
Ermutigende Worte
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Es ist eine ruhige Sommernacht. Der Himmel ist von schwarzen Wolken bedeckt, Mondstrahlen zwängen sich verzweifelt zwischen die letzten Lücken durch. Die Straße wird von Dunkelheit übergossen, nur wenige einsame Straßenlichter illuminieren den Asphalt.
Das warme Plastik meines Telefons ist fest an mein Ohr gepresst, während mein Blick abwesend über die leblose Umgebung schweift.
»Bist du noch da?«, knistert es über den Handylautsprecher.
»J-ja. Bin noch dran…«
»Bist du sicher? Worüber habe ich gerade geredet?«
»Tschuldigung. Ich war gerade mit den Gedanken irgendwo anders.«
»Anscheinend. Also, wo bin ich stehen geblieben. Der Vorfall an der Schule, oder? Du wirst es nicht glauben…«
Die Stimme gleitet wieder zurück in den Hintergrund, vom Zirpen der Grillen übertönt. Mir ist nicht nach zuhören. Ihre Anwesenheit ist genug, um mich zu beruhigen.
»Sowieso, wie geht’s dir?«
Ich zucke zusammen. Diese Worte stechen unsanft in mein Ohr. Ich hasse diese Fragen. Wie geht es dir? Wie fühlst du dich? Was machst du so? Man kann sich dazu nur Lügen ausdenken. Nichts daran ist ehrlich.
»Gut.«
Sie verstummt für einen Moment, wartet wahrscheinlich auf eine darauffolgende Geschichte.
»Das ist alles? Kein, ich habe diese Person kennengelernt, ich habe einen Job gefunden, mein Studium geht voran? Nur ein simples ‚Gut‘?«
»Ja. Bei mir ist alles unverändert gleichgeblieben. Langweilig eben.«
»Achso.«
Unangenehme Stille kehrt zwischen uns ein. Es führt zu nichts. Wieso habe ich überhaupt angerufen? Ich will das Gespräch bereits mit einem schlampigen „Sehen uns irgendwann“, beenden, als ihre Stimme wieder herausschnellt.
»Halt! Du wirst jetzt nicht auflegen!«
»Woher weißt du…«
»Ich kenne dich. Sag die Wahrheit, wie geht es dir wirklich?«
»Ich habe bereits gesagt, dass es mir gut geht.«, gebe ich genervt von mir ab. Vielleicht schon etwas zu harsch.
»Lüge mich nicht an. Du bist einsam, nicht wahr? Sonst hättest du mich sicherlich nicht angerufen. Du rufst an, hörst einige Sekunden zu und willst wieder auflegen. Macht nicht sehr viel Sinn, oder? Wie geht es dir?«
Sprachlose bleibe ich einige Sekunden wie angewurzelt stehen, bis die Stimme mich wieder auffordert:
»Antworte!«
Um der Frage auszuweichen, gebe ich nur eine schnelle Ausrede von mir.
»Muss jetzt gehen. Der Bus kommt, also sehen wir uns später?«
»Noch eine Lüge. Du spazierst gerade durch den Vorort. Und dann wirst du zurück zu deinem kleinen Studentenheim gehen, wo du versuchen wirst Kontakt mit den anderen zu meiden. Lösen wirst du damit nichts. Traue ich dir auch nicht zu. Einige Tage später wirst du mich wieder anrufen, weil du sonst niemand anders hast. Ich kann es klar vor mir sehen.«
»Du nimmst zu viel von mir an.«, stottere ich überrascht, teils wütend heraus.
»Weißt du was? Bleibe jetzt sofort stehen und hör mir zu. Ich gebe dir einen Vorschlag. Nur einen. Ich werde mich nicht wiederholen und wenn du den Vorschlag nicht annehmen wirst, hören wir uns nie wieder. Wird sich gut anfüllen, alles verloren zu haben, oder?«
Der letzte Satz lässt mich erschaudern. Mir wird übel, als ich über die Folgen nachdenke. Wie kann man nur auf sowas kommen? Sie fängt wieder an zu reden.
»Ich gebe dir drei Sekunden. Das ist mein letztes Ultimatum. Eins.«
Tausend Möglichkeiten schießen mir durch den Kopf. Wie komme ich aus dieser Situation heraus?
»Zwei.«
Ich will eigentlich nicht, aber die Konsequenzen würden mir den Gnadenstoß verpassen.
»Drei.«
»Gut, ich höre zu.«
»Machst du brav. Du kannst jetzt geradeaus weitergehen.«
Ich tue wie geheißen.
»Ich habe neuerdings dieses eine Buch gelesen. ‚Abgrund der Liebenden‘ ist der Titel.«
»Kenn ich nicht.«
»Soll ich dir die Handlung erzählen?«
»Tu was du nicht lassen kannst. Lesen werde ich es sowieso nicht.«
»Nebenbei: Wo bist du gerade?«
»Gehe gerade am Spielplatz vorbei. Du weißt welchen.«
»Sehr gut, also: Im Buch geht es um ein Liebespaar. Es beginnt banal und unoriginell, bis zur Mitte hin. Plötzlich wird das Paar, ohne eine logische Erklärung, von einem Mann besucht. Er spricht mit ihnen und er fragt wie ihr Leben bis jetzt ist. Beide Antworten, dass sie zu wenig haben. Er gibt ihnen den Vorschlag, ihr Leben voller zu gestalten, wenn sie sein Angebot annehmen. Doch er lässt die Konsequenzen, die mit diesem Ratschlag folgen aus, aus Gründen, die ich immer noch nicht weiß. Ich habe selbst keine Idee. Immerhin, die Liebenden werden nach und nach von Wahn verschlungen.«
»Warte mal. Was hat das mit mir zu tun? Ich bin nicht an eine Beziehung interessiert, falls du das sagen willst.«
»Trotzdem suchst du hoffnungslos nach irgendjemanden. Ich habe schon fast Mitleid mit dir, aber jeder lenkt sein eigenes Leben. Erbärmlich, dass du von anderen Leuten Hilfe erwartest, wenn du selbst nicht mal was zusammenkriegst. Du kannst froh sein, dass ich immer noch bei dir bin. Habe Geduld. Du wirst schon verstehen, worauf ich hinauswill.«
»Rede nicht so selbstverständlich über mich! Du hast keine Ahnung was bei mir abgeht!«, gebe ich krampfhaft von mir. Ich kann spüren, wie mir die Tränen nahekommen.
»Ich darf mit dir reden, wie ich will. Und kennen tue ich dich auch.«, die Stimme hält inne, »Tut mir leid. Bin etwas zu weit gegangen. Ich mag dich wirklich, aber bitte hör auf mich zu unterbrechen. Weiter geht’s.«
Ich will ihr ins Wort fallen, aber sie gibt mir keine Zeit um einen Satz zu Formulieren.
»Sie gleiten von einer Tragödie bis zur nächsten, bis das Liebespaar auf Knien den Mann finden und anbettelt, um etwas gegen ihre Pein zu unternehmen. Dieser Mann gibt ihnen einen letzten Ratschlag. Beide zögern zuerst, aber letztendlich nehmen sie den Ratschlag, mit seinen ermutigenden Worten, dankbar an. Du kannst dir denken, was dann passieren wird.«
Wie ein Puzzle formt sich in meinen Kopf eine beängstigt gute Vorstellung zusammen, was geschehen wird. Ich will es nicht wissen, aber trotzdem wispere ich energielos heraus:
»Sag es mir.«
»Sie springen.«
Ich nehme wortlos das Telefon von meinem Ohr, trotzdem kann ich sie deutlich hören. Mein ganzer Körper bebt.
»Willst du mit mir springen?«
Mein Atem zittert. Mein Gehirn kann ihren Worten nicht richtig folgen.
»Wie bitte?«
»Willst du mit mir springen?«, wiederholt sie sich.
»Wieso?«
»Was würdest du machen, wenn du nicht mit mir sterben willst? Sinn hat dein Leben nicht. Auch die Energie fehlt dir. Schadet nicht, einfach früher mit dem Spielen aufzuhören. Ich werde es sowieso machen, ob du dabei bist oder nicht. Wo bist du gerade?«
Ich schlucke. »Beim Fluss. Auf der Brücke.«
»Du hast Angst, oder? Wird mein Leben besser, schlechter oder gleichbleiben. Ich glaube du kennst die Antwort. Du wirst nichts verpassen. Spring mit mir.«
Der Wind weht sanft über mich hinweg. Umhüllt mich fast wie eine Decke. Dennoch bringt er etwas Bedrohliches mit sich. Mein Herz pocht aggressiv gegen meinen Brustkorb, Adrenalin wird durch meine Venen gepumpt.
»Ich fange an zu zählen. Eins.«
Ihre Worte kommen mir so fern vor. Als wäre sie nicht da.
»Zwei.«
Ich steige auf das Geländer. Das Wasser peitscht wie eine unaufhaltsame Macht unter mir. Ich blicke ein letztes Mal auf mein Handy. Der Akku ist leer. Ich muss über mich selbst lachen.
»Drei.«
Ich springe. Aber allein. Meine Gedanken zählen nicht.

