
Bummel – Teil 1
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Kapitel 1: Der Geruch von totem Holz
Mein Name ist Dennis. Bis zum Sommer 2025 war mein Leben absolut unspektakulär. Ich arbeitete im Schichtdienst in einer Spedition in der Nähe von Stendal, wohnte in einer kleinen Zweizimmerwohnung und hatte mit meiner Familie eigentlich kaum noch Kontakt. Der Einzige, zu dem ich als Kind eine Bindung hatte, war mein Großvater väterlicherseits, Kurt.
Opa Kurt war ein Relikt aus einer anderen Zeit. Er hatte bis zur Wende als Chef-Tontechniker beim Fernsehen der DDR gearbeitet, hauptsächlich in den großen Studios in Berlin-Adlershof. Er war ein mürrischer, extrem ordentlicher Mann, der nach dem Zusammenbruch der DDR in ein kleines, isoliertes Fachwerkhaus tief im Wald hinter Tangermünde gezogen war. Er wollte keine Nachbarn, keine Technologie und vor allem keine Fragen zu seiner Vergangenheit.
Als er im Mai 2025 mit 86 Jahren an akutem Herzversagen starb, hinterließ er kein Testament. Da mein Vater schon vor Jahren verstorben war, fiel das Erbe komplett an mich: Das Haus, das Grundstück und der gesamte, jahrzehntelang angesammelte Inhalt.
Ich nahm mir drei Wochen unbezahlten Urlaub, um das Haus komplett zu entrümpeln und für den Verkauf fertig zu machen.
Der erste Tag in dem Haus war deprimierend. Es war die Woche, in der die extreme Hitzewelle über der Altmark hereinbrach. Die Luft stand wie eine heiße, klebrige Wand zwischen den alten Kiefern. Das Haus selbst roch intensiv nach Omas altem Kölnisch Wasser, Linoleum, billigem Tabak und diesem ganz spezifischen, trockenen Geruch von verrottendem Papier und totem Holz.
Ich verbrachte die ersten Stunden damit, stapelweise alte Unterlagen, DDR-Bürgerausweise und vergilbte Schaltpläne von alten Tonbandgeräten in große blaue Müllsäcke zu stopfen. Mein Opa hatte nichts weggeworfen. Jede Quittung, jede Betriebsanleitung aus 40 Jahren war ordentlich abgeheftet. Aber im Erdgeschoss fand ich nichts von echtem Wert. Keine Ersparnisse, kein Schmuck. Nur die staubigen Möbel einer untergegangenen Epoche.
Kapitel 2: Der Weg nach oben
Am dritten Tag hatte ich das Erdgeschoss halbwegs besenrein. Die Hitze war mittlerweile so brutal, dass der Schweiß mir in die Augen lief, während ich die schweren Möbel verrückte. Um kurz nach 16 Uhr beschloss ich, mir den Dachboden vorzunehmen.
Die Treppe nach oben war schmal, steil und aus unbehandeltem Kiefernholz. Jede Stufe gab beim Auftreten ein tiefes, gequältes Ächzen von sich. Je höher ich stieg, desto unerträglicher wurde die Temperatur. Unter den ungedämmten Dachziegeln staute sich die Hitze auf gefühlte 50 Grad. Die Luft war so dick vor Staub, dass ich durch ein altes T-Shirt atmen musste, das ich mir vor das Gesicht gebunden hatte.
Der Dachboden war riesig und vollgestellt mit Dingen, die mein Opa offensichtlich vor der Welt verstecken wollte.
Hier oben lagerten keine alten Küchengeräte. Hier standen klobige, graue Metallschränke aus den Studios in Adlershof. Riesige, zentnerschwere Bandmaschinen, staubige Scheinwerfer mit dicken Linsen und kilometerweise alte Magnetbänder auf großen Aluspulen. Es sah aus wie der Friedhof einer vergessenen Fernsehlandschaft.
Ich arbeitete mich mit meiner Taschenlampe durch die Gänge aus Schrott, als ich ganz hinten, unter der tiefsten Dachschräge, auf eine Konstruktion stieß, die überhaupt nicht zum Rest des technischen Krams passte.
Dort stand eine schwere, kniehohe Truhe aus dunklem Eichenholz. Sie war mit dicken, geschmiedeten Eisenbändern beschlagen und wirkte, als stünde sie schon seit Jahrhunderten dort. Das Seltsame war jedoch die Art und Weise, wie sie gesichert war.
Die Truhe war nicht mit einem normalen Vorhängeschloss verriegelt. Jede einzelne Ritze zwischen dem Deckel und dem Korpus war mit dickem, dunkelrotem Kerzenwachs versiegelt worden. Das Wachs war über die Jahre hart und brüchig geworden, aber es war unbeschädigt. Mitten auf dem Deckel, direkt über dem Schlossriegel, lag ein schweres, massives Kruzifix aus angelaufenem Messing. Es war mit mehreren Lagen starkem, verblichenem Paketband brutal auf dem Holz festgeklebt worden.
Unter dem Kreuz klebte ein kleiner, vergilbter Zettel. Die Handschrift meines Großvaters war unverkennbar – die harten, exakten Blockbuchstaben, die er auch für die Beschriftung der Tonbänder genutzt hatte. Auf dem Zettel stand nur ein einziger Satz:
„Nicht öffnen. Nicht ansehen. Sofort verbrennen.“
Kapitel 3: Das gebrochene Siegel
Ich stand sicher 5 Minuten lang einfach nur in der brütenden Hitze des Dachbodens und starrte diese Truhe an. Mein Verstand arbeitete fieberhaft. Mein Opa war zeit seines Lebens ein überzeugter Atheist gewesen. Er war in der DDR aufgewachsen, hatte mit Religion absolut nichts am Hut und war ein Mann der reinen, kalten Logik. Dass ausgerechnet er ein Kruzifix benutzt hatte, um eine alte Truhe zu versiegeln, ergab überhaupt keinen Sinn.
„Wahrscheinlich hat er dort wertvolle Dokumente oder alte West-Währung versteckt und wollte Einbrecher mit diesem Psycho-Trick abschrecken“, dachte ich mir. Das war die einzig logische Erklärung. Die einzig rationale Antwort auf diesen bizarren Anblick.
Ich griff nach dem Messingkreuz. Das alte Klebeband war durch die jahrzehntelange Hitze unter dem Dach spröde wie Glas. Es riss mit einem trockenen, lauten Ratsch ab. Das Kreuz war schwer und kalt in meiner Hand, obwohl es in dieser glühenden Hitze lag. Ich legte es beiseite auf einen alten Scheinwerfer.
Dann nahm ich mein Taschenmesser und kratzte das rote Kerzenwachs aus den Ritzen. Das Wachs splitterte in kleinen, roten Flocken ab, die wie getrocknete Blutstropfen auf den verstaubten Holzboden fielen. Ich setzte die Klinge am Schlossriegel an und hebelte ihn mit einem kräftigen Ruck nach oben.
Der Deckel der Truhe sprang mit einem dumpfen, schabenden Geräusch ein Stück weit auf.
Ein Geruch schlug mir entgegen, der mich augenblicklich zwei Schritte zurückweichen ließ. Es war nicht der typische Dachbodenstaub. Es war ein extrem schwerer, süßlicher Geruch, der eine unerträgliche, fast organische Note hatte. Dazu mischte sich die Note von billigem, chemischem Parfüm und altem, feuchtem Gummi.
Ich ging wieder näher heran, hob den schweren Eichendeckel ganz nach oben und leuchtete mit der Taschenlampe in das Innere der Truhe.
Dort lag, eingewickelt in mehrere Lagen dicker, transparenter DDR-Plastikfolie, ein Plüschtier.
Es war ein Teddybär, etwa 50 Zentimeter groß. Aber es war kein normaler Bär. Er trug ein buntes, ausgeblichenes Clownskostüm aus grobem Leinenstoff – rot-gelb gestreift, mit einer schmutzig-weißen Halskrause aus Filz. Das Schlimmste an der Figur war jedoch das Gesicht. Der Kopf war nicht komplett aus weichem Plüsch, das Gesicht war aus hartem, gepresstem Pappmaché gefertigt, das mit einer matten, fleischfarbenen Farbe bemalt war. Er hatte ein breites, starres Clownsgrinsen, das viel zu viele, winzige, aufgemalte Zähne zeigte.
Und seine Augen. Es waren zwei perfekt erhaltene Kugeln aus tiefschwarzem Glas. Sie spiegelten das Licht meiner Taschenlampe so exakt wider, dass es für einen Sekundenbruchteil so aussah, als würde das Ding blinzeln.
Kapitel 4: Die Anatomie von Bummel
Ich nahm den verpackten Teddy mit nach unten in die Küche. Dort schnitt ich die Plastikfolie mit einem Messer auf. Das Plastik war steif und klebte an dem Stoff des Kostüms fest. Als ich die Folie wegzog, strömte der süßliche Geruch noch intensiver in den Raum.
Ich nahm den Teddy heraus. Er war überraschend schwer. Unter dem Plüsch und dem Stoff fühlte sich der Körper hart an, als bestünde das Innere nicht aus Watte, sondern aus fest gewickeltem Stroh oder Holzwolle. Am Hals des Teddys war ein kleines, bedrucktes Stoffetikett eingenäht. Der blaue Aufdruck war verblasst, aber man konnte die Buchstaben noch deutlich lesen:
VEB Kombinat Spielwaren Sonneberg – Modell: „Bummel“ (1981)
In dem Moment erinnerte ich mich an ein Gespräch mit meinem Vater, das jahrelang in meinem Hinterkopf vergraben gewesen war. Als ich noch ein kleiner Junge war, hatte er mir mal erzählt, dass Opa Kurt damals beim Fernsehen der DDR an einer sehr erfolgreichen Kindersendung mitgearbeitet hatte. Sie hieß „Der bunte Kasten“ und lief über mehrere Jahre, von Ende der 70er bis Anfang der 80er-Jahre. Mein Vater hatte als Kind selbst so einen Teddy im Zimmer gehabt, weil Opa ihn direkt aus dem Studio in Adlershof mitgebracht hatte.
Mehr wusste ich allerdings nicht. Mein Vater hatte die Serie nur beiläufig erwähnt, und als ich ihn damals nach Details fragte, blockte er ab und meinte, er könne sich an die Folgen kaum noch erinnern.
Ich setzte den Bären schließlich auf einen Stuhl an den Küchentisch. Ich setzte mich ihm gegenüber und sah ihn von oben bis unten an. Für mich war das in diesem Moment einfach nur ein extrem seltenes, cooles Ostalgie-Sammlerstück. Die Warnung auf dem Zettel meines Opas schob ich auf den beginnenden Verfolgungswahn eines einsamen, alten Mannes. Ich dachte mir, ich würde am nächsten Tag mal das MacBook aufklappen und im Internet nach Antiquitätenhändlern und Sammlerforen suchen, um zu sehen, wie man so ein originales Bummel-Exemplar am besten für einen guten Preis verkaufen kann. Das war meine rein finanzielle Logik.
Kapitel 5: Die erste Asymmetrie
Gegen 21 Uhr machte ich Feierabend. Die Hitze des Tages war einer drückenden, gewitterschwülen Nacht gewichen. Ich kochte mir in der Küche eine Portion Fertignudeln, setzte mich an den Tisch, direkt gegenüber von Bummel, und aß schweigend.
Der Teddy war ein faszinierendes, aber unbestreitbar hässliches Stück Spielzeug. Je länger ich seine schwarzen Glasaugen ansah, desto mehr fiel mir ein handwerklicher Fehler auf: Die Augen waren nicht perfekt symmetrisch eingesetzt. Das linke Auge schielte minimal nach außen, was dem starren Clownsgesicht einen seltsam abwesenden, fast debilen Ausdruck verlieh.
Nach dem Essen spülte ich meinen Teller ab, löschte das Licht in der Küche und ging ins Nebenzimmer, wo ich meine Klappliege aufgestellt hatte. Ich war sterbensmüde. Mein ganzer Körper schmerzte von der harten Arbeit im Haus. Ich schlief fast sofort ein, während draußen der Wind ganz leise durch die Kiefernkronen strich.
Ich wachte um exakt 3:14 Uhr morgens auf.
Das Haus war absolut still. Kein Knacken im Gebälk, kein Wind mehr draußen. Aber die Luft im Schlafzimmer war eiskalt geworden. Ich konnte meinen eigenen Atem als feine, weiße Wolke im Licht des Mondes sehen, das durch das kahle Fenster fiel. Das war unmöglich. Draußen waren es immer noch mindestens 25 Grad.
Und dann hörte ich das Geräusch aus der Küche.
Es war kein lauter Knall. Es war ein ganz leises, trockenes Kratzen. Es klang exakt so, als ob man mit einem stumpfen Fingernagel ganz langsam über die raue Oberfläche einer Tischplatte aus Holz fährt. Chrr… Chrr… Chrr…
Ich spürte, wie sich die Haare auf meinen Armen aufrichteten. Ich nahm meine Taschenlampe, stand lautlos von der Liege auf und ging auf Socken zum Flur. Die Küchentür stand einen Spalt weit offen. Ein schmaler Streifen Mondlicht schnitt durch den Raum und traf den Küchentisch.
Ich atmete tief ein, stieß die Tür auf und knipste die Taschenlampe an.
Der Strahl traf den Tisch. Da war niemand. Die Küche war leer.
Ich ging zum Tisch vor. Bummel saß immer noch genau dort, wo ich ihn am Abend abgesetzt hatte. Seine Plüschbeine waren nach vorne gestreckt, das Grinsen unverändert.
Ich wollte gerade aufatmen und das Ganze auf eine Maus schieben, als ich die Taschenlampe direkt auf sein Gesicht richtete.
Die Asymmetrie war weg.
Das linke Auge des Teddys schielte nicht mehr nach außen. Beide tiefschwarzen Glaskugeln waren jetzt perfekt parallel ausgerichtet. Sie blickten nicht mehr vage an mir vorbei. Sie fixierten mich. Sie starrten ohne jede Abweichung direkt in den Lichtkegel meiner Taschenlampe.
Und auf der rauen, verstaubten Holzoberfläche des Tisches, direkt vor den kleinen Plüschpfoten des Clowns, waren drei frische, saubere Kratzspuren im Holz zu sehen. Als hätte jemand versucht, sich am Tisch festzuhalten, um sich nach vorne zu ziehen.
Epilog von Teil 1
Ich habe den Teddy nicht angefasst. Ich habe das Licht in der Küche brennen lassen, die Tür geschlossen und mich wieder auf meine Liege gelegt. Ich habe in dieser Nacht keine Minute mehr geschlafen.
Ich rede mir immer noch ein, dass die Augen durch die extreme Temperaturveränderung im Haus reagiert haben. Dass das Pappmaché arbeitet, wenn es plötzlich abkühlt. Das ist die Physik der Materialien. Das ist logisch.
Aber während ich hier im Halbdunkeln liege und darauf warte, dass die Sonne über den Kiefern aufgeht, höre ich es wieder. Es kommt nicht aus der Küche. Es kommt von der steilen Holztreppe, die zum Dachboden führt. Ein ganz leises, rhythmisches, dumpfes Klatschen. Wie der schwere, mit Stroh gestopfte Körper eines Plüschtiers, das Stufe für Stufe nach unten rutscht.
Plump… Plump… Plump…
Und der süßliche Geruch mit dieser unerträglichen, organischen Note zieht ganz langsam unter meinem Türspalt hindurch.


