Ansicht von der Tür
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
Am Füllort, wo der Förderkorb hält, lege ich alles in die graue Kiste, was sich etwas merken kann: Telefon, Dienstausweis, die Armbanduhr, obwohl sie nur eine Uhr ist. Die Uhr ist meine eigene Regel. Danach sind es hundertzwanzig Meter Stollen bis zur Zelle, und in meiner Tasche ist nur noch, was ein Zeichner auch vor zweihundert Jahren dabeigehabt hätte: zwei Maßbänder, ein Lot, ein Klemmbrett, Zeichenkarton und Bleistifte von HB bis 4B.
Ich komme seit elf Jahren hierher, im Frühjahr und im Herbst. An der Tür sitzt dann meistens Rieger, ein großer, langsamer Mann, der mir die Tasche abnimmt, als wäre sie schwer, und sie mir an der Schwelle zurückgibt. Heute sitzt dort ein junger Mann, den ich nicht kenne. Er steht auf, sagt seinen Namen, Sowa, und setzt sich wieder. Die Tasche nimmt er mir nicht ab. Er sieht mir zu, und er hört nicht damit auf.
Ich fange an wie immer: Wände, Decke, die Lampe in ihrem Drahtkorb, das Gestell, dann das Objekt. Dunkle Eiche, an allen Kanten geschnitzt, die Riemen straff. Unter hundert Metern Fels ist es so still, dass man das Maßband zurückschnurren hört. Ich messe vom Kopfende zur Wand und vom Fußende zur Wand, jedes Maß zweimal. Der Sarg steht, wo er im Frühjahr stand. Damals stand er zwei Zentimeter weiter links als auf meinem Plan vom Jahr davor, und im Wachbuch fand sich dazu der Eintrag „Reinigung“. Ich habe das so übernommen. Was im Wachbuch steht, ist nicht meine Sache.
Zum Schluss knie ich mich ans Fußende und zeichne die Ranken. Sie sitzen tief unter der Kante, man sieht sie nur auf Knien. Zwanzig Minuten. Der Boden ist kalt, das ist er immer. Dann stehe ich auf, die Knie steif, und Sowa schreibt etwas auf sein Blatt. Rieger hat nie etwas aufgeschrieben, solange ich im Raum war.
Am Füllort wartet Kamp, wie jedes Mal. Kamp prüft meine Zeichnungen. Er legt die neue neben die vom letzten Mal, vergleicht und unterschreibt, und die vom letzten Mal geht den Weg, den die Vorgabe für sie vorsieht. Heute legt er meine Zeichnung ungesehen zur Seite und schlägt eine graue Mappe auf.
„Rieger ist versetzt“, sagt er. „Zwei Einträge auf dem Übergabeblatt. Die Ablösung hat ihn zweimal beim Zeichnen angetroffen, und beide Male hat er nicht aufgesehen, als sie hereinkam.“
In der Mappe liegen alte Dienstpläne. Auf die Rückseiten hat Rieger gezeichnet, mit dem Zimmermannsbleistift. Immer derselbe Blick: von der Tür in die Zelle. Die Lampe, das Gestell, die Riemen mit ihren Schnallen. Er zeichnet besser, als ich es einem Wachmann zugetraut hätte. Sogar der Riss im Boden neben dem linken Gestellfuß ist drauf, den ich selbst erst im dritten Jahr bemerkt habe.
„Stimmt das?“, fragt Kamp.
Ich gehe die Blätter durch. Die Schnallen stimmen, die Maserung am Kopfende, das Schnitzwerk an den Kanten, soweit man es von der Tür aus sieht. Die Ranken hat er weggelassen. Die sieht man nur auf Knien. „Es stimmt alles“, sage ich.
„Gut“, sagt er. „Dann die hier.“
Er legt neun Blätter nebeneinander. In der Ecke steht jeweils ein Datum, und jedes Datum ist einer meiner Besuche. Auf jedem Blatt knie ich am Fußende. Das Klemmbrett liegt neben mir auf dem Boden. Mein Kopf lehnt an der Seitenwand des Sargs, das linke Ohr am Holz, die Augen zu. Neunmal dasselbe. Nur meine Haare ändern sich, von Blatt zu Blatt ein wenig kürzer und ein wenig grauer.
„Da zeichne ich“, sage ich. „Die Ranken.“
„Die Ranken liegen neben Ihnen.“ Kamp tippt auf das gezeichnete Klemmbrett am Boden.
Er legt ein zehntes Blatt dazu, datiert auf den Herbst vor einem Jahr. Auch darauf knie ich, aber meine Hände liegen flach an der Seitenwand, die Arme gestreckt. Man kann nicht erkennen, ob ich den Sarg wegschiebe oder festhalte.
„Im Frühjahr stand er zwei Zentimeter weiter links“, sagt Kamp. „Eine Reinigung hat es in dem Halbjahr nicht gegeben. Eingetragen hat sie Herr Rieger.“
„Warum?“
„Er sagt, Sie seien jedes Mal nach zwanzig Minuten aufgestanden und hätten ausgesehen wie immer. Er dachte, das gehört zu Ihrer Arbeit. Und er wollte nicht, dass man Ihnen die Besuche wegnimmt.“
„Und warum hat er das gezeichnet?“
„Weil da unten nichts aufzeichnen darf“, sagt Kamp. „Er wollte, dass es irgendwo steht.“
Dann zieht er noch einen Zettel aus der Mappe. „Herrn Sowa habe ich gebeten, Ihnen heute zuzusehen.“ Er liest vor, ohne jede Betonung: „Zeichnerin kniet am Fußende, Kopf am Objekt, zwanzig Minuten. Steht auf. Wirkt unauffällig.“
Ich sage nichts. Kamp schiebt Riegers Blätter und Sowas Zettel zusammen. Nach der Prüfung werden sie vernichtet, wie meine. Morgen früh soll ich mich untersuchen lassen. Für Leute wie mich gebe es kein Übergabeblatt, sagt er noch. Es habe nur Rieger gegeben.
Ich habe mich nie an etwas anderes erinnert als an kalte Knie. So steht es in jedem meiner Berichte. Nicht darin steht, weil ich es für unwichtig hielt, dass nach jedem Besuch mein linkes Ohr kalt ist, bis in den Abend. Ich habe das immer der Zugluft im Schacht zugeschrieben.
Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-895 von Aelanna aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-895) und steht unter CC BY-SA 3.0.