Viertelstunde

Achtung: Verstörender Inhalt

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Um Viertel vor elf drückt er die Taste der Sprechanlage. Er tut das jeden Abend, seit ich die Nachtwache an seiner Zelle habe, und das sind jetzt vier Jahre.

„Eine Viertelstunde“, sagt er. „Ich bin mitten in einem Gedanken.“

„Nein, Aldrith.“

Er nimmt es nicht übel. Er hat es nie übel genommen. Dann frage ich ihn, woher er stammt, weil das auf meiner Liste steht, gleich über dem Dimmer, und er gibt mir seine Antwort, immer dieselbe, im selben Tonfall, in diesem Englisch, das klingt, als hätte es jemand aus sehr alten Büchern gelernt. Ich kann sie inzwischen mitsprechen. Manchmal tue ich das, lautlos, hinter der Scheibe. Um elf sage ich „Gute Nacht, Aldrith“ und drehe den Dimmer herunter, langsam, weil mir das freundlicher vorkommt. Er hält mitten in der Zeile inne und sinkt über dem Pult zusammen, die Feder noch in der Hand.

Danach ist er Ton. So sagen es die Forscher, und auf dem Nachtsichtbild sieht es auch so aus: ein graues Bündel an einem kleinen Pult, sieben Stunden lang ohne die kleinste Regung. Der Rest meiner Schicht besteht aus Kaffee und einem zweiten Bildschirm, auf dem ein grüner Punkt zeigt, wo sein Peilsender ist. Der Punkt bewegt sich nie. Wohin auch.

In der Nacht auf Donnerstag ging der Punkt um zehn vor drei aus.

Kein Flackern, kein Wandern. Er war einfach weg, und darunter stand „Kein Signal“. Auf dem Nachtsichtbild saß Aldrith, wo er immer saß. Ich habe die Vorschrift aufgeschlagen, obwohl ich sie kenne. Fällt der Sender aus, wird nachgesehen, Kamera hin oder her. Ein Bild lässt sich vortäuschen, ein Griff an den Sender nicht. Es gehen zwei, einer bleibt an der Tür. Kein Licht in der Zelle, sonst ist er wach. Nachtsichtbrille.

Brack kam vom Nachbargang herüber, noch Krümel auf dem Pullover. Er löschte das Ganglicht, bevor er aufschloss, und blieb an der Tür. Ich setzte die Brille auf, und die Welt wurde grün und körnig und flach. Die Taschenlampe hing an meinem Gürtel, wie immer. Brack zeigte darauf und schüttelte den Kopf. Ich nickte. Natürlich.

Die Zelle ist klein, und trotzdem kam mir der Weg zum Pult lang vor. Alles darin ist auf seine Größe gebaut, der Stuhl, das Pult, das Regal mit den alten Büchern. Ich kam mir vor wie ein Riese, der sich in eine Schreibstube verirrt hat. Er lag mit der Wange auf dem Papier. Seine Augen waren offen, zwei helle Scheiben in der Brille, und sie sahen auf nichts.

Der Sender sitzt zwischen seinen Schulterblättern, in einem Gehäuse, so groß wie eine Streichholzschachtel. Ich musste mich tief hinunterbeugen. Sein Rücken war kühl und glatt wie ein Krug im Keller. In diesem Moment piepte die Brille zweimal, die Warnung für den Akku, und das Bild wurde dunkler und dunkler, bis ich fast nichts mehr sah.

Ich habe nach der Lampe gegriffen. Das war kein Entschluss, das war die Hand. Mein Daumen lag schon auf dem Schalter, da kam das Bild zurück, grün und körnig, und ich sah, wie nah mein Gürtel an seinem Gesicht war. Eine Handbreit. Ich habe den Daumen weggenommen.

Am Gehäuse stand ein Kontakt hoch. Ich drückte ihn mit dem Fingernagel zurück, und Brack sagte von der Tür: „Signal ist da.“ Ich ging rückwärts hinaus. Ich weiß nicht, warum rückwärts.

Um sechs habe ich den Dimmer hochgedreht. Ein paar Augenblicke, dann hob er den Kopf, sah auf das Blatt, auf dem er gelegen hatte, und dann zu meiner Scheibe. „Guten Morgen“, sagte er. Er hat nicht nach der Nacht gefragt. Er fragt nie nach der Nacht. Für ihn gibt es keine.

Um sieben gingen seine Blätter durch die Klappe zur Prüfung, wie jeden Morgen, und ein Techniker sah sich den Sender an, diesmal im Hellen. Unter dem Kontakt fand er eine dünne, trockene Schicht grauen Tons. Am Abend davor hatte Aldrith um ein Bad gebeten. Feuchter Ton, sagte der Techniker, schrumpft beim Trocknen und zieht mit, was auf ihm liegt, ein kleines Stück nur. Das dauert ein paar Stunden. Ungefähr bis drei. Dann sagte er noch, dass Aldrith damals zugesehen hat, als man seinen Sender reparierte. Die ganze Zeit, ohne ein Wort.

Am Nachmittag kam Frau Dr. Velte zu mir. Sie war bei dem Kurs dabei, in dem er einigen Forschenden eine seiner beiden Sprachen beigebracht hat, die sonst niemand kennt. Sie hatte das Blatt in einer Klarsichthülle. Die letzte Zeile, über der er um elf zusammengesunken war, stand nicht auf Latein.

„In dieser Sprache schreibt er sonst nie“, sagte sie. „Jedenfalls nicht auf Papier, das wir zu sehen bekommen.“

Sie hat mir die Zeile übersetzt. Fertig ist sie nicht. Sie bricht ab, wo ich den Dimmer heruntergedreht habe, vor dem letzten Wort. Bis dahin heißt sie:

„Um drei kommt jemand mit einem Licht. Eine Viertelstunde wird …“

Velte meint, das fehlende Wort sei „genügen“. Sie ist sich ziemlich sicher.

Er drückt jeden Abend um Viertel vor elf die Taste der Sprechanlage. Gestern auch. „Eine Viertelstunde“, sagt er, „ich bin mitten in einem Gedanken.“ Ich sage Nein, wie immer. Vier Jahre lang habe ich geglaubt, er bittet mich um Zeit zum Schreiben.

Meine Taschenlampe liegt seit Donnerstag im Spind.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-030 von Mulciber aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-030) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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