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Deine Welt ist isoliert

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Erster Teil und Inhaltsverzeichnis: Deine Welt ist fünf Quadratmeter groß Forschungsgrundlage Das Stanford-Prison-Experiment. Menschen der Mittelschicht, die den Durchschnitt der Menschheit darstellen, werden per Zufall (Münzwurf) in zwei Gruppen aufgeteilt (Wärter und Gefangene) und für planmäßig zwei Wochen in einen gefängnisähnlichen Trakt gesperrt. Die Vorgabe für die Wärter lautet Regeln für die Ordnung aufzustellen und diese durchzusetzen. Nach nur sechs Tagen wird das Experiment aufgrund ausufernder Gewaltakte, teilweise sadistischer Natur sowie einer unlängst stattgefundenen Entlassung eines Gefangenen, der einer extremen Stressreaktion unterlag, und dem Verlust der Objektivität eines Projektleiters abgebrochen. Harsche Kritiken an der Art Durchführung sind bis heute laut. Es gibt zwei andere, unabhängige Versuche zu verzeichnen, die in ihrer Zahl demnach weit hinter denen eines Milgram-Experiments zurückbleiben. [Exkurs Milgram: Versuchssubjekt wird in die Lage gebracht, einen…

Erster Teil und Inhaltsverzeichnis: Deine Welt ist fünf Quadratmeter groß

Forschungsgrundlage

Das Stanford-Prison-Experiment.

Menschen der Mittelschicht, die den Durchschnitt der Menschheit darstellen, werden per Zufall (Münzwurf) in zwei Gruppen aufgeteilt (Wärter und Gefangene) und für planmäßig zwei Wochen in einen gefängnisähnlichen Trakt gesperrt. Die Vorgabe für die Wärter lautet Regeln für die Ordnung aufzustellen und diese durchzusetzen.

Nach nur sechs Tagen wird das Experiment aufgrund ausufernder Gewaltakte, teilweise sadistischer Natur sowie einer unlängst stattgefundenen Entlassung eines Gefangenen, der einer extremen Stressreaktion unterlag, und dem Verlust der Objektivität eines Projektleiters abgebrochen.

Harsche Kritiken an der Art Durchführung sind bis heute laut. Es gibt zwei andere, unabhängige Versuche zu verzeichnen, die in ihrer Zahl demnach weit hinter denen eines Milgram-Experiments zurückbleiben.

[Exkurs Milgram: Versuchssubjekt wird in die Lage gebracht, einen scheinbar simplen Test mit einem mutmaßlich weiteren Probanden durchzuführen. Unter der Anleitung eines Arztes (sowohl der zweite Proband, wie der Arzt sind Schauspieler), wird dem Versuchssubjekt der Auftrag gegeben, dem zweiten „Probanden“ bei jedem Fehler, den dieser beim Test macht, Stromstöße zu verpassen, welche von Mal zu Mal stärker werden. Der „Proband“ wird irgendwann beteuern, ein schwaches Herz zu haben, der Arzt hingegen versichern, dass ihm nichts passiert und das Testsubjekt auffordern fortzufahren.

Hört das Versuchssubjekt nicht auf, wird der „Proband“ im Zuge des Tests „sterben“. Die erste Versuchsreihe lieferte eine Bereitschaft von 65% der Teilnehmer, die maximale Strommenge einzuläuten und den „Probanden“ damit zu töten. Weitere Abwandlungen des Experiments folgten].

Einer der Hauptaspekte beider Experimente ist die Hörigkeit gegenüber (mutmaßlicher) Autorität sowie der Einfluss (und Missbrauch) von Machtpositionen. Ein Gebiet, dass in diesem Fall nicht erforscht wird, obgleich dennoch das Potenzial besteht, hierzu verwertbare Daten zu erhalten.

Getreu den bisherigen Versuchen, der sogenannten „Deine Welt ist …“-Experimenten, wird erneut die Auswirkung der Isolation auf den menschlichen Geist überprüft. Das Stanford-Prison-Experiment gibt hierfür die Grundlage.

Es wird ein gefängnisähnlicher Trakt mit zehn Zellen eingerichtet. Insgesamt elf Probanden, deren Persönlichkeitstests durchschnittliche Ergebnisse liefern, werden per Zufall ihren Rollen eingeteilt, wobei anders als im Grundlagen-Experiment, lediglich ein Wärter auserkoren wird, während die verbleibenden zehn Gefangene sind.

Die beiden vorangegangenen Versuche – einer, unter moralisch verwerflichen und ethisch nicht vertretbaren Bedingungen; einer, unter Einverständnis des Versuchsobjekts und mit nötigen Maßnahmen ausgestattet – haben jeweils die vollkommene Isolation vorausgesetzt.

Im hiesigen Versuch ist das Testsubjekt – der Wärter – nicht allein, aber abgegrenzt. Es bestehen zwei Rollenbilder, von denen er eines als einziger einnimmt.

In einem Zeitraum von dreißig Tagen wird dem Testsubjekt die Obhut von zehn Gefangenen überlassen. Das Subjekt wird hierüber täglich Buch führen. Ihm werden alle Mittel zur Verfügung gestellt, die Insassen ausreichend zu versorgen. Klare Regeln, wie diese sich zu verhalten haben, wie Maßregelungen vorgenommen werden dürfen und wie der Tagesablauf auszusehen hat, werden im Voraus gegeben.

Es wird erwartet, dass kein Machtgefälle entsteht, da das Testsubjekt sich nicht dem Einfluss der Gruppe ausgesetzt sieht. Zudem kann es einem Aufstand, in einer Auseinandersetzung eins zu zehn, nichts entgegensetzen.

Alle Beteiligten wissen, dass sie vierundzwanzig Stunden am Tag per Kamera überwacht werden. Zudem wird ihnen versichert, dass ein schnelles Eingreifen, bei etwaigen Problemen jederzeit gewährleistet ist – Sicherheitsfachkräfte überwachen das Vorgehen in, dem Testsubjekt nicht bekannten Räumlichkeiten, direkt nebenan. Das Risiko einer unkontrollierten Eskalation ist damit minimal.

Die schriftlichen Aufzeichnungen des Subjekts, werden von diesem am Ende des Versuchs ausgehändigt und neben dem Bild- und Tonmaterial weiteren Untersuchungen unterzogen.

[Persönliche Notiz: Also dann, auf ein Neues …]

Das Experiment – schriftliche Aufzeichnungen

Tag 1

Man hat mir gesagt, dass ich jeden Abend über die Ereignisse des Tages Buch führen soll. Tja dann …

Also, ich muss schon sagen, als ich von dem Experiment zum ersten Mal gehört habe [Anmerkung: Textstelle gestrichen, da irrelevant. Subjekt berichtet von seiner Zeit vor dem Versuch und gibt Ausblicke aus seinem Alltag.]

So bin ich jedenfalls hier gelandet …

Der erste Tag … Im Grunde verlief alles problemlos. Unsere Rolleneinteilung, wie man es genannt hat, wurde direkt bei unserer Ankunft vorgenommen. Ganz klassisch: Wir haben Mikado-Stäbchen gezogen, von denen eines kleiner war als die anderen zehn. Der glückliche Gewinner war ich.

Im ersten Moment war ich erschrocken. Ich meine, wir hatten kaum Zeit uns kennenzulernen. Alle elf Probanden sind unabhängig voneinander hergebracht worden, man hat sichergestellt, dass zwischen uns keine Bekanntschaften bestehen. Da steht man dann, als Auserwählter inmitten von Fremden, ist derjenige, der in den nächsten dreißig Tagen über alle anderen wachen soll.

Erschrocken ist womöglich nicht das richtige Wort, ich war regelrecht schockiert. In der ersten Sekunde bin ich erstarrt, während ich zehn Augenpaare auf mir ruhen spürte.

Wenig zuvor hatten wir bei der Erläuterung des Kittelträgers noch gemeinsam gelacht und Späße gemacht, die Situation schien so … surreal. Wie in einem Film. Dann ist die Wahl getroffen und auf einmal wird es nur allzu real. Greifbar.

Ich sollte es also sein. Ich wäre frei, die anderen gefangen – mir ausgeliefert, nur, dass mich das unweigerliche Gefühl beschlich, dass es genau andersrum war.

Einer der Jungs – wir sind sechs Männer und fünf Frauen – hat einen dummen Spruch gelassen, es wurde gekichert und damit war die Sache vorerst gegessen. Zumindest für die anderen. Mir ist selbst jetzt ein wenig mulmig zumute, wenn ich ehrlich bin.

Dann wiederum, hat es auch seine Vorzüge der Wärter zu sein. In meinem Kämmerchen hier, habe ich es recht gemütlich. Ein bequemes Bett, eine kleine Küchenecke, deren Schränke mit allerlei Snacks gefüllt sind, ein Kühlschrank, der kalte Getränke bietet – es ist recht warm hier drinnen – und nicht zu vergessen das Abendprogramm: Ein Monitor, von dem aus ich die Gefängniszellen im Blick habe.

Den Anderen wird weit weniger Komfort geboten. Ihre engen Zellen bieten eine harte Pritsche, das war’s. Wenn sie aufs Klo wollen, müssen sie mir Bescheid geben, damit ich sie zum Toiletten- und Waschraum geleite, der von der einzigen Tür raus aus dem Zellenraum, einen Flur entlang liegt. Mein Kämmerchen befindet sich am Ende dieses Gangs. Die Tür selbst ist mehrfach gesichert, wenn man hinaustritt, steht man einer zusätzlichen Gittertür etwa eineinhalb Meter von der eigentlichen Pforte entfernt entgegen.

Im Zellenraum sind die Zellen ringsherum angeordnet. Drei Zellen an jeder Wand, außer an der, an der die einzige Tür liegt, dort gibt es nur eine sowie eine separate Isolationszelle.

Die Zellen selbst zeichnen sich durch dicke Metallstäbe aus, jeweils drei aneinanderliegenden an drei Wänden, sind nicht von getrennt, so dass die Gefangenen sich quasi die Hand reichen können.

Ein Sicherheitsmanko, aus meiner Sicht … dann wiederum, ist das Alles ja nur ein Test, nicht wahr? Ich habe es hier nicht mit Schwerverbrechern, sondern mit Ottonormalbürgern wie mir zu tun. Was soll da schon passieren?

Vermutlich sollte ich den Tagesablauf von heute beschreiben, aber langsam werde ich müde. War ein langer Tag. Morgen ist auch noch einer und da ich erwarte, dass die restlichen neunundzwanzig alle identisch ablaufen werden, mache ich für heute Schluss.

Tag 2

Zweiter Tag im Loch, die Gefangenen verhalten sich angemessen.

Ich mach nur Spaß. Aber ernsthaft, der zweite Tag verlief bedeutend entspannter als der erste, was vordergründig dem Umstand zu verdanken ist, dass ich nicht mehr so nervös bin. Womöglich liegt es daran, dass ich den heutigen Tag in der angestrebten Routine erleben dürfte, statt mittendrin ins eiskalte Wasser geworfen zu werden.

Meine Runde beginnt morgens um sechs. Dann habe ich den Zellenblock zu betreten und das Licht anzuschalten – es gibt selbstverständlich eine Lichtquelle, die für dämmrige Verhältnisse sorgt, damit die Kameras nicht blind sind, aber das „große“ Licht, wird zur Nachtruhe ausgeschaltet – wodurch die Gefangenen geweckt werden.

Dann wird ein Insasse nach dem anderen, in Reihenfolge ins Bad geleitet, jeder einzeln, von der kleinsten Nummer angefangen. Sie werden nicht mit Namen, sondern mit Ziffern – eins bis zehn – angesprochen. Tatsächlich kenne ich ihre Namen nicht und sie nicht den meinen.

Im Bad bekommen Sie die Gelegenheit sich zu erleichtern und zu waschen, dabei müssen sie zügig vorgehen, da die Anderen indes zu warten haben – als alleiniger Aufpasser, ist es mir unmöglich mehrere Gefangene gleichzeitig aus ihrer Zelle lassen.

Sobald das erledigt ist – es wird ein Zeitlimit von fünf Minuten pro Kopf gesetzt, samt Puffer von zehn Minuten  – gibt es pünktlich um halb acht Frühstück.[SP1]

Dieses fahre ich mit einem Servierwagen ein, die Vorbereitung dafür, habe ich schon vor meiner morgendlichen Runde getroffen – aufstehen um fünf, uff, der Zugang zur Großraumküche, die von meiner Kammer erreichbar ist, wird mir zu festen Zeiten gewährt, abseits dieser, ist die Tür verschlossen. Jedem Insassen wird ein Teller mit Essen in seine Zelle gereicht. Zeit fürs Frühstück: eine halbe Stunde.

Nach dem Essen heißt es ab an die frische Luft. Oh, das habe ich in meinem letzten Bericht vergessen, nicht? Es gibt eine weitere Tür im Flur, direkt gegenüber der zum Toiletten- und Waschraum. Diese führt zu einem Innenhof, in dem die Insassen sich sportlich betätigen oder schlicht die Sonne genießen können – sofern diese denn scheint.

Hierfür wird jedem Gefangenen eine halbe Stunde eingeräumt – macht insgesamt fünf Stunden – plus eine weitere Stunde für etwaige Zwischenfälle, wie gelegentlichen Toilettengängen.

Danach begebe ich mich wieder in die Großraumküche, hole das Mittagessen ab, das zu dieser Zeit gekocht wurde – bisher bin ich niemand anderem innerhalb des Komplexes begegnet; ist vermutlich auch der Sinn dahinter –, und serviere pünktlich zu fünfzehn Uhr. Zeit zum Essen: eine Stunde.

Um sechzehn Uhr dreißig werden Bücher und aktuelle Tageszeitungen ausgeteilt, die einzigen Unterhaltungsmedien, die den Insassen zur Verfügung gestellt werden. Diese dürfen sie sich, bis zwanzig Uhr zu Gemüte führen, dann gibt es Abendessen.

Um halb neun haben wir den letzten Badgang, erneut eineinhalb Stunden, also bis zehn, dann werden die Lichter ausgemacht.

Bisher gibt es keine Reibereien, die Gefangenen – es fühlt sich falsch an, sie so zu nennen, aber mir wurde aufgetragen, dies zu tun – verhalten sich tadellos.

Nun … mit einer Ausnahme. Wahrscheinlich bin ich nur paranoid, aber ich meine in Nummer sieben – männlich – einen potenziellen Störenfried zu sehen. Er mustert mich gelegentlich mit so einem komischen Blick, ein wenig von oben herab und dann grinst er so wissend … Was er weiß? Keine Ahnung, ehrlich gesagt.

Mir scheint, dass er gern meine Rolle innehätte, aber das gilt vermutlich für alle Insassen. Ich meine, die Zellen sind nicht der Inbegriff von Bequemlichkeit und obgleich ich darüber nichts ausplaudere, sollte allen klar sein, dass meine Zeit hier bei Weitem angenehmer verläuft und verlaufen wird.

Ach, ich mache mir zu viele Gedanken. Von der Statur her mag Sieben sowohl größer, wie ein wenig kräftiger gebaut sein als ich – ein Umstand, den er heute beim Ausgang und seinem Training unter Beweis stellen musste – aber für den Fall der Notfälle, habe ich nicht nur einen Schlagstock, sondern auch einen Elektroschocker stets bei mir. Für den Einsatz beider wurde ich im Voraus geschult. Eine Tatsache, der sich die Insassen bewusst sind.

Aber ich denke ohnehin nicht, dass es nötig sein wird, nur eines davon je zum Einsatz zu bringen. Wir wissen doch alle, dass es sich hierbei nur um einen Test handelt, nichts davon ist real. Nach dreißig Tagen werden wir lachend, uns auf die Schulter klopfend hier rausmarschieren und dann sollen die Kittelträger was draus machen.

Tag 3

Nichts Außergewöhnliches zu berichten heute.

Die Insassen haben ein paar Scherze auf meine Kosten gemacht, weil sie zu spät geweckt und demzufolge zum Bad gebracht wurden.

Nummer vier – männlich – fragte, gleich bei meinem Eintreten, ob er als Erstes auf Toilette könne, es wäre dringend. Ich verneinte, weil das gegen die Regeln ist, woraufhin er meinte, dass es auch nicht dem Ablauf entspräche, dass das Licht zu spät anginge.

Ich ließ mich auf keine Diskussion ein und überging seine Proteste, was zu Witzeleien, insbesondere seines Nachbarn führte. „Wehe, wenn der in meine Zelle pisst!“ Ach was haben wir alle gelacht …

Na ja, es sei ihnen vergönnt. Eine gewisse Anspannung ließ sich nicht absprechen. Ich glaube, es war das erste Mal, dass die Insassen merkten, dass sie von mir abhängig sind. Testumgebung hin oder her, ihr direkter Kontakt bin erstmal nur ich. Das ist eine große Verantwortung, die auf meinen Schultern lastet und bringt die Gefangenen gleichzeitig in die Lage, mir einen gehörigen Vertrauensvorschuss zu geben.

Ich weiß ja selbst nicht, was los ist. Fünf Uhr ist nicht unbedingt meine Standard-Zeit zum Aufstehen, aber mit Verschlafen hatte ich nie Probleme. Heute hingegen …

Morgen.

Morgen ist auch noch ein Tag und dann wird es wieder besser laufen.

Tag 4

Auch heute nichts Besonderes zu berichten.

Okay, ich habe versucht, es dabei bewenden zu lassen, aber nachdem ich mich jetzt den ganzen Abend schon unruhig fühle, komme ich doch nicht umhin, ein wenig ins Detail zu gehen.

Eigentlich ist nichts passiert. Nichts Nennenswertes. Sieben … Sieben hat beim Ausgang heute ein paar seltsame Bemerkungen fallen lassen, okay?

Warum rechtfertige ich mich hier überhaupt? Ich soll doch über die Geschehnisse berichten. Ich meine klar, dass Wissen darum, dass ihr Eierköpfe – nicht böse gemeint – das hier nach dem Test lest, ist schon ein wenig unangenehm, aber hey, dafür ist die Bezahlung gut, nicht wahr? Also was soll’s.

Sieben hat jedenfalls ein paar Anspielungen bezüglich meiner Sexualität verlautbart. Er lässt durchblicken … er hat allzu deutlich gemacht, dass er homosexuell wäre. Nicht, dass ich damit ein Problem habe.

Ich habe ihm gesagt, dass er sich seine Zeit an der frischen Luft lieber mit Sport oder so verbringen soll, statt sich mit mir zu unterhalten, denn einen guten Gesprächspartner gäbe ich als sein Wärter nicht ab. Er hat das dem Anschein nach akzeptiert, aber es sich nicht nehmen lassen – wieder mit diesem wissenden Lächeln –, mir mitzuteilen, dass er interessiert sei.

Ich habe ihm gesagt, dass dies nicht auf Gegenseitigkeit beruhe, daraufhin hat er genickt und sich wie von mir vorgeschlagen, sportlichen Aktivitäten zugewendet, mich dabei aber nicht aus den Augen gelassen – und ich ihn nicht; weil das mein Job ist!

Ich sag’s ehrlich, es war mir unangenehm. Ich habe weder etwas gegen ihn persönlich, noch gegen seine Orientierung, aber allein mit ihm zu sein, bei dem Gedanken, dass er, wenn er wollte, mich aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit überwältigen könnte …

Gute Güte, ich verfluche mich selbst dafür so zu denken, ihn in eine Schublade zu schieben, obwohl ich ihn gar nicht kenne – ich meine, was ist das hier, ein schlechter Knastfilm? Ich mach mich lächerlich! Und dennoch … hier drinnen … Ich kann nicht weg, ich habe noch sechsundzwanzig Tage mit ihm zu tun … Wenn ich ehrlich bin, habe ich ein echt mulmiges Gefühl wegen morgen …

Tag 5

Keine besonderen Ereignisse, dieses Mal wirklich. Sieben hat sich mir gegenüber wie die anderen Gefangenen benommen, alles verlief reibungslos und ohne Zwischenfälle. Zugegeben, einige der Insassen klagen ein wenig über Langeweile sowie Rückenschmerzen, wegen der miserablen Schlafbedingungen aber ich bin zuversichtlich, dass sie die restlichen fünfundzwanzig Tage resolut hinter sich bringen.

Nichtsdestotrotz habe ich mir für heute vorgenommen, eine kleine Aufstellung der Insassen vorzunehmen. Ein Überblick, mit was für Menschen ich hier zu schaffen habe, auch, um nicht zu vergessen, dass sie solche und nicht nur Nummern sind.

Fangen wir demnach mit eins an, der die Zelle direkt rechts vom Eingang des Zellenblocks bewohnt: Männlich. Circa dreißig Jahre alt. Zurückhaltend, liest viel, beobachtet seine Umgebung. Wenn wir draußen sind, setzt er sich meistens im Schneidersitz in die Sonne und scheint zu meditieren – oder er hält ein Nickerchen, kann ich nicht genau sagen.

Nummer zwei: Weiblich. Etwas jünger als eins. Fünfundzwanzig? Quirlig. Ein Jungspund. Sie ist die Jüngste von allen. Plappert den lieben langen Tag, erzählt ständig von zu Hause und was so in der Welt – oder vielmehr ihrem Sichtfeld davon – los ist. Sie vermisst ihre Freunde – also ihr Mobiltelefon, mit dem sie mit diesen über Social-Media „in Kontakt“ bleibt.

Nummer drei: Männlich. Um die fünfzig. Rustikal. Ein Mann fürs Grobe. So auch sein Sprachgebrauch. Scheint ein Fall von „harte Schale weicher Kern“ zu sein. Er wirkt einschüchternd, ist aber auf seine Art nett und umgänglich.

Nummer vier: Männlich. In Nummer eins Alter. Ein kleiner Draufgänger und Neunmalklug. Riskiert gern mal eine dicke Lippe, wirkt auf mich aber wie jemand, der eher einen Rückzieher macht, als tatsächlich die Konfrontation zu suchen. Er hört sich nur gern selbst reden und kommt sich dabei schlau vor. Womöglich ist er das sogar, kann ich bisher nicht einschätzen.

Nummer fünf: Weiblich. In den Vierzigern. Ruhig. Kann ich nicht viel zu sagen. Sie redet wenig und wenn, dann über Belanglosigkeiten. Ohne etwaige Vorurteile: Eine Hausfrau vielleicht? Simples Gemüt, lebt in den Tag hinein?

Nummer sechs: Weiblich, in ähnlichem Alter wie Nummer fünf aber sonst das genaue Gegenteil von ihr. Die Frau scheint schon überall gewesen zu sein und erzählt ausgiebige Geschichten darüber. Wanderschaften, Bergsteigen, Radtouren um die halbe Welt. Ich – oder sie – überdramatisiere ein wenig und dennoch, die Gute hat schon einiges erlebt, selbst wenn nur die Hälfte ihrer Storys der Wahrheit entsprechen.

Nummer sieben: Männlich. Habe ich ja schon thematisiert, aber der Vollständigkeit halber … Ebenfalls in den Vierzigern. Homosexuell – nicht, dass das wichtig wäre. Ein Sportler. Von sich selbst überzeugt. Arrogant? Narzisstisch? Meint, die Welt läge ihm zu Füßen? … Streichen wir das. Ich kenne ihn nicht, also belassen wir es vorerst dabei.

Nummer acht: Weiblich. Etwas älter als der Durchschnitt … fünfundvierzig? Wirkt auf mich wie eine Managerin, oder so. Organisiert. Analytisch. Nüchtern. Ein wenig unterkühlt. Wenn sie etwas zu sagen hat, dann formuliert sie ihre Sätze stets präzise. Mit den anderen hat sie bisher wenig zu tun.

Nummer neun: Männlich. Ehrlich gesagt, habe ich keinen blassen Schimmer, wie alt der Kerl ist. Sein Gesicht ist so zeitlos, er könnte dreißig oder genauso fünfzig sein. Macht einen intelligenten Eindruck, ist jedoch nicht so überanalytisch wie seine Nachbarin. Er unterhält sich, macht Scherze … dennoch hat man unentwegt das Gefühl, dass er auf einer Ebene weit über einem verweilt.

Nummer zehn: Weiblich. Die Älteste von allen. Mindestens sechzig, wenn nicht älter. Auch hier, ohne Vorurteile: Ein Muttchen. Die ältere Dame, die mit ihren Freundinnen am Wochenende flanieren geht und bei Kaffee ins Tratschen gerät. Nett. Beklagt hin und wieder ihre alten Knochen, lächelt dabei aber stets selig.

Tja, und das ist er, der bunte Haufen, um den ich mich hier zu kümmern habe. Fünfundzwanzig Tage noch … Kommt mir vor, wie eine Ewigkeit.

Tag 6

Mit Ausnahme eines kleinen Ärgernisses, alles wie gehabt.

Bei dem Zwischenfall … Jetzt mal ehrlich, wer von euch Schlauköpfen hat sich einfallen lassen, Nummer zehn in die hinterste Zelle zu stecken? Sie ist eine alte Dame, gottverdammich!

Die letzten Tage hat sie sich nicht darüber beklagt, aber heute früh tat sie kund, dass sie eine schwache Blase hätte und daher gern als Erstes auf die Toilette wolle. Ich habe das abgelehnt, weil es gegen die Regeln ist, was zu mehrmaligem Bitten ihrerseits und Klagen der restlichen Insassen geführt hat, die darauf drängten, sie doch vorzulassen, ja sogar freiwillig auf ihren Gang verzichten wollten.

Was blieb mir anderes übrig, als ihnen zu erklären, dass, wenn sie weniger maulten und schneller spurten, Nummer zehn umso eher dran käme?

Sie haben es zähneknirschend hingenommen – mit Ausnahme von Nummer acht, die so tat, als ginge sie das Alles nichts an und sich sogar extra Zeit gelassen hat. Das Ende vom Lied war, das Nummer zehn es nicht mehr hat halten können …

Ich spüre selbst jetzt die anklagenden Blicke der Anderen auf mir … Aber was soll ich denn machen? So sind nun mal die Regeln! Wenn ich mich nicht an sie halte, was … was bleibt mir hier drinnen dann noch?

Den restlichen Tag haben die meisten mich ignoriert und sind ihren Beschäftigungen nachgegangen, nur Nummer sieben war der Meinung, mir während des Ausgangs erklären zu müssen, dass der Vorfall sein Interesse massiv gemindert hätte. So etwas einer alten Dame anzutun, sei einfach nicht korrekt.

Sie hat sich doch freiwillig hierzu gemeldet!

Man … ich geh‘ schlafen. Hab‘ Kopfschmerzen. Danke dafür …

Tag 7

Keine Probleme heute.

Ich bin mitten in der Nacht wachgeworden. Mein Kopf hat immer noch gewummert, aber ich habe mich trotzdem dazu durchgerungen, den Zellenblock aufzusuchen und nach zehn zu schauen. Zufälligerweise war sie zu diesem Zeitpunkt wach …

Ihr wisst es ja eh, weil ihr uns durch die Kameras beobachtet, also kann ich es genauso niederschreiben: Ich habe sie zu einem separaten Toilettengang, abweichend von der festen Zeit, rausgelassen. Sie war mir dankbar und hat sich für die Unannehmlichkeiten des Tages entschuldigt, was mir erst recht unangenehm war …

Keine Ahnung, ob die Anderen was davon mitbekommen haben. Es sah für mich so aus, als ob sie alle fest schliefen. Schätze, ich werde das jetzt zur Routine werden lassen, um einen Vorfall wie zuvor zu vermeiden.

Ich meine, es war nur eine Lappalie, aber ich leugne nicht, ein wenig Schiss bekommen zu haben, als die Insassen einstimmig erklärten, dass die Regeln zugunsten von Zehns Blase gebrochen werden müssten. Wenn sie sich wegen einer solchen Kleinigkeit schon verbünden … immerhin sind sie in der schwächeren Position, also suchen sie ihre Stärke in der Gruppe …

Ach was rede ich da? Das hier ist nur ein Test, nicht wahr? Es ist nicht real.

Eine Woche rum. Bleiben etwas über drei.

Tag 8

Scheiße.

Ich hab’s verkackt. Da spielt man einmal nicht nach den Regeln, und wie wird es einem gedankt?

Nummer acht, die Managerin, hat es mitbekommen. Klar, irgendwer musste ja. Schon in der ersten Nacht? Wohl nicht, dann hätte sie mich gleich drauf angesprochen, aber in der vergangenen hat sie scheinbar noch wachgelegen, als ich mich zu Nummer zehn geschlichen und ihr ihre Sondertour gegeben habe, damit der Morgen reibungslos verläuft.

Auf unserem Gang nach draußen hat sie mich darauf angesprochen und mir – direkt auf den Punkt gebracht – erklärt, dass sie einige Vergünstigungen erwartet, im Austausch für die Bewahrung „unseres kleinen Geheimnisses“, wie sie es nannte.

Ich habe protestiert, dass ich es nicht nötig hätte, mich erpressen zu lassen, was war schon dabei? Statt einer Antwort hat sie mir Zeit gegeben, die Tragweite zu begreifen.

Wenn ich einem Insassen eine Sonderbehandlung zuteilwerden lasse, wollen bald alle eine. Gleich der Tatsache, ob alle Anwesenden es verstehen könnten, dass ich Nummer zehn aufgrund ihres Alters anders behandle, ist doch jeder der Gefangenen in irgendeiner Form unzufrieden mit den Umständen und würde gern ein paar Annehmlichkeiten für sich rausschlagen.

Nur, wo würde das hinführen? Zu einer völligen Verfehlung des Ziels dieses ganzen Theaters. Es ist meine Aufgabe, über die Anderen zu wachen, nicht ihnen ihre Wünsche von den Lippen abzulesen.

Da ich mich trotzdem nicht erpressen lassen wollte, habe ich gemeint, dass die Nachttouren ein Ende hätten. Sie hat nur mit den Schultern gezuckt und erklärt, dass sie es dennoch ausplaudern würde und ich könne ja dann schauen, ob ein Ausrutscher, mich glimpflich davonkommen lässt. Dass es meine Autorität ankratzen würde, steht außer Frage. Die Konsequenzen wären vermutlich geringer, aber wollte ich das Risiko wirklich eingehen?

Also bin ich eingeknickt, habe gefragt, was sie will. Mehr Zeit, vordergründig, für die Toilettengänge, bei der Freizeitbeschäftigung, im Innenhof, beim Essen.

Ich meinte, dass ich das nicht arrangieren könne, die Anderen würden es merken – es hängt eine Uhr im Zellenblock, sie sind in der Lage die Zeiten jederzeit zu überprüfen –, da hat sie nur mit den Schultern gezuckt. Nicht ihr Problem.

Ich wiederhole mich: Scheiße!

Ich muss mir was einfallen lassen. Aber nicht mehr heute. Mir dröhnt schon wieder der Schädel, weil ich den ganzen Tag über nichts anderes grüble …

Tag 9

Tja, das ist gerade so gutgegangen.

Ehrlich wärt am längsten, heißt es doch. Wie wahr.

Ich bin gleich morgens, eine halbe Stunde früher in den Zellenblock und habe ausgepackt. Über die Erpressung von Nummer acht habe ich kein Wort verloren, da Zwietracht sähen, nicht in meinem Sinn ist. Sie hat mich dennoch den ganzen Tag lang finster angefunkelt.

Wir sind gemeinschaftlich zu der Einigung gekommen, dass eine Ausnahmeregelung wie die nächtlichen Ausgänge zu viel des Guten sind, aber eine Aufweichung in der Form, dass Nummer zehn morgens als Erste dran ist und dann erst Nummer eins, vertretbar wäre. So haben wir es auch gleich umgesetzt.

Wir sind schließlich keine wilden Tiere, wir können über solche Dinge reden.

Puh, ich bin echt erleichtert, dass es so reibungslos lief. Das stimmt mich optimistisch, auf die weiteren Wochen, vor allem da die Insassen heute wieder ein wenig munterer und mir gegenüber zutraulicher wirkten, wie zuvor – mit einer Ausnahme, aber damit kann ich leben.

Tag 10

Was habe ich getan?

Warum habt ihr mich nicht aufgehalten?!

FUCK!

Tag 11

Nachdem der heutige Tag wieder verhältnismäßig normal ablief, sollte ich wohl erläutern, was am vorigen geschehen ist … Warum schreibe ich das hier überhaupt auf, ihr seht doch eh alles in Bild und Ton. Ach egal …

Es war gleich morgens, beim Lichtanschalten. Mir ist sofort aufgefallen, dass etwas nicht stimmt, eine Abweichung der Norm, aber DAMIT habe ich wahrhaft nicht gerechnet.

Bemerkt habe ich es durch Nummer sechs, die mit dem Rücken zu Siebens Zelle saß, äußerst darauf bedacht, nicht in seine Richtung zu schauen, was ich ihrer statt tat.

Er … reden wir nicht um den heißen Brei herum, er hat sich einen runtergeholt. Immerhin hat er die Hose oben gelassen und mir damit den Anblick seines erigierten Penis erspart. Dennoch … Mein Timing konnte nicht schlechter sein, denn als ich eintrat, realisierte, was geschah und sich unsere Blicke kreuzten, lächelte er wieder dieses anzügliche Lächeln und dann …

Sparen wir uns die Details. Bei mir ist jedenfalls eine Sicherung durchgebrannt. Er hat was gefaselt, von wegen Langeweile und dass er das gelegentlich brauche, ich habe kaum ein Wort gehört, nur seine Zelle geöffnet und ihm befohlen sich in die Mitte des Blocks zu stellen, so dass ihn alle sehen konnten.

Sein selbstgefälliges Grinsen ist zusammen mit der Frage erstickt, was ich denn nun gedenke zu tun, als ich ihm meinen Schlagstock in die Magengrube rammte und er ächzend in die Knie ging.

Ich spüre noch immer die Wucht des Schlages und schlimmer: Den Drang, den Stock erneut zu heben. Wieder und wieder auf ihn einzudreschen, ihm den Schädel zu …

Ich bin kein gewalttätiger Mensch. Bis zu diesem Moment hätte ich nicht gedacht, überhaupt zu so etwas fähig zu sein.

Es folgten keine weiteren Schläge. Ich habe ihn sich kurz erholen lassen und dann zurück in seine Zelle geschickt. Eine Aufforderung, der er widerstandslos nachkam.

Den restlichen Tag habe ich ihn mit Missachtung bestraft. Das Frühstück ist für ihn ausgefallen, ebenso wie sein Ausgang und Unterhaltungsmaterial hat er auch keines erhalten. Kein Klagen seinerseits, die meiste Zeit hat er auf seinem Bett sitzend, seine Füße betrachtet. Heute wurde er wieder normal, wie alle anderen behandelt.

Die Stimmung ist seitdem … nun, nicht auf ihrem Höhepunkt. Vor allem da ich gereizt reagiere und mich seit gestern durchgängig Kopfschmerzen plagen.

Das Schlimmste ist nicht meine Eskalation oder, dass mich die anderen Insassen skeptisch betrachten, sondern, dass ich immer noch seinen Blick auf mir ruhen spüre.

Wie ich schon sagte, habe ich nichts gegen Homosexuelle, aber niemand sollte, gleich seiner Sexualität, andere unfreiwillig als Objekt ihrer Lust missbrauchen. Ich weiß, ich jammere hier von meinem hohen Ross aus, während dergleichen täglich auf der Welt in manch gravierenderem Ausmaß, sowohl im Aufkommen wie in der Art geschieht, aber ich kann eben nur von meiner Position aus sprechen und ich fühle mich … beschmutzt.

Seitdem ist nichts mehr geschehen, was nur ansatzweise in diese Kerbe schlägt, weswegen ich vorsichtig zuversichtlich bin, dass es das erste und einzige Mal war. Dennoch bleibe ich auf der Hut.

Wenigstens ist den Gefangenen nunmehr bewusst, dass ich durchaus in der Lage bin zu härteren Mitteln zu greifen, sollte es die Situation erfordern. Das dürfte weitere Ausschreitungen eindämmen.

Tag 12

Keine besonderen Vorkommnisse.

[Anmerkung: Auf dem Videomaterial ist zu sehen, dass an jenem Tag auf dem Innenhof der Versuch eines Gesprächs zwischen Sieben und dem Subjekt stattgefunden hat. Sieben hat sich dem Subjekt genähert, dem Wortlaut nach zu urteilen, um Abbitte für das Ereignis zwei Tage zuvor zu leisten. Der Versuch wurde im Keim erstickt, da das Subjekt lediglich die Hand zum Schlagstock sinken ließ, als Sieben sich näherte.]

Tag 13

Die Kopfschmerzen werden langsam zu einem steten Wegbegleiter. Alles läuft, wie eine gut geölte Maschine, nur das Wummern hinter meinen Augäpfeln treibt mich in den Wahnsinn. Es ist, als ob mein Schädel entschieden hätte, die Pumpe zu sein, die das Getriebe am Laufen hält. Wenn er aufhört, zu pochen …

Keine Ahnung. Bis eben hat der Vergleich noch was ansatzweise Magisches gehabt. Niedergeschrieben ist es nur literarischer Nonsens. Als ob meine Kopfschmerzen zu irgendetwas nütze wären, als mir den Nerv – und Schlaf – zu rauben.

Ich weiß selbst nicht, ich … Seit dieser … Episode ist alles so verkappt. Die Insassen halten sich brav, aber …

Keine Ahnung, ich sehe Schatten hinter Ecken lauern, wo keine sind.

Noch siebzehn Tage.

Könnten genauso gut tausend sein.

Tag 14

Eins hat mich heute auf dem Innenhof gefragt, ob alles okay mit mir sei, ich sehe müde aus. Ich habe ihm gesagt, dass er sich um seinen eigenen Kram kümmern soll.

Dem nicht genug, haben mir einige der anderen Gefangenen, ähnliche Fragen gestellt oder Kommentare über meinen Zustand abgegeben.

Es ist, als ob … Sekunde.

Sie unterhalten sich.

Ehrlich gesagt, habe ich die Überwachungsbildschirme in meinem Kämmerchen bisher eher stiefmütterlich behandelt, jetzt aber habe ich einige Zeit mit ihnen verbracht. Wir haben längst Bettruhe, doch sie unterhalten sich noch.

Ich meine, selbstredend machen sie das, was sollen sie den lieben langen Tag sonst unternehmen, aber …

Leider habe ich keinen Ton, deswegen höre ich nicht, worüber sie sich unterhalten. Wenn ich die Fragerei von heute bedenke, könnte man glatt zu dem Schluss kommen, dass sie übereingekommen wären, mich bei Laune zu halten.

Sehen die in mir eine Gefahr, oder was? Ich bin doch einer von ihnen! Also mehr oder weniger. Teil des Experiments halt …

Aber das stimmt nicht, nicht wahr? Sie sind die Gefangenen, ich ihr Wärter. Wir sind gleich und doch verschieden.

Gott … mein Kopf bringt mich um! Ich sollte mich hinlegen. Aber vorher schau ich ein letztes Mal bei den Bildschirmen vorbei.

[Anmerkung: Tatsächlich haben sich die Insassen über das Subjekt und seine Befindlichkeit unterhalten, wenngleich nur in geringem Maß. Laut den Aufnahmen, sorgten sie sich sowohl um seinen gesundheitlichen Zustand, wie, nach einer entsprechenden Bemerkung von Nummer acht, um ihren finanziellen, da diese die Meinung vertrete, wenn das Experiment vorzeitig aufgrund gesundheitlicher Problematiken des Subjekts abgebrochen würde, ihre Entschädigung für die Teilnahme geringer ausfiele.

Persönliche Notiz: Das ist zwar Unsinn, denn dieser Verlauf hätte ebenfalls ein verwertbares Ergebnis geliefert, aber es ist doch ebenso interessant, wie die Prioritäten gesetzt wurden …]

Tag 15

Bin die halbe Nacht wachgewesen und habe die Monitore angestarrt, demzufolge heute früh verschlafen. Seltsamerweise gab es dazu keine Anmerkungen oder Aufregungen, nur weitere Rückfragen zu meinem Befinden.

Lauern sie nur auf einen günstigen Moment, um mich zu überwältigen und auszubrechen?

Was für ein Schwachsinn. Mach dich locker man, es ist nur ein Test! Nicht real.

Fünfzehn Tage noch, Halbzeit. Das wissen sie, genauso wie ich. Es gibt keinen Grund für sie, etwas Dummes anzustellen.

Und wenn doch, bin ich bereit.

Tag 16

Sie reden und reden und reden.

Jedes Mal wenn ich auf den Bildschirm schaue, bewegen sich ihre Münder. Ein unendlicher Fluss. Lügen. Märchen.

Reden ist Silber, schweigen ist Gold – das könnten, die sich mal hinter die Ohren schreiben.

Vor allem zwei. Immerzu am Plappern. Vermutlich nicht über mich, sondern ihre Freunde, die sie so vermisst. Aber womöglich doch über mich. Über meinen „Zustand“. Geht euch n‘ Scheiß an!

Lange Rede kurzer Sinn (ha!): Habe heute zur Bettruhe eine neue Regel eingeführt. Sobald das Licht aus ist, sind die Münder geschlossen. Das habe ich Punkt zweiundzwanzig Uhr verkündet und den Lichtschalter betätigt.

Zwei war die Erste, die protestierte. Ich bin zu ihrer Zelle gegangen und habe sie geöffnet. Schweigen, wunderbares Schweigen. Hat wohl gedacht, dass ich ihr ins mit dem Knüppel gebe, so wie sie gekuscht ist. Das … tat weh. Ich bin kein gewalttätiger Mensch.

Dennoch wurde es Zeit, meine Autorität einmal mehr zu beweisen. Ich habe sie in die Isolationszelle gesteckt. Einzelhaft. Eine Nacht im Loch wird ihr hoffentlich einprägen, wer hier die Regeln macht.

Tag 17

Wie sie mich heute früh angesehen haben … als wäre ich ein Unmensch.

Sie verachten mich, schön, sollen sie doch, ich bin nicht hier, um ihr Freund zu sein, sondern ihr Wärter. Um das zu unterstreichen, habe ich Zwei ein wenig länger in der Isolation gelassen.

Beim Mittagessen wurden einige Stimmen laut, dass ich sie doch endlich rauslassen und ihr vor allem was zu Essen geben möge. Ich habe erklärt, dass sie das nicht zu entscheiden hätten, aber wenn jemand tauschen wolle, sollte er gern vortreten. Niemand hat sich gemeldet. So viel zur Solidarität.

Eine wichtige Lektion: Selbst in der Gruppe, sind sie genauso allein wie ich. Insbesondere im Kampf gegen mich.

Zum Abendessen habe ich Zwei dann rausgelassen. Sie sah … nicht gut aus, wenn ich ehrlich bin. Was ich nicht wusste, weil ich mich zuvor nicht damit auseinandergesetzt habe ist, dass die Zelle keine sanitäre Einrichtung hat. Es ist eine dunkle, enge, Schalldichte Räumlichkeit. Da sie fast vierundzwanzig Stunden darin eingesperrt war, hat sie ihre Notdurft in der einen Ecke verrichtet und in der anderen geschlafen. Sie hat nach ihren eigenen Fäkalien gestunken.

Bevor ihr gestattet wurde zu essen, habe ich sie sauber machen lassen und ihre Bitte um eine Dusche abgelehnt. Die wird sie morgen früh erhalten. Wenn sie mich nicht erneut auf die Palme bringt.

Das Ganze ist nicht ohne Proteste vonstattengegangen, diese sind jedoch schnell verstummt, als ich androhte, den nächstbesten Insassen in die Isolation zu stecken, und zwar bevor sie gereinigt wurde.

Ich denke, ich habe sie jetzt im Griff.

Tag 18

Zwei hat die ganze Nacht geweint. Die anderen Insassen haben sich an meine Regel erinnert, weswegen (fast) niemand ihr gut zugeredet hat. Drei hat sein Bestes getan, sie durch Gesten zu trösten, was kaum Wirkung zeigte, da seine Mittel durch die Gitterstäbe hindurch spärlich sind.

Zehn hat hingegen gesprochen, womöglich sogar gesungen, keine Ahnung.

Ich … habe nicht interveniert. Ein Zeichen der Schwäche, wie ich es mir nicht erneut erlauben darf, aber … ich kann doch keine Sechzig- oder Siebzigjährige in Isolation stecken.

Ich bin Wärter, kein Monster.

Aber wenn das noch einmal vorkommt …

Ich geh‘ schlafen, die Kopfschmerzen sind heute besonders arg.

Tag 19

Er hat es schon wieder getan!

Während ich auf seine Zelle zumarschiert bin, hat er noch groß beteuert, sich nur gekratzt und nichts unternommen zu haben, aber ich habe die Hand doch in seiner Hose gesehen!

Oder …? Habe ich …?

Ich habe ihn aus seiner Zelle, in die Mitte gezerrt. Der große Sportler hat geweint wie ein kleines Mädchen. Der Schlag in die Magengrube hat ihn einmal mehr verstummen lassen. Danach …

Was habe ich getan?

Es ging alles so schnell. Ich war so … wütend. In meinem Schädel hat es gewummert und gehämmert, ich habe rot gesehen, ich …

Keine Ahnung, wie oft ich auf ihn eingeschlagen habe. Im Verlauf bin ich irgendwie zu nah an die Zelle von Drei geraten, weswegen dieser mich durch die Gitterstäbe gepackt hat. Ich glaube, einige der Anderen haben geschrien. Kann mich nicht erinnern, sie gehört zu haben.

Nach einem kurzen Gerangel habe ich mich aus dem Griff von Drei befreit und in seine Richtung ausgeholt. Kurz darauf kamen die Sicherheitsleute rein. Nicht schnell genug.

Die Bestandsaufnahme ergab, mehrere Blutergüsse bei Sieben, aber nichts gebrochen. Anders bei Drei, dem der Mittelfinger geschient werden musste. Ach so, und Zehn hat sich erneut eingemacht.

Nach diesem Ereignis kehrten wir schnell zur Normalität zurück. Es wurde in klärendes Gespräch geführt – Sieben beteuert weiterhin, nichts getan zu haben, aber ich bin mir absolut sicher es gesehen zu haben! – und die Frage an jeden Einzelnen gestellt, ob wir das Experiment fortsetzen wollen. Dies wurde einstimmig bejaht.

Gerade beobachte ich sie, wie sie miteinander reden und tuscheln. Und ich dachte, sie hätten es endlich begriffen …

Tag 20

Sieben ist in Isolationshaft. Ich habe ihn gleich heute früh dort reingesteckt und ihm sein Frühstück nachgereicht.

Während er vor mir her humpelte, hat er sich weinerlich danach erkundet, was er denn falsch gemacht hätte. Ich habe ihm erklärt, dass er das nur zu gut wüsste und dass er in seinem abgeschotteten Raum gern seiner Freizeitbeschäftigung nachkommen könne, wenn er das so dringend nötig hat. Auf die Rückfrage, wie lange ich denn gedenke ihn dort einzusperren, habe ich ihm keine Antwort geliefert. Sein Gesicht in den nächsten zehn Tagen nicht mehr sehen zu müssen, ist eigentlich recht verlockend …

Ergänzende Anmerkung: Das Essen kann durch eine Luke rein gereicht werden, die im unteren Abschnitt der Tür zu öffnen ist. Demzufolge müsste ich sein Gesicht tatsächlich nicht mehr sehen. Außerdem ist mir nach einer gründlichen Inspektion aufgefallen, dass die Isolationszelle keine (offensichtliche) Kamera enthält. Nicht, dass das von Relevanz wäre.

[Anmerkung: Die Zelle zur Einzelhaft wurde wirklich nicht per Video und/oder Ton überwacht. Ein gravierender Fehler, wie sich später herausstellen sollte.]

Den Anderen hat das nicht gefallen, aber das ist ja auch der Hauptgrund für diese Handlung: Ein Exempel statuieren. Meine Anmerkung, dass in der Zelle Platz für ein oder zwei weitere Gefangene wäre, hat ihr Übriges getan …

Tag 21

Neun hat heute den Versuch unternommen, auf mich einzureden. Mir erklärt, dass ein totalitäres System stets zum Scheitern verurteilt sei. Die Geschichte hätte dies oft genug unter Beweis gestellt.

Ich habe ihm daraufhin erläutert, wohin er sich seine Systeme schieben kann und seine Ausgangszeit für beendet erklärt. Womöglich streiche ich sie für die restlichen Tage sogar gänzlich.

Er war nicht der Einzige, der mit schlauen Ratschlägen daherkam, aber bei Weitem der Hartnäckigste. Bei jedem Toilettengang, zu jeder Sekunde, die ich ihm näherkam.

Er möchte – wie die meisten Anderen – dass ich Sieben rauslasse. Zehn ist da ebenfalls recht beharrlich. Was haben die nur alle auf einmal für einen Narren an ihm gefressen?

Acht ist so ziemlich die Einzige, die sich nur um ihren Kram kümmert. Und Zwei, aber das liegt eher daran, dass sie seit ihrer Zeit in der Isolation fast unentwegt den Mund hält.

Womöglich sollte ich Sieben wirklich rauslassen und dafür jedem einen Tag im Loch gönnen … Nein, ich will seine Visage vorerst nicht wiedersehen. Strenggenommen will ich sie überhaupt nicht mehr wiedersehen.

Ich sollte morgen mal da drinnen sauber machen …

Tag 22

Die Isolationszelle ist jetzt gründlich gereinigt. Sieben ist weiterhin drin. Er stinkt erbärmlich und das wird über die nächsten Tage nur schlimmer werden. Aber es ist ja eh bald vorbei. Das halten wir auch noch aus.

Die Anderen wirkten ein wenig erleichtert, als ich mit dem Putzeimer rein marschiert bin. Wünschten sie ihrem Kameraden Gesellschaft, wenngleich diese ihrer Meinung nach, fragwürdiger Natur ist? Oder stellten sie sich vor, wie es wäre, wenn sie diejenigen wären, die da drinnen in ihrer eigenen Scheiße hockten?

Ich hoffe auf Letzteres, dann muss ich nicht noch jemanden dort unterbringen. Das könnte zu … Komplikationen führen.

Nachdem Neun mich gleich morgens wieder vollgequatscht hat, habe ich seine Ausgangszeit nunmehr gestrichen und sie Acht überlassen, die mir am wenigsten auf die Nerven geht. Dankbarkeit hat sie nicht gezeigt, vor allem weil ausgerechnet heute absolutes Mistwetter herrscht, aber hey, das erwarte ich auch nicht. Ich will nur deutlich aufzeigen, dass tadelloses Verhalten durchaus belohnt wird.

In der Nacht haben sie sich wieder unterhalten. Ich wüsste ums Verrecken gern worüber und wie ich dem Einhalt gebieten kann.

Tag 23

Die letzte Nacht war ein einziger Albtraum. Ich dachte, mir klafft der Schädel auseinander, während ich mich unentwegt hin und her gewälzt habe. Und dann erst die Augen um mich herum. Wie sie mich anstarrten, wie die zugehörigen Münder sich ununterbrochen bewegten. Stimmen die auf mich einschrien, die verlangten und jammerten und weinten und klagten.

Sie dröhnten zwischen meinen Schläfen. Hämisches Grinsen. Wissendes Nicken. Sie sind Tiere. Ihre gelbstichigen Augen beobachten mich, jeden meiner Schritte. Sie planen etwas.

Sie sind überall um mich herum. Egal wohin ich mich drehe, ich habe stets einen im Rücken. Ein falscher Schritt, nur einer und sie packen mich von hinten, zerren mich zu sich heran, gehen mir an die Kehle und …

Alles nur ein Traum. Und doch …

Unsinn. Die Insassen sind quasi gebrochen. Zwei ist lethargisch. Acht zufrieden mit ihren Zugeständnissen. Sieben aus dem Spiel. Zehn keine Gefahr. Fünf zu einfach gestrickt. Neun nur ein Redner und Denker, kein Macher.

Eins kann ich nicht einschätzen. Vier hat schon lange nicht mehr sein vorlautes Mundwerk benutzt.

Drei … und Sechs. Beide fit, beide geistig wach. Ist einer von ihnen geeignet, die anderen aufzustacheln? Möglich wäre es.

Aber was rede ich da? Es ist nur noch eine Woche, dann ist es vorbei. Eine Woche …

Ich sollte Siebens Zelle morgen mal wieder reinigen. Und nicht noch mal verschlafen. Zehn hat sich heute erneut eingenässt …

Tag 24

Nach der Reinigung der Isolationszelle – ich sollte diese ab sofort täglich vornehmen – hat Zehn mich seltsam angesehen. In ihren wässrigen Augen funkelte etwas. Das gefällt mir nicht. Womöglich ist die Alte ein größeres Problem, als ich bisher angenommen habe.

Ich beobachte sie just in diesem Moment, zusammen mit allen anderen Insassen. Heute sind sie … ruhig. Warum unterhalten sie sich nicht, so wie sonst? Sie brechen immerzu meine Regel, wieso nicht heute?

Tiere. Ein Rudel Wölfe. Sie lauern … Sie wittern.

Unsinn!

Sechs Tage noch. Wir werden uns das hier nicht verspielen.

Ich kümmere mich morgen darum.

Tag 25

Zehn wurde heute abtransportiert. Unfall beim morgendlichen Toilettengang. Sie ist in der Dusche ausgerutscht, hat sich den Kopf angeschlagen. Über ihren Zustand haben wir nichts mehr gehört, aber … es sah nicht gut aus. Da war jede Menge Blut.

Allerdings bin ich kein Arzt. Womöglich überlebt sie. So oder so, ein großer böser Wolf weniger, über den ich zu wachen habe.

Fünf Tage noch.

Die Insassen können es kaum erwarten, dass sehe ich ihnen an. Ich sitze hier zwischen ihnen und schaue jedem einzeln in die Augen.

Ganz recht. Ich verbringe meine Nächte jetzt im Zellenblock. Sollen sie sich mal wagen, zu tuscheln und zu flüstern, wenn ich jedes Wort mithöre. Den Schlaf hole ich schon irgendwie nach.

Siebens Zelle habe ich heute ebenfalls wieder gereinigt. Das hat eine regelrecht meditative Wirkung. Meine Kopfschmerzen sind danach immer bedeutend besser, wenngleich nie gänzlich weg.

Heute war ein guter Tag.

[Anmerkung: Auf dem Videomaterial ist der Unfallhergang nicht eindeutig nachvollziehbar. Es sieht aus, als ob das Subjekt Zehn stützen wollte, damit sie auf dem nassen Untergrund nicht ausrutscht – was er tatsächlich täglich tat, weswegen hierbei keine Unregelmäßigkeit feststellbar ist – aber an diesem Tag könnte seine Handbewegung auch als leichter Stoß interpretiert werden. Der Blickwinkel lässt ein sicheres Urteil nicht zu und da Zehn später aufgrund ihrer Verletzung verstorben ist, gibt es keine Zeugenaussage.

Persönliche Notiz: Seien wir mal ehrlich … Betrachtend, was im Nachgang geschehen ist und zutage gefördert wurde, können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es Vorsatz war.]

Tag 26

Ein Problem aus dem Weg eröffnet sich ein neues. Warum sollte es auf je einfach sein?

Zwei ist noch munterer, als ich erwartet hatte, oder schlicht wieder erwacht. Hätte sie doch nur weitergeschlafen. Vier Tage noch. Vier gottverfluchte Tage!

Sie hat allen Ernstes fallen lassen, dass Zehns Unfall womöglich keiner war. Aus heiterem Himmel hat sie diese Aussage getätigt und binnen des Bruchteils von Sekunden die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich gezogen.

Da ihr plötzlich das Rampenlicht gehörte, war sie nicht mehr zu halten. Sie meinte, Zehn wäre mir vielleicht zur Last gefallen, weil sie alt und tattrig war, weil sie sich einnässte. Außerdem hätte sie beobachtet, wie die Alte mich beobachtete. Ihr wäre irgendetwas aufgefallen. Und überhaupt, was ist eigentlich mit Sieben? Warum hört man nie etwas von ihm? Warum werden ständig Teller mit Essen unter der Luke rein-, aber keine rausgeschoben, nur bei Reinigungen mit rausgenommen?

Sie hat sich regelrecht in Rage geredet. Die Anderen ereiferten sich dafür. Sie verlangten Siebens Freilassung oder ihn zumindest sehen zu dürfen.

Ich lehnte ab, was nur mehr Unruhen auslöste. Sie schrien, sie tobten, sie verlangten, sie fischten nach mir, durch ihre Gitterstäbe, bleckten die Zähne, die Augen wild vor Wahn, die Münder voll Geifer. Wenn ich nichts unternommen hätte, sie hätten mich zerrissen …

Ein Exempel. Erneut.

Ich habe Fünf auserkoren, die mutmaßliche Hausfrau. Ich bin nicht stolz darauf, aber sie ist schwach und unschuldig, sie hat sich zusammen mit Acht komplett rausgehalten, aber die hätte einen Aufstand gemacht, also musste es Fünf sein.

Als ich auf ihre Zelle zu bin, wurde es einmal mehr schlagartig still. Herrlich. Die Stille. Die Kontrolle darüber innezuhaben.

Fünf hat den Kopf geschüttelt. „Nein, nicht ich. Warum ich?“ Immer wieder hat sie das gesagt, wie ein Mantra. Ich gestehe, sie unterschätzt zu haben, denn als ich die Zelle öffnete und von ihr verlangte, dass sie rauskommen soll, weigerte sie sich. Als ich daher reinging, um sie raus zu zerren, wehrte sie sich mit Händen und Füßen, so sehr, dass ich mich gezwungen sah, den Elektroschocker anzuwenden, um sie ruhigzustellen.

Ich bin kein gewalttätiger Mensch, aber sie wäre andernfalls entkommen. Danach ließ sie sich mühelos in die Isolationszelle verfrachten.

Der Aufstand war gebrochen. Allem voran, da ich erklärte das, sollte etwas nicht mit rechten Dingen zugehen, die Zuständigen für dieses Experiment doch längst eingegriffen hätten. Überall seien Kameras, wenn ihnen das, nicht Beweis genug für meine Unschuld sei, was dann? Darauf wusste niemand eine Antwort.

Jetzt sitze ich hier und liefere mir einen Starrwettbewerb mit Zwei. Sie versucht sich, wach zu halten, mich nicht aus den Augen zu lassen. Gelegentlich erlaube ich mir den Scherz, wenn sie doch mal weg nickt, zu ihrer Zelle zu gehen und sanft mit dem Schlagstock gegen die Stäbe zu klirren. Dann schreckt sie immer panisch hoch. Ich kann ihr Herz förmlich rasen hören.

Lange wird sie das nicht durchhalten.

Tag 27

Keine besonderen Vorkommnisse.

Nach der Reinigung der Isolationszelle wurde ich wieder böse gemustert. Sollen sie nur. Sie sind eingesperrt. Nicht gezähmt, nicht zu unterschätzen, freilich, aber eben doch hinter Gittern. Eine wilde Bestie, die töricht genug ist, sich (freiwillig) einkerkern zu lassen, kann so gefährlich nicht sein.

Manchmal frage ich mich, ob sie von mir genauso denken und ihre Zellen eher als Schutzkäfige betrachten, ähnlich derer, die zum Beobachten von Haien genutzt werden. Ein charmanter Gedanke, aber seien wir mal ehrlich, ich bin nicht das Monster. Nur ein Wärter, der seinen Job macht.

Tag 28

Zwei ist heute im Innenhof zusammengebrochen. Übermüdung. Sie war fast ununterbrochen wach. Man hat sie kurzzeitig entlassen und in ein Krankenhaus gebracht. Verrückterweise ist sie nach ihrem Aufenthalt dort, wieder zurückgekehrt. Hat mir zugeflüstert, dass sie nicht zulassen wird, dass ich weitere Opfer fordere.

Offenkundig hat sie den Verstand verloren. Ich werde sie weiter im Auge behalten.

[Anmerkung: Zwei ist entgegen, des ärztlichen Rats zurückgekehrt und hat diesen Willen schriftlich bei vollem Bewusstsein ihrer Sinne erklärt.]

Tag 29

Das Ende rückt näher.

Bis auf einen Ausrutscher, kein Eingreifen von Außen nötig. Zehn und Zwei … Ein Unfall und Paranoia, nichts, wofür ich mich zu verantworten habe.

Mein Resümee: Ich habe meinen Job ausgezeichnet erfüllt. Die Insassen sind gebändigt, Abläufe wurden eingehalten, Regeln weitgehend ebenfalls. Jeder hat seine verdiente Behandlung erhalten. Ich sollte hiernach über einen Berufswechsel nachdenken, ich schätze, ich habe meine Berufung gefunden. Danke dafür.

Allerdings sollte ich mir etwas gegen diese Kopfschmerzen besorgen. Und ernsthaft, steckt keine alten Leute in Zelle zehn. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich ja fast Vorsatz für diesen Fauxpas vermuten.

Tag X

Nur um ein paar Dinge klarzustellen, weil das Endergebnis ungleich der Tatsache, dass ich mit diesem durchaus zufrieden bin, sehr wahrscheinlich nicht euren Vorstellungen entspricht: Das hier, habt ihr Eierköpfe zu verantworten.

Mal ernsthaft, habt ihr wirklich geglaubt, euer Geheimzugang würde mir in dreißig Tagen unbemerkt bleiben? Spätestens, als ich Sieben zur Rechenschaft gezogen habe, wusste ich, von wo aus ihr im Notfall dazu stoßt, von wo aus ihr uns beobachtet.

Jedenfalls solltet ihr mir dankbar sein. Dieses Experiment hat das wahre Wesen dieser … Tiere zum Vorschein gebracht. Jemand musste sich dem annehmen, und mit mir, habt ihr diesen Jemand gefunden. Meinen Glückwunsch.

Ich werde mich jetzt in Isolationshaft begeben. Zur Vorbereitung, sozusagen. Wenigstens leisten Sieben und Fünf mir Gesellschaft.

Ich war in diesen dreißig Tagen recht … einsam. Isoliert. Schon ironisch nicht. Oder war das am Ende sogar euer Ziel?

Wow … das …

Mir bleibt keine Zeit mehr, ich würde gerne noch plaudern, aber der Geräuschkulisse nach, bricht die Barrikade gleich, also … Ich hoffe, ihr findet in diesen Aufzeichnungen, wonach ihr gesucht habt.

Und um es gleich schon mal schriftlich festzuhalten: Solltet ihr weitere Experimente dieser oder anderer Art planen, auf mich könnt ihr zählen. Auf bald.

[Anmerkung:

Nachdem die Sicherheitsleute die „Barrikaden“ – das Bett des Subjekts ist vor die Küchentür und ein Servierwagen, zusammen mit einigen anderen Gegenständen, vor den Notzugang verkeilt worden – durchbrochen hatten – allein, dass sie nicht gleich bei Beginn der Verbarrikadierung reagiert haben, ist äußert verwerflich – mussten sie feststellen, zu spät zu sein.

Innerhalb weniger Minuten ist es dem Subjekt gelungen, drei der Insassen zu töten. Inmitten der Nacht, als alle schliefen, hat er sich ein Messer aus der Kleinküche genommen, sich in den Zellenblock geschlichen, Zelle eins geöffnet und dem Insassen im Schlaf erstochen. Ein präziser Stich ins Herz.

Laut den Videoaufnahmen ist Insassin zwei von den Geräuschen wachgeworden und hat geschrien, was die Anderen weckte.

Wohl deswegen hat das Subjekt sich zusätzlich nur Vier und Neun als weitere Ziele vorgenommen. Mithilfe des Elektroschockers hat er sie lang genug in Schach gehalten, um die jeweiligen Zellen zu öffnen und mehrfach auf sie einzustechen.

Laut einer späteren Aussage seinerseits, hat er sich Drei und Sechs „nicht zugetraut“. Zwei hätte er verschont, da sie schon Strafe genug erhalten habe – Anmerkung II: In Folge der Ereignisse, hat Zwei später suizid begangen – und Acht, weil sie abgesehen von einem Erpressungsversuch, stets nach den Regeln gespielt hätte. Es wird gemutmaßt, dass für Letztere zudem der Umstand eine Rolle spielte, dass Acht und das Subjekt nach dem Ausgangsentzug von Neun mehrfach auf dem Innenhof kopuliert haben.

Die Sicherheitsleute fanden das Subjekt in der Isolierzelle, wo er zwischen den Leichen von Sieben und Fünf saß. Dem Verwesungsgrad nach zu urteilen, waren beide zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Tage tot. Die tödlichen Schädelfrakturen lassen darauf schließen, dass sie jeweils von hinten erschlagen wurden. Zudem ergab die Autopsie, dass die Leiche von Sieben mehrfach geschändet worden ist.

Bei seiner Festnahme leistete das Subjekt keinen Widerstand. Laut seiner Aussage sei er sich seiner Taten in vollem Umfang bewusst und vertritt die Ansicht, nur seinen Job getan zu haben. Ein Gerichtsurteil steht derzeit noch aus.]

Nachwort und persönliche Ergänzung

Das Experiment als Fehlschlag zu bezeichnen, wäre zu weit gegriffen. Und dennoch wird es wohl den Niedergang meiner Karriere darstellen, da mache ich mir keine Illusionen.

Ich bereue nichts, außer, dass Versuche dieser Art einmal mehr einen rapiden Abschwung erhalten werden. Die Gesellschaft und Kritiker werden meine Ergebnisse in der Luft zerreißen und wenn dann erst die ganze Wahrheit ans Licht kommt …

Oh Elenor, es tut mir furchtbar leid, dass es so weit kommen musste. Ich habe dir geschworen, dass dein Opfer nicht umsonst sein würde, doch nun … nun muss ich ernsthaft daran zweifeln.

Mit graut vor dem Moment, da ich der Polizistin gegenüberstehe, die dich damals befreit hat. Sie wird involviert sein, das sagt mir meine Intuition. So selten auch die Gelegenheiten sind, da ich ein Ohr für sie habe: Kommt es dazu, irrt sie nie.

Und ich hatte ernsthaft gedacht, besser zu sein als er …

Er war ein Narr. Ein Wegbereiter, aber ein Narr.

Und dennoch. Als ich von ihm schwanger war, habe ich es doch von Anfang an gewollt, oder nicht? Als er mir von seinen Plänen, seinen Fantastereien erzählte, habe ich schon längst für seine Visionen geschwärmt …

Wieso sonst hätte ich meine Schwangerschaft geheim halten, mich ab einem gewissen Zeitpunkt, unter dem Vorwand gesundheitlicher Beschwerden, aus der Öffentlichkeit zurückziehen sollen? Wieso eine Hausgeburt anstreben? Wieso dich, liebste Elenor, vor der Welt verborgen halten und als ich dich eines Morgens wie verrückt suchend, nicht mehr in deinem Bettchen und Heim fand, nicht überrascht gewesen sein?

Ich hätte es der Polizei melden, hätte den Namen deines Vaters nennen und sie auf die einzig logische Spur führen können.

Ich habe nichts dergleichen getan.

Als er mir von seiner Idee erzählte, sich als großer Denker aufspielte, habe ich ihn hochkant rausgeworfen, ihn für verrückt erklärt.

Aber da war ich schon verloren. Er hat dich mir genommen und ich habe es zugelassen.

Ich bin zurückgekehrt in mein Leben, ein Leben ohne dich. Habe gelernt und gelehrt und vergessen. Dich liebste Elenor.

Bis zu jenem Tag, als sie dich fanden. Zwanzig Jahre später. Ich habe dich sofort erkannt, habe gleich gewusst, dass du es bist.

Ich habe dich aufgenommen, dich besucht, dich gelehrt … dich bis zu deinem Tod begleitet.

Dein Vater war ein Wegbereiter, aber auch ein Stümper. Ein Narr. Seine Testumgebung war unzureichend, seine Forschung schlampig, seine Aufzeichnungen kaum verwertbar und dank des Skandals, hätten seine Ergebnisse niemals öffentliche Anerkennung erreicht.

Du, das Opfer in dieser Geschichte, solltest vergessen werden. Manchen wäre es vermutlich lieber, man hätte dich nie gefunden.

Das konnte ich nicht zulassen. Also habe ich das Werk deines Vaters fortgesetzt … oder es zumindest versucht.

Alles hatte seine Richtigkeit. Die Testumgebungen waren nicht gänzlich ohne Risiko, zugegeben, aber es gab offizielle Absegnungen, Beteiligungen von mehreren Parteien, Objektivität, passende Ausstattungen, gewissenhafte Aufzeichnungen.

Den ersten Fehler leistete ich mir, närrische Studenten in meinen Versuch mit einzubeziehen. Wie befürchtet, hatten diese Banausen eine Einwilligungserklärung unter Alkoholeinfluss erwirkt. Das Subjekt konnte sich später nicht einmal mehr daran erinnern, sie unterschrieben zu haben. Ich war so in meine Vorbereitungen vertieft gewesen, dass ich es verschlampt habe, mir persönlich eine eindeutige Zusage einzuholen.

Natürlich bekamen einige der Beteiligten kalte Füße. Die Forschungsgelder, die draufgegangen sind, um sie zum Schweigen zu bringen, wären an anderer Stelle weitaus hilfreicher gewesen. Aber sei es drum. Ein Formfehler; passiert auch den Besten.

Glücklicherweise hat das Subjekt selbst, keinen Willen kundgetan, mich dafür zu belangen. Im Gegenteil, er hat mir gedankt, ihm einen neuen Weg gezeigt zu haben und sich bereit erklärt, mir neben der Therapie, die er wöchentlich besucht, regelmäßige Berichte über seine Verfassung und Erfahrungen zukommen zu lassen.

Ein voller Erfolg. Es hätte der Beginn einer ganzen Reihe solcher Versuche werden können. Du geliebte Elenor, hättest den Platz erhalten, der dir gebührt.

Aber jetzt? Nach diesem, wie es öffentlich aufgenommen werden wird, Desaster?

Ich frage mich unentwegt, wie es dazu kommen konnte. Du und das Subjekt des zweiten Experiments, ihr ward … nicht glücklich, aber das ist ohnehin ein unzulängliches Ziel, da Glücksgefühle keinen Bestand haben, bestenfalls als temporäre Droge herhalten, nein, ihr ward zufrieden.

Nach deiner Befreiung Elenor, wolltest du immer nur zurück, zurück in deine eigene kleine Welt. Erst als wir dich eingewiesen haben, warst du zu beruhigen. Fünf Quadratmeter und eine zuverlässige Versorgung, mehr hast du nicht zum Leben gebraucht.

Und das zweite Subjekt? Er lebt abgeschieden im Wald, in einer winzigen Hütte, lässt sich seine Nahrung liefern und vermeidet, abgesehen von der therapeutischen Betreuung, die er online wahrnimmt, jeden menschlichen Kontakt. Er hat alles, was er braucht und darüber hinaus, seinen Verstand behalten, was man von dir, Elenor, leider nicht behaupten konnte.

Ja, dein Vater war wahrlich ein Schlächter … Hat dich wie Vieh behandelt …

Es tut mir Leid Elenor. Aber ich gebe trotzdem nicht auf. Wir haben stümperhaftes Experiment, welches zu geistigen Schäden geführt hat, wir haben einen erfolgreichen Versuch, der einen zufriedenen Menschen hervorbrachte. Der dritte Ansatz … die menschliche Komponente, von zehn weiteren Teilnehmern. Hierin liegt die Ursache, da bin ich mir sicher. Isolation muss vollkommen sein, um ihre Wirkung zu entfalten.

Ich werde die Zeit, die mir bis zu meinem unrühmlichen Ende bleibt, nutzen, um die Ergebnisse zusammenzutragen. Vielleicht findet sich jemand, der das Potenzial dieser Forschung erkennt und wenn schon nicht öffentlich anerkannt, sie wie ihr Gründer einstmals, erneut im Verborgenen aufleben lässt.

Ich hingegen, werde wohl schon bald am eigenen Leib erfahren, was es heißt, isoliert, eine Gefangene zu sein. Womöglich komme ich dir damit ein Stück näher, Elenor. Womöglich, sehen wir uns eines Tages wieder …

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