke dröhnten, und die blassen Passagiere klammerten sich an ihre Sitze. Irgendjemand sprach ein Gebet. Ein Kind weinte.
Und dann war ich zurück in der Höhle.
Keuchend stolperte ich weiter durch die einstürzenden Gänge. Die Zeiger der Uhr rasten noch immer im Kreis. Konturen flimmerten vor meinen Augen. In einem Moment panischer Eile wäre ich beinahe mit einem Stalagmiten zusammengestoßen, doch als ich hindurchtaumelte, hatte ich das Gefühl, ihn gar nicht berührt zu haben. Als wäre er für einen Augenblick nicht real gewesen.
Die Höhle verschwand ein weiteres Mal.
Ich ging durch den Korridor zum Obduktionsraum. Der bullige argentinische Agent lief neben mir. »Was zum Teufel geht hier vor?«, fragte ich ihn. Doch er reagierte nicht. Nicht einmal ein Blick. Als wäre ich gar nicht da. Als wäre ich nur ein Beobachter einer bereits abgeschlossenen Vergangenheit.
Die Höhle riss mich zurück.
Ich rannte wie von Sinnen. Felsbrocken schlugen neben mir ein, Staub füllte die Luft. Stein um Stein wich ich aus, egal ob bereits zu Boden gestürzt oder noch im Fallen begriffen. Die Gänge wurden mir immer vertrauter. Ich musste die Tauchstelle bald erreichen.
Die Zeiger meiner Uhr drehten sich jetzt so schnell, dass sie nur noch ein silberner Kreis waren.
Wieder flackerte die Welt.
Ich saß mit Heidenbach am Lagerfeuer des Vorabends. Die Flammen knisterten friedlich. Er erzählte eine seiner unglaublichen Anekdoten und gestikulierte dabei lebhaft mit den Händen. Maria ging an uns vorbei, um sich ein Bier zu holen. Für einen Augenblick wirkte alles vollkommen normal. Vollkommen fern.
Dann zerbarst die Erinnerung.
Ich war abermals in der Höhle.
Der Einsturz hatte sich inzwischen zu einem infernalischen Donnern entwickelt. Alles geschah so schnell, dass mein Verstand kaum noch folgen konnte. Die Ereignisse überschlugen sich. Endlich erreichte ich die provisorische Station am Ausgangspunkt der Höhle, wo unsere Tauchausrüstung noch immer lag.
Mit zitternden Händen zog ich sie an.
Ein letztes Mal blickte ich zurück.
Doch mir blieb keine andere Wahl.
Tränen füllten meine Augen, als ich ins Wasser eintauchte und mich auf den Durchgang zubewegte.
Heidenbach war tot.
Und während ich hinabglitt, verfolgte mich nur ein einziger Gedanke:
Wie sollte ich das Maria erklären?
Als ich aus dem dunklen Untergrund dem hellen Sonnenlicht entgegenschwamm, fühlte ich mich, als nähmen mich die Engel und das Jenseits verfrüht in Empfang. Das grelle Tageslicht blendete mich beinahe vollständig. Trotzdem riss ich mir die Tauchermaske vom Gesicht und brüllte um Hilfe, bis die Lungen brannten. Nie mehr im Leben würde ich auch nur einen Fuß in eine unerforschte Höhle setzen, das schwor ich mir. Weder das Heulen der Blaulichtsirenen der Rettungsfahrzeuge noch die vielen Hände, die mich aus dem See an Land zogen, würden daran etwas ändern. Ich warf einen erschöpften Blick auf die Armbanduhr, als sie mich auf der Trage abtransportierten. Sie lief wieder normal. Nur ich war nicht mehr derselbe.
Bevor die Tür des Rettungswagens zuschwang, konnte ich noch einen letzten Blick zum Basislager am Ufer des Sees werfen. Maria war wütend und in Tränen aufgelöst zugleich, und auch die anderen Assistenten hatten alles stehen und liegen gelassen, bevor sie zur Tauchausrüstung griffen und sich zu einer verzweifelten Rettungseinheit zusammenrotteten, angeführt von Dr. Sanchez. Aber ich wusste es besser, wusste, dass der Professor nie wieder zurückkehren würde. Sie hätten nicht tauchen dürfen. Gerade Maria hätte es nicht tun dürfen. Ich hätte sie warnen müssen. Warum … hatte sich ein Teil von mir gesträubt, dies getan zu haben?
Wie erwartet hinterließ die Höhle nichts als unauflösliches Schweigen. Ein Großteil des Teams verschwand spurlos, unter ihnen Maria Sanchez. Sie hinterließ einen Ehemann und bedeutete einen bedauernswerten Verlust für die Mikrobiologie. Ob weitere Suchaktionen gestartet wurden, und wie weiter mit dem Projekt verfahren wurde, weiß keiner. Nach dieser Sache legte die argentinische Regierung absolute Diskretion an den Tag; nicht einmal die Information, welche Marke von Büroklammern wir verwendet hatten, wurde herausgegeben. Was sich verändert hat: Die Sicherheitsmaßnahmen für zukünftige Tauchgänge sowie Forschungsprojekte sind verschärft worden und mit bürokratischen Hindernissen und Sonderauflagen versehen, die es ab sofort einzuhalten galt.
Ich habe Heidenbachs fiebrigen Glanz in den Augen immer noch vor mir, während unserer Lagerfeuergespräche. Trotz des Unglücks waren dies Worte, denen ich nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit dem Geiste lauschte. Es waren bedeutsame Worte. Die unterirdischen, latenten Flusssysteme sind eine Spiegelwelt. Dem Anschein nach gleichen sie der oberen Welt, unserer Welt, tun es aber doch nicht. Und die Höhlenschlünde seien die Tore zu dieser Welt. Tore, die entweder ins Verderben führten oder dich im wahrsten Sinne zurück ins Licht bringen konnten. Das sagte er. Beinahe ironisch traf dieser Satz genau das, was geschehen ist, nur allzu gut. Regenergüsse, so alt wie die Zeit selbst, in Vermählung mit atmosphärischen Urstoffen, so erzählte er, öffneten nicht nur die Augen der Erde, sondern legten ihr auch deren Sprache frei. Eine Sprache, die wir allenfalls im Begriff seien, vage zu deuten.
Wir wissen nicht, was unterhalb der Erdschichten verborgen liegt und was besser verborgen bleibt. Unwägbarkeiten, die in Tunneln kriechen, zusammenkommen und ihre mikrobischen, biologischen, ökologischen, biotopischen und geologischen Linien von längst vergangenen Epochen bis in die verrückte Neuzeit und bis in alle Ewigkeit weitertragen. Für uns aber sind jene Unwägbarkeiten nicht zu tradieren; sie sind nicht unergründlich, wenngleich so nahbar wie ein schwarzes Loch, und sie sind schon gar nicht bloßes Gestein und leerer Raum, sondern die langsamen Archive der Erde, in deren Dunkel jeder Schritt eine Frage stellt und jede Unachtsamkeit mit einem Echo beantwortet wird, das nicht immer den Weg zurück ans Licht kennt. Und dennoch findet das Leben seinen Weg bis in die entlegensten Winkel, und die Evolution kennt seit jeher die sonderbarsten Pfade. Wo Licht und Wärme schwinden, erschafft sie aus Entbehrung Anpassung.
Unser Verständnis der Welt bleibt fortwährend begrenzt. Dabei bleibt es fraglich, ob dies wirklich die Bestimmung des Menschen sein kann, jede Ecke, jede Nische, jede Ritze, jede Region dieses Planeten ausleuchten zu wollen. Es erscheint mir zweifelhaft. So zweifelhaft wie meine Erinnerung daran, ob das Unglück vor wenigen Tagen wirklich geschehen ist.
Ich tippe dies alles, während ich nach wie vor im Zimmer der maroden Unterkunft der überschaubaren und abgelegenen Barackenstadt sitze, um das Dilemma einerseits zu verarbeiten und andererseits für die Nachwelt festzuhalten. Mein Flug nach Hause geht leider erst in drei Tagen. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich seit gestern beobachtet und unwohl, seitdem ich im Schlaf außerhalb der Unterkunft, nahe des schmalen Versorgungsgangs zwischen der rückwärtigen Betonmauer und dem verfallenen Geräteschuppen, ein Kratzen an einer Tür und schnelles Stapfen oberhalb der Dächer gehört zu haben glaubte. Am nächsten Morgen war die Fensterscheibe verschmiert und die Unterkunft wie ausgestorben.
Vor zehn Minuten habe ich eine Pause gemacht und den Laptop zugeklappt. Ein Gewitter ist aufgezogen, sodass ich mich trotz Tagesanbruch im Zwielicht des Zimmers befinde, da die Deckenlampe ihren Geist aufgegeben hat. Ich stellte mich ans Fenster und beobachtete das trübe Regenwetter. Durch den Regendunst kaum erkennbar, dachte ich, zwei Schatten in der hintersten Ecke des Barackenhofes zu sehen, dort, wo der verrostete Mast an der Mauer steht. Einer schien die Mauer zu überklettern, ein anderer für den Bruchteil einer Sekunde auf einem Dach zu hocken, bevor er wieder verschwand. Schlimmer noch waren die Schwimmhäute und Krallen, die ich direkt vor meinem Fenster gesehen zu haben meinte. Im Prasseln des Regens glaubte ich sogar, ein leises Klicken zu hören.
Die Höhlenwände scheinen sich in meinem Geist aufzulösen. Je länger ich schreibe, desto stärker wird das Gefühl, beobachtet zu werden. Etwas ist dort draußen. Es hat mich gefunden.
Mein Gott … sie sind mir gefolgt!




