
Der Gelehrte
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Beherzt nahm Gerad noch einen Schluck aus dem edlen Glas, gefüllt mit feinstem Cognac. Danach zog er noch einmal an seiner Zigarre. Er blickte von einem Balkon aus über die Häuserschluchten der Stadt. Die Luft und der Himmel waren erfüllt von Rauch. In der Ferne donnerten bereits die schweren Geschütze und die ersten Kämpfe schienen die Vororte der Metropole erreicht zu haben. Die meisten Menschen waren längst aus der Stadt geflohen, das wusste er. Aber er konnte nicht gehen. Noch nicht. Es gab da eine Sache die er noch erledigen musste.
Zu lange schon hatte er gezögert. Wenn der Feind die Stadt einnahm, würde sicherlich auch ihr Institut durchsucht werden. Sie durften nicht finden, was sich dort befand. Er stand auf, richtete seinen feinen Anzug und blickte auf den großen schwarzen Koffer. Darin befanden sich zwei eingewickelte längliche Objekte. Eigentlich waren sie zur Zierde gedacht gewesen aber jetzt… jetzt würde er sie vielleicht einsetzen müssen. Er nahm den Koffer. Es war, als würde dieser Tonnen wiegen. Und so schritt er aus der Tür.
Die Straßen waren relativ leer und wer sich noch dort aufhielt, hastete schnell und nervös umher, stets mit besorgtem Blick in Richtung der immer näher kommenden Front. Gerad wusste, dass ihn sein feines Blut davor bewahrt hatte, in diesen schrecklichen Krieg ziehen zu müssen. Er war erleichtert darüber, immerhin hatte er Gewalt schon immer abgelehnt. Wissen war ohnehin die schärfste Waffe.
Tagsüber hatte er sich ganz seinen Forschungen gewidmet und wenn die Sonne unterging, so hatte er sich umso wilder in das Nachtleben der Metropole gestürzt. Er hatte auch eine wunderschöne Freundin gehabt. Seine geräumige Wohnung im Herzen der Stadt. Und in seinem Professor einen guten Mentor. Dann kam der Schatten.
Der Krieg, der immer näher kam. Aber auch eine andere Dunkelheit war in sein Leben geflossen. Sie war getarnt als ein Geschenk des Himmels. Ein Forschungsprojekt was versprach, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen. Im Rückblick war es so offensichtlich, dass dies alles viel zu gut gewesen war, um wahr zu sein. Aber bei Gott – sie alle am Institut waren doch noch so jung und ambitioniert gewesen – und er erinnerte sich noch gut an das Leuchten in den Augen des Professors als er sie in sein neues Projekt einweihte.
Gerad wurde kurz aus seinen Gedanken gerissen, als einige Straßen weiter ein Gebäude in Stücke zerfetzt wurde. Die Geschütze der Feinde hat eine grässliche Reichweite und Feuerkraft. Er hörte Schreie aus der Richtung. Er sollte eigentlich helfen, dass wusste er. Er hatte eine medizinische Ausbildung. Er könnte helfen. Aber seine Mission war wichtiger.
Sie alle hatten dem Professor damals geschworen, Stillschweigen zu bewahren. In den falschen Händen, könnte ihre Forschung grässliches bewirken. Das durfte nicht geschehen. Also hatten sie sich mehr und mehr abgeschottet. Gerad, die anderen Studenten und der Professor – sie wurden zu einer verschwörerischen Gemeinschaft. Einer Familie. Oder vielleicht eher einem Kult.
Oh ja der Professor hatte es oft gepredigt. Sie würden kommen. Neider. Auch aus anderen Abteilungen des Instituts. Kleingeister. Vor allem die Polizei. Sie würden nicht verstehen, dass die Opfer einem höheren Zweck dienten.
Und auch vor angeblichen Freunden hatte er sie gewarnt. Personen die versuchen würden, ihr Vertrauen zu gewinnen. Bald hatte Gerad auch gemerkt warum. Seine Freundin war eine Künstlerin gewesen, so offen und herzlich. Aber was das ihr wahres Ich? Oft fragte sie ihn, warum er erst spät in der Nacht wiederkam. Warum er ihr nie etwas erzählte von seiner Arbeit. Sie wollte ihn aushorchen. Zumindest glaubte er dies damals. Er tat damals Dinge auf die er nicht stolz war, aber, so dachte er, sie waren für das größere Wohl.
Doch der Kreis wurde immer dünner und enger. Gerad sah, wie vielen seiner Mitverschwörer langsam das Leben aus dem Leib wich. Sie wurden bleich, ihre Augen stumpf und trüb. Sie wurden auch lichtscheu, zogen sich in die dunklen Ecken der Labore zurück – und irgendwann verschwanden sie dann einfach.
Am Ende waren es nur noch der Professor, Gerad und Jacques. Jacques. Sein bester Freund. Sein Bruder, wenn nicht im Blut, so doch im Geiste. Sie hatten schon lange Jahre zuvor studiert. Sie waren gereist, führten endlose philosophische Diskussionen und halfen sich durch die großen und kleinen Krisen des Lebens. Jacques rettete ihn sogar einmal vor dem Ertrinken, als Gerad sturzbetrunken in einen Fluss gestürzt war. Und nun würde Gerad Jacques retten. Vor dem, was sie vergöttert hatten – und vielleicht auch vor sich selbst.
Gerad hätte sich jetzt natürlich auch an die Geheimpolizei wenden können. Diesen hätten sicherlich verstanden, dass die Forschungen nicht dem Feind anheimfallen durften. Aber sie würden auch erfahren was er getan hätte. Sein Name wäre beschmutzt. Auf ewig. Nein, das konnte er nicht zulassen.
Das Institut ragte nun vor Gerad auf. Es war ein großer gotischer Bau, in diesem düsteren Licht wirkte es fast selbst wie eine Bestie. Die schwere Eichentür war nicht verschlossen. Die Flure waren bereits weitläufig geräumt. Hastig hatte man alles beiseite geschafft, was nicht dem Feind in die Hände fallen sollte. Still schlich er die große Wendeltreppe hinauf. Er öffnete die Tür zur medizinischen Fakultät. In den mit Pakett ausgelegten Gängen standen immer noch die Käfige.
Jetzt waren sie leer, aber in den vergangenen Wochen waren Gerad und andere Kollegen nachts durch dunkle Gassen gepirscht, auf der Suche nach streuenden Hunden, Katzen und Ratten. Sie verbrauchten die gefangenen Exemplare allerdings schneller als Neue nachkamen und so mussten sie immer weitere Kreise ziehen. Vor allem als die Leute vor Hunger begannen, ihre Haustiere selbst zu verspeisen. Gerad erinnerte sich noch gut an die Diskussion, die auf den Mangel folgte.
Er war bereit viel für den Fortschritt zu tun. Das Leben von Tieren zu beenden war nicht schön, aber Tierversuche waren nun nichts ungewöhnliches. Doch als Tiere knapp wurden, kamen bald die Suggestion von einigen ihres Zirkels, auf größere Textexemplare umzusteigen. Es war dieser Moment, als niemand sonst widersprach, indem Gerad merkte, dass hier etwas gewaltig falsch gelaufen war. Egal wie viele Leben das Serum in Zukunft retten könnte, es gab Grenzen, die durfte ein Wissenschaftler – und erst recht ein Mediziner – nicht überschreiten.
Er wurde von hektischen Geräuschen aus seinen Gedanken gerissen. Er hörte schweres Atmen und wie Gegenstände und Papiere hin und her getragen wurden. Er betrat den Saal und fand den Anblick, denn er erwartet hatte. Jacques stand dort, außer Atem und erstaunt, noch mit einigen Akten in der Hand: „Gerad? Du hier?“ Er lächelte: „Ich wusste das du uns nicht in Stich lässt! Komm, wir haben noch einiges zu tun. Ich glaube wir können…“
„Jacques. Ich bin hier um dir zu helfen. Aber ich fürchte nicht auf die Art, die du dir erhoffst.“ Der junge Mann blickte ihn verwirrt an. Er war immer ein Frauenschwarm gewesen, aber auch in ihm sah Gerad bereits die ersten Zeichen dieser Korruption. Seine Haut war gräulich und es musste lange her sein, dass er etwas von Substanz gegessen hatte. Immerhin brannte in seinen Augen immer noch ein Feuer. Während ihn Gerad nur mit einem melancholischen Blick anschaute, legte sein alter Freund die Akten zur Seite und fragte ihn mit vorsichtiger Stimme: „Gerad, was hast du vor?“ Sein Blick wanderte beunruhigt zum Koffer, den Gerad bei sich trug.
Gerad atmete tief durch, bevor er sprach: „Wir werden es niederbrennen. Alles. Dann werden wir gehen. Und dann nie wieder zurückkehren.“ Jacques war kurz schockiert. Dann kam die Antwort jedoch schnell und barsch: „Kommt nicht in Frage.“ Er fuhr etwas sanfter fort: „Gerad, wir sind wie Brüder. Du musst doch verstehen, dass ich all das nicht einfach wegwerfen kann. Ich bin ehrlich gesagt schon entsetzt, wie du so etwas in Erwägung ziehen kannst.“
Gerad blieb hart: „Meine Entscheidung ist gefallen Jacques. Ich werde es tun. Mit dir oder ohne dich. Hilf mir, oder geh mir aus dem Weg.“ Jacques Blick war nun gefüllt von aufkommender Verzweiflung: „Aber warum? Du weißt vor was für Durchbrüchen wir stehen. Der Weg war schwer, verdammt ja, aber jetzt kurz vor Schluss umkehren?“ Er schüttelte enttäuscht den Kopf: „Nein Gerad, das kann ich nicht zulassen.“ Schützend, wenn auch mit sorgenvollem Blick, stellte sich sein Freund vor die Akten. Gerad hatte befürchtet das dies passieren würde. Vielleicht hatte er es sogar gewusst. Daher hatte er Vorbereitungen getroffen.
Bemüht das seine Stimme nicht brach, sprach er: „Dann tut es mir leid, alter Freund.“ Er legte den schweren Koffer auf einen Tisch und holte vorsichtig die zwei Objekte heraus. Er griff eins und warf es noch verhüllt seinem ehemaligem Freund vor der Füße, der dies mit einem Blick großer Verwunderung bedachte. Dann nahm Gerad das andere Rapier und entfernte das schützende Tuch.
Er begab sich in Kampfhaltung. Die Tage seiner Fechtausbildung waren lange her und er war ziemlich eingerostet, aber für Jacques sollte das Gleiche gelten. Dieser starrte jedoch nur mit großen Augen auf die Klinge zu seinen Füßen. „Nimm es!“ zischte Gerad. „Ich möchte keinen Unbewaffneten niederstrecken, aber ich werde es tun, wenn du mich dazu zwingst!“
Doch Jacques blickte ihn nur entsetzt an: „Gerad, bitte! Das ist Irrsinn!“ Doch der deutete nur mit der Klingenspitze auf das umstehende Labor: „Nein. Das hier ist Irrsinn. Und ich werde ihn jetzt beenden. Ein für alle Mal.“ Zögerlich griff Jacques nach dem Griff der Waffe. Trauer lag in seinem Blick. Auch er begab sich in Kampfstellung.
Zwischen den Männern befanden sich mehrere Tische. Jacques war am Ende des Saals, links von ihm waren große Fenster, zur rechten Hand eine Tür. Gerad begann sich zu nähern. Er würde von der Tür aus angreifen. Dies würde Jacques die Möglichkeit zu fliehen nehmen. Jacques wartete lediglich, während Gerad sich näherte. Beide hatten ihre Klingen am langen Arm ausgestreckt.
Jacques ließ ihn den ersten Zug machen. Vorsichtig, Schritt für Schritt, näherte sich Gerad ihm. Er versuchte das Gesicht seines Freundes zu ignorieren. Ehemaligen Freundes. Seine Gedanken rasten indes. Er musste sich fokussieren. Eine falsche Bewegung und das Ganze könnte schnell hässlich werden. Vorsichtig schob Gerad seine Klinge unter die von Jacques. Dieser machte einen Schritt zurück.
Gerad biss sich nervös auf die Lippen. Dann stach er zu. Nach unten rechts. Jacques setzte sein Bein schnell zurück und stach zentral. Ducken! Entsetzt spürte Gerad die Klinge jedoch an seiner Schulter. Er hörte Stoff reißen. Zurück. Drei Schritte taumelnd nach hinten. Er fasste panisch an seine Schulter. Er atmete auf. Kein Blut. Lediglich sein Anzug war angeschnitten.
Er sah die Klinge erneut auf sich zukommen. Gegen den Bauch. Ausweichen. Er wollte angreifen. Aber dann der nächste Hieb. Richtung Gesicht. Kontern. Knapp. Er stieß die Klinge seines Gegners weg von sich – und dann Schmerz.
Gerad hörte seine Zähne knacken. Etwas Warmes lief aus seiner Nase. Er taumelte Rückwärts. Jacques hatte ihm mit der freien Faust ins Gesicht geschlagen. Gerad atmete schwer. Jacques war weit besser, als er erwartet hatte. Sein Gegner stand abwartend vor ihm, die Klinge auf ihn gerichtet.
„Gerad. Dies ist meine letzte Warnung. Geh. Ich möchte dich nicht noch mehr verletzen.“ Jacques atmete einmal tief durch: „Niemand wird hiervon erfahren. Du hast es versucht. Du bist gescheitert. Aber es ist nicht zu spät für dich. Lauf und wir werden dich vergessen.“ Er deute mit der Klinge auf die Tür hinter Gerad, doch dieser drehte sich nicht um. Vielleicht war dies eine Falle. Stattdessen hatte er eine andere Idee.
„Du warst dabei als der Professor gestorben ist Jacques. Bevor das Fieber ihn dahingerafft hat. Du hast es aus seinem Mund gehört. Sie benutzt uns. Sie versklavt uns. Er hätte es so gewollt. Wir müssen sie vernichten. Versteh das doch!“
Doch in Jacques Blick lag nur Verachtung: „Professor Tibitt war ein Narr, so wie anscheinend du einer bist. Und täusche dich nicht. Ihm ging es nie um jemanden anderen als sich selbst. Sein Widerstand war nicht geboren aus fehlgeleiteter Moral, nein. Er war lediglich besorgt darüber das ein anderer ein Stück vom Kuchen abhaben könnte.“ Jacques ließ seine Klinge sinken. Sein Blick wurde sanfter: „Mein Freund, du kennst mich besser als jeder andere. Ich weiß das wir schlimme Dinge getan haben – und das wir noch einige schlimme Dinge tun müssen. Aber es ist nun mal für einen guten Zweck.“ „Für einen widernatürlichen Zweck Jacques!“ schrie Gerad verzweifelt vor der Blindheit seines Gegenübers.
Dessen Blick wurde nun wieder düsterer: „Ich habe zwei Schwestern an die Schwindsucht verloren. Wir konnten nichts für sie tun, die Ärzte konnten nichts für sie tun, nicht einmal die Priester konnten etwas für sie tun. Ich sah sie mit meinen eigenen Augen langsam sterben, ich werde nicht…“ seine Worte wurden gefolgt von einem entsetzen Gurgeln.
Mit einem schnellen Stoß hatte Gerad die Klinge zwischen die Rippen getrieben. Bevor sein Gegner den Schock überwinden konnte, drehte er mit der anderen Hand die Klinge und schnitt mit Kraft durch die Lungenflügel einmal quer den Burstkorb auf. Jacques Augen weiteten sich vor grässlicher Überraschung. Ein großer Schwall Blut schoss aus seinem Mund. Er versuchte seine Lippen zu bewegen, aber es war nur ein grässliches Blubbern zu hören, bevor er längs nach hinten weg kippte, wie ein nasser Sack.
Gerad zitterte. Er hatte seinen Freund getötet. Es war kein ehrenvoller Tod. Er hatte ihn feige erstochen. Er regte sich noch etwas. Aber Gerad wendete sich ab. Er konnte sich das nicht ansehen. Der schwere Part war vollbracht. Es gab nur noch eine Sache zu tun. Er ging zu den Schränken mit den Forschungsunterlagen. Dabei stützte er sich ein wenig auf dem Rapier. Das Adrenalin ließ langsam nach. Als er jedoch in den Schrank greifen wolle – hielt er inne. Da war ein Geräusch hinter ihm.
Er drehte sich um. Jacques stand. Oder das was einmal Jacques gewesen war. Seine Augen waren milchweiß. Seine Haut leichenblass. Die tödliche Wunde blutete weiter, aber zu Gerads Entsetzen schien dies die Kreatur nicht zu stören. Als Jacques lächelte, sah Gerad, wie lang dessen Zähne geworden waren.
„Ach Gerad. Wärest du nur etwas länger geblieben. Dann hättest du gewusst, dass die Sache mit dem Tod mittlerweile hinter uns gelassen haben.“ Er leckte sich die Lippen. Seine Zunge war entsetzlich lang und dünn wie eine Schlange. „Unsere Aspirationen sind längst höher. Aber ich fürchte du wirst auch das nicht verstehen.“
Gerad öffnete und schloss seinen Mund, ohne das ein sinnvoller artikulierter Laut geäußert wurde. Langsam kam das Biest auf ihn zu. Es hatte das Rapier aufgehoben. Gerad drückte sich an den Schrank und erhob seine Waffe, aber seine Hand zitterte so sehr, dass sie ihm fast aus der Hand glit. „Bleib… bleib weg… du Ding!“ kreischte er und verlor jegliche Haltung, die er vorher noch hatte.
Doch das Monster was einst Jacques gewesen war, machte nur einen beherzten Schritt und griff mit einer kreisförmigen Bewegung an. Gerad konterte. Versuchte es. Ein elektrischer Schlag schien durch seinen Körper zu zucken. Auf einmal lag er auf dem Boden. Irgendwas war falsch. Sehr falsch.
Er sah sein Rapier auf dem Boden vor sich liegen. Sein Hand hielt es lose umklammert. An seiner Hand befand sich sein Unterarm. Als der Schock nachließ, fühlte er langsam, wie Blut aus seinem nun nutzlosem Armstumpf sprudelte. Er schrie. Erst aus Horror, dann aus Schmerz. Jacques stand jetzt über ihm und betrachtete seine blutige Klinge. Zu Gerads vollkommenen Horror, begann er, zunächst fast zärtlich, das Blut mit seiner langen Zunge abzulecken.
Dann sah er auf seinen Blutenden Freund herab. „Jacques! Jacques… bitte, mein Gott… ich brauche einen Arzt. Lass mich hier nicht verbluten, bitte… Bitte nicht!“ Doch das Biest lachte nur einmal dunkel: „Nicht mehr so galant und mutig was? Aber keine Sorge verbluten wirst du nicht.“ „Danke, danke! Jacques wir können…“ Doch der Blick des Biestes wurde hart: „Die Dankesrede solltest du dir vielleicht aufschieben.“ Damit packte er ihm am Knöchel und begann ihn aus dem Saal zu schleifen.
„Nein, warte! Was tust…“ weiter kam Gerad nicht, bevor ihn der stechende Schmerz übermannte. Er versuchte sich Türrahmen festzuhalten, aber seine verbliebene Hand war glitschig vor Blut und seine Sicht benebelt. Seine kurzen Fingernägel konnten sich nicht in das Parkett graben. Entsetzt sah er, wie er eine rote Spur hinter sich zog. Was hatte das Biest vor? Er wurde ausbluten, sehr bald.
Dann kam die Wendeltreppe. Die ersten Stufen waren furchtbar. Dann wurde der Schmerz so groß, dass er ihn kaum noch spürte. Da war nur noch das polternde Geräusch, wie sein Körper immer tiefer hinuntergezogen wurde. Und da war stechende Kälte. Vermutlich vom Blutverlust. Dann Stop.
Der Schmerz ließ kurz nach. Die Welt wurde wieder etwas klarer. Das Monster Jacques stand über ihm. Er hörte es dumpf sprechen: „Ach mein Freund. Das hätte alles nicht sein müssen.“ er pausierte nachdenklich. Gerad erkannte, das sie sich an der geheimen Tür zum Keller befanden. Dem Monster entwich ein Seufzer: „Nun du wirst keiner von uns werden. Genauso wenig wie Professor Tibitt. Aber du kannst dich immer noch nützlich machen.“
Mit einem Klicken schloss Jacques die in der Wand verborgene Tür auf. Die grob gehauene Treppe dahinter führte in reinste Dunkelheit. Gerads Herz begann zu rasen, gut sichtbar an dem in schnellen Stößen spritzenden Lebenssaft aus seinem Arm. Es war immer noch da unten. Gerard versuchte es noch einmal mit Worten: „Jaques… bitte… bitte nicht. Das darfst du nicht tun. Ich… ich werde es niemandem sagen… bitte… bitte nicht… alles nur nicht…“ Doch Jacques setzte einen Fuß auf Gerad. Und in diesem Moment, glaubte Gerad tatsächlich noch einmal, ehrliche Trauer in seinem Blick zu sehen: „Gute Reise alter Freund.“ Dann stieß er ihn mit einem Tritt rollend die Treppe hinunter.
Das Nächste was er merkte war, dass er auf hartem Steinboden lag. Sein Schädel brummte. Eine kleine Bewegung. Schmerz. Noch mehr Schmerz. Etwas Blut lief in sein Auge. Er hatte sich den Kopf aufgeschlagen. Er stöhnte. Er wartete einfach ab, hoffte das irgendwie seine Kräfte wiederkehren würden. Aber da war etwas in seiner Nähe. Bewegung. Geräusche.
Unendlich langsam und unter Qualen, richte er seinen Kopf auf und starrte in die verschwommene Dunkelheit. Dinge näherten sich. Mindestens zwei. Menschen? Dann kamen sie noch näher. Er hätte geschrien, hätte er noch Kraft dafür gehabt. Der Vordere war einst Lacroix gewesen, die hintere Lauren. Sie waren zwei der Ersten ihrer Gruppe gewesen, die von der Krankheit befallen worden waren. Obwohl er beide recht gut gekannte hatte, brauchte er einige blutige Herzschläge um sie zu erkennen.
Ihre Haut war nun fast wie weißer Marmor. Ihre Gesichter waren raubtierhaft verzerrt, mit zwei weißen Augen, ohne jeglichen Ausdruck. Doch am schlimmsten waren die Zähne. Sie waren groß wie Messer und schnitten offensichtlich in das eigene Fleisch. Man konnte auch ihre blanken Kiefer sehen. Dieses Maß an Veränderung sollte einen Menschen töten. Ganz langsam, wie hungrige Hyänen, näherten sie sich ihm.
Lacroix sprach. Es klang furchtbar. Als ob man an Schiefer kratzt: „Ahhh, Gerad mein Freund. Schön das du endlich gekommen bist.“ Er breitete sarkastisch die Arme zur Umarmung aus. Lauren kicherte derweil entzückt. Es war offensichtlich, dass beide mit ihrer Menschlichkeit wohl auch ihren Verstand verloren hatten.
Lacroix kniete sich auf ihn und fasste ihn bei den Schultern. Schmerz. Schwärze. Hoffentlich wurde er ohnmächtig. Aber etwas packte Gerad am Kinn, zog ihn mit Schmerz zurück in diese Welt. Lacroix lächelte. Er würde jetzt immer lächeln. Schließlich hatte er keine Lippen oder Wangen mehr. Lauren stand neben ihm, sie flüsterte etwas in Lacroix lange spitze Ohren.
Lacroix nickte: „Natürlich Schwester.“ Es war nicht einmal Schmerz. Nur ein dumpfer Schock in seiner Brust. Ein ekelhaftes Ziehen. Triumphierend hielt die Kreatur einen rotes Ding in seiner Hand. Es pulsierte. Gerad verstand nicht. Der Schmerz war auf einmal weg. Er sah hinter den beiden Abscheulichkeiten noch etwas in der Dunkelheit. Etwas Großes. Er hörte wie dutzende klackernde Beine sich nährten. Gierige Mandibeln schmatzten. Langsam wurde alles so dunkel. Lacroix Stimme erreichte ihn nur noch dumpf: „Ach ich wusste es doch Gerad, du hast ganz eindeutig das Herz eines Verräters!“ Dann hörte es auf zu schlagen.
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