
Der krebskranke Zauberer
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Sie kratzen…
Wieder und wieder…
Lange, dünne Äste und totes Unterholz erschweren ihnen das Durchkommen durch einen finsteren Wald. Leyla, eine Afroamerikanerin, stützt ihren Freund Hal, der eine blutende Wunde an seinem Bauch abdeckt. Im Hintergrund: Immer wieder Hundegebell, sowie laute Rufe, während das rot/blaue Blinken einer Polizeisirene die massigen Baumstämme belichtet.
Beide schleppen sich durch.
Dichtes Gestrüpp macht ein Durchkommen normalerweise unmöglich, doch Leyla und Hal beißen ihre Zähne zusammen und quetschen sich durch.
„Halt durch, Schatz!“, sagt Leyla sorgenvoll zu ihrem kaltblütigen Lover. Den Beiden geht jedoch die Puste aus und das Hundegebell, als auch die lauten Rufe, kommen immer näher.
„Es… tut mir so leid Leyla“, sagt Hal in einem Moment purer Verzweiflung und schnappt dabei vom vielen Rennen nach Luft. Doch Leyla will nicht aufgeben.
„Da Schatz!“, sagt sie mit aufgebrachter Stimme und zeigt in eine Richtung. Und tatsächlich leuchtet in der Ferne noch Licht. Wahrscheinlich ist dies ihre allerletzte Chance, wodurch sie sich nochmals durch Sträucher und Äste kämpfen, bis sie an einen Lattenzaun ankamen. Schnell hilft Leyla ihren Freund rüberzuklettern, der aufgrund der Schmerzen aufschreien muss, ehe sie selbst über den Zaun klettert.
Es ist kaum in Worte zu fassen, doch drängten sie sich zuvor noch durch wild verwachsenes Geäst, befinden sie sich nun auf einem…
Rummel.
Mitten im Wald, mitten in der Nacht, und noch schräger ist die Tatsache, dass hier viel los ist.
Erschöpft vom vielen Rennen, lehnen sich beide gegen den Lattenzaun an und schnappen nach Luft. Was um sie herum geschieht nehmen sie daher nicht wahr, bis eine 4-köpfige Familie auftaucht und vor ihnen stehenbleibt. Zwischen Vater und Mutter stehen ihre Töchter, die Zwillinge sind. Sie essen Zuckerwatte und sind sich auch in ihrer Kleidung so identisch, dass man sie nicht voneinander unterscheiden kann. Die Familie sagt kein Wort, sondern blickt nur schweigend auf Hal und Leyla herab. Wohl in der Verwunderung, warum beide so fertig sind.
„Was glotzt ihr denn so !?“, fragt Hal verärgert.
Im folgenden Moment fällt ihm jedoch auf, dass er keine Schmerzen mehr hat und wo einst eine Schusswunde im Bauch klaffte, ist jetzt nur noch eine Narbe. Er wollte etwas zu Leyla sagen, doch aus irgendeinem Grund sprach er es nicht aus. Auch Leyla wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Die Zwillingsschwestern hingegen fangen hämisch an zu Kichern. Und auch die Eltern konnten sich von Hals und Leylas Reaktion ein Schmunzeln nicht verkneifen, bevor sie ihre Kinder an die Hand nahmen und weiterzogen.
„Komm! Wir müssen weiter!“, sagt Leyla hastig und zieht Hal an der Hand.
Beide schauen sich um…
Suchen nach einem Versteck…
Etwa 40 Meter von ihnen entfernt steht ein großes, schwarzes Zelt, vor dessen Eingang ein großer, schwarzer Vorhang aufgehängt ist. Neben diesem Vorhang wacht eine, in schwarzer Kutte, gekleidete Person, die sich gerade vor einem Liebespaar verbeugt, das das Zelt betritt. Die Person in der Kutte scheint zu wissen, dass Leyla und Hal in Not sind und winkt ihnen deshalb mit seinen knochigen Skeletthandschuhen zu sich. Beide warten nicht lange, sondern rennen unverzüglich zum Zelt. Leyla dreht sich noch zum Kuttenmann um, der ihr jedoch nur stumm zunickt.
Im Zelt war eine kleine Tribüne aufgebaut, auf der einige Leute schon Platz genommen hatten. Sie sitzen vor einer Bühne, die mit zwei Scheinwerfern beleuchtet wird. Und Die wechseln nach einigen Sekunden immer die Farbe: Von Blau nach Rot. Von Rot nach Blau.
Leyla und Hal gefällt es in dem Zelt jedoch nicht, weshalb sie es wieder verlassen wollten. Der Kuttenmann lies das jedoch nicht zu und stellte sich ihnen in den Weg, bevor er schweigend auf einen freien Platz im Publikum zeigte. Hal, der den Kuttenmann mit einem grimmigen Blick mustert, flüstert Leyla zu, dass sie hierbleiben und abwarten sollten, bis die Luft rein ist, worauf Leyla mit einem Nicken zustimmt und sich beide auf die Tribüne zum Publikum gesellen.
Alle warten nur darauf, dass die Show beginnt, als plötzlich die Scheinwerfer ausgehen und ein heller Lichtstrahl die Bühne beleuchtet. Mit Applaus begleitet, betritt darauf ein als Narr verkleideter Mann die Bühne.
„Meine Damen! Meine Herren! …“, spricht der Narr dann zum Publikum.
„… endlich ist er wieder hier!“
„Er hat uns zum Lachen gebracht. Zum Staunen…“
Der Blick des Narren kreuzt nun jenen von Hal.
„… und zum Weinen“
Fast wären Hal und Leyla von diesen Worten in schallendes Gelächter verfallen. Andere Leute hingegen betrachten den Narren eher skeptisch.
„Er ist wieder da, aber er ist nicht mehr der, der er einmal war!“, spricht der Narr mit mahnender Stimme.
„Denn trotz allem, dass er so ein großer Magier ist…“
„Muss er bald… sterben und von uns gehn…“
Ab diesem Zeitpunkt hat der Narr ihre volle Aufmerksamkeit.
„Viele, viele Menschen haben ihn verachtet…“
„Haben ihn beschimpft! Sie haben ihn krank gemacht! Aber …“
Trommelwirbel ertönt.
„Er will noch einmal hier sein und uns unterhalten“
„Bitte begrüßen sie, meine Damen und Herren!“
„Aus dem Hospiz, hier zu uns! Den großartigen. Den fantastischen Magier, der unausweichlichen Wahrheit“
Die Leute applaudieren. Noch steht der Narr grinsend im Scheinwerferlicht, bis die Bühne mit einem Mal dunkel wird und man hören kann, wie der Vorhang aufgezogen wird. Alle rechnen mit einer familienfreundlichen Show, mit Späßen und Zaubertricks. Das ändert sich jedoch, als in tiefster Dunkelheit das Geräusch eines EKGs ertönt, sowie das Zischen einer Beatmungsmaschine. Ein dünner, knallroter Lichtfilm beleuchtet daraufhin den Boden der Bühne, sodass man zwar nicht klar Sehen, doch erahnen kann, was auf der Bühne steht. Und alle Zuschauer erkennen nun auf der Bühne ein Krankenbett, an dessen Kopf medizinische Geräte stehen. In diesem Krankenbett liegt ein Mann, der offensichtlich zu Schlafen scheint. Doch mit lautem, ungesundem Husten erwacht er darauf. Der Mann gleicht einem elendigen Kranken. Er ist schwach, röchelt sehr stark und gibt ein schleimiges Husten von sich, als er den Beatmungsschlauch von sich nimmt. Langsam erhebt er sich in eine aufrechte Haltung und hustet dann erneut sehr stark.
Entsetzt murmeln einige Zuschauer über das, was sie dort Sehen. Manche Mütter halten ihren Kindern sogar die Augen zu und auch Hal, sowie Leyla, wagen über das, was sie gerade Sehen, nicht zu lachen.
„Warum lässt man den denn noch auftreten ?“, fragt Leyla Hal, der nur den Kopf schütteln kann.
Schließlich geht alles in Sekundenbruchteilen von statten: Zuerst wird die Bodenbeleuchtung ausgeschaltet. Ein Lichtblitz wird erzeugt. Auf einen Knall, der beim Publikum Schrecken bewirkt, erfolgt der Geruch von Rauch, der in der Luft liegt und als das Scheinwerferlicht wieder eingeschaltet wird, wird darauf Zirkusmusik gespielt. Nun ist das Krankenbett verschwunden und der Mann, der komplett schwarze Kleidung trägt, steht mit ausgestreckten Armen vor den Leuten. Sein Gesicht ist mager und kreidebleich. Zudem sind seine Augen schwarz.
Das Publikum huldigt diesen Trick mit hörbarem Staunen. Manche Zuschauer klatschen Beifall, jedoch eher zurückhaltend als begeistert. Nur der Narr klatscht völlig begeistert zu dieser Nummer und stellt sich an die Seite des Magiers.
„Meine Damen! Meine Herren!“
„Weil Sprechen für ihn zu anstrengend und gefährlich ist, werde ich das für ihn tun“
„Sprechen kann er nicht mehr, aber Gott sei Dank kann er noch Zaubern“, lacht der Narr so ungehemmt, wie ohne Scham. Doch das Publikum kann über diesen Scherz rein gar nicht lachen. Auch Leyla versteht diese Show überhaupt nicht und schaut mit angespannter Mimik ungläubig weiter zu.
„Wir beginnen mit dem ersten Stück!“
„Die brennende O… Äh, ich meine die brennende Rose“, lacht der Narr etwas verlegen und geht von der Bühne.
Kurz darauf wird das Licht zur Beleuchtung der Tribüne ausgeschaltet, während die Bühnenscheinwerfer ungehindert weiterleuchten. Auf die Bühne wird nun, von oben, ein großes Gemälde herabgelassen. Dazu wird Klaviermusik gespielt. Das Gemälde zeigt einen Jungen, der vor einem Fernseher sitzt und während der Narr nirgendwo zu sehen ist, ist doch seine Stimme von der Decke herab zu hören.
„Es war einmal…“
„Ein Junge aus einer armen Familie“
„Er hasste die Schule“
„Er hasste die Eltern“
„Und er liebte Western und Cowboys“, lacht der Narr.
Ein neues Gemälde wird herabgelassen. Darauf ist zu erkennen, wie eine alte Frau mit dem Jungen schimpft.
„Aber seine Großmutter verbot ihm irgendwann das Fernsehen“
Der Narr steigt die Treppe der Tribüne weiter hinab und blickt dabei immer in die Gesichter der Gäste. Als seine Augen Hal erfassen muss der Narr grinsen, bis er schließlich neben einem älteren Mann stehenbleibt. „Also…“, sagt der Narr dann mit einem belustigten Unterton. „Was glauben sie hat der Junge dann gemacht?“. Der Narr hält dabei ein Mikrofon vor den Mund des Mannes, der kurz nachdenkt und dabei unschlüssig zu seiner Frau schaut. „Er… hat… geweint?“, fragte er verlegen, woraufhin der Narr in schallendes Gelächter ausbricht. Hal jedoch ist das Lachen nun vergangen.
„Geweint!? Naaain! ER HAT SIE GEFESSELT!“, brüllt der Narr nun aggressiv.
„ER HAT SIE GEKNEBELT!“
Knallrotes Licht erstrahlt, als ein neues Gemälde herabgelassen wird.
„ER HAT DIE GANZE VERDAMMTE WOHNUNG IN BRAND GESTECKT!“
Auf dem Gemälde: Ein Inferno.
Wieder erfolgen mehrere Ereignisse innerhalb von Sekundenbruchteilen: Eine Explosion mit viel Rauch erschreckt die Zuschauer. Dunkelheit legt sich anschließend über das ganze Zelt, bis die Scheinwerfer wieder den Magier beleuchten, der seinen Arm wuchtig durch die Luft schwingt und durch Zauberei den Arm in Flammen aufgehen lässt. Viele Zuschauer kreischen vor Panik auf, doch nur wenige Augenblicke später, erlöschen die Flammen auch wieder und der Magier hält, mit Trompetenklang begleitet, eine Rose in seiner Hand. Die Aufregung auf der Tribüne schlägt nun in Begeisterung um. Die Menge klatscht Beifall, während der Narr die Bühne betritt und die Rose an sich nimmt. Dann wendet er sich einem jungen Paar in der ersten Reihe zu. Die Frau ist etwas gerührt, als er ihr die Rose schenkt, bis sie ihm dankend zunickt, während die Zuschauer immer mehr Gefallen an der Show zu haben scheinen. Doch Hal gewinnt dieser merkwürdigen Unterhaltung nichts ab. „Was für eine geschmacklose Scheiße“, lästert er nur abfällig und schüttelt den Kopf.
„Meine Damen! Meine Herren!“
„Kommen wir nun zum Finale! Unserem letzten Stück und damit leider auch…“
„Zu seinem letzten Auftritt“
Ein bemitleidenswertes Raunen zieht durch die Menge.
„Aber dafür brauchen wir einen Freiwilligen! Jemand, der mutig ist“
„Eigentlich muss er nur atmen und still stehen bleiben“, scherzt der Narr.
„Also wer will das jetzt freiwillig machen?“, fragt er und reibt sich die Hände. Niemand im Publikum meldet sich jedoch.
„Hmmm… Wenn sich so viele melden muss der Magier eben einen aussuchen“
Doch auch jetzt meldet sich kein Freiwilliger aus dem Publikum, womit der Magier zwei Schritte vortritt und seinen Blick geduldig durch das Publikum schweifen lässt. Schließlich scheint er sein Opfer gefunden zu haben, weswegen er an die Seite des Narren tritt und ihm etwas ins Ohr flüstert. Als der Magier dem Narren wohl seinen Wunschkandidaten verraten hatte, guckt dieser überrascht ins Publikum. Dann wieder zum Magier zurück, wohl aus der Verwunderung heraus, ob er sich bei seiner Wahl auch sicher sei. Doch der Magier bleibt dabei, und stimmt mit einem Nicken erneut zu.
„Miau, Miau“, sagt der Narr und zeigt dabei mitten in die Zuschauermenge. Keiner weiß jedoch, wer von ihnen gemeint ist. Erst, als ein Scheinwerfer den betreffenden Kandidaten anstrahlt, ist klar, wer der Auserwählte ist.
Es ist Hal.
„Würden sie bitte mitspielen und runterkommen?“, fragt der Narr dann und klatscht in die Hände, um die Menge zum Applaus zu animieren. Hal hat das ganze Theater aber satt. „Kommen Sie schon. Machen sie doch mit!“, ruft der Narr im Getöse des Applaus Hal zu. Schließlich gibt Hal sich der Show hin und steht auf. Zwischen den Sitzreihen zu Laufen war jedoch schwierig, da die Tribünenbeleuchtung ausgeschaltet ist. Stattdessen wandern Lichtkreise von Scheinwerfern so schnell über die Tribüne, dass sie mit dem Applaus zusammen, ein surreales Erlebnis zaubern. Als Hal hingegen auf dem Weg zur Treppe ist, spürt er plötzlich einen stechenden Schmerz. Ein Zuschauer hatte ihn wohl gegen das Bein getreten. Hal kann denjenigen in der Dunkelheit aber nicht erkennen, doch als die Person für kurze Augenblicke von einem Lichtkreis erfasst wird, beschleicht Hal ein mulmiges Gefühl. Denn das, was er eben geglaubt hatte gesehen zu haben, scheint für ihn unmöglich zu sein. Der noch laute Applaus klingt für ihn in vollkommene Stille ab und es ist für ihn so, als würde eine Todesmelodie in Form von Orgelmusik nur für ihn spielen. Doch Hal bleibt nicht weiter stehen, um abzuwarten, bis der nächste Lichtkreis die Person erhellt, sondern geht die Treppe hinunter und betritt die Bühne. Dort warten der Narr sowie der Magier schon sehnlichst auf ihn.
„Sie sind der… ?“, fragt der Narr und platziert das Mikrofon vor Hals Mund. Doch Hal hält nichts vom Gequatsche des Narren und im Angesicht der Umstände wäre es ein Fehler, seinen Namen zu verraten.
„Ist das jetzt so wichtig !?“, entgegnet er mürrisch, als wollte er sich mit ihm anlegen. Doch seine unfreundlichen Worte bringen den Narren nur zum Lachen.
„Nein ist es nicht!“
„Weil wir das nämlich schon wissen, Hal !“
Das Publikum lacht, während der Narr Hal mit einer Kopfbewegung darauf aufmerksam macht, dass der Magier ihm wohl den Namen verraten hatte. Schließlich zog wieder konzentrierte Aufmerksamkeit in das Publikum, als sie beobachten, wie eine mannsgroße, lange Kiste von zwei Clowns hereingetragen und neben dem Magier abgestellt wird.
„Also Hal“
„Du musst da jetzt nur reingehen und still stehenbleiben“, sagt der Narr und zeigt auf die geöffnete Kiste. Doch in Hal überschlagen sich dabei die Gefühle. Zunächst beschleicht ihm beim Anblick der Kiste seine klaustrophobische Angst vor engen Räumen. Des Weiteren wird auf der Tribüne nun jene Person vom Scheinwerferlicht angestrahlt, die ihn getreten hatte. Es ist eine junge Frau, die Hal bekannt vorkommen müsste. Und auch in Leyla, die verwundert nur zuschaut kommen Zweifel auf, ob es die richtige Wahl war in das Zelt zu fliehen.
„Nur Stehenbleiben?“, fragt Hal misstrauisch.
„Und atmen!“, fügt der Narr hinzu, als würde er mit einem Idioten reden. Das Publikum lacht erneut.
Hal wirft dem Narren schließlich noch einen herablassenden Blick zu, ehe er seinen Mut zusammennimmt und in die Kiste steigt.
„Miau, Miau“, sagt der Narr, grinst Hal an, und macht die Kiste zu.
„Meine Damen! Meine Herren!“
„Wenn Sturm aufzieht, ziehen wir uns zurück“
„Wenn Gefahr droht, suchen wir Schutz“
„Miau, Miau!“
„Was macht eine Maus, wenn ihr eine hungrige Katze auflauert?“
„Sie versteckt sich!“, sagt die Menge synchron.
„Ganz genau!“
„Und auch die Bösen unter uns sollen sich hier verstecken können!“
„Damit sich alle Probleme in Luft auflösen“
Mit einer Armbewegung und einem lauten Knall löst sich der Magier dann mit der Kiste in weißem Rauch auf. Dazu ertönt Trompetenklang.
Die Menge ist begeistert. Voller Euphorie springen sie von ihren Sitzen auf und klatschen Beifall. Der Narr, als Liebling der Zuschauer nun, verbeugt sich ehrfürchtig vor den Leuten. „Dankeschön! Vielen, vielen Dank!“, schwärmte er, bevor er sich umdreht und hinter der Bühne verschwindet. Als Abspann wird Zirkusmusik gespielt und einige Zuschauer machen sich schon auf, das Zelt zu verlassen. Leyla hingegen sitzt allein auf ihrem Platz und schaut verwundert zu ihrem Sitznachbarn, der sich aufmacht, den Ausgang aufzusuchen. Auch die Leute aus der vorderen Reihe erheben sich von ihren Sitzen. Mit sorgevollem Blick richtet sich Leyla rundherum an Zuschauer.
Doch niemand interessiert sich für sie. Niemand will ihr helfen.
„Hallo?“, fragt sie ein Ehepaar, das an ihr vorbeigeht. Doch im Klang der Zirkusmusik sind ihre Worte kaum zu hören. Leyla war es anzusehen, was ihre Frage war:
Wo ist Hal?
Also steht sie auf, drängelt sich durch die Menge nach Vorn auf die Bühne, dreht sich um und schreit mit ganzer Kraft: „HALLOOOOO!?“
Doch niemand interessiert sich für sie. Niemand will ihr helfen.
Weil die Show offenbar zu Ende war, wird auch das Scheinwerferlicht der Bühne wieder anders eingestellt. Es wechselt nach Sekunden immer die Farbe: Von Blau nach Rot. Von Rot nach Blau.
Leyla wendet sich der Richtung zu, in der der Narr verschwunden ist. Erneut schreit sie mit ganzer Kraft in der Hoffnung, dass irgendjemand kommt, um Hilfe zu leisten. Doch eine Reaktion bleibt aus.
Hinter der Bühne sind Kisten voller Menschenattrappenteile gelagert, sowie Kostüme. Auch der Eingang zu einem Korridor, der mit einem Eisenkäfig umgeben war, führt dort ins Ungewisse. Ein rot/blaues Blinken belichtet für kurze Zeit den Weg und als Leyla mehrere Schritte in den Eingang eintritt, schließt der Kuttenmann plötzlich hinter ihr den Eisenkäfig zu.
Im roten bzw. blauen Licht tastet sie sich immer weiter durch den kellerartigen Korridor vor, als sie plötzlich das Geräusch einer Kamera hört, deren Auslöser betätigt wurde. Parallel zu dem knipsenden Geräusch wird die Wand vor Leyla, durch Lichtblitze für kurze Zeit erhellt. Der Lichtblitz wird jedoch von keiner Kamera ausgelöst, sondern scheint aus dem Nichts heraus erzeugt zu werden. Drei Fotos, die an der Wand aufgeklebt waren, werden dabei belichtet:
Das Erste zeigt ein weinendes, gefesseltes Mädchen.
Das Zweite zeigt das Mädchen, wie es mit Klebeband geknebelt war.
Das Letzte Foto, wie Polizisten das Mädchen in einen Leichensack steckten.
Leyla erinnert sich…
„Schatz! Er überweist es“
„Gut. Aber die Kleine stirbt trotzdem“
Aus der Ferne hört Leyla plötzlich einen Schrei. Gefolgt von einem verbittertem „NEEIN! NEEIN! NEEIN!“
„Schatz!“, ruft Leyla mit besorgter Stimme. Wieder tastet sie sich im roten bzw. blauen Licht durch den Korridor, als sie plötzlich über einen kleinen Leichensack stolpert. Nachdem sie die Quelle des Geschreis erreicht, einen kargen Raum, der mit einer blauen Neonleuchte belichtet wird, erblickt sie dieselbe Kiste, in die Hal gestiegen war. Sie steckt bis zur Hälfte in einem Haufen voller Erde drin, während von oben, wie bei einer Sanduhr, immer Erde auf die Kiste herabfällt. „Schatz! Ich bin hier!“, schreit Leyla voller Erleichterung und rennt zur Kiste. Doch als sie am Schloss rüttelt, um die Tür aufzumachen, erschrecken sie plötzlich Schreie aus dem Inneren der Kiste. Denn in der Kiste ist nicht Hal eingesperrt, sondern eine Frau.
Leyla rennt den Korridor zurück, wo das hysterische Geschrei von Hal immer wieder erklingt. Schließlich gelangt sie zu einem Raum, der wie in einem Gefängnis eingerichtet war. Schwere Gittervorrichtungen begrenzen den Raum zu jeder Seite. Ein einziger Lichtkegel, der von oben in die Mitte des Raumes hinab scheint, belichtet Hal, der mit einer Haube, die über seinem Kopf gestülpt war, auf einem elektrischen Stuhl sitzt. Beide Arme sind mit Seilstücken an die Lehnen gefesselt, sowie die Knöchel an das Holz. Sofort rennt Leyla zu Hal, der ungehemmt herumschreit und seinen Kopf in alle Richtungen windet. Als Leyla die Haube entfernt, starrt ihr ein schreckliches Gesicht entgegen: Die Haut klitschnass vom Schweiß, die Augen weit aufgerissen und der Mund vom Speichel weiß verschmiert.
Hal hat Todesangst.
Leyla versucht ihn zu beruhigen, doch in seinem Anfall bemerkt Hal sie gar nicht. Er schreit und schreit, als würde der Strom jeden Moment fließen.
Schließlich hält Leyla Hals Geschrei nicht mehr aus. Sie bricht innerlich zusammen und erleidet einen Weinanfall. „Schatz, bitte… ich bin’s doch nur…“, bittet und schluchzt sie.
Erst, als aus der Dunkelheit ein Fingerschnippen erklingt, kommt Hal wieder zur Ruhe.
Leyla umarmt ihn und löst die Fesseln, doch Hal ist nicht mehr der, der er einmal war. Zwar kann Leyla ihn an der Hand durch den Korridor führen, doch Sprechen kann Hal nicht mehr. Er ist ein traumatisierter Mann.
Somit bleibt es Leyla überlassen mit Hal einen Ausweg zu finden. Und offensichtlich bleibt beiden nur eine Möglichkeit: Dem Korridor weiter zu folgen, der sich unentwegt in das Unbekannte schlängelt.
Schließlich ist es kein rot/blaues Blinken mehr, das den Weg immer wieder belichtet, sondern ein blitzartiges Rauschen, das mehrere Sekunden anhält. Parallel dazu ertönt in der Ferne das Surren eines Generators, sowie das Wirken von entfesselter, elektrostatischer Kraft. Mit donnerndem Getöse fällt plötzlich eine schwere, vergitterte Eisenvorrichtung hinter Leyla und Hal von oben herab und verhindert somit ein Umkehren. Schließlich endet der Korridor in einem dunklen Raum, der die Quelle des elektrischen Surrens zu seien scheint.
Ein weiteres, rostiges und schweres Eisengitter donnert hinter Leyla und Hal von oben herab.
Leyla zögert noch den Raum zu betreten, der ihr wie eine Falle gleicht. Sie blickt einmal noch zu ihrem Lover und freut sich, dass sie ihn gefunden hat. Dann küsst sie Hal, während ihr Tränen über die Wangen fließen.
Als beide den Raum betreten, hört das blitzartige Flimmern auf und es wird still und dunkel. Doch die Stille wird dann von dem Lachen des Narren durchzogen. Vier Schweinwerfer werden dann hintereinander eingeschaltet. Ihre Lichtkreise beleuchten die gegenüberliegende Wand.
“Meine Damen. Meine Herren!“, spricht dann der Narr.
Zirkusmusik wird gespielt.
“Sie wollen keine Fake News, sondern die Wahrheit? Bitteschön”
Ein verrostetes Eisengerüst rahmt ein Gemälde, das von oben herabgelassen wird. Darauf ist zu erkennen, wie Leyla und Hal völlig fertig sind und erschöpft am Boden sitzen und gegen einen Baumstamm angelehnt waren. Im Hintergrund sind heranstürmende Polizisten mit Hunden zu sehen.
Ein neues Gemälde wird herabgelassen.
Es zeigt einen weißen Hintergrund, auf dem in märchenhafter Schrift steht:
What Leyla was dreaming of…
Das darauffolgende Gemälde zeigt Leyla, die in orangener Gefängniskleidung einsam in einer Zelle sitzt und aus dem Fenster schaut. Plötzlich spürt Leyla einen stechenden Schmerz an ihrem Arm, der mit Hundebissen völlig übersäht war.
Das nächste Gemälde zeigt erneut einen weißen Hintergrund, auf dem jedoch in blutiger Schrift steht:
But what really…
Leyla wollte nicht mehr hinsehen, doch als sie sich umdreht erschreckt sie plötzlich, weil eine Hal Attrappe, die zappelnd in einem elektrischen Stuhl hingerichtet wird, im flimmernden Blitzlicht erstrahlt.
Als das letzte Gemälde herabgelassen wird, werden die Scheinwerfer ausgeschaltet und die Zirkusmusik verkommt zu einem grauenhaften Orgelspiel.
Zuerst ertönt ein Klicken, bevor das Donnern von Schusswaffen losbricht und Lichtblitze immer den Raum belichten. Nur Hal schaut noch auf das Gemälde, auf dem Leyla in einer Blutlache auf dem Boden liegt, mit Handschellen hinter ihrem Rücken gefesselt und von Polizisten umzingelt, die ihre gesamte Munition an ihr verballern.
“Es… tut mir so leid, Leyla”, sagt Hal verloren. Eine Träne fließt ihm über die Wange.
Doch als er sich umdreht ist Leyla nicht mehr Leyla.
Sie steht mit ihrem Rücken Hal zugewendet, ihre Hände hinter dem Rücken mit Handschellen gefesselt und ihr Körper von Blut durchtränkt und mit Einschusslöchern übersäht.
Hal schreit auf.
Er hat ein Flashback.
Er weint, liegt auf dem Boden mit Handschellen gefesselt und kann nur hilflos dabei zusehen, wie Leyla von den Polizisten erschossen wird. Dann wendet sich ein Polizist ihm zu und schlägt ihn mit dem Gewehrkolben gegen den Kopf, sodass Hal bewusstlos wird.
Als Hal erwacht befindet er sich in einem Krankenbett. Seine Schusswunde im Bauch wurde operiert und genäht. Um nicht Fliehen zu können ist ein Handgelenk mit einer Handschelle an die Reling des Bettes gekettet. Der Polizist, der ihn bewachen soll, hat nun registriert, dass Hal wach geworden ist. Nach einem Moment senkt er jedoch seinen strengen Blick wieder und liest die Zeitung weiter.
Außer Hal ist im Raum noch jemand.
Es ist ein Mann, der im Koma liegt und an eine Beatmungsmaschine angeschlossen ist.

