
Feuereifer
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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12. September 1872
Meine liebste Isabell,
als glückliche
Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Leiden gerade
die Liebe zum brennenden Feuer in die Seele legte. Denn nichts anderes
ist so wundervoll und gleißend wie eine rote Flamme, die langsam auf der
Kerze menschlicher Erscheinung tanzt und dabei von einer melancholisch
anmutenden Sinfonie aus dem Halse der Kerze begleitet wird. Profane und
normale Menschen würden es wahrscheinlich eher als Schreie und Ausdruck
des Schmerzes bezeichnen, doch ihre Realitäten und Ansichten sind mir
ohnehin ein Ekel übelster Art. Ihr mit Mauern versetzter Verstand
versteht lediglich nicht die Schönheit meines Schaffens und verflucht
mich als Abwehrreaktion auf meine Freiheit aufs Derbste. Mörderin hießen
sie mich, und wahnsinnig! Sie sind es, die wahnsinnig sind! Sie, deren
Augen stetig am Boden haften und die Ästhetik des Himmels versäumen, da
sie fürchten, er verbrenne ihre dreckigen Augenlider! Ich bin nicht
wahnsinnig, sie sind nur blind und verschließen ihre Herzen vor dem
Glanz! Und so oft ich auch versuchte, ihre Augen zu öffnen, umso stärker pressten sie die Lider zusammen. Allein du bist mein erleuchtetes Flammenmeer, und wirst mir hier vor Ort eine helfende Hand sein müssen. Nämlich die, deren Finger die Köpfe der Unwürdigen fest fixieren und es mir ermöglichen, ihre Zukunft zu erleuchten!
Dabei hätten sie es doch
erkennen müssen, schon bei meinem ersten Flammenträger! So schön hatte
ich ihn doch hergerichtet. Mit flammender Krone thronte er über der
ganzen Stadt, begleitet von den monotonen Glockenschlägen hinter seiner
Herrlichkeit. Auf’s Schönste war er hergerichtet, mit weißer Haut und
vollem Haar stattete ich ihn aus, auf daß sein Antlitz für jenen
Augenblick zur nächtlichen Sonne und einem Leuchtfeuer für die
Verlorenen ward. Und wie sie kamen, in Strömen dem Atlantik gleich!
Sie lauschten seiner
Sinfonie und reicherten sie mit ihrer eigner Kehle lautem Schall zu
einem Orchestralwerk um, dessen Schönheit mich beinahe in Ekstase vom
Kirchturm fallen ließ. Doch besonnen, wie ich bin, beherrschte ich meine
niedren Triebe und vollführte meine Heiligsprechung, bis die Seele
meines Auserwählten schon in feurigen Schwaden zum Himmel emporgestiegen
war und ihren Frieden gefunden hatte. Ich, der Welten hellste Priesterin, habe jemanden erlöst, dessen Leben zerissener war als ein bleiches
Gesicht im Zornesrausch! Ich habe ihn mit dem Feuer gereinigt und
befreit! Und sie schimpfen mich Mörderin? Sie wollen meine Freiheit
einschränken? Dafür müssten die elenden Maden doch erst verstehen
können, was Freiheit und Erlösung überhaupt sind. Doch sie können es
nicht, da sie mit den schweren Geistesmauern der Unmündigkeit verflucht
sind, die sie daran hindern, das wahre Leben zu erkennen!
Wir dagegen, die reine
Erleuchtung dieser Welt, sehen klarer als Gott selbst es tun könnte. Wir
erkennen die ganz kleinen Lichtschweife, die tagtäglich das gemeine Leben
formen und sie auf Schritt und Tritt kontrollieren. Sie glauben
vielleicht daran, mit einem freien Willen ausgestattet zu sein, doch sie
leben dabei nichts als Lüge und Illusion! Sie alle sind willenlos,
seelenlos, kraftlos und geistlos! Allein unsere leuchtenden Augen werden sie befreien können, doch allein kann ich ihnen nicht in den Himmel verhelfen. Nicht mehr, seitdem man mich und unsere Ideen als Schandflecke des Lebens diffamierte und meine Hände mit unsichtbaren Stricken band.
Ich verstehe sie ja sogar etwas. Sie vermögen wahrlich nicht, unsere Gedanken und Pläne zu verstehen und werfen sie deshalb in
die tiefe Grube der verlassen Hellsichtigen, die sie so bitter und
garstig als Wahnsinnige diffamieren. Sie treten die Gesalbten ihrer Zeit
mit Füßen tief hinab und wundern sich dann, warum all diese schlimmen
Dinge passieren und gerade ihnen widerfahren! Aber mein Flammenmeer, ich bin mir sicher, dass wir sie erlösen können! So wie deinen sündhaften Mann und seine Schwester!
Wir haben sie befreit, alle beide schwelgen nun in unendlicher Glückseligkeit in den
Ebenen der Lust! Doch dies ist nur der Anfang, und es fällt mir bedeutend schwerer, hier allein die Himmelfahrt für die zukünftigen Flammenträger anzuführen, während ich mich nach deiner wundervollen Gegenwart verzehre! Die besonders ignoranten Hunde dieses Schandflecks Erde kommen meinen Taten immer näher auf die Spur, und werden mich aus ihrem Unverständnis heraus umbringen, sofern ich nicht deine zierliche Hand an meiner Seite weiß! Komm zu mir, so schnell du kannst, und wir werden alles in eine Sphäre ewiger Glückseligkeit verwandeln.
Und sollten wir diesem Leben einmal überdrüssig sein, lassen wir uns selbst die größte Ehre zuteil werden, die von unserem roten Vater ausgeht. Allein schon beim Gedanken an diese wundervolle Paarverbrennung erregt sich mein gesamter Körper und heizt mein Verlangen nur noch weiter an, diesem Pfad zu folgen. Wir beide werden die höchsten Geschöpfe dieser Welt sein, uns auf ewig in feuriger Leidenschaft verbrauchen und unserer Liebe den Ausdruck verleihen, der ihr gebürt.
Ich liebe dich, mein Flammenmeer!
—
Flatinka
