LangeTraum

Advent, Advent, ein Männlein brennt – Adventskalender 2019

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Türchen 1 Autor: Nathaniel Simon Laval Frohlocket, es weihnachtet sehr! „… und deswegen bitte ich euch, wie jedes Jahr, euer Bestes zu geben.“ Damit schritt der Chef davon. Böse Zungen würden behaupten, dass er nicht nur davonging, sondern vielmehr nur seine Plauze Spazieren führte und dabei von möglichst vielen seiner Mitarbeiter die Nerven strapazierte. Nicht jedoch Terry, denn Terry war ein stets fleißiges Arbeiterbienchen, dass nur selten an den Chef geriet und wenn, dann immer eine Möglichkeit fand, das Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Einer von vielen Gründen, warum kaum einer seiner Kollegen ihn leiden konnte, nicht, dass er das in seiner nur allzu naiven Art je spitzbekam. „Oh man, der Typ geht mir so auf die Nüsse …“, murmelte einer von ihnen – Jack, um genau zu sein – und bekam dafür reichlich Zustimmung. Normalerweise hätte Terry eine passende, halbherzig gemeinte Ermahnung parat, nicht aber heute, denn dafür war ihm seine positive Stimmung zu schade. Ab…

Türchen 1

Autor: Nathaniel Simon Laval

Frohlocket, es weihnachtet sehr!

„… und deswegen bitte ich euch, wie jedes Jahr, euer Bestes zu geben.“ Damit schritt der Chef davon. Böse Zungen würden behaupten, dass er nicht nur davonging, sondern vielmehr nur seine Plauze Spazieren führte und dabei von möglichst vielen seiner Mitarbeiter die Nerven strapazierte.

Nicht jedoch Terry, denn Terry war ein stets fleißiges Arbeiterbienchen, dass nur selten an den Chef geriet und wenn, dann immer eine Möglichkeit fand, das Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Einer von vielen Gründen, warum kaum einer seiner Kollegen ihn leiden konnte, nicht, dass er das in seiner nur allzu naiven Art je spitzbekam.

„Oh man, der Typ geht mir so auf die Nüsse …“, murmelte einer von ihnen – Jack, um genau zu sein – und bekam dafür reichlich Zustimmung.

Normalerweise hätte Terry eine passende, halbherzig gemeinte Ermahnung parat, nicht aber heute, denn dafür war ihm seine positive Stimmung zu schade. Abgesehen davon war Jack der Einzige, der ihn halbwegs aufrichtig nett behandelte, denn obschon er das nicht bemerkte, spürte doch irgendein Teil in ihm instinktiv, wenn Menschen sich ihm nicht allzu wohlgesonnen zeigten.

So leicht kam der Fleißige allerdings nicht davon. „Was denn, kein Konter auf Lager heute?“

Darüber lächelte Terry nur gutmütig, indes er leicht dahinsagte: „Nein Jack, heute nicht. Denn heute beginnt die Weihnachtszeit, die werde ich mir ganz sicher nicht vermiesen lassen. Auch nicht von einem alten Griesgram wie dir.“

Der Andere schüttelte mit einem Grinsen den Kopf, verdrehte aber gleichzeitig die Augen. „Du schon wieder. Lass mich raten, Weihnachten ist genau dein Ding, was?“

Die Frage war im Grunde überflüssig, da er die Antwort längst kannte, immerhin würde dies nicht die erste Weihnachtszeit sein, die sie zusammen verbrachten und dennoch führten sie diese Diskussion jedes Jahr aufs Neue.

„Allerdings“, bestätigte Terry. „Es ist die einzige Zeit, in der die Menschen völlig bedingungslos einfach mal ein wenig nett zueinander sind, in der sie, trotz der herrschenden Kälte, ihre warme Seite zeigen.“ Natürlich galt das bei Weitem nicht für alle, doch wenigstens für eine genügend große Menge, dass ihm für einen gewissen Zeitraum das Gefühl gegeben wurde, in einer besseren Welt zu leben.

„Nett“, lachte der andere. „Warm … Oh man, du bist mir echt einer.“

Dieser eine, verstand den Witz nicht. „Warum? Was ist so schlimm daran, sich einfach ein bisschen Herzensgüte zu wünschen?“

Jack zuckte mit den Schultern. „Nichts schätze ich. Ich verachte nur diese Heuchlerei.“

Sein Gesprächspartner verstand nicht. „Heuchlerei?“

„Ja, weißt du, meine Familie zum Beispiel. Die hassen sich alle zusammen bis aufs Blut, jeder einzelne von ihnen. Aber an Weihnachten, ja an Weihnachten lieben sie sich natürlich, weil man das von ihnen erwartet! Dann haben wir uns für ein paar Tage ganz doll lieb, nur um uns nach den Feiertagen dann wieder bei jedem Zusammentreffen anzugiften. Ich hasse das. Warum können sie nicht einfach, wie sonst auch, ehrlich zueinander sein?“

Darauf wusste Terry keine Antwort. Das Thema verlor sich aber gleichsam, da ihn nunmehr etwas anderes beschäftigte. Weiterhin mit einem Lächeln auf dem Gesicht, das jetzt ein wenig gezwungener wirkte, erwiderte er: „Muss schön sein, eine Familie zu haben.“

„Oh Sch-! Man, tut mir echt leid, dass war gedankenlos von mir.“

Der Andere schüttelte milde den Kopf. „Schon okay Jack.“ Er schaute zur Wand, an der eine Uhr im Pausenraum hing. „Wir sollten langsam raus, die Türen werden jeden Moment geöffnet.“

Das entlockte seinem Gegenüber nur ein müdes Seufzen. „Kann’s kaum erwarten …“

Türchen Nummer 1

Von dem kurzen emotionalen Dämpfer merkte Terry wenige Minuten schon nichts mehr, da er vollständig in seinem Element versank.

Kinder wuselten auf der Suche nach Dingen herum, die sie sich vom Weihnachtsmann wünschten, Eltern hetzten ihnen hinterher oder hatten die Kleinen gleich bei den Großeltern gelassen, nur um allein durch das Einkaufszentrum zu pesen, zu dessen Personal Terry gehörte. Besagte von etwaigen Verpflichtungen befreite Großeltern, waren ebenfalls auf der Jagd, genauso wie Ehefrauen und -männer für ihre Partner und nicht zu vergessen, die weitere Verwandtschaft und freilich ebenso der eine oder andere gute Freund, wollte beschenkt werden.

Kurzum: Es herrschte das reine Chaos und dabei nahm die Weihnachtszeit gerade erst ihren Anfang. In den nächsten Wochen würde der Trubel von täglich stressiger werden, bis er dann kurz vor den Feierlichkeiten seinen Zenit erreichte, da diese jedes Jahr völlig überraschend kamen und niemand auf die glorreiche Idee kam, sich dieser Dinge früher zu widmen.

In diese Bredouille kam der stets freundliche und insbesondere in Gegenwart von Kunden, immer lächelnde Terry gar nicht erst. Eine nennenswerte Familie hatte er als Waisenkind nicht zu beschenken und echte Freundschaften hegte er zu seinem Leidwesen nicht. Darum galt es für ihn umso mehr, einem jeden, der ihm in dieser Zeit über den Weg lief, ein wenig Wärme entgegenzubringen.

Und wie konnte er das besser als auf dem Posten, für den er dieses Jahr eingeteilt wurde? Das Central Center – kurz CC; obgleich es nicht einmal ansatzweise im Zentrum der Stadt lag – hatte sich für die diesjährige Weihnachtszeit, etwas Besonderes ausgedacht: Ein riesiger Adventskalender, der in der Mitte des Centers – wie sollte es anders sein? – aufgebaut worden war. Er trug den passenden Namen: Central Center Calendar, kurz: CCC – dafür würde sich die Marketingabteilung noch Wochen nach Weihnachten selbst auf die Schulter klopfen.

Der Einfallsreichtum – oder eher der Mangel daran – kümmerte Terry nicht. Ihm ging es einzig und allein um seine Stelle, für die er dankenswerterweise auserkoren worden war. Seine Aufgabe für die nächsten Wochen bestand darin, den Kalender zu überwachen, Kunden darüber zu beraten und jeden Tag, pünktlich um sechzehn Uhr ein Türchen zu öffnen, um einer glücklichen Person, eine kleine Freude zu bereiten.

Aufgebaut zeigte sich der Central Center Calendar als eine kunterbunte Ansammlung von bemalten Holzkisten, welche bis auf eine Ausnahme, jeweils einen Meter breit, hoch und tief waren. Die unterste Reihe bildeten die Zahlen von eins bis acht, die zweite von neun bis vierzehn, die dritte von fünfzehn bis neunzehn, die vierte von zwanzig bis dreiundzwanzig und die vierundzwanzig thronte auf der obersten Stelle in vier Metern Höhe; zudem war sie um einiges breiter wie die anderen. Jede dieser Kisten hatte an der Front eine Tür, welche mit der jeweiligen Zahl beschriftet und mit einem weiteren Weihnachtsmotiv, dekoriert worden war.

Allein dieser Aufbau lockte jede Menge Kunden zu Terry an den kleinen Tresen, an den er sich postiert hatte, weswegen er reichlich damit beschäftigt war, sowohl Erklärungen abzuliefern sowie Teilnahmeeinreichungen entgegen zu nehmen. Denn um die Chance zu bekommen, eines der vierundzwanzig Türchen zu öffnen, galt es an einem kleinen Gewinnspiel teilzunehmen. Wer innerhalb des Zeitraums mit einem Kassenzettel vorwies, dass er einen Einkauf von über hundert Euro getätigt hatte, bekam ein Los für den jeweiligen Tag.

Diesen Teil zu erläutern, gefiel Terry an seinem derzeitigen Job am wenigsten, da er damit immer wieder auf Missfallen stieß, den er sich nicht so recht erklären konnte. Dennoch ließ er sich die gute Laune davon nicht vermiesen und verfolgte lieber mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht, frohen Mutes seine Berufung.

Die Stunden rasten nur so dahin, während Terry Kunden beriet, Lose austeilte und pure Freude versprühte. Sie verging so schnell, dass er gar vergaß, seine Pause zu nehmen – ein Kollege hätte ihn für diese Zeit abgelöst – und das Öffnen der ersten Tür, mit rasanten Schritten näher rückte. Zuvor stattete ihm jedoch Jack einen Besuch ab.

„Na Terry, immer noch froher Dinge?“, fragte er in einer der wenigen, ruhigen Minuten, indes er sich misstrauisch umsehend schlendernd näherte.

„Klar“, lächelte dieser breit. „Und du? Drückst dich mal wieder vor der Arbeit und hoffst, dass es keiner merkt?“

Der Andere grinste breit. „Kennst‘ mich halt zu gut.“ Doch seine Miene verhärtete sich gleich wieder, als er kopfschüttelnd den Blick gen Adventskalender richtete. „Dieses Ding, steht für alles, was in unserer Gesellschaft schief läuft.“

Terry entglitten über diese Aussage die Gesichtszüge. „Wie bitte?“, ächzte er förmlich.

„Ach komm schon man“, erwiderte sein Kollege ernst. „Du willst mir doch nicht weismachen, dass diese Aktion für dich keinen fahlen Beigeschmack hat.“

Doch, genau das wollte er. Er kam nur nicht dazu, da Jack ungebrochen weiterredete.

„Du verteilst diese Lose hier doch schon den ganzen Tag, du kennst die Anforderungen: Hundert Euro Einkauf zur Teilnahme erforderlich. Und dann auch nur für diesen einen Tag! Was, du hast heute nicht gewonnen? Wie schade … Aber versuch es doch morgen noch einmal, während wir die Hand aufhalten und erneut einen Hunderter kassieren! Kann man Weihnachten noch mehr ausschlachten? Mal abgesehen davon, dass sich den Mist ohnehin nur die wohlbetuchteren Leute leisten können. Wer schon froh ist, seinen Kindern ein paar neue Handschuhe und einen Pulli leisten zu können, der wird hieran nicht einmal einen Gedanken verschwenden, während die Kleinen neidisch auf all die reichen Kids, mit ihren wohlhabenden Eltern schielen. Das kotzt mich einfach nur an! Von wegen Central Center Calendar, man sollte das Ding in Central Capitalism Calendar umbenennen! Das ist übrigens noch ein Punkt, den ich an Weihnachten nicht ausstehen kann: Es geht heute nur noch um Geld und darum, wie man es scheffeln kann. Und wir Idioten stehen mitten drin. Im Zentrum halt … Oh man, welch eine Ironie.“ Er schüttelte theatralisch den Kopf, ehe er seinen Blick wieder auf Terry richtete.

Diesem fehlten die Worte, zu jeder Erwiderung, die er gern angebracht hätte. Wie konnte ein Mann nur solchen Gram in sich tragen, nein, regelrechten Hass? Dafür hatte er partout kein Verständnis.

Sicher, die Leitung des Centers könnte das Konzept ein wenig überdenken. Dann wiederum, bezahlt sich die Miete einer solch großen Immobilie nicht allein … Zudem ist die Konkurrenz hart, wer nicht spurt, geht unter. Freilich ein weiterer Teil des Kapitalismus, den Jack so verteufelte, aber so funktionierte die Welt nun mal … In diese Richtung war sie unwiderrufbar gelenkt worden. Was brachte es, sich darüber zu echauffieren? Sollte ein jeder nicht lieber bestrebt sein, das Beste daraus zu machen und zu verschenken, was am Ende zählte? Nicht das Geld, sondern reine, ehrliche Herzensgüte?

Aber das hätte er ihm nie und nimmer erklären können, ohne sich dabei selbst zum Affen zu machen. Jack war für derartige Ansprachen taub, wozu also die Mühe?

„Na ja“, meinte sein verdrossener Kollege, „ich mach mich mal wieder an die Arbeit, bevor Chefchen mir wieder auf den Schlipps tritt.“ Damit wandte er sich ab, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, während Terry ihm innerlich seufzend über so eine negative Einstellung hinterher sah.

Wenige Minuten später hatte sich eine beachtliche Menge Menschen um den Adventskalender versammelt, die auf das Ergebnis des ersten Tages und gleichzeitig, des ersten Advents warteten. Zwar bekamen sie ohnehin eine Benachrichtigung über E-Mail oder Kurznachricht, doch die Hälfte des Spektakels stellte freilich die Anwesenheit daran dar.

Selbst Terry wartete schon gespannt, indes er auf das Tablet heruntersah, welches auf seinem kleinen Tresen lag. Pünktlich um 16 Uhr wurde darauf eine Ziffer eingeblendet, die er sogleich laut für alle Anwesenden verkündete. „Das heutige Türchen Nummer eins, darf von der Person mit dem Los sieben zwei drei geöffnet werden!“

Augenblicklich ertönte ein Kreischen in der vordersten Reihe. Ein junges Mädchen, womöglich acht Jahre alt, hüpfte aufgeregt auf und ab. Sie klatschte in die Hände und rief zu ihrer Mutter, die direkt neben ihr stand: „Das sind wir! Das sind wir!“

Drumherum gab es das eine oder andere enttäuschte Gesicht, doch die wenigsten wirkten ernsthaft geknickt. Man hatte es versucht und war gescheitert, sei’s drum. Nur ein Pärchen fiel Terry auf. Eine weitere Mutter, mit ihrem Sohn. Letzterer wirkte zutiefst deprimiert. Er wurde von der Frau weggeführt und würde vermutlich nicht erneut hier auftauchen, da dies seine erste und einzige Chance gewesen war.

Der Verkäufer erinnerte sich, den Jungen vorhin mit strahlenden Augen vor dem CCC stehen gesehen zu haben und später dann erneut, als die beiden wiedergekommen waren, um voller Stolz und Hoffnung ihren Kassenzettel vorzuzeigen, der knapp das Limit von hundert Euro überschritt. Er erinnerte sich an kein einziges gewechseltes Wort, doch diese leuchtenden Augen, hingen ihm selbst jetzt im Gedächtnis und lenkten ihn von seiner Arbeit ab.

Vor ihm räusperte sich zum dritten Mal jemand. Erst jetzt bemerkte Terry, dass die Mutter mit ihrer Tochter nähergekommen war, um ihr Los einzutauschen. Ebenso sah er die beiden erst jetzt erstmalig richtig an, analysierte sie und kam nicht umhin, festzustellen, dass sie deutlich betuchter wirkten als die Frau mit ihrem Sohn. Verbissen drängte er diesen Gedanken beiseite. Jack dürfte ihm jetzt nicht im Kopf rumgeistern!

„Na dann wollen wir doch einmal sehen, was hinter Tür Nummer eins steckt, nicht wahr?“, verkündete er wieder mit seinem gewohnten Lächeln auf dem Gesicht. Das Mädchen vor ihm grinste breit, die Mutter wirkte professionell kühl, ließ sich dann aber ebenfalls zu einem leichten Schmunzeln herab.

Terry wandte sich ab und marschierte auf Tür Nummer eins zu. Er legte eine Hand auf den Knauf der Tür, drehte dabei noch einmal den Kopf halb nach hinten, um die Kleine anzusehen und den Moment ein paar Sekunden hinauszuzögern.

Als ihre Spannung ins Unermessliche stieg und das Glitzern in ihren Augen kaum mehr überboten werden konnte, erlöste er sie endlich und öffnete die Tür mit einer schwungvollen Bewegung. Just als er diese vollendete, verzog er vor Schmerz leicht das Gesicht, da ein Stechen durch seinen Finger schoss. Diesen Umstand ignorierte er so gut wie möglich, da die Kundin anfing, ihn misstrauisch zu mustern. Er tat es mit einem Lächeln ab.

Die Kleine hingegen bekam überhaupt nichts von der kurzen Unterbrechung mit. Ihre Augen ruhten weiterhin gespannt auf das Innere der Kiste, welchem sich Terry nun ebenfalls widmete. Darin fand sich ein großes, eingepacktes Geschenk, das er hervorholte. Für seine Größe war es erstaunlich leicht, vermutlich mehr Verpackung wie alles andere. Effekthascherei.

Ich muss damit aufhören!, ermahnte er sich, ehe er sich mit dem Paket in der Hand, der Kleinen zuwandte. „So, das hätten wir.“

Eifrig nahm das Mädchen das verpackte Geschenk entgegen, welches fast so groß war, wie sie selbst. Neben sie trat ihre Mutter. „Und wie sagt man?“

Die Kleine sah kurz auf, erklärte knapp: „Danke!“, mit einem Lächeln, dass unweigerlich vermittelte, dass sie mit ihren Gedanken schon längst woanders war.

„Gern geschehen“, meinte Terry. Danach erklärte er der Kundin, dass sie ohne zusätzliche Kosten den Lieferservice des Central Centers in Anspruch nehmen könne, um das unhandliche Paket direkt vor ihre Haustür bringen zu lassen. Sie nahm es dankend an, der Verkäufer gab alles in Auftrag, die Menge verstreute sich.

Kurz darauf endete Terrys erster Arbeitstag an dem Kalender. Dafür, dass er alle zweiundzwanzig Tage hier bereitstand – es gab nur zwei verkaufsoffene Sonntage, die fehlenden zwei wurden mit doppelter Verlosung an den darauffolgenden Montagen kompensiert – hatte er verkürzte Schichten von je sechseinhalb Stunden zugeschrieben bekommen. Dass er sich schon am ersten Tag eine knappe halbe Stunde an Überstunden eintrug, zeichnete ein erwartungsgemäßes Bild für die folgenden Wochen ab.

Am Ende seiner Schicht kam er endlich dazu, sich seinen Finger näher anzusehen. Er hatte sich beim Öffnen der Tür einen Splitter eingefangen, der ihm empfindliche Schmerzen bereitete, sich aber glücklicherweise leicht entfernen ließ. Nichts, was ihn in seiner Arbeit behinderte, die er gleich am nächsten Tag wieder voll Tatendrang antreten würde.

Türchen Nummer 2

Der zweite Tag verlief ähnlich wie der erste. Chaos, aufgeregte Kinder, hektische Eltern, jede Menge Kunden, die die Lose erwarben. Wie erwartet sah Terry den Jungen mit seiner Mutter nicht wieder, was nichts daran änderte, dass er stetig an ihn dachte. An sein trauriges Gesicht und an Jacks Worte …

Glücklicherweise hatte er genug Arbeit, um die meiste Zeit abgelenkt zu werden. Und für all die anderen Kinder, die hoffnungsvoll ihren Eltern die Teilnahmegebühren überließen, freute er sich trotzdem.

Es dauerte nicht lang – zumindest kam es ihm nicht so vor –, dann tickte die Uhr wieder sechzehn und die nächste Losnummer wurde verkündet. Natürlich musste es, wie von Jack prophezeit, erneut ein Pärchen an der Spitze der Nahrungskette sein – im finanziellen Sinn, versteht sich. Und dem nicht genug, erblickte der freundliche, immer lächelnde Verkäufer, Mutter und Tochter vom Vortag ebenfalls erneut. Standen sie nur aus Neugier hier? Nein, er hatte ihnen schließlich ein weiteres Los ausgehändigt. Würden sie die nächsten zwanzig Tage ebenfalls in Anspruch nehmen? Er fürchtete es …

Es blieb keine Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, da ein Kind auf sein Geschenk wartete. Er ging um seinen Tresen rum, wobei er seine Bewegung ein wenig verkalkulierte und mit dem Schienbein gegen eine Kante des Selbigen stieß. Der sofort einsetzende Schmerz veranlasste ihn dazu, kurz aufzujaulen. „Oh verfluchte Sch…ande!“, rettete er sich gerade so, was dem Kind ein schelmisches Lachen und seinen Eltern einige skeptische Blicke entlockte.

Der weitere Verlauf spielte sich wenigstens wie geplant ab, und ein neuerlicher Arbeitstag neigte sich dem Ende.

Türchen Nummer 3 bis 7

Die folgenden Tage boten die immergleichen Abläufe. Lose wurden eingefordert, Lose wurden eingetauscht und wie befürchtet, stand jeden Tag, jeden einzelnen davon, die Mutter mit ihrer Tochter bereit. Jeden Tag ein Einkauf von mindestens einhundert Euro. Was sie sich wohl alles dafür leisteten? Waren es ausnahmslos Geschenke? Brauchten sie oder die zu Beschenkenden diesen ganzen Kram überhaupt? Machten sie sich einen Spaß daraus, anderen potenziellen Kunden die Chancen zu vermiesen?

Egal, wie er sich darüber ärgerte, Einflussnahme blieb ihm verwehrt. Stattdessen mimte er weiterhin das fleißige Bienchen, dessen Arbeit durch immer wieder auftretende Zwischenfälle unnötig erschwert wurde.

Am dritten Tag klemmte das Türchen, weswegen ein wenig Gewalt vonnöten war. Es endete darin, dass er so fest an der Tür zerrte, dass er, als sie dann aufsprang, nach hinten hin stolperte und mitten auf seinen vier Buchstaben landete. Sehr zur Unterhaltung seiner jüngeren Zuschauerschaft – nicht, dass die Eltern sich weniger amüsiert gezeigt hätten.

Am vierten Tag klemmte er sich die Finger beim Schließen der Tür ein.

Am fünften Tag glaubte er langsam, vom Pech verfolgt zu sein, da er auf einem Stück verirrtem Paketband ausrutschte und sich den Kopf leicht an seinem Tresen anschlug. Nicht so schlimm, dass er sich ernsthaft verletzte, aber von der Beule würde er einige Zeit lang etwas haben und die Kopfschmerzen begleiteten ihn bis spät in die Nacht.

Am sechsten Tag wurde er von etwaigen Schmerzen verschont. Nun ja, zumindest von physischen. Dafür litten seine Nerven umso mehr. Ein quengelndes Kind, das trotz des Umstandes, dass seine Familie gewonnen hatte, ließ sich partout nicht beruhigen. Es jammerte und jaulte, gleich was Terry auch versuchte. Und die Eltern? Fühlten sich offenbar von ihrer Pflicht befreit, sich darum zu kümmern, und überließen es dem hilfsbereiten Verkäufer ihren Job zu erledigen. Am Ende ließ es sich dann doch halbwegs zufriedenstellen, dafür trat Terry erneut mit Kopfschmerzen den Heimweg an.

Am siebten Tag dann geschah etwas ganz und gar Ungewöhnliches. Als Terry sich vor das Türchen stellte, dass er im Begriff war zu öffnen, wurde ihm auf einmal unerträglich warm. Hitze stieg so schnell und so intensiv in ihm auf, dass der Schweiß ihm augenblicklich in Strömen lief. Er kam gar nicht mehr dazu, den Knauf zu berühren, da ihm kurz davor erst schwindlig und dann schwarz vor Augen wurde.

Das Nächste woran er sich erinnerte, war, wie er im Pausenraum aufwachte und man ihm erklärte, dass er das Bewusstsein verloren hätte. Sein Chef schickte ihn direkt nach Hause, riet ihm, sich mal ein wenig zu erholen und am Montag ja wieder fit und in alter Frische zurückzukommen.

Was nur halb, als Scherz gemeint war, ließ das fleißige Bienchen anders wie sonst, nur nervös auflachen und kurz darauf verstummen. Er hatte überhaupt nicht zugehört, war mit den Gedanken woanders. Solche, die ihn seinen gesamten freien Tag lang nicht losließen und ihn sich fragen ließen, was ihm wohl die zweite Woche alles widerfahren würde …

Türchen 8 bis 15

An Tag Nummer neun wurden gleich zwei Türen aufgrund des Sonntags geöffnet, an dem das Central Center geschlossen hatte. Terrys Nervosität war nicht abgeklungen. Klar, bisher hatte er nur Lappalien erlebt und dennoch war es ihm unheimlich, wie ihm jeden Tag irgendetwas zustieß, sobald er sich daranmachte, eines der Türchen zu öffnen.

Für die Tür mit der Ziffer acht und die Folgenden, hatte er sich einen kleinen einstufigen Tritt besorgt. Den benötigte er zwar theoretisch nicht, da er so rankäme, aber der Sicherheit und Bequemlichkeit halber, wollte er nicht drauf verzichten. Hätte er gewusst, was ihn erwartet, er hätte vermutlich doch lieber ohne ihn gearbeitet.

Denn just als er das Geschenk hervorholte und herabsteigen wollte, hörte er unter sich ein verdächtiges Knacken, welches von einem rapiden Gleichgewichtsverlust gefolgt wurde, da die rechte Seite des Tritts komplett wegsackte. Terry schaffte es gerade so, auf sicheren Beinen zu landen, ohne sich der Länge nach hin zu legen und dabei schlimmstenfalls das Paket zu beschädigen.

Die skeptischen Blicke der Leute ärgerten ihn dabei fast mehr wie der kleine Unfall selbst, da sich niemand über sein Wohlbefinden erkundigte und alles nur besorgt auf den Beinaheschaden schaute. Ale wäre es seine Schuld, wäre das Geschenk unter seinem Gewicht begraben worden. Er händigte es kommentarlos aus und widmete sich ohne Pause dem zweiten Türchen, für das er jede Trittunterstützung wegließ. Zu seiner Verwunderung und Erleichterung geschah ihm dabei nichts.

Dafür wurde er an Tag zehn gleich doppelt bestraft, als er – wieder mit einem Tritt, dem er vorher einer genauesten Untersuchung unterzogen hatte – beim Herausholen des Päckchens auf einmal heftiges Nasenbluten bekam. Er schaffte es nur mit knapper Not, nicht das Geschenk voll zu bluten, musste aberschleunigst verschwinden und einen Kollegen die restliche Arbeit überlassen. Erneut wurde er nach Hause geschickt, nur um am nächsten Tag wieder lächelnd und scheinbar gut gelaunt, auf der Matte zu stehen.

Die folgenden vier Tage verliefen ähnlich. Jeder bot eine kleine Überraschung, die Terry zwar nicht ernsthaften Schaden zufügte, ihn aber langsam an seinem Verstand zweifeln ließ. Das konnte doch alles kein Zufall sein, oder?

Andererseits glaubte er nicht, dass da irgendjemand seine Finger im Spiel hatte. Beim Tritt, okay, den hätte jemand ansägen können. Oder den Knauf beschädigen, damit er sich einen Splitter zuzog. Das wären zwar schon keine harmlosen Streiche mehr und er hätte sich ernsthafte Sorgen gemacht, wegen demjenigen, der ihm offenbar Schaden zufügen wollte, doch den gab es natürlich nicht. Denn wie hätte dieser ominöse Jemand, bei ihm Bewusstlosigkeit oder Nasenbluten auslösen sollen? Richtig, das war unmöglich.

Den Gipfel der bisherigen Ereignisse erreichte Terry aber ohnehin erst am fünfzehnten Tag, als ein Elternpaar ihn wüst beschuldigte, ihren Sohn unsittlich berührt zu haben, was unmöglich war, da er besagtes Kind nicht einmal gesehen hat und er abgesehen davon, so etwas niemals tun würde.

Wie er auch diskutierte und versicherte, dass da ein Missverständnis vorliegen müsse, so sehr redete insbesondere der Vater sich immer mehr in Rage, was darin endete, dass er dem Verkäufer mit voller Wucht eins auf die Nase gab, so dass dieser rücklings umkippte.

Das rief dann endlich die Center Sicherheit und den Chef auf den Plan, wodurch die Situation entschärft und geklärt wurde. Man entschuldigte sich, Terry wurde versorgt – glücklicherweise war die Nase nicht gebrochen worden, höllisch schmerzen tat sie trotzdem – und er dürfte – wieder einmal – frühzeitig nach Hause.

Doch nur, weil diese Episode für ihn den Gipfel darstellte, bedeutete das lange nicht, dass er über den Berg war. Der wahre Albtraum erwartete ihn noch …

Türchen 16 bis 21

Weitere Tage zogen vorbei und mit jedem von diesen, wurden die Un- und Zwischenfälle extremer. Einmal – Terry wusste schon nicht mehr, welchen Tag sie überhaupt hatten – riss er sich die Hand an einem herausstehenden Nagel innerhalb der Kiste auf. Die Wunde war nicht der Rede wert, doch das Blut strömte nur so daraus heraus und versaute das halbe Geschenk, dass er so nicht mehr überreichen konnte. Das sorgte für einiges Missfallen und überhaupt keine Sorge über seine Verletzung.

Zu allem Überfluss war die Gewinnerin dieses Tages erneut die Frau mit Tochter, der Fortuna schon am ersten Tag gewogen war.

Es war nicht so, dass er es ihr nicht gönnte, immerhin hatten sie im Rahmen der festgelegten Regeln fair gespielt, doch je öfter er sie sah – also täglich – desto mehr wünschte er sich, sie würden endlich verschwinden. Allen voran, weil er mittlerweile nicht umhinkam, bei jedem erneuten Zusammentreffen ihre neuesten Errungenschaften zu bemerken. Von Designerklamotten, über teuren Schmuck, bis hin zu den extravagantesten Frisuren, schienen diese beiden sich alles zu leisten, was für Geld zu haben war. Dies führte unweigerlich dazu, dass Terry immer häufiger das Gesicht des enttäuschten Jungen vor Augen geriet, dass er nicht loswurde und ihm von Tag zu Tag schwerer auf der Seele zu lag.

Hatte Jack am Ende doch Recht? War dieses ganze System verkommen und falsch? Wie ein verwester Leichnam, der sich an denen labte, die nicht rechtzeitig vor ihm wegkamen und die in Frieden ließ, die sich eine teure Jacht leisteten, um vor ihm zu fliehen?

Nun, das mochte sein, doch er, Terry, war im Alleingang schlecht in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen, oder? Schlimmer noch, wenn er es versuchte, geriet er womöglich selbst unter die Räder. Also lächelte er über alles hinweg, über die Reichen, die sich ergötzten, und über die Zwischenfälle, die ihn nachts nicht mehr ruhig schlafen ließen.

Er lächelte und mimte den Fröhlichen, während die Wärme, die er zu geben versuchte, immer mehr auskühlte.

Tag Nummer zwanzig wartete mit einer Überraschung auf. Dieses Mal blieb Terry verschont, dafür erlitt jemand Anderes einen schmerzlichen Verlust. Den seines Jobs, um genau zu sein.

„Weißt du was?“, posaunte Jack im Pausenraum, den sie zusammen aufgesucht hatten, da Terry schon Feierabend hatte. „Eigentlich ist es mir sogar recht. Klar, entkommen tue ich dem System damit ganz sicher nicht, dafür hat es seine Netze schon viel zu weit ausgeworfen, aber immerhin muss ich nicht länger für diesen Saftladen hier arbeiten!“

Was er angestellt hatte, um seinen Chef so weit zu bringen, ihm eine fristlose Kündigung auszusprechen, hinterfragte sein Kollege nicht. Generell war es ihm an diesem Tag ungewohnt unangenehm, mit Jack zu reden, da dieser grimmiger denn je, um nicht zu sagen boshafter wirkte wie sonst.

„Man müsste das ganze Ding hier niederbrennen“, murmelte er. „Als ein Zeichen, verstehst du?“

„Ja, klar …“, meinte der Ex-Kollege, obwohl er rein gar nichts verstand.

„Nein tust du nichts, aber ist schon okay.“ Er klopfte ihm brüderlich auf die Schulter. „Bist ‘n Guter, weißt du das? Sorry, dass ich dich mit den Jungs immer so aufgezogen habe. Man, wenn ich das so recht bedenke, bist du die einzige gute Seele, die dieses Drecksloch hier je hatte. Hat dich überhaupt nicht verdient.“ Je länger er sprach, desto mehr nuschelte und lallte er in sich hinein. Langsam glaubte Terry, zu wissen, was sein Kollege verbrochen hatte.

Spätestens als ihm die Fahne entgegenschlug, weil Jack sich aufrichtete und dabei nahe an ihm vorbeikam und sich verabschiedete, „man sieht sich“, hatte er Gewissheit. Alkoholkonsum während der Arbeit, vermutlich nicht zum ersten Mal und vor allem in einer Menge, die er nicht mehr hatte verbergen können. Kein Wunder, dass er gefeuert worden war.

Dennoch sah Terry dem Mann traurig hinterher, wie er davon torkelte, da er sich nicht einmal mehr bemühte, den Schein zu wahren. Er würde ihn vermissen.

Tag einundzwanzig. Ein schicksalhafter Tag.

Um das entsprechende Türchen zu öffnen, stieg Terry mittlerweile längst auf eine Leiter, da er die oberen Reihen sonst unmöglich erreichte. Bisher war in dieser Hinsicht alles gut verlaufen, ein Umstand, der ihn mehr als nur wunderte und mit jedem Tag nervöser werden ließ, da er jederzeit mit einer Katastrophe rechnete. Seine Erwartungen sollten erfüllt werden.

Gerade als er das Geschenk herausgeholt hatte, bemerkte er es. Wie die Leiter sich in Bewegung setzte … in eine Bewegung, in die sie sich nicht setzen sollte. Sie schwankte ohne ersichtlichen Grund zur Seite, ließ sich von der Schwerkraft mitziehen, eine Kraft, die selbst den netten, immer lächelnden Verkäufer nicht verschonte. Er brachte einen kurzen Schrei zustande, ehe er aufprallte und weiter schrie, jetzt jedoch nicht mehr vor Schreck, sondern vor Schmerz.

Seltsam, was das Bewusstsein in so einem Moment alles wahrnimmt. Statt sich der Tatsache gewahr zu werden, dass sein Arm ein lautes Knacken von sich gegeben hatte und er höllisch pochte und wummerte, registrierte er nur aktiv, dass er das Geschenk mit dem unverletzten Arm unverwandt festhielt. Es war unbeschädigt geblieben. Wie durch ein Wunder, war auch keiner der Kunden, oder Gott bewahre, eines der Kinder, von der Leiter erschlagen worden. Nur ihn allein, hatte es erwischt und das nicht zu knapp.

Man brachte ihn in ein Krankenhaus, der Arm wurde versorgt und geschient, er mit Schmerzmitteln vollgepumpt und dann dürfte er auch schon wieder nach Hause. Von dort aus benachrichtigte er seinen Chef telefonisch und versicherte ihm, dass er am Montag auf der Matte stehen würde, um die letzten zwei Tage hinter sich zu bringen.

Ein gebrochener Arm würde ihn nicht daran hindern, den Job zu Ende zu führen. Diese Niederlage ließ er nicht zu, immerhin erwartete man von ihm, dass er lächelnd und Wärme verbreitend, vor dem Central Center Calendar stand und seine Arbeit verrichtete.

Dass er den gesamten restlichen Tag und den darauffolgenden Sonntag in Angst und Panik regelrecht verging, gestand er sich bis zum Schluss nicht ein.

Zuletzt hatte es seinen Arm erwischt, was würde da erst das vierundzwanzigste Türchen für ihn bereithalten?

Türchen 22 bis 24

Montag, der dreiundzwanzigste. Zwei Türchen wollten geöffnet werden.

Terry stieg für das erste der beiden auf die Leiter. Dieses Mal hatte das Center für ihn einen Mann von der Sicherheit bereitgestellt, der das klapprige Gerüst festhielt. Wohler fühlte der Verkäufer sich deswegen trotzdem nicht. Der Aufstieg gestaltete sich als Tortur, als regelrechte Qual. Mit jedem Meter, den er hinter sich brachte, pochte sein Herz ein bisschen wilder.

Du kannst das, beschwor er sich immer wieder. Du schaffst das. Wie viel schlimmer sollte es denn werden? Hatte er nicht längst das größte Übel hinter sich? Oder würde dieser verfluchte Kalender am Ende gar sein Leben verlangen? Nein, unmöglich, um nicht zu sagen, irrsinnig. Hier waren keine fremden Mächte im Spiel, denen es Freude bereitete, ihn zu foltern. Er hatte schlicht ein bisschen Pech, so einfach war das.

Umso erleichterter zeigte sich Terry, als er das Geschenk ohne Zwischenfälle aus seiner Kiste holte und nach unten beförderte. Glücklicherweise waren sie allesamt nicht allzu schwer, sondern maximal dank ihrer Größe unhandlich. Irgendwie schaffte er es aber, es mit einer Hand nach unten zu führen, so dass er sich mit der anderen weiterhin an der Leiter festhalten konnte – was sich mit einem Gips, um den Arm als weit schwieriger herausstellte wie von ihm gedacht. Wer immer auf die Schwachsinnsidee kam, diese Pakete so groß zu gestalten und so hoch oben zu lagern, gehörte abgemahnt!

Von neuer Zuversicht beseelt, stieg Terry frohen Mutes erneut nach oben, um das dreiundzwanzigste Geschenk zu holen. Als er dort ankam, hielt er inne. Etwas stimmte nicht.

Plötzlich wurde ihm warm, um nicht zu sagen brütend heiß. Nein, nicht schon wieder!, beschwor er sich. Wenn er jetzt das Bewusstsein verlor, würde ihn auch das Festhalten der Leiter nicht retten! Zu seinem Glück blieb er wach. Gleichwohl kühlte er aber nicht ab, die Hitze behielt ihn im feurigen Griff. Bring es einfach hinter dich, dachte er schwer schluckend.

Als er das Türchen öffnete, schlug ihm eine neuerliche Hitzewelle entgegen, die nicht aus ihm heraus, sondern aus dem Innern der Kiste kam. Er meinte fast, an dem Mangel an Sauerstoff zu ersticken, weswegen er eilig hineingriff, um das Geschenk herauszuholen. Dabei hatte er das Gefühl, ihm würden die Arme verbrennen, so heiß war es. Entgegen seiner Empfindung zeigte sich das herausgeholte Geschenk als völlig unversehrt. Von dem Schweiß, den er darauf absonderte, abgesehen …

Er er gelang nicht schnell genug nach unten. Wieder festen Boden unter den Füßen sank die Temperatur direkt um gefühlte fünfzig Grad, was ihm nur geringfügige Erleichterung verschaffte. Er war froh, das Geschenk los zu sein und bald darauf, nach Hause zu können. Nicht, dass er dort Ruhe fand, im Gegenteil. Den ganzen Tag grübelte er darüber, was ihn wohl an Heilig Abend erwarten würde …

Nur noch ein Tag, du musst nur noch einen gottverdammten Tag überstehen …

Ehe er sich versah, klopfte dieser schon an seine Tür.

Der Vierundzwanzigste, der letzte Tag.

Als Terry das Gewinnerlos verkündete, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Sie waren es wieder, ausgerechnet die beiden! Mutter und Tochter, zum dritten verfluchten Mal! Sie wagte es sogar etwas von sich zu geben, wie: „Aller guten Dinge sind drei.“ Der Verkäufer erkannte darin nichts Gutes.

Wieder dachte er an den Jungen, an sein deprimiertes, kleines Gesicht. Ja, er stellte sich gar vor, wie er es erneut sehen würde. Jeden Moment, wenn er hochstieg, um das letzte Paket zu holen, würde er ihn darin liegen sehen, den Jungen, wie er ihm vorwurfsvoll entgegenblickte, ihn für seine Naivität und Gutgläubigkeit verdammte.

Aber das war Blödsinn, ebenso wie die Vision des Paares vor ihm, welche er kurz davor hatte. Mutter und Tochter, mit seltsam entstellten, hässlichen, dämonengleichen Fratzen, die ihn hämisch angrinsten, als wollten sie sagen, er sei nur ein kleines Rädchen in diesem Spiel, dass fleißig seine Arbeit verrichtete, damit die Maschine ja nie aufhörte zu funktionieren.

Er schüttelte das alles ab, alles von sich. Sperrte es weit weg, verschloss sich davor, kühlte ab. Er wusste, was er jetzt zu tun hatte, und er würde es erledigen. Oh ja, es einfach hinter sich bringen und diese ganze verrückte Zeit vergessen.

Mit ausdrucksloser Miene – wozu noch lächeln? – kletterte er die Leiter empor. Wenig überrascht stellte er fest, dass bei jedem Meter, den er höher gelangte, wieder Hitze in ihm aufstieg. Dieses Mal würde er sich davon nicht irritieren lassen.

Oben angelangt, holte er tief Luft, ehe er die Tür öffnete. Dahinter würde nichts sein, nun, nichts außer dem Geschenk, verstand sich. Kein Junge, keine Vorwürfe, nur ein Geschenk, dass überreicht werden wollte. Er nickte sich selbst zu und ergriff den Knauf. Was er hinter der Tür zu Gesicht bekam, brachte ihn dann allerdings doch ein wenig aus der Fassung.

Das Geschenk war da, oh ja, aber es lag in unerreichbarer Ferne. Mindestens drei bis vier Meter weiter hinten, als überhaupt möglich. Das ist verrückt, dachte Terry, der die Anbahnung eines hysterischen Lachens in seiner Kehle spürte. Die Kiste war einen Meter tief, das wusste er, weil er sie tagtäglich gesehen hatte. Wie ließ es sich da erklären, dass das Paket so weit hinten lag?

Du weißt, was du zu tun hast, flüsterte ihm eine leise Stimme zu. Klar wusste er das, aber genauso wusste er, wie das enden würde. Nun, zumindest ahnte er es.

Dies war er also, der Scheidepunkt seines Lebens. Er lag in seiner Hand zu entscheiden, die Leiter wieder herunter zu klettern und all den reichen Kunden den Mittelfinger zeigen oder aber dort hinein zu steigen und zu tun, was von ihm erwartet wurde. Nein, verlangt!

Bringen wir es hinter uns, dachte er erneut. Terry hatte zu viel überstanden, um heute einen Rückzieher zu machen. Er würde dem Wahnsinn hier und jetzt ein Ende bereiten, ein für alle Mal!

Damit hievte er sich hoch und somit in die Kiste hinein. Er wusste, wenn sie über Nacht auf einmal länger geworden war, dass das Gewicht ihn unweigerlich nach unten reißen würde, sobald er das hintere Ende erreichte, glaubte aber gleichzeitig, dass das nicht passieren würde. Und er sollte recht behalten.

Unten wunderte sich scheinbar niemand darüber, dass der Verkäufer in der Kiste verschwunden war, das juckte ihn aber nicht weiter. Alles, was ihn interessierte, war dieses vermaledeite Geschenk hier rauszuholen und es zu überreichen, damit man ihn endlich in Ruhe ließ.

Sich in der Kiste zu bewegen, stellte sich als äußerst schwierig heraus. Mit einmal einem Meter Höhe, blieb ihm nur zu kriechen, was in einem allzu langsamen Vorankommen mündete. Die Luft war stickig und unerträglich warm. Er schwitzte schon wieder, atmete schwer, ließ sich aber nicht beirren. Schließlich erreichte er es, das Geschenk.

Als er seine Hand mit einem seligen Lächeln im Gesicht darauf legte, geschah, was geschehen musste. Hinter sich hörte er plötzlich einen lauten Knall. Gleichzeitig kehrte vollständige Finsternis ein. Die Tür war zugestoßen worden.

Nein,, dachte er nur. „Nein, nein, nein, nein, nein“, murmelte er immer wieder, als wäre das Mantra in der Lage, alles ungeschehen zu machen. Dafür war es längst zu spät.

Während er sich umdrehte – was aufgrund des Platzmangels nur langsam vonstattenging – und zurück zu der Tür krabbelte, stieg die Temperatur ins Unermessliche. Nach kürzester Zeit wurde die Luft immer knapper, so dass Terry fürchtete, jeden Moment zu ersticken, wenn er nicht vorher aufgrund der Hitze einging.

Er erreichte die Tür gerade, als es unter ihm so heiß wurde, dass seine Haut förmlich brannte. Nicht so, dass es schmerzte oder er verbranntes Fleisch roch, aber arg unangenehm wurde. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Mit aller Kraft, die ihm blieb, hämmerte er mit seinem gesunden Arm gegen die Tür, um sie aufzustoßen, stellte aber sofort fest, dass sie sich keinen Millimeter rührte.

„Hilfe“, flüsterte er verzweifelt. „Hilfe, holt mich hier raus. Bitte.“ Er brachte kaum einen Ton über die Lippen. Sich darauf konzentrierend, alle Kraft zu einem Schrei zu bündeln, hörte er unvermittelt von unten eine dröhnende Stimme.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn ich um ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte!“

Terry erkannte sie sofort, weswegen es ihm eiskalt den Rücken runter lief. Nicht, dass ihm das Erholung verschaffte. Jack, dachte er nur und befürchtete das Schlimmste.

„Keine Sorge, ich werde nicht zu viel von ihrer wertvollen Zeit in Anspruch nehmen. Ich möchte Sie nur bitten, Kenntnis von dem Zeichen zu nehmen, dass ich jeden Augenblick setzen werde.“

Nein. „Nein … Nein Jack, nicht! Tu das nicht!“ Jetzt schrie er. Er schrie und brüllte und fluchte und flehte und verzweifelte, doch es nutzte alles nichts.

Wenige Sekunden später hörte er es. Das Knistern des Feuers, das sich über die Kisten ausbreitete und die Hitze von unten weiter ansteigen ließ. Dazu gesellten sich die panischen Schreie der Leute, die aus dem Center flüchteten und dabei völlig vergaßen, dass ihr freundlicher Verkäufer, noch hier oben hockte.

„Oh Gott, bitte! Holt mich hier raus!“ Doch seine eigenen Rufe wurden übertönt. Sowohl von den Menschenmassen wie von dem tosenden Höllenfeuer unter ihm, dass immer stärker wütete und schon bald die Spitze erreichte.

Als das Feuer ihn erfasste, schrie Terry immer noch, allerdings brachte er keine Worte mehr zustande, indes es sich durch ihn hindurch fraß, ihn versengte und verkohlte und nichts als Asche übrig ließ, die zuvor Qualen hatte erleiden müssen, die er sich nicht einmal in seinen schlimmsten Albträumen hätte erdenken können.

Nummer sieben zwei drei

Terry sah die Nummer auf seinem Tablet prangen. Wie lange starrte er sie jetzt schon an? Er wusste es nicht. Er schluckte schwer. Ihm war unerträglich warm. Irgendetwas stimmte hier nicht. Instinktiv hatte er erkannt, wem diese Nummer gebührte und gleichzeitig gewusst, dass es ein Riesenfehler wäre, das Geschenk der zugehörigen Person auszuhändigen.

Seitdem stand er hier, überlegte fieberhaft, während die Menschen um ihn herum ungeduldiger wurden. Der immer freundliche Verkäufer schaute nervös auf. Kein Lächeln ruhte auf seinem Gesicht. Seine Augen schweiften über das Pärchen, für die das Paket bestimmt war. Er ignorierte sie, hielt Ausschau. Da!

Sein Blick fokussierte sich auf einen kleinen Jungen, der Händchen halten, neben seiner Mutter stand. Hoffnung zeichnete sein Gesicht, so, als hinge sein Leben von diesem einen Gewinn ab. Dieses eine Mal wollte er Glück haben. Klar, er hatte seine sich immer gut um ihn kümmernde Mutter, lebte in den besten Verhältnissen, die sie ihm bieten konnte und wurde innig geliebt. Wieso verlangte er da mehr?

Aber so einfach war es nicht, nicht wahr? Wenn man Tag ein Tag aus sah, was die anderen sich spielend leicht wünschten und es dann auch bekamen, dann vermochte die größte Liebe einen nicht aufzufangen. Dann erwuchs mit der Zeit Neid in einem, welcher gärte und aus einem jungen, unschuldigen Menschen, früher oder später einen grimmigen, verdrossenen Mann schälte.

Da fasste Terry einen Entschluss. Es mochte nicht viel sein, doch er war in der Lage wenigstens dieses eine Mal, etwas Gutes im Leben des Jungen zu vollbringen. Ihm ein wenig Glück zu schenken, ein bisschen Wärme.

Ohne darüber nachzudenken nannte er eine Nummer, die sich nicht mit der vor ihm stehenden deckte. „Nummer drei zwei drei.“ Und aus der Hoffnung wurde ein Glitzern und Funkeln, ein Irrglaube vermengt mit reichlich Zweifel, die sich in unermessliche Freude wandelte, in reines Glück, über diesen einen einzigen Moment, in dem das Schicksal ihm wohlgesonnen war.

Würde Terry dafür Ärger bekommen? Aber sicher. Spätestens wenn die eigentliche Gewinnerin ihre E-Mails checkte. Juckte ihn das? Keineswegs, denn er lebte in der Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Wenigstens dieses eine Mal.

Das wandelte die Welt freilich nicht zu einem besseren Ort, aber es war ein winziger Schritt, in die Richtung dahin.

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