GeisterKlassische PastaLange

Der einsame Mann

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Leise lag die nächtliche Stadt vor meinem Fenster. Ich stand vor den heruntergelassenen Jalousien, zwei Finger zwischen den metallenen Teilen, um sie aufzuspreizen und einen kleinen Blick nach außen zu erhaschen in die ruhige, schlafende Stadt. Die Stadt, in der ich lebte, war groß genug, um das Gefühl von Anonymität hervorzurufen, wie es große Städte zu tun pflegen, aber sie war auch klein genug, dass man seine Viertel kannte, dass man irgendwann dem Trott der Stadt angepasst war und nicht mehr überrascht wurde von plötzlichen Veränderungen oder unentdeckten Orten. Es war relativ lau draußen, denn wir hatten gerade Hochsommer. Dennoch hatte ich alle Fenster geschlossen, die Jalousien herabgelassen, und ich benutzte auch nicht meinen kleinen Balkon, um den ich äußerst froh war. Stattdessen stand ich nur am Fenster und blickte durch die Jalousien nach außen, um kritisch die Veränderungen zu beobachten, die seit geraumer Zeit in meinem Leben und auch meinem Wohnkomplex vonstatten gingen.…

Leise lag die nächtliche Stadt vor meinem Fenster. Ich stand vor den heruntergelassenen Jalousien, zwei Finger zwischen den metallenen Teilen, um sie aufzuspreizen und einen kleinen Blick nach außen zu erhaschen in die ruhige, schlafende Stadt. Die Stadt, in der ich lebte, war groß genug, um das Gefühl von Anonymität hervorzurufen, wie es große Städte zu tun pflegen, aber sie war auch klein genug, dass man seine Viertel kannte, dass man irgendwann dem Trott der Stadt angepasst war und nicht mehr überrascht wurde von plötzlichen Veränderungen oder unentdeckten Orten. Es war relativ lau draußen, denn wir hatten gerade Hochsommer. Dennoch hatte ich alle Fenster geschlossen, die Jalousien herabgelassen, und ich benutzte auch nicht meinen kleinen Balkon, um den ich äußerst froh war. Stattdessen stand ich nur am Fenster und blickte durch die Jalousien nach außen, um kritisch die Veränderungen zu beobachten, die seit geraumer Zeit in meinem Leben und auch meinem Wohnkomplex vonstatten gingen.

Ich lebte in einem der etwas günstigeren Wohnviertel, in einem relativ großen Mehrparteienhaus. Die Dachgeschosswohnung heizte sich im Sommer ordentlich auf, aber dafür hatte ich als eine der wenigen Wohnungen einen Balkon. Außerdem war das Dachgeschoss relativ ruhig. Ich hatte schon öfter versucht, in eine bessere Gegend zu ziehen, aber obwohl die Stadt vergleichsweise eher unbedeutend und klein war, im Vergleich zu den großen Metropolen meines Landes, waren die Mietpreise dennoch so hoch, dass ein Wohnungswechsel für mich nicht in Frage kam. Selbst wenn ich sämtliche Kniffe des Sozial- und Arbeitsamtes ausreizen würde, bekäme ich höchstens eine Sozialwohnung, die kaum billiger war als meine aktuelle, dafür allerdings in einer noch prekäreren Lage und darüber hinaus auch noch wesentlich kleiner und in schlechterem Zustand war als die jetzige.

In meinem Haus gab es eine hohe Fluktuation. Viele Leute kamen und gingen wieder, hauptsächlich junge Leute, Studenten oder Leute auf der Durchreise, die nur für ein paar Monate hier arbeiteten. Man grüßte sich im Haus gelegentlich und dann vergaß man das Gesicht des anderen sofort wieder. Ich wusste nicht, wie meine Nachbarn heißen, und ich wollte es auch gar nicht wissen. Das war der Vorteil an der Stadt. Man lebte anonym. Wie ein Fisch im Ozean, der gelegentlich einem anderen Fisch begegnet, um dann weiterzuschwimmen. Von meinem Balkon aus konnte ich auf den Parkplatz des Wohnhauses blicken. Eine einzelne trostlose Laterne spendete ein schummriges Licht und illuminierte den vielen Beton mit den lieblos dahingeklatschten und durch die Sommerhitze bereits leicht gelb und braun verfärbten Hecken. Es war ein typischer Neubau in einer Stadt, viel Beton, viel sogenannte und hochgelobte architektonische Raffinesse und Avantgarde, die aber de facto nur ein brutalistischer Bau war, wie man ihn auch in ehemaligen Sowjetstaaten hätte finden können. Zum Glück scherte ich mich relativ wenig um solche Äußerlichkeiten. Ansonsten hätte mich dieses Gebäude und seine monotonen, die Funktion über die Ästhetik stellenden Bauweisen längst in die Depression getrieben.

Ich blickte auf mein Handy. Es war mehr ein Reflex als eine gezielte Handlung, denn ich erwartete keine Nachrichten. In der Stadt kannte ich kaum jemanden und die wenigen Leute, die ich kannte, kannte ich nur auf einem professionellen Level, sodass ich zu dieser späten Stunde keine Nachrichten von ihnen erwartete. Um ganz ehrlich zu sein, erwartete ich von ihnen überhaupt keine Nachrichten, zu keiner Stunde des Tages. Obwohl man glauben konnte, dass die Stadt und das moderne Datingwesen insbesondere mit den Segnungen des digitalen Zeitalters grenzenlose Möglichkeiten schaffen, so war es bei mir doch nicht der Fall. Das wenige, was man auf besagten Apps so fand, waren immer wieder dieselben monotonen Gesichter, die allesamt herrlich nichtssagend und durchschnittlich waren. Mit den wenigsten konnte man ernsthafte Konversationen überhaupt betreiben, und bei denen, bei denen es funktionierte, scheiterte es dann meistens an anderen Oberflächlichkeiten. Und da ich mich inzwischen als zu moralisch erhaben für einen gewöhnlichen One-Night-Stand empfand, versuchte ich auch gar nicht erst, die Dummchen, die sich sonst noch auf den Plattformen herumtrieben, von meinen Qualitäten im Schlafzimmer zu überzeugen.

Ich schlurfte zu meinem Bett, das in der Ecke meines Zweizimmer-Appartments stand und direkt unter der Dachschräge war. Auf die weiße Wand der Dachschräge direkt über meinem Bett hatte ich ein Poster aus dem Playboy angebracht. Es zeigte eine füllige Blondine im Dirndl, die einen Bierkrug in die Höhe reckt und ihr Dirndl dabei so herunterzog, dass ihr ihre Glocken herauskullerten und einem entgegensprangen. Darunter stand Oktoberfest sowie der Name unserer Dampfnudel: Erika. Ich legte mich aufs Bett und starrte Erika in die dunkelgrünen Augen.

„Ach, Erika“, sagte ich dann zu dem Poster, „was soll ich nur tun?“ Erika schwieg beharrlich, wie sie es auch sonst zu tun pflegte, wenn ich sie um Rat fragte, mit ihr scherzte oder sie einfach nur mit wüsten Verwünschungen und Beleidigungen überzog. Dann kam mir ein Gedanke und ich griff erneut zu meinem Telefon. Diesmal wählte ich die Nummer von Sven. Sven war einer meiner wenigen Kontakte, den man möglicherweise sogar Freund nennen konnte. Aber die Wahrheit ist, dass wir uns längst auseinandergelebt hatten und unsere Freundschaft eigentlich nur noch auf dem Papier bestand. Keiner von uns beiden wollte das so richtig wahrhaben, denn wir kannten uns lange und hatten früher sehr schöne Zeiten miteinander verbracht. Ich wählte also seine Nummer, in der Hoffnung, ein wenig mit ihm plaudern zu können. Er wohnte nicht weit weg und er hatte ein Auto, also könnte er mich vielleicht besuchen. Beim dritten Klingeln hob er ab.

„Ja?“, fragte er. Seine Stimme klang nicht müde, sie klang auch nicht genervt. „Störe ich?“, fragte ich trotzdem aus reiner Höflichkeit. Schließlich hatten wir schon relativ spät. Sven verneinte und ich fragte ihn, ob er nicht auf ein kühles Bier vorbeikommen wollte. Es entstand eine lange Pause, und obwohl er es nicht tat, konnte ich ihn seufzen hören. Aber dann sagte er zu. Etwa zwanzig Minuten später saßen wir auf meinem Balkon. Wir hatten uns eine Zigarette angesteckt und jeder hielt ein kühles Pils in der Hand. Natürlich aus der Dose, aber wer das Dosenbier nicht ehrt …

„Was gibt es Neues?“, fragte ich ihn. Sven ließ seinen Blick über den dunklen Parkplatz schweifen und in die ruhige Nacht. Er sah mich nicht an, als er mir antwortete. „Eigentlich nicht viel“, sagte er. „Und wie läuft es bei dir?“ Ich überlegte. Auch bei mir war nicht besonders viel los. Im Grunde gar nichts. Mein Leben war relativ langweilig. Gelegenheitsjobs, nebenbei die ein oder andere Vorlesung für ein Studienfach, das mich eigentlich nicht interessierte, essen und schlafen. „Ach, man kämpft sich so durch“, gab ich zurück. Sven kommentierte das mit einem Schulterzucken und einem schlürfenden Schluck aus seiner Dose. „Wie läuft es mit deiner Freundin?“, fragte ich. „Ganz gut“, sagte Sven. Er fragte gar nicht erst, ob ich inzwischen auch eine hatte.

„Was macht die Arbeit?“, fragte er und sah mich zum ersten Mal an, seit wir auf dem Balkon Platz genommen hatten. „Ach, ich mache dieses und jenes“, antwortete ich ausweichend. „Im Moment kellnere ich in einem Brauhaus und nebenbei gehe ich noch zur Vorlesung. Es ist nichts Besonderes, aber das Geld reicht“, fügte ich noch hinzu. Sven schenkte mir einen Blick, den ich nicht zu deuten vermochte. Wenn ich es aber müsste, würde ich sagen, es war eine Mischung aus Mitleid und Bewunderung. Er zündete sich noch eine Zigarette an, bevor er weitersprach. „Du wohnst immer noch in diesem …“ Er zögerte einen Augenblick. „Du kannst es ruhig aussprechen“, ermutigte ich ihn. „Es ist ein Drecksloch. Aber es ist preiswert und relativ ruhig.“ Sven nickte. „Dagegen kann ich nichts sagen“, sagte er dann. „Aber schön ist es trotzdem nicht.“

„Nur noch ein paar Jahre. Dann kehren wir dieser Stadt endlich den Rücken.“ Svens Blick schweifte wieder über den Parkplatz. Er schwieg lange genug, dass ich meine Aussage überdenken und in Zweifel ziehen konnte. Würden wir wirklich gehen? fragte ich mich still. Gab es überhaupt noch ein Wir? Oder war das auch längst Geschichte? Und wohin würden wir gehen? Und was würden wir tun? Eigentlich hätte ich diese Fragen laut stellen sollen. Rückblickend hätte ich viel mehr laut aussprechen sollen. Wenn es einen Menschen gab, der mir vielleicht hätte helfen können, dann war es sicherlich Sven. Vielleicht hätte das unsere Freundschaft gerettet. „Was steht morgen bei dir an?“, fragte ich stattdessen. Sven lächelte für einen Augenblick, als würde der Gedanke an die kommende Woche ihn erfreuen. „Erst muss ich zur Frühschicht“, sagte er. „Und danach wollte ich mit meiner Freundin ein Picknick machen, und wir fahren ein paar Tage raus aufs Land, zu ihrer Familie.“ „Das klingt schön“, gab ich anerkennend zurück. „Und wie sieht es bei dir aus?“, fragte er. Ich glaubte nicht, dass es ihn wirklich interessierte. Ich glaube, dass er nur aus Höflichkeit gefragt hatte. Denn sowohl er als auch ich wussten, dass mein Leben nicht unbedingt eine Spazierfahrt aufs Land beinhaltete. „Morgen habe ich frei“, sagte ich. „Dann ein paar Spätschichten in der Brauerei. Und in drei Wochen eine Klausur.“ Sven nickte mechanisch und kommentierte es mit einem „Hm“. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Dann trank er die Dose Bier aus.

„Ich glaube, ich muss los.“ „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Möchtest du nicht noch etwas bleiben?“, fragte ich ihn. „Ich könnte dir noch eine Dose Bier aufmachen.“ Er lehnte dankend ab. „Ich muss morgen früh raus. Aber danke für das Angebot. War nett, dich mal wieder gesehen zu haben.“ Mit diesen Worten begleitete ich ihn zur Tür. Wir drückten uns zum Abschied die Hände. Dann war ich wieder allein. Sven sollte sich danach nie wieder melden. Er reagierte auf keinen meiner Anrufe, noch auf meine Nachrichten. Und irgendwann gab ich auf, es weiter zu versuchen.

In der Nacht wurde ich wach, weil ich Durst bekam. Das war nicht ungewöhnlich. Wann immer ich Alkohol zu mir nahm, konnte man die Uhr danach stellen, dass ich nachts wach wurde, um trinken zu gehen. Dabei machte es keinen Unterschied, ob ich ein Bier oder einen ganzen Kasten getrunken hatte. Ein wenig übellaunig schlurfte ich also in mein Badezimmer, um mir ein kühles Glas Kranenburger zu gönnen. Auf dem Rückweg in mein Bett blieb ich am Fenster stehen und spähte wieder durch einen Spalt in den Jalousien. Es war mehr oder weniger etwas Mechanisches, denn ich glaubte kaum, zu dieser Uhrzeit noch viel erblicken zu können. Und ja, das Wenige, was ich ohne meine Brille und bei der schummrigen Beleuchtung draußen erkennen konnte, waren nur der Parkplatz, die Betonwände und die Autos. Alles ruhig und menschenleer.

Ich trank also mein Glas aus und legte mich wieder ins Bett. Kaum hatte ich die Augen zugemacht, ertönte eine Autosirene. Das war durchaus nichts Ungewöhnliches in der Stadt. Man hörte hin und wieder nun mal ein Auto vorbeifahren oder ein Auto hupen oder ein Martinshorn. Das waren die typischen Geräusche der Stadt und ich hatte gelernt, sie zu ignorieren. So wie man es mit jedem Geräusch tut, dem man lange genug ausgesetzt ist. Doch das Piepsen wurde nicht leiser und hörte nicht auf. Es war enervierend und meine anfängliche Genervtheit schwand schnell in Wut. Ich stand also auf und wankte zum Fenster, um nachzuschauen, welcher der Nachbarn mal wieder den Wackelkontakt in seiner Alarmanlage nicht repariert hatte.

Als ich ans Fenster trat, hörte das Piepsen auf. Stattdessen sah ich durch den Spalt der Jalousie, wie eine Gestalt unter der Laterne des Parkplatzes stand und auf die Hauswand starrte. Ich konnte ohne meine Brille nicht viel erkennen, aber die Gestalt sah jetzt nicht so aus, als wäre sie gerade zu ihrem Auto gerannt, um die Alarmanlage zu überprüfen, sondern als hätte sie schon länger dort gestanden. So sehr ich meine Augen auch zusammenkniff, ich konnte nichts erkennen. Also tastete ich im dunklen Zimmer auf meinem Esstisch nach meiner Brille. Ich warf mindestens zwei leere Dosen und ein Buch auf den Boden, bis ich sie endlich gefunden hatte. Als ich die Brille nun auf der Nase hatte, war die Gestalt allerdings verschwunden. Ich maß dem keine große Bedeutung bei und legte mich wieder schlafen.

In der darauffolgenden Nacht ertönte abermals eine Autosirene. Es war allerdings ein anderer Piepton als der in der gestrigen Nacht. Diesmal hatte ich nicht geschlafen, sondern lag noch wach im Bett und beobachtete Erika. Als die Alarmanlage wieder scheinbar endlos vor sich hin piepste, ging ich zum Fenster, diesmal allerdings mit meiner Brille. Wieder stand vor dem Haus unter der Laterne eine Gestalt in dunklen Kleidern und wieder hörte das Piepsen auf, als ich ans Fenster trat.

Diesmal konnte ich mit der Brille etwas mehr erkennen, aber auch nicht sehr viel, soll heißen, die Person hätte jeder sein können. Ich konnte nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war, nur dass die Person dunkle Kleidung trug und einen Kapuzenpullover, dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen war. Es wunderte mich zwar etwas, dass jemand bei diesen Temperaturen so einen dicken Pullover tragen konnte, aber das Menschenwillen ist sein Himmelreich. Ich wollte mich gerade abwenden und zurück ins Bett gehen, als ich ein Klirren an meiner Fensterscheibe hörte. Jemand hatte einen Kieselstein gegen meine Scheibe geworfen.

Ich kann nicht drum herum, anerkennend zu pfeifen, denn die Scheibe befand sich in relativ großer Höhe und zumindest ich hätte von unten sicherlich keinen Stein so hoch werfen können. Ich schaute also abermals durch den Spalt der Jalousien nach unten. Niemand war zu sehen, außer der Gestalt unter der Laterne. Sie stand allerdings immer noch völlig reglos dort, als hätte sie sich nicht einen Zentimeter bewegt, und von dem Standort aus, an dem sie stand, konnte sie unmöglich mein Fenster getroffen haben, selbst wenn sie ein geübter Werfer wäre. Der Abstand war einfach zu weit.

Ich beobachtete die Gestalt unter der Laterne sicherlich noch für ein oder zwei Minuten, in denen sie keinerlei Reaktion zeigte und sich nicht um einen Millimeter bewegte. Ich erwog bereits, den Hausmeister anzurufen, um ihm von dem Vorfall zu berichten, als es an meiner Zimmertür klopfte. Mir entfuhr ein kleiner Schrei, und ich wirbelte herum, um zu sehen, wer mich zu dieser Uhrzeit stören wollte. Unsicher ging ich zur Tür und schaute durch den Spion. Im hell erleuchteten Flur stand ein Nachbar, der ebenfalls im Dachgeschoss lebte. Ich kannte ihn nur vom Sehen her. Er wohnte schätzungsweise seit vier oder fünf Monaten hier, aber wir hatten nie miteinander gesprochen. Ich wollte ihn eigentlich ignorieren. Was fiel ihm auch ein, zu dieser Unzeit bei mir zu klopfen? Aber als ich seinen verstörten Gesichtsausdruck bemerkte und als er abermals heftig gegen die Tür hämmerte, öffnete ich ihm.

„Kann ich reinkommen?“, fragte er, und noch ehe ich eine patzige Antwort erwidern konnte, hatte er sich an mir vorbeigeschoben und stand in meinem Zimmer. Ich war zu müde und zu perplex, um angemessen zu reagieren. „Was hat das hier alles überhaupt zu bedeuten?“, fragte ich, als ich endlich wieder in der Lage war zu sprechen. Anstatt zu antworten, ging mein aufdringlicher Besucher zum Fenster und spähte genau wie ich durch die Jalousien nach unten. Dann drehte er sich zu mir und fragte, diesmal deutlich höflicher und fast schon flehentlich, ob er sich setzen dürfe.

Eigentlich schrie alles in mir danach, ihn vor die Tür zu setzen und danach bei der Hausverwaltung eine Beschwerde einzureichen wegen nächtlicher Ruhestörung, aber der flehentliche Ton in seiner Stimme und die Verzweiflung, die in seinem Blick lag, ließen mich innehalten. Ich schloss meine Tür und bedeutete ihm, sich zu setzen. Er bedankte sich zwar, verschmähte aber den angebotenen Stuhl. Er stellte sich knapp als Matteo vor und fragte mich dann umgehend, ob ich auch eine Autoalarmanlage gehört hätte. „Ja, ich höre sie heute schon zum zweiten Mal. Gestern habe ich sie auch gehört“, erzählte ich ihm. Die seltsame Gestalt unter der Laterne und die Kieselsteine, die gegen meine Scheibe geworfen wurden, verschwieg ich allerdings.

Matteo stand auf und schaute durch die Jalousie nach unten. Auch ich stellte mich auf die andere Seite des Fensters und blickte ebenfalls nach unten. Die seltsame Gestalt unter der Laterne war verschwunden und der Parkplatz lag völlig verlassen dort. „Du wirst nun sicherlich denken, dass ich wahnsinnig wäre oder irgendwelche Drogen nehme“, hub Matteo an. „Aber ich muss dich das fragen.“ Er deutete nach unten auf den Parkplatz. „Hast du dort jemals irgendjemanden stehen sehen, wenn die Alarmanlage anging?“

Seine Frage ging mir so durch Mark und Bein, dass mir heiß und kalt zugleich wurde und ich mich setzen musste. Es war nicht die Tatsache, dass er fragte. Es war eher die Art, wie er es fragte. Denn in seiner Frage steckte pure Angst. Ich erzählte ihm von den Ereignissen der letzten zwei Nächte und auch Matteo musste sich setzen. „Wann bist du in dieses Apartment gezogen?“, fragte er mich. Ich musste ein wenig überlegen, dann sagte ich ihm: „Vor einem guten Jahr, etwas mehr als zwölf Monate.“ „Und könntest du Konstantin noch gekannt haben?“, sagte Matteo mehr zu sich selbst als zu mir. „Konstantin?“, fragte ich. „Es war ein Freund von mir“, sagte Matteo mit fahrigen Gesten. „Er lebte auch hier, allerdings im zweiten Stock. Er ist vor einigen Monaten ausgezogen und … und dann bin ich in dieses Haus gezogen.“

„Er war der Erste, der den einsamen Mann gesehen hat.“ Matteos Stimme brach ab. „Der einsame Mann?“, fragte ich. Doch Matteo riss sofort die Hände hoch und legte einen Finger an die Lippen. „Sei leise“, zischte er. „Sag seinen Namen nicht zu laut!“ Eingeschüchtert folgte ich seinem schroffen Befehl. „Konstantin erzählte mir das so“, sagte Matteo, und seine Augen wanderten nervös durch den ganzen Raum, als würde er hinter irgendeiner Ecke einen unerwünschten Zuhörer erwarten. Dabei hatte mein Zimmer überhaupt keine Ecken. „Es gab in diesem Haus einmal einen Mann, einen jungen Mann. Die Frauen mieden ihn, er hatte keine Freunde, er hatte keine Arbeit, er hatte keine Hobbys.“ Na toll, dachte ich, vielleicht wird das jetzt so eine Art Lagerfeuergeschichte, doch ich hörte weiter zu.

Matteo fuhr fort. „Dieser Mann war sehr einsam. Er sprach mit niemandem, er ging nie vor die Tür, und die Leute im Haus nannten ihn nur den einsamen Mann. Eines Tages dann wurde seine Einsamkeit zu groß, und er entschied sich, vom Dach dieses Gebäudes zu springen. Er landete unten auf dem Parkplatz, wo sein Körper zerschmettert wurde und er gegen die Autos prallte. Das löste die Alarmanlagen aus. Als die Bewohner nach außen liefen, um zu schauen, warum ihre Autos Alarm gaben, fanden sie ihn. Man sagt, dass er noch gelebt hat, als sie ihn fanden. Er hat sie mit blutunterlaufenen Augen angestarrt, und manche beschwören sogar, dass er anklagend den Finger gehoben hat und auf sie gedeutet hat. Dann ist er gestorben. Und immer wieder beschwören Leute in diesem Haus, dass sie ihn gesehen haben. Sie hörten des Nachts Alarmanlagen von Autos und sahen dann, wie er dort steht, stumm und sie beobachtet. Konstantin hat es auch gesehen, jede Nacht, ab einem gewissen Tag an.“

„Wo ist dein Freund Konstantin jetzt?“, fragte ich. Matteo ignorierte diese Frage. Stattdessen erzählte er weiter. „Konstantin hatte sich schlau gemacht, hatte mit Bewohnern gesprochen, die schon lange hier waren, mit Nachbarn, mit Leuten in der Stadt. Es gab einen Weg, wie man den einsamen Mann loswerden konnte.“ Er machte eine lange Pause, dann fuhr er fort. „Bevor der einsame Mann damals vom Dach gesprungen ist, so sagt man jedenfalls, hat er sich mit einer Nadel in den Finger gestochen und einen blutigen Fingerabdruck an der unteren Seite einer Tür im Flur hinterlassen. Es war die Tür seines Zimmernachbarn, der im Gegensatz zu ihm ein äußerst geselliges Leben führte. Es heißt, dass fortan dieser Nachbar jede Nacht von einer Autoalarmanlage, gefolgt von der Erscheinung des einsamen Mannes, geplagt wurde und dass sein Sozialleben den Bach herunterging und er schließlich ebenfalls vereinsamte. Laut Konstantin kann man den Fluch weitergeben, indem man sich ebenfalls mit einer Nadel in den Finger sticht und eine der Türen im Haus markiert. Nun ja, du kannst dir vorstellen, dass meine Freude nicht gerade groß war, als ich eines Tages Besuch von Konstantin bekam und, nachdem er wieder weg war, einen blutigen Fingerabdruck an meiner Tür vorgefunden habe.

Damals wusste ich noch nichts von dieser Geschichte. Konstantin hatte sie mir erst später erzählt und seitdem den Kontakt abgebrochen. Nun ja, seitdem sehe ich den Mann jede Nacht.“ „Aber ich sehe ihn doch jetzt auch“, sagte ich. Matteo gab keine Antwort, sondern sah starr aus dem Fenster. „Vermutlich hat er sich schon ein neues Opfer gesucht, denn ich werde in zwei Tagen ausziehen“, erklärte er mir dann. „Ich halte es einfach nicht mehr aus, jede Nacht um den Schlaf gebracht zu werden.“ „Das ist verständlich“, meinte ich. „Jedenfalls wollte ich dir nur gesagt haben, wie du ihn loswerden kannst.“ Er stellte sich an zu gehen. „Entschuldige die Störung und eine gute Nacht dir.“

Ehe ich etwas erwidern konnte, hatte er mein Zimmer wieder verlassen. Die halbe Nacht saß ich noch am Tisch und grübelte über das, was ich gerade erfahren hatte, nach. Es klang völlig wahnwitzig, aber andererseits hatte ich den Mann auch gesehen. Am nächsten Morgen wollte ich zu Matteo gehen, um noch einmal mit ihm über die Ereignisse von letzter Nacht zu sprechen. Da ich ihn schon öfter im Flur gesehen hatte, wusste ich, welches sein Zimmer war. Ich klopfte lautstark an, doch niemand öffnete. Als ich gerade ein zweites Mal klopfen wollte, kam aus dem Treppenhaus eine Dame aus der Verwaltung. Sie fragte mich, ob ich zu Matteo wolle. Als ich bejahte, lächelte sie nur milde und erklärte mir, dass ich wohl etwas zu spät dran sei. Denn Matteo sei heute Morgen bereits ausgezogen. Er konnte es wohl nicht abwarten, dachte ich mir, als ich zurück zu meinem Zimmer ging.

Ich wollte gerade die Tür öffnen, als ich in der unteren linken Ecke der weißen Eingangstür einen kleinen roten Abdruck sah. Als ich mich herunterbeugte, um zu sehen, was es war, erstarrte ich. Es war ein winziger Abdruck eines Fingers. Blut, das sich bereits an den Rändern dunkelbraun verfärbte. Und just in demselben Augenblick, da ich den Fingerabdruck sah, hörte ich nur wenige Zentimeter hinter mir vom anderen Ende des Hausflures eine Alarmanlage eines Autos.

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Autor: Benutzer:Kurator MGR

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