LangeMordObjekteRitual

Der Aschene Valentinstag

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Prolog:

Jenny lehnte sich mit geschlossenen
Augen zurück, stützte sich auf die Arme und erlaubte einem kleinen
Lächeln, sich auf ihr Gesicht zu stehlen. Die Luft um sie war noch
kühl, aber sie genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Der
Winter hatte viel zu lange gedauert für ihren Geschmack, und obwohl
er noch lange nicht vorbei war, weckten die Sonnenstrahlen die
Hoffnung in ihr.

Die kühle Februarluft wehte ihr durchs
offene, rotbraune Haar und sie fröstelte nun doch wieder. Auch die
Steine strahlten ihre Kälte so langsam durch ihre hellblaue Jeans.
Sie setzte sich auf den steinernen Stufen der Treppe wieder
aufrechter hin und blinzelte dem strahlend blauen Himmel entgegen.

Vor ihr erstreckte sich ein weiter, mit
hellgrauen Steinplatten gepflasterter Platz, über den von allen
Seiten Studierende strömten. Jenny selbst saß auf den Stufen vor
der Bibliothek, die blaue Stofftasche mit ihrem Ordner und den
Büchern neben sich. Sie zog den Reißverschluss ihrer Winterjacke
höher und kuschelte sich in den Schal. Sie hasste die Kälte.

Gedankenverloren ließ sie ihren Blick
weiter über den Platz wandern. Ihr gegenüber, aus dem Institut für
Umweltwissenschaft, kam gerade ein Schwall Studenten – alle jung
und in einem eindeutig alternativen Stil, der ihre Fachrichtung zu
erraten geradezu lächerlich einfach machte.

Noch war sie nicht ungeduldig, dennoch
ließ sie einen Blick auf die große Uhr am Auditorium Maximum
gleiten. Viertel vor zwei – ihre Freundin war mal wieder zu spät.

Jennys Blick wurde von einer weißen
Flocke, die vom wolkenlosen Himmel zu ihr hinab schwebte,
aufgefangen. Die Flocke tanzte gemächlich hin und her, wurde vom
Wind getrieben und zu ihr hinüber geweht, genau wie das
Stimmengewirr der Menschen, der rege Verkehr von der Hauptstraße und
das Rufen der Möwen.

Die Flocke hatte ihr Ziel gefunden,
landete auf Jennys rechtem Knie und die Welt wurde stumm.

Mit einem Mal drang kein Laut mehr an
ihre Ohren, die Menschen waren in ihren Bewegungen erstarrt und der
Himmel hatte all sein Blau eingebüßt.

Um sie herum war alles grau. Aschgrau.
Jenny wusste, was nun auf sie zukam. Sie stand auf, ließ ihre Sachen
achtlos liegen und sah sich um. Irgendwo musste sie doch sein! Doch
der Platz war leer, die eben noch lebendigen Menschen waren zu
grauen, unscharfen Figuren erstarrt und vom dunkelgrauen Himmel
fielen vereinzelte Ascheflocken. Sie setzte sich rasch die Kapuze
ihrer Jacke auf, es wäre wirklich schwer zu erklären, woher die
Asche in ihrem Haar herkam.

„Schön, dass du mich suchst“,
ertönte die Stimme hinter ihr. Jenny drehte sich um und erblickte
eine filigrane, elegant gekleidete Porzellanpuppe mit makellos weißer
Haut, rosanen Lippen, braunen Augen und ebenso perfekten braunen
Locken.

Sie hasste diese Puppe. Dennoch setzte
sie das gewohnte Lächeln auf und näherte sich der Puppe bis auf
drei Schritte. „Lange nicht gesehen“, begrüßte sie die
vollkommen reglose Gestalt.

„Beinahe eineinhalb Jahre. Hab ich
dir schon gefehlt?“ Beim unerwünscht vertrauten Klang der hellen
Stimme in ihrem Kopf lief Jenny ein Schauer den Rücken hinab.

Ohne eine Antwort abzuwarten – beiden
war klar, dass dies eine rhetorische Frage gewesen war – fuhr die
Puppe fort. „Ich habe mal wieder einen Wunsch. Du weißt, was ich
will, oder? Meinen letzten Wunsch hast du gut erfüllt. Das wünsche
ich mir noch einmal.“

Jenny verdrängte die Gedanken an den
letzten Besuch der Puppe und die darauf folgende Nacht, doch die
Gänsehaut ließ sich nicht zurückhalten.

„Wie lange habe ich?“, wollte sie
nur wissen.

„Ich denke, bis zum Valentinstag kann
ich warten. Du weißt, ich mag Feiertage“, schloss die Puppe und
ein feines Klingeln ertönte, als wäre es der Ersatz für ein Lachen
der Puppe. Wieder lief es Jenny kalt den Rücken hinab. Dieses
Geräusch, dieses verdammte Geräusch! Wie sehr wünschte sie, es
endlich für immer los zu sein. Aber das würde nicht passieren.
Niemals.

„Nein, mein liebes Mädchen. Denn du
hast es ja selbst versprochen: Wann immer ich zu dir komme, für
heute und immer! Also, bring mir mein Geschenk, du hast fünf Tage.“

Die sonst vollkommen starre Puppe
blinzelte ihr mit einem ihrer leblosen braunen Augen zu und war
verschwunden. Sofort waren das Leben und die Farben wieder da und ehe
jemand es bemerkte, setzte Jenny die Kapuze ab und wischte die Asche
von ihrer Jacke.

Vergessen war der entspannte Nachmittag
mit ihren Freundinnen aus der Lerngruppe. Sie musste Sophie anrufen.

Doch genau in diesem Augenblick tippte
ihr jemand auf die Schulter.
„Hey, Jenny!“, begrüßte sie
die etwas kleinere, mollige Annika. Ihre Wangen waren von der Kälte
gerötet, wahrscheinlich war sie Fahrrad gefahren und deswegen
verspätet. Dafür sprach auch das unordentliche, von Wind nach
hinten gekämmte, blonde Haar.

„Sorry, ich hab mich verspätet. Mein
Fahrrad hatte einen Platten. Wartest du schon lange?“

Jenny lächelte und hob ihre Tasche
auf. Fünf Tage hatte sie also noch.

„Nein, kein Problem. Aber du, mir ist
was dazwischen gekommen. Ich fürchte, ich muss heute früher los.“

„Naja, du hast ja eh kaum Lücken.
Ich frage mich aber, wie wir ohne dich lernen sollen!“ Annikas
Lachen, das sonst so ansteckend war, entlockte Jenny heute nur ein
müdes Lächeln, doch in all den Jahren hatte Jenny eben dieses
perfektioniert. Niemandem fiel mehr etwas auf. Niemanden, außer
Sophie – die sie dringend anrufen musste.

Aber erst einmal ging sie hinter Annika
her, zum Café neben der Institutsbibliothek, in der sie sich immer
vor den Klausuren trafen, um gemeinsam zu lernen. Und das würde sie
definitiv nicht hängen lassen. Sie musste diese Klausuren bestehen,
und zwar gut. Zwar hatte Jenny nicht um ihre Noten zu bangen, ganz im
Gegenteil. Aber sie war ehrgeizig, und wenn sie einmal zu den besten
gehörte, tat sie alles, um diese Stellung zu halten.

Die anderen drei kamen heute etwas
später, aber sie und Annika hatten noch ein Seminar gehabt, so dass
es sich nicht lohnte, zwischendrin nach Hause zu fahren. Im Café
angekommen umfing sie warme Heizungsluft, in der ein süßer
Kaffeeduft hing. Am Tresen bestellte sich Annika einen Cappuccino und
Jenny, trotz eines Mangels an Appetit, einen Filterkaffee. Mit den
heißen Getränken in anonymen weißen Tassen gingen sie hinüber zu
ihrem Stammtisch in der hintersten Sitzecke am Fenster, mit Blick auf
den Vorplatz, auf dem wie immer reges Treiben herrschte.

Die beiden hatten gerade begonnen, ihre
Bücher und Aufzeichnungen vor sich auszubreiten, als eine kleine
Glocke am Türrahmen der Eingangstür Neuankömmlinge verkündete.
Wieso mussten überall Glocken sein? Wenn Jenny ein Geräusch für
immer hätte verbannen können wäre es das Klingeln kleiner
Glöckchen gewesen. Sie unterdrückte wie immer nach den Besuchen der
Puppe das Zusammenzucken und blickte zu Rouven, Jonas und Mai, ihrer
thailändischen Freundin, die für ein Jahr nach Deutschland gekommen
war. Annika sprang voller Energie auf und umarmte alle, wobei sie
sich für den beinahe zwei Meter großen Rouven auf die Zehenspitzen
stellen musste.

Jenny begnügte sich damit, allen
einfach nur herzlich zuzulächeln und sie sitzend zu begrüßen. Als
das Stühleknarren und Papierrascheln beendet waren und Jonas die
Bestellung der anderen beiden nach vorne zum Tresen getragen hatte,
konzentrierten sie sich endlich auf das, weshalb sie sich getroffen
hatten.

Als sie die Diskussionen um Theorien,
Formeln und Lernstoff nach zwei Stunden beendet hatten, blickte Jenny
auf die Uhr an der Wand. Viertel vor fünf. „Ich muss los, Leute.
War aber mal wieder produktiv, das wird sicher super laufen!“

„Ja klar, bei dir“, brummte Rouven.
Er hatte am meisten Nachholbedarf.

„Treffen wir uns nächste Woche
wieder?“, wollte Mai wissen. Dank ihrer Begeisterung für
Fremdsprachen hatte sie bereist mit sechzehn angefangen, Deutsch zu
lernen und so kaum einen Akzent. „Klar, gerne“, versprach Jenny,
bereits dabei, die Jacke anzuziehen und in Gedanken längst wo
anders.

„Macht’s gut!“ Sie winkte noch kurz
und lief dann mit schnellen Schritten hinüber zu ihrem Fahrrad neben
der Bibliothek. Auf dem Weg fischte sie das Handy aus der
Jackentasche und wählte Sophies Nummer.

Während sie dem Läuten am anderen
Ende lauschte, entsperrte sie ihr Fahrradschloss mit zitternden
Fingern. Jedes Mal, dass der Laut sich wiederholte und Sophie nicht
abhob, klopfte ihr Herz schneller. Warum nahm sie nicht ab? Bitte,
bitte nimm ab!, flehte sie in Gedanken. Dann knackte es und die
Stimme ihrer Schwester war da.

„Ja, was gibt’s?“ An den
Hintergrundgeräuschen war zu erkennen, dass Sophie gerade am Bahnhof
war. Vermutlich hatte sie Skizzen von vorbeieilenden Fremden
einzufangen versucht.

„Hey, ich bin’s. Es ist wieder so
weit.“

Einhändig verstaute Jenny das
Fahrradschloss in ihrem Korb und legte die Tasche darauf.

Einige Sekunden blieb es still, dann
antwortete Sophie mit ernstem Ton. „Ja, verstanden. Wir treffen uns
heute Abend. Ich komme zu dir.“

„Danke. Du weißt ja, wie wichtig es
ist.“
„Vielleicht mehr als du“, erwiderte Sophie, dann legte
sie auf. Ja, da hatte sie wohl Recht. Dennoch war Jenny es, die
erfolglos versuchte, ihre rasenden Gedanken zu bändigen, während
sie mit dem Fahrrad zurück ins Studentenwohnheim fuhr.

Gegen halb sechs hatte sie ihr Fahrrad
im Keller untergestellt, die Schuhe ordentlich in den Schrank und die
Jacke in der Garderobe verstaut. Sie durfte sich niemandem gegenüber
anmerken lassen, wie nervös sie war. Nach sechzehn Jahren ließ es
ihr Herz noch immer rasen, wenn dieses verfluchte Ding seinen Wunsch
äußerte, auch sich wenn mittlerweile ein beängstigendes Maß an
Routine eingestellt hatte. Dennoch schlug ihr Herz wie beim ersten
Mal, auch wenn es seit dem so oft… Eine verschlafene Stimme riss
Jenny aus ihren Gedanken. „Was machst du denn jetzt schon hier? Ich
dachte du kommst erst später.“

Mathilda war im Türrahmen des ersten
Raumes neben der Wohnungstür erschienen. Sie schlief oft tagsüber,
weil sie während des Medizinstudiums parallel als Krankenschwester
arbeitete und sich wegen der Zuschüsse die unbeliebtesten Schichten
sicherte, zu welchem oft auch die Nachtschichten gehörten. Entweder
hatte sie also heute Nacht gearbeitet oder würde es noch – oder
ihr Schlafrhythmus war einfach nur komplett hinüber.

„Tut mir leid, hab ich dich geweckt?
Nein, wir waren schon früher fertig“, log Jenny ihre Mitbewohnerin
an. Diese nickte nur, band sich die vom Schlafen zerzausten, roten
Haare zusammen und ging in die Küche der WG, um sich einen Kaffee zu
machen. Gut, dass Benni, der dritte Mitbewohner, als Anwaltssohn
einen Kaffeevollautomaten zum Auszug spendiert bekommen hatte. So
konnte er es sich auch im elften Semester Jura noch leisten, die
beiden anderen mit zu versorgen.

„Ist Benni gerade da?“, rief Jenny
in die Küche, während sie ihre blaue Stofftasche in ihr Zimmer
gegenüber der Küche legte. Durch die geöffneten Türen drang
Mathildas Gähnen, dann ein „Nö“ zu ihr hinüber. „Bei Rieke?“

„Jap. Ich bin heute Abend by the way auch weg. Arbeiten. Hast
also freie Bude, falls du was vorhast.“ Mathilda war mit ihrer
Zelda-Tasse in Jennys Türrahmen erschienen und zwinkerte ihr zu. Sie
ritt gerne darauf herum, dass Jenny seit Jahren single war. Im
Gegensatz zu Mathilda, die nur temporär ohne Bettgenosse oder
-genossin war, von denen es allein in diesem Semester drei gegeben
hatte.

Jenny streckte ihr die Zunge heraus,
worauf ihr Mathilda spielerisch drohte. Mit ihr konnte sie sich
solche Albernheiten erlauben. „Es kommt aber wirklich jemand
vorbei“, verkündete sie. Mathilda hob eine Augenbraue.
„Zum
Lernen?“, frotzelte sie.

Jenny verdrehte die Augen, musste aber
lachen. Ja, ihre Mitbewohnerin und beste Freundin kannte sie gut.
„Nein, Sophie. Sie kommt heute Abend zum Essen vorbei, mal sehen,
wie lange sie bleibt.“

Mathilda nickte und trank einen Schluck
heißen Kaffee. „Grüß sie schön. Ich muss noch duschen ehe ich
los fahr“, wechselte sie wie so oft unvermittelt das Thema und
schlurfte ins Bad hinüber. „Vergiss deine Klamotten nicht!“,
rief Jenny ihr, nicht ohne guten Grund, hinterher. Zwar war Benni
nicht da, aber dennoch musste ihre beste Freundin ja nicht nackt
durch die Wohnung laufen. Auch wenn sie es sich durchaus erlauben
konnte, mit ihrem Tänzerinnenkörper brauchte sie sich nicht
verstecken. Manchmal beneidete Jenny sie um die Ausdauer, seit
fünfzehn Jahren jede Woche zum Training zu gehen. Sie selbst hatte
nur in einer Hinsicht so viel Beständigkeit und diese wünschte sie
nicht selten zum Teufel.

Keine dreiviertel Stunde, nachdem
Mathilda zur Nachtschicht gefahren war, klingelte es an der Tür.
Jenny hatte sich gerade Teewasser aufgesetzt, stellte ihre große,
blaue Lieblingstasse auf die Anrichte und betätigte den Türöffner.
Durch die offen stehende Wohnungstür hörte sie Sophies
Springerstiefel die Treppe hinaufeilen, immer zwei Stufen auf einmal
nehmend.

Sie stellte eine zweite Tasse neben
ihre eigene und rief ihrer Schwester entgegen. „Welchen Tee willst
du?“

„Pfefferminz“, ertönte Sophies
Stimme näher als erwartet. Jenny zuckte leicht zusammen, drehte sich
zu ihrer Schwester und blickte dann auf die Uhr. „Wow, ist das dein
neuer Treppen-Rekord?“

Nachdem die Schwestern sich umarmt
hatten, stellte Sophie ihre hohen, schwarzen Stiefel im Flur ab. Im
Gegensatz zu Jenny verzichtete sie darauf, ihren schwarzen,
knielangen Gothik-Mantel ordentlich aufzuhängen, sondern ließ ihn
einfach in Jennys Zimmer aufs Bett fallen, um es sich daneben bequem
zu machen.

Als Jenny eine halbe Minute später mit
den beiden Tassen voll dampfendem Tee ebenfalls ihr Zimmer betrat,
fiel ihr wieder einmal auf, wie verschieden die beiden doch waren,
jetzt, da sie Sophie im Kontrast zu ihrem eigenen Reich sah. Sophie
mit ihren kurzen, schwarzen Haaren und den grünen Strähnen, der
löchrigen schwarzen Jeans und dem Netzoberteil – natürlich
ebenfalls schwarz – auf ihrem eigenen, mädchenhaft-brav gemachten,
mit dezenter, hellblauer Ikea-Bettwäsche bezogenen Bett fasste es
ganz zu zusammen. Der Rest ihres Zimmers spiegelte Jennys Art auch
ganz gut wieder, wie sie fand. Ordentlich, brav, unauffällig. In
hellen, im Vergleich zu ihrer Schwester langweiligen Farben gehalten.
Aber so war sie eben, so war es schon immer gewesen und sie sah auch
nicht, dass sie sich ändern sollte. Sie war vielleicht langweilig,
aber sie fühlte sich wohl so.

Als hätte Sophie ihre Gedanken gelesen
und meinte, dieser Einschätzung etwas entgegenhalten zu müssen, kam
sie sofort zum Grund ihres Besuches.

„Sie ist also wieder da. Wie lange
hast du?“

„Valentinstag. Und ich habe keine
Ahnung, wie ich es dieses Mal hinkriegen soll – letztes Mal war
reines Glück. Als hätte der Typ sich ausgesucht, mich… naja.“

Sie schüttelte sich bei der Erinnerung
an den Alkoholatem des beinahe doppelt so alten Mannes, an seine
grapschenden, groben Hände und seine aufdringlichen Versuche, Jenny
aus ihren Klamotten zu bekommen.

Sophie schüttelte den Kopf, kaute
nachdenklich auf der dunkelrot geschminkten Lippe.

„Valentinstag… da hast du nur noch
bis zum Wochenende. Was für Gelegenheiten hast du bis dahin?“

„Wenige. Mir fällt da nur die
Valentinsparty am Freitag ein. Da ist doch im „Kellergeschoss“
immer die große Singleparty. Wenn ich bis dahin kein Glück habe,
muss ich da hin und irgendeinen Typen nehmen… was ich vermutlich
tun werde. Was soll ich bis zum Wochenende noch reißen? In zwei
Wochen sind meine Klausuren dran.“

Sophie verdrehte die Augen, lächelte
aber als sie Jenny aufzog. „Ja, das ist meine Schwester. Und du
hast Recht, von den Assis, die sich da rumtreiben, bietet sich sicher
mehr als einer an.“ Sophie lehnte sich auf dem Bett ihrer Schwester
zurück und blies ihr Kaugummi auf. Knallend zerplatzte es. „Willst
du denn bis dahin suchen? Oder meinst du, du findest keinen?“

Jenny biss sich auf die selbe Art wie
ihre Schwester auf die Lippe, als die nachdachte. „Ich habe einfach
keine Zeit. Es sind nur fünf Tage! Das ist die kürzeste Frist
bisher. Ich kann zwar unter der Woche schon in irgendeinem Club
suchen, aber das sind ja auch nur noch zwei Tage – und was, wenn es
gar nicht klappt? Was, wenn dieses Mal keiner anbeißt? Das frage ich
mich jedes Mal.“

„Wir wissen, was dann passiert.“
Sophies Ton war hart, wie jedes Mal, wenn es darum ging. „Du darfst
nicht scheitern, und das wirst du nicht. Ich helfe dir. Wir gehen am
Wochenende beide aus, in unterschiedliche Locations. Und dann geben
wir uns Bescheid, wenn eine Erfolg hat und wir fahren so schnell es
geht zu mir. Mikaela ist am Wochenende nicht da, das heißt bei mir
stört und niemand. Wir machen es wieder wie mit diesem Mädchen vor
drei Jahren, okay? Ich mache bis dahin den Wagen fit.“

Wieder einmal war Jenny dankbar für
Sophies unerschrockene, pragmatische Art – ebenso wie dankbar wie
für die Tatsache, dass sie ein Auto und eine Wohnung hatte, die
beinahe immer leer stand. Selbst wenn Mika, Sophies Mitbewohnerin,
mal da war, hörte und sah diese nichts, was über ihre Kunst hinaus
ging, so dass sie nichts mitbekam und durch nichts zu stören war.
Jenny hatte schon häufiger vermutet, dass das nicht so ganz ohne
Substanzkonsum vonstatten ging, aber solange es ihr half, fragte sie
nicht nach.

„Wollen wir uns dann was zu essen
machen? Ich verhungere“, verkündete Sophie, als sie von Jennys
Bett aufstand und das hellgrüne, mit Kleeblättern verzierte Kissen
glattstrich. „Oder gibt es noch was zu planen? Wir legen am
Wochenende Nachtschichten ein, und dann ist alles wie immer.“

Sophie grinste und präsentierte dabei
ihr türkis glänzendes, hufeisenförmiges Lippenbandpiercing,
welches sie sich mit fünfzehn heimlich selbst gestochen hatte. Ihrer
Mutter war es natürlich nicht lange verborgen geblieben, aber
wirkliche Konsequenzen waren daraus nicht gefolgt. Immerhin war es
nicht das rebellischste, was eine der Töchter – vor allem Sophie –
nach dem Tod ihres Vaters angestellt hatte. Gut, dass wenigstens das
mit sechzehn ebenso heimlich gestochene Tattoo unbemerkt geblieben
war.

„Nein, alles klar. Ich denke, bis
nächsten Montag finden wir jemanden. Was willst du kochen? Ich hab
alles für ein vegetarisches Chili da.“

„Klingt gut, her damit!“

Jenny blieb noch einmal stehen, während
Sophie bereits in die Küche hinüber ging. Sie flüsterte beinahe,
aber ihre Schwester hörte sie dennoch. „Sophie?“

Die Angesprochene blieb stehen, drehte
sich um. „Danke für deine Hilfe. Ohne dich würde ich das nicht
schaffen.“

Die Miene ihrer Schwester verdunkelte
sich etwas. „Ich kann dich damit nicht allein lassen.“ Sie trat
zurück zu Jenny hinüber und umarmte sie. „Außerdem geht es mir
auch um meine eigene Haut“, scherzte sie mit einem warmen Lächeln.
Beide wussten, dass darin mehr als ein Körnchen Wahrheit steckte.

Nach dem Essen wuschen die beiden
schweigend gemeinsam ab, eine eingespielte Routine, die sie in den
letzten Jahren entwickelt hatten, als sie noch zuhause gewohnt
hatten. Ihre Mutter hatte sich einen zweiten Job suchen müssen, um
die Familie zu ernähren, so war für alltägliche Haushaltsaufgaben
nicht sehr viel Platz geblieben.

Als der letzte Teller klappernd
verstaut war, blickte Jenny auf die Uhr. Beinahe zehn. Die beiden
hatten lange zusammen in der geräumigen, etwas unordentlichen aber
sehr wohnlichen WG-Küche gesessen und geredet. Sophie hatte von
ihrem neustens Kunstprojekt erzählt. Wie sie das immer neben dem
Studium schaffte, war Jenny ein Rätsel, aber wahrscheinlich war
Wirtschaftschemie nicht so lernaufwändig wie ihr eigener
Studiengang, Molekularbiologie.

Im Gegenzug berichtete Jenny ihrerseits
von ihrem neusten Versuch, einen Sport länger als ein Semester
durchzuhalten. Stolz konnte sie berichten, Tae-Kwondo mittlerweile
seit einem Jahr beinahe wöchentlich zu trainieren.

Sie umarmten sich noch einmal zum
Abschied und nachdem die Eingangstür hinter ihrer Schwester
zugefallen war, setzte sich Jenny noch einmal an ihren Schreibtisch.
Sie würde am Wochenende nicht zum Lernen kommen, und neben den
Klausuren war in nächster Zeit auch noch ein Referat über
forensische Molekularbiologie fällig, mit dem sie sich jetzt
deutlich lieber auseinandersetzen wollte als mit dem folgenden
Wochenende. Zudem war mal wieder ihr Ehrgeiz geweckt. Wenn sie schon
so einen Fluch am Hals hatte, sollte dieser nicht ihr Leben
kontrollieren.

Am Freitag klingelte wie immer früh
der Wecker, und so war Jenny die erste in der Küche. Mathilda hatte
sich wohl nach der Nachtschicht bereits hingelegt, jedenfalls standen
ihre Stiefel im Flur. Von Bennie noch immer keine Spur. Den Tag
wollte sie noch zum Lernen nutzen, doch ab dem Nachmittag rief die
Pflicht in Form des obligatorischen Stylings.

Gut, dass Sophie da war, Jenny konnte
selbst kaum mit dem Maskara umgehen, geschweige denn hatte sie Ahnung
von der Feinabstimmung ihres Lippenstiftes mit dem richtigen
Lidschatten. Als ihre Schwester mit ihr fertig war und den Blick auf
ihr Spiegelbild freiließ nickte sie anerkennend. „Ohne arrogant
klingen zu wollen – das sieht super aus!“ Sophie verneigte sich
im Scherz, dann machte sie sich an ihr eigenes Makeup. Es konnte
nicht schaden, wenn sie beide suchen würden.

Draußen wich die Dämmerung bereits
der Dunkelheit der Nacht, als Jenny die sorgfältig ausgewählten
Klamotten bereit legte. Sie hörte, wie Sophie ihre Tasche im Bad
zuzog und hinaus auf den Flur trat. Sie selbst legte ihre kleine,
schwarze Ausgetasche neben die Bluse und holte die kleine Phiole aus
ihrem Versteck.

Der Club vor ihr dröhnte in die kühle
Nachtluft. Noch war der DJ nicht zur Höchstform aufgelaufen, falls
ihm dies denn noch gelingen würde. Jenny fröstelte in ihrer
Strumpfhose unter dem eng anliegenden, kurzen Lederrock und der
dunkelroten, tief ausgeschnittenen Bluse. Das Make-up, der dick
aufgetragene, rote Lippenstift und die künstlichen Wimpern waren wie
eine Maske, und genau das brauchte sie nun, um ihre Rolle gut zu
spielen. Auf ihren hohen, mit glitzernden Steinchen besetzten Schuhen
ging sie mit klackenden Schritten auf den Eingang zu. Vor dem
Türsteher hatte sich eine kleine Schlange gebildet, aber eine allein
auftretende junge Frau ließ er natürlich gerne noch herein. Jenny
lächelte, als ihr der Stempel auf die Hand gedrückt wurde und
betrat den noch lauter wummernden Club. Die Tanzfläche war, wie
erwartet, überfüllt. Es war warm von den Leibern der tanzenden
Menschen, roch nach Deo, Schweiß und Rauch. Die Musik dröhnte in
den Ohren und vibrierte in allen sich bewegenden Leibern. Auf eine
Jacke hatte Jenny verzichtet, Sophie hatte sie direkt vor dem Eingang
abgesetzt. Nur mit ihrer kleinen Handtasche, in der sich außer einem
kleinen Schein und ihrem Handy nur noch ein Taschentuch und ihre
Ausrüstung für Anlässe wie diese befand, kämpfte sie sich durch
die tanzende Menge zur Bar, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Dort angelangt lehnte sie sich gegen den Holztresen und ließ ihren
Blick langsam durch den Raum gleiten. Der DJ hatte wohl so langsam
das Motto der Party begriffen und war zu etwas romantischerer Musik
übergegangen – oder zu dem, was aktuelle Popkünstler dafür
hielten.

Am Rande tigerte ein einsamer junger
Mann herum, mitten auf der Tanzfläche wurden junge Männer und
Frauen wild angetanzt und gebaggert und auch an der Bar standen ihre
Chancen wohl nicht schlecht. Als sie nach fünf Minuten jedoch nur
der Barkeeper angebrüllt hatte – eine andere Art der Kommunikation
war hier nicht möglich – ob sie etwas trinken wolle, winkte sie ab
und bewegte sich nun doch auf die Tanzfläche.

So gut es ging bewegte sie sich im
repetitiven Beat, den immer gleichen Harmonien und den ebenso
nichtssagenden Texten. Eins musste man den DJ lassen, wenigstens die
Übergänge bekam er hin.

Nach fünf Liedern, in denen sie sich
rhythmisch in der anonymen Masse bewegt hatte, bemerkte Jenny, wie
sie zu schwitzen begann. Sie tanzte sich langsam an den Rand und ging
dann zur Toilette. Die Schlange war kurz, nur drei kichernde Mädchen
standen vor ihr an. Der Blick in den Spiegel verriet ihr, dass
Sophies Künste immer besser wurden. Ihr Make-Up saß perfekt, kein
bisschen verwischt. Auch ihre Haare saßen, dank einer Menge
klebrigen Haarsprays, noch in perfekten Locken. Na los, Männer –
sprecht mich an!, dachte sie und musste über sich schmunzeln. Es
wirkte fast, als wolle sie etwas an ihrem Beziehungsstatus ändern.
Wobei das hier wohl die falsche Gelegenheit wäre. Was Singleparty
hieß, war ja wohl jedem klar. Ein kurzer Blick aufs Handy verriet,
dass Sophie am anderen Ende der Stadt ebenfalls noch keinen Erfolg
hatte. Also hieß es, weitersuchen. Und wenn es die ganze Nacht
dauerte.

Draußen schlug ihr erneut die Musik um
die Ohren, sie wollte es dieses Mal in der anderen Ecke der
Tanzfläche versuchen. Dort angekommen wechselte der Rhythmus wieder,
ebenso die Bewegungen der Menschen. Jenny bewegte sich ebenfalls,
ausgelassen genug, um angetrunken zu wirken, aber unauffällig genug,
um niemanden zu verschrecken.

„Hallo, Püppchen“, ertönte eine
männliche Stimme direkt in ihrem Ohr. Jackpot. Es gab einen
Freiwilligen. Sie drehte sich um und schenkte dem großen,
schwarzhaarigen Fremden mit Dreitagebart und hellgrauen Hemd ein
verführerisches Lächeln. Er sprang drauf an, tanzte sie weiter auf,
wahrscheinlich erotisch gemeinte Art, an. Ja, er war eindeutig so
betrunken wie sie sich gab. Sie kam ihm langsam näher, berührte ihn
wie zufällig. Nach ein paar weiteren Liedern brachte er seine Lippen
an ihr Ohr. „Willst du was trinken?“

Darauf hatte sie gewartet. Sie nickte,
folgte ihm zur Bar hinüber. Er hing schon arg schief auf dem
Barhocker, artikulierte sich aber noch klar genug für ein
„Wodka-E!“. Jenny beugte sich zum Barkeeper und bestellte sich
ein Bier. Das wäre das richtige für heute.

Jetzt hieß es, das richtige Timing zu
finden. Sie stieß mit dem Mann, der nur etwas älter als sie war, an
und blickte ihm dabei in die hellgrünen Augen. Er wertete das als
gutes Zeichen, was seine Hand auf ihrer Schulter verriet. Als sie ihm
kichernf noch etwas näher kam, rutschte seine Hand langsam ihren
Rücken hinab. Sie ließ es zu, wachsam den Blick auf sein Glas
gerichtet. Nur ein Griff in ihre Handtasche, nur eine kurze
Unaufmerksamkeit seinerseits… „Und Püppchen, wie heißdu?“,
lallte er. Sie lächelte kokett und beugte sich zu ihm. „Theresa,
und du?“ Sie bemühte sich, zumindest ein wenig angetrunken zu
klingen. Ihm fiel es jedoch ohnehin nicht mehr auf.

„Kannsd mich Johnny nennen,
Püppchen.“

„Alles klar, Johnny“, kicherte sie
und hoffte, dass er auf die etwas dämliche Art ansprang. Was er tat,
wenn sie seine Hand auf ihrem Hintern richtig interpretierte.

„Wollen wir noch tanzen?“, fragte
sie, als nur noch die Hälfte seines Glases voll war. Ihr Bier hatte
sie genug angerührt, dass es keinem auffiel. „Is klar, Püppschen.
Lass mich nur eben austrink’n.“

Jetzt oder nie. Sein Blick hing kurz am
Hintern einer vorbeigehenden Schönheit, was Jenny herzlich wenig
störte. Sollte Johnny noch einen schönen Abend haben. Mit geübtem
Blick ließ die Hand in die Tasche gleiten, schnippte das kleine
Fläschchen auf und kippte innerhalb weniger Sekunden die Flüssigkeit
in sein Glas, dass er fest in der rechten Hand hielt. Um die Bewegung
zu tarnen, ließ sie ihre Hand auf seine gleiten, die Phiole noch
immer zwischen zwei Fingern eingeklemmt, aber genau darauf bedacht,
dass er sie nicht bemerkte. Er blickte wieder zu Jenny, blieb eine
Sekunde an ihrem Dekolleté hängen und hob dann den Arm, um sein
Glas zu leeren. Sie ließ ihn machen und nahm ebenfalls noch einen
Schluck von ihrem Beck’s, ehe sie die halbvolle Flasche auf den
Tresen stellte. Johnny zog sie wieder auf die Tanzfläche und dieses
Mal ging er noch mehr ran, die Hände auf ihrem Hintern gehörten
beinahe zum Standardprogramm seines Tanzes. Er versprach sich ganz
offensichtlich etwas von ihr. Es tat ihr fast leid.

Die Tanzfläche leerte sich ein wenig,
Jenny schätzte, dass nun Zeit für alle heute Abend gebildeten
Pärchen wäre, zu verschwinden. Ihre Chance.

Sie lockte ihn zum Rand der Tanzfläche,
wo sie mit dem Rücken zur Wand stand. Sie verdrängte den Gedanken
an den Mann vor eineinhalb Jahren, der ähnlich wie der gute Johnny –
oder wie auch immer er in echt hieß – hier nach Alkohol gestunken
hatte. Nur dass er um einiges weniger auf ihr Einverständnis bedacht
gewesen war.

Jenny blickte Johnny auf die Lippen,
biss sich genau wie sie es so oft geübt hatte auf die eigene und
blinzelte dann zu ihm hoch. Er reagierte genau wie erwartet, seine
warmen, feuchten Lippen landeten auf ihren und sie schmeckte den
billigen Energydrink. Erfolgreich überwand sie den Ekel, als seine
Zunge ihre Lippen berührten, und sie erwiderte den Kuss.

Als er sie einen Augenblick atmen ließ,
blickte sie ihn so verführerisch sie konnte, an.

„Woll’n wir zu mir?“, fragte er.
Ein Glück – bald hätte sie diese Frage stellen müssen. So war es
wesentlich leichter. Es war wirklich jedes Mal eine Erleichterung,
wenn sie niemanden aussuchen musste. So fühlte es sich weniger nach
einer Jagd an. Sie kicherte. „Aber gerne“, hauchte sie ihm ins
Ohr.
Bei der Garderobe angelangt strich sie ihm über den Arm.
„Ich ruf und ein Taxi, ich hab schon alles.“

Er nickte, hielt sich am Tresen der
Garderobe fest und hatte Schwierigkeiten, mit der jungen Frau
dahinter zu reden. Gut, die KO-Tropfen wirkten so wie sie sollten.

Keine zehn Minuten später hielt der
Wagen vor dem Club und Jenny bugsierte den kaum noch ansprechbaren
Mann auf der Rückbank. Ihre Scharade war nun nicht mehr nötig, „Zu
dir, Sophie“, wies sie ihre Schwester an.

„Alles klar.“

Sophie gab Gas, während sich Jenny
anschnallte und den Mann neben sich ebenfalls. Auch wenn er die Nacht
ohnehin nicht überleben sollte, so musste er ja nicht auf ihren
Schoß kippen. Und wer weiß, vielleicht bestand die Puppe ja auch
unversehrte Opfer.

Jenny wischte sich den Lippenstift mit
einem Taschentuch ab und griff nach der, im Wasser deponierten
Wasserflasche.

Während der kurzen Fahrt war es still.
Allein das leise Atmen des Mannes, der mit dem Bewusstsein kämpfte,
war neben den Motorengeräuschen zu hören.

„Gut, dass du im Erdgeschoss
wohnst!“, keuchte Jenny, als sie mit Sophies Hilfe den Mann aus dem
Auto in die Wohnung gebracht hatte. Johnny hatte den Kampf gegen die
K.O.-Tropfen endgültig verloren und war noch vor Ende der Fahrt in
einen tiefen Schlaf gesunken. Sie setzten ihn auf den vorbereiteten
Stuhl, banden seine Arme und Beine sicherheitshalber mit Kabelbinder
fest und zogen die Plane unter ihm zurecht.
Jenny atmete tief
durch und nickte Sophie zu. Diese biss die Zähne zusammen, verließ
ihr Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich.

Was Sophie die nächste Stunde über
tun würde, entzog sich Jennys Kenntnis – war aber auch nicht
wichtig. Für die zählte jetzt nur der Deal.

Sie stand auf, nachdem sie eine letzte
Falte im Plastik glatt gestrichen hatte und ging hinüber zu der
großen, schwarzen Umhängetasche, in der Sophie alles bereit hielt.
Den Beutel mit der Asche fand sie auf Anhieb, und mit routinierten
Bewegungen streute sie das feine graue Pulver in einem ordentlichen
Kreis um den Mann herum. Als sie fertig war, sah sie noch einmal ganz
genau nach, ob der Kreis auch wirklich geschlossen war. Dann atmete
sie einmal tief ein und lauschte in die Totenstille des Zimmers.

Johnny hatte sich noch nicht geregt,
doch Jenny meinte ein schwaches Liderflattern ausmachen zu können.

Als sie sicher festgestellt hatte, dass
alles wie gefordert war, flackerte auch schon das Licht. Es war nicht
so, dass die Glühbirne schwächer wurde, nein. Vielmehr flackerte
die Farbe, das ehemals warme, gelbe Licht verlor pulsierend an Wärme,
bis schließlich alles grau, kalt und farblos war. Die Dunkelheit im
Zimmer schien an Substanz gewonnen zu haben und nichts außerhalb
dieses Raumes existierte mehr. Nichts lebte in dieser grauen
Aschewelt, in der sie sich jetzt befanden – außer Jenny und dem
Mann vor ihr, der nun verwirrt die Augen öffnete.

„Was zum-?“, entfuhr es ihm, doch
weiter kam er nicht. Seine Augen weiteten sich und er brauchte einen
Augenblick, um seine Angst mit Wut zu überdecken. „Wo hast du mich
hier hingebracht, du dumme Schlampe? Was ist das für ein
Psychospiel?“

Jenny ignorierte die Beleidigungen. Ihr
Job war getan, zumindest bis die Puppe fertig war.

Sie trat beiseite, um Johnny den Blick
auf das filigrane Porzellanwesen frei zu geben.

Dieses thronte wie immer auf der
Anrichten gegenüber des Stuhls, das Kleid ordentlich, das Haar frei
von Asche. „Gut gemacht, liebes Kind“, lobte die Puppe und
starrte mit ihren leblosen Augen den Mann an. Dieser war sprachlos,
starrte nun offen ungläubig die Puppe an und konnte seinen Sinnen
scheinbar nicht trauen. Seine Lippen klappten auf, er setzte zum
Sprechen an doch fand keine Worte, weshalb sein Mund unverrichteter
Dinge offen stehen blieb.

Jenny zog sich zurück, schritt näher
an die Wand. Ihr Herz raste bereits. Sie wollte nicht sehen, was nun
auf sie zukam.

Die Puppe starrte noch immer den armen
Johnny an, der anfing heftig zu schwitzen und an seinen Fesseln zu
rütteln. „Was ist hier los?“, schrie er nun und warf sich heftig
hin und her, in dem verzweifelten Versuch, seinem Schicksal zu
entgehen. Mit einem eckigen, scharfen Ruck war der Kopf der Puppe auf
einmal um wenige Grad nach links geneigt, den Blick hatte sie noch
immer auf ihn gerichtet. Seine Haut begann, zu glühen, farblos und
grau. Wie ein Stück altes Papier, das der Glut übergeben wurde.
Stellenweise lösten sich feine Körnchen, wie grauer Sand rieselten
sie auf die schwarze Plastikplane. Dort, wo die Asche heraus
gerieselt war, blieben Brandstelle, wie bei einem alten Pergament.
Auch Johnny bemerkte es, obwohl er wohl in dem Sinne keine Schmerzen
zu haben schien. Ungläubig, mit panisch geweiteten Augen starrte er
seinen Arm an, in dem bereits ein großes Brandloch klaffte. Dort, wo
er hätte Fleisch oder Knochen sehen sollen, war nur weitere Asche
und darunter glimmte leicht die farblose Glut. Er stellte all seine
Versuche, sich loszureißen ein, und blickte Jenny direkt in die
Augen. Auf seiner Stirn breitete sich ein Brandloch aus, fraß sich
von seinem Haaransatz zu seinem Auge hinab und offenbarte tiefe
Schwärze. Seine linke Wange war bereits vollständig zu Asche
zerfallen, als er die grauen, trockenen Lippen öffnete und ein
letztes Mal ausstieß: „Warum?“. Sein Mund blieb offen stehen,
als er seinen letzten Atemzug ausstieß und mit dieser letzten Frage
auch sein Leben aushauchte.

Dann breitete sich das Grau noch
schneller aus, erfasste seinen ganzen Körper, fror seine
Gesichtszüge ein. Einige Atemzüge lang blieb der Körper starr in
seiner Form, wie ein verbrannter Holzscheit, der noch wie intakt im
Kamin liegt, bis man ihn berührt. Dann drehte sich die Puppe
ruckartig zu Jenny und Johnnys Asche stürzte mit einem Schlag zu
Boden, genau in den ausgestreuten Aschekreis.

„Sammle es ein“, befahl die Puppe
in dem gewohnt freundlichen Ton, der Jenny eine Gänsehaut über den
Rücken jagte.

Sie gehorchte. Während sie mit bloßen
Händen in den kalten, staubigen Überresten des Mannes wühlte,
spürte sie den Blick der Puppe auf sich. Sie überwachte jede
Bewegung, dass sie ja alles einsammelte und ihr überbrachte. Jenny
dachte gar nicht daran, nicht zu gehorchen. Das kam nicht mehr in
Frage.

Als sie alles, was sie mit bloßen
Händen einsammeln konnte, im schwarzen Lederbeutel verstaut hatte,
hob sie den Stuhl beiseite und faltete die Plane sorgfältig
zusammen, schüttete den letzten Rest der Asche zusammen in eine Hand
und füllte sie zum Rest in den Lederbeutel.

Mit jedem Handgriff kehrte das Leben,
kehrten die Farben in das kleine Wohnzimmer ihrer Schwester zurück
und die einzige Lichtquelle, das schwache Deckenlicht, erlangte seine
alte Lichtqualität zurück. Wie ein Farbfilter lag nun nur noch das
Gewissen in dem Zimmer und verdüsterte Jennys Sicht auf die Welt.

„Danke, liebes Kind. Bis zum nächsten
Mal“, erklang die Stimme der Puppe hinter ihr, als sie sich zur
deren vorherigen Aufenthaltsort auf der Anrichte umgedreht hatte. Mit
dem Echo eines Klingelns verschwand die Porzellangestalt wieder und
ließ Jenny allein zurück, nur mit einem Beutel der Asche eines
jungen Mannes in der Hand.

Jetzt, da sie allein war, überfiel sie
mit einem Schlag die Müdigkeit. Es frühestens zwei Uhr nachts
gewesen, als sie den Club verlassen hatte und draußen dämmerte es
noch lange nicht. Ihr Rücken tat weh, ihre Augen brannten – halb
vor Müdigkeit, halb wegen des Makeup, das sich verklebt und wie eine
zweite, ungewollte Haut auf ihrem Gesicht wieder in Jennys
Aufmerksamkeit drängte. Sie atmete erschöpft aus, doch noch war die
Nacht nicht überstanden. Sie musste nun noch für Ordnung sorgen,
nach Hause fahren und dann irgendwie zur Ruhe kommen. Immerhin waren
es nur noch zwei Wochen bis zu den Prüfungen.

Beinahe hätte sie gelacht – dass sie
jetzt an Klausuren und Noten dachte, nachdem sie einen Mann ermordet
hatte, grenzte an Psychopathie. Aber es führte ihr eben eines vor
Augen: Dass das hier nun mal ihr Leben sein musste. Das hier war die
bessere Wahl.

Nachdem sie den Stuhl wieder in seinen
ursprünglichen, unschuldigen Zustand gebracht und die Plastikplane
in ihrer Tasche verstaut hatte, klopfte sie an der Küchentür.
Selbstverständlich war Sophie noch wach. Ihre dunkel umrandeten
Augen waren gerötet vor Müdigkeit, und ihre schwarzen Haare standen
unordentlich von ihrem Kopf ab, als sie ihrer Schwester öffnete und
zu ihr ins Wohnzimmer trat.

„Es ist vorbei“, stellte Sophie
fest. Ihre Schwester nickte. „Ich fahr dich nach Hause. Du hast
alles?“

Wieder bejahte sie, schulterte die
Umhängetasche und das kleine Handtäschchen, das sie im Club dabei
gehabt hatte und folgte ihrer Schwester die Treppe hinab zum Auto.

Beide schwiegen auf den Fahrt, und so
hing Jenny ihren erschöpften Gedanken nach.

Johnny war nicht der erste gewesen,
natürlich nicht. Nicht einmal der erste in dieser Stadt. Der
Ausdruck in seinen Augen, kurz bevor er vollkommen zu Asche geworden
war, war jedes Mal der selbe. Der selbe, wie ihn bereits der kleine
Vogel gezeigt hatte, den die Puppe ein halbes Jahr nach dem Tod ihre
Vaters verlangt hatte.

Es war ein warmer Sommertag gewesen.
Jenny erinnerte sich noch genau, genauer als an alles anderen Tage,
an denen die Puppe sie besucht hatte. Nun, jedenfalls beinahe.

Der laue Sommerwind hatte in den Bäumen
im Garten geweht – in ihrem alten Garten bei dem alten Haus, ehe
sie hatten umziehen müssen weil ihre Mutter allein zu wenig
verdiente – und die Vögel hatten gesungen. Jenny hatte allein auf
der Schaukel gesessen, Sophie und Mama stritten im Haus. Und dann war
dort eine einzige Ascheflocke auf ihrem Rock gelandet und die Welt
war wieder wie in der Nacht des sechsten Dezember. In der aschernen
Nikolausnacht.

Der Vogel war wie von selbst zu ihr
gekommen. Oder vielleicht auf Befehl der Puppe? Jenny hatte sein
pochendes Herz spüren können, als sie ihn einfach festhielt und
zusah, wie er schier verbrannte. Verbrannte, ohne eine Flamme, ohne
Hitze, ohne Schmerz. Aber mit der puren Verzweiflung einer verlorenen
Seele, die um ihr Schicksal wusste.

Sophie ließ den Wagen laufen, als sie
vor Jennys Haus angekommen war. „Mach’s gut. Melde dich sobald du
magst“, verabschiedete sie sich schlicht. Jenny nickte. „Danke“,
war alles, was sie in dieser Nacht noch sagen wollte, ehe sie die
Wagentür hinter sich zufallen ließ, den Schlüssel heraussuchte und
das dunkle Treppenhaus hinauf stieg.

In der Wohnung angekommen ließ sie
alles auf den Boden fallen und schnappte sich ein altes T-Shirt und
frische Unterwäsche. Ihr war egal, wer jetzt schlafen wollte. Sie
brauchte eine heiße Dusche. Nur den schwarzen Lederbeutel stellte
sie behutsam auf den aufgeräumten Schreibtisch, neben ihren Ordner
mit den Lernzetteln und ihre Lehrbücher.

Als sie die Türschwelle erreicht
hatte, drehte sie sich noch einmal um. Alles war noch da. Kaum, dass
sie den Blick wieder abgewendet hatte, verriet ihr ein leises
Klingeln, dass dies nun nicht mehr der Fall war.

Für heute war es vorbei.

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