DämonenLangMord

Das Küken

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Kapitel 1.

Charlotte

Eigentlich wollte ich diesen Geburtstag überspringen um den achtzehnten so richtig zu feiern. Aber Sofia hatte mich davon überzeugt, denn es ist der Letzte an dem wir alle noch zusammen sein würden. Nora würde mit der Schule fertig sein und Klara aus ihrem Haus und in eine andere Stadt ziehen.

Nun saß ich mit den vier anderen auf dem Boden.

Emma, Klara, Sofia, Nora und ich. Wir waren dabei etwas Blut in eine Schale zu sammeln, wobei meine Wunde schon zum größten Teil mit einem Pfropf verklebt war. Zum Glück ist noch etwas Fleisch im Gefrierfach verloren geblieben, weil ansonsten nichts klappen würde.

„Reicht schon“ sagt Klara. Sie unterbrach endlich die unheimliche Stille brach.

„Jupp. Können wir jetzt endlich bestimmen wer es anzündet?“

Nora klang leicht genervt, obwohl es bei der angespannten Atmosphäre nichts besonderes ist. Sie machte ein Handzeichen, was allen zu verstehen gab, wie sie bestimmen würden. Ich sagte im Kopf die Wörter „Sching, Schang, Schong“ und machte das Handzeichen für Stein. Es waren noch drei weitere Steine zu sehen. Klara und Sofia sind raus. Ich, Emma und Nora. Ein weiteres Mal sagte ich „Sching, Schang, Schong“ in meinem Kopf. Ich und Emma zeigten beide Schere. Nora hatte Papier. Nur noch wir beide.

Zufall, mein Freund. Lass mich nicht hängen, dachte ich während mir das Handzeichen durch den Kopf geht, welches sie verlieren lassen sollte.

„JA!“ sagte ich etwas lauter als gewünscht. Schere gegen Papier.

Emma setzte sich an den obersten Rand des mit Kreide gezeichneten Ovales, der seine kreisförmigkeit wegen der Couch einbüßen musste. Emma saß im Schneidersitz vor unserem „Altar“. Links und Rechts zwei brennende Kerzen. In der Mitte geschätzt 70ml Blut. Daneben ein Stück rohes Fleisch, noch halb tiefgefroren, und ein Hühnerei.

Sie zündete ein Streichholz an. Emma ließ es brennen bis die kleine Flamme ihre Finger erreichte. Und dann schwamm es in der Schale. Sie schaute erwartungsvoll rein.

„Müssen wir jetzt etwas sagen, oder?..“ sagte Klara ungeduldig”

„Nein, da steht nichts von Zaubersprüchen“ sagte Nora während sie auf ihr Handy schaute.

Nichts.

Emma schaute erwartungsvoll herum. Als ein religiöser Mensch sollte sie eigentlich vor Angst zittern, wie Sofia es tat. Allerdings hatte ich nie das Gefühl, dass irgendjemand glaubte dies hier würde funktionieren. Es war Langeweile. Nora machte den Vorschlag um Sofia zu ärgern.

„Wer hat´s gesagt? Ich hab´s gesagt. Nichts.“ brüllte Nora fast schon.

„Warte doch. “ sagte Sofia ängstlich, aber erstaunlich überzeugend.

Noch mehrere Minuten passierte absolut nichts.

Emma ergriff die Initiative und machte die Kerzen aus. Als sie die Kreide beim Ausstieg aus dem Kreis verwischte hörten alle ein unerwartetes Geräusch.

Ohne die Quelle zu realisieren, drehte ich mich zu dem „Altar“.

Ein Pieps. Zwei Piepse. Ein Küken.

Die Augen aller richteten sich auf das braune Hühnerei. Bewegung. Sofias Aufschrei. Jedoch waren alle nach wie vor auf das Ei fixiert.

Nach und nach. Aber immer noch schneller als die Küken welche man normalerweise beim schlüpfen beobachtet, so wie es unsere Klasse mal auf einem Bauernhof getan hat. Der Schnabel durchstach die Schale im Kreis. Drei Viertel waren bereits beendet. Dann sahen wir was aus dem Ei geschlüpft ist.

Ein pechschwarzes Küken. Es hörte nicht auf zu piepen.

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„Wir töten es“ schlug Nora vor.

„Nein. Das wird es noch schlimmer machen, was wenn es intelligent ist. Es könnte uns sonst wie zurichten. Es ist anscheinend Teil des Rituals. Es zu töten heißt vielleicht ein noch größeres Unglück loszutreten.“ sagte Klara wie immer sachlich.

Das brachte Sofia zum aufheulen. Die weinte schon seitdem das Küken mit Handschuhen und Küchengeräten in einen Schuhkarton gesperrt wurde. Emma war dabei sie zu trösten. Beide hatten gleichviel Angst. Nur wollte Emma es sich nicht anmerken lassen.

„Wir müssen es so weit von hier wegbringen wie möglich. Es geschah in meinem Haus. Und wenn es hierbleibt könnte es sich gewöhnen, festlegen oder so. Dann wird es mich verfolgen.“

Dies ist das einzige was mir einfiel. Ich konnte nicht glauben so etwas zugelassen zu haben. Paranoia war ihr nie was neues, aber jetzt werde ich mich hier nie wieder wohlfühlen können. Ich hatte Angst. Ungeheure Angst. Sich nichts anmerken zu lassen hat ein wenig geholfen. Denn wenn die anderen nichts von deiner Angst mitbekommen, wirst du vielleicht auch davon überzeugt keine zu haben.

Nach weiterem Gerede wurde nichts beschlossen. Streit. Wie vorhergesagt. Es wurde ins abgeschlossene Bad gestellt. Etwas Wasser und Müsli für die Nacht. Der Schuhkarton wurde mit Klebeband zugeklebt. Neben ihm wurde eine Flasche mit heißem Wasser hingestellt. Es berührt eine Wand des Kartons. Das Küken soll letzten Endes nicht in dieser Nacht erfrieren, denn keiner weiß welche Art Vogel es ist.

Kapitel 2.

Emma

Vier Uhr. Dann schlief ich ein und träumte vom Küken.

Ich saß in einem gemütlichen Sessel, obwohl Lederbezüge normalerweise nicht zu meinen Favoriten gehörten. Das Zimmer war im alten Stil eingerichtet. Hohe Bücherregale mit Büchern in Deutsch, Englisch sowie anderen Sprachen wovon ich noch Französisch, Spanisch und Russisch erkannte. Teppich lag auf dem Holzboden. Vor dem Fenster lag ein altmodischer Arbeitstisch, mit Papieren überladen. Ein massiver Globus stand daneben. An der Wand hingen veraltete Landkarten und diese Rahmen mit aufgespießten Insekten.

Ich saß in der Mitte des Raumes und hielt einen Tee in der Hand. Nur ein niedriger Tisch war zwischen mir und dem Küken, oder besser gesagt, dem Vogel.

Der Vogel war etwa zwei Meter groß, trug einen Anzug, schwarz wie er selbst. Er hielt ebenso einen Tee in seinen Flügel-Händen.

„Wie ist dein Name, Kind?“

Die Stimme sollte unangenehm sein, so gespuckt und krächzend wie sie war. Doch ich fühlte kein Unbehagen. Es war schon fast so als würde ich mehr von der Kreatur hören wollen. Aber ich ließ sich nicht beirren.

„Lara Hoffe“ sagte ich nach einer kürzen Pause.

„Lüg mich bitte nicht an. Es ist ein Irrtum, dass deine Seele entnommen werden wird, wenn du Meinesgleichen deinen echten Namen sagst “

Ich fühlte wie es kälter wurde. Die Angst überkam mich. Keine Lügen mehr sagte ich mir.

„Emma Ziermann“ sagte sie leise.

„Nungut. Was ist dein Wunsch, aus dem heraus du mich gerufen hast? “

Panik. Ein Wunsch? Was für ein Wunsch? Also soll ich jetzt einen Vertrag schließen? Es würde viel kosten. Zu viel. Aus Erzählungen heraus schließen solche Kreaturen Verträge die nur ihnen was nutzen. Der andere Vertragspartner hat keine Chance gerettet zu werden. Ob ich mich noch herauswinden könnte wenn…

„Hast du etwa keinen Wunsch? Weshalb hast du mich gerufen?“

Ich konnte nicht lügen. Es ist sein Reich er ist allmächtig hier. Ich weiß doch nicht einmal wozu der Vogel zustande ist. Ich betete innerlich. Doch in dem Wissen, dass das Kreuz am Hals keinerlei Effekt haben würde nahm ich es in die Hand.

„Ich habe keinen Wunsch..“

Der Tee in meiner Hand wurde auf einmal eisig kalt.

„Es war demnach nur ein Zeitvertreib gewesen. Wie ich es mir bereits gedacht habe.“

Er wirkte fast schon traurig. Wir waren ganz bestimmt nicht die einzigen die so etwas zum Spaß machen.

„Es tut mir..“

„Lüge mich nicht an“ Er unterbrach mich.

Die Temperatur in diesem Raum viel gleich bis unter den Nullpunkt. Die Fenster beschlugen und mein Körper fing an zu zittern. Ich blickte in die Augen des Vogels. Ich fühlte wie er mich mit ihnen fixierte. Ich konnte keine Vermutung über seine Stimmung aufstellen. Der Tee in der Tasse gefror und es wurde immer schwerer zu atmen. Meine Finger haben eine fast schon schwarze Farbe angenommen.

Der Vogel sprach einige Worte die ich nicht verstand, die aber einen leicht amüsierten Unterton hatten.

Die Sicht setzte aus. Zuerst war alles verschwommen. Nun aber ist nichts mehr zu sehen.

Wärme. Komischerweise fühle ich wie Schweiß mein Gesicht herabläuft. Es wird unangenehm warm. Und immer immer wärmer.

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Von diesem Traum habe ich keinem erzählt. Sie würden es entweder falsch verstehen, oder es als belanglos Abstempeln.

Sofia konnte die ganze Nacht nicht schlafen, was mir Sorge machte. Aber ich hatte schon genug Probleme. Wie zum Beispiel sollte ich meinen Eltern erklären warum meine Finger nach wie vor eine eigenartige Färbung hatten. Zumindest was es möglich meine Hände vor meinen Freunden zu verschleiern.

Kapitel 3.

Sofia

Nach dieser Nacht bin ich für mehrere Stunden in die Kirche gegangen, während die anderen in den Park gingen.

Das Küken ist gestorben.

Nora meinte sie werden es verbrennen und dann vergraben, wobei ich glaube nur letzteres passieren wird.

Meine Eltern waren zwar ein wenig verwundert, jedoch fragten sie nicht weiter nach. Sie waren fast schon froh über mein Interesse an Religion.

Ich wollte auch meine Schwester mitnehmen. Sie aber hielt nichts davon.

Die Angst. Ich hatte in meinem Leben selten so viel Angst wie zu jenem Zeitpunkt.

Nichts brachte mir mehr Ruhe. Ich hatte Angst in dunkle Ecken zu schauen, in Spiegel zu blicken oder meinen Blick von meinem Kreuz abzuwenden. In der Angst etwas schreckliches zu sehen. Jede Stunde dieses Sonntags war wie ein Spaziergang auf einem Seil, welches über einer unendlich tiefen Schlucht gespannt war.

In unserm Gruppenchat hat bisher keiner geschrieben und es wird auch niemand miteinander reden. Zumindest bis Morgen die Schule wieder anfängt. Gott helfe mir.
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Noch nie zuvor kam mir eine einzige Schulstunde so unendlich lang vor. Jede Minute dehnte sich ins Unendliche. Sich auf den eigentlichen Unterricht zu Konzentrieren gestaltete sich als unmöglich. Wenn man die gesamte Nacht über kein Auge zudrückt, wird deine Umwelt taub, deine Sicht verwischt und deine Gedanken werden zu einem großen schlecht systematisierten Haufen Wörter. Aber angesichts meiner vielen Recherche, die betrieben hatte, nicht verwunderlich. Die Stunde endete.

Ohne das jemand ein Wort sagte, beschlossen wir den ruhigsten Platz auf dem Pausenhof zu finden. Sie alle sahen angespannt aus.

Wir fanden uns einige Minuten später, im Kreis sitzend, zusammen.

„Ich werde sterben! “ Charlotte klang so als würde sie bald in Panik ausbrechen, an Todesangst leiden. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen. Tränen liefen ihr runter.

„Psch. Pscht. Wir können es alle gemeinsam überstehen“ versuchte Emma sie zu beruhigen.

„Rumgeheule hilft nicht viel weiter.“ Noras Stimme klang selbstbewusster als üblich.„Wenn jetzt jeder anfängt irgendeine Scheiße anzurichten, wird alles nur noch schlimmer.“

„Da gebe ich dir recht. Zu überlegen, was unsere nächsten Handlungen sind, ist das wichtigste. Fangen wir mit dem wichtigsten an. Informationen. Was wissen wir über das Ritual, das Küken und seine Möglichkeiten.“

Klara war zwar immer schon sehr pragmatisch gewesen, aber hier hörte sie sich so an als ob sie nicht in der Lage wäre Angst zu verspüren. Oder es war nur der Nihilismus, dem sie sich verschrieben hatte.

„Ich… habe recherchiert.“ Alle Blicke waren auf mich gerichtet. „So. ich habe das Ritual auf deiner Seite gefunden, Nora. Es waren nicht viele Infos aber… “

„Komm zum Punkt“ Charlottes stimme klang brüchig, gleichzeitig aber durchbohrte sie mich mit ihrem erwartungsvollen Blick.

„So. Das Ritual wurde verwendet um Wünsche zu erfüllen. Oder genauer, einen Wunsch. Es setzten sich hierfür fünf in einen Kreis. Und sie führten das Ritual durch. Einem von ihnen wurde der Wunsch erfüllt. Die anderen… die anderen gelten als Opfer.“

Charlotte heulte auf. Die weinte ununterbrochen. Ich habe dieses Stadium schon hinter mir. Zuerst war es schwer zu akzeptieren, später jedoch verschwindet die Angst. Es bleibt die Spannung des zu Erwartenden, sowie ein wenig Hoffnung. Die Gesichter von Nora und Klara waren ausdruckslos. So als ob sich bereits vor ihren Augen der eigene Tod abspielte. Emma jedoch wirkte ertappt. Wie das Gesicht eines Hundes, der dich mit schuldbewussten Augen, im zerfetzten Kissen sitzend, anschaut. Dieser Ausdruck bereitete mir die größte Sorge.

„Was ist mit dem Küken?“ fragte Emma trocken.

„Es sollte ein Begleiter oder Beobachter werden. Es stellt sicher, dass alle Opfer sterben. “

Jetzt verstand ich. Emma war also für den Tod des Kükens verantwortlich. Hätte ich nicht von einer Tierliebhaberin erwartet. Aber strenggenommen war das Küken kein richtiges Tier. Charlotte hatte aufgehört zu weinen. Sie lag ruhig auf Emmas Schoß. Nora aber, von der ich es am wenigsten erwartete, weinte leise. Klara strich ihr über die Schulter.

„Ich habe auch was herausgefunden.“ meinte Klara leise. „Derjenige der wünscht, verändert sich. Er wird zu etwas größerem als die Opfer es je sein werden. Anders gesagt, es wird ein Unmensch geschaffen“

Ihre Recherche ist wohl auch einer der Gründe warum sie nicht ausflippt.

„Aber, wer von uns hat sich etwas gewünscht?“ Nora schaute sich im Kreis um.

Als ich diese Worte hörte, hatte ich da Gefühl des Falls. Nora hatte damit die Box der Pandora geöffnet. Über so etwas habe ich noch nicht nachgedacht. Charlotte fing wieder an zu weinen. Keinem meiner Freunde trauen zu können, würde mich in den Wahnsinn treiben.

„Ich habe eine Idee.“sagte Klara bestimmt „Mehrere Sicherheitsstufen. Wer auch immer der Wolf im Schafspelz ist, der muss sich irgendwann ändern. Charakterlich, Äußerlich oder sonst wie. Wir kennen uns bereits seit Jahren, also muss es jeden Tag eine Befragung untereinander geben. Und wenn die Mehrheit sich gegen diese Person wendet, machen wir sie unschädlich.“

Es lief mir ein kalter Schauer über den Rücken

„Irgendwann muss sie irgendwelche Schritte gegen uns unternehmen, und diese müssen wir erkennen. Hier tritt die zweite Sicherheitsstufe in Kraft. Jeder von uns wird in zufälligen Zeitabständen der Reihe nach von jedem angerufen. Sie sagt den Standort und was sie genau tut. Dann erhält jeder ein Video der Umgebung und einer Unabhängigen Quelle an der man die Uhrzeit sehen kann. Und falls es nicht mit den Ergebnissen der Befragung übereinstimmt, wird die Person…“

„Ja, wir haben es verstanden“ unterbrach Emma sie.

Die Pause war zwar schon längst vorbei. Aber es gab trotzdem noch viel zu besprechen. Sie redeten und redeten. Nach einer Weile habe ich das Gefühl bekommen kein Deutsch mehr zu verstehen. Ich war müde.

Sehr müde.

Ich schaute nur noch den Blättern beim Fallen zu, ohne irgendwelche Gedanken im Kopf zu haben. Im Hintergrund hörte ich diese zackige Sprache. Ich stellte mir vor, wie wir alle.. alle hintereinander fallen würden.

Ich wachte aus meinem Tagtraum dank der Pausenglocke wieder auf. Und konnte mir nochmal eine Zusammenfassung von Klara anhören.

„Innerhalb von zwei Stunden bekam jeder einen Anruf und musste ein Video abschicken. Dort soll eine 360 Grad Drehung vollführt werden und eine nicht manipulierbare Uhr drauf sein. Weil mit letzterem Probleme auftreten könnten wurde beschlossen, dass Sonne, Mond sowie Zeitanzeigen im Auto und ähnliches auch ausreichen.“

Ich erwartete von Klara etwas ausgeklügelteres, aber dennoch war ich zufrieden.

Zufrieden. Ich fühlte mich komischerweise beruhigt. Schon fast sicher.

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Es regnete bereits wie aus Strömen. Ich wartete an der Bushaltestelle mit meinem Regenschirm in der Hand. Ich genoss es hier, denn im Herbst war unsere ländliche Region ziemlich schön. Ich liebte den Geruch von Regen. Ein angenehmes Kribbeln ging durch meinen Körper. Ich stand einfach da. Weit und breit niemand zu sehen. Nur ein schmaler Weg, und eine lange Straße auf der gelegentlich Autos fuhren. Und die Felder. Die Felder, welche sich in die Unendlichkeit zu strecken scheinen.

Ich stellte mich an den Straßenrand und ließ den Regenschirm baumeln, um den Regen auf meiner Haut zu sprühen.

In diesem Moment der Einsamkeit konnte ich letzten Endes realisieren. Ich war müde, erschöpft und auf gewisse Weise verdammt. Tränen kullerten mir die Augen runter.

Sobald ich nachhause komme, werde ich alles meinen Eltern erzählen. Sie können mich verstehen. Meine Schwester, sie wird mir helfen. Ich kann mich ihnen anvertrauen. Ein Lachen der Erleichterung kam aus meinem Mund. Ein Bus war schon in Sichtweite. jedoch hält dieser hier niemals an. Der, den ich brauch kommt als nächstes.

Jemand anderes rannte durch den Regen zur Haltestelle. Zum Glück musste ich so etwas nicht mehr tun seitdem mein Kunstlehrer mir erlaubt einige Minuten früher zu gehen. Ich hörte typischen Geräusche, welche der Bus immer ausstößt. Die Person kam an die Haltestelle gerannt. Plötzlich fühlte ich eine Hand an meinem Rücken. Und einen Schubs.

Kapitel 4.

Klara

Es war so als würde eine Implosion in meinem Kopf stattfinden. Alles wurde stiller, und dann traf die Realität mit all ihrer Gnadenlosigkeit ein. In einigen Tagen sollte ich zur Befragung erscheinen. Es wurde eine Ermittlung eingeleitet, denn der Winkel auf dem sie gestürzt ist, lässt auf Fremdeinwirkung schließen. Zudem haben zwei Zeugen eine suspekte Person weglaufen sehen. Meine Mutter bekam einen Anruf während wir nach der Schule zusammen aßen. Die Polizei hat uns darüber informiert, dass wir in kürze eine Vorladung per Post erhalten. Ich fühlte mich wie so oft schwach.

Wir alle erhielten diesen Anruf nachhause. Dennoch hat jeder die Kette an anrufen bekommen und die Videos erhalten. Und ich habe noch etwas beschlossen.

Heute Nacht werde ich mich anfangen abzusichern. Die Tür wurde abgeschlossen, mein Smartphone griffbereit gelegt und ein Küchenmesser unter das Kopfkissen getan. Ich überprüfte noch alle Fenster und Türen, was meine Mutter eigenartig fand. Sie sprach mich darauf an und es staute sich eines dieser langen Gespräche an.

Aber sie verstand wohl, dass ich nicht reden wollte.

Nachdem ich in mein Zimmer gegangen war, fing ich auch sofort an zu weinen. Ich wollte nicht, dass sie es sieht. Sie hatte schon genug Sorgen. Ich wusste einfach nicht was ich noch tun sollte. Nicht einmal wie ich meinen Zustand hätte beschreiben können. Verängstigt? Klar. Traurig? Definitiv. Überfordert? Selbstverständlich.

Trotzdem habe ich es geschafft einzuschlafen.

Ich wachte am nächsten Tag früh auf, um noch an der Tankstelle ein Pfefferspray zu kaufen. Nur zur Sicherheit legte ich noch ein Teppichmesser in meine Tasche.

An der Schule angekommen wurde ich von traurigen, beunruhigten und ängstlichen Gesichtern begrüßt. Unsere Lehrerin erzählte wie schlimm es doch alles ist und wie traurig, deprimiert und hilflos wir uns alle fühlten. Woraufhin die Klasse vom Unterricht befreit wurde.

An der gestrigen Stelle lief dann die Befragung ab. Ich protokollierte das ganze Trauerspiel über Stunden hinweg. Wir alle haben irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Emma war bis zum hin Abend in der Kirche, was sie als Maßnahme sah, und erfuhr es erst spät am Abend. Nora dagegen tat es mir gleich und besorgte sich Verteidigungswerkzeug. Charlotte flippte aber komplett aus. Sie hatte die Idee sich nach Mexiko abzusetzen, was, obwohl sie Spanisch in der Schule gelernt hatte, absolut hirnrissig war. Das gab sie zwar später zu, aber dann erfuhren wir, dass Charlotte vor hatte mit ihren Ersparnissen eine Waffe zu kaufen. Selbstverständlich nicht legal. Mit ein wenig Überzeugungskraft verwarf sie die Idee wieder.

Die Geschichten aller waren durchaus glaubwürdig. Obwohl die von Emma mir etwas spanisch vorkam. Sie hat eine halbe Stunde später als nötig ihr Haus betreten, dann hat Charlotte sie angerufen. Da Emma ein Fahrrad nutzte um zur Schule zu fahren wäre es ein perfektes Fluchtmittel. Schnell, aber immer noch gut zu verstecken. Natürlich sagte ich es ihr nicht. Denn die zweite Version ist immer mit mehr Lügen versehen als die erste.

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„Ich habe eine Vermutung“ sagte Nora bei unserem inoffiziellen Treffen ohne Emma.

„Aber wir werden doch nicht..“ Charlotte klang jetzt noch neurotischer als ich es für möglich gehalten habe. Sie hatte sich die Fingernägel abgekaut, die bei ihr mal so schön aussahen. Anscheinend fing sie wieder an sich an den Armen aufzukratzen.

„Lass uns der Polizei alles erzählen“ versuchte Charlotte verzweifelt zu sagen.

Ein bereits angesprochenes Thema. Wir kamen zu dem Schluss keinem von den Ereignissen zu erzählen. Es würde alles nur unendlich komplexer machen.

„ Wir haben eine Vermutung, einen Verdacht. Falls er richtig sein sollte, wird noch mindestens eine von uns sterben. Und dann wird Emma nicht mehr so vorhersehbar sein. Sie hat das Streichholz angezündet. Also wird sie wohl auch einen Wunsch gesagt haben. Wir sterben wenn nichts unternommen wird. “ versuchte ich so nachdrückend zu sagen wie ich konnte ohne beleidigend zu werden.

„Denk doch selber mal nach. Was hat sie gemacht? In die Kirche gehen. Keine Vorsicht. Nichts. So etwas würde nur jemand machen, der nicht den Tod zu befürchten hat. Und was hat sie nach der Schule gemacht, dann wann Sofia gestorben ist? “Noras Augen wurden feucht. „Sie ist nachhause gefahren. Nur, dass sie eine halbe Stunde später ankam. Gerade genug Zeit um..“

Charlotte brach in Tränen aus. Es war für uns alle schwer. Aber sobald du weinst, hast du dir selber zugegeben nicht mit der Situation klarzukommen. Nun weinten schon zwei von uns. Aber es gab eine Sache die stärker war als so vieles andere auf dieser Welt: die Angst. Und nicht nur Höhenangst, Arachnophobie oder etwas ähnlich lächerliches. Hier war es die Todesangst. Ob es nun eine Selbstrechtfertigung für meinen Egoismus war, konnte ich nicht sagen. Der Gedanke, dass man einen Menschen innerhalb von nur drei Tagen zu so etwas bewegen kann war fast schon witzig. Über große Moral habe ich noch nie verfügt, aber so früh einen Mord zu begehen kam mir leicht übertrieben vor. Und überhaupt. War das alles echt? Hatten wir irgendwelche Beweise für Übernatürliches? Konnten es in der Nacht auch einfach nur Drogen sein, die und die ganze Kükengeschichte glauben ließen? Wenn es etwas wie Flüche und Dämonen gibt, gibt es auch einen Gott der mich richten wird?

NEIN. Nicht darüber nachdenken. Es ist Emmas Plan. So passiert es oft, dass Stress und unbedachtes Handeln in den Abgrund führt.

„Du bist es doch, die Besessene.“ schrie Charlotte Nora an „Hörst du dich überhaupt selber? Emma ist auch eine von uns. Du bist doch schon immer der Psycho gewesen.“

„Sag mir mal. Was hast du alles beigetragen? Du schreist, heulst und schreist. Und anstatt irgendwas zu machen brichst du in Panik aus. Zuvor hast du auf ach so mutig getan. Jetzt bist du aber ein ängstliches Stück Dreck.“ brüllte Nora zurück.

Ich sah bereits wie sie sich beide wieder prügeln würden. Es flogen Beleidigungen, private Details und Haare. Sie versuchen sie auseinander zu treiben ist nutzlos. Es vergingen Minuten. Also bin ich einfach gegangen. Ja, einfach gegangen. Die beiden waren mir schon lange gute Freunde gewesen und genau deshalb konnte ich mir das Gefauche nicht mehr ansehen.

Es war Zeit etwas zu tun.

Kapitel 5.

Nora

Ich war so unglaublich wütend auf Charlotte, dass ich ihr beinahe den Kopf einschlagen könnte. Wir gingen nachhause. Aber erst nachdem eine halbe Stunde voller Streit vergangen war. Sie vertraute keinem von uns weiterhin, weil sie weder auf Anrufe antwortete noch Beweisvideos schickte. Eine kleine schwache Heulsuse und nichts weiter.

Ich genoss den freien Tag. Wir werden die gesamte Woche Frei haben. Nun schaute ich schon den ganzen Tag irgendwelche belanglosen Serien, auf die ich mich aber trotzdem nicht konzentrieren konnte. Charlotte wird jetzt wahrscheinlich einen ihrer Shooter zocken.

Ich werde jetzt wohl bald schlafen gehen müssen. Am nächsten Tag sollte ich hellwach sein, denn morgen wird Emma konfrontiert. Ich habe einen unendlichen Hass auf sie aufgestaut. Was eine Fotze. Eine Hure. Ein Monster.

Aber dennoch geschah etwas unerwartetes. Um etwa dreiundzwanzig Uhr bekam ich einen Anruf von Klara. Wir sollten uns um sie kümmern.

Weil ich aber nicht sofort verstand erklärte sie mir gut 15 Minuten lang was zu tun war. Ich konnte ihr umständliches Rumgelaber nicht ausstehen. Aber dann. War ich bereit.

Ich zog mich an und schlich langsam aus der Wohnung. Dann erhielt ich einen Anruf von Emma. Ich sagte ihr das, was mir Klara zuvor diktiert hat und traf mich mit ihr am vereinbarten Treffpunkt. Er war nur wenige Minuten von meinem Wohnblock entfernt.

Es ist eine Haltestelle. Nicht die vor der Sofia stand, das wäre zu poetisch gewesen. So sagte es Klara. Es war die Haltestelle am Kelterweiher Waldgebiet.

Ich hörte wie Emmas Schritte auf mich zukamen.

Mir wurde fast schon übel als ich sie auf mich zugehen sah. Was ein falsche Schlange. Ich wollte nicht viel mehr als nötig mit ihr reden. Am allerliebsten würde ich ihr den Schädel einschlagen, aber dann würde Klara mir das gleiche antun. Also standen wir einfach da. In Erwartung.

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„Da bist du ja endlich. Ich bin fast erfroren“ sagte Emma zu Klara als sie endlich ankam.

„Tut mir leid. Ich musste noch warten bis meine Mutter einschlief“ antwortete Klara. Lüge.

„Zurück zum wichtigeren“ sagte ich. Ich versuchte so gut zu lügen wie es geht.

„Wir haben eine Vermutung, dass Charlotte hinter all dem steckt.“ sagte Klara ernst. „Es würde zumindest Sinn machen, denn ihre Geschichte ist alles andere als schlüssig. Sie hat auch aufgehört auf Anrufe zu antworten.“ Lüge

Emma schaute besorgt um sich. Diese Schlampe würde bestimmt nichts ahnen.

„Aber…“ fing Emma an.

„Hör mal. Es ist schwer. Und es wird es auch weiterhin sein. Aber wenn wir nichts tun wird noch mindestens einer sterben.“ Das war nur zum Teil eine Lüge.

„Emma, sie hat mich gestern verfolgt.“ Lüge. Aber Klara sagte es mit ungewohnt viel Emotion. Dieses dumme Stück wird uns die Lügen aus der Hand fressen.

Emma atmete ein um etwas zu sagen, wurde aber von Klara unterbrochen.

„Charlotte !“ Klara schaute erschrocken in die Büsche. Lüge. Sie rannte in das angrenzende Waldstück. Es war oft besucht, aber dennoch groß genug und mit einem passenden See. Ich nahm Emma am Arm und zog sie hinter mich her. Als sie endlich begriff rann sie dann auch freiwillig vor mir her.

Wir liefen tief in den Wald. Klara vorne. Emma in der Mitte und ich als Anschluss. Im dunkeln war Klara kaum zu sehen, deshalb nahm ich, wie sie wollte, meine Taschenlampe aus der Tasche. Nun sah man die vielen auf den Boden liegenden Blätter die zu verschwommenen Farben wurden. Ich fühlte einen Schub. Als wäre ich auf der Jagt. Nur, dass meine Beute davon noch nichts weiß.

„Kommt her!“ rief Klara. Sie blieb stehen und tat so als ob sie jemanden am Boden festhält. Emma stoppte plötzlich. Der Moment an dem sie endlich alles begriff?

Sie stand da und schaute auf Klara, die ihre Instrumente aus dem Kasten nahm, den sie im Boden vergraben hat.

Sie drehte sich um und ihre Augen schauten mich mit einer unfassbaren Angst an. Doch dann kam auch schon Klara von hinten. Sie nahm die Schnur welche in den Kasten gelegt hat und wickelte sie Emma kurzerhand um den Hals.

Ein Schlag in den Bauch und sie viel auf die Knie. Trotz Gegenwehr konnte ich diesen Abfall mit einem Schlag aus dem Bewusstsein schlagen. Klara holte Ducktape und fixierte damit Emmas Beine und Hände. Ihr Mund wurde auch zugeklebt.

Wir warteten einige Minuten. Sie sagte, es wäre sinnvoll sie noch ein wenig zu befragen und gab ihr irgendwas zu riechen. Was ihr das Bewusstsein wiedergab.

Emma weinte jämmerlich. Fast schon wie ein verletzter Welpe.

„Ich werde jetzt mit dir reden. Und ich möchte keine Schreie von dir hören. Falls es doch dazu kommt, werde ich dir die Zunge raus schneiden.“ sagte Klara seelenruhig.

Ihre Art zu reden machte mir oftmals schon Angst, aber nun klang sie wie ein Roboter. Irgendwie seelenlos. Klara nahm ihr das Stück Tape vom Mund und Emma fing sofort an zu schreien. Und genauso schnell wurde ihr Mund auch wieder zugeklebt. Klara atmete tief ein und kramte in ihrem Rucksack. Sie holte eine Flasche Deo raus. Eine Minute. So lange sprühte sie es ihr in die Nase. Sie würde wahrscheinlich schreien, doch dann fing sie an nach Luft zu ringen. Niesen, Husten und ein ekliges Keuchen. Husten. Keuchen. Und wieder Husten.

„Bist du jetzt breit mit mir zu reden?“ sagte Klara kalt und nahm wieder das Stück Tape vom Mund.

In Emmas Augen blühte allmählich Hass auf. Tränen blieben zwar. Aber dennoch hätte sie Klaras Gesicht am liebsten in Ragu verwandelt. Klara nahm ihr das Tape wieder vom Mund.

„Warum tust du das? Du Sadistin.“ sagte Emma leise. Sie versuchte die Brüchigkeit in ihrer Stimme zu unterdrücken. Unter anderen Umständen hätte sie mir leidgetan. Doch für Sofia wird keiner ihr verzeihen. Keiner. Besonders Klara nicht.

„Gibt es mehr von deiner Sorte?“ fragte Klara trocken.

„Was?!“ Emma klang verzweifelt. Sie war für einen solchen Stress nicht gewachsen.

„Du hast die Frage verstanden. Ich erwarte eine Antwort.“

„Ich bin hier sicherlich nicht das Monster. Klara.“ sagte Emma verzweifelt.

Klara wühlte in ihrem Kasten und nahm ein Klappmesser raus. Die ging auf Emma zu und rammte es ihr in den Oberschenkel. Schreie. Blut überall auf dem Waldboden.

„Gibt es mehr von deiner Sorte? Wo ist dein Aufseher und was hat er für Möglichkeiten? Hast du irgendwelche Kräfte erhalten? Und das flott.“ Sie klang herrisch. Als ob Klara so etwas genoss. So als würde sie nur auf eine solche Möglichkeit gewartet haben. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen Bohrte sie in Emmas Wunde. Langsam, und den Prozess genießend.

„Siehst du denn nicht was ihr tut? Ich habe noch nie ein solches Monster gesehen. Kein Wunder, dass sogar dein Vater sich verpisst hat.“ sagte Emma und spuckte ihr ins Gesicht. Ich hätte nie gedacht von ihr so etwas zu hören. Sie hatte keine Angst. Keine. Aber würde sich so ein überführtes Monster verhalten?

„Glaubst du wirklich das würde mich treffen?“ Klara wischte sich die Spucke aus dem Gesicht. „Ich könnte dich jetzt zu Tode foltern, für den Verrat an uns.“

„Wohl eher an Sofia. Du scheiß Lesbe?“ sie hatte immer noch keine Angst vor Ihr.

„Ernsthaft?“ Sie schaute Emma mit weit geöffneten Augen an. Und dann begann es. Klara fing an ihr Messer langsam an Emmas Gesicht heranzuführen. Und dann begann sie mit ihrem Auge an. Dann die Lippen. Die Nase. Die Ohren. Zunge. Stimmbänder. Schilddrüse.

———————————————————————————————–Es wurde langsam hell. Sie sagte es diene einem Zweck als wir am See zusammen saßen. Denn so könnte man sie nicht sofort identifizieren. Aber das einzige an was ich dachte war die Angst. Und zwar die Angst vor Klara.

In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen. Ob vor Schuldgefühl oder vor Aufregung.

Kapitel 6.

Charlotte

Ich habe mir doch eine Waffe besorgt. Nach dem Streit habe ich beschlossen mir eine zu bestellen. Sie sollte ursprünglich in Teilen über mehrere Wochen hinweg geliefert werden. Aber für den dreifachen Preis konnte ich sie bereits am übernächsten Tag abholen. Mir waren die Charakteristiken egal. Am Ende hatte ich eine handliche, aber ziemlich schwere Pistole. Sie wurde nach scheinbar zufällig ausgewählten Großbuchstaben benannt und hatte ein volles Magazin mit 12 Schuss. Es ging mein gesamtes Ersparnis, welches für meinen Führerschein bestimmt war, drauf.

Ich verbrachte Stunden damit sie mir anzuschauen. Irgendwie bin ich fasziniert von diesem Ding. Ich führte meine Finger an den Kanten entlang. Sie war makellos, bis auf eine wohl extra zerkratzte Stelle. Ich fühlte mich mit ihr sicher. Und ausnahmsweise mal stark. So als könnte ich es schaffen. Ich starrte in mein Gesicht welches sich ein wenig an der halbmatten Oberfläche spiegelte. Fast schon hypnotisierend. Ich habe sogar aufgehört mich ständig zu kratzen.

Nach einigen YouTube Videos habe ich auch endlich herausgefunden wie man damit schießt, das Magazin aber ist nicht in der Waffe drin. Zumindest irgendeine Art von Waffendisziplin sollte ich führen um nicht aus versehen meine Hand zu durchlöchern. Aber bei unserem Treffen sollte sie das erste Mal geladen werden.

Nun warte ich seit einer Stunde auf Nora. Sie rief mich morgens an um mit mir zu reden. Ich traute ihr aber nicht über den Weg. Mögen tat ich sie noch nie so richtig. Kennen, ja. Tolerieren, ja. Aber nicht mögen. Im Vergleich zu Sofia oder Emma waren wir mit Nora nur gute Bekannte.

Wir trafen uns im Feld um drei Uhr. Zwischen dem Mais steht eines der hohen Windräder an denen wir fünf uns früher immer getroffen haben. Sie kam wie so oft zu spät. Man konnte es ihr nicht übel nehmen, denn sie wohnte, nicht so wie wir anderen, im im Blockviertel.

Ihre Silhouette war langsam gut zu erkennen. Dank ihren Augenringen und der gequälten Körperhaltung merkte, dass etwas schlimmes passiert ist. Und dann fiel sie auf die Knie.

„Ich wollte nicht, dass so etwas passiert.“ sagte sie schon fast heulend. Es ist etwas schlimmes passiert. Sie heulte nie.

„Was hast du angerichtet?“

„Du bist die einzige der ich das sagen könnte. Warum hab ich nicht auf dich gehört. Klara ist es. Das weiß ich jetzt ganz sicher. Sie wird auch mich umbringen. Sie wird es tun. “

Ich konnte mir schon ganz gut vorstellen was passiert ist. Emma. Wie konnten sie so etwas anrichten? Ich war ganz und gar von meinen Gefühlen überfordert.

„Du bist nur gekommen um mir das zu sagen. Magst es wohl wenn ich weine, nicht war?“ Ich richtete meine Pistole, die ich unter meiner Jacke versteckt hielt, auf Nora.

Ihre Augen weiteten sich. Sie schaute mich ehrfürchtig an. Ich mochte dieses Gefühl.

„Ich bin gekommen damit du mir hilfst. Ich brauche dich. Klara ist hier die Gefahr. Sie wird auch und umbringen. Sie hat Emma zu tote gefoltert und dann im See versenkt. Hör mal. Ich bin deine einzige Verbündete“

„So ein Abschaum wie du sollte nicht auf der gleichen Erde leben wie ich es tue. Du bist ein jämmerlicher, idiotischer Haufen Dreck. Du hast mir auch noch Emma genommen. Du magst es wenn es anderen schlecht geht. Du liebst es wenn ich weine. Dir tut gar nichts leid. Du.. “

„Charlotte, es tut mir…“ sie stand auf und ging auf mich zu. Ich schlug ihr mit dem Griff gegen den Kopf. Sie viel zu Boden.

„Du hältst den Mund wenn ich rede. Hast du verstanden? “ Ich fühlte mich mächtig. So als könnte ich Berge bewegen. Ganze Kontinente.

Sie saß mich erschrocken an „Klara. Sie hatte den gleichen Blick.“

Es passierte ziemlich viel auf einmal. Ich fühlte wie der Hass zu ihr wuchs und wuchs. Sie war zu dumm um das zu begreifen, was ich schon wusste. Und jetzt kommt sie angekrochen und bittet um Vergebung. Und dann vergleicht dieses Insekt mich auch noch mit einem viel größeren Abschaum. Eine Mörderin wie Nora verdient es nicht einmal die gleiche Luft wie ich zu atmen.

Schuss. Er traf in den Bauch. Der Rückstoß war stärker als ich dachte. Ich ließ meine Waffe fallen und hob sie sofort wieder auf. Nora fiel sofort auf den Boden und fing an zu schreien. Ich fühlte Macht. Es war ein unendlich angenehmes Gefühl. Als würde ich fliegen. Ich kam auf sie zu und sah wie aus Noras Bauchhöhle Blut floss. Ihr Blick war ein Zeugnis dessen was ich bereits dachte. Sie war armselig, traurig und schwach. Wie in Trance richtete ich meine Waffe wieder auf sie.

Schuss. In die Brust und anscheinend auch in den Lungenflügel.

Blut. noch mehr Blut. Noras Leib.

Nach einigen Minuten hat sie aufgehört sich zu bewegen. Ich nahm sie an den Beinen und zerrte ihren Körper in das hohe Mais. Erstaunlich wie viel Blut in einem Menschen steckte. Eine Dunkelrote Spur führte quer durch die kleine unbewachsene Fläche. Passanten werden ihren Körper schneller finden als dass die Maisernte beginnt.

Ich ging nachhause. Einfach so. Ich fing an über den Feldweg zu hüpfen. Lachen. Ein ehrliches herzhaftes Lachen. Nun lief ich bereits. Ich habe noch nie so etwas erlebt.

Ich liebe es zu leben, denn ich weiß was ich als nächstes tun werde.

Kapitel 7.

Klara

Ich bekam zum Abend hin einen interessanten Anruf von Charlotte.

Es würde mit absoluter Sicherheit ein Vorwand sein um mich zu vernichten. Also vereinbarte ich einen Termin an einem abgeschieden Platz und würde nicht auftauchen. Mein Leben so unnötig in Gefahr zu bringen erschien mir sinnlos, denn ich hatte alles was ich wollte. Zumindest nicht ohne nötige Vorbereitung. Demnach tat ich was ich am besten konnte. Nachdenken. Beschlossen wurde ein Ticket nach Ganz-Weit-Weg zu kaufen, Pfefferspray, Teppichmesser und, zur Sicherheit, einige übriggebliebene Silvesterböller mit Feuerzeug mitzunehmen.

Selbst an einem Ort wie hier gab es einen Bahnhof. Ich kratzte meine dreihundert Euro zusammen und machte mich auf den Weg. Er sollte bald schließen. Ein Abschiedsbrief wäre nicht schlecht, also schrieb ich ihn an meine Mutter.
– Erstmal. Mach dich keine Sorgen.

Ich werde zurückkommen und dann wird alles wie immer werden. Ich liebe dich. Wirklich. Habe einige Dinge zu tun. Aber das Leben ist absurd. Wenn es nicht so sein sollte. Möchte ich mich für alles bedanken

Danke, dass du mich geboren hast, Mama. Es bedeutet viel für mich.-

Jedes Wort war ernst gemeint. Obwohl ich meine Gefühle nie richtig gut ausdrücken konnte, und mein Verhalten auf Missverständnis stieß, liebte ich meine Mutter. Sie ist wohl aber auch der einzige Mensch der mir wirklich viel bedeutet. Oder genauer gesagt, der einzige der, der noch am Leben ist.

Ich ging die Treppe runter und nach draußen. Mein Haus lag nah am Bahnhof, es würde nur wenige Minuten zu Fuß dauern, aber dann wäre ich auf offener Fläche, aber gleichzeitig von den Hecken aus angreifbar. Der Bus war demnach eine bessere Lösung. Auf dem Weg zur Haltestelle rief ich die Polizei an. Ein nicht so gut ausgereifter Plan aber trotzdem hoffentlich funktionierend.

Ich wurde mit einer netten Frau verbunden und ich gab mir größte Mühe sie anzulügen. Mit etwas Glück würde sie mir die Geschichte glauben. Ich schob alles auf Charlotte und Nora. Es wundert mich, dass sie mich noch nicht verraten hat. Ich sagte ich würde mich jetzt verstecken. Ob nun ein Wagen mich, Charlotte oder Nora holen würde war mir unklar. Aber ich habe zumindest dafür gesorgt, dass falls ich sterben sollte die beiden ins Visier der Ermittlungen geraten würden.

Ich hielt an der Haltestelle und wartete auf den Bus. Dabei schaute ich auf den nahenden Sonnenuntergang.

„Hey“

Ich erschrak und drehte mich um. Charlotte hat lächelnd ihre Hand auf meine Schulter gelegt.

„Was machst du denn bitte hier?“

Erstaunt spinnte ich bereits meinen Fluchtplan zusammen.

„Hör mal. Du weißt ganz genau worauf es hinauslaufen wird warum folgst du mir denn nicht einfach ohne Faxen zu machen, du Monster.“

Sie ließ mich auf etwas blicken was ich für eine Waffe hielt. Wo hat diese Verrückte denn bitte eine Waffe her? Ich wog meine Optionen ab. Und ohne lange zu denken schoss schon meine Hand zusammen mit meinem Messer aus der Tasche und auf Charlottes Hals zu. Es spritzte Blut.

Sie hielt sich die Wunde geschockt mit der Hand zu. Die wenigen Passanten fingen bereits an die Polizei zu rufen, und ich sah keinen anderen Ausweg als zu rennen. Charlotte aber nahm, zum Aufschrei der Passanten, ihre Pistole. Ich hörte zwei in die Leere gehende Schüsse. Einer traf.

Ich stolperte leicht, dennoch waren die Schmerzen in der Hüfte unerträglich. Ich versuchte den Blutfluss so gut wie möglich zu verringern Sie würde mich treffen wenn ich die Straße weiterhin entlanglaufe. Mein Blick fiel auf eine Baustelle, welche nur wenige Meter entfernt stand. Ich zwang mich schneller zu laufen. Sie lief hinterher. Der Schnitt war nicht tief genug gewesen um eine Hauptschlagader zu treffen.

Ich schleppte mich durch den Türrahmen und auf den zweiten Stock. Allmählich überkam mich der Schwindel. Charlotte aber hatte anscheinend die gleichen Probleme, denn ich hörte wie sie sich unkoordiniert durch das Treppenhaus zwang. Sirenen. Bald wird eine von uns endgültig gefasst werden. Ich musste nur diese Minuten überleben. Ich versteckte mich im unzähligen Baumaterial.

Eine Plane, groß genug um mich und meinen Blutfleck zu verstecken. Meine Sinne waren scharf, Gedanken schnell, und der Atem flach.

Denken. Denken! Das einzige was mir jetzt hilft.

Sie war dank der Schusswaffe überlegen, ich musste taktischer vorgehen. Ich packte das Pfefferspray in eine Tasche, das Messer und Feuerzeug in eine Hand, die Böller in die andere. Hörte wie sie schwer atmend in die halbfertige Etage kam.

Die Polizisten sammelten sich allmählich vor dem Eingang. Sie würden aber nicht schießen, wir sind hier letzten Endes nicht in den USA. Einige liefen schon die Treppe hoch. Sie würden, wenn ich nichts tue, nur einen von uns festnehmen können.

Dank der knisternden Planen konnte man erahnen wo sie war. Ich zündete und warf einen der Böller unter ihre Füße. Sie erschrak bei diesem Anblick, konnte aber nicht rechtzeitig wegspringen. Mein Körper sauste aus den Versteck und auf sie zu. Ja. Ich werde es schaffen, und dem ganzen Spuk ein Ende setzten. Jetzt können ich und Nora endlich Frieden haben. Ich fuhr mit meinem Messer aus.

Doch.

Ein Schuss.

Charlotte schaffte es sich zu sammeln. Und mir einen Kopfschuss zu verpassen. Die letzten Sekunden, bevor mein Gehirn seine Funktionen einstellte waren.. wunderschön.

Ich konnte alles in genauesten Details sehen. Die Farben waren so kräftig wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Ich sah einen Sonnenuntergang in all seinen herbstlichen Farben.

Die Momente, welche ich damit verbringen könnte unseren Stern hinter dem Horizont verschwinden zu sehen, habe ich so oft an absurd nutzlosen Dingen vergeudet.

Charlotte. Ihr Gesicht, mit der etwas zu groß geratenen Nase, war, so schön es auch war, von einem Schrecken bedeckt. Vielleicht wegen mir, oder den Ordnungshütern, welche mit auf die gerichteten Pistolen, in den Raum stürmten.

Mein Sichtfeld wurde immer und immer mehr von den Farben, rot, gelb, blau, grün lila, türkis und weiß geflutet. Sie verschwammen allmählich miteinander. Bis alles was ich noch sehen konnte ein helles Nichts war.

Kapitel 8.

Charlotte

Sie plumpste einfach der Länge nach auf den Boden, ihr Blut überall verströmend.

Die Polizisten hinter mir versuchten mir irgendwas zu sagen, was aber keinerlei Wichtigkeit im Vergleich du dieser kleinen Kreatur war. Das Küken. Es trank aus der Pfütze, die aus Klaras Schädel floss. Alles um mich herum verlor an Farbe. Die Zeit stoppte fast schon. Kälte breitete sich überall aus.

Das Ding schaute mich an und fing an mit einer kindlichen Stimme zu sprechen.

„So muss ich gestehen, dich als Wünschende zu sehen erwartete ich am wenigsten. Demnach. Wie heißt dein Wunsch? Angesichts deiner Lage, könnte ich mir bereits denken, was es sein wird.“

Ich. Ich. Warum habe ich es geschafft? Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Alles an was ich denken konnte war das kleine Geschöpf, welches nun vor mir stand. In was haben wir alle und nur verwandelt? Wann hat es überhaupt alles angefangen? Wie viele Tage sind vergangen? Welcher Tag ist heute eigentlich?

Ich drehte mich um und sah die Polizei in diesen Raum stürmen. Sie würden mich festnehmen vielleicht anschießen. Dann alle diese Morde anhängen. Die Hälfte meines Lebens würde ich hinter Gittern verbringen. Aber vielleicht verdiente ich es.

Ich möchte es nicht. Selbstverständlich nicht. Ich war überfordert, brauchte Ruhe. Aber dennoch. Sich ständig auf der Flucht zu befinden ist nur wenig besser als der Knast. Aber dann könnte ich zumindest Leben. Leben. Das war mein Wunsch.

„Ich will leben.“ sagte ich.

Das Küken blickte auf mich auf.

„So sei dein Wunsch erfüllt. Nun nimm mich in die Hand.“

Es sprang in meine ausgestreckte Hand und ich führte es, als ob mir schon bekannt war was passieren sollte, zu meiner Stirn. Das Küken schlug mit seinem Schnabel gegen meine Stirn und zerfiel zu Asche.

Ich atmete durch. Dass Gefühl mächtig zu sein war berauschend. Mein Körper wurde auf einmal von einer unglaublichen Energie durchströmt. Ich fühlte wie meine Schicht klar, und mein Gehör scharf wurde.

Die verlorene Wärme und die Farben kehrten zurück. Genauso wie die Aufforderungen wie Waffe hinzulegen. Ich drehte mich langsam um, um ihnen einen Blick zu widmen. Es standen vier Polizisten am Eingang und im Raum verteilt.

Sechs Schüsse hatte ich noch. Mein Körper erledigte alles alleine. Es war wie in Trance. Ober besser gesagt wie in einem Spiel, wo man die ständig spawnenden Mods abknallt. Nur das es hier deutlich unterhaltsamer war. Ich spielte lange. Die Gegner dropten immer wieder neue Items. Pistolen, später auch Sturmgewehre. Alles an Damage, das ich hatte wurde schnell geheilt. Naja. Am Ende habe ich trotzdem verloren. Sie durchlöcherten mich, zerfetzten meine Kleidung. Und danach wurde es dunkel.

————————————————————————————————-

Ich lebe. Das war mein Wunsch gewesen. Ich höre und sehe immer noch alles. Aber dennoch bin ich in meinem Körper gefangen, so haben es mir meine Eltern erzählt. Die besuchen mich oft hier. Sie wurden darüber informiert, dass meine Gehirnaktivität immer noch eine Persönlichkeit zulässt. Hin und wieder kommt auch meine Schwester und liest mir eines ihrer Referate vor, die sie am nächsten Tag halten muss. In letzter Zeit aber werden ihre Besuche immer seltener. Sie werden mich wohl bald mitnehmen um meinen Körper zu untersuchen. Irgendwas von wegen Altersforschung. Aber vielleicht ist es auch am besten so. Es ist schwer meine weinende Mutter immer und immer wieder das gleiche wiederholen zu hören. Und ich kann nicht einmal irgendetwas sagen.

– Tut mir leid –

– Es tut mir so leid –

– Geh nicht weg –

– Verzeih mir –

Ich würde schreien wollen, wollen ihnen was zu sagen. Aber das einzige was ich noch habe ist das Leben, welches so unnatürlich es auch sein mag, existiert und nicht aufhören wird zu existieren.

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