Drei lang, zwei kurz

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Fall zu Akte SCP-939 – With Many Voices (Mit vielen Stimmen) KeterAkte lesen →

Ich bin gehörlos, seit ich auf der Welt bin, meine Eltern waren es auch. Bei uns zu Hause hat niemand an Türen geklopft. Man hat das Licht an- und ausgeknipst oder mit dem Fuß auf die Dielen gestampft, und das Zittern im Boden war die Klingel. Mein Vater hatte sein eigenes Zeichen: dreimal langsam, zweimal schnell, mit der Ferse vor meiner Zimmertür. Das hieß: Ich komme rein. Oder: Essen ist fertig. Oder einfach: Ich bin da.

Heute prüfe ich Panzerglas. Ich knie vor einer Scheibe, fahre sie mit UV-Lampe und Lupe Zentimeter für Zentimeter ab und suche Haarrisse, die man mit bloßem Auge nicht sieht. Dafür braucht man keine Ohren. In einem bestimmten Trakt der Foundation hat man sogar besser keine.

Dort leben Tiere, die mit menschlichen Stimmen rufen. Ich habe sie nie gehört. Genau deshalb hat man mich geholt.

Alle zwei Wochen werden sie betäubt und in die Nachbarkammer gebracht. Dann wird die leere Kammer geschrubbt, und ich prüfe das Glas von innen. Wir tragen Schutzanzüge und Hauben mit Gebläse, weil der Atem der Tiere in der Luft hängt und einen vergessen lässt, was man gerade erlebt. Durch die Hauben sieht man die Gesichter gut. Für mich ist das wichtig. Ich lese von den Lippen ab.

An meinem linken Unterarm sitzt ein kleiner Bildschirm. Darauf schickt mir die Leitstelle ihre Anweisungen als Text, und darauf sehe ich dasselbe wie die Leitstelle auf ihrem großen Schirm: die Herzschlaglinien meines Trupps, zu jedem Namen zwei. Die Regel kennt hier jeder. Eine Stimme beweist nichts. Wessen Linien flach werden, dem antwortet niemand mehr, ganz gleich, wie er klingt.

In meinem ersten Jahr habe ich gesehen, was die Stimmen mit Menschen machen. Bei einer Reinigung ließ die Betäubung früher nach als geplant. Doro, die mit mir im Trupp ist, hörte mitten in der Bewegung auf zu schrubben und drehte den Kopf zum Schott, hinter dem die Tiere lagen. Ich sah ihr Gesicht. Erst Verwirrung, dann etwas sehr Weiches. Ihre Lippen formten: „Oma?“ Henrik, unser Truppführer, nahm sie am Arm und schob sie zur Schleuse. Sie wehrte sich nicht, aber sie sah sich den ganzen Weg über nach dem Schott um.

Ihre Großmutter war seit Jahren tot. Doro hat mir später beschrieben, wie es klang: wie früher in der Küche, wenn die Großmutter nach ihr rief. Ich habe genickt. Verstanden habe ich es nicht. Ich wusste nur, dass mir das nicht passieren kann. Ich habe nie eine Stimme gehört. Mich können sie nicht rufen.

Das habe ich drei Jahre lang geglaubt.

Im Februar kniete ich bei einer Reinigung vor der Scheibe, die linke Hand flach auf dem nassen Beton, und fuhr mit der Lampe die untere Kante entlang. Da spürte ich es in der Handfläche. Dreimal langsam. Zweimal schnell.

Zuerst dachte ich an die Lüftung oder an Doros Schrubber. Doro stand am anderen Ende der Kammer und schrubbte, gleichmäßig wie immer. Henrik prüfte an der Schleuse eine Dichtung. Keiner von beiden sah zum Schott. Für sie war da nichts, höchstens ein Pochen irgendwo in den Wänden, wie es in alten Gebäuden eben pocht.

Dann kam es wieder. Dreimal langsam, zweimal schnell. Durch den Boden, aus der Richtung des Schotts, mit genau dem Gewicht, das mein Vater in seine Ferse gelegt hat. Ich habe dieses Zeichen nie jemandem gezeigt. Es gehörte uns beiden, sonst niemandem.

Ich weiß nicht, wie lange ich so gekniet habe. Ich weiß, dass ich aufgestanden bin. Ich weiß, dass meine Füße schon zwei Schritte in Richtung Schott gemacht hatten, als der Bildschirm an meinem Arm vibrierte. Die Leitstelle: „Puls 152. Alles in Ordnung?“

Ich sah auf die Linien. Doro, Henrik, ich. Die Linie meines Vaters ist vor vier Jahren flach geworden. Ein Klopfen ohne Herzschlag dahinter ist kein Mensch. In der Vorschrift steht zwar „Stimme“. Aber ich glaube, wer sie geschrieben hat, hat nur nicht an Leute wie mich gedacht.

Ich tippte „Ja“ und kniete mich wieder vor die Scheibe. Ich habe die Prüfung zu Ende gebracht. Die Hand habe ich dabei nicht mehr auf den Boden gelegt.

In der Umkleide habe ich Henrik gefragt, ob er etwas gehört hat. Er schüttelte den Kopf. Er hat trotzdem die Aufnahme der Infrarotkamera aus der Nachbarkammer angefordert, weil ich ihn darum gebeten habe und weil er mich kennt.

Auf der Aufnahme liegen die Tiere am Boden, so wie die Betäubung sie hingelegt hat, grau und reglos. Bei einem liegt eine Hand flach auf dem Beton, die Krallen dicht an der Wand zu unserer Kammer. Man muss genau hinsehen. Dann sieht man, wie sich die Hand hebt und wieder senkt. Dreimal langsam. Zweimal schnell. Zur selben Minute wie bei mir. Der Rest des Körpers rührt sich nicht.

Henrik hat den Ausschnitt dreimal abgespielt. Dann hat er mich angesehen und in Gebärden, die er nur halb kann, gefragt: „Wer?“

Ich habe es ihm gesagt. Er hat lange nichts erwidert.

Wie die Tiere an ihre Stimmen kommen, weiß niemand. Man hat mir erzählt, dass sie auch Menschen nachahmen, die nie in ihrer Nähe waren. Mein Vater hat in seinem ganzen Leben kein Wort laut gesprochen. Er war nie in diesem Trakt. Er hat sein Zeichen nur für mich gemacht, vor einer Tür in einem Haus, das längst verkauft ist.

Ich arbeite immer noch dort. Inzwischen knie ich auf einer dicken Gummimatte, wenn ich die Scheibe prüfe. Sie schluckt fast alles.

Ich dachte lange, ich sei die Einzige in diesem Trakt, die sicher ist. So ist es nicht. Die Tiere rufen nicht nur mit Stimmen. Sie rufen mit dem, worauf man hört. Bei mir mussten sie nur etwas länger suchen.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-939 von Adam Smascher and EchoFourDelta aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-939) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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