Kurz

Schneegestöber

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

„Den da, Papa!“ Mein kleiner Bruder rief aufgeregt über den ganzen Platz. Er stand neben einer amerikanischen Tanne, die fast drei Mal so groß war wie er selbst. Mit hektischem Winken und Deuten wurden wir auf den Baum hingewiesen.

Mein kleiner Bruder war damals gerade erst fünf Jahre alt geworden. Ich war seit einigen Monaten in der dritten Klasse. Es war kurz vor Weihnachten und die Ferien hatten gerade vorzeitig angefangen.
Wir waren mit meinem Vater zusammen an diesem Morgen zu einem der Weihnachtsbaumhändler gefahren, um einen Tannenbaum auszusuchen. Auf diesen Tag hatten wir uns schon seit dem Beginn der Adventszeit gefreut und vielleicht sogar schon seit dem Ende der letzen. Es war ein Ritual, das jedes Jahr gehalten werden musste. Nicht etwa aus einer familiären Tradition heraus oder weil wir religiöse Vorstellungen hatten. Es war der Ausflug mit unserem Vater. Papa arbeitete immer viel. Er hatte keine regelmäßigen Schichten und kam meistens erst kurz vor dem Abendbrot nach Hause. Manchmal, wenn wir schon in unseren Betten lagen und das Licht bereits gelöscht war, horchten wir, ob da nicht gerade der Schlüssel ins Schlüsselloch gesteckt und die Tür aufgeschlossen wurde. Manchmal war es sehr schwer, seinen Vater den ganzen Tag nicht zu sehen. Einmal hatten wir uns morgens gestritten. Schon in der Schule plagte mich mein schlechtes Gewissen und ich konnte es nicht erwarten, nach Hause zu kommen, um mich mit ihm zu versöhnen. Doch ausgerechnet an diesem Tag musste er so lange arbeiten, dass ich seine Rückkehr nicht einmal mehr mitbekam.
Nur in der Weihnachtszeit hatte mein Vater immer etwas weniger zu tun und mehr Zeit für uns. Und ganz besonders dann, wenn er mit uns den Baum kaufen ging.
Aber vor allem ging es meinem Bruder und mir um die jährliche Aufführung des Tannenbaumexperten. In der Haupt- (und einzigen) Rolle: Papa.

Mein Vater zwinkerte mir zu und nickte mit dem Kopf in Richtung meines Bruders. Und ich wusste genau, dass es soweit war. Wir stapften durch den Schnee des kleinen Parks, in dem die Tannen standen, zu meinem Bruder hinüber. Es hatte vor einigen Tagen angefangen zu schneien und die Stadt war unter der winterlichen Decke zur Ruhe gekommen. Weiß und kalt lag die Außenwelt da.
„Was sagst du zu der hier?“, rief mein Bruder aufgeregt. Mein Vater machte ein kritisches Gesicht. Er musterte den Baum von oben bis unten, legte sich eine Hand auf den Mund und die Finger auf die Wangen, kratze seinen Bart. „Hmm… ja…“, begann er sinnierend. Wir Kinder stießen uns vorfreudig mit den Ellenbogen in die Rippen. Das Schauspiel hatte begonnen! Wir fingen schon jetzt an zu prusten, als wir versuchten, das Lachen zu unterdrücken. Papa kniff ein Auge zu und inspizierte weiterhin den Baum. „Gerade gewachsen, keine starke Krümmung. Schön, schön“, murmelte er gespielt abwesend. Als Nächstes wurde geprüft, ob die amerikanische Tanne denn auch noch frisch war. Mein Vater rieb einen kleinen Zweig und dessen Blätter zwischen zwei Fingern hin und her. „Hmm… ja… klebt ein wenig, nicht zu viel, nicht zu wenig! Und…“, er roch erst an seinen Fingern, dann an der Tanne, „ja, duftet auch ganz hervorragend.“ Wir waren längst in schallendes Gelächter ausgebrochen. Dem Weihnachtsbaumexperten hielt man kaum länger als eine halbe Minute stand. Wir hielten uns die Bäuche vor Lachen. Unbeirrt fuhr unser Vater fort: „Die Spitze ist etwas krumm… aber die kommt ja eh ab.“ Er grinste uns für einen kurzen Moment an, bevor er wieder seine ernste, fast schon ehrwürdige Prüfermine aufsetze. „Allgemein schön üppig, oben nicht zu licht, unten sehr gleichmäßig.“ Mittlerweile taten uns die Bäuche schon weh vor Lachen und wir hatten Tränen in den Augen. Ich musste mich auf den schneebedeckten Boden setzen, um mich wieder ein wenig zu fangen. Der Blick unseres Vaters wanderte von der Tanne zu mir zu meinem Bruder zurück zur Tanne, musterte sie ein weiteres Mal von oben bis unten und wieder nach oben, wanderte wieder zu meinem Bruder und zu mir. Gespannt warteten wir auf das Urteil des Weihnachtsbaumexpertens. Die Spannung war zum Zerreißen groß. „Den nehmen wir!“, sagte mein Vater endlich. Wir jubelten und lachten.

Wir trugen den Baum gemeinsam zu einem der Verkäufer, einem Mann mittleren Alters in der typischen Kluft eines Floristen zur Weihnachtszeit: Über dem Wollpullover trug er eine Weste mit mehr Taschen, als wir drei zusammen an unseren Hosen hatten, eine Wollmütze, eine Schneehose, die von einem Werkzeuggürtel gehalten wurde, und dicke Arbeiterhandschuhe. „Na, da haben Sie sich ja ein richtiges Prachtexemplar ausgesucht! Wirklich eine schöne Tanne. Da werden sie noch bis Januar einen schönen Anblick haben.“, sagte er freundlich, während er mit dem Lineal den Preis berechnete. „Ja, das stimmt. Den hat der junge Mann hier ausgesucht.“, antwortete mein Vater und wies auf meinen Bruder, „Scheint ja das Talent von seinem Vater geerbt zu haben.“ Der nette Verkäufer schob den Baum durch die Netztrommel und wickelte ihn so ein, dass wir ihn einfacher transportieren konnten. Dann sah er zum Himmel. Beiläufig murmelte der ältere Mann vor sich hin: „Schneit ja schon wieder.“ Und dann zu uns gewandt: „Oder immer noch? Hat ja seit Tagen nicht wirklich aufgehört.“

Es stimmte. Mittwochabend waren im Schutz der Dunkelheit die ersten Schneeflocken gefallen. Fast schon heimlich und leise hatten sie die Welt in die kalte, weiße Decke gehüllt. Kaum jemand nahm davon Notiz. Außer uns Kindern. Als wir schon mit Schlafanzügen im Bett lagen und der Schlaf sich durch die Dunkelheit an unsere Betten schlich, sahen wir, wie erst einige wenige, dann hunderte, dann tausende kleiner Schneekristalle vom Himmel segelten. Der Schlaf und die Müdigkeit wichen augenblicklich der Aufregung und der Vorfreude. Wir sprangen aus den Betten und liefen zum Fenster, quetschten uns vor den Vorhang und sahen mit großen, leuchtenden Augen dem Treiben zu. „Meinst du, das hält sich bis morgen?“, fragte mich mein Bruder hoffnungsvoll. Ich rollte gespielt mit den Augen, wie es ältere Geschwister gerne tun, wenn sie gegenüber ihren kindlicheren jüngeren Geschwistern erwachsen wirken wollen. „Natürlich bleibt der Schnee liegen! Nachts wird es doch noch kälter.“ Die Augen meines Bruders leuchteten und wir huschten zurück in unsere warmen Betten und unter die Decken.
Ich behielt recht. Am nächsten Morgen waren die Straßen mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Der Weg zur Schule war das reinste Vergnügen und in den Pausen waren alle Kinder auf dem Schulhof und bauten Schneemänner oder machten Schneeballschlachten. Und es hörte den ganzen Tag nicht auf zu schneien. Donnerstagabend kam dann die Nachricht, die uns so begeisterte: Die Schule blieb aufgrund des vielen Schnees geschlossen. Die Ferien wurden einen Tag früher eingeläutet. Ein schöneres Geschenk hätte es kaum geben können und wir dachten, dass dies das beste Weihnachten aller Zeiten sein musste. Der Baum war bezahlt und mein Vater trug ihn auf der Schulter. Wir liefen durch einen weitläufigen Park, der in unserer Straße begann und sich einige wenige Kilometer bis zur Hauptstraße erstreckte. Ringsherum standen Bäume, die wie ein großer, natürlicher und dennoch fast magischer Zaun aussahen. Vom Schnee weiß gestrichen und mit ihren Ästen ineinander gekreuzt, schienen sie eine eigene kleine Welt zu begrenzen. Ein märchenhaftes Reich, geschützt durch die weißen Wächter, abgeschnitten von Alltag, Autos und der Wirklichkeit. Wir Kinder spielten und toben im Schnee umher. Mal versteckten wir uns im Schnee, mal erschreckten wir unseren Vater, wenn er hinter uns her gestapft kam und wir an einer Biegung auf ihn warteten, und mal flogen Schneebälle durch die Luft. Es war herrlich. Und es war eiskalt. Doch das freute uns umso mehr. Zum Winter gehörte nun mal, dass es ordentlich kalt war. Wie sollte man sich denn sonst auf den heißen Kakao von Mama freuen, wenn man mit Schnee in den Haaren wieder ins Haus kam?
Mittlerweile schneite es wieder stärker. Große, dicke Schneeflocken legten sich auf unsere Gesichter. Der Wind peitschte uns ins Gesicht, kroch wie ein hämischer Eisgeist unter unsere Kleidung und ließ uns nur noch mehr frösteln. Kurz hielt ich inne und sah mich um. Die Welt um mich herum wurde heller… weißer.

Und dann sprang ich zur Seite. Ein Schneeball flog an mir vorbei und traf meinen Vater. Im Gesicht. Der Ball platzte und das Gesicht meines Vaters war komplett mit Schnee bedeckt. Er bewegte sich nicht. Der Schnee bröckelte herunter. Wir sahen ihn einen fast unendlich langen Moment sprachlos und erschrocken an. Dann brachen wir in lautes Gelächter aus. „Soso. Ihr wollt also Krieg? Den könnt ihr haben!“, murmelte er spuckend. Der Baum sank zu Boden und sofort flog eine Schneekugel in Richtung meines Bruders. Prustend warf er sich zur Seite und warf eine Hand voll Schnee auf mich. Der Schnee fiel in meinen Ausschnitt und lief meinen Hals und dann meine Brust hinunter. Sofort hatte ich eine eiskalte Gänsehaut am ganzen Körper. Ich erwiderte das Feuer mit einem Schneeball, der ihn sogar traf. Mein kleiner Bruder war für sein Alter sehr flink und ob seiner geringeren Größe schwerer zu treffen. Doch dann kam mein Vater und überschüttete uns beide mit einer großen Menge Schnee. Erneut rutschte der Schnee durch die Kleidung auf unsere Haut. Wir stoben auseinander. Mal rannte mein Vater hinter mir her, mal hinter meinem Bruder. Dann und wann warf ich einen Ball in eine Richtung und bekam eine Handvoll Schnee aus der anderen Richtung ins Gesicht gedrückt. Doch wir drei lachten fast durchgehend.

Fast eine halbe Stunde tobten wir so herum. Ich glaube, keiner von uns bemerkte, wie aus dem Schneefall ein regelrechtes Schneegestöber wurde. Alles wurde immer weißer und heller. Irgendwann bemerkte ich, dass es um mich herum beinah nebelig war und mir die Augen fast ein bisschen wehtaten. Ich versuchte mich zu orientieren und konnte nur noch vage die dürren, frostigweißen Äste der Bäume sehen. Doch jetzt sahen sie anders aus. In der trüben Suppe aus Schnee und Weiß sahen sie aus wie gigantische, organische Stacheln. Ich erinnere mich noch, dass ich plötzlich eine eigenartige Impression – ja – beinahe verspürte: Die Äste kamen mir so vor, als wären sie Teile absurder Kreaturen, abscheulicher Wesen aus einer Welt aus Eis und Schnee und nicht von hier. Eine unbestimmte Angst kroch an mir hoch und löste eine weitere Gänsehaut aus. Und die Tatsache, dass ich diese Eindrücke lediglich zu fühlen schien und nicht einmal dachte oder verarbeitete, machte aus der kriechenden Angst eine eiskalte Panik.
Plötzlich fühlte ich mich ganz alleine in der Schneewüste. Ich sah fast schon, wie die kalten Finger des Monsters, genannt Eis, auf dem Boden auf mich zu krabbelten. Ich rief nach meinem Vater und meinem Bruder. Ich hörte sie sogar lachen, aber sie antworteten mir nicht wirklich. Sie schienen mich nicht zu hören. Ich sah Schatten in der nebelartigen Witterung umherhuschen. Ich lief los und versuchte meine Familie zu finden. Doch je weiter ich kam, desto mehr breitete sich in mir das Gefühl aus, heillos verloren zu sein. Ich spürte, wie die ersten heißen Tränen über mein kaltes Gesicht liefen. „Papa?“, schluchzte ich, „Papa?!“ Ich begann zu weinen. „Wo seid ihr beiden?“ Die Worte überschlugen sich, als sie aus meiner kalten, trockenen Kehle drangen.
Einer der Schatten löste sich unvermittelt aus dem Nebel und kam auf mich zugerast. Ich hörte mein Herz höher schlagen. Ich machte mich darauf gefasst, im nächsten Moment von einer Kreatur aus dem frostigsten Reich der Hölle angesprungen und auf diabolische Art und Weise zerrissen zu werden. Ich schrie.
Doch im nächsten Moment machte sich Erleichterung in mir breit. Mein kleiner Bruder rannte in mich hinein. Er grinste mich an. „Wo warst du?“, fragte er mit einem breiten Lächeln, „Papa und ich haben gespielt und dann gesucht.“ Erleichterung durchströmte mich. Das unheilvolle, unirdische Weiß wurde langsam wieder zum Schnee, in dem man so viel Spaß haben konnte. Doch noch immer konnte ich kaum weiter als einen Meter sehen. Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, fragte ich meinen kleinen Bruder, ob er wüsste, wo unser Vater denn sei. „Gerade war er noch hier“, antwortete er schulterzuckend. „Vielleicht ist er ja schon zurückgegangen und hat den Baum geholt. Komm, wir gehen auch mal in die Richtung“, sagte ich aufmunternd. Mein Bruder nickte.
Wir liefen zurück in die Richtung, in der wir den Baum vermuteten. Wir irrten lange durch die trübe Suppe. Mein kleiner Bruder griff nach meiner Hand. Ich spürte, wie er dieses Mal Panik bekam. Mit jedem Schritt wurde sie größer. Und auch ich musste mit mir kämpfen, um meine Fassung zu bewahren. Immer wieder riefen wir nach unserem Vater. Es kam nie eine Antwort. Nach einiger Zeit gelangten wir zurück auf den Weg, der durch den großen Park führte. Der Baum war verschwunden. Offenbar war unser Vater schon weitergelaufen. Wir stapften weiter durch den Schnee und das ewige Weiß um uns herum. Keiner von uns beiden sagte ein Wort. Zu groß war die Angst vor der lebenden, weißen Wüste. Wir kamen zuhause an und klingelten sofort aufgeregt. Unsere Mutter öffnete die Tür. Sie lächelte uns freundlich an. „Wo habt ihr denn Papa gelassen?“ Mir gefror das Blut in den Adern. Ohne hinzusehen bemerkte ich, dass mein Bruder anfingen zu weinen. Wir erzählten ihr, was geschehen war. Sie griff nach ihrem Mantel und wollte hinausgehen, doch wir flehten sie an, nicht das Haus zu verlassen. Also warteten wir, warteten auf den Schlüssel, der in das Schlüsselloch gesteckt wird und sich dann dreht, warteten auf meinen Vater, der hereinkommen würde, verschneit und mit dem Baum auf der Schulter. Doch er kam nicht. Als die Dämmerung hereinbrach, rief meine Mutter bei der Polizei an. Ein Suchtrupp wurde losgeschickt, doch sie konnten ihn nicht finden. Er schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Der Park war zwar groß, doch nicht so groß, dass jemand darin spurlos verschwinden konnte.
Auch am nächsten Tag gab es kein Lebenszeichen von meinem Vater. Die Polizei vermutete, er habe sich aus dem Staub gemacht, das Familienleben nicht mehr ertragen. Doch wir wussten es besser. Er war im Schnee verschwunden. In diesem lebendigen Schnee, der an diesem Tag vor Weihnachten plötzlich auftauchte und wie ein hungriges unirdisches Wesen meinen Vater verschluckt hatte.

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